Das Blaue vom Himmel

Für den Wagen kann ich Ihnen vielleicht noch fünfzehnhundert geben. Mehr ist da nicht drin. Die Kilometer. Soviel Kilometer! Und die Dieselpumpe muß ja erst noch ersetzt werden. Und wer weiß, was der Wagen noch alles hat. Da muß ohnehin erstmal der Speicher des Bordcomputers ausgelesen werden. Täte ihm ja leid, sagt der Vertragshändler meines Vertrauens und guckt ganz betroffen. Gefühlt wäre mein Auto noch gut dreitausend Euro wert gewesen.

Mit etwas Glück, und weil man ja Stammkunde ist und den Nachfolgewagen mit soviel weniger Kilometern auch bei ihm kaufen will, schlägt er vielleicht noch dreihundert auf. Je nachdem, was der Wagen noch alles hat. Als ob er nicht auch ohne Auslesen wüßte, was der Wagen noch alles haben könnte. Seit Jahren kommt er alle sechs Monate mindestens in die Werkstatt. Aber, na ja, sei’s drum, weg damit. War doch ein bißchen viel Ärger mit der Kiste in den letzten Monaten. Die Kupplung, die Zylinderkopfdichtung. Der Kompressor der Klimaanlage. Der Antrieb des Schiebedachs. Blinker, Radio, Kühlwassersensor. Elektronische Phänomene. Die Gurtstraffer, die einfach so zünden, ohne Anlaß, völlig unvermittelt. Wer weiß, das nächste Mal schlägt mir womöglich der Airbag ins Gesicht. Ganz überraschend. Weg damit! Mit dem Neuen, auch ein Gebrauchter, aber weniger als vier Jahre alt und nur knapp über fünfzigtausend Kilometer, natürlich unfallfrei und scheckheftgepflegt, wird alles besser werden. Bestimmt. Der Vertragshändler gibt sich zuversichtlich. Weiß Gott, woher Automechaniker ihre Zuversicht nehmen im Gebrauchtwagenverkauf!

Kaum werde ich mich von meinem Alten, dem Sorgenkind mit den vielen Kilometern auf dem Zähler, getrennt haben, nach einem letzten melancholischen Blick ins Armaturenbrett, wird der Mechaniker seinen Computer anschließen. Den Speicher auslesen. Denkbar, daß ihm der Ansprechpartner seiner automobilen Vertragsfirma den Zugangsschlüssel zum Menüpunkt für „Besondere Einstellungen“ verraten hat. Den für eine radikale Korrektur des Kilometerstands zum Beispiel. Oder für die Aktivierung verschiedener Sollbruchstellen. Eine kleine Modifikation in den Parametern des einen oder anderen Sensors hat über kurz oder lang Auswirkungen zum Beispiel auf die Dynamik des Turboladers. Früher oder später ist er reif, zum Beispiel der Turbolader. Reif für einen Austausch. Vielleicht läßt sich bei dieser Gelegenheit überhaupt ein kleiner Störcode einflechten in die Hauptsoftware des Bordcomputers. Hat ihm der Herr im Anzug auf einem USB-Stick zugesteckt. Als mp3 getarnt. Können Sie auf alle Modelle der Baureihen ab 2005 aufspielen, hatte er gesagt. Sichert Ihnen die Kunden auf Jahre hinaus, ergänzte er mit einem Augenzwinkern. Natürlich mit Vorsicht einzusetzen, solange das Jahr Händlergarantie noch nicht abgelaufen ist. So einfach funktioniert Kundenbindung heutzutage.

Das war früher schon komplizierter mit der Kundenbindung. Früher, in der Ära vor der automobilen Digitalisierung, waren noch profunde Kenntnisse der Mechanik gefragt. Und vor allem zielgerichtetes und entschlossenes Eingreifen. Zielgerichtet und entschlossen, aber diskret. Ein Hauch Metallspäne ins Radlager zum Beispiel. Kann keiner nachweisen. Ein paar Schrauben lockern an der Zylinderkopfdichtung. Eine Vierteldrehung höchstens. Spätestens ein halbes Jahr später kommt der Kunde wieder. Ein beherzter Hieb mit dem Schraubenzieher in einen Auspufftopf. Früher mußte man alle naselang was am Auspuff  wechseln. Im Zeitalter der Digitalisierung rostet kein Auspuff mehr. Nicht mehr nötig. Oder eine lose Beilagscheibe im Zündverteiler. Eine Beilagscheibe? Im Zündverteiler? Der Mechaniker weiß sich nicht zu erklären, wie die dahin gekommen sein soll. Schulterzucken. Suggestive Vermutungen höchstens. Besonders geschickt, weil das gleichzeitig den Kunden kulpabilisiert. Der Kunde wird nie wieder wagen, die Motorhaube auch nur anzufassen. Besser so.

Heutzutage geht das alles digital. Ganz sauber. Ohne Schraubenzieher. Ein paar kreative Programmzeilen direkt aus der Konzernzentrale und wenig später fallen die erstaunlichsten Komponenten aus. Komponenten, von denen der Laie nie gehört hat. Kein Sensor, der Fehlfunktionen nicht auf Zufallsbasis signalisieren könnte, kein Regler, der nicht entgleisen könnte. Orangefarbene und rote Leuchten im Cockpit. Der Diagnosecomputer findet dann jeden denkbaren Fehler. Und mein Mechaniker kann mir eine nette Interpretation dazu erzählen. Meist bin ich irgendwie selbst schuld. Oder das Auto. Was erwarten Sie denn bei dem Kilometerstand? Schulterzucken. Wird mindestens zweihundert Euro kosten. Leider. Betroffenheit. Plus Stundensatz. Plus Mehrwertsteuer. Zumindest das hat sich nicht geändert.

Besonders dankbar ist die Simulationsfunktion. Ein Bauteil simuliert seinen Totalausfall. Und läßt sich mittels Mausklick reparieren. Den Wagen natürlich der Glaubwürdigkeit halber mindestens drei Tage dabehalten, was von Lieferengpass erzählen und mehr als vierhundert Euro veranschlagen. Leider. Plus Stundensatz. Betroffenheit. Plus Mehrwertsteuer. Wenn ein Kunde mal nachfragt, kann man ihm immer noch irgendein ölverschmiertes Teil aus der Sammlung zeigen. Welcher Laie kann schon einen Turbolader von der Kühlwasserpumpe unterscheiden?

Mein Neuer ist einer von denen mit evident getürkter Ökologie. Intelligente Software produziert geschönte Abgaswerte. Nicht diskret genug. Nicht intelligent genug. Auf seiner Heckklappe klebt rechts unter dem TDI – das I rot, warum auch immer – ein Schriftzug „BLUEMOTION technology“. Mit blauem BLUE. Was auch immer das heißen mag. Blaue Bewegung? Blau in Bewegung? Welches Blau? Das Blaue vom Himmel? Soll keiner sagen, man wäre nicht dezent, poetisch geradezu, auf die Lügen hingewiesen worden.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Weihnachten

Allô?

Ich erkenne an der Nummer, wer mich da anruft. Ich melde mich trotzdem mit Hallo?, weil alle das so machen.

Allô?

Das ist Manus Bruder. In Frankreich wird – auch weit jenseits des Zeitalters aufkommender analoger Telekommunikation – zunächst die Stabilität der Leitung geprüft.

Oui, bonjour, c’est Monsieur Diehl!

Sage ich, als ob er das nicht wüßte. Er hat mich ja aus seinem Telefon selbst angerufen. Machen aber alle so.

Bonjour, c’est le Père Noël!

Der Weihnachtsmann! Gestern mußte ich am Telefon laut werden mit Manus Bruder. Ein bißchen teutonisch, ich muß es zugeben. Ich konnte meine Genetik nicht mehr unter Kontrolle halten. Manus Bruder bezieht sich auf meine Ansage, ich wäre nicht gewillt, bis Weihnachten auf die Dämpfer der Heckklappe zu warten. Manus Bruder kann richtig komisch sein. Er ist der Weihnachtsmann! Und das, obwohl er im Laden immer die Drecksarbeit machen muß. Immer ist er mit dem Staubsauger unterwegs und der Werkzeugkiste. Wenn er morgen immer noch witzig ist, grillen wir demnächst zusammen.

Manu selbst ist der Patron. Manu ist deutlich weniger witzig. Er ist Gebrauchtwagenhändler. Er muß sich um den Papierkram kümmern. Unter anderem. Für jedes Auto ein Kraftumschlag in DIN A 5. Die Umschläge ihrerseits in kleinen Plastikkisten, etwa zwanzig pro Kiste. So ist Papierkram anstrengend. Er verkauft direkt an der Nationalstraße Autos, die sonst keiner mehr verkauft. Zur Zeit steht eine ganze Flotte Renault von der Post auf seinem Hof. Gelbe Lieferwagen jeder mit rund einer halben Million Kilometern auf dem Zähler. Neulich konnte man da auch was Großes von Mercedes-Benz sehen, aber das war vermutlich Manus Eigenbedarf. Mir hat er Ende Juli (Juli! Da war noch Sommer, das war vor sieben Wochen) einen grausilbernen Renault verkauft. Zehn Jahre alt, aber in Ordnung. Für mich als Laien zumindest in Ordnung. Das Auto fährt geradeaus, alle Gänge funktionieren, die Bremsen bremsen gleichmäßig. Keine unangenehmen Geräusche, keine Ölspuren. Eine Schlüsselkarte muß neu programmiert, die Klimaanlage aufgefüllt werden. Okay. Was will ich erwarten zu dem Preis? Und die Dämpfer der Heckklappe funktionieren nicht. Er will mir allerdings Ersatz beschaffen. Bis morgen, spätestens übermorgen. Ende Juli.

Ne vous inquiétez pas.

Dann, vier Tage und keine hundert Kilometer später, ließ mich der Renault mit defektem „Turbo“ auf der Autobahn im Stich. Manu selbst ist, wie gesagt, weniger witzig als sein Bruder, auch weil er sich nicht nur um den komplizierten Papierkram in den Kistchen kümmern muß, sondern auch um die Reklamationen. Meine Reklamation hat ihm gar keine Freude bereitet. Ich habe ihn über Wochen jeden Tag angerufen, fast jeden Tag. Meine Enttäuschung nicht verhehlt. Meinem Ärger gelegentlich freien Lauf gelassen. Mit dem Rechtsanwalt gedroht. Teutonische Veranlagung eben. Manu blieb gelassen:

Ne vous inquiétez pas! Je m’en occupe. Je vous tiens au courant!

Bleiben Sie ganz ruhig! Ich kümmere mich darum. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Aber, das müßte ich verstehen, es wäre immerhin August und der Hersteller und sein Lieferant und der Lieferant des Lieferanten wären wohl im Urlaub. Ich rufe Sie an, wenn der Turbolader da ist. Fünf Wochen lang. Fünf! Fast jeden Tag. Jedes Mal der gleiche Text. Ne vous inquiétez pas! Aber ich müßte auch verstehen und so weiter. Für teutonische Veranlagung blieb ich sehr gelassen. Finde ich.

Letzte Woche waren der Turbo-Hersteller und die Lieferantenkette endlich aus den Sommerferien aufgewacht und Rachid, Manus Mechaniker, würde das Teil einbauen. Morgen, spätestens übermorgen. Tatsächlich konnte ich den Renault zwei Tage später abholen.

Die Heckklappendämpfer waren über dem ganzen Ärger mit dem Turbolader leider in Vergessenheit geraten. Der witzige Bruder übernahm. Da wußte ich aber noch nicht, wie witzig der Bruder sein konnte.

Ne vous inquiétez pas! Je m’en occupe. Je vous tiens au courant!

Das war nun eindeutig zuviel für meine teutonische Veranlagung. Das kannte ich schon vom seinem Bruder, dem Patron. Ich konnte nicht mehr anders, als meinem Ärger freien Lauf zu lassen, mit dem Rechtsanwalt zu drohen und auf den Einbau der Dämpfer deutlich vor Weihnachten zu bestehen. Das war gestern.

Heute ist Weihnachten.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr