Ignoranz

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Ob ich schon wüßte, daß da, wo früher die Citroën-Werkstatt war, in der Nähe des Bahnhofs, daß da jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, natürlich nicht in den Räumlichkeiten der Garage selbst, sondern so ein bißchen versteckt dahinter wohl, sie wüßte ja nicht, was auf dem Gelände sonst noch so alles wäre. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüstern fast, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde, obwohl da niemand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf meiner Terrasse. Als ob eine Moschee eine konspirative Einrichtung wäre.

Isabelle und Francis haben ein paar Bienenstöcke bei uns aufgestellt. Seit Jahren. Sie leben davon, haben achtzig Bienenstöcke über das ganze Département verteilt, bis in die Alpen, wahrscheinlich ein mühsames Tun. Zum Saisonende bringen sie ein Sortiment aus ihrer Produktion, „meinen“ Anteil als Gegenleistung für die Überlassung der Standplätze für die Bienenstöcke. Zehn Sorten haben sie inzwischen. Unter anderem Lavendelhonig, den ich selbst ein bißchen zu süß finde, Miel des Alpes, Alpenhonig, Salbei- und Wiesenhonig. Miel de Provence natürlich auch. Das kaufen die Touristen so gerne. Auf meine Vermittlung konnten sie im Frühsommer ein paar Stöcke im Kastanienwald um Collobrières, einer lokalen Hochburg der Esskastanienindustrie, platzieren.

Sie hätte bislang nicht gewußt, daß es, sogar bei uns auf dem Dorf, zugegeben, ein großes Dorf, schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letzten Freitag zufällig an der ehemaligen Citroën-Werkstatt vorbeigekommen wäre. Das muß nach dem Gebet gewesen sein, der ganze Hof der Garage voll, bis auf den Bürgersteig, voll mit diesen Männern, bärtig, im Nachthemd, ja, sie sagte Nachthemd, chemise de nuit, in größeren und kleineren Gruppen. Richtig erschrocken wäre sie angesichts so vieler Männer, die da in aller Öffentlichkeit ihrem Glauben folgten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekommen. Der Gatte dazu, Francis, sonst ein Muster an Eloquenz in fachkundiger Auskunft zur Imkerei, hörte nur zu und wartete ab. Isabelle, versuchte ich sie zu unterbechen, ist doch nichts einzuwenden, wenn…, gar nicht so einfach, zu Wort zu kommen, Isabelle hatte sich in Fahrt geredet. Weil man sie, die Männer in ihren Nachthemden, den Kopfbedeckungen und den Bärten überhaupt nicht verstehen würde, wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Freitag erzählt wird. Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Aber diese Regierung unter diesem Präsidenten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur führen mit Frankreich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürften. – Isabelle, neuer Versuch in einer ihrer knappen Atempausen,  Gottesdienst in aller Öffentlichkeit ist doch in Ordnung, das ist also von der Gemeinde abgesegnet. Das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn sogar Monsieur le Maire (politisch dem Gedankengut der Le-Pen-Dynastie nicht abgeneigt) das nicht verhindert hat… – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs. Woher will man denn wissen, was es da noch alles gibt außer Moscheen. Und wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Freitag erzählt wird.

Miel de châtaignier, Kastanienblütenhonig, ist mein eindeutiger Favorit, kräftiges Blütenaroma, durch den relativ geringen Glukoseanteil eher herb, leicht bitter. Erinnert geschmacklich an Hustensaft, sagen Ignoranten. Kastanienhonig mit ausgeprägtem Aroma ist schwer zu finden. Ist wunderbar im Tee, in heißer Zitrone, auf frischem Baguette mit Butter. Meine Frau macht Salatsoßen damit. Lässt sich aber auch einfach so löffeln wie Nutella. Francis‘ und Isabelles Ernte Kastanienblütenhonig fiel wider Erwarten üppig aus. Fand großen Anklang auf den umliegenden Märkten. Mit viel Mühe konnte ich mir zwei Kartons à zwölf 500-Gramm-Gläsern reservieren. Das muß reichen bis nächstes Jahr. Freundschaftspreis. Ein Kaffee vielleicht? Non, merci, keinen Kaffee, wir haben gleich noch ein Rendezvous. Ein Glas Wasser vielleicht.

Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Das werden ja von ganz alleine immer mehr. Und jetzt auch noch diese Flüchtlinge, man weiß ja gar nicht, wo die genau herkommen und wer da so kommt. Und ob die wirklich alle in Gefahr wären, wagte sie zu bezweifeln, die meisten wollten wohl doch nur vom französischen Sozialsystem profitieren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kindern kämen. Kommen zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür bringen sie uns auch noch um. Francis, der Imker, versuchte nun auch, den Redeschwall seiner Frau zu unterbrechen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frankreich ging es so schlecht, daß wir nicht zurechtkommen könnten mit den paar Flüchtlingen. In Deutschland, Francis spielt mir gegenüber gerne auf Deutschland an, mit Angela Merköhl, würden sie ja mit weitaus mehr Flüchtlingen zurechtkommen. Und außerdem müßten sie jetzt mal los zu ihrem Rendevous – Jaja, on y va, aber die Deutschen würden schon noch sehen, was sie davon hätten. Noch ginge es ihnen, den Deutschen also, ja viel besser als uns, aber mit diesen ganzen Migranten würde sich das nicht mehr lange halten. Wer soll denn das bezahlen? Und die wüßten ja auch nicht, Angela Merköhl und ihre Regierung wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließen. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die überhaupt untereinander reden. Versteht ja keiner. Natürlich gäbe es da vermutlich schwarze Schafe, gelang mir einzuwerfen, und Francis nickte dazu, aber wohl auch nicht mehr als in der normalen Bevölkerung. Natürlich gäbe es da ein Risiko, aber Menschen in Not müßte man doch helfen, es wären ja auch Kinder dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mittelmeer absaufen lassen. –  Ja, genau, Kinder, das ist auch so ein Problem, einer kommt, man wüßte gar nicht genau woher und warum und wenn er erstmal hier ist, kommt die ganze Sippschaft nach. Und keiner von denen arbeitet. Alles auf unsere Kosten. Die meisten wären ohnehin keine Flüchtlinge, die aus Marokko und Algerien wären ja nicht im Krieg, die wollen es nur einfach besser haben. – Genau, Isabelle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur einfach besser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châtaignier wegen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Für Aila, November-Ausgabe des Riviera-Magazins, gekürzt auf 4.580 Zeichen:

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahnhofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehemaligen Citroën-Werkstatt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüstern fast, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde, obwohl da niemand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf meiner Terrasse. Als ob eine Moschee eine konspirative Einrichtung wäre.

Isabelle und Francis haben ein paar Bienenstöcke bei uns aufgestellt. Seit Jahren. Zum Saisonende bringen sie ein Sortiment aus ihrer Produktion, als Gegenleistung für die Standplätze. Zehn Sorten haben sie inzwischen. Natürlich auch Miel de Provence. Das kaufen die Touristen so gerne. Auf meine Vermittlung konnten sie im Frühsommer ein paar Stöcke bei Collobrières platzieren, einer lokalen Hochburg der Maronenindustrie.

Sie hätte bislang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letzten Freitag zufällig da vorbeigekommen. Das muß nach dem Gebet gewesen sein, der ganze Hof der Werkstatt voll, bis auf den Bürgersteig, voll mit diesen Männern, bärtig, im Nachthemd, ja, sie sagte Nachthemd, chemise de nuit, in Gruppen. Richtig erschrocken wäre sie angesichts so vieler Männer, die da in aller Öffentlichkeit ihrem Glauben folgten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekommen. Der Gatte dazu, Francis, sonst ein Muster an Eloquenz in fachkundiger Auskunft zur Imkerei, hörte schweigend zu. Isabelle, versuchte ich sie zu unterbechen, ist doch nichts einzuwenden, wenn…, vergeblich, Isabelle hatte sich in Fahrt geredet. Weil man die Männer in Nachthemden, mit Kopfbedeckungen und Bärten überhaupt nicht verstünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Freitag erzählt wird. Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Aber diese Regierung unter diesem Präsidenten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur führen mit Frankreich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürften! – Isabelle, neuer Versuch meinerseits, das ist doch wohl von der Gemeinde abgesegnet. Das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn sogar Monsieur le Maire (politisch dem Gedankengut der Le-Pen-Dynastie nahe) das nicht verhindert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Miel de châtaignier, Kastanienblütenhonig, ist mein eindeutiger Favorit, kräftiges Blütenaroma, durch den relativ geringen Glukoseanteil eher herb, leicht bitter. Erinnert geschmacklich an Hustensaft, sagen Ignoranten. Mit seinem ausgeprägtem Aroma ist Kastanienblütenhonig wunderbar im Tee, in heißer Zitrone, auf frischem Baguette mit Butter. Meine Frau macht Salatsoßen damit. Lässt sich aber auch einfach so löffeln wie Nutella.

Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Und jetzt auch noch diese Flüchtlinge, man weiß ja gar nicht genau, wo die herkommen und wer das ist. Und ob die wirklich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezweifeln, die meisten wollten wohl doch nur vom französischen Sozialsystem profitieren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kindern kämen. Kommen zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür bringen sie uns auch noch um. Francis, der Imker, versuchte nun auch, den Redeschwall seiner Frau zu unterbrechen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frankreich ginge es so schlecht, daß man nicht zurechtkäme mit den paar Flüchtlingen. In Deutschland, Francis spielt mir gegenüber gerne auf Deutschland an, würden sie ja mit weitaus mehr zurechtkommen. Jaja, die würden schon noch sehen, was sie davon hätten. Noch ginge es denen ja viel besser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange halten. Wer soll denn das bezahlen? Angela Merköhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die überhaupt untereinander reden. Versteht ja keiner. Natürlich gäbe es da vermutlich schwarze Schafe, gelang mir einzuwerfen, und Francis nickte dazu, und natürlich gäbe es da ein Risiko, aber Menschen in Not müßte man doch helfen, es wären ja auch Kinder dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mittelmeer absaufen lassen. – Ja, genau, Kinder, das ist auch so ein Problem, einer kommt und wenn er erstmal hier ist, kommt die ganze Sippschaft nach. Und keiner von denen arbeitet. Alles auf unsere Kosten. Die meisten wären ohnehin keine Flüchtlinge, viele wären ja nicht im Krieg, die wollen es nur einfach besser haben. – Genau, Isabelle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur einfach besser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châtaignier wegen.

Und noch weiter gekürzt. Ohne Honig. 3.690 Zeichen. Fände ich schade.

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahnhofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehemaligen Citroën-Werkstatt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüstern fast, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde, obwohl da niemand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf meiner Terrasse. Als ob eine Moschee eine konspirative Einrichtung wäre.

Sie hätte bislang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letzten Freitag zufällig da vorbeigekommen. Das muß nach dem Gebet gewesen sein, der ganze Hof der Werkstatt voll, bis auf den Bürgersteig, voll mit diesen Männern, bärtig, im Nachthemd, ja, sie sagte Nachthemd, chemise de nuit, in Gruppen. Richtig erschrocken wäre sie angesichts so vieler Männer, die da in aller Öffentlichkeit ihrem Glauben folgten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekommen. Der Gatte dazu, Francis, sonst ein Muster an Eloquenz in fachkundiger Auskunft zur Imkerei, hörte schweigend zu. Isabelle, versuchte ich sie zu unterbechen, ist doch nichts einzuwenden, wenn…, vergeblich, Isabelle hatte sich in Fahrt geredet. Weil man die Männer in Nachthemden, mit Kopfbedeckungen und Bärten überhaupt nicht verstünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Freitag erzählt wird. Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Aber diese Regierung unter diesem Präsidenten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur führen mit Frankreich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürften! – Isabelle, neuer Versuch meinerseits, das ist doch wohl von der Gemeinde abgesegnet. Das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn sogar Monsieur le Maire (politisch dem Gedankengut der Le-Pen-Dynastie nahe) das nicht verhindert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Und jetzt auch noch diese Flüchtlinge, man weiß ja gar nicht genau, wo die herkommen und wer das ist. Und ob die wirklich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezweifeln, die meisten wollten wohl doch nur vom französischen Sozialsystem profitieren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kindern kämen. Kommen zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür bringen sie uns auch noch um. Francis, der Imker, versuchte nun auch, den Redeschwall seiner Frau zu unterbrechen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frankreich ginge es so schlecht, daß man nicht zurechtkäme mit den paar Flüchtlingen. In Deutschland, Francis spielt mir gegenüber gerne auf Deutschland an, würden sie ja mit weitaus mehr zurechtkommen. Jaja, die würden schon noch sehen, was sie davon hätten. Noch ginge es denen ja viel besser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange halten. Wer soll denn das bezahlen? Angela Merköhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die überhaupt untereinander reden. Versteht ja keiner. Natürlich gäbe es da vermutlich schwarze Schafe, gelang mir einzuwerfen, und Francis nickte dazu, und natürlich gäbe es da ein Risiko, aber Menschen in Not müßte man doch helfen, es wären ja auch Kinder dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mittelmeer absaufen lassen. – Ja, genau, Kinder, das ist auch so ein Problem, einer kommt und wenn er erstmal hier ist, kommt die ganze Sippschaft nach. Und keiner von denen arbeitet. Alles auf unsere Kosten. Die meisten wären ohnehin keine Flüchtlinge, viele wären ja nicht im Krieg, die wollen es nur einfach besser haben. – Genau, Isabelle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur einfach besser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Meeresfrüchte

2015-11-01 1009 (Île des Embiez)

Pierre-Marie auf dem Display des Telefons! Das verhieß nichts Gutes! Wenn Pierre-Marie anruft, ist er wahrscheinlich sauer. Sonst kommunizieren wir monatelang nur per Mail.

Was war das denn?

Was war was?

Da war was und dann war es wieder weg.

Er hatte es also gemerkt. Ich hatte aus einem Nachmittag auf einer der Îles des Embiez vor Six-Fours-les-Plages einen kleinen Text mitgebracht und ein Bild. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Zitat meines Schwiegervaters. Sagt er immer wieder, wenn er hier ist. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Der Text gestern Nachmittag keine zwanzig Zeilen. Und irgendwie langweilig. Ich nahm ihn eine Stunde später wieder von der Seite. Jetzt mußte ich mich auf eine Moralpredigt von Pierre-Marie einstellen. Pierre-Marie ist mein Lektor.

Hat mir dann doch nicht gefallen. Zu kurz. Zu langweilig.

Genau. Wenn zu kurz mal alles wäre. Kein Inhalt. Blauer Himmel, Zikaden, Alkohol dazu. Provençalische Stereotypen. Dein Schwiegervater sagt was. Das reicht doch nicht! Selbst wenn dein Schwiegervater der größte Bildhauer Norddeutschlands ist.

Ich hab’s ja gemerkt!

Ein bißchen spät, finde ich! Vorher merken wäre schöner! Vielleicht sogar den Lektor gegenlesen lassen? Ich hätte dir schon meine Meinung dazu gesagt! Das nächste Mal einfach nur ein mittelmäßiges Bild vielleicht? Oder ein Katzenvideo? Mit ein paar Smileys dazu?

Pierre-Marie kennt meine Abneigung gegen Smileys. Abgrundtief. Um mich zu ärgern, schickt er mir manchmal Mails mit zeilenweise Smileys. Manche wackeln. Weinen. Zwinkern. Winken. Unglaublich komisch. Besser nicht auf diesen Tiefschlag eingehen.

Das haben vielleicht zehn, zwanzig Leute angeklickt, mehr waren das bestimmt nicht. Du solltest das nun wirklich nicht überbewerten!

Und das Bild! Eine Katastrophe! Algen! Nur Kiesel. Wenn es schon eine leere Flasche im Gegenlicht sein muß, gab’s da keinen Sand dazu? Und der Horizont war wohl auch schon betrunken!

Das merkt doch keiner!

Wenn sogar ich den schiefen Horizont sehe! Du bist wohl immer noch noch unter billigem Fusel?

Wenn Pierre-Marie erstmal in Fahrt gekommen ist, lässt er sich nur sehr schwer wieder bremsen. Vor ein paar Monaten ist er in einem Café ausgerastet. Hat solange rumgeschrien, bis uns der Kellner aufforderte, unsere „Besprechung“ doch bitte im Außenbereich fortzuführen. Und das wegen ein paar Satzzeichen!

Erstens: Den Horizont lasse ich mir von meinem Sohn geraderücken. Der kann sowas. Zweitens war das kein billiger Fusel. Das war ein Chablis. Nicht billig. Eine Flasche nur. Und ziemlich gut. Und drittens hatte ich gestern Dienst.

Seit wann hält dich Dienst vom Trinken ab?

Okay, okay, jetzt lass‘ mal gut sein! Was soll ich jetzt machen?

Lies‘ es nochmal durch und denk‘ Dir noch ein paar Zeilen aus. Mehr zum Schwiegervater, mehr zu der Insel. Irgendwas.

Mein Schwiegervater, als er uns noch regelmäßig zum Arbeiten besuchte, pflegte ebenso regelmäßig zu sagen, mit einem Seufzen, auf der Terrasse, unter Palmen, dem Einfluß einer kleinen Flasche eines lokalen Rosé und dem Gesang der Zikaden: Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Das ist natürlich eine rhetorische Aussage. Wir wissen ganz genau, wie gut wir es hier haben. Nicht nur auf der Terrasse. Unter der Sonne eines 1. November noch am Strand zum Beispiel. Das Meer fast zwanzig Grad warm. Mit einem guten Dutzend selbst vom Fels geernteter Seeigel. Frischer geht nicht. Mit Baguette und Butter. Sonst nichts. Außer vielleicht, ich gebe es zu, ein paar Gläschen eines schönen Chablis.

Mein Schwiegervater geht nicht gerne an den Strand. Er liebt andererseits Meeresfrüchte. Den Chablis sowieso. Mit frischem Seeigel an Baguette und Butter, unter dem Einfluß von ein paar Gläschen eines schönen Chablis, könnte er vemutlich nicht umhin, sogar auf kleinem Kiesel am Strand, zu seufzen: Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt!

Oder ich lass‘ den Text mit dem Schwiegervater einfach so. Das geht.

 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Hundescheiße

Mein Erstgeborener mußte in seiner Schule in Nîmes einen Vortrag halten über Deutschland. Von mir wollte er per whatsapp dazu wissen, was die Deutschen von den Franzosen halten. Generell gesehen.

Was meint er? Meine persönliche Meinung? Einzelheiten zu meinem Lieblingsthema französischer Merkwürdigkeiten? Ausführungen zum historischen „Erbfeind“ seines Urgroßvaters? Zum Frankreich als Kulturnation seines Großvaters väterlicherseits? Daß wir den französischen Käse so hochschätzen? Den Wein? Burgund, Bordeaux? Foie gras? Das Mittelmeer? Frankreich als Urlaubsziel? Was wir von ihren Klapperkisten halten? Peugeot, Renault? Von ihren Präsidenten und deren Affären? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwierige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wendet sich wohl an mich, weil ich ja der Deutsche bin in der Familie. Vielleicht hält er mich sogar für deutscher als seine Mutter.

Der Deutsche. Allein das ist schon schwierig. Gibt es ja nicht, den Deutschen. Sowenig, wie es den Fanzosen gibt. Vielleicht, mit Einschränkungen, läßt sich ein Durchschnittsdeutscher konstruieren. Ein rein statistisches Individuum aus irgendwie gemittelter Meinungswelt. Der resultierende Durchschnittsdeutsche war mal in Paris vielleicht, an der Côte d’Azur. Bei Paris denkt er an den Eiffelturm, Versailles und den Louvre. Die Schlangen vor den Kassen. Der Kaffee für acht Euro am Hafen eines ehemaligen Fischerdorfs. Und Hundescheiße auf den Gehwegen. An die Franzosen selbst denkt er vermutlich nicht. Wenn es der Durchschnittsdeutsche aufs Gymnasium geschafft und ein paar Jahre Französisch gelernt hat, kann er sich an einen Aufenthalt als Austauschschüler erinnern. Vielleicht. Ich war auf dem Gymnasium, sehr durchschnittlich, und hatte ein paar Jahre Französisch, auch sehr durchschnittlich, war aber nicht auf Austausch in Frankreich. Der Durchschnittsdeutsche kann sich an das Chaos im Alltag seines eventuellen Austauschs erinnern. Den Stau überall, das Verzögerte, immer funktioniert irgendetwas nicht. Oder ist zumindest anders. Anders eben als zuhause. Nous sommes en France. Er erinnert sich gerne an seinen Kuß mit einer Schülerin in der Austauschklasse. Obwohl da vermutlich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Kenner französischer Frauen machen würde. Und er spricht ein bißchen Französisch. Mehr als sein Austauschpartner Deutsch immerhin. Englisch sprachen sie beide gleich schlecht. Erinnert sich an exzessives Essen, mindestens drei Gänge. Immer. Immer Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch. Nach dem einleitenden Apéro, zu dem auch schon was geknuspert wird. Kulinarische Exotika. Schnecken, Froschschenkel, foie gras, tausend Sorten Käse. Baguette. Wahrscheinlich denkt der Deutsche vor allem ans Essen in Frankreich. Wenn er vom „Leben wie Gott in Frankreich“ redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavandou allerdings teurer als drei Wochen in Antalya. Saint Tropez unbezahlbar. Acht Euro der Kaffee. Und sowas von unfreundlich die Bedienung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bilateraler staatlichen Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft. arte bleibt mehr oder weniger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Meinung der Einen über die Anderen vorwiegend Fakten gefunden, allerlei vergleichende Statistik. In Frankreich mehr Arbeitslosigkeit als in Deutschland, mehr Kinder pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Einwohner, mehr Restaurantbesuche. Weniger Ausgaben für das Auto, mehr Eigenheime. Weniger staatliche Investition in Ausbildung und Forschung. So Sachen. Dabei durchweg signifikante Unterschiede. Das war aber nicht die Frage meines Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resultate einer Studie, die von der deutschen Botschaft in Paris in Auftrag gegeben worden war. Die wollten es ganz genau wissen. Das Institut français d’opinion publique – IFOP – veröffentlichte im Januar 2013 schon die Studie Regards croisés sur les relations franco-allemandes à l’occasion du 50ème anniversaire du Traité de l’Elysée. Übersetzt von der Botschaft selbst: Der Blick auf den Nachbarn – Wie beurteilen Deutsche und Franzosen 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Élysée‐Vertrags die Beziehung zwischen ihren beiden Ländern?

Im Prinzip lag ich richtig mit meiner Einschätzung. Der Durchschnittsdeutsche – im befragten Kollektiv von gut 1.300 Personen – assoziiert zum Begriff Frankreich als erstes Paris und Eiffelturm. Dann Wein, Baguette, Essen im allgemeinen. Der Franzose selbst kommt nicht vor. Dem Franzosen – auch gut 1.300 befragte Personen – fallen zum Begriff Allemagne die Stichworte Angela Merkel, Bier, Berlin und Autos ein. In dieser Reihenfolge. Dann, anders als die befragten Deutschen, sahen die befragten Franzosen auch den Deutschen. Als streng und unflexibel. Vielleicht haben sie da auch wieder nur Angela vor  dem inneren Auge. Aber immerhin sehen die Franzosen auch den Menschen.

Letztendlich trifft die Fragestellung der Studie auch nicht den Ansatz meines Sohnes: Was denkt der Deutsche über den Franzosen? Der Deutsche, der Durchschnittsdeutsche weiß, glaube ich, über die Franzosen nicht mehr als über die Griechen und die Polen. Die Griechen arbeiten nicht und zahlen keine Steuern, die Polen klauen Autos. Und die Franzosen? Essen ausgiebig und sammeln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


12. Juni

Ziemlich ähnlich abgedruckt in der Juni-Ausgabe der Riviera Zeitung.

25. September

Und auch in deren Internetauftritt.