Die 58 Fenster hat sich eingeschissen

„Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, Herr Diehl, willkommen an Bord!“ Der Flugbegleiter – Ronald steht auf dem Schildchen – hat sich auf Augenhöhe mit mir gebracht. – „Guten Abend, Ronald, danke schön!“. – „Was halten Sie von einem Gläschen Champagner zum Anfang?“ In der Economy-Class würde einem die sofort fällige Kartenzahlung von mindestens zwölf Euro unverzüglich den Spaß am Gläschen Champagner vergällen. Der vorgebliche Edelperlwein wäre zudem wahrscheinlich eher ein Schaumwein aus der Billigzeile von Rewe. Das hier ist Business und Ronald konnte sich Namen und vermutliche Muttersprache seiner acht Schützlinge bis Windhoek problemlos einprägen. Ein Ding der Unmöglichkeit in Economy. Hundert Mal Guten Tag auf Augenhöhe pro Flug würde Knieschäden des Personals schnell zur anerkannten Berufskrankheit machen. Ganz abgesehen von der Unwirtschaftlichkeit. Kaum ein Economy-Passagier würde auf den Guten-Tag-Trick für ein Gläschen was auch immer hereinfallen. In Business sind Ronalds freundliche Zuwendung und der Champagner natürlich schon bezahlt. Setzt trotzdem eine stabile Berufsethik voraus. Ist mir leider nur einmal passiert in diesem Leben.

In der Fachklinik für Wirbelsäulenchirurgie in Vorortlage von Marseille rücken berufsethische Erwägungen im Berufsalltag gelegentlich in den Hintergrund.

Rémy Noudel, Docteur Rémy Noudel ist Neurochirurg und hat gute Kritiken im Internet, bietet mir vor allem einen OP-Termin an fast ohne Wartezeit, zwei Tage nach meinem Geburtstag, bei anderen Spezialisten ähnlichen Renommees hätte ich bis Mitte Juli oder Anfang September warten müssen. Außerdem ist das Hôpital privé de Clairval im Süden von Marseille ein auf Wirbelsäulenchirurgie spezialisiertes Zentrum mit fachlich gutem Ruf. Wird schon gut gehen. Docteur Noudel sagt da hilft nur Chirurgie L4/L5 und L3/L4, vielleicht sogar L2/L3. OP-Termin am nächsten Tag, Freitag, 19. Juni am späten Nachmittag. Das Angebot kann ich nur dankend annehmen. Ich habe genug von diesen ewigen Schmerzen.

Samstag, Tag 1 postoperativ.

Die Nacht war gut. Licht aus um elf mit einer schönen Tablette Zopiclone, aufgewacht um halb sieben. Macht fast acht Stunden, hatte ich schon lange nicht mehr. Kaffee von der Nachtschwester. Schwesternkaffee ist immer besser als Kantinenkaffee. Als guter Patient folge ich den Anweisungen des Physiotherapeuten, stehe nicht auf und nehme die Pinkelpistole. Aber das Pinkeln auf der Bettkante gefällt meinem Rücken immer noch nicht, Schmerz mit Ausstrahlung in den Oberschenkel. Die erhoffte Wunderheilung hat definitiv nicht stattgefunden. –

Montag, Tag 3

Der Chirurg hat seinen Auftritt um 8. Er hatte das ganze Wochenende Rufbereitschaft. Allein das würde seine eher reservierte Ausstrahlung erklären. Vielleicht, bestimmt, hat er auf dem Weg zu meinem Zimmer die Schwester schon gefragt wie geht’s ihm denn, dem Deutschen auf 358 Fenster. Die Tatsache, dass der Physiotherapeut gestern Nachmittag nicht mehr aufgetaucht ist – macht ohnehin keinen Sinn –, und mein Schmerzmittelkonsum (eigentlich sollte auch der Wundschmerz ab Tag 2 so gut wie weg sein) sind klare Indikatoren, dass da was nicht stimmt. Und sind seiner Montagmorgen-Aura nicht zuträglich.

Er lässt mich aufstehen und ich versuche mich aufzurichten. Geht nicht, Schmerz, genauso wie zuvor. Mehr Menschenähnlichkeit als Lucy vor knapp vier Millionen Jahren geht immer noch nicht, geschweige denn auch nur ein Schritt. Er wartet gar nicht ab, bis ich wieder sitze, wahrscheinlich denkt er merde, das versaut mir die ganze Woche, rauscht ab mit der Schwester im Windschatten, IRM aujourd’hui, pas de sortie – MRT, der bleibt hier – höre ich noch, schon nicht mehr an mich gerichtet, mein Status ist soeben von Kollege als Patient, Doktor, zwar nicht mehr praktizierend und ohnehin nur einer dieser ewig quertreibenden Anästhesisten, abgerutscht auf Durchschnittspatient ohne VIP-Bonus. Hätte ich mir wenigstens Mühe gegeben beim Aufstehen, ein bisschen mehr aufrechter Gang hätte ja schon sein dürfen, da hätte der Physiotherapeut noch was rausholen können, aber so, nein, da war gar nichts mehr zu wollen, MRT, neuer OP-Termin an des Doktors nächstem OP-Tag, Freitag, in einer Woche eben. Das heißt, ich werde eine Woche hier abhängen! Beileibe nicht meine erste Wahl!

Mir ist nach Weinen für den Rest des Tages.

Pleure un bon coup, schreibt mein Freund Hieu, ça n’arrange rien mais ça soulage – Heul dich ruhig mal richtig aus – das ändert zwar nichts, aber es erleichtert.

Liebe Meike!

Vor gut drei Monaten, ziemlich plötzlich, aber ohne äußeren Anlass, an den ich mich erinnern könnte, hatte ich starke Schmerzen in der linken Hüfte. Echographie und Röntgenaufnahmen von Hüftgelenk und Becken unauffällig. An der Hüfte selbst liegt’s offensichtlich nicht. Wahrscheinlich doch ein Bandscheibenproblem. Meine Wirbelsäule, das weiß ich schon länger, ist eine einzige Katastrophe von oben bis unten. Von zervikal bis lumbal überall irgendwelche Bandscheibenphänomene, Vorfälle, Verknöcherungen, Verengungen des Spinalkanals. War eine Frage der Zeit, bis da was kommen würde. Wird schon von selbst weggehen, hoffte ich trotzdem, wie so viele von diesen Schmerzen, die anscheinend zum Alter gehören. Wenn du eines Tages keine Schmerzen mehr haben solltest, weißt du, dass du tot bist.

Meine Sitzungen mit Alizée, der Physiotherapeutin, Durchkneten von Rücken bis Oberschenkel halfen am Anfang noch ein bisschen, Besserung über ein paar Stunden, aber insgesamt wurde es immer schwieriger. Akupunktur von Waltraud in Bayern war gut für einen Nachmittag, ein Osteopath knetete mich über die Maßen durch auf der Suche nach maximaler Muskelentspannung. Ab da konnte ich mich außerhalb des Hauses nur noch im Rollstuhl bewegen lassen. Aufrechter Gang maximal in einer Version wie der der bereits erwähnten Lucy vor knapp vier Millionen Jahren in Afrika, wenn überhaupt.

„Bonjour, Monsieur Diehl, comment allez-vous?“ – Sévérine ist ASH in Ausbildung und hat noch viel zu lernen. Deswegen wird sie bei Patientenrufen von ihren hierarchisch vorgesetzten Kolleginnen, IDEs, gerne vorgeschickt. Das hilft, ihr Anfängerfehler abzugewöhnen. Gestern hatte ich um Hilfe geklingelt, weil sich meine Tasse Kaffee durch ein Ungeschick in mein Bett ergossen hatte. Sévérine klopfte an die Tür, grüßte und trat mit einem Lächeln ein, erfasste im Näherkommen das Ausmaß des Missgeschicks und wiegelte mein Bedauern ab. „Ça peut arriver à tout le monde“. Drei Minuten später war mein Bett wie neu.

Tag 2 postoperativ. Wahnsinnig langweilig. Strikte Bettruhe. Aufstehen nur auf die Toilette und zum Duschen. Meine Frau verbringt viel Zeit hier, die Tochter ist auch mal dabei. Je t’aime, Papa, sagt sie. Klingt ein bisschen wie je t’aime, auch wenn das nichts mehr wird.

Die Tage ähneln sich. Frühstück, Mittag, Abend. Zum Frühstück ein knapper Becher Kaffee, immerhin erstaunlich gut, zum briefmarkengroßen Brötchen, sonntags Croissant, ein Stück Butter und immer Aprikosenmarmelade. Warum nicht auch mal Rührei mit Bacon? Zu Mittag oft Fisch, abends auch was Warmes, gefüllte Tomaten, Zucchini

Wenn meine Frau nicht da ist, bleibt manchmal die Tür zum Flur auf. Macht ein bisschen Abkühlung durch den Luftzug, woanders knallen Türen, klingen Stimmen, mal leise, mal lauter. Auch Schwestern streiten sich.

Sévérine hat im Rahmen ihres kurzen Auftritts tatsächlich eine ganze Reihe Fehler, Anfängerfehler, begangen. Schwer zu bestimmen, ob sie deswegen umgehend auf eine andere Station versetzt wurde. Fortgeschrittenes, erfahrenes Pflegepersonal weiß zum Beispiel, dass schon ein „Oui, qu’est-ce que je peux faire pour vous?“ eine völlig unhaltbare, deplatzierte Luxusversion wäre. Ansätze von Fraternisierung mit Patienten haben im modernen medizinischen Pflegebetrieb keinen Platz. Ein einfaches „Oui?“ reicht völlig oder, noch besser, „Quoi?“, weil es das Was-kann-ich-für-Sie-tun ganz elegant schon einschließt. Und, hart genug gebellt, die Dimension zu erwartender Extrawünsche klein hält. Wie auch immer sollte die Schwelle ins Krankenzimmer unter klar definierten Umständen überschritten werden, weil Patienten, wenn sie ihre Wünsche nicht mehr rufen müssen, sondern in normaler Tonlage vorbringen können, schnell geradezu übergriffig zu werden drohen. Zudem ist zu beachten, dass Pflegepersonal eine Basis-Laufleistung von gut fünfzehntausend Schritten arbeitstäglich aufbringt. Weitere acht Schritte pro Ruf eines Türpatienten bis achtzehn beim Fensterpatienten sprengen den Rahmen des Zumutbaren ganz klar.

Nach-OP eine Woche nach dem Erstversuch, wieder unter Spinalanästhesie. Der Anästhesist kommt immerhin am Vorabend vorbei, macht sich ein paar Notizen auf einen kleinen Zettel, was aber gibt es da schon zu notieren, Allergien, Parkinson, die Anästhesie wird wieder eine Rückenmarksnarkose sein. Finde ich ziemlich mutig, man weiß ja nie, wie lange so ein Chirurg braucht. Ganz plötzlich ist irgendwas ganz kompliziert, ganz unerwartet ganz kompliziert und dauert viel länger. Offenbar kennen die Kollegen Doktor Noudel gut – er hält sich an seine Zeitvorgaben, ohne dass ganz unerwartet ganz Kompliziertes dazwischenkommt.

Am nächsten Morgen ist es soweit. Ich darf aufstehen. Und kann gerade stehen. Tränen in den Augen, Tränen laufen mir über die Wangen. Tout va bien, sagt die Physiotherapeutin, vous l’avez mérité – alles ist gut, Sie haben’s verdient.

Später tut der Doktor so, als sei das selbstverständlich. Entlassung Sonntagnachmittag oder Montagmorgen. Liegendtransport. Danach drei Wochen Autoverbot, sowohl als Fahrer als auch als Mitfahrer. Chirurgen verstehen ihre Eingriffe gerne als so wunderbare wie auch fragile Kunstwerke. Und müssen zum Erhalt des Operationserfolgs auf das Verständnis oft ignoranter Patienten hoffen. –

Im Stationsbetrieb überflüssig sind außerdem Floskeln wie bonjour oder comment allez-vous und der Name des Patienten. Wozu haben die Zimmer denn sonst Nummern? Sie erlauben dem Personal im Medizinbetrieb die diskriminierungsfreie Zusammenfassung von Sachverhalten beim Ruf um Hilfe über den Stationsflur. „La 58 fenêtre s’est chié dessus“ – die 58 Fenster hat sich eingeschissen! – Berufsethische Fragen stellen sich im gegebenen Moment weniger.

Ronald bewegt sich da mit seinem Gläschen Champagner als Angebotsoption berufsethisch natürlich in einer anderen Klasse.

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