Frédéric

Frédéric ist der Neurologe. Der Neurologe. Die Parkinson-Koryphäe der Region. Er gilt zumindest als Parkinson-Koryphäe. Gibt halt keinen anderen Neurologen in der Nähe. Termin Dienstag abends um halb sieben. Stau auf der Autobahn, wahrscheinlich der Tunnel zu. Der Tunnel schließt gerne mal zur Rush hour. Ich nahm Schleichwege und schickte ihm eine kurze sms. Bouchons, retard de 5 minutes, désolé. Stau, 5 Minuten Verspätung, tut mir leid. Was man eben so kurz gefasst schreiben kann mit der anderen Hand am Lenkrad. Eigentlich unverantwortlich, Telefon am Steuer, ich weiß. Ich lasse nur sehr ungern jemanden warten. Schon gleich gar nicht die Koryphäe. Es waren tatsächlich kaum mehr als fünf Minuten, zählt in diesen Breiten eigentlich nicht  als ernsthafte Verspätung. 18:37 Uhr gilt noch als pünktlich. Im Wartezimmer noch ein älterer Herr, na ja, was heißt schon älter, ein bisschen grauer eben, die Alten denken ja immer, die anderen Alten seien noch älter als sie selbst. Der ältere Herr trug eine Halsmanschette. Ich weiß nicht, ob das wirklich so heißt, so ein Ding eben, was sie einem verpassen bei Schleudertrauma, nach Auffahrunfall meistens. Deren Nutzen ist, nebenbei bemerkt, stark umstritten, geradezu zweifelhaft. Die Manschette führt zu einer Schwächung der Halsmuskulatur, die ja gerade gebraucht würde zur Stabilisierung beim Schleudertrauma. Der ältere Herr – excusez-moi, vous avez rendez-vous pour quelle heure? – hatte einen Termin um 19 Uhr. Erstaunlich, fand ich noch, eine halbe Stunde vor der Zeit. Überpünktlich. Würde mir im Traum nicht einfallen. Der arme Kerl würde mich auch noch abwarten müssen mit meinem Termin vor seinem.

Viertel nach sieben endlich verabschiedete Frédéric den Vorpatienten und kam ins Wartezimmer. Es täte ihm leid, aber mein Rendezvous wäre doch gestern gewesen, könnte natürlich auch sein, dass sich sein Sekretariat getäuscht hätte, wie auch immer, er nähme mich danach noch, quand même, trotzdem, sagte er. Sagte er, lächelte sein Lächeln aus seinen ungepflegten Zähnen. Was heißt hier trotzdem, dachte ich mir. Trotz was? Trotz Insuffizienz seines Sekretariats? Will ich denn überhaupt noch genommen werden, danach? Ich wollte meinem Unmut in aller Klarheit Ausdruck verleihen, da hatte er mir jedoch schon den Rücken gekehrt und verschwand mit dem grauhaarigen Schleudertrauma.

Scheisse, dachte ich, und ärgerte mich über meine mangelnde Schlagfertigkeit. Wirklich schade, wollte ich gesagt haben, ich warte quand même, immerhin, schon eine geschlagene halbe Stunde, ich habe nicht so viel Zeit, dann mache ich eben einen neuen Termin. Scheisse, schrie ich im leeren Wartezimmer das klägliche Wartezimmergrün in der Ecke an, tigerte um den Plastiktisch mit abgegeriffenen Magazinen, – Géo, Le Figaro – und versuchte mich zu beruhigen. War ja eh zu spät, aufregen bringt nichts, Aufregung macht mir ein diskretes Zittern in den linken Arm. Trotzdem: Scheisse!

Ich hatte mich auf einen gemütlichen Fernsehabend mit den Kindern und ihrer Mutter gefreut. Abendessen devant la télé, vor der Glotze. Auch sehr umstritten, ich weiß, geradezu zweifelhaft. Beinahe unverantwortlich. Egal. Erziehung soll andererseits nicht immer nur unangenehm sein. Immerhin hatten sie sämtliche Hausaufgaben für die nächsten Tage erledigt. Sogar die Englischvokabeln. Wir wollten den dritten Teil von „Divergente“ gucken, so ein Science-fiction-Spektakel. Früh genug wollten wir uns vor der Glotze einfinden, weil am nächsten Tag ja Schule war. – Fangt schon mal an, das dauert hier noch. Frédéric nimmt sich eine gute halbe Stunde pro Patienten. Gut die Hälfte der Zeit geht allerdings in die Dokumentation. Alles muss aufgeschrieben werden. Mit zwei Fingern und ohne Sekretärin ist das mühselig. Das hier würde also noch mindestens eine Stunde dauern, vor halb neun käme ich nicht wieder raus.

Das Arzt-Patient-Verhältnis ist, glaube ich, in Frankreich bestimmt mehr als in Deutschland von Überheblichkeit, Herablassung und Missachtung geprägt. Der Patient wird im allgemeinen geduzt und als störend empfunden. Der Patient soll dankbar sein, überhaupt gehört zu werden. Zwei Stunden Wartezeit zur Einstimmung sind dabei durchaus angemessen. Frédéric duzt mich zwar nicht, immerhin bin ich Kollege, kann sich aber meinen Namen nicht merken und nennt mich in seinen Unterlagen hartnäckig Bertrand. Und das H im Familiennamen findet seinen Platz immer wieder woanders. Kann er nicht besser. Will er wahrscheinlich nicht. Egal eben irgendwie. Als Patient ist man eben oft egal irgendwie. Frédéric zeigt sich ausgesprochen unzufrieden angesichts der Tatsache, dass ich seinem ergänzenden Therapievorschlag nicht folgen wollte seit unserem letzten Rendezvous. Immerhin bin ich der Patient und er der Arzt. Der Patient hat den Anweisungen des Arztes Folge zu leisten. Zudem hatte er damals schon, nachdem er keine wirklich griffigen medizinischen Argumente präsentieren konnte, zu allerlei rhethorischen Tricks gegriffen. Ich solle mich doch nicht doppelt bestrafen. Erst die Krankheit und dann auch noch Therapieverweigerung. Blödsinn. Hat er mich jemals gefragt, wie ich mit der Krankheit lebe? Ob ich sie als Strafe empfinde? Unterstellt er einfach so. Woher hat er so einen Unsinn? Küchentischpsychologie. Nehme ich ihm immer noch übel. Seine strenge Unzufriedenheit beeindruckt mich nicht weiter. Er macht einen verzweifelten Gesichtsausdruck. Aber warum denn nicht noch ein Medikament, bon sang, meine Güte! – Ganz einfach, ich spüre keine ernsthafte Verschlechterung und somit keinen Grund, mehr Pillen zu essen.

Und, vor allem, habe ich kein Interesse, ohne Verschlechterung alle diese Nebenwirkungen seines neuen Medikaments in Kauf zu nehmen. Ein buntes Sammelsurium massiver Phänomene. Allergie, Übelkeit, Verstopfung, Durchfall, das Übliche eben. Dazu Gedächtnisstörungen, Herzschwäche, Gewichtszunahme, Wahnvorstellungen. So Sachen. Immerhin! Okay, wenn man Beipackzetteln und dem Internet wahllos Glauben schenkt, macht jedes Mediakment noch kränker. Weiß ich. wikipedia.de als halbwegs seriöse Quelle schreibt: „Aufgrund des Auftretens möglicher ‚Schlafattacken‘, ist das Führen eines Kfz … zu unterlassen“. Narkolepsie. Betrifft immerhin 14%. Dürfte ich dann noch ruhigen Gewissens meine Kinder von der Schule abholen? Überhaupt Auto fahren? „Häufig ist das Auftreten von Impulskontrollstörungen“. Kaufrausch, Spielsucht, Hypersexualität. Super. Darauf hatte Frédéric mich schon beim letzten Mal hingewiesen. Und seinen Hinweis Buchstaben für Buchstaben in seine Dokumentation getippt.

Das hat nichts mit Empathie für seine Patienten zu tun. Wahrscheinlich hat er Angst um sich selbst. Vermutlich gab es in irgendeiner Fachzeitschrift mal einen Fallbericht aus den USA. Jim H. Brown in Springfied, Ohio, hatte seiner Tochter ein Rennpferd gekauft, vier Cadillacs bestellt und Amazon halb leer gekauft. Sein Anwalt konnte dem Neurologen Schadensersatz in Höhe von 3,1 Millionen Dollar abpressen wegen lückenhafter Aufklärung. 3,1 Millionen! Soweit sind wir in Frankreich noch nicht, aber man sollte schon aufpassen. Und neulich auf dem Kongress in Toulouse die Anekdote von Gérard S., der sich eine ergiebige Tour durch sämtliche Sexshops des Départements gegönnt hatte, sich die Suite impériale buchte im 5-Sterne-Hotel und ein ganzes Rudel Damen bestellte. Dann, als es losgehen sollte, allerdings einem Herzinfarkt erlag. Hahaha. Die Angehörigen ahnten nichts von einem möglichen Zusammenhang mit der kürzlich angesetzten Therapie. Ouff. Aber Achtung, liebe Kollegen! Nicht alle Angehörigen sind so unbedarft. Klären Sie auf und dokumentieren Sie. Die Dokumentation ist das wichtigste.

Ich musste mir wieder einen langen Monolog über den Pathomechanismus meiner Krankheit anhören, es ist immer der gleiche Text, es geht um den Dopaminmangel, den fortschreitenden Dopaminmangel und verschiedene therapeutische Ansätze. Dieser Vortrag ist immer der gleiche, hat er sich wohl schon vor Jahren zugelegt, kriegt wahrscheinlich jeder zu hören, ob er will oder nicht, ob er wie ich davon auch schon mal im Studium geört hat oder nicht. Frédéric lässt sich nicht unterbrechen, fährt unbeirrt fort im Text, legt bei Zwischenfragen ein bisschen Lautstärke zu. Unbeirrbar. Ich bin der Doktor und du der Patient. Der Patient hört geduldig zu. Man kann nur abwarten, bis es vorbei ist.

Aus abrechnungstechnischen Gründen darf die körperliche Untersuchung natürlich nicht fehlen. Die wiederum hält Frédéric sehr knapp, striktes Minimum. Ich darf zwei Mal auf- und abgehen in seinem großzügigen Altbaubüro zur Beurteilung meines Gangbilds und ob der Arm noch mitschwingt. Sein Büro dient gleichzeitig als Lagerraum für allerlei ausgediente häusliche Utensilien, ein Bügelbrett zum Beispiel lehnt hinten links an der Wand und ein paar Kartons türmen sich – cuisine, salon, chambre, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Frédéric ist Scheidungs-Single, kein Wunder. Wir üben aktive und passive Bewegung. Zahnradphänomen links. Wussten wir schon, wird nicht besser mit der Zeit. Rotation im Unterarm wie zum Glühbirnenschrauben. Nicht so gut links. Nicht schlechter allerdings als vor bald zwei Jahren schon. Nicht viel schlechter zumindest. Nicht so, dass es mich stören würde. Wie häufig habe ich schon Glühbirnen zu wechseln? Mit links? Um seiner Untersuchung einen wissenschaftlichen Touch zu geben, spricht er von Scores. Die Motorik betreffend habe ich einen Score von zwei. Zwei von wieviel, fragte ich. Zwei von vier. Mediziner lieben Scores. Wir haben in der Anästhesie auch eine ganze Menge davon. Zu irgendwas müssen ja all die Professoren und ihre Doktoranden gut sein. Und? Was heißt das? Unverändert, musste er zugeben. Warum also noch ein Medikament, fragte ich. Ich würde mich melden, wenn mir danach wäre.

Schließlich, endlich im Aufbruch begriffen, wir hatten schon über das nächste Mal geredet, in sechs Monaten und ich würde dann einen Termin mit seinem Sekretariat finden, fing er doch wieder an. Wenn ich das Sifrol nicht nehmen wollte, könnte es ja auch ein anderer Wirkstoff sein. Welch erstaunliches Ansinnen! Geht es nur darum, mit einer Schachtel mehr nach Hause zu gehen? Ist es denn so egal, was ich da esse? Wollen wir es vielleicht mal mit Aspirin, Vitamin C oder Homöopathie versuchen?

Hilft bestimmt auch. Ganz bestimmt.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

 

Meilleurs vœux

Freitag

Hierzulande, wo sich die Menschen etwas extrovertierter geben, mediterraner eben, wünscht man sich zum Jahreswechsel nicht nur pauschal alles Gute oder ein Schönes Neues. Die besten Wünsche – meilleurs vœux – werden gerne noch in allerlei Details präzisiert: Glück, Zufriedenheit, Geld, Kindersegen zum Beispiel. Erst die Wünsche, dann die Küsse. Kolleginnen und Kollegen, Schwestern, Pfleger, Hebammen, die Telefonistin, Hilfspflegerinnen, alle. Sogar die Oberschwester und Damen aus der Verwaltung. Damen, die mir völlig unbekannt sind, die sich sonst vermutlich hinter Türen der Teppichbodenflure verstecken. Sieht man ganz selten. Verwaltung eben. Sagen mir wegen meines Kittels Bonjour. Und, des kürzlichen Jahreswechsles wegen, bonne année. Denken sich, das muss einer der Doktoren sein, den sie verwalten. Werden umgehend geküßt. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Sermon zum neuen Jahr muss, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jahren, noch nicht wirklich dahinter gekommen, ob dieses Ritual bestimmten Regeln folgt, es muss aber mit der Gesundheit enden. Man kann den Lottogewinn anbringen, ein neues Auto, Erfüllung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Surtout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuversicht und Herz in die Augen gucken. Mit manchen Schwestern und Hebammen ist das nett. Das Wünschen und die terminalen Küßchen links, rechts, mit dezentem Anfassen. Oberarm, Unterarm, Taille. Wo’s gerade passt. Nett, insbesondere, wenn die Augen nett gucken. Ganz dicht ran, Wange an Wange, einatmen, riecht oft gut, Küsschen.

Kollateral muss man auch manche Männer küssen. Bernard. Chef der Viszeralchirurgen. Noch-Chef. Geht dieses Jahr in Rente. Bernard ist leider meist unrasiert. Ungewaschen. Sein Bad zu Weihnachten ist auch schon einen guten Monat alt. Okay, ich übertreibe etwas. Massiver Zahnstein aber, Essenreste. Olfaktives Feuerwerk. Um es mal positiv auszudrücken. Ich habe mir für dieses Jahr eine positive Ausstrahlung vorgenommen, übrigens. Aktive Positivierung. Am liebsten begrüße ich ihn normalerweise von einem zum anderen Flurende. Nur zum Geburtstag und wenn es sich durch unglückliche zeitlich-räumliche Konstellationen gar nicht vermeiden lässt, geben wir uns die Hand, seine ist so eine kraftlos-schwammig-weiche. Die sich zudem noch irgendwie klamm anfühlt. Manchmal erwischt er mich in meinem Büro, um mir weitschweifig von irgendwelchen unglaublich interessanten Fällen auf seiner Station zu erzählen und meine Meinung dazu zu hören. Versteckte Blindärme, entzündete Divertikel, versoffene Bauchspeicheldrüsen. Meine Meinung entspricht meistens seiner, einfach weil er so aus dem Mund und überhaupt nicht gut riecht. Schwierig nur, wenn er mir mehrere Meinungen anbietet und jede einzelne hinsichtlich ihrer anästhesiologischen Relevanz diskutiert haben möchte. Aber er ist eben der Chef. Vor Jahren mußte er mich zudem als Chef der Commission médicale d’Établissement zum Beamten wählen. Hat er trotz anfänglicher Bedenken gemacht. Dafür bin ich ihm dankbar. Und er ist älter als ich. Alter wird respektiert. Er duzt mich, ich sieze ihn.

An seinem ersten Arbeitstag im neuen Jahr erwischt er mich kalt. Auf dem Flur seiner Station laufe ich ihm geradewegs in die Arme. Er nimmt die Brille ab. Das ist das Zeichen. Wenn ich die Brille abnehme, weiss auch die Telefonistin, dass sie jetzt geküsst werden wird. Und gerät ins Stottern. Sowas! Wird sogar ein bisschen rot. Nehme ich auch persönlich. Positiv persönlich. Bernard hat also die Brille abgenommen. Muss ich also durch mit den Küssen. Definitiv. Es gibt außer Küssen keinen Grund, mitten auf dem Stationsflur die Brille abzunehmen. Küsschen mit Bernard treiben mir die Tränen in die Augen. Das olfaktive Feuerwerk. Aus unmittelbarer Nähe ein Potential wie Ammoniak. Meine Tränen nimmt er sicher persönlich. Positiv persönlich offenbar. Dafür gleich nochmal. Ich habe ihn schon letztes Jahr geküsst. Und das vorvorletzte. In all den Jahren vor und nach meiner Wahl zum Beamten. Wahrscheinlich erinnert er sich daran. Dieses wird das letzte Mal gewesen sein.

Céline, die Stationsschwester, macht den Neues-Jahr-Zauber mit Bernard trotz bekannter Letztmaligkeit ohne Anfassen und ohne Küssen. Das ist mutig. Geht eigentlich nicht. Bernard ist immerhin der Chef. Und hat die Brille abgenommen, mitten auf dem Flur, sich leicht vorgebeugt. Die Lippen zum Küßchen gespitzt. Mutig von Céline, aber verständlich. Vermutlich der Essensreste wegen. Oder sie hat von seiner Ammokinak-Aura schon bei der Übergabe gehört. Lässt sogar die Gesundheit aus. Hat zufällig gerade beide Hände voll. Ganz zufällig. 28 Fenster geht’s nicht so gut, nuschelt sie schnell. Und der arme Bernard bleibt ohne Brille kurzsichtig stehen. Tut er mir fast leid.

Montag. Dienst.

Meine Runde über die Stationen habe ich hinter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereifter Blinddarm von Bernard in der Notaufnahme. Ich langweile mich. Abstecher in den Kreißsaal. Keine Erstgebärende im Kreisssaal, die nach einem Periduralkatheter schreit. Nadja, Laetitia und Philippe langweilen sich auch. Philippe? Wir haben ziemlich viele Männer bei den Hebammen. Philippe, Sébastien, Wilfried und Jérôme. Beruf: Maïeuticien. Der Begriff für die männliche Hebamme. Seit ein paar Jahren Teil meines aktiven Wortschatzes. Ich habe zusätzlich bei wikipedia nachgelesen. Entbindungspfleger heißen sie in Deutschland. Hebamme in Österreich auch die männlichen Vertreter. 2013 keine männliche Hebamme in Österreich. Drei in ganz Deutschland. Wir haben vier. An meiner Provinzklitsche! Darunter Philippe. Dicklicher Gesichtshaarträger. Vollbart. Kopftuchfrauen sollen sich mal nicht so anstellen. Wird ihnen und ihren Männern gleich bei der Aufnahme verkündet. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Liberté und Égalité. Vielleicht passt das sogar zur Fraternité. Finde ich persönlich auch ziemlich grenzwertig. Während meiner Karriere damals, Ende des letzten Jahrtausends in katholischen Krankenhäusern im östlichen Westfalen, waren männliche Hebammen kategorisch undenkbar. Philippe jedenfalls mag ich nicht so. Nicht wegen des Übergewichts oder der Gesichtsbehaarung. Vielleicht ein Vorurteil. Philippe war mal in Indien für ein paar Monate Auszeit. Ich hatte gehofft, er würde einfach dort bleiben und in langfristiger Suche nach Erleuchtung verharren. Und dann war er doch wieder da. Ohne Erleuchtung, wie mir scheint. Wird nicht geküsst. Es gibt Grenzen.

Und Serge. Serge lasse auch ich aus mit dem Küssen. Schönes Neues, beste Wünsche, gute Gesundheit. Die Kurzfassung. Serge ist Pritschenschieber. Hat nur Ficken im Kopf. Ficken ist nicht meine Wortwahl, ist Bestandteil seines aktiven Sprachwortschatzes in Deutsch. Serge war vor Jahren mit seiner Collège-Klasse auf Austausch in Mannheim. Ischlibbedisch hat er außerdem gelernt und willsdumimmirschlaffän. Das ist Serge pur. Allerdings kann Serge dazu auch Politik. Fragt mich immer, wann ich Angela zum letzten Mal so richtig rangenommen hätte. Findet er rasend originell. Ein Joke, der mit zunehmendem Alter an Würze zu gewinnen scheint. Basalfranzose. Tut so, als hätte er schon alle gehabt im Centre hospitalier und in der Stadt dazu. Und ich nur Angela. Vermutlich. Aber immerhin. Er dafür alle anderen, die halbwegs was hermachen. Angela und ich lassen uns andererseits nicht erwischen, sage ich dann. Nicht so, wie Serges unglücklicher Präsident [damals François Hollande]. Der sich mit einer Schauspielerin auf dem Mofa fotografieren lässt. Abends. Croissants vom Bodyguard zum Frühstück. Wieder Fotos. Serge findet das cool.

Dafür Laetitia. Laetitia küsse ich gerne. Sie sieht aus, als wäre sie mal Model gewesen. Guckt auch sehr nett. Ich nehme das persönlich. Obwohl sie vermutlich jeden nett anguckt. Trägt etwas zuviel von zu billigem Parfum auf. Egal. Sie hat ein Haus gekauft mit ihrem Mann letztes Jahr, nicht weit vom Meer, Weihnachten war diesmal etwas knapper im Budget wohl. Egal. Ein gutes neues Jahr! Die besten Wünsche! Und – vor allem – Gesundheit! Santé!

Bonne année!

Modifizierter Vorschlag von für die Januar-Ausgabe 2016 des Riviera-Magazins. Um im Rahmen von 3.500 Zeichen zu bleiben:

Hierzulande, wo sich die Menschen etwas extrovertierter geben, mediterraner eben, wünscht man sich zum Jahreswechsel nicht nur pauschal alles Gute oder ein Schönes Neues. Die besten Wünsche – meilleurs vœux – werden gerne noch in allerlei Details präzisiert: Glück, Zufriedenheit, Geld, Kindersegen zum Beispiel. Wünsche und Küsse. Kolleginnen und Kollegen, Schwestern, Pfleger, Hebammen, die Telefonistin, Hilfspflegerinnen, alle werden bewünscht und geküsst. Sogar die Oberschwester und Damen aus der Verwaltung. Damen, die ich nur vom Sehen kenne, die sich sonst hinter Türen der Teppichbodenflure verstecken. Sieht man ganz selten. Verwaltung eben. Sagen mir wegen meines Kittels Bonjour. Denken sich, das muß einer der Doktoren sein, den sie verwalten. In Zivilkleidung würden sie mich maximal für einen Patienten halten. Wünschen mir auch, des kürzlichen Jahreswechsles wegen, bonne année. Werden umgehend geküsst. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Text zum neuen Jahr muß, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jahren, noch nicht wirklich dahinter gekommen, ob dieses Ritual bestimmten Regeln folgt, es muß aber mit der Gesundheit enden. Man kann den Lottogewinn anbringen, ein neues Auto, Erfüllung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Surtout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuversicht und Herz in die Augen gucken. Mit manchen Schwestern und Hebammen ist das nett. Das Wünschen und die Küßchen links, rechts. Vor allem, wenn sie nett gucken. Zum neuen Jahr gucken sie fast alle nett. Später gibt sich das wieder. Ganz dicht ran, Wange an Wange, riecht oft gut, Küßchen.

Kollateral muß man auch manche Männer küssen. Xavier. Chef der Bauchchirurgie. Noch-Chef. Xavier geht bald in Rente. Ist leider meist unrasiert. Oft ungeduscht. Sein Bad zu Weihnachten ist auch schon einen knappen Monat alt. Okay, ich übertreibe etwas. Seine Aura gleicht einem olfaktiven Feuerwerk. Am liebsten begrüße ich ihn normalerweise von einem zum anderen Flurende. Nur zu Geburtstag und Jahreswechsel riskiere ich Körperkontakt.

Montag. Dienst.

Meine Runde über die Stationen habe ich hinter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereifter Blinddarm von Xavier in der Notaufnahme. Abstecher in den Kreißsaal. Keine Erstgebärende im Kreißsaal, die nach einem Periduralkatheter schreit. Nadja, Laetitia und Philippe langweilen sich auch. Philippe? Wir haben ziemlich viele Männer bei den Hebammen. Philippe, Sébastien, Wilfried und Jérôme. Beruf: Maïeuticien. Entbindungspfleger heißen sie in Deutschland. Hebamme in Österreich auch die männlichen Vertreter. 2013 keiner in Österreich, drei in ganz Deutschland. Wir haben vier! Und das in tiefster Provinz! Darunter Philippe. Vollbart. Übergewicht. Kopftuchfrauen sollen sich mal nicht so anstellen. Wird ihnen und ihren Männern gleich bei der Aufnahme verkündet. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Liberté und Égalité. Vielleicht paßt das sogar zur Fraternité. Finde ich persönlich auch eher gewöhnungsbedürftig. Würde mir als werdendem Vater auch nicht gefallen. Aber vielleicht bin ich in dieser Hinsicht etwas konservativ. Philippe jedenfalls mag ich nicht so. Ihm mangelt ein bißchen an professioneller Dynamik. Philippe war mal in Indien für ein paar Monate Auszeit. Ich hatte gehofft, er würde einfach dort bleiben und in langfristiger Suche nach Erleuchtung verharren. Und dann war er doch wieder da. Ohne Erleuchtung, wie mir scheint. Er wartet immer noch. Wird nicht geküßt. Es gibt Grenzen.

Dafür Laetita. Laetitia sieht so aus, als wäre sie mal Model gewesen. Hat ein zauberhaftes Lächeln. Ich nehme das persönlich. Obwohl sie vermutlich jeden nett anguckt. Egal. Meilleurs vœux, bonne santé, Küßchen. Laetita ist meine Lieblingshebamme. Nicht nur wegen ihres Lächelns. Nicht nur, aber auch. Laetitias Lächeln ist auch um 02:39 Uhr noch zauberhaft. Immer. Zum neuen Jahr vielleicht noch ein Spur zauberhafter. Auch um 02:39 Uhr. Wenn sie mich braucht für eine Péridurale oder Césarienne.

Bonne santé.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr