Shizuishan

Guten Morgen,

Deckarddip, GrokVock, Domeniksi und Alimabum! Ich freue mich, Euch zu meinen Abonnenten zählen zu dürfen. Wahrscheinlich seit Ihr Freunde von Abbasrow, Alipi und Kliffet. Und da sind noch viele mehr. Ich habe Leser in ganz Russland!

葉卡捷琳堡. Jekaterinburg. Habe ich schon mal gehört. Russland. Links unten. Noch vier Stunden und zweiunddreißig Minuten, 2392 Meilen. Wir fliegen auf einer Höhe von 34.000 Fuß. Die Geschwindigkeit liegt aktuell bei 529 mph. Vor ein paar Stunden war links unten Novosibirsk (新西伯利亚). Etwas weiter Omsk, auch links. Und Surgut. Nie gehört. Rechts. Die Außentemperatur liegt bei minus 67 Grad. Fahrenheit. In Celsius macht das minus 55. Wie auch immer ziemlich kalt. Der Flieger von Cathay Pacific wird um sechs Uhr morgens in London (伦敦) landen. Cathay Pacific ist eine Fluggesellschaft mit Sitz in Hongkong. Die Filme in der Rückenlehne des Vordermanns sind meist chinesisch untertitelt. Die Städte auf dem Flight-tracking-Bildschirm sind abwechselnd englisch und chinesisch beschriftet. 莫斯科 (Moskau) da unten im Dunkeln.

Bestimmt sitzt Ihr und die in letzter Zeit so zahlreichen Neu-Abonennten meines Blogs da unten irgendwo. Mit dem Tolstoi-Zitat habe ich vermutlich den einen oder anderen Deutschkurs der dortigen Volkshochschule angelockt. Oder einen Online-Kurs. Dabei seid Ihr, die Ihr Euch angemeldet habt, bestimmt nur die Spitze des Eisbergs. Die Klassenbesten. Die sich auch nicht von den Rechenaufgaben meines Captcha-Plugins verwirren lassen. XII – acht = ?. Roboter schaffen sowas nicht, denke ich. Ihr seid zweifellos – несомненно – echte Menschen. Mit echten Adressen bei mail.ru, kobka-2018@mail.ru und skorobogat.eva@mail.ru zum Beispiel. Dabei ist bekannt, daß sich die meisten Leser sich nicht die Mühe machen mit einer Anmeldung. Viele, die meisten eben, klicken das mal an, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Oder weil die Lehrerin ihres Deutschkurses das empfohlen hat. Fühlen sich aber nicht angesprochen. Verstehe ich. Loriot ist vielleicht sehr spezieller deutscher Humor. Ich kann auch nicht jeden Blog aushalten. Trotzdem, russische Volkshochschulschüler sind brave Schüler. Wenn Eure Lehrerin sagt, schaut Euch das mal an, schaut Ihr Euch das mal an. Über tausend in ein paar Tagen. Das schaffen andere Texte nicht.

Prag links und Berlin, Hamburg. Im Hintergrund, auch links natürlich, am Horizont, München und sogar Basel. Ob man wirklich alle diese Städte sehen könnte aus über zehn Kilometer Höhe? Groningen rechts. Niederlande. Bin ich vor vielen Jahren mal durch gekommen auf dem Weg an die Nordsee. Manche IP-Adressen verortet das WordPress-Plugin nach Holland. Das kann ich verstehen. Das sind die Leser, die auch im Kurzurlaub an der Nordsee nicht auf mich verzichten wollen. Außerdem sprechen alle Holländer fließend deutsch.

Rechts immer mehr deutsche Städte: Gütersloh, Koblenz (科布倫茨), Aachen. Gütersloh! 居特斯洛. Wieso gerade Gütersloh? Warum nicht Unna? Oder Moers? Egal. Die Ankunft in London in weniger als einer Stunde.

In Koblenz und Köln habe ich ein paar Abonnenten. Zeigt mir der Plugin. Haben für meine Ohren normale Namen. Bei gängigen Anbietern. „Ladyatott“ gehört da schon zu den Exoten – nichts für ungut, Ladyatott. Abonnenten kriegen eine Mail, wenn ein neuer Beitrag auf meiner Seite erscheint. Ganz Russland wird nun von automatischen Mails überschwemmt. mail.ru muß sowas sein wie yahoo oder web.de. Ausschließlich kyrillische Zeichen allerdings. Weniger bunt. Man kann sich da ein Postfach holen, alleinerzieher war noch frei. Oben ein Suchfeld. найти – finden. Ein Tolstoi-Zitat im Text und schon wird man im Quelltext-Fundus des Russen-google registriert. Sichert mir ein Millionenpublikum. 居特斯洛 im Text bringt vermutlich den Zugang zu ehrgeizigen Schülern zahlloser Deutschkurse der Volksrepublik China.

Schöne Grüße nach Novosibirsk. Und Shizuishan.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

 

 

 

 

Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tolstoi. Im Original. Anna Karenina. Die ersten Zeilen. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Ich kann nur diesen einen Satz russisch. Winter 1983. Auf dem Weg von Rumänien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ersten Bahnhof auf der sowjetischen Seite aussteigen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betreffenden Zug bräuchte man kein Visum, weil der abgeschlossen einfach durch die Sowjetunion durchfahren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glauben wollen. Ziemlich blauäugig.

Ich hatte zur Sicherheit doch ein paar Stangen Zigaretten – Kent, die weißen von Kent – mitgenommen. Und ein paar Pfund Bohnenkaffee von Aldi. Gegen Kent, die weißen von Kent, und Kaffeebohnen konnte man im spätsozialistischen Rumänien alles bekommen, was es eigentlich nicht gab. Mädchen würden ihre Unschuld dafür hergeben, hieß es. Mit ein paar Nylonstrümpfen als Zugabe. Ich hatte nie Nylonstrümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß die Mädchen, die mich interessierten, für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben wären. Und die Mädchen, die vielleicht für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben gewesen wären, interessierten mich nicht.

Im Zug nach Posen bekam die erstbeste Uniform zur Sicherheit ein paar Schachteln Kent. Das war der rumänische Schaffner. Unnötige Verschwendung, dachte ich mir dann. Mein Rückfahr-Ticket erster Klasse Schlafwagen für umgerechnet sechzehn Mark war ohnehin in Ordnung. Zu spät. Mein Abteil war erstaunlich sauber. Und erstaunlich warm. Die Fenster konnte man nicht öffnen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abgeschlossenen Zug durch die Sowjetunion. Nicht wirklich viel später hielt der Zug im Nirgendwo. Ringsum nur Schnee im Mondschein. Wahrscheinlich war das die Grenze zur Ukraine.

Die nächsten Uniformen waren sowjetische. Wollten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer meinem Paß, dem Schlafwagenticket und einer selbstgefälschten rumänischen Ausreiseerlaubnis. Personalausweis, Führerschein? Wollten sie nicht. Meine Kaffeebohnen und meine Kent winkten sie routiniert ab. Überzeugte Patrioten. Ich mußte erkennen, daß meine exotische Zigarettenmarke nur in Rumänien Wunder bewirken konnte. Auch meine Camel zum Eigenbedarf konnten das fehlende Transitvisum leider nicht ersetzen.

Im nächsten Bahnhof mußte ich aussteigen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jenseits der rumänischen Grenze. Den Namen der Station habe ich vergessen, wenn ich ihn überhaupt mal kannte. Wahrscheinlich Cherepkivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava warten. Die riesige Bahnhofshalle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahrkarte kaufen gegen schöne Dollars zum offiziellen Kurs. Bekam gegen meinen Zwanzig-Dollar-Schein keine Rubel, sondern nur ein paar rumänische Münzen und eine speckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wechselgeld würde ich ja ohnehin nicht ausführen dürfen. Lehrgeld. Bis zur Abfahrt meines Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stunden zu warten.

Die Wartezeit störte mich nicht weiter, ich saß ja schön im Warmen und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelangweiltem uniformiertem Personal, soweit mein noch sehr kompakter rumänischer Wortschatz das eben zuließ. Wir plauderten über Rumänien, Ceaușescu, das erbärmliche Leben im rumänischen Sozialismus, meine Familie in Deutschland. Und natürlich über Tolstoi.

Die Athmosphäre war nett. Entspannt. Lew Nikolajewitsch Tolstoi gehört zu den größten Schriftstellern aller Zeiten. Wir waren uns einig. Wahrscheinlich war ich der erste Kapitalist, der seit dem Krieg in diesem Grenzbahnhof ausgestiegen war. Einer der Beamten schrieb mir die ersten Zeilen auf russisch in mein Buch. Glaubte ich zumindest. Hat er mir zumindest als den Originaltext verkauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blauäugig. Das war dem Personal sicher auch aufgefallen. Will ohne Visum durch die Sowjetunion! Blauäugiger geht ja wohl gar nicht!

Der Oberaufseherin im Bahnhof, erkenntlich an mehr Pelz an der Mütze, Sternen auf den Schultern und klischeekonformem Aufseherauftreten, gefiel die offensichtliche Fraternisierung ihres Personals mit dem Eindringling aus kapitalistischem Ausland nicht. Sie verbannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vorhalle. Unbeheizt. Kontinentalwinter. Meine rudimentären Russischkenntnisse sind hart erkauft.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nieder mit der kommunistischen Partei Rumäniens und dem eingebildeten Schusterlehrling an ihrer Spitze! Hätte auch sein können. 1983 gab es google noch nicht. In diesem Fall hätten im Rahmen einer vorstellbaren Auseinandersetzung mit rumänischen Grenzbeamten meine Kaffeebohnen von Aldi und die exotischen Zigaretten zum schlagenden Argument werden können. Hat aber keiner kontrolliert. Der rumänische Grenzbeamte interessierte sich nicht für fremdsprachliche Literatur.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr