Hoffnung

Mittwoch

12:50 Uhr Rendezvous in der médecine nucléaire, Nuklearmedizin. Fensterlose Wartenische an der Kreuzung von zwei Fluren. Neben einer  Tür mit einem Pappschild „Accueil“ ist ein kleiner Automat zur Vergabe von Wartenummern. C016. Wieso C? Gibt es hier noch andere Türen? Überhaupt, ich sehe keinen einzigen Monitor für die Anzeige der aktuell aufgerufenen Nummer. Noch bevor ich jedoch in die Patientenrunde der Wartenische fragen kann, was ich nun mit meiner Nummer anzufangen hätte, öffnet eine junge Frau die Tür. C’est vous la seize? Sind Sie die Sechzehn? Die junge Frau trägt ein Namensschild. Sabrina. Erfassung der Personalien, Unterschrift für die digitale Weitergabe meiner Resultate an den Neurologen. Wie fortschrittlich! Ob ich meine Resultate nicht auch digital haben dürfte? Das geht leider nicht, sagt Sabrina lächelnd, leider nicht ohne die Autorisation des Doktor C., der mich gleich sehen würde. Das würde ich doch verstehen. Natürlich verstehe ich das. Es geziemt sich für Patienten, Verständnis aufzubringen. Warten im Wartebereich. Ein dicker älterer Herr wird halb entblößt auf einer Pritsche vorgeschoben. Er trägt Windeln und stöhnt vor Schmerzen. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Sehr ermutigend. In der Radiologie hilft einem keiner. Die interessieren sich für ihre Bilder und sonst nichts. Der brancardier, der Pritschenschieber legt einen kleinen Stop ein, wechselt charmante Worte im Accueil mit Sabrina und ihren Kolleginnen, während der ältere Herr in Windeln mitten auf der Kreuzung stöhnt. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Der Pritschenschieber hat den Lehrgang zum würdigen Umgang mit Patienten offensichtlich versäumt. Oder nichts verstanden.

Monsieur Diäl?

13:27 Uhr der Doktor. Doktor C.. Mondgesicht mit Vollbart. Sieht aus wie direkt aus dem Studium. Gibt mir eine Kapsel, die ich schlucken soll mit etwas Wasser. Carbidopa 100 mg. Soll eine Stunde einwirken. Zur besseren Fixierung des radioaktiven Dopamins. Nach der Injektion des radioaktiven Dopamins werde ich weitere eineinhalb Stunden warten müssen. Zur Fixierung der Isotope. Die eigentliche Untersuchung funktioniert wie ein Kernspin oder CT und dauert nur etwa 15 Minuten. Nebenwirkungen? Nein, eigentlich nicht. Die von mir dann ausgehende Radioaktivität würde meinen Familienangehörigen nicht schaden. Und mir selbst? Non, normalement non.

Wartenische.

Monsieur Diehl?

Die Schwester fünf Minuten später – immerhin spricht sie meinen Namen richtig aus – geleitet mich in eine Art Labor. Hélène. Infusion in der Ellenbeuge. Die radioaktive Injektion soll jetzt gleich erfolgen, maintenant, kündigt sie an. Auch wenn maintenant im mediterranen Verständnis ganz allgemein eine andere Bedeutungsschwere hat als rechts des Rheins und nicht „Jetzt und Sofort“ heißt, sondern durchaus Spielräume von einer Viertel- bis halben Stunde bietet, steht maintenant im Widerspruch zu der Stunde Wartezeit, von welcher der Doktor eben sprach. Ah, bon, sagt Hélène, hat der Doktor das gesagt? Geht weg. Und kommt nach einer guten halben Stunde wieder. Jetzt wäre es wohl soweit. Na dann. Plaudert noch was. Über meinen Akzent und von wo ich denn käme. Stuttgart? Kennen Sie das? Nein, aber ihr Mann kennt das, der war mit dem Militär damals nicht weit von Stuttgart. Viele Männer dieser Generation scheinen mit dem Militär damals in Kasernen nicht weit von Stuttgart gewesen zu sein. Oder Tübingen. Sigmaringen. Hélène war zwei Mal in Trèves, Trier. Die  Austauschpartnerin, auch die Eltern, sprach so gut Französisch, daß sie nichts gelernt hätte. Überhaupt wären die Franzosen ja so schlecht in Sprachen, stellt sie fest. Was aber auch an dem miserablen Unterricht in der Schule läge. Der durchschnittliche Franzose kokettiert gerne mit der mangelnden Sprachbegabung seines Volks und dem miserablen Unterricht in der Schule. Dann ist genug geplaudert. Es folgt die radioaktive Injektion aus einer monströsen Maschine mit Stahlzylindern. Maintenant. Sieht aus wie ein Modell aus den frühen Anfängen der Nuklearmedizin. Einschließlich der mediterranen Viertelstunde für Jetzt kommt das am Ende schon hin mit der Stunde Einwirkzeit.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre vielleicht doch alles Quatsch, Einbildung, ein Irrtum. Die Hoffnung gehört zu chronischen Krankheiten wie der Horizont zur Wüste. Obwohl ich es natürlich besser weiß. exams_requests-php-1Eigentlich. Hinter dem Horizont geht die Wüste genauso weiter. Insgesamt zuwenig Anreicherung des Isotops, sagt der Nuklearmediziner Doktor C. und wird es auch schreiben in seinem Befund, rechts noch weniger als links. Die Bilder sind der Beweis. Soll die Symptomatik links erklären. Die meisten Nervenfasern aus dem Hirn kreuzen irgendwo auf die Gegenseite. Okay. Ich habe damit gerechnet. Trotzdem, schade.

Freitag

Der Vollständigkeit halber und weil mir eine Freundin von ganz früher, aus der medizinischen Sandkiste quasi, jetzt Neurologin in Berlin, dazu geraten hatte, war ich bei der Echokardiographie. Sie hat sich mittlerweile zwar mehr auf Psychiatrie spezialisiert, hatte aber auch lange mit Parkinson zu tun und Parkinson sei ja das täglich Brot des Neurologen, sagt sie. Die Neurologin sagt, Herzprobleme sollten im Rahmen der Parkinson-Diagnostik ausgeschlossen werden, insbesondere ein Foramen ovale. Das Foramen ovale, lateinisch für ovales Loch, ist ein Loch zwischen zwei Herzkammern, den Vorhöfen. Das Loch braucht man im Mutterleib, solange die Lungen noch nicht in Betrieb sind. Nach der Geburt sollte sich das innerhalb von ein paar Tagen bis Wochen verschließen. Wenn nicht, kann das später zu Schlaganfällen führen. Oder kann eben, wie es scheint, irgendwas mit Parkinson zu tun haben. Habe ich noch nie gehört vorher, wozu aber sonst die Herzdiagnostik? Ich habe der Neurologin in Berlin vielleicht nicht richtig zugehört. Oder nicht richtig nachgefragt. Patienten fragen immer viel zu wenig. Und wundern sich nachher, daß sie nichts verstanden haben.

Patrick B., im Centre hospitalier der Kardiologe meines Vertrauens, macht die Echokardiographie. Patrick B. könnte auch Parkinsonpatient sein. Klarer Fall von Hypomimie, Maskengesicht, charakteristisch für Parkinson. Ich kenne mich damit aus. Patrick lächelt nicht oft. Liegt vielleicht an der knappen Ausstattung seiner Abteilung. Momentan verfügt er zum Beispiel nicht über seine Sonde für transösophageale Echographie. Ist kaputt gegangen, er wartet seit drei Monaten auf Ersatz oder Reparatur. Wir sind eine öffentliche Struktur, vielleicht gibt es gerade nicht genug Geld für die Reparatur. Transösophageal? Eine Sonographie-Sonde für die Speiseröhre, weil man so dem Herzen und insbesondere dem eventuellen Loch noch näher kommt als transthorakal, durch die Brustwand. Gilt wohl als die Methode der Wahl, um das Loch zu finden, wenn es da eines gibt. Patrick hat eine andere Methode, die er der transösophagealen Echographie ohnehin zumindest für ebenbürtig hält, wenn nicht gar überlegen. Vielleicht macht er aus der Not eine Tugend. Die Schwester, Pascale, injiziert mir Flüssigkeit mit winzig kleinen Luftbläschen in die Vene. Kann man in der Echographie sehr schön sehen, die Bläschen erscheinen wie Schneegestöber. Normalerweise nur in den rechten Herzkammern. Wenn da ein Loch ist, auch links. Vier Injektionen. Zwei Mal unauffällig. Und dann doch ein Zweifel. Sind da nicht doch Bläschen links? Sind das vielleicht Artefakte, Fehlmessungen, frage ich. Auf unseren Narkose-Monitoren gibt es ständig Fehlmessungen. Blutdruck 143 zu 132 gibt es nicht, eigenartiges EKG, nein, trotzdem kein Herzstillstand, wahrscheinlich hat sich eine Elektrode gelöst. Patrick aber ist sich ganz sicher: Klares Nein. In der Kardiologie gibt es keine Artefakte. Ein ganz kleines Loch vielleicht. Er wird seinen Freund, den Professor in Marseille fragen. Mein Neurologe hat auch einen Freund in Marseille. Das gehört irgendwie dazu. Und wenn da ein Loch ist, auch ganz klein, wird das abgedichtet und mein Parkinson verschwindet wie von selbst. Bestimmt.

Die Hoffnung gehört zu chronischen Krankheiten wie der Horizont zur Wüste. Irgendwo muß die Oase doch sein.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Rheuma

Donnerstag, Oktober 2016

Rendezvous mit Cathérine M., Neurologin. Consultations externes im großen Krankenhaus von Toulon. Zweite Etage. Ein improvisiertes Büro im Flur der Kardiologie. Außen an der Tür ein Schild mit ihrem Namen. Immerhin. Das Büro ist eigentlich eine Abstellkammer. Zu zwei Dritteln vollgestellt mit allerlei kardiologischer Gerätschaft. Ein Schreibtisch mit Computer und Drucker macht ein Büro daraus. Ich fasse meine Krankengeschichte zusammen. Die Schmerzen im linken Arm vor vier Jahren, die Taubheit in Zeigefinger und Daumen, gehören für mich dazu. Das interessiert sie aber nicht wirklich. So wie mich in der Sprechstunde auch nicht jedes Zipperlein der Patienten interssiert. Ich erzähle vom Zittern neuerdings in der Hand bei bestimmten Bewegungen und der gefühlten Schwergängigkeit im Arm, der verlorenen Geschicklichkeit. Findet sie interessanter. Das Ruckartige beim Beugen und Strecken des Arms. Ist es das, was Zahnradphänomen heißt in der Fachliteratur und bei wikipedia? Sie bewegt den Arm, klopft Reflexe bis Babinski, ich hätte nie gedacht, daß mir das mal außerhalb der Praktika vor dreißig Jahren in echt passieren würde, lässt mich die wenigen freien Meter zur Tür gehen. Das geht noch, findet sie. Tippt Anamnese und Befunde in den Computer. Sie wäre nun nicht die Spezialistin für extrapyramidale Symptomatik, sagt Cathérine, das wäre mehr ihr Chef, der Doktor Frédéric M., der ein Cabinet in der Stadt hat. Ich solle ein IRM cérébral machen lassen, ein Kernspin des Gehirns, und mir beim Chef in der Stadt einen Termin holen. Auch sie selbst würde meinen Fall ihm gegenüber erwähnen, vielleicht sähe sie ihn noch heute. Als ob „mein Fall“ irgendwie besonders interessant wäre. Täte ihr im Übrigen leid, daß sie selbst mir nicht wirklich weiterhelfen könnte, der Doktor M. aber in der Stadt wäre der Spezialist für, sie spricht es am Ende doch aus, sie schien es vermeiden zu wollen und sprach bis dahin von extrapyramidaler Symptomatogie, Doktor M. in der Stadt wäre der Spezialist für Parkinson. Druckt ihren Befund zwei Mal aus, einmal für mich, den anderen gefaltet für ihre Kitteltasche und den Chef, vielleicht. Bon courage sagt sie am Ende.

Was weiß ich schon von Parkinson? Stichwort fallen mir ein: Schüttellähmung, Dopaminmangel, die Substantia nigra im Hirn, wo genau auch immer das sein mag, von der Funktion ganz zu schweigen. Vom Zahnradphänomen bei passiver Bewegung habe ich gehört und von der Trias Rigor, Tremor, Akinese. Vom Pillendreher-Phänomen. Eine chronische Erkrankung bunter Symptomatik von Verstopfung bis Depressionen, unaufhaltsam fortschreitenden Einschränkungen der motorischen Möglichkeiten. Zerfall. Am Ende kann man nicht mal mehr richtig schlucken. Ob das so stimmt?

Montag

Kernspin ist überraschend kurzfristig möglich. Ursprünglich Termin für Dienstag in einer Woche. Das hatte ich schon als kurzfristig empfunden. Eine halbe Stunde später ist nun wirklich sehr kurzfristig. Doktor Michel S. befundet. Alles soweit normal, schreibt er, Zeichen von démyélinisation irgendwo. Was auch immer das bedeuten mag. Der Spezialist demnächst wird das schon wissen. In der Mehrzahl der Fälle, meint Michel S., sollten die klinischen Zeichen die Diagnosestellung erlauben, der Kernspin hat in der Praxis wenig Bedeutung. Warum mache ich das überhaupt? Interessant höchstens zum Ausschluß anderer degenerativer Prozesse im Hirn. Andererseits stellt sich für Doktor S. die Frage nach kardiovaskulären Problemen. Jetzt noch einen Kardiologen fragen? Der findet dann bestimmt auch noch was. Klappenfehler, verkalkte Arterien. Wenn man Krankheiten sucht, findet man auch welche. Und setzt mich unter irgendein Antikoagulans, zumindest ASS 100.

Sonntag

Péridurale stechen geht noch ohne Einschränkung. Mit der linken Hand führe ich die Nadel, halte sie an einem der Flügel. Das geht ohne Zittern, so wie immer. Wird es irgendwann eine letzte Péridurale geben?

Dienstag

Grauer Niesel-Nachmittag. Touristen können sich vermutlich nicht vorstellen, wie trostlos grau die Côte d’Azur im Winter sein kann. Castrop-Rauxel oder Remchingen können trüber nicht sein. Rendezvous bei dem Neurologen um halb drei. Einer der typischen Altbauten der Innenstadt. Links neben dem Eingang eine ausgeuferte Sammlung von Schildern, Ärzte vorwiegend, eine Sprachschule.macia Innen windet sich eine ungepflegte Treppe um einen Zwei-Personen-Aufzug in die Höhe. Dritte Etage. Ein Schild an der Tür, keine Klingel. Dahinter ein Wartezimmer, hoher Raum, groß, drei Fenster gegenüber, rechts eine Tür, weit offen, die Toilette. Wie einladend. Links auch eine Tür, womöglich sitzt da die Sekretärin, mit der ich vor zwei Wochen telefoniert habe. Eichenbohlen-Imitat auf dem Boden. Acht unterschiedliche Stühle, in der Mitte ein flacher Tisch mit zwei Stapeln Zeitschriften. Kein Patient außer mir. Muß ich mich melden links hinter der Tür? Werde ich über Lautsprecher aufgerufen? Oder wird der Doktor mich selbst hereinbitten? Viele Praxen kommen hier ohne Hilfe aus. Der Doktor macht  alles alleine. Vermutlich kostengünstig. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich dabei um eine Maßnahme zur gierigen Gewinnmaximierung handelt oder um wirtschaftlichen Sachzwang. Auch meine Zahnärztin hatte nur ihre Mutter im Eingangsbereich sitzen. Bestimmt kostengünstig. Leider war die Mutter der Grund, den Zahnarzt zu wechseln. Ab und an ein freundliches Wort hätte sich positiv auf die Kundenbindung ausgewirkt.

Ich gebe dem Doktor fünf Minuten. Wenn bis dahin nichts passiert, klopfe ich. Zehn Minuten passiert nichts und ich muß klopfen. Das Zimmer des Doktors ist riesig. Regale, ein Schreibtisch, geschwungen im Viertelkreis, PC, Drucker, Papierstapel, dossiers. Der Doktor sitzt da mit einem älteren Paar. Ob ich Monsieur XY wäre. Nein, ich bin Monsieur Diehl und habe ein Rendezvous um halb drei. Das Rendezvous um halb drei wäre doch annuliert, sagt er, findet mich dann aber doch in seinem PC. Diäl Bertrand? Genau. Naja, fast. In fünf Minuten sei er für mich da. Das kenne ich, das mit den fünf Minuten. Soll einfach nur heißen bestimmt heute noch.

Er stellt mir die üblichen Fragen. Alle medizischen Fachrichtungen stellen ihren Patienten immer wieder die ihnen eigenen gleichen Fragen. Sind Sie nüchtern, haben Sie Ihre Zahnprothesen rausgenommen, das Zungenpiercing? Diese Fragen bekommt ein Patient wahrscheinlich zehn Mal zu hören, bevor er den OP erreicht und ich sie ihm auch noch mal stelle. Die Fragen der lokalen Koryphäe für die Krankheit sind die gleichen wie die der Ärztin im großen Krankenhaus. Fragen, die man sich auch von wikipedia herleiten könnte. Fragen, aus denen sich ausmalen läßt, was noch alles kommen wird. Alpträume, Verstopfung, Schluckstörungen. Mikrographie, Gangunsicherheit. Kleinkritzelschrift und Trippelschritt. Störungen des Geruchsinns. Nichts davon habe ich. Als ich neulich den toten Fuchs begrub, hatte ich den Gestank noch Tage später in der Nase. Er meint vielleicht weniger intensive olfaktorische Exposition. Den Geruch von Oregano sollen Patienten frühzeitig nicht mehr wahrnehmen. Oregano ist das Testaroma. Oregano auf der Pizza zum Beispiel. Diagnosestellung in der Pizzeria. Wenn man kann in der Pizzeria die Quadro formaggi geruchlich nicht mehr von der Diavolo unterscheiden kann, ist man klarer Kandidat für Parkinson. Hyposmie. Meine Frau sagt, sie wüßte auch nicht, wie Oregano auf der Pizza riecht. Die nächste Etappe ist Anosmie, man riecht gar nichts mehr. Weder Katzenpfurz noch Fuchskadaver. Eine kleine Hypomimie hätte ich. Tatsächlich? Ja, das sähe er sofort, geschultes Auge eben, sagt er und lächelt. Na, dann. Ist der Doktorin im Krankenhaus auch schon aufgefallen. Lächelnd. Der medizinische Spezialist gefällt sich mit seinem Auge für Details. Es folgen Übungen, an die ich mich aus dem Studium erinnere. Der Finger-Nase-Versuch. Prüft die Koordination. Finden meine Zeigefinger direkt zur Nase? Daß ich sowas wirklich mal selbst machen müßte! Reflexe und grobe Kraft läßt er aus. Er lässt mich ein paar Mal in seinem riesigen Sprechzimmer auf- und abgehen. Keine Störungen des Gangbildes wird er in seinem Bericht schreiben. Und keine Verminderung der Armschwingung. Schreibt er. Er hat mir nicht zugehört. Genau daran war mir aufgefallen, daß was nicht stimmt. Der Arm links, wenn ich nicht aufpasse, schwingt nicht und winkelt sich ein bißchen zu stark an. So wie in der klassischen Illustration von Sir Richard William Gowers von 1886, die man überall findet, wo es um Parkinson geht.800px-paralysis_agitans_1907_after_st-_leger Ich kann das offenbar ganz gut kompensieren. Wenn ich auf meinen Arm aufpasse, schwingt er schön und winkelt sich nicht so seniorenmäßig an. Mein Arm merkt, wenn er beobachtet wird. War dem geschulten Auge der Koryphäe entgangen. Wenn er mir wenigstens zugehört hätte! Dann prüft er meine Standfestigkeit. Steht hinter mir und schubst mich mal nach vorne, mal nach hinten. Prüft auf posturale Instabilität. Weil die kleinen Stellreflexe zur Haltungskorrektur irgendwann nicht mehr schnell genug funktionieren, fallen die Patienten leichter mal hintenüber, geraten ins Trippeln, stolpern über Teppichkanten. Brechen sich die Hüfte, das Handgelenk, die Nase. Von daher kenne ich solche Leute. Von der Narkose für gebrochene Hüften, Handgelenke, Nasen. Ich kann noch Schnürsenkel schnüren ohne umzufallen. Sogar Socken anziehen. Neulich bin ich mit dem Fahrrad an der Ampel umgefallen, weil ich den Fuß nicht schnell genug aus der Bindung befreien konnte. Muß nichts mit der Krankheit zu tun haben. Das passiert angeblich auch anderen Radlern.

Nachdem er das alles in seinen PC getippt hat, lehnt er sich in seinem Sessel zurück und fasst zusammen. Linksseitiges beginnendes Parkinson Syndrom. Wir brauchen noch ein Scinti Dopa, sagt er. Zur Bestätigung seiner Diagnose. Die sich ohnehin zwar fast ausschließlich klinisch stellt. Die Szinti Dopa lediglich für ein letztes Prozent Restwahrscheinlichkeit, daß es doch was anderes ist. Ein Morbus Wilson zum Beispiel. Was war nochmal ein Wilson? Kann ein paar Wochen dauern für einen Termin im großen Krankenhaus, weiß er aus Erfahrung, weil die das immer nur machen, wenn es mindestens drei Kandidaten gibt. Mit dem definitiven Befund würden wir weiterreden über Therapie und Prognose und so. Gerne aber würde er mich profitieren lassen, er sagt wirklich profitieren, an einer Studie seines Freundes an der Uniklinik von Marseille, dem Professor, ähm, Professor, ihm fällt der Name nicht ein, Alexandre heißt er mit Vornamen, er spricht ihn eben immer nur bei seinem Vornamen an, egal. Zuletzt haben sie sich auf einem Kongress in Berlin getroffen. An einer Studie zu einem neuroprotektiven Medikament soll ich teilnehmen. Neuroprotektiv. Das heißt, die Nerven in der Substantia nigra sollen geschützt werden. Die Krankheit wird angehalten, schreitet nicht weiter fort. Wunderbar. Ist aber nur eine Studie, doppelblind. Wie Alexandres zu testendes Medikament heißt, fällt ihm im Moment leider auch nicht ein. Wo also in der Studie ist der Zugewinn? Wo findet sich der Profit für mich? Und: wie es denn jetzt wohl weitergehen würde? Prognose, Verlauf, Therapie. Das sind die Fragen, die mich wirklich interessieren. Mehr als diese Studie oder das Restprozent. Der Spezialist winkt ab. Das sehen wir, wenn die Scinti Dopa fertig ist. Schade, unbefriedigend. Wahrscheinlich wartet der nächste Patient.

Freitag

„The average life expectancy following diagnosis is between 7 and 14 years“ weiß die englische wikipedia zu Parkinson. „Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Diagnosestellung im Durchschnittsalter zwischen 55 und 65 Jahren beträgt 13 bis 14 Jahre“ – andere Stelle auf die Frage bei google nach der Lebenserwartung. Schöne Aussichten. Ich sollte aufhören zu arbeiten und in Frührente gehen. Zeit für mich, für die Kinder, Zeit mit den Kindern, mit der Mutter der Kinder. Jeden Tag leben als wäre es der letzte. Gelegentlicher Narkosestrich, Vertretungen irgendwo. Bis vor kurzem war ich noch fast unsterblich. Das Ende zumindest nicht so nahe, nicht so greifbar. Zeit genug für Projekte. Und nun körperlicher Abbau wie in freiem Fall. Pflegebedürftigkeit in vielleicht zehn Jahren. Horrorvisionen. Ein paar Aspirationspneumonien. Ernährungssonde. Heimplatz, weil ich die Treppen zuhause schon lange nicht mehr schaffe. Vielleicht kann man im Château den Hausarbeitsraum im Erdgeschoß umbauen in eine Zelle mit Behindertenbadewanne anstelle von Waschmaschine und Kühlschrank. Oder das Château verkaufen. Gegenüber baut die Gemeinde demnächst eine Einrichtung für betreutes Wohnen.

Meine Frau sagt, das mit einer Lebenserwartung von 7 bis 14 Jahren oder so wäre ja wohl Quatsch. Statistik eben, sagt sie, weißt du doch. Da wären ja auch ganz Alte drin. Die ihren neunzigsten Geburtstag ohnehin nicht um mehr als fünf Jahre überleben würden. Und bringt als Gegenbeispiel prominente Patienten. Muhammad Ali zum Beispiel. Vierunddreißig Jahre mit der Krankheit. Oder Michael J. Fox. Ist genauso alt wie ich. Betroffen seit 1990, seit 26 Jahren. Lebt immer noch. In seinem Buch von 2003 – Lucky Man: A Memoir – geht er sogar soweit, die letzten zehn Jahre mit der Krankheit als die besten seines Lebens zu bewerten. Man muß sicher über eine ordentliche Portion Hollywood-Gene verfügen, um solche Statements zu verkünden.

Mittwoch

Vielleicht ist es doch kein Parkinson. Nur keine Panik. Erst, wenn man Symptomen Beachtung schenkt, wachsen sie sich aus zur Krankheit. Wenn man Symptome nicht weiter berücksichtigt, geben sie irgendwann wieder auf und verschwinden, wie sie gekommen sind. Wenn ich jedem Schmerz im Knie, in der Schulter, sonstwo, voreilig Krankheitswert zugestehen würde, hätte mich ein Rheuma zum Beispiel schon längst in ein krummes Häufchen Elend zusammengefaltet.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr