50.000 Euro

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Ist nicht so peinlich wie der des Kinderarztes neulich. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient in Narkose ist. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um, arbeitet Checklisten ab. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten, dem Techniker, der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein, der Pilot. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder das ZEIT Magazin lesen, Fachliteratur. Kann an Rädchen drehen, Knöpfe drücken. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Den Blutdruck aufschreiben und den geschätzten Blutverlust. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch interessierte Fragen stellen, warum blutet das da so, hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze. Bei google findet man immer wieder diesselben. Je öfter man sie findet, desto langweiliger werden sie.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Tröstlicher Zuspruch gehört auch zu unseren Aufgaben. Verständnis für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Oft sind deren Arbeitsbedingungen nicht so gut, manchmal unter aller Sau. Das Licht schlecht eingestellt. Ich kann so nicht arbeiten. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. So kann das ja nichts werden. Da kann man schon mal nervös werden als Chirurg. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg ganz ernsthaft, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Na, sowas! Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Zuversicht. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Hosentaschen.

Nacima fand den Witz des Kinderarztes übrigens unglaublich komisch. Konnte sich gar nicht wieder einkriegen. Tränen tropften auf die Geburtsmeldung, Name des Vaters. Als ob ihr aus dem Witz eine neue Erkenntnis entstanden gewesen wäre. Im Kopf von Männern ist nichts. Gar nichts. Sogar der einsame Spermatozyt ist fehl am Platze. Hallo? Hallooo? Ist da niemand? Der Mann denkt vorwiegend unterhalb der Gürtellinie. Naja, wenn man das denken nennen kann. Vielleicht stellte sich Nacima den einsam durchs Vakuum unter der männlichen Schädeldecke schwänzelnden Spermatozyten vor. Mit großen, angstgeweiteten Augen. Haallooo? Ich ging dann lieber nochmal meine Zweitgebärende gucken. Ob meine Péridurale auch den gewünschten Effekt gebracht hätte. Danach waren sie beide weg, der alternde Pädiater und Nacima auch. Ich habe sie nicht gesucht. Geht mich ja nichts an.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, grauer Star, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Nicht weiter schlimm. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Blutdruck rauscht ab. Der Chirurg kollabiert. Das EKG verändert sich, das Herz des Patienten wird zu schnell oder zu langsam. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen Pilot oder Anästhesist ihr Sudoku weglegen, die lästigen Alarme ausstellen und andere wichtige Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in meiner ersten Stelle fasste der Oberarzt zusammen, sein zweiter Lehrsatz: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

Die Lösung: der schlechte Anästhesist. Der schlechte Anästhesist kriegt die Kohle. Weil: einen guten gibt’s nicht. Hahaha. Der Internist ist zu langsam. Bis der mal fertig gedacht und allerlei Eventualitäten abgewogen hat, haben schon längst andere zugegriffen. Hahaha. Und der Radiologe? Macht doch für sowenig Geld keinen Finger krumm. Und nochmal: Hahaha. Der is gut, was? Kann man mit allen möglichen medizinischen Spezialitäten machen. Geht zum Beispiel analog mit Chirurg, Psychiater und Pathologe. Wie’s halt gerade passt.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Für Aila, September-Heft der RivieraZeit, 3.986 Zeichen:

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient schläft. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten und der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder in der RivieraZeit blättern, Fachliteratur studieren. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Verständnis gehört zu unseren Kernkompetenzen. Für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Manchmal sind die Arbeitsbedingungen nicht so gut. Das Licht schlecht eingestellt. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. Ich kann so nicht arbeiten. Da kann man schon mal nervös werden. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Kitteltaschen.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Chirurg kollabiert. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen wir unser Sudoku weglegen und Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in der Anästhesie fasste der Oberarzt zusammen: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

 

 

 

Narkoseprimat

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Gaby! Hol‘ dem jungen Kollegen doch mal einen Hocker!

Kann der junge Kollege das nicht selber? Hat der junge Kollege keine Beine? Soll er sich doch einen aus Saal vier holen!

Jan sitzt schon auf dem letzten Dreh-Roll-Hocker im Saal. Saal drei. Auf dem Anästhesie-Dreh-Roll-Hocker direkt vor der Narkosemaschine. Die Chirurgen brauchen ihre Hocker selbst. Die Chirurgen im Saal sind Gefäßchirurgen und operieren Krampfadern. Das kann Stunden dauern. Da muß man sitzen. Die in Saal vier hämmern an einer Hüftprothese. Hämmern an der Hüfte kann man im Sitzen nicht so gut. Die brauchen ihre Hocker nicht.

Den bringst du uns aber nachher wieder, sagt eine Schwester mit braunen Augen, die ich noch nicht kenne. Wahrscheinlich eine Op-Pflegerin. Die Haare unter der Haube versteckt und die Maske vor Mund und Nase. Da kann man nur die Augen sehen. Anästhesieschwestern lassen die Maske eher mal unter dem Kinn baumeln.

Jan ist groß und blondlockig. Tendenziell übergewichtig. Nicht wirklich fett, nur etwas schwabbelig. Er ist an meinem ersten Arbeitstag Oberarzt geworden. Im katholischen Hospital im südöstlichen Grüngürtel des Ruhrgebiets. Soll mich durch diesen Tag führen. Hat mir gerade gezeigt, wie eine Spinalanästhesie gestochen wird.

Den Patienten aufsetzen, den Rücken rund machen lassen, zwischen zwei Wirbeln, genauer den Dornforsätzen zweier Wirbel, die am besten scheinende Punktionsstelle finden. Möglichst tief im Lendenbereich. L3/L4 sagt das Lehrbuch. Entspricht ungefähr dem Niveau einer Waagerechten zwischen den Beckenkämmen. Leicht schräg nach oben, kopfwärts durch die Haut stechen. Piekst mal kurz, nicht bewegen! Langsam weiter, bis Liquor aus der Nadel tropft. Klare Flüssigkeit. Lokalanästhetikum injizieren. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Fertig. Nadel raus, Pflaster. Der Patient darf wieder liegen. Ein Drei-Minuten-Eingriff. Kreislaufüberwachung. Manchmal stürzt der Blutdruck ab.

Die nächste machst du.

Jetzt sitzen wir. Jans erster Lehrsatz zum Berufsbild des Anästhesisten: Anästhesie ist eine sitzende Tätigkeit. Wenn die Spinalanästhesie erstmal gestochen ist, der Patient in den Saal geschoben und an die Überwachungsmaschine angeschlossen, setzt sich der Anästhesist ans Kopfende des Patienten, kontrolliert und protokolliert die Vitalparameter. Alle fünf Minuten misst die Maschine den Blutdruck. Auf einem Formular mit skaliertem Karobereich in der Mitte wird der systolische Blutdruck als kleiner nach oben offener Winkel eingetragen, der diastolische als kleiner nach unten offener Winkel. Die beiden Winkel werden grafisch verbunden. Zwei Winkel, ein Strich. Dazu die Herzfrequenz. Wird auch von der Maschine angezeigt, grüne Zahl auf schwarzem Hintergrund. Direkt neben dem EKG. Grüne Kurve. Dazu blinkt ein grünes Herz. Synchron zum grünen Herzen ein Piepton. Auf dem Protokoll wird die Zahl der Herzfrequenz ein Punkt im Karoraster. Manche Kollegen machen auch kleine Kreuze. Die Punkte oder Kreuze werden ihrerseits grafisch verbunden. Noch ein Strich. Außerdem wird notiert, was du wann gemacht hast, sagt Jan. Aus forensischen Gründen. Wenn was schief geht, hat das Narkoseprotokoll Beweiskraft. Aufschreiben, was du wann gespritzt hast und wieviel. Und wenn die Chirurgen anfangen. Schnitt. Und wenn sie fertig sind. Hautnaht. Und wenn sonst irgendwas ist. Herzstillstand oder so. Oder wenn der Chirurg ein Messer oder eine blutige Kompresse nach dir wirft.

Du schreibst, sagt Jan, ich habe schon so viel Striche gemalt in meinem Leben.

Mein erster Blutdruck 143 zu 78. Zwei Winkel, ein Strich. Die Pulsfrequenz 72. Ein Punkt.

Wenn du Glück hast, löst dich Gaby auf einen Kaffee ab.

Ich stelle Jan ein paar interessierte Fragen, was ich außer Strichen und Punkten malen noch zu machen hätte. Wenn zum Beispiel der Blutdruck nicht mehr normal wäre. Oder die Herzfrequenz. Diese Art Fragen scheinen Jan nicht wirklich zu interessieren. Bei Varizen passiert nichts, sagt er. Am Anfang höchstens, nach der Spinalen. Kann der Blutdruck abrauschen, wie gesagt. Dann machst du ein bißchen Akrinor.

Jan redet lieber über seine, über unsere Kollegen. Den Chef, Udo S., zum Beispiel. Den man nach der Frühbesprechung eigentlich nicht mehr sieht. Höchstens kurz zur Narkoseeinleitung bei Privatpatienten. Macht kleine Lokalanästhesien an der Stelle für die Infusion. Kann er extra abrechnen. Fünfzehn Mark. Ich betäube Sie jetzt, sagt er dann. Udo findet man so gut wie nie auf dem Dreh-Roll-Hocker vor der Narkosemaschine. Das mit den Strichen und den Punkten muß ein Oberarzt übernehmen. Striche und Punkte sind abrechnungstechnisch nicht weiter relevant. Manchmal trinkt er Kaffee in der Kaffeeküche. Wenn es zum Beispiel noch weitere Privatpatienten zu betäuben gibt. Oder die junge Oberärztin der Gynäkolgie auch gerade Kaffee trinkt. Zum Mittagessen fährt er nach Hause. Der Porsche muß bewegt werden. Sagt Udo. Hessischer Akzent.

133 zu 71. Zwei Winkel, ein Strich. Das Herz bei 69. Punkt, kleiner Strich. Das wird schön!

Die Anästhesie ist eine Berufgruppe mit hohem Ausländeranteil, sagt Jan. Hast du ja gesehen heute morgen. Er persönlich hätte nichts gegen Ausländer. Der andere Oberarzt ist Türke. Mehmet K.. Seit sechzehn Jahren im katholischen Hospital. Mehmet K. hat mich freundlich begrüßt und uns gute Zusammenarbeit gewünscht. Mehmet K. ist einen halben Kopf kleiner als ich trotz extrahoher Holzpantinen. Schwerer Akzent. Ich habe auch nichts gegen Ausländer. Mehmet K. fährt Daimler, sagt Jan. Mit Sitzkissen, weil er sonst nicht über das Lenkrad gucken könnte. Und wenn er sich aufregt, versteht man kein Wort mehr. Vor sechzehn Jahren hätte noch niemand Anästhesie machen wollen. Deswegen mußte das Krankenhaus Mehmet K. importieren. Und das als erzkatholische Institution! Wo noch immer Nonnen mit weißen Häubchen über die Flure huschen!

124 zu 78. Zwei Winkel, ein Strich. 61. Ein Punkt.

Andrea A. ist Italiener. Hat mich heute morgen auch sehr freundlich begrüßt. Mit charmantem rollendem R. Viel Spaß würde ich hier haben. Mehmet und Andrea sprechen schon seit Jahren nicht mehr miteinander. Nur das Allernötigste. Andrea sei schwul. Er persönlich hätte nichts gegen Schwule. Sagt Jan. Schwul paßt natürlich überhaupt nicht in Mehmets Weltbild. Für Andrea ist Mehmet der Kollege ohne Pelle. Ohne Pelle? Na, beschnitten eben. Ohne Vorhaut. Wie alle Türken. Die Ausländer brauchen die Deutschen gar nicht immer, um gehaßt zu werden. Das können sie auch untereinander.

Lilliane S. allerdings sei allseits beliebt. Lilliane ist polnischer Herkunft. Hatte es schwer mit der Facharztprüfung. Sprachliche Hürden. 16 Jahre nach Mehmet dürfen Sprachkenntnisse ein Kriterium sein. Hat sie aber vor einem halben Jahr geschafft. Mußte mich küssen zur Begrüßung. Mußt du nicht rot werden, sagte sie. Das ist so bei uns. Und so jung bist du. Bist du schon verheiratet?

127 zu 73. Zwei Winkel, ein Strich. 64. Ein Punkt.

Monika M. und Sylvia B. sind deutsche Kolleginnen. Monika hat was Mütterliches. Nickte mir aufmunternd zu. Wird schon, wir haben alle mal klein angefangen. Sylvia ist zur Zeit im Urlaub. Wird auch das blonde Gift genannt. Warum würde ich schon selbst früh genug herausfinden. Versucht seit Jahren, schwanger zu werden. Erfolglos. Kein Wunder, sagt Jan. Er hat sich inzwischen die Maske von Mund und Nase gezogen. In seinen Mundwinkeln hat sich beim Reden Schaum gesammelt. Kleine Speicheltropfen regnen auf das Narkoseprotokoll und auf mein Grünzeug.

124 zu 69. Zwei Winkel, ein Strich. 62. Punkt, Strich.

Herr Wolters schläft. Er hat von Gaby noch fünf Milligramm Midazolam bekommen. Und eine Sauerstoffmaske. Habe ich aufgeschrieben. Unter 8:15 Uhr. Dormicum 5 mg. Und O2 zwei Liter pro Minute.

Sind fünf Milligramm nicht ein bißchen viel für einen Herrn über siebzig?

Das machen wir immer so. Dafür kriegt er ja auch den Sauerstoff. Und damit verschwindet Jan. Jetzt weißt du erst mal das Wichtigste. Und immer schön alles aufschreiben. Und wenn was ist, rufst du Gaby. Die ist Fachschwester. Die kann dir immer helfen. Ich muß jetzt weiter.

118, 62, 63. Striche, Punkt.

Können Sie mal was gegen das Schnarchen machen? Bei diesem Lärm kann kein Mensch arbeiten! Der chirurgische Oberarzt hat was zu mäkeln.

Keine Ahnung, was ich gegen das Schnarchen machen soll. Herr Wolters schläft eben. Muß ich was gegen das Schnarchen machen? Gibt es in meinen Medikamenten-Schubladen was gegen Schnarchen? Gaby ist irgendwo draußen. Im Vorraum? Auf dem Flur? Saal vier? Beim Kaffeetrinken? Unsichtbar.

Herr Wolters hat eine ordentliche Portion Dormicum gehabt. Da würden Sie auch schnarchen. Wenn er kein Dormicum gehabt hätte, würde er Sie vollquatschen.

So schnarchen geht auch nicht. Wir können so nicht arbeiten. Holen Sie Ihren Oberarzt, wenn Sie nicht weiterwissen!

Jan würde sagen, das ist jetzt nicht dein Ernst. Wahrscheinlich würde er Herrn Wolters auf die Stirn klopfen und ihn ansprechen. Oder umgekehrt.

Herr Wolters?

Was, schon fertig?

134 zu 87. Winkel, Strich. Punkt bei 89.

Ziemlich langweilig. Vielleicht doch lieber kleine Kreuze statt der Punkte für die Pulsfrequenz? Schöner eigentlich. Ich entscheide mich für Kreuzchen. An ihrem ersten Tag auf dem Dreh-Roll-Hocker treffen angehende Ärzte für Anästhesiologie und Intensivmedizin Entscheidungen fürs Leben. Kreuzchen statt Punkte.

Na, Herr Thiel, haben Sie sich schon gut eingelebt? Der Chef. Wünscht den chirurgischen Kollegen einen guten Morgen, wirft einen Blick auf meine Striche. Anästhesist: DIEHL, AiP, steht da. In Großbuchstaben. Gut lesbar. Udo S. wird mich bis auf zum Ende meiner achtzehn Monate in seiner Abteilung mit Herr Thiel ansprechen. Und das, obwohl er mich selbst eingestellt hat. So wie er ein neues Muskelrelaxanz – Tracrium – unerbittlich und unbelehrbar Trazitum nennen wird. Er ist der Chef.

Auch er weist mich auf die Wichtigkeit des Narkoseprotokolls hin und insbesondere dessen Lesbarkeit. Wenn man fünf Milligramm Dormicum um 8:15 Uhr intravenös verabreicht hat, sollen auch Gutachter und Richter klar erkennen können, daß man fünf Milligramm Dormicum um 8:15 Uhr intravenös verabreicht hat. Gutachter und Richter? Nun ja, manchmal ginge in der Anästhesie ja auch mal was schief. So wie überall in der Medizin. Und Patienten würden klagen. Oder Angehörige. Manchmal zu Recht. In der Anästhesie wären allerings meist die Chirurgen schuld, wenn Patienten Schaden nähmen. Manchmal würde der Anästhesist seinerseits nicht ausreichend oder falsch auf die Fehler oder Komplikationen des Chriurgen reagieren. Das wäre immerhin unsere Aufgabe. Das Wohlergehen des Patienten trotz seiner Vorkerkrankungen sicherzustellen. Dormidandes brodego, sagt der Chef. Er meint eigentlich: Dormitantes protego – ich schütze die Schlafenden. Geht auf Hessisch nicht so gut. Wir passen auf die Kranken auf, sagt er. Bringen sie lebend und am besten wohlbehalten durch ihren Eingriff und die Tage danach. Trotz ihrer vielleicht schwerwiegenden Operation. Und trotz ihrer Chirurgen.

Da muß ich aber mal Einspruch erheben, Herr S.! Der Einspruch kommt von jenseits des grünen Tuchs. Der Oberarzt der Chirurgen hat aufmerksam gelauscht. Und nimmt die Provokation von Udo S. auf. Wenn Sie den Leuten Zähne rausbrechen, weil Sie nicht intubieren können, oder wenn sie Ihnen totgehen, weil Sie mal wieder zuviel oder zuwenig von irgendwas spritzen, können wir nichts dafür!

Sie können aber was dafür, wenn wir den Leuten wegen einer Operation der Krampfadern drei Tüten Blut geben müssen und die dann an AIDS verrecken. Oder Ihnen die Bauchaorta drei Tage später hochgeht, weil sie an den Nähten gepfuscht haben.

Ist alles gut soweit, Herr Wolters?

Wiebitte?

Herr Wolters hat satt Dormicum gehabt. Selbst wenn er was hört, wird er sich an nichts erinnern. Anterograde Amnesie. Gaby weiß schon, warum sie immer soviel Dormicum spritzt. Dormicum ist ein Wundermittel.

Das ist das Schöne in der Anästhesie. Wir haben eine ganze Reihe von Wundermitteln. Wundermittel, die sofort wirken. Und immense Wirkungen entfalten. Sofort und immens. Nicht so wie in der inneren Medizin, wo man immer erst nach ein paar Tagen beurteilen kann, ob ein Medikament ungefähr die Wirkung hat, die man sich davon verspricht.

Und wir können sitzen dabei. Zeitung lesen. Kreuzworträtsel lösen. Tetris spielen.

Am frühen Nachmittag kommt der Chef nochmal vorbei. Ich sitze inzwischen an einer Vollnarkose. Frau Schneider. Auch Krampfadern. Kreuze und Striche. Der Chef blockiert meine interessierten Fragen zu den unterschiedlichen Inhalationsanästhetia schnell mit seinem vermutlich einzigen Lehrsatz: Jedem Primaten kann man Anästhesie beibringen. Anästhesie ist eigentlich was für Sonderschüler. Kann auch seine Version von diskreten Vorbehalten gegen die Ausländer sein, mit denen er leben muß. Ein Türke, dessen Sätze nun gar nicht mehr funktionieren, wenn er sich ärgern muß. Ein schwuler Italiener, der in jedem zweiten Satz die vermutlich fehlende Vorhaut des Oberarztes erwähnt. Eine küssende Polin. Neulich war er übers Wochenende in Tschechien. Für fünf Mark kannst du da alles haben, sagt er. Udo S. macht keinen Unterschied zwischen Polinnen in seiner Abteilung und Tschechinnen am Straßenrand. Für das, was er für fünf Mark kriegen kann, braucht es keine Sprache. Im katholischen Hospital am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets ist Udo S. der Chef. Und damit per definitionem eine Art Herrenmensch. Ein Primat der besseren Sorte. Sogar als Homo sapiens besser. Verdient vermutlich das Zwanzigfache meines Anfängergehalts. Und das muß ja auch einen Grund haben. Wer Chef ist, ist Chef, weil er gut ist. Und wer gut ist, verdient auch gut. Vermutlich stehe ich in seinem Weltbild in einer Reihe mit Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans. Und wahrscheinlich kann er sich auch Paviane und Lemuren als Narkosegeister vorstellen. Grünzeug an, Haube, Maske. Auf die Sprache kommt es in der Anästhesie ohnehin nicht so an. Eine basale Fingerfertigkeit vielleicht für das Hantieren mit allerlei Nadeln und Kraft in den Armen für das Hantieren mit entschlossenem Nachdruck. Ansonsten Genügsamkeit. Eine Banane zu Mittag. Kein Widerspruch. Wer für fünf Mark alles gibt, widerspricht auch nicht. Genügsamkeit und eine gewisse intellektuelle, naja, Zurückhaltung sind angebracht. Udo S. und sein türkischer Oberarzt lieben keine Widerworte. Man sollte sich nicht allzu reflektiert präsentieren in seinem Tun und Reden als Narkoseprimat.

Primate narcotiseur


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr