Kopfgeld

Ein paar Tage mit den Kindern beim Skifahren. Zu dritt, die Mutter würde nachkommen. Um vier Uhr morgens im Auto, neun Uhr die ersten am Lift. Und dann das. Gleich am ersten Tag.

Nach fünfzehn Minuten Warten auf den Sohn hatte ich mich auf den Weg gemacht, pistenaufwärts. Gefühlt fünfzehn Minuten, wahrscheinlich waren es gerade mal fünf Minuten gewesen. Wenn man unerwartet warten muß, bläst sich jede Minute auf. Mein Sohn war mit dem Snowboard unterwegs, noch etwas ungeübt und eher vorsichtig. Normalerweise aber war er höchstens eine halbe Minute hinter uns, seiner kleinen Schwester und mir. Nach fünfzehn Minuten, wo bleibt er denn nur, hatte ich die Skibindungen gelöst und war aufgebrochen, die Piste aufwärts, zum Glück eher flach, keine zehn Prozent, blaue Piste. Offenbar sichtlich besorgt wirkend und wer läuft schon Pisten aufwärts, war ich ohne Unterlaß von mitfühlenden Passanten angesprochen worden. Ja, da läge ein Kind auf der Piste, nicht mehr weit, dreißig Meter noch, aber les sécouristes, die Bergrettung, würde sich schon um ihn kümmern, sei bestimmt nicht so schlimm. Was, die Bergrettung? So schlimm? Wenn einer mal in den Schnee fällt, kommen die Sécouristes doch auch nicht gleich! Wahrscheinlich was gebrochen. Oder bewußtlos? Nein, wahrscheinlich nichts gebrochen. Wäre was gebrochen, würde mein Sohn sich unter Schmerzen winden und wahrscheinlich weinen, würden die Passanten nicht sagen, es sei bestimmt nicht so schlimm. Bewußtlos also. Schädel-Hirn-Tauma wie Schumi vor drei Jahren! Subdurales Hämatom. Am Ende, nach ein paar Wochen Intensivstmedizin, ist vom Hirn nicht mehr viel übrig. Oder peinlicher Sturz. Sein bester Kumpel spielt Fußball im Verein. Wenn der im Garten beim Bolzen mal über die eigenen Füße stolpert, inszeniert er das mit großer Theatralik. Fußballer eben. Mein Sohn kann die Theatralik schon fast so gut wie sein Kumpel. Sowas kann ich gut beschwichtigen. Meist reicht ignorieren. Noch blieb ein bißchen Hoffnung. Sicher hatten die Passanten recht. Nicht so schlimm. Trotz Bergrettung. Wahrscheinlich waren die zufällig vorbeigekommen. Weiter oben hatten wir einen Skifahrer auf einer Trage gesehen. Weiträumig abgeriegelt von den roten Overalls der Bergrettung. Der Hubschrauber über mir war bestimmt für den Unfall weiter oben unterwegs.

Mein Sohn als Liegendtransport oder im Hubschrauber wäre zu ärgerlich gewesen. Ein paar Stunden zuvor, an der Kasse für die Pistenkarten, hatte ich den Vorschlag der Kassiererin einer zusätzlichen Unfallversicherung noch zurückgewiesen. Ach was, wird schon gutgehen. Geht seit vielen Jahren ohne Versicherung gut. Noch nie in all den Jahren waren wir auf die Hilfe der Bergrettung angewiesen. Übermütig schien das jetzt. Geizkrise. Schwabengene. Wegen ein paar Euro mehr pro Tag und Person. Als ob es darauf noch angekommen wäre. Wenn sie meinen Sohn mit dem Hubschrauber ins Tal brächten, würde das ein Vermögen kosten. Hubschrauberzeit wird meines Wissens nach Minuten berechnet.

Die dreißig Meter hatte ich schon längst geschafft, kein Sohn in Sicht, auch keine Ansammlung Schaulustiger immerhin. Nach einer weiteren Linkskurve sah ich ihn. Noch gut fünfzig Meter. Von wegen dreißig! Franzosen reden immer alles schön. Mein Sohn lag in Bauchlage quer zur Fahrtrichtung auf der Piste. Bauchlage! Warum das denn? Helm auf dem Kopf, die Arme darunter verschränkt. An den Füßen immer noch das Board. Oberhalb von ihm steckte ein Paar Ski gekreuzt im Schnee. Sicherung der Unfallstelle. Hier war ein Profi am Werk. Die Piste war ziemlich schmal, mein Sohn mittendrin. An seinem Kopfende kniete ein Mann im Schnee. Roter Skianzug mit dem Emblem-Adler des Skigebiets auf dem Rücken, Beschriftung „Sécouriste“, Weiß auf Rot, Bergrettung. Er beugte sich über meinen Sohn und sprach mit ihm. Wahscheinlich fragte er einfach ça va, t-as mal, t-as froid? Zum bestimmt hundertsten Mal. Mein Sohn war etwas blass, das sah ich schon von weitem, hatte die Augen geschlossen. Würde doch hoffentlich nicht so schlimm sein wie es aussah. Was würde meine Frau sagen? Bauchlage. Wenn einer was am Rücken hat, soll man seine Position nicht verändern. Mein Sohn reagiert auf die Ansprache des Herrn im roten Skianzug, gibt sich allerdings wortkarg, genervt. Auch das sehe ich von weitem. Immer diese ewig gleichen Fragen, ça-va-t-as-mal-t-as-froid. Wahrscheinlich Schmerzen irgendwo. Bestimmt am Fuß. Und kalt. Mir wäre kalt, wenn ich so im Schnee liegen müßte.

Bonjour Monsieur. Der Herr im roten Overall unterrichtete mich, daß das Team zur weiteren Versorgung bereits unterwegs wäre, jeden Moment eintreffen sollte. Mit der coquille. Die Coquille ist wohl die Trage für den Schnee. Mit einem Retter jeweils vorne und hinten. Akia auf deutsch. Möglicherweise eine Verletzung der Wirbelsäule, sagte er. Und wer ich überhaupt wäre? Je suis son père. Ich bin der Vater. Eigentlich hätte er nach einem Ausweis verlangen müssen. Bloß nicht anfassen, sagte er, gleich kommt das Team mit der coquille. Soweit durfte es nicht kommen. Wenn man die einfach machen lässt, packen die meinen Sohn in ihre coquille, womöglich in Bauchlage, und ich kann ihn im Centre hospitalier von Briançon wieder einsammeln. Das Centre hospitalier von Briançon hat keinen guten Ruf. Kein Wunder, wer will da schon arbeiten, ist ja nichts los am Arsch der Welt. Wir hatten bei uns mal einen Knochenchirurgen, der von da kam. Marco. Italiener. Zwei linke Hände. Nichts gegen Italiener. Für Marco war jedes kaputte Handgelenk eine ganz komplizierte Fraktur. Ganz kompliziert. Außerdem kenne solche Betriebe des öffentlichen Gesundheitswesens in Frankreich. Angekommen in Briançon würden sie ihn, weil bis dahin wahrscheinlich nichts mehr wehtut, kein Kribbeln, keine Taubheit, aus der Coquille holen und auf einen Stuhl im Wartesaal setzen. Sich laut aufregen über die inkompetenten, naja übervorsichtigen, Kollegen der Bergrettung. Oder auf eine Pritsche im Flur legen. Bestenfalls. Immer schön in Bauchlage. Kann aber warten, ist ja kein lebensbedrohlicher Notfall. Atmet ja noch. Das Warten in Betrieben des öffentlichen Gesundheitswesens kann sich über Stunden hinziehen, kenne ich. Die Röntgenabteilug wird dort genauso chronisch überfordert sein wie die in meinem Centre hospitalier ein bißchen weiter im Süden. Wenn es sich irgendwie verantworten läßt, muß ich meinen Sohn aus den Fängen der Bergrettung befreien. Würde meiner Frau nicht gefallen, den Sohn im Krankenhaus von Briançon besuchen zu müssen. Kann man euch nicht einmal alleine lassen? Zudem steht die Tochter immer noch unten am Lift.

Hallo Sohn, ça va, t-as mal, t-as froid? Mein Sohn war ansprechbar. Jaha, es geht. Ja, Schmerzen am Rücken und im Fuß. Und nein, mir ist nicht kalt. Ein Eisbrocken auf der Piste hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Rückwärts auf die vereiste Piste geknallt. Konnte vor Schmerzen zehn Sekunden nicht mehr atmen. Sagte er. Zehn Sekunden. Okay, wohl kein Verlust des Bewußtseins. Andererseits, Schumi hat sich auch nicht sofort nach dem Sturz ausgeblendet. Der Schmerz im Rücken klein lokalisiert, kleine rote Stelle auf der Haut. Tut’s da weh, wenn ich drücke? Nein. Mein Sohn ist durchtrainierter Sportler, der bricht sich so schnell nichts. Bei mir wäre das vielleicht anders. Der linke Fuß tat weh.  Die große Zehe. Kaum auf der Piste, tat ihm der linke Fuß schon weh. Falscher Schuh, wahrscheinlich zu kurz. Schlecht gewählte Ausrüstung kann einem beim Skifahren den ganzen Tag vergällen. Kenn‘ ich.

Für mein Gefühl konnte man es verantworten, ihn von seinem Board und aus der Bauchlage zu befreien. Stop, stop, was machen Sie denn da. Der Bergretter war nicht einverstanden. Je suis médecin, ça va aller. Ich bin Arzt, das wird schon gehen. Das reichte dem Bergretter. Eigentlich etwas halbherzig, finde ich, sein Widerstand, da könnte ja jeder kommen, sagen, er wäre Arzt.

Kein Kribbeln, keine Taubheit, etwas Schmerz. Im Fuß vor allem, am Rücken ging’s. Etwas blaß der Junge. Wir werden’s für heute gut sein lassen mit dem Sport. Un chocolat chaud zuhause ist auch schön. Auf eigene Verantwortung und gegen Unterschrift durften wir gehen. Der Sécouriste kannte das offensichtlich, hatte einen ganzen Stapel entsprechender Zettel im Postkartenformat dabei. Keiner will mit ihm bleiben. Ich mußte ihn mit klammen Händen ausfüllen. Immer noch keine Ausweiskontrolle. Wofür soll das also gut sein? Er gab sich zum Abschluß pampig. Ihre Schuld, wenn ihr Sohn am Ende im Rollstuhl sitzt.

Wahrscheinlich gibt es Kopfgeld für jedes Opfer von der Piste.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

 

Meilleurs vœux

Freitag

Hierzulande, wo sich die Menschen etwas extrovertierter geben, mediterraner eben, wünscht man sich zum Jahreswechsel nicht nur pauschal alles Gute oder ein Schönes Neues. Die besten Wünsche – meilleurs vœux – werden gerne noch in allerlei Details präzisiert: Glück, Zufriedenheit, Geld, Kindersegen zum Beispiel. Erst die Wünsche, dann die Küsse. Kolleginnen und Kollegen, Schwestern, Pfleger, Hebammen, die Telefonistin, Hilfspflegerinnen, alle. Sogar die Oberschwester und Damen aus der Verwaltung. Damen, die mir völlig unbekannt sind, die sich sonst vermutlich hinter Türen der Teppichbodenflure verstecken. Sieht man ganz selten. Verwaltung eben. Sagen mir wegen meines Kittels Bonjour. Und, des kürzlichen Jahreswechsles wegen, bonne année. Denken sich, das muss einer der Doktoren sein, den sie verwalten. Werden umgehend geküßt. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Sermon zum neuen Jahr muss, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jahren, noch nicht wirklich dahinter gekommen, ob dieses Ritual bestimmten Regeln folgt, es muss aber mit der Gesundheit enden. Man kann den Lottogewinn anbringen, ein neues Auto, Erfüllung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Surtout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuversicht und Herz in die Augen gucken. Mit manchen Schwestern und Hebammen ist das nett. Das Wünschen und die terminalen Küßchen links, rechts, mit dezentem Anfassen. Oberarm, Unterarm, Taille. Wo’s gerade passt. Nett, insbesondere, wenn die Augen nett gucken. Ganz dicht ran, Wange an Wange, einatmen, riecht oft gut, Küsschen.

Kollateral muss man auch manche Männer küssen. Bernard. Chef der Viszeralchirurgen. Noch-Chef. Geht dieses Jahr in Rente. Bernard ist leider meist unrasiert. Ungewaschen. Sein Bad zu Weihnachten ist auch schon einen guten Monat alt. Okay, ich übertreibe etwas. Massiver Zahnstein aber, Essenreste. Olfaktives Feuerwerk. Um es mal positiv auszudrücken. Ich habe mir für dieses Jahr eine positive Ausstrahlung vorgenommen, übrigens. Aktive Positivierung. Am liebsten begrüße ich ihn normalerweise von einem zum anderen Flurende. Nur zum Geburtstag und wenn es sich durch unglückliche zeitlich-räumliche Konstellationen gar nicht vermeiden lässt, geben wir uns die Hand, seine ist so eine kraftlos-schwammig-weiche. Die sich zudem noch irgendwie klamm anfühlt. Manchmal erwischt er mich in meinem Büro, um mir weitschweifig von irgendwelchen unglaublich interessanten Fällen auf seiner Station zu erzählen und meine Meinung dazu zu hören. Versteckte Blindärme, entzündete Divertikel, versoffene Bauchspeicheldrüsen. Meine Meinung entspricht meistens seiner, einfach weil er so aus dem Mund und überhaupt nicht gut riecht. Schwierig nur, wenn er mir mehrere Meinungen anbietet und jede einzelne hinsichtlich ihrer anästhesiologischen Relevanz diskutiert haben möchte. Aber er ist eben der Chef. Vor Jahren mußte er mich zudem als Chef der Commission médicale d’Établissement zum Beamten wählen. Hat er trotz anfänglicher Bedenken gemacht. Dafür bin ich ihm dankbar. Und er ist älter als ich. Alter wird respektiert. Er duzt mich, ich sieze ihn.

An seinem ersten Arbeitstag im neuen Jahr erwischt er mich kalt. Auf dem Flur seiner Station laufe ich ihm geradewegs in die Arme. Er nimmt die Brille ab. Das ist das Zeichen. Wenn ich die Brille abnehme, weiss auch die Telefonistin, dass sie jetzt geküsst werden wird. Und gerät ins Stottern. Sowas! Wird sogar ein bisschen rot. Nehme ich auch persönlich. Positiv persönlich. Bernard hat also die Brille abgenommen. Muss ich also durch mit den Küssen. Definitiv. Es gibt außer Küssen keinen Grund, mitten auf dem Stationsflur die Brille abzunehmen. Küsschen mit Bernard treiben mir die Tränen in die Augen. Das olfaktive Feuerwerk. Aus unmittelbarer Nähe ein Potential wie Ammoniak. Meine Tränen nimmt er sicher persönlich. Positiv persönlich offenbar. Dafür gleich nochmal. Ich habe ihn schon letztes Jahr geküsst. Und das vorvorletzte. In all den Jahren vor und nach meiner Wahl zum Beamten. Wahrscheinlich erinnert er sich daran. Dieses wird das letzte Mal gewesen sein.

Céline, die Stationsschwester, macht den Neues-Jahr-Zauber mit Bernard trotz bekannter Letztmaligkeit ohne Anfassen und ohne Küssen. Das ist mutig. Geht eigentlich nicht. Bernard ist immerhin der Chef. Und hat die Brille abgenommen, mitten auf dem Flur, sich leicht vorgebeugt. Die Lippen zum Küßchen gespitzt. Mutig von Céline, aber verständlich. Vermutlich der Essensreste wegen. Oder sie hat von seiner Ammokinak-Aura schon bei der Übergabe gehört. Lässt sogar die Gesundheit aus. Hat zufällig gerade beide Hände voll. Ganz zufällig. 28 Fenster geht’s nicht so gut, nuschelt sie schnell. Und der arme Bernard bleibt ohne Brille kurzsichtig stehen. Tut er mir fast leid.

Montag. Dienst.

Meine Runde über die Stationen habe ich hinter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereifter Blinddarm von Bernard in der Notaufnahme. Ich langweile mich. Abstecher in den Kreißsaal. Keine Erstgebärende im Kreisssaal, die nach einem Periduralkatheter schreit. Nadja, Laetitia und Philippe langweilen sich auch. Philippe? Wir haben ziemlich viele Männer bei den Hebammen. Philippe, Sébastien, Wilfried und Jérôme. Beruf: Maïeuticien. Der Begriff für die männliche Hebamme. Seit ein paar Jahren Teil meines aktiven Wortschatzes. Ich habe zusätzlich bei wikipedia nachgelesen. Entbindungspfleger heißen sie in Deutschland. Hebamme in Österreich auch die männlichen Vertreter. 2013 keine männliche Hebamme in Österreich. Drei in ganz Deutschland. Wir haben vier. An meiner Provinzklitsche! Darunter Philippe. Dicklicher Gesichtshaarträger. Vollbart. Kopftuchfrauen sollen sich mal nicht so anstellen. Wird ihnen und ihren Männern gleich bei der Aufnahme verkündet. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Liberté und Égalité. Vielleicht passt das sogar zur Fraternité. Finde ich persönlich auch ziemlich grenzwertig. Während meiner Karriere damals, Ende des letzten Jahrtausends in katholischen Krankenhäusern im östlichen Westfalen, waren männliche Hebammen kategorisch undenkbar. Philippe jedenfalls mag ich nicht so. Nicht wegen des Übergewichts oder der Gesichtsbehaarung. Vielleicht ein Vorurteil. Philippe war mal in Indien für ein paar Monate Auszeit. Ich hatte gehofft, er würde einfach dort bleiben und in langfristiger Suche nach Erleuchtung verharren. Und dann war er doch wieder da. Ohne Erleuchtung, wie mir scheint. Wird nicht geküsst. Es gibt Grenzen.

Und Serge. Serge lasse auch ich aus mit dem Küssen. Schönes Neues, beste Wünsche, gute Gesundheit. Die Kurzfassung. Serge ist Pritschenschieber. Hat nur Ficken im Kopf. Ficken ist nicht meine Wortwahl, ist Bestandteil seines aktiven Sprachwortschatzes in Deutsch. Serge war vor Jahren mit seiner Collège-Klasse auf Austausch in Mannheim. Ischlibbedisch hat er außerdem gelernt und willsdumimmirschlaffän. Das ist Serge pur. Allerdings kann Serge dazu auch Politik. Fragt mich immer, wann ich Angela zum letzten Mal so richtig rangenommen hätte. Findet er rasend originell. Ein Joke, der mit zunehmendem Alter an Würze zu gewinnen scheint. Basalfranzose. Tut so, als hätte er schon alle gehabt im Centre hospitalier und in der Stadt dazu. Und ich nur Angela. Vermutlich. Aber immerhin. Er dafür alle anderen, die halbwegs was hermachen. Angela und ich lassen uns andererseits nicht erwischen, sage ich dann. Nicht so, wie Serges unglücklicher Präsident [damals François Hollande]. Der sich mit einer Schauspielerin auf dem Mofa fotografieren lässt. Abends. Croissants vom Bodyguard zum Frühstück. Wieder Fotos. Serge findet das cool.

Dafür Laetitia. Laetitia küsse ich gerne. Sie sieht aus, als wäre sie mal Model gewesen. Guckt auch sehr nett. Ich nehme das persönlich. Obwohl sie vermutlich jeden nett anguckt. Trägt etwas zuviel von zu billigem Parfum auf. Egal. Sie hat ein Haus gekauft mit ihrem Mann letztes Jahr, nicht weit vom Meer, Weihnachten war diesmal etwas knapper im Budget wohl. Egal. Ein gutes neues Jahr! Die besten Wünsche! Und – vor allem – Gesundheit! Santé!

Bonne année!

Modifizierter Vorschlag von für die Januar-Ausgabe 2016 des Riviera-Magazins. Um im Rahmen von 3.500 Zeichen zu bleiben:

Hierzulande, wo sich die Menschen etwas extrovertierter geben, mediterraner eben, wünscht man sich zum Jahreswechsel nicht nur pauschal alles Gute oder ein Schönes Neues. Die besten Wünsche – meilleurs vœux – werden gerne noch in allerlei Details präzisiert: Glück, Zufriedenheit, Geld, Kindersegen zum Beispiel. Wünsche und Küsse. Kolleginnen und Kollegen, Schwestern, Pfleger, Hebammen, die Telefonistin, Hilfspflegerinnen, alle werden bewünscht und geküsst. Sogar die Oberschwester und Damen aus der Verwaltung. Damen, die ich nur vom Sehen kenne, die sich sonst hinter Türen der Teppichbodenflure verstecken. Sieht man ganz selten. Verwaltung eben. Sagen mir wegen meines Kittels Bonjour. Denken sich, das muß einer der Doktoren sein, den sie verwalten. In Zivilkleidung würden sie mich maximal für einen Patienten halten. Wünschen mir auch, des kürzlichen Jahreswechsles wegen, bonne année. Werden umgehend geküsst. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Text zum neuen Jahr muß, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jahren, noch nicht wirklich dahinter gekommen, ob dieses Ritual bestimmten Regeln folgt, es muß aber mit der Gesundheit enden. Man kann den Lottogewinn anbringen, ein neues Auto, Erfüllung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Surtout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuversicht und Herz in die Augen gucken. Mit manchen Schwestern und Hebammen ist das nett. Das Wünschen und die Küßchen links, rechts. Vor allem, wenn sie nett gucken. Zum neuen Jahr gucken sie fast alle nett. Später gibt sich das wieder. Ganz dicht ran, Wange an Wange, riecht oft gut, Küßchen.

Kollateral muß man auch manche Männer küssen. Xavier. Chef der Bauchchirurgie. Noch-Chef. Xavier geht bald in Rente. Ist leider meist unrasiert. Oft ungeduscht. Sein Bad zu Weihnachten ist auch schon einen knappen Monat alt. Okay, ich übertreibe etwas. Seine Aura gleicht einem olfaktiven Feuerwerk. Am liebsten begrüße ich ihn normalerweise von einem zum anderen Flurende. Nur zu Geburtstag und Jahreswechsel riskiere ich Körperkontakt.

Montag. Dienst.

Meine Runde über die Stationen habe ich hinter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereifter Blinddarm von Xavier in der Notaufnahme. Abstecher in den Kreißsaal. Keine Erstgebärende im Kreißsaal, die nach einem Periduralkatheter schreit. Nadja, Laetitia und Philippe langweilen sich auch. Philippe? Wir haben ziemlich viele Männer bei den Hebammen. Philippe, Sébastien, Wilfried und Jérôme. Beruf: Maïeuticien. Entbindungspfleger heißen sie in Deutschland. Hebamme in Österreich auch die männlichen Vertreter. 2013 keiner in Österreich, drei in ganz Deutschland. Wir haben vier! Und das in tiefster Provinz! Darunter Philippe. Vollbart. Übergewicht. Kopftuchfrauen sollen sich mal nicht so anstellen. Wird ihnen und ihren Männern gleich bei der Aufnahme verkündet. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Liberté und Égalité. Vielleicht paßt das sogar zur Fraternité. Finde ich persönlich auch eher gewöhnungsbedürftig. Würde mir als werdendem Vater auch nicht gefallen. Aber vielleicht bin ich in dieser Hinsicht etwas konservativ. Philippe jedenfalls mag ich nicht so. Ihm mangelt ein bißchen an professioneller Dynamik. Philippe war mal in Indien für ein paar Monate Auszeit. Ich hatte gehofft, er würde einfach dort bleiben und in langfristiger Suche nach Erleuchtung verharren. Und dann war er doch wieder da. Ohne Erleuchtung, wie mir scheint. Er wartet immer noch. Wird nicht geküßt. Es gibt Grenzen.

Dafür Laetita. Laetitia sieht so aus, als wäre sie mal Model gewesen. Hat ein zauberhaftes Lächeln. Ich nehme das persönlich. Obwohl sie vermutlich jeden nett anguckt. Egal. Meilleurs vœux, bonne santé, Küßchen. Laetita ist meine Lieblingshebamme. Nicht nur wegen ihres Lächelns. Nicht nur, aber auch. Laetitias Lächeln ist auch um 02:39 Uhr noch zauberhaft. Immer. Zum neuen Jahr vielleicht noch ein Spur zauberhafter. Auch um 02:39 Uhr. Wenn sie mich braucht für eine Péridurale oder Césarienne.

Bonne santé.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr