50.000 Euro

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Ist nicht so peinlich wie der des Kinderarztes neulich. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient in Narkose ist. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um, arbeitet Checklisten ab. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten, dem Techniker, der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein, der Pilot. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder das ZEIT Magazin lesen, Fachliteratur. Kann an Rädchen drehen, Knöpfe drücken. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Den Blutdruck aufschreiben und den geschätzten Blutverlust. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch interessierte Fragen stellen, warum blutet das da so, hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze. Bei google findet man immer wieder diesselben. Je öfter man sie findet, desto langweiliger werden sie.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Tröstlicher Zuspruch gehört auch zu unseren Aufgaben. Verständnis für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Oft sind deren Arbeitsbedingungen nicht so gut, manchmal unter aller Sau. Das Licht schlecht eingestellt. Ich kann so nicht arbeiten. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. So kann das ja nichts werden. Da kann man schon mal nervös werden als Chirurg. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg ganz ernsthaft, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Na, sowas! Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Zuversicht. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Hosentaschen.

Nacima fand den Witz des Kinderarztes übrigens unglaublich komisch. Konnte sich gar nicht wieder einkriegen. Tränen tropften auf die Geburtsmeldung, Name des Vaters. Als ob ihr aus dem Witz eine neue Erkenntnis entstanden gewesen wäre. Im Kopf von Männern ist nichts. Gar nichts. Sogar der einsame Spermatozyt ist fehl am Platze. Hallo? Hallooo? Ist da niemand? Der Mann denkt vorwiegend unterhalb der Gürtellinie. Naja, wenn man das denken nennen kann. Vielleicht stellte sich Nacima den einsam durchs Vakuum unter der männlichen Schädeldecke schwänzelnden Spermatozyten vor. Mit großen, angstgeweiteten Augen. Haallooo? Ich ging dann lieber nochmal meine Zweitgebärende gucken. Ob meine Péridurale auch den gewünschten Effekt gebracht hätte. Danach waren sie beide weg, der alternde Pädiater und Nacima auch. Ich habe sie nicht gesucht. Geht mich ja nichts an.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, grauer Star, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Nicht weiter schlimm. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Blutdruck rauscht ab. Der Chirurg kollabiert. Das EKG verändert sich, das Herz des Patienten wird zu schnell oder zu langsam. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen Pilot oder Anästhesist ihr Sudoku weglegen, die lästigen Alarme ausstellen und andere wichtige Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in meiner ersten Stelle fasste der Oberarzt zusammen, sein zweiter Lehrsatz: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

Die Lösung: der schlechte Anästhesist. Der schlechte Anästhesist kriegt die Kohle. Weil: einen guten gibt’s nicht. Hahaha. Der Internist ist zu langsam. Bis der mal fertig gedacht und allerlei Eventualitäten abgewogen hat, haben schon längst andere zugegriffen. Hahaha. Und der Radiologe? Macht doch für sowenig Geld keinen Finger krumm. Und nochmal: Hahaha. Der is gut, was? Kann man mit allen möglichen medizinischen Spezialitäten machen. Geht zum Beispiel analog mit Chirurg, Psychiater und Pathologe. Wie’s halt gerade passt.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Für Aila, September-Heft der RivieraZeit, 3.986 Zeichen:

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient schläft. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten und der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder in der RivieraZeit blättern, Fachliteratur studieren. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Verständnis gehört zu unseren Kernkompetenzen. Für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Manchmal sind die Arbeitsbedingungen nicht so gut. Das Licht schlecht eingestellt. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. Ich kann so nicht arbeiten. Da kann man schon mal nervös werden. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Kitteltaschen.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Chirurg kollabiert. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen wir unser Sudoku weglegen und Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in der Anästhesie fasste der Oberarzt zusammen: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

 

 

 

Parosmie

Banane. Ganz klar. Zur Auswahl hätte es noch Ananas, Orange und Zitrone gegeben. Ein Multiple Choice Test. Zwölf Gerüche in Sniffin‘ Sticks. Der Professor hält mir Stifte, die aussehen wie dicke Filzstifte, unter die Nase und zeigt mir eine Karte dazu. Vier Gerüche zur Auswahl. Ich muß den richtigen auswählen. Banane, ganz klar, Antwort C. Banane. Der Professor macht ein Kreuz auf dem Auswertungsbogen. C.

Termin beim Parkinson-Professor. Renommierte Klinik südwestlich von Berlin. Bekannter von Studienkollegen. Der Professor sollte mir sagen, dass das kein Parkinson ist im Arm. Hätte mir gefallen. Zahnradphänomen und ein bisschen Intentionstremor bei bestimmten Bewegungen im Ellenbogen links – und nur da – passen auch zum Korsakow. Trinken Sie mal ein bißchen weniger. Ich trinke doch schon lange nichts mehr. Naja, nicht mehr soviel. Nicht mehr jeden Tag, meine ich. Meine Leberwerte sind super. Dann leben Sie eben mit dem Zahnradphänomen. Und die Bilder aus dem Kopf? Bei solchen Bildern kommt es auf präzise Einhaltung der Standards bei der Erstellung an, könnte er sagen, der Professor. Präzise, wäre ich ihm ins Wort gefallen, präzise! Die habe ich in Frankreich machen lassen, die Bilder, in Südfrankreich! Präzise und Südfrankreich, das passt gar nicht. Klar, könnte er sagen, der Professor, weiß ich doch, ich habe drei Jahre in Montpellier studiert, die Bilder können Sie im Prinzip vergessen. Wahrscheinlich liegt es doch einfach an Ihren maroden Halswirbeln. Kommen Sie doch in einem Jahr wieder, ach was, in fünf Jahren, wenn Sie immer noch was haben am Arm. Hätte der Professor gesagt haben können.

Der Beipackzettel von Azilect beschreibt eine Fülle von möglichen Nebenwirkungen, sehr häufig auftretende, mehr als ein Patient von zehn, bis gelegentlich, einer von tausend. Störungen der Impulskontrolle unter Therapie mit Azilect finden an mehreren Stellen im Beipackzettel Erwähnung. Ich zitiere: „Es gab Fälle von Patienten, die während der Einnahme von einem oder mehrerer Arzneimittel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit, nicht in der Lage waren, dem Impuls, dem Trieb oder der Versuchung zu widerstehen, bestimmte Dinge zu tun, die Ihnen selbst oder anderen schaden können. Dies bezeichnet man als Impulskontrollstörungen. Bei Patienten, die das Präparat und/oder andere Arzneimittel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit einnehmen, wurde folgendes beobachtet: zwanghafte Gedanken und impulsives Verhalten, starker Drang zur Spielsucht […], verändertes oder gesteigertes sexuelles Interesse und Verhalten, das Sie und andere stark beunruhigt, wie zum Beispiel ein gesteigerter Sexualtrieb.“

Wie Männer eben so sind. Wissen wir ja. Ich meine, spätestens, wenn die Impulskontrolle erstmal wegfällt. Neulich saß ich, spätabends, im Büro der Hebammen mit Nacima, ziemlich jung, ich könnte ihr Vater sein. Es gibt Grenzen, Impulskontrolle hin oder her. Obwohl, wer weiß, wenn sie mir was ins Ohr flüstern würde? Halluzinationen gehören auch zu den Nebenwirkungen, Kategorie sehr selten, ein Patient von zehntausend. Wir waren beide beschäftigt mit Papierkram, für eine Niederkunft macht das gefühlt hundert Seiten. Der Kinderarzt kam dazu, erstaunlich, fand ich, was hat der noch zu so später Stunde hier zu suchen? Er schloss die Tür zum Büro hinter sich, sagte bonjour und erzählte einen Witz. Ganz unvermittelt.

Der Professor hatte uns mit einem Bonjour in erstaunlich korrekter Aussprache begrüßt. Beim ungeübten Deutschen klingt bonjour meist wie Boschua. Professor eben, vermutlich mindestens viersprachig. Deutsch und Englisch sowieso, Französisch ein bisschen, bestimmt Spanisch. Ein paar Jahre wissenschaftlicher Aufenthalt in Barcelona, ließ er an geeigneter Stelle einfließen. Sehr professionelle Aura. Systematische Fragen zu Anamnese, Schwerpunkt Familienanamnese. Eltern, Brüder, Kinder. Beruf, Karriere, und wieso gerade Frankreich. Lebensgewohnheiten, Nikotin, Alkohol. Konstipation, Parasomnien? Alles wird notiert. Körperliche Untersuchung, die üblichen Spiele bis zu den Sehnenreflexen und Babinski. Kenne ich schon. Aus dem Studium noch. Links im Arm der Rigor. Der Vollständigkeit halber führt der Professor den der standardisierten Test des Geruchsinns durch.

Lakritz, Lavendel, Gras oder Nelke? Von diesen Gerüchen habe ich klare Vorstellungen. Der Stift riecht nach nichts. Nach nichts Bestimmtem, nichts, was ich definieren könnte. Nichts als Antwort geht nicht. Leder, Pilze, Geräuchertes, Sesamöl. Auch nichts. Ich muß raten. Womöglich würde mir es der Professor übelnehmen, wenn ich mich nach dem Verfallsdatum seiner Stifte zu erkundigte.

Ein Spermatozyt findet sich einsam wieder im Kopf eines Mannes. Kenn‘ ich schon, sagte ich schnell. Nacima sagte nichts. Der Witz ging weiter. Wie um was zu sagen in unser konzentriertes Schweigen über den Papieren. Oder weil er den ganzen Tag schon nichts anderes denken konnte als diesen so wahnsinnig komischen Witz, war vielleicht auf einem der Radiosender gewesen am Morgen, Chérie FM oder NRJ. Die neigen zu sowas, nicht nur um die Frühstückszeit. Um halb acht morgens gerät die auch Schwätzergruppe bei Mistral FM, bei meinen Kindern beliebter Lokalsender von Toulon, gerne in eine schlüpfrige Stimmung. Immer, wenn ich mit den Kinder im Auto sitze zur Schule. Wieviel Prozent der Franzosen verwenden regelmäßig Sextoys? C’est quoi, fragt die Tochter dann von hinten, des sextoys?

Das Ergebnis war eindeutig. Sieben von zwölf Gerüchen habe ich nicht erkannt. Ab drei schöpft der Neurologe Verdacht. Für den Professor schien das allerdings nur noch das i-Tüpfelchen der Diagnose darzustellen. Es zählt vor allem natürlich die Klinik. Der Rigor, das Zahnradphänomen. Das reicht eigentlich schon zur Diagnosestellung. Auch die Grüße der Bekannten von früher, die ich einfließen ließ, um den Professor wohlwollend zu stimmen, konnten nicht an seiner Überzeugung rütteln. Idiopathisches Parkinsonsyndrom. Eine eher milde Verlaufsform zwar, aber, darauf sollte ich vorbereitet sein, die rechte Seite wäre früher oder später auch betroffen. Und nicht nur das. Im Wartezimmer waren in einer Regalwand eine ganze Reihe Broschüren zum Umgang mit der Krankheit exponiert. Themen wie Sport, Ernährung, Logopädie. Speichelfluß, Unruhe, Demenz. Die Broschüren vermitteln einen Eindruck von dem, was da noch alles kommen kann. Störungen der Impulskontrolle gehören da noch zu den kleinsten Übeln. Anlage einer Ernährungssonde. Bei Ausfluß von Speisebrei aus der Nase. Speisebrei. Aus der Nase. Der Professor fand beschwichtigende Worte. Außer Azilect erstmal keine Therapie. Er persönlich würde mit Azilect anfangen. Die Studien diesbezüglich seien nicht so eindeutig, der Nutzen wissenschaftlich nur tendenziell nachweisbar. Aus seiner Erfahrung würde Azilect Verbesserung bringen. Könnte man aber – aus wissenschaftlicher Sicht – auch guten Gewissens bleiben lassen. Klang ein bisschen nach Homöopathie. Was nicht so recht zu den Nebenwirkungen aus dem Beipackzettel passen mag.

Ich kannte ihn wirklich schon, den Witz. Nicht richtig witzig, gar nicht witzig eigentlich. Was soll das schon werden, wenn Spermatozyten drin vorkommen? Im Witz, meine ich. Der Kinderarzt liegt altersmäßig ungefähr in meiner Generation, obwohl er sich gerne ausgesprochen jugendlich gibt mit zerschlissenen Jeans zu offenen Birkenstocks, kleinem Pferdeschwanz und selbstgebasteltem Saiteninstrument. Ob er damit seinen kleinen Patienten was von Spermatozyten vorsingt? Könnte trotz betonter Jugendlichkeit einen normalen Parkinsonkandidaten abgeben. Vielleicht schon länger unter Azilect. So fängt’s womöglich an, dachte ich, wenn die Impulskontrolle verlorengeht zwischenzeitlich. Mit peinlichen Witzen. Persönlich werde ich versuchen, peinliche Witze  auszulassen. Witze überhaupt am besten.

Auf dem Weg zum Flughafen versuchte meinte Frau mich zu trösten, sie hätte vermutlich genauso schlecht abgeschnitten im Riechtest. Ich habe keine Ahnung, warum sie das vermutet, viele Gerüche waren ja nun wirklich eindeutig. Den Fisch aus dem Sniffin‘ Stick Nummer 12 hatte ich zuhause noch in der Nase.

Parosmie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr