Joker

Bordel à cul de pompe à merde! Hässlicher Fluch, schwer ins Deutsche zu übertragen. Irgendwas mit Puff, Arsch und Scheiße. Hauptsache hässlich. Der Schraubenzieher ist gebrochen. Das ist in der Tat ärgerlich auf halber Strecke. So kann ich nicht arbeiten! Damit hat Jean-Gabriel eigentlich Recht. Hängt womöglich mit der Sparpolitik der Direktion zusammen. So kann man nicht arbeiten. Bordel à cul de pompe à merde! Dies wiederum ist der Grund, warum Patienten zu ihrer Rückenmarksnarkose immer noch ein bißchen was zum Schlafen kriegen. Oder Kopfhörer mit Musik. Oder beides. Bei uns gibt es keine Kopfhörer mit Musik. Von mir kriegen sie was zum Schlafen dazu. Midazolam. Wenn der Notdienst-Handwerker beim Schrauben an meiner Waschmaschine üble Flüche ausstößt oder Werkzeug wirft, ist das wenig vertrauensbildend. Ich wünsche mir ja auch nur, daß am Ende alles gut ist.

Donnerstag Nachmittag.

Der einzige Vorteil, wenn ich Dienst habe, besteht in der gelegentlichen Option auf Zeitfenster. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schreiben, Nichtstun. Habe ich zuhause eher selten mal, diese Option. Immer ist irgendwas. Hausaufgaben, Wäsche, Kochen, Taxidienste zum und vom Sport. Oder Maschine kaputt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nichtstun, fällt bestimmt meiner Frau was ein. Irgendeine Glühbirne ist immer kaputt. Manchmal sogar Zeit mit den Kindern. Ist auch schön. Im Krankenhaus entsteht die Option auf Zeitfenster, Zeit für mich, aus der Wartezeit auf ein Ende. Jede Operation kommt zu einem Ende, früher oder später, so oder so. Wir haben eine Hüfte angefangen. Eine Hüfte. Sagt man so, ist natürlich Jargon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Ist eine Aktion bar jeglicher erotischer Konnotation. Jargon. Hüfte angefangen heißt wir haben die Osteosynthese des gebrochenen Oberschenkelknochens einer älteren Dame angefangen. Rechts. Rückenmarksnarkose, Midazolam zum Schlafen für den Fall, daß jemand übel fluchen muß. Jean-Gabriel, der Unfallchirurg wird der älteren Dame einen Nagel einschlagen ins obere Ende ihres Oberschenkelknochens und verschrauben. Das stabilisiert den abgebrochenen Femurkopf auf dem Schaft. Ist technisch einfacher und meist weniger blutig als eine Prothese. Kann auch der handwerklich mittelmäßig begabte Orthopäde, weil er fast ohne räumliches Vorstellungsvermögen auskommen kann. Die meisten Orthopäden müssen mit wenig räumlichem Vorstellungsvermögen auskommen. Für den Nagel muß man die Fragmente unter Röntgenkontrolle nur mal richtig zueinander stellen, reinschlagen, fertig. Hautnaht. Zweiundvierzig Minuten, sagt Jean-Gabriel, von Schnitt bis Hautnaht. Option auf zweiundvierzig Minuten Zeitfenster. Seine zweiundvierzig Minuten entsprechen tatsächlich oft chronologischen zweiundvierzig Minuten. Wenn es keine Probleme mit dem Material gibt. Dem Schraubenzieher zum Beispiel. Häufig entspricht die Chirurgen-Minute mindestens zwei Echtzeit-Minuten. Auch wenn es keine Probleme mit dem Material gibt. Jean-Gabriel hat klare Vorstellungen von der räumlichen Konstellation. Das ist hilfreich.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind nochmal. Jean-Gabriel, Christine, Solène und ich. Jargon, wie gesagt, kein intimer Swingerkreis. Dem Kind sollten früher am Nachmittag zwei Schrauben aus dem Bein entfernt werden. Auch rechts. Voraussichtlich zwölf Minuten, 54 Sekunden, sagte Jean-Gabriel. Narkose, Schnitt. Die erste Schraube kein Problem. Dann brach der Schraubenzieher – medizinisches Spezialgerät im Wert von vermutlich 180 Euro – auf halber Strecke der zweiten. Der oben zitierte hässliche Fluch an dieser Stelle. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vorrätige Schraubenzieher mußte erst sterilisiert werden. Dauert, bis auch die letzte denkbare Mikrobe wirklich tot ist, fast zwei Stunden. Das Bein wurde wieder zugenäht und das Kind wachgemacht. Mußte sich von Mama solange im Aufwachraum trösten lassen. Zeit genug für erstmal die Hüfte. Jean-Gabriel hätte die Schraube am Kind lieber auf morgen Früh verschoben. Stieß auf vehementen Protest seitens des beiteiligten Personals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis morgen Früh warten wollen mit der zweiten Schraube an meinem Kind halb draußen. Acht Zentimeter lang die blöde Schraube immerhin. Halb draußen tut zudem auch weh.

Ab 22 Uhr bin ich müde. Und brauche auch keine Optionen auf Zeitfenster mehr. Es reicht. Viel mehr als eine theoretische Option auf Zeitfenster, Zeit für mich, ergab sich bis dahin an diesem Donnerstag nicht. Aber schließlich werde ich auch nicht für Optionen auf Zeitfenster bezahlt. Kein Zeitfenster während der zweiundvierzig Minuten für die Hüfte und auch nicht während der dreißig für die Schraube, nicht dazwischen und auch nicht danach, fast wie zuhause. Immer irgendwas. Das Telefon alle zehn Minuten. Die Schwester von Normalstation, Monsieur X hat Schmerzen. Der Pfleger von meiner Station für Mittelschwerkranke, der Hämoglobinwert von Madame Y bei 7,2. Morphium, Blutkonserven. Die Hebamme, une petite péridurale pour une petite primi, kleine PDA für kleine Erstgebärende, bitte. Immer, wenn sonst Ruhe ist, findet die Hebamme noch was. Fast wie zuhause meine Frau. Und umgekehrt. Wenn die Hebamme endlich alle ihre Péridurales hat, meldet sich ein Pfleger. Oder der junge Kollege aus den Urgences, aus der Notaufnahme, um mir einen seiner Patienten auf meine Station zu verkaufen. Letzterer zögert allerdings gerne bis halb zwei Uhr morgens.

Manchmal habe ich das Gefühl, da müßte eine Webcam sein oder so, die mich immer beobachtet. Und wenn ich endlich in meinem Bett liege, endlich gerade das Licht ausgemacht habe, schickt sie den jungen Kollegen aus den Urgences ans Telefon. Der junge Kollege aus den Urgences ist der ultimative Joker. Das fühlt sich dann so an wie ein gebrochener Schraubenzieher.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Version mit 3 450 Zeichen für Aila, für die Januar-2017-Ausgabe

Das Schöne in der Anästhesie ist die Option auf Zeitfenster. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schreiben, Nichtstun. Ja, ehrlich. Habe ich zuhause eher selten mal, diese Option. Immer ist irgendwas. Hausaufgaben, Wäsche, Kochen, Taxidienste zum und vom Sport. Oder Maschine defekt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nichtstun, fällt bestimmt meiner Frau was ein. Irgendeine Glühbirne ist immer kaputt. Im Krankenhaus entsteht die Option auf Zeitfenster aus der Wartezeit auf ein Ende. Jede Operation kommt zu einem Ende, früher oder später, so oder so.

Wir haben eine Hüfte angefangen. Sagt man so, ist natürlich Jargon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Kind machen ohne erotische Konnotation. Hüfte angefangen heißt wir reparieren den gebrochenen Oberschenkelknochen einer älteren Dame. Rückenmarksnarkose, dazu was zum Schlafen für den Fall, daß jemand übel fluchen muß. Jean-Gabriel, der Unfallchirurg wird der älteren Dame einen Nagel einschlagen ins obere Ende ihres Oberschenkelknochens und verschrauben. Zweiundvierzig Minuten, sagt Jean-Gabriel. Option auf zweiundvierzig Minuten Zeitfenster. Seine zweiundvierzig Minuten entsprechen tatsächlich oft chronologischen zweiundvierzig Minuten. Wenn es keine Probleme mit dem Material gibt. Mit einem Bohrer zum Beispiel. Oder dem Schraubenzieher.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind nochmal. Dem Kind sollten früher am Nachmittag zwei Schrauben aus dem Bein entfernt werden. Auch rechts. Voraussichtlich zwölf Minuten, 54 Sekunden, sagte Jean-Gabriel. Narkose, Schnitt. Die erste Schraube kein Problem. Dann brach der Schraubenzieher – medizinisches Spezialgerät – auf halber Strecke der zweiten. Bordel à cul de pompe à merde! Hässlicher Fluch, kaum zu übersetzen. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vorrätige Schraubenzieher mußte erst sterilisiert werden. Dauert, bis auch die letzte denkbare Mikrobe wirklich tot ist, fast zwei Stunden. Sarah, das Kind, mußte sich solange von Mama im Aufwachraum trösten lassen. Jean-Gabriel hätte die Schraubenentfernung lieber auf morgen Früh verschoben. Hatte keine Lust mehr. Stieß auf vehementen Protest seitens des beiteiligten Personals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis morgen Früh warten wollen mit der zweiten Schraube an meinem Kind halb draußen. Acht Zentimeter lang die blöde Schraube immerhin. Tut ja auch weh, halb draußen.

Leider ergeben sich nicht immer Zeitfenster. Aber schließlich werde ich auch nicht für Optionen auf Zeitfenster bezahlt. Immer kann was irgendwas sein. Das Telefon alle zehn Minuten. Eine Schwester aus der Inneren, Monsieur X hat Schmerzen. Der Pfleger in der Chirurgie, der Hämoglobinwert von Madame Y bei 7,2. Morphium aufschreiben, Blutkonserven verabreichen. Immer, wenn sonst Ruhe ist, findet die Hebamme noch was, une petite péridurale pour une petite primi zum Beispiel, eine kleine PDA für eine kleine Erstgebärende, bitte.

Oder der junge Kollege aus den Urgences, aus der Notaufnahme, um mir einen seiner Patienten auf meine Station zu verkaufen. Der wartet allerdings gerne bis halb zwei Uhr morgens. Manchmal habe ich das Gefühl, da müßte eine Webcam sein oder sowas, die mich immer beobachtet. Und auf den Moment wartet, bis ich in meinem Bett liege, endlich gerade das Licht ausgemacht habe. Dann schickt sie den Joker ans Telefon. Wenn Pfleger, Schwestern und Hebammen schon lange schlafen, holt mich die Webcam in die Urgences. Laut fluchen hilft ein bißchen.

Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens

Kommende Woche, ab morgen, habe ich meine griechische Woche. Griechische Woche? Der Begriff hat hier nur wenig kulinarischen Hintergrund. Ist – ich gebe es zu, ich schwimme da völlig unbefangen auf der aktuellen Woge eines Vorurteils – eine Steigerungsform der südfranzösischen Version zur lokalen Arbeitsmoral. Arbeit dabei in Anführungszeichen – „Arbeit“. Travailler – wörtlich: arbeiten – hat im südfranzösischen Sinn außer Abwesenheit von zuhause wenig gemein mit der germanischen Vorstellung von Arbeit. Im Rahmen der griechischen Woche in der mediterranen Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens ist der betroffene Kollege für die anästhesiologische Visite auf den chirurgischen Stationen zuständig. Wir haben eine viszeralchirurgische Station mit vielleicht dreißig Betten und eine orthopädische Chirurgie. Auch dreißig Betten. Kaputte Hüften, Handgelenke. So Sachen. Anästhesiologische Visite also auf chirurgischen Stationen.

Visite?

Die Abteilung für Anästhesiologie kümmert sich um das Kalium, die Diurese und den Schmerz auf chirurgischen Stationen. Weil der Chirurg keine Ahnung hat von Elektrolyten, Lasix und Schmerztherapie jenseits von Parazetamol. Oder keine Ahnung haben will davon. Keine Ahnung haben wollen paßt zur südfranzösischen Mentalität. Zur griechischen gehört zusätzlich der Anästhesist. Facharzt. Beamter. Vollzeit. Der Auftritt des fachärztlichen Vollzeitbeamten mit anästhesiologischem Hintergrund – Kalium, Lasix, Morphium – findet gegen zehn Uhr statt. Vorher ist sinnlos, weil es da noch keine Laborwerte gibt. Die Visite findet am Computer statt. Mit einer Schwester. Dauert normalerweise um die 15 (in Worten: fünfzehn) Minuten. In der Knochenchirurgie. In der Viszeralchirurgie besteht sie aus einer simplen Frage: Gibt es was für mich? Worauf die betroffene Schwester die Liste ihrer Patienten kurz überfliegt und auf die bekannten Kriterien – Kalium, Diurese, Morphium – prüft. Meistens fällt ihr nichts ein. Eine Minute dreißig. Mit Küßchen links, rechts und drei Worten zum Wochenende, je nach Schwester, kommen fünf Minuten dazu. Sozialer Kontext. Das gehört zur Anästhesiologie. Das können wir im Prinzip ganz gut. Gehört auch zum Beamtenstatus. Und zur südfranzösischen Mentalität. Zur griechischen sowieso.

Visite ist einfach und kurz.

Wissen alle, würden meine Kollegen aber nie zugeben. Im Gegenteil. Burnout auf chirurgischen Stationen der Grundtenor. Vielleicht haben sie für sich persönlich recht. Das liegt aber vermutlich daran, daß sie das mit dem sozialen Kontext nicht ausreichend beherzigen. Stattdessen rumschreien. Wofür auch immer. Weil gerade keine Schwester für sie Zeit hat, erst noch die chirurgische Konkurrenz küssen muß. Oder die Laborwerte noch nicht ausgedruckt sind. Sowas. Es geht ums Prinzip. Auch als Anästhesist bin ich Arzt und schon alleine deshalb irgendwie Chef. Rumschreien ist anstrengend und führt nicht weiter.

Aufwendig, richtig aufwendig kann es werden, wenn man noch prämedizieren muß. Planeingriffe für morgen oder sonstwann. Für die Notfälle – heute irgendwann – bin ich nicht zuständig. Das Nichtzuständigsein ist schön und paßt zum Beamtenstatus. Der Klassiker, wie in der Behörde, nicht Zimmer A35 oder C17, sondern B16. Und die Sachbearbeiterin in B16 weiß gar nicht, kann vielleicht gar nicht wissen, worum es gerade geht. Wenn sie überhaupt da ist. Damit kann man Chirurgen zum Weinen bringen. Sogar südfranzösische. Ich bin nicht zuständig. Wer denn? Keine Ahnung. Ruf‘ doch mal im Aufwachraum an. Im Aufwachraum geht fast nie jemand ans Telefon.

Zwei, drei ernstgemeinte Prämedikationen können einen dagegen ganz schön aus dem Timing bringen. Wenn sie nicht wirklich dringend sind, kann man sie allerdings auch noch auf morgen verschieben.

Gutes Timing in der griechischen Woche heißt Mittagessen zuhause. Hier kommt der kulinarische Aspekt rudimentär ins Spiel. Zwölf Uhr spätestens also an der Schranke zum Ärzteparkplatz. Im Auto. Die Schranke im Rückspiegel. Zuhause unbedingt das Telefon im Auto vergessen!

Abends muß man dann allerdings noch mal hin. Planmäßig aufgenommenen Patienten für morgen bonjour sagen, Fragen beantworten, mitgebrachte Laborwerte angucken und sagen, daß alles gutgehen würde. Bonne nuit. Halbe Stunde. Einschließlich sozialem Kontext mit der Spätschicht. Eine Stunde mit An- und Abreise.

Zuhause, zwischen den Visiten, Zeit genug für Mittagessen in der Sonne. Ausgiebige Sieste. Vielleicht ein bißchen Haushalt, Einkäufe. Später Feinschliff an den Hausaufgaben der Kinder. Mittwoch habe ich ohnehin frei. Macht geschätzt immerhin elf Wochenstunden. Wird aber gezählt wie fünfunddreißig. Wenn das nicht griechische Zustände sind?

Kann ich gut, die griechische Woche gefällt mir. Geht auch als Alleinerzieher, wenn zum Beispiel die Mutter meiner Kinder Dienst hat, auf Fortbildung ist oder in Fernost Humanitärmedizin betreibt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr