Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tolstoi. Im Original. Anna Karenina. Die ersten Zeilen. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Ich kann nur diesen einen Satz russisch. Winter 1983. Auf dem Weg von Rumänien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ersten Bahnhof auf der sowjetischen Seite aussteigen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betreffenden Zug bräuchte man kein Visum, weil der abgeschlossen einfach durch die Sowjetunion durchfahren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glauben wollen. Ziemlich blauäugig.

Ich hatte zur Sicherheit doch ein paar Stangen Zigaretten – Kent, die weißen von Kent – mitgenommen. Und ein paar Pfund Bohnenkaffee von Aldi. Gegen Kent, die weißen von Kent, und Kaffeebohnen konnte man im spätsozialistischen Rumänien alles bekommen, was es eigentlich nicht gab. Mädchen würden ihre Unschuld dafür hergeben, hieß es. Mit ein paar Nylonstrümpfen als Zugabe. Ich hatte nie Nylonstrümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß die Mädchen, die mich interessierten, für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben wären. Und die Mädchen, die vielleicht für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben gewesen wären, interessierten mich nicht.

Im Zug nach Posen bekam die erstbeste Uniform zur Sicherheit ein paar Schachteln Kent. Das war der rumänische Schaffner. Unnötige Verschwendung, dachte ich mir dann. Mein Rückfahr-Ticket erster Klasse Schlafwagen für umgerechnet sechzehn Mark war ohnehin in Ordnung. Zu spät. Mein Abteil war erstaunlich sauber. Und erstaunlich warm. Die Fenster konnte man nicht öffnen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abgeschlossenen Zug durch die Sowjetunion. Nicht wirklich viel später hielt der Zug im Nirgendwo. Ringsum nur Schnee im Mondschein. Wahrscheinlich war das die Grenze zur Ukraine.

Die nächsten Uniformen waren sowjetische. Wollten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer meinem Paß, dem Schlafwagenticket und einer selbstgefälschten rumänischen Ausreiseerlaubnis. Personalausweis, Führerschein? Wollten sie nicht. Meine Kaffeebohnen und meine Kent winkten sie routiniert ab. Überzeugte Patrioten. Ich mußte erkennen, daß meine exotische Zigarettenmarke nur in Rumänien Wunder bewirken konnte. Auch meine Camel zum Eigenbedarf konnten das fehlende Transitvisum leider nicht ersetzen.

Im nächsten Bahnhof mußte ich aussteigen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jenseits der rumänischen Grenze. Den Namen der Station habe ich vergessen, wenn ich ihn überhaupt mal kannte. Wahrscheinlich Cherepkivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava warten. Die riesige Bahnhofshalle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahrkarte kaufen gegen schöne Dollars zum offiziellen Kurs. Bekam gegen meinen Zwanzig-Dollar-Schein keine Rubel, sondern nur ein paar rumänische Münzen und eine speckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wechselgeld würde ich ja ohnehin nicht ausführen dürfen. Lehrgeld. Bis zur Abfahrt meines Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stunden zu warten.

Die Wartezeit störte mich nicht weiter, ich saß ja schön im Warmen und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelangweiltem uniformiertem Personal, soweit mein noch sehr kompakter rumänischer Wortschatz das eben zuließ. Wir plauderten über Rumänien, Ceaușescu, das erbärmliche Leben im rumänischen Sozialismus, meine Familie in Deutschland. Und natürlich über Tolstoi.

Die Athmosphäre war nett. Entspannt. Lew Nikolajewitsch Tolstoi gehört zu den größten Schriftstellern aller Zeiten. Wir waren uns einig. Wahrscheinlich war ich der erste Kapitalist, der seit dem Krieg in diesem Grenzbahnhof ausgestiegen war. Einer der Beamten schrieb mir die ersten Zeilen auf russisch in mein Buch. Glaubte ich zumindest. Hat er mir zumindest als den Originaltext verkauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blauäugig. Das war dem Personal sicher auch aufgefallen. Will ohne Visum durch die Sowjetunion! Blauäugiger geht ja wohl gar nicht!

Der Oberaufseherin im Bahnhof, erkenntlich an mehr Pelz an der Mütze, Sternen auf den Schultern und klischeekonformem Aufseherauftreten, gefiel die offensichtliche Fraternisierung ihres Personals mit dem Eindringling aus kapitalistischem Ausland nicht. Sie verbannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vorhalle. Unbeheizt. Kontinentalwinter. Meine rudimentären Russischkenntnisse sind hart erkauft.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nieder mit der kommunistischen Partei Rumäniens und dem eingebildeten Schusterlehrling an ihrer Spitze! Hätte auch sein können. 1983 gab es google noch nicht. In diesem Fall hätten im Rahmen einer vorstellbaren Auseinandersetzung mit rumänischen Grenzbeamten meine Kaffeebohnen von Aldi und die exotischen Zigaretten zum schlagenden Argument werden können. Hat aber keiner kontrolliert. Der rumänische Grenzbeamte interessierte sich nicht für fremdsprachliche Literatur.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Agnès

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r sowas bin ich nun gar nicht der Richtige. Leider. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu nerven. So oft werde ich auch gar nicht um medizischen Rat gefragt. Meistens werde ich um Rezepte gebeten oder Certificats médicaux zur Teilnahme an mehr oder weniger kompetitivem Sport. Mache ich ohne Wartezimmer und ohne zu murren. Kostenneutral. Pas de problème.

Ich persönlich betreibe pragmatische Sofortmedzin. Und glaube daran. In meinen Schubladen habe ich richtige Medikamente. Ich injiziere was und das wirkt sofort. Sofort und signifikant. Der Internist hat ja auch Medikamente, der Dermatologe Crèmes und Tinkturen. Das dauert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch zu wenig, zuviel, anders, unerwünscht. Mal abgesehen von Chemotherapie. Das wirkt auch sofort. Die meisten kotzen innerhalb von Stunden. Da sieht man wenigstens Wirkung. Meine Moleküle wirken sofort, innerhalb von Sekunden, manche schon in winzigen Mengen. Im einstelligen Mikrogrammbereich. Ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm. Ein Strandsandkorn, zum Vergleich, wiegt immerhin zweihundert Mikrogramm. Millionstel Gramm erzeugen Wirkung in der Aber-hallo-Kategorie. Meistens ziemlich genau so, wie ich mir das vorstelle. Wenn jemand schlafen soll, schläft er in weniger als einer Minute. Von solchem Potential können Internist und Dermatologe nur träumen.

Beim Homöopathen bin ich mir nicht einmal sicher, ob er sich bei seinen Tees und Kügelchen ernsthaft eine nachweisbare Wirkung vorstellt. Mal abgesehen von der, die er im Rahmen teurer Séances zu indoktrinieren sucht. Die Kügelchen und Tröpfchen sind ja so molekülarm im vermuteten Wirkstoff, daß man wahrscheinlich nicht mal allergisch darauf reagieren kann. Die arbeiten, wenn ich mich recht erinnere, mit Verdünnungen, die einer Teelöffelmenge im Mittelmeer entsprechen. Größenordnungsmäßig vielleicht so wie unser Mond in der Milchstraße. Und auch das nur ab dem dritten Viertel des zunehmenden Monds. Bleibt die Hoffnung auf den Placeboeffekt. Macht meines Wissens bis zu dreißig Prozent der medizinischen Wirkung aus. Außer in der Sofortmedizin. In meinen Schubladen gibt es keinen Placeboeffekt.

Auf Wunsch meiner Frau, in der Hoffnung auf eine Reduktion meiner angeblichen Schlafgeräusche, besuchte ich vor Jahren schon den HNO- Spezialisten ihrer Wahl. Der vermutete eine allergische Disposition, die sich sogar labormedizinisch nachweisen ließ. Positives „Phadiatop“. Nie gehört zuvor. Kommt nicht vor in meinem klinischen Alltag. Seitdem befinde ich mich in allergologischer Behandlung. Beim erstbesten Allergologen meines Centre hospitalier. Jede Monatsmitte die Subkutan-Desensibilisierung mit einer hochverdünnten und irgendwie behandelten Allergenlösung. Wenn mein Fläschchen vor der Zeit leer ist, nimmt Schwester Agnès einfach das eines anderen Patienten. Sowieso überall das Gleiche drin, sagt sie. Alle Allergiker sind allergisch auf Milben und die eine oder andere getestete Polle. Und die Allergene sind sich oft auch ganz ähnlich. Sagt der Allergologe. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprechstunde Montag Nachmittag. Ob es denn besser geworden wäre? Was eigentlich, frage ich mich immer, das Phadiatop? Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Ich brauche weniger Antibiotika mittlerweile. Stimmt sogar. Und der Allergologe will ja was Positives hören. Weil mit der monatlichen Injektion sein Potential erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kortison? Will ich nicht. Ich würde mir ein Medikament so wie aus meinen Schubladen wünschen. Pragmatische Sofortmedizin.

Ich bin also nicht der richtige Ansprechpartner für einen Hinweis auf einen kompetenten Allergologen oder Homöopathen. Mein Allergologe ist der Erstbeste. Homöopathen traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim Allergologen und dem Homöopathen so wie beim Psychocoach vor allem auf zwischenmenschliche Qualitäten an. Die Ausstrahlung. Der Rest ist Glaubenssache.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

3947 Zeichen für Aila. Zum Abdruck in der  Mai/Juni-Ausgabe der Riviera-Zeit.


Die ursprüngliche Version, gut zweitausend Zeichen mehr. Zuviel für die Kolumne. Der Vollständigkeit halber.

Christiane!

für sowas bin ich nun gar nicht der richtige. Leider. Ich würde Ihnen gerne helfen. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu nerven. So oft werde ich auch gar nicht um medizischen Rat gefragt. Meistens werde ich um Rezepte gebeten oder Attestations médicales zur Teilnahme an mehr oder weniger kompetitivem Sport. Mache ich gerne und ohne zu murren. Ich kann mir vorstellen, wie das ist, über Stunden, das Kind schon lange hungrig oder müde oder beides, im muffigen Wartezimmer des Hausarztes zu hocken. Nur, um ein paar blöde Fragen gestellt zu bekommen, einen Bludruck gemessen und endlich die Bescheinigung ausgestellt. Kann ich abkürzen. Pas de problème.

Ich würde Ihnen ja so gerne helfen, aber das passt so rein gar nicht zu meiner Art von Medizin. Ich betreibe pragmatische Sofortmedzin. Und glaube daran. In meinen Schubladen habe ich richtige Medikamente. Ich spritze was und das wirkt sofort. Das wirkt sofort und signifikant. Der Internist hat ja auch Medikamente, der Dermatologe Salben und Crèmes und Tinkturen. Das dauert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch nicht mal so, wie man es sich wünschen würde. Zuwenig, zuviel, anders, unerwünscht. Mal abgesehen von Chemotherapie. Das wirkt auch sofort. Die meisten kotzen innerhalb von Stunden. Da sieht man wenigstens Wirkung. Obwohl dies ja eher in die Kategorie „unerwünscht“ fällt. Aber immerhin Wirkung. Meine Moleküle wirken sofort, wie gesagt, innerhalb von Sekunden oder Minuten, manche schon in winzigen Mengen. Im Mikrogrammbereich. Ein Mikrogramm, für die Arithmophobiker unter uns, ist ein Millionstel Gramm. Ein Strandsandkorn, zum Vergleich, wiegt immerhin zweihundert Mikrogramm. Millionstel Gramm erzeugen Wirkung in der Aber-hallo-Kategorie. Meistens auch so, wie ich mir das vorstelle. Manchmal zuviel, gelegentlich zuwenig, selten anders, noch seltener unerwünscht. Wenn Sie schlafen sollen, schlafen Sie in weniger als einer Minute. Von solchem Potential können Internist und Dermatologe nur träumen.

Beim Homöopathen wäre ich mir nicht einmal sicher, ob er sich bei seinen Tees und Kügelchen und was er da sonst noch im Repertoire hat, überhaupt eine nachweisbare Wirkung vorstellen kann. Mal abgesehen von der, die er im Rahmen teurer Séancen seiner Klientel zu indoktrinieren sucht. Die Behandlung von Allergien zum Beispiel, Histaminintoleranz oder Fibromyalgie. Geschichten eben, wo die Lehrmedizin früher oder später aufgibt. Seien Sie froh, daß Sie keine Fibromyalgie haben. Das ist anstrengend. Für alle Beteiligten. Ob der Homöopath bei Allergie, Histaminintoleranz oder Fibromyalgie helfen kann, mag dahingestellt bleiben. Dessen Kügelchen und Tröpfchen sind ja so molekülarm im vermuteten Wirkstoff, daß man wahrscheinlich nicht mal allergisch darauf reagieren kann. Die arbeiten, wenn ich mich recht erinnere, mit Verdünnungen, die einer Teelöffelmenge im Mittelmeer entsprechen. Größenordnungsmäßig vielleicht so wie unser Mond in der Milchstraße. Und auch das nur ab dem dritten Viertel des zunehmenden Monds. Okay, vielleicht wie unser Sonnensystem in der Milchstraße. Egal. Das eine kann man sich so wenig wie das andere vorstellen. Auch ohne Dyskalkulie. Bleibt die Hoffnung auf den Placeboeffekt. Macht meines Wissens bis zu dreißig Prozent der medizinischen Wirkung aus. Außer in der Sofortmedizin. In meinen Schubladen gibt es keinen Placeboeffekt. Da ist alles echt.

Auf Wunsch meiner Frau, im Hinblick auf eine Verbesserung meiner auditiven Kapazitäten und vor allem in der Hoffnung auf eine Reduktion meiner angeblichen Schlafgeräusche, besuchte ich vor Jahren schon den Spezialisten für otorhinolaryngologische Heilkunde, ORL. HNO in Mitteleuropa. Den Spezialisten ihrer Wahl. Der diagnostizierte „minderwertige Schleimhaut“ und dazu passend eine allergische Disposition, die sich sogar labormedizinisch nachweisen ließ. Positives „Phadiatop“. Nie gehört zuvor. In meinem klinischen Alltag kommt das Phadiatop nicht vor. Seit Jahren schon befinde ich mich trotzdem in allergologischer Behandlung. Beim erstbesten Allergologen meines Centre hospitalier. Desensibilisierung. Jede Monatsmitte die Subkutaninjektion einer hochverdünnten und irgendwie behandelten Allergenlösung. Wenn mein Fläschchen mal wieder vor der Zeit leer ist (wie kann das nur kommen?), nimmt Schwester Agnès einfach die Ampulle eines anderen Patienten. Sowieso überall das Gleiche drin, sagt sie. Alle Allergiker sind allergisch auf Milben und die eine oder andere getestete Polle. Und die Allergene sind sich oft auch ganz ähnlich. Sagt der zuständige Allergologe, der zweite Nachfolger inzwischen. Fragt man sich, warum dann knapp zwanzig verschiedene Allergene getestet wurden. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprechstunde Montag Nachmittag. Ob es denn besser geworden wäre? Was eigentlich, frage ich mich dann immer. Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Weniger Nebenhöhlenprobleme hätte ich mittlerweile, weniger Antibiotikabedarf. Stimmt sogar. Der will ja was Positives hören, der Allergologe. Weil mit der monatlichen Injektion sein Potential bereits erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kortison? Oder er kann mir noch ein paar Jahre Sunkutaninjektion draufschlagen. Will ich das? Ich würde mir ein Medikament so wie aus meinen Schubladen wünschen. Pragmatische Sofortmedizin.

Ich bin, liebe Christiane,

also nicht der richtige Ansprechpartner für einen Hinweis auf einen kompetenten Allergologen und/oder Homöopathen. Mein Allergologe ist, wie gesagt, der Erstbeste. Und ich befürchte mal, sie sind alle so. Zu weit weg von Ihnen zudem. In Ihrer Gegend wüßte ich schon gleich gar niemanden. Homöopathen traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim Allergologen so wie beim Psychocoach und dem Gynäkologen vor allem auf zwischenmenschliche Qualitäten an. Die Ausstrahlung. Beim Gynäkologen vielleicht noch le toucher. Nicht zuviel davon und nicht zu wenig. Das ist sehr individuell. Und, man muß daran glauben.