Virginia

„Endokrine Erkrankung des Magen-Darm-Traktes, bedingt durch das Auftreten von bestimmten Pankreastumoren, pankreatischen Gastrinomen. … Leitsymprom ist die charakteristische Trias: exzessive Magenhypersekretion, rezidivierende Ulzera des Magens und gastrinproduzierende Pankreastumoren. … Therapie nur chirurgisch möglich: subtotale Pankreasresektion, Gastrektomie.“

Das steht so, leicht gekürzt, in meinem Pschyrembel von 1982. Zum Zollinger-Ellison-Syndrom. Schön gereiftes Medizinerdeutsch. Inhaltlich nicht mehr ganz zeitgemäß. In den Richtlinien zum Probeauftrag heißt es zwar „Unique Content! Der Text darf  keinesfalls kopiert oder abgeschrieben sein“. Ein bißchen umgeschrieben, in Normaldeutsch gebracht und inhaltlich korrigiert, und sie würden nicht merken, daß es abgeschrieben ist. 1982. Das ist mehr als dreißig Jahre her. Sollen sie erstmal die Quelle finden.

Pardon?

Der Herr in Uniform hatte was gesagt. Ich habe nicht verstanden. Unwilliges Handzeichen in meine Richtung. Irgendwo in Richtung des Transportbands mit meinem Laptop, dem Rucksack und dem Gürtel in Plastikwannen. Stimmt was nicht mit meinem Gürtel? Er könnte ceinture gesagt haben. Er hat sicher nicht Bonjour gesagt. Die Sicherheitskontrolle vor den Gates ist nicht das Umfeld für überflüssige Kommunikation. Eher Handzeichen, Einwortsätze. Wenn überhaupt.

Chaussures!

Er meint meine Schuhe! Ich muß meine Schuhe ausziehen. Wegen der Rasierklingen in den Absätzen! Wie konnte ich das nur vergessen?

Die uniformierten Herrschaften, eine Frau, ein Mann, beide Musterbeispiele robuster Fehlernährung, die jenseits des Metalldetektors warten, mich dabei allerdings nur als die Anzeige über mir wahrnehmen, als rotes oder grünes Licht, sind auch nicht zum Quatschen da. Ich scheine grün zu sein. Und werde im gleichen Bruchteil einer Sekunde unsichtbar. Vermutlich besser so. Mein Bonjour verhallt auch hier ohne erkennbare Reaktion.

Halb sechs ist andererseits nun wirklich nicht die Zeit, zu lächeln oder an einen guten Tag zu denken. Das erste Lächeln ist zum Dienstschluß gegen halb eins zu erwarten. Oder zum diskreten Hinweis auf ein entdecktes Sextoy in der Durchleuchtung. Das Lächeln immer und ausschließlich unter Kollegen, versteht sich. Wiederholtes publikumsgerichtetes Lächeln hat eine handfeste Abreibung in der Umkleide zur Folge. Der Besuch eines Benimmkurses in Eigeninitiative ist ein zwingender Grund für eine fristlose Kündigung.

Möglicherweise ist es eine Zollinger-Ellison-Selbsthilfegruppe, die hier geschlossen Anstellung gefunden hat. Allesamt in akuter Entladung ihres Gastrinoms. Dazu die Tageszeit. Das kann ich verstehen. Zur Péridurale um halb vier kriegen Schwangere und Hebammen auch nur ganz selten ein echtes Lächeln von mir. Geht auch ohne Magengeschwür nicht gut.

Robert M. Zollinger, ein amerikanischer Chirurg schweizerischen Ursprungs, und sein Kollege Edwin H. Ellison beschrieben das Krankheitsbild 1955. Häufig bösartige Tumoren – Gastrinome – meistens in der Bauchspeicheldrüse oder dem Dünndarm, verursachen eine starke Überproduktion von Magensäure. Die viele Säure führt zu chronischem Durchfall, Fettstuhl, Übelkeit, Erbrechen, macht Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre. Bauchschmerzen. Meist zwischen den Mahlzeiten, oft nachts eben. Na also! Kein Wunder, daß die sich morgens um halb sechs so griesgrämig geben.

In einem Online-Portal für Medizinjobs war ich auf das Angebot gestoßen: Freiberufliche Medizinautoren (m/w) in Homeoffice. Homeoffice könnte mir sehr gut gefallen. Ich sitze im Schatten mit Blick auf Palmen und schreibe medizinische Populärwissenschaft. Super! Ein Online-Dienstleister vergoldet meine Worte großzügig. Auch der Rest der Ausschreibung paßt genau zu mir: ich habe Medizin studiert, schon länger her, aber immerhin, ich kann medizinische Sachverhalte leicht verständlich erklären, sofern ich sie selbst verstanden habe, verfüge über fundierte Kenntnisse der deutschen Rechtschreibung und Grammatik und ich schreibe gerne eigene Inhalte und habe „bevorzugt“ bereits erste journalistische Erfahrungen. Letzteres vielleicht nicht, aber ich habe schon in ZEIT ONLINE veröffentlicht und ich betreibe einen Blog. Das zählt bestimmt auch. Auf meine Mail mit Hinweis auf den Blog kommt umgehend eine Antwort: „Ihr Profil könnte gut zu unseren Anforderungen passen, daher ist Ihre Bewerbung in der näheren Auswahl“. Das ist natürlich eine Quatschblase, das ist die Standardantwort. Keiner von denen wird sich in meinem Blog ein Bild von „meinem Profil“ gemacht haben.

Für das wirkliche Profil wünschen sie sich eine Probearbeit, abzuliefern als Word-Datei innerhalb einer Woche, „direkt an die Chefredakteurin“, Virginia M.. Ich darf wählen zwischen einem Text zu Systemischem Lupus Erythematodes und Zollinger-Ellison-Syndrom. Ein Text zu Definition, Synonymen, Ursachen, Symptomen (ausformulierte Sätze, kein Aufzählungsstil, die einzelnen Symptome im Text fettgedruckt hervorheben), Diagnose, Differentialdiagnose, Therapie. Und all das in vierhundert Worten! Für das Zollinger-Ellison-Syndrom mag das ja noch angehen. Bei komplexeren Exotika wie dem Guillain-Barré-Syndom, nur um ein Beispiel zu nennen, wird das schon knapp. Es gibt noch Hinweise zu häufigen Fehlern. Zahlreiche Hinweise, vor allem: „Unique Content! Der Text darf  keinesfalls kopiert oder abgeschrieben sein“. Frage ich mich schon: Was kann es in der Medizin noch geben, was nicht schon tausend Mal immer wieder ähnlich geschrieben und abgeschrieben worden ist?

Abschließend drei Zeilen zum Honorar: Nach „erfolgreicher“ Probearbeit zahlen sie – zu Beginn – ein Honorar von 1,30 Cent. Je Wort. Eins. Komma. Drei. Null. Cent. Dies sei „stufenweise steigerungsfähig“ auf bis zu 4,0 Cent. Je Wort. Vier. Komma. Null. „Je nach Qualität der gelieferten Texte“. Okay. Vergolden sieht anders aus. Vierhundert kompakt ausgefeilte Worte, fundiert, verständlich und nicht abgeschrieben! Macht 5,20 Euro, steigerungsfähig bis 16. Sechzehn! Wahrscheinlich inklusive Mehrwertsteuer. Und dafür ohne Urheberrechte. Für 5,20 Euro die Stunde würde man sich ohnehin keinen Anwalt zur Wahrung der Urheberrechte leisten können.

Vermutlich hatte der Redakteur bei der ZEIT solche Angebote vor Augen. Oft wäre das Schreiben sehr frustierend, schrieb er in einer Mail. Wenn man auf das Schreiben zum Broterwerb angewiesen sei.

In der Homeoffice wäre das, auch im Schatten mit Blick auf Palmen, Grund genug für ein Magengeschwür. 5,20 Euro. Und wovon soll ich meine nächste Tankfüllung bezahlen? Nicht unbedingt Zollinger-Ellison-Syndrom, Magengeschwür aber sicher. Was mir seinerseits immerhin das Profil für die Securité im Flughafen von Marseille verschaffen könnte. Vermutlich auch nicht mehr als 5,20 Euro die Stunde.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Aila!

Das geht in Ordnung. Kann ich „abnicken“. Nehmen Sie sich, was Sie brauchen! Diesmal eben die „Hundescheiße“. Brauchen Sie wahrscheinlich nicht als separate Datei, können Sie wahrscheinlich einfach copy/paste zum Redigieren in Ihr Schreibprogramm holen. Oder direkt an Ihre Layouterin weitergeben. Ich habe den Text gestern noch ein bißchen nachgeschliffen.

Gestern habe ich viele Stunden auf Schwimmwettbewerben meiner Kinder verbracht. Vormittags der Elfjährige, nachmittags die Neunjährige. Beide in der Piscine municipale von Six-Fours. Six-Fours-les-Plages liegt von uns aus gesehen auf der anderen Seite von Toulon, westlich, grenzt an Sanary. Sanary und Bandol kennen Sie vielleicht, Six Fours wohl eher nicht. 19 Minuten von uns aus an einem Sonntag Morgen. Das geht noch. Saint Tropez wäre unangenehmer gewesen. Deutlich weiter weg. Auch an einem Sonntag Morgen. Zudem noch schlimmer das Schwimmbad. Noch kleinlicher, noch gammeliger. Überraschend kleinlich und gammelig für eine Stadt wie Saint Tropez! Wobei das von Six Fours schon schlimm ist. Das Schwimmbad in Six Fours sieht aus wie eine fliegende Untertasse, rund mit runden Oberlichtern wie Bullaugen. Wie ein UFO, gestrandet zwischen Fußballplatz und Einfamilienhäusern. Die vielen Lichtjahre durch abgelegene Galaxien und den einen oder anderen Asteroidengürtel haben unübersehbar Spuren hinterlassen. Der Hausmeister behilft sich angesichts knapper Subventionen mit Plastikfolie und Klebeband in Grellorange allenthalben. Vor allem an den Bullaugen.

Einlaß der Eltern 8:00 Uhr.

Abgesehen von der in den siebziger Jahren des letzten Jahrtausends vermutlich als avantgardistisch geltenden Architektur aus Stahl und Plastik ist die Ausstattung des Schwimmbads eindeutig rudimentär. Auch innen vorwiegend Plastik. Ziemlich klein. Keine Tribüne für die Zuschauer. Angehörige der Schwimmer sitzen auf zu eng gestellten Plastikstühlen direkt am Beckenrand. Vier Reihen. Keine Klimaanlage. Oder wenig Klimaanlage. Oder dysfunktionell. Was auch immer. Draußen T-Shirt-Wetter, Sonne, etwas Wind, zwanzig Grad, angenehmer Frühsommer. Drinnen haben sich Raumklima und Beckenwasser in einen physikalisch ausgeglichenen Zustand diffundiert. 29 Grad jeweils, Raumtemperatur und Beckenwasser. 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Fünf Mannschaften aus den Jahrgängen 2002 bis 2006, Trainer, Stoppuhren- und Klemmbrett-Träger. Vom Ehrgeiz gebissene Elternteile dazu. Quengelnde kleine Geschwister, die sich durch die Sitzreihen drängen ohne Blick auf Kaffee in Plastikbechern. Keifende Mütter. Trillerpfeifen. Ergibt in der Summe den Schalldruck einer startenden Concorde. Fast vier Stunden. Jeweils. Vormittags der Elfjährige, nachmittags die Neunjährige.

Sitzplatz immerhin in der letzten Reihe. Zwischen den Auftritten meiner Kinder massenhaft Zeit zum Nachschleifen online. Die „Hundescheiße“ ist dabei noch ein paar Zeichen umfangreicher geworden. Jetzt 747 Wörter, über 5.200 Zeichen. Wo Sie mir nun mehr Platz lassen wollen, kriegen Sie das bestimmt hin. Im Zweifel kürzen Sie eben was weg. Oder wir verzichten auf das Bild. Sollen Ihre Leser doch einfach im Mai-Heft nachsehen, wenn sie wissen wollen, wie der Autor aussieht.

Ich habe Sie übrigens gegoogelt. Ich wollte auch mal wissen, mit wem ich es da zu tun habe. Von Ihnen gibt es in den Seiten Ihrer Zeitung leider nur ein briefmarkengroßes Bildchen. Im Gegensatz zu meinem megapixelstarken Portrait in Pickel-Auflösung für Ihre Leser. Von Ihnen habe ich nichts Derartiges gefunden. Dafür Bewegtbilder. Mit dem ZDF in Cannes. Und vor dem Château von Angelina und Brad. Wäre natürlich toll gewesen, wenigstens einen davon vor die Kamera zu kriegen. Brad am besten, der gerade den Rasen mäht. Mit nacktem Oberkörper zu einem Tee mit kleinem Selbstgebackenem einlädt. Hi, Aila, nice to see you! Das hätte das Team vom ZDF wirklich beeindruckt. Stattdessen nur einsilbige Türsteher. Mit Spiraldraht vom Ohr in den Kragen. Aber immerhin: Original-Türsteher von Angelina und Brad setzen sich original unwirsch in Szene.

Apropos Angelina und Brad: Die sind doch bestimmt auch gerade im Lande. Der Festspiele in Cannes wegen. Die und ihre Freunde. Meinen Sie nicht, Ihre Chefin könnte mir statt Honorar für die „Hundescheiße“ Zugang zu hautnaher Sicht auf den einen oder anderen Star vermitteln? Damit könnte ich meinerseits zumindest meine Frau ernsthaft beeindrucken! Glaube ich.

Mit besten Grüßen!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Gazelle

Liebe Schwägerin!

Bei Midlife-Crisis helfen kostspielige Reisen in den Mittleren Orient oder den Fernen Osten. Manchmal reicht auch schon eine kleine Golf-Eskapade nach Afrika. Alternativ, für die Zeit zwischen den kostspieligen Reisen und 18-Loch-Ausflügen auf intensiv bewässertem Grün vielleicht ein teures Auto. Was Tiefergelegtes mit Heckspoiler und Breitreifen. Kann man zwischen zwei, drei Ausfahrten hochbeschleunigen einschließlich Reifengeräusch und Auspuffgrollen bis zum Abregeln und so Dominanz trotz grauer Strähnen demonstrieren. Sogar gegenüber diesen protzigen X5-Proleten. Die schaffen sicher auch 250. Müssen auch wegen überbordender Kraft abgeregelt werden. Kommen aber nicht so schnell auf 250. Zu Dir würde vermutlich eher was dezentes Britisches aus dieser PS-Klasse passen.

Wenn das alles – Fernreisen, Golf, PS – nicht weiter bringt, hilft vielleicht ein Töpferkurs oder sonstwas Neues, Fachfremdes. Töpfern ist manuell, physisch, sinnlich geradezu. Meditativ. Wurschteln im Dreck bis zu den Ellenbogen. Und wenn man nicht aufpasst, fliegt einem die Vase in Brocken um die Ohren. Hat man die Dynamik der Fliehkraft aber erst einmal unter Kontrolle, beschert das signifikante Erfolgserlebnisse. Das ist es ja, was einem so fehlt in der Midlife-Crisis, neuartige Erfolgserlebnisse. Dazu, als Nebeneffekt, über Jahre kein Kopfzerbrechen mehr, was Geburtstage und Weihnachten betrifft. Und später vielleicht mal ein Stand auf dem Weihnachtsmarkt.

Als Ergänzung was Sportliches. Laufen über mittlere und große Distanzen zum Beispiel. Wie wäre es mit einem Halbmarathon? Oder gleich dem Berlin-Marathon im September? New York im November? Eine echte Herausforderung, ein richtiges Ziel! Die Wochen davor ausgetüfteltes Laufprogramm, Tage davor nur noch Nudeln wegen der Ballaststoffarmut im Verdauungssystem und zum Auffüllen der Glykogenspeicher. Außerdem keinen Tropfen Alkohol. Man kann sich abendfüllend Videos zur entsprechenden Strecke bei Youtube ansehen und sich Landmarks einprägen. Damit ist man schon Monate vor dem Lauf so ausgefüllt, daß man seine Midlife-Crisis völlig aus den Augen verliert. Stattdessen ein echtes Ziel: Das leuchtfarbene Done-it-T-Shirt der Finisher. Dazu dann ein kaltes Bier.

Ich kenne mich aus. Meine Frau war kürzlich in Paris dafür. Zauberhaft sei der Marathon von Paris, sagt sie, magique. Ja, ehrlich, sie sagt magique. Sie meint vielleicht das Sightseeing mit sportlicher Grenzerfahrung. In Paris! Paris, wie man Paris noch nicht erlebt hat! Man läuft an allem vorbei, was wichtig ist in Paris. Es geht los auf den Champs-Élysées, am Louvre vorbei, Hôtel de Ville, Place de la Bastille. Ein bißchen langweilig vielleicht bis zum Château des Vincennes. Noch nie gesehen zuvor, liegt eben schon etwas außerhalb. Beeindruckende Anlage aber. Der Park zum Château ist auch nicht wirklich spannend. Park eben. Immer wieder Musikgruppen. Das Publikum – Allez-allez-allez! – etwas spärlicher. Hundehalter, eher zufällig dabei. Zurück wieder über die Place de la Bastille, zur Linken wenig später Notre-Dame. Dann das Seine-Ufer. In den Tunneln Disko-Atmosphäre. Möglicherweise ist das magique, irgendwie. Wenige Kilometer vor dem Bois de Boulogne ein kurzer Blick auf den Eiffelturm. Auch links. Bois de Boulogne seinerseits wieder eher langweilig, wieder nur grün, Live-Musik, zufällige Hundehalter, etwas mehr absichtliches Publikum – Allez-allez-allez! Die Zielgerade in Sichtweite des Arc de Triomphe.

Ich war der Sherpa, zuständig für die individuelle Betreuung. Ich hatte einen zwanzig-Kilogramm-Rucksack dabei, war gerüstet für alle Eventualitäten. Regenschutz, Bademantel, Wechselwäsche, Winterjacke. Zwei Paar Straßenschuhe für den Weg zum Bahnhof. Je nach Endzustand der Füße. Alle Eventualitäten. Schmerzmittel, Energiekonzentrate. Wasser mit und ohne grünem Energie-Zusatz in einer Menge, die auch für vier Läufer gereicht hätte. Sherpa eben. Wir hatten anhand des Streckenverlaufs, 2014-Youtube-Videos und Streetview zwei Treffpunkte vereinbart. Kilometer 19 und 31.

Kilometer 19 war mit der Metro leicht zu erreichen. Einmal umsteigen nur. Ich wartete direkt an der 12-Meilen-Marke gegenüber eines Judoclubs. Rechts in Laufrichtung. Alles war genauso wie bei Youtube und Streetview. Viel mehr Publikum allerdings. Das hatten die anderen Fans auch herausgefunden: einmal umsteigen nur. Allez-allez-allez! Die Läufer sind mit ihren Vornamen beschriftet. Man kann sie direkt ansprechen. Allez, Jean-Claude, allez, Giselle! Hat motivierende Wirkung, sagt meine Frau, mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Manche Läufer lassen sich die ausgestreckten Hände abklatschen. Habe ich auch ein paar Mal gemacht. Ist aber ziemlich naß. Und klebrig. Schweiß mit Energieriegelresten. Bestenfalls. Eher eklig.

Kilometer 31 war schwieriger zu erreichen. Die Direkt-Tram ab Kilometer 19 außer Dienst wegen des Marathons. Damit hätte ich rechnen können. Stattdessen drei Mal umsteigen mit der Metro. Die Metro natürlich berstend voll. Und dann noch über den Fluß laufen mit dem schwerem Rucksack. Punktgenau am Treffpunkt vor dem großen Baum links Ecke rue Mirabeau und rue Wilhem. Kaum Publikum.

Ab Kilometer 30 hatten wir Angst vor der „mur„, der Mauer. Auch der „Mann mit dem Hammer“ genannt oder das „Tal der Qualen“. Das ist dann, wenn die Glykogenspeicher alle aufgebraucht sind und die Fettspeicher auch nicht schnell genug Energie bereitzustellen in der Lage sind. Dann geht gar nichts mehr. Das muß so sein wie Tank leer. Und Schmerzen dazu. Wegen der ganzen Milchsäure in den Muskeln. Oder der Krämpfe. Nichts geht mehr. Nur Stehenbleiben, Abwarten. Was trinken, Energieriegel. Zuspruch vom Publikum. Allez-allez-allez! Dazu vielleicht ganz langsam gehen. Kann man sich aber eigentlich nicht erlauben, ganz langsam, weil man ja noch gut zehn Kilometer vor sich hat. Physischer und psychologischer Nulldurchgang. Blieb bei meiner Frau aus. Da ist sie wohl deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben. Kam immerhin aufrecht durchs Ziel. Unter fünf Stunden. Vier Stunden 54 Minuten. 04:54:13.

Nicht zu vergleichen gegen die zwei Stunden, fünf Minuten des Siegers. 2:05:48. Mark Korir. Über seine 42,195 Kilometer läuft der so schnell wie ich mit dem Fahrrad gefahren wäre. Fast so schnell. Macht das eben mal mit seinen prallen Glykogenspeichern. Vielleicht noch ein paar Pappbecher Wasser unterwegs. Aber wohl auch nur, weil sein Coach ihm das immer wieder sagt. Bevor der eine Ahnung von Durstgefühl entwickelt, steht der schon wieder unter der Dusche. Mark stammt aus Kenia. Schwarzafrika macht die ersten zehn Plätze vorwiegend unter sich aus. Liegt vermutlich an den Genen. Ein paar Zentimeter Genmaterial von der Gazelle oder dem Geparden im DNA-Strang vielleicht.

Das Bier am Ende hätten wir uns zwar verdient, die Läuferin und ihr Sherpa, gab es aber nicht. Zu sportlich das Umfeld vor dem Arc de Triomphe. Kein Alkohol. Und dann mußten wir uns beeilen, den TGV nach Hause zu kriegen. Zuviel Schlange vor dem Dosenbier-Verkauf im Bahnhof.

Nächstes Jahr laufen wir wieder. 3. April 2016. Ich würde Dir, liebe Schwägerin, eine Halb-Liter-Flasche abgeben können von meinem grünen Zaubertrank an Meile 12 und Kilometer 31.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Schschsch!

Freitag, 8:24 Uhr.

Ich bin zuständig für die Säle drei und vier. Zweimal HNO. Beide Säle wie ausgestorben. Es muß aber schon jemand da gewesen sein. Die OP-Leuchten sind eingeschaltet und der Narkosemonitor in Saal 3 gibt verzweifelt Alarm, weil er keine Daten empfängt und er glauben muß, daß sich das zu überwachende Subjekt in ernsthafter Gefahr befindet. Außerdem liegen ein paar chirurgische Gerätschaften auf einem grün dekorierten Tisch in der Ecke. Saal vier das gleiche Bild. Also wahrscheinlich Kaffeeküche. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erstmal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochenende? In welchem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chirurgen für Saal 3 und 4 angerufen? – Der Chef  – le cadre – wollte sich darum kümmern! Der Cadre ist im Aufwachraum. Unterwegs mit einem kleinen Stapel Papier. Ein Dossier vermutlich. Cadres sind die mit Dossiers in der Hand. Es gibt unglaublich viele Cadres für das Pflegepersonal. Ausgeprägte hierarchische Struktur. Pflegedienstleiterin, Stellvertreter, Cadres für jede Station. Der Kreißsaal braucht sogar zwei Cadres. Wenn die sich nicht gerade in ihren tageslichtdurchfluteten Büros verstecken, wandeln sie mit einen Stapel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedrucktes Papier zur Hand ist, reicht auch ein wichtig gezückter Kugelschreiber. Bevorzugt halten sie sich außerhalb ihrer Station auf. Obwohl allesamt sehr gut ausgebildete Pflegekräfte, haben sie seit Jahren schon keinen echten Patientenkontakt mehr. Cadres eben. Manchmal sieht man sie in Gruppen auf Korridorkreuzungen. Plaudern zu zweit, gerne zu dritt, selten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion. Réunion braucht einen Saal in der Verwaltungsetage. Und ein Thema. Geht aber auch ohne echten Anlaß. Hauptsache Saal. Wenn man erstmal in einem Saal mit Tisch und weichen Sesseln sitzt, findet sich schon auch was zu bereden. Während der Woche wird die Réunion bevorzugt anberaumt von zwei bis vier, am Freitag besser von zehn bis zwölf. Wichtig ist immer der direkte Übergang in den Feierabend oder zumindest in die Mittagspause. Der leitende OP-Pfleger, mit dem obligaten Dossier in der Hand, ist auf dem Weg in eine Réunion. Ziemlich früh eigentlich. Wahrscheinlich muß er seinem Dossier noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ein Zufall, daß ich ihn noch im Aufwachraum antreffe. Daß er jetzt noch Chirurgen finden muß, paßt ihm gar nicht ins Konzept. Muß ich jetzt auch noch für die HNO-Doktoren den roten Teppich ausrollen, fragt er und deutet auf sein Dossier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Widerwillig telefoniert er dann doch.

In Saal drei ist inzwischen mein Patient angekommen. Mit den Schwestern. Valérie für die Chirurgin, die angeblich heute schon jemand gesehen hat, und Suzy von der Anästhesie. Mein Patient ist ein siebenjähriger Junge und soll an den Mandeln operiert werden. Er ist erstaunlich ruhig für den herrschenden Lärmpegel. Valérie und Suzy haben sich viel zu erzählen. Und weil sie beide viel und gleichzeitig zu erzählen haben, müssen sie laut genug reden, um sicher gehört zu werden. Dazu der Monitor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minuten. Suzy drückt den gelben Knopf zur Alarmunterdrückung. So eine Ruhe! Stille geradezu. Der kleine Patient wird an den Monitor angeschlossen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitronengeruch gewünscht. Mädchen bevorzugen Erdbeere. Er muß in die Maske pusten, weil das eine gelbe Linie auf den Monitor macht. Je mehr er pustet, desto schöner ist die Kurve. Macht er wunderbar und sehr engagiert. Dann aber ist der Zitronengeruch plötzlich weg und es riecht mehr nach Chemie. So gefällt ihm das Kurvenspiel auch nicht mehr wirklich und er wird unruhig.

In diesem Moment betritt Marie-Élise den Saal. Marie-Élise ist die Chirurgin. Marie-Élise ist bekannt dafür, daß sie auch sehr viel zu erzählen hat. Und sich Gehör zu verschaffen weiß. Mit Suzy und Valérie wächst sich das schnell zum akustischen Tsunami aus.

Schschsch wirkt nur noch dreißig Sekunden.

Wichtig ist dabei vor allem, daß man den kleinen Patienten nicht aus den Augen läßt. Der Monitor würde sich vergeblich um Aufmerksamkeit bemühen.


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bertram@diehl.fr


3904 Zeichen für Ailas Juli-Heft 2017:

Ich bin zuständig für die Säle drei und vier. Zweimal HNO. Beide Säle wie ausgestorben. Es muss aber schon jemand da gewesen sein. Die OP-Leuchten sind eingeschaltet und der Narkosemonitor in Saal 3 gibt verzweifelt Alarm, weil er keine Daten empfängt und er glauben muss, dass sich das zu überwachende Subjekt in ernsthafter Gefahr befindet. Außerdem liegen ein paar chirurgische Gerätschaften auf einem grün dekorierten Tisch in der Ecke. Saal vier das gleiche Bild. Also wahrscheinlich Kaffeeküche. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erstmal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochenende? In welchem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chirurgen angerufen? Le cadre – der Chef – wollte sich darum kümmern!

Der Chef ist im Aufwachraum. Unterwegs mit einem kleinen Stapel Papier. Ein Dossier vermutlich. Chefs sind die mit Dossiers in der Hand. Es gibt unglaublich viele Chefs für das Pflegepersonal. Ausgeprägte hierarchische Struktur. Pflegedienstleiterin, Stellvertreter, Chefs für jede Station. Der Kreisssaal braucht sogar zwei Chefs. Wenn die sich nicht gerade in ihren tageslichtdurchfluteten Büros verstecken, wandeln sie mit einen Stapel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedrucktes Papier zur Hand ist, reicht auch ein gezückter Kugelschreiber. Bevorzugt halten sie sich außerhalb ihrer Station auf. Obwohl allesamt gut ausgebildete Pflegekräfte, haben sie seit Jahren schon keinen echten Patientenkontakt mehr. Chefs eben. Manchmal sieht man sie in Gruppen auf Korridorkreuzungen. Plaudern zu zweit, gerne zu dritt, selten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion, eine Besprechung. Für eine Besprechung braucht man einen Saal in der Verwaltungsetage. Teppichboden, dezentes Ambiete. Und ein Thema. Geht aber auch ohne. Wenn man erstmal in weichen Sesseln um einen runden Tisch und sitzt, findet sich schon auch was zu bereden. Wichtiges Kriterium einer Besprechung ist der direkte Übergang in den Feierabend oder zumindest in die Mittagspause.

Der OP-Chef ist auf dem Weg in eine Besprechung. Ziemlich früh eigentlich. Er muss seinem Dossier noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ein Zufall, dass ich ihn noch im Aufwachraum antreffe, sagt er. Passt ihm gar nicht ins Konzept. Muss ich jetzt auch noch für die HNO-Doktoren den roten Teppich ausrollen, fragt er und deutet auf sein Dossier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Widerwillig telefoniert er dann doch.

In Saal drei ist inzwischen mein Patient angekommen. Mit den Schwestern. Valérie und Suzy. Mein Patient ist ein siebenjähriger Junge und soll an den Mandeln operiert werden. Er gibt sich erstaunlich gelassen für den herrschenden Lärmpegel. Valérie und Suzy haben sich viel zu erzählen. Und weil sie beide viel und gleichzeitig zu erzählen haben, müssen sie laut genug reden, um sicher gehört zu werden. Dazu der Narkosemonitor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minuten. Suzy drückt den gelben Knopf zur Alarmunterdrückung. So eine Ruhe! Stille geradezu. Der kleine Patient wird an den Monitor angeschlossen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitronengeruch gewünscht. Mädchen bevorzugen Erdbeere. Er muss in die Maske pusten, weil das eine gelbe Linie auf den Monitor macht. Je mehr er pustet, desto schöner ist die Kurve. Macht er wunderbar und sehr engagiert. Dann aber ist der Zitronengeruch plötzlich weg und es riecht mehr nach Chemie. So gefällt ihm das Kurvenspiel auch nicht mehr wirklich und er wird unruhig.

In diesem Moment betritt Dominique den Saal. Dominique ist die Chirurgin. Sie ist bekannt dafür, dass sie auch sehr viel zu erzählen hat. Und sich Gehör zu verschaffen weiß. Mit Suzy und Valérie wächst sich das schnell zum akustischen Tsunami aus.

Schschsch wirkt nur noch dreißig Sekunden.

Wichtig ist dabei vor allem, dass man den kleinen Patienten nicht aus den Augen lässt. Der Monitor würde sich vergeblich um Aufmerksamkeit bemühen.

 

3.652 Zeichen

Zweitausend Zeichen gesteht mir die Redakteurin zu. Den Fokus auf meinen Beruf, Anästhesist, „gewürzt“ mit Besonderheiten aus französischem Krankenhausalltag. Wünscht sich die Redakteurin. Zweitausend Zeichen. Das ist nicht viel für gewürzten Alltag mit Fokus. Zweitausend Zeichen sind im französischen Krankenhausalltag schon gesagt, bevor der Tag überhaupt richtig anfängt.

Mein Alltag findet vorwiegend im bloc opératoire statt. Im OP. Da gibt es OP-Schwestern, die ab halb acht in ihrem Saal Instrumente für ihre Chirurgen auspacken, nett drapiert auf sterilem Grün. Anästhesiepersonal, das die Funktionsfähigkeit der Maschinen prüft, Spritzen vorbereitet und nett zu den Patienten im Vorraum ist. Der Chirurg hat seinen Auftritt typischerweise um 8:45 Uhr. Also, um genau zu sein, nicht vor 8:45 Uhr. Der Anästhesist ein bißchen vorher, ab halb neun. Normalement. Bis dahin sind die Schwestern und Pfleger mit ihren Vorbereitungen längst fertig und warten in der Kaffeeküche. Rufen den jeweiligen Arzt auf seinem Portable an: wir sind fertig, du kannst kommen. Der Arzt sagt am Telefon „j’arrive“. Wenn man verschlafen hat und unter der Dusche erwischt wird, kann man „j’arrive“ sagen. Das gleiche „j’arrive“ würde man auch aus der Umkleide nebenan verkünden. J’arrive umschreibt ein äußerst großzügiges zeitliches Spektrum. Alles ist drin von „sofort“ bis „heute noch, ganz sicher“. Das ist im Hôpital nicht anders als mit dem Plombier, auf den man seit dem frühen Morgen verzweifelt wartet.

Wenn ein Doktor „j’arrive“ gesagt hat, kann das zugeteilte Pflegepersonal sagen: „il arrive“. Und schon gilt auch für sie das gleiche zeitliche Spektrum. Großzügig. Das ist eigentlich ganz angenehm. Wenn der Chef fragt, warum es nicht weiter geht, kann man sagen „il arrive“. Das reicht völlig als Legitimation. Und für einen Kaffee. Einen mindestens. Zum Kaffee im großen Kreis plaudert es sich gut über Einzelheiten des Menüs von gestern Abend, das Auswärtsspiel des RCT vom Samstag, die Kinder, die aktuelle Diät. Natürlich auch über den spannenden Kaiserschnitt letzte Nacht und wie blöde das ist, daß man schon wieder auf den Doktor warten muß. So wie immer eigentlich. Dabei weiß der doch, daß er ein volles OP-Programm hat! Und daß der Chef da endlich mal eingreifen müßte.

Da sind zweitausend Zeichen schnell gesagt.

Zu meinem Auftritt, meist kurz nach halb neun, sitzen die meisten Schwestern und Pfleger mit ihrem Kaffee in der Kaffeeküche. Alle Anwesenden müssen geküßt werden. Alle. Alle wollen geküßt werden. Bises links und rechts, salut, tout va bien? Dazu kleiner Smalltalk, kleiner Scherz. Du bist aber schlecht rasiert heute! Wenn man jemanden vergißt, muß man mit lautstarkem Protest rechnen. Alleine in diesem Kontext sind auch meine zweitausend Zeichen wahnsinnig schnell gesagt. Zweitausend Zeichen sind nur eine gute halbe Seite.

Früher war das anders. Früher, in einem Provinzkrankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets. Ende des letzten Jahrtausends. Visite auf der Intensivstation halb acht. Halb acht! Steile Hierarchie. Chefarzt, Oberärzte, Fußvolk. 7:31 Uhr. Ein geflüstertes „Guten Morgen“. Zwölf Zeichen. Dienstbeginn ist sieben Uhr dreißig, Herr Diehl. – Tut mir leid, Frau Chefärztin. Ich war im Stau wegen Unfall auf der Provinzialstraße. Nochmal gut achtzig Zeichen. In der Kaffeeküche des OP saß morgens niemand. Keiner hatte Zeit zu sitzen. Und geküßt wurde da ohnehin nicht. Früher, zu Ende des letzten Jahrtausends im nordöstlichen Ruhrgebiet, kam ich im Krankenhausalltag mit zweitausend Zeichen problemlos bis in die Kantine mittags.

Das sind nun 3.652 Zeichen geworden. Bleibt abzuwarten, was die Redakteurin dazu sagt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


8. Mai

Auch Redakteurinnen können nicht anders. Sie müssen einfach was wegkürzen. Sie haben ja schließlich auch Vorgaben – andere Beiträge, Werbung, Quadratzentimeter hier und da. Ich kann mit dem Resultat leben. Ist abgedruckt in der Mai-Ausgabe der Riviera Zeitung.

Ainörnschen

Früher, als ich noch jung war und sportlicher, als ich noch zur Schule ging, ins Gymnasium in eine schwäbische Kreisstadt, aus meinem Dorf in die Kreisstadt, fuhr ich diese gut zehn Kilometer oft, na ja, immer wieder, mit dem Fahrrad. Bergauf, bergab. Mehr bergauf als bergab. Der letzte Kilometer von meinem Dorf in die Kreisstadt leicht bergab. Auf diesem letzten Kilometer wurde ich oft, na ja, immer wieder, von einer Ente überholt. Heutzutage werden Enten automatisch mit den Attributen alt und klapprig versehen, früher war die ja wahrscheinlich noch mehr oder weniger neu. Trotzdem ist sie mir als alt und klapprig in Erinnerung. Enten wurden vermutlich schon als alt und klapprig ausgeliefert. Savoir vivre aus Frankreich. Diese Ente damals war blaßgrau oder -blau und hatte neben der obligaten Atomkraft-nein-danke-Sonne noch einen Aufkleber: Honi soit qui mal y pense. Überzeugter Akademiker, Grünen-Wähler. Wahrscheinlich ein Lehrer.

Damals hatte ich zwar schon Französisch, als dritte Fremdsprache nach Englisch und Latein, und habe den Spruch auch als Französisch erkannt. Aber nicht verstanden. Ich wußte nicht, wer Honi war. Und „soit“ habe ich auch nicht als Derivat des Hilfverbs „être“ erkannt. Hat mich auch nicht weiter interessiert. Meine drei Jahre Französisch waren ein einziges Debakel. Die ersten Stunden waren noch gut, der Lehrer damals ausgesprochen frankophil, rundlich, wenig Haare, eitel und selbstzufrieden. Einer wie Hercule Poirot, der belgische Detektiv von Agatha Christie. In der Darstellung von David Suchet. So einer. Und die gleiche Arroganz.

Am Anfang fand ich die Sprache faszinierend. Mit den X am Ende wie bei Asterix und all diesen anderen Buchstaben, die man nicht hört. Ich dachte, ich kann das. In der ersten Klassenarbeit, einem Diktat, hatte ich zu meiner erheblichen Verwunderung eine glatte sechs. Ich kann mich noch heute an dieses Gefühl erinnern. Diesen Absturz aus euphorischer Erwartung einer Note, die mir zum Klassenbesten gereicht hätte. Weil ich mir doch so sicher war, mit den X und S am Ende und all den anderen Buchstaben, die man schreibt, aber nicht hört, umgehen zu können. Und dann das! Glatte sechs. Zuviele Fehler pro Zeile. Ich hatte Buchstaben geschrieben, wo keine sein durften und Buchstaben weggelassen, die man ohnehin nicht hört. Meine Motivation war weg. Null. Minus zehn. Ich fand die Sprache albern mit diesen Nasallauten und schwachsinnig mit diesen Regeln, die nie wirklich funktionieren, den unzähligen Buchstaben, die man nicht hört. An schlechten Tagen finde ich sie immer noch albern mit diesen Nasallauten. Affektiert. Immer noch. Vielleicht auch wegen eines selbstgefälligen Typen, der sich an der Tafel wie Hercule Poirot inszenierte. Vor fast vierzig Jahren.

Vor gut zehn Jahren erst habe ich verstanden, daß „Honi“ kein Name ist. Und auch „soit“ konnte ich einordnen. Google macht es heutzutage ohnehin ganz leicht.

Meiner Tochter geht es schon mit ihrer ersten Fremdsprache auch nicht viel besser. Maureen, ihre französische Deutschlehrerin, würde immer „Ainörnschän“ sagen statt „Ainörnschän“, berichtet sie. – Häh? Ich verstehe nicht. – Ja, sie würde immer Ainörnschän sagen statt Ainörnschän. Sie könnte nicht Ainörnschän sagen. Ich bin nicht in der Lage, das Wort meiner Tochter zu erkennen. Ainörnschän? Geschweige denn, den Unterschied zu finden zwischen den beiden angebotenen Versionen. Was kann das sein? Ich muß es selbst ein paar Mal laut sagen. Ainörnschän, Ainörnschän – ah! Meine Tochter meint Eichhörnchen.

An der Aussprache des deutschen Worts für das putzige Écureuil (Sciurus vulgaris) läßt sich der deutsche Muttersprachler vom französischen Deutschschüler klar differenzieren. Vermutlich sogar von der französischen Deutschlehrerin. Gleich zwei schwierige Laute, grenzwertig für französische Kehlen, in einem Wort. Eine linguistische Herausforderung. Das H, welches zuhause ohnehin immer stumm bleibt, und das CH, dessen Modifikation ins SCH den Franzosen zu soviel Charme verhilft im Deutschen. Und dann auch noch in unmittelbarer Folge. Eich-Hörn-Chen. Meiner Tochter – leider mehr französische Deutschschülerin als deutsche Muttersprachlerin – verlangte die korrekte Aussprache einiges an Konzentration und Training ab. Inzwischen kann sie das Eichhörnchen. Manchmal vereinfacht es sich noch in ein Einhörnchen.


11. November

Fast unverändert abgedruckt in der November-Ausgabe von „Riviera – Das Magazin“


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Küchenaktivitäten

Wochenende im Krankenhaus. Dienst. Ein bißchen so wie im Puff. Präsenz, Lächeln so gut es geht, Hinhalten, wenn es soweit ist, Warten, bis es vorbei ist. Zweimal Orthopädie direkt nach dem Frühstück. Ein Handgelenk, ein Oberschenkel. Mit dem italienischen Kollegen Marco R.. Mag ich nicht so gerne, weil er mit der Anästhesie selten direkt spricht, sondern vorzugsweise über die Schwestern oder, schlimmer noch, über die Zentrale. Doktor R. operiert ein Handgelenk um zehn Uhr. Aha. Ich finde, sowas sollte direkt besprochen werden. Zwischen Kollegen. Die Schwestern finden ihn toll, mit seinem schweren italienischen Akzent, dem rollenden R. Und behaupten, er sähe so gut aus. Sooo gut! Vielleicht halten sie deswegen, weil sie ihn so schön, sooo schön finden, seinen Akzent auch so gut aus. Oder umgekehrt. Der Akzent mit den rollenden Rs läßt ihn gut aussehen in Schwesternaugen. Wer weiß das schon so genau? Kann man Schwestern wirklich verstehen? Frauen? Wie wirkt das rollende R auf Frauen? Vielleicht auch bin ich einfach nur eifersüchtig. Marco R. ist immerhin gut fünfzehn Jahre jünger als ich. Und Chirurg eben. Dazu laut eigenen Angaben durchtrainierter Sportler. Beim letzten regionalen Triathlon kam er auf eine erwähnenswerte Plazierung. Angeblich. Wobei ein echter Macho natürlich auch zu hemmungsloser Korrektur des Selbstbildes neigen mag.

Zwischendurch mußte ich die Schwestern mit Marco im OP alleine lassen, um andere Patienten auf den Stationen zu prämedizieren. Orthopädie für Montag und zwei Gallen. Danach kurzer Abstecher in die Geburtshilfe. Mache ich immer, sehen, wer da ist. Laetitia war da und Magali. Und eine Blonde, die mich schon kannte, ich mich aber nicht an sie erinnern konnte. Auch diesmal habe ich ihren Namen gleich wieder vergessen. Pauline vielleicht. Wird trotzdem geküßt. Wenn man eine küssen will in einer Gruppe, muß man auch die anderen küssen. Egal. Laetitia saß mit ihren Kolleginnen beim Mittagessen. Dessert, Joghurt, Obst. Die saßen da also schon eine Weile. Gibt’s was bei euch? Eine Erstgebärende unter Beobachtung. Ein bißchen Wehen. Nach Irgendwas zur Weheneinleitung. Bis später vielleicht. Und guten Appetit noch.

Chadia B. ist die diensthabende Gynäkologin. Ihr Gatte, le docteur F., ist auch Gynäkologe. Den kenne von früher aus dem Krankenhaus in Toulon. Ein Meister der experimentellen Laparoskopie. Minimal invasiv, maximal okkult. So einer. Spritzende Blutung an der Ovarialzyste. Und hartnäckige Versuche, die kleine, böse Arterie in einem knöcheltiefen Teich hellroten Bluts zu finden. Es gibt ja auch Lottogewinner. Kann ja gutgehen. Bis der Sauger voll ist. Und der Anästhesist wegen der Alarme auf seinem Monitor aufwacht, weil der Blutdruck der Patientin weg ist. Und laut nach Blutkonserven schreit. Und Plasma. Und all dem, was man im hämorrhagischen Schock halt so braucht. Ist mir einmal passiert. Danach durfte Doktor F. nicht mehr operieren ohne einen Vorrat von vier Tüten Blut im Kühlschrank. Und wurde im leisesten Ansatz zu okkultem Aderlass angebrüllt. Chadia B. hat nach meiner Zeit in Toulon lange auch dort gearbeitet. Jetzt ist sie bei uns. Meine Frau hat den direkten Vergleich. Ein bißchen besser als ihr Mann, sagt sie. Nicht viel. Ein Kaiserschnitt dauert auch mal neunzig Minuten. Neulich ließ sie bei uns im Kreißsaal eine Frau mit totem Kind im Bauch, sechster Monat oder so, fast verbluten. Die Blutgerinnung kaum mehr meßbar und das Hämoglobin von knapp vierzehn auf fünf Komma drei. Ob es da nicht alternative Lösungen gegeben hätte? Würde ich so als unbefriedigend empfinden. Wagte ich anzumerken. Wie ich denn dazu käme, in diesem Ton mit ihr zu reden?

Seitdem würde ich unser Verhältnis als getrübt bezeichnen.

Fünf Minuten, na gut, gerade mal zehn Minuten nach meinem Besuch im Kreißsaal, die Hebammen in aller Ruhe beim Dessert, 12:58 Uhr, rief mich Magali an, die Hebamme. Chadia will einen Notfallkaiserschnitt. Code rouge. Wow! Warum das denn? Gerade war doch noch alles schön. Wegen unschönen Rhythmus‘, sagt Magali. Und retroplazentären Hämotoms. Retroplazentäres Hämatom! Kann man sowas im CTG erkennen? Nach drei kontraktionssynchronen Verlangsamungen im kindlichen Rhythmus? Von 120 auf 105? Gerade mal als Delle in der Kurve zu erkennen. Notfallkaiserschnitt! Ist das glaubhaft? Nach drei Minuten im Kreißsaal eine vitale Indikation stellen können? Aus dem CTG? Von 120 auf 105? Ob ich denn noch Zeit hätte, eine Spinale zu stechen? Wenn ich nicht länger brauchen würde als fünfzehn Minuten. Aha. Ist das kohärent? Glaubhaft? Retroplazentäres Hämatom, ist das nicht eine Frage von einigen wenigen Minuten? Ist das nicht der Kaiserschnitt im Bett, auf dem Flur, sonstwo? 13:34 Uhr war das Kind da. Ein Junge. Nicht wirklich gut. APGAR vier vielleicht. Hatte auch zwei Nabelschnurschleifen um den Hals. Hätte man sicher früher oder später per Kaiserschnitt holen müssen. Als Schein-Notfall aber? Unter plakativer Diagnose?

Ich glaube, Chadia B. hat sich beim Dessert mit ihrem Mann docteur F. in die Haare bekommen. Beim Dessert spätestens, vielleicht vorher schon. Küchenaktivitäten können konjugale Spannungen dramatisch akzentuieren. Oder die Kinder sind vor dem Dessert vom Tisch aufgestanden. Geht nicht in Frankreich. Das alleine legitimiert schon einen Wutanfall. Vielleicht hat Doktor F. die gemeinsamen Kinder in Schutz genommen. Geht erst recht nicht, wie soll denn so Erziehung funktionieren? Wutanfall, Abgang. Ich würde in der cholerischen Krise vermutlich Teller an die Wand werfen oder Türen eintreten. Schlimmstenfalls. Bei Chadia B. muß es eben ein Kaiserschnitt sein. Darauf kommt es dann auch nicht mehr an. Auch gut.

Danach Pause bis fünf, weil Marcos weibliche Fans essen wollen. Essen geht nicht unter zwei Stunden. Nicht in Frankreich. Plus Sieste. Um fünf noch ein kaputter Oberschenkel.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Hundescheiße

Mein Erstgeborener mußte in seiner Schule in Nîmes einen Vortrag halten über Deutschland. Von mir wollte er per whatsapp dazu wissen, was die Deutschen von den Franzosen halten. Generell gesehen.

Was meint er? Meine persönliche Meinung? Einzelheiten zu meinem Lieblingsthema französischer Merkwürdigkeiten? Ausführungen zum historischen „Erbfeind“ seines Urgroßvaters? Zum Frankreich als Kulturnation seines Großvaters väterlicherseits? Daß wir den französischen Käse so hochschätzen? Den Wein? Burgund, Bordeaux? Foie gras? Das Mittelmeer? Frankreich als Urlaubsziel? Was wir von ihren Klapperkisten halten? Peugeot, Renault? Von ihren Präsidenten und deren Affären? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwierige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wendet sich wohl an mich, weil ich ja der Deutsche bin in der Familie. Vielleicht hält er mich sogar für deutscher als seine Mutter.

Der Deutsche. Allein das ist schon schwierig. Gibt es ja nicht, den Deutschen. Sowenig, wie es den Fanzosen gibt. Vielleicht, mit Einschränkungen, läßt sich ein Durchschnittsdeutscher konstruieren. Ein rein statistisches Individuum aus irgendwie gemittelter Meinungswelt. Der resultierende Durchschnittsdeutsche war mal in Paris vielleicht, an der Côte d’Azur. Bei Paris denkt er an den Eiffelturm, Versailles und den Louvre. Die Schlangen vor den Kassen. Der Kaffee für acht Euro am Hafen eines ehemaligen Fischerdorfs. Und Hundescheiße auf den Gehwegen. An die Franzosen selbst denkt er vermutlich nicht. Wenn es der Durchschnittsdeutsche aufs Gymnasium geschafft und ein paar Jahre Französisch gelernt hat, kann er sich an einen Aufenthalt als Austauschschüler erinnern. Vielleicht. Ich war auf dem Gymnasium, sehr durchschnittlich, und hatte ein paar Jahre Französisch, auch sehr durchschnittlich, war aber nicht auf Austausch in Frankreich. Der Durchschnittsdeutsche kann sich an das Chaos im Alltag seines eventuellen Austauschs erinnern. Den Stau überall, das Verzögerte, immer funktioniert irgendetwas nicht. Oder ist zumindest anders. Anders eben als zuhause. Nous sommes en France. Er erinnert sich gerne an seinen Kuß mit einer Schülerin in der Austauschklasse. Obwohl da vermutlich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Kenner französischer Frauen machen würde. Und er spricht ein bißchen Französisch. Mehr als sein Austauschpartner Deutsch immerhin. Englisch sprachen sie beide gleich schlecht. Erinnert sich an exzessives Essen, mindestens drei Gänge. Immer. Immer Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch. Nach dem einleitenden Apéro, zu dem auch schon was geknuspert wird. Kulinarische Exotika. Schnecken, Froschschenkel, foie gras, tausend Sorten Käse. Baguette. Wahrscheinlich denkt der Deutsche vor allem ans Essen in Frankreich. Wenn er vom „Leben wie Gott in Frankreich“ redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavandou allerdings teurer als drei Wochen in Antalya. Saint Tropez unbezahlbar. Acht Euro der Kaffee. Und sowas von unfreundlich die Bedienung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bilateraler staatlichen Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft. arte bleibt mehr oder weniger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Meinung der Einen über die Anderen vorwiegend Fakten gefunden, allerlei vergleichende Statistik. In Frankreich mehr Arbeitslosigkeit als in Deutschland, mehr Kinder pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Einwohner, mehr Restaurantbesuche. Weniger Ausgaben für das Auto, mehr Eigenheime. Weniger staatliche Investition in Ausbildung und Forschung. So Sachen. Dabei durchweg signifikante Unterschiede. Das war aber nicht die Frage meines Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resultate einer Studie, die von der deutschen Botschaft in Paris in Auftrag gegeben worden war. Die wollten es ganz genau wissen. Das Institut français d’opinion publique – IFOP – veröffentlichte im Januar 2013 schon die Studie Regards croisés sur les relations franco-allemandes à l’occasion du 50ème anniversaire du Traité de l’Elysée. Übersetzt von der Botschaft selbst: Der Blick auf den Nachbarn – Wie beurteilen Deutsche und Franzosen 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Élysée‐Vertrags die Beziehung zwischen ihren beiden Ländern?

Im Prinzip lag ich richtig mit meiner Einschätzung. Der Durchschnittsdeutsche – im befragten Kollektiv von gut 1.300 Personen – assoziiert zum Begriff Frankreich als erstes Paris und Eiffelturm. Dann Wein, Baguette, Essen im allgemeinen. Der Franzose selbst kommt nicht vor. Dem Franzosen – auch gut 1.300 befragte Personen – fallen zum Begriff Allemagne die Stichworte Angela Merkel, Bier, Berlin und Autos ein. In dieser Reihenfolge. Dann, anders als die befragten Deutschen, sahen die befragten Franzosen auch den Deutschen. Als streng und unflexibel. Vielleicht haben sie da auch wieder nur Angela vor  dem inneren Auge. Aber immerhin sehen die Franzosen auch den Menschen.

Letztendlich trifft die Fragestellung der Studie auch nicht den Ansatz meines Sohnes: Was denkt der Deutsche über den Franzosen? Der Deutsche, der Durchschnittsdeutsche weiß, glaube ich, über die Franzosen nicht mehr als über die Griechen und die Polen. Die Griechen arbeiten nicht und zahlen keine Steuern, die Polen klauen Autos. Und die Franzosen? Essen ausgiebig und sammeln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


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12. Juni

Ziemlich ähnlich abgedruckt in der Juni-Ausgabe der Riviera Zeitung.

25. September

Und auch in deren Internetauftritt.

Kettensägenschmerz

November.

Der Tag fängt nicht gut an. Ich werde vom Rappeln meines Zweitgeborenen im Treppenhaus wach. 6:42 Uhr. Statt 6:30 Uhr im Auto, 6:43 Uhr an der Zahnbürste. 6:57 Uhr im Auto. Kein Kaffee. Viel zu spät eigentlich für einen Montag Morgen vor Marseille. 8:06 Uhr im Wartezimmer der Neurochirurgie, La Timone, Uniklinik von Marseille, fünfte Etage. Ein Bau wie im präkapitalistischen Osteuropa. Das Ambiente im Wartezimmer entsprechend. Dazu rappelvoll. Für mich gibt es noch einen Stehplatz. Als erster auf der Liste aber komme ich aber auch als erster dran. Um 8:34 Uhr. Geht doch! Der Professeur paßt zum präkapitalistischen Ambiente. Speckiger Kittel. Grunzt was. Sollte wohl Bonjour heißen. Stellt sich nicht vor. Schaut sich meinen Befund im Computer an, die CD mit den Bildern. Sagt nichts. Ich solle mal meinen Pullover ausziehen. Da drüben. Handzeichen. Setzen auf die Liege. Auf dem Einmalpapier der Liege hat schon mal jemand zumindest gesessen. Er prüft die Reflexe, die grobe Kraft in den Armen, in den Fingern. Seitengleich, meine Kraft so gut wie die des Professeur. Den Zauber mit Ausziehen und Untersuchen spielt er vermutlich nur, weil er weiß, daß ich Kollege bin. Anästhesist. Das sind die, die gelegentlich sogar ein Stethoskop verwenden. Wie er selbst auch, ganz früher als Student. Im OP!

Keine Operation erstmal, sagt der Professeur schließlich. Nur, wenn ich darauf bestünde. Warum könnte man auf einer Operation bestehen? Wegen der Taubheit zum Beispiel in den Fingern. Alternativ vielleicht ein paar Infiltrationen. Was er von Physiotherapie hielte? Pfff, bringt nichts, sagt er. Okay, das ist ein Chirurg. Der denkt mit dem Messer. Arthrodese oder Prothese. Andere Alternativen geben die Strukturen dieser Uni wohl nicht her.

Dankeschön, au revoir. Vielleicht.

Ein paar Wochen zuvor lag ich in einer Röhre, hatte Stöpsel in den Ohren, trotzdem ein Höllenlärm. Dazu und vor allem aber einen Höllenschmerz, ich würde sogar sagen „Kettensägenschmerz“, neun von zehn Punkten auf der Analogskala. In der Schulter, im Arm, brennendes Kribbeln in den ersten drei Fingern links. Vielleicht bin ich ja auch ein Weichei. Und dabei hatte ich mich davor richtig abgedröhnt. Was die Schubladen der orthopädischen Chirurgie eben so hergeben. Parazetamol mit Kodein, Tramadol und noch irgendein Schmerzmittel. Hat nicht gereicht. Hätte ich mir doch nur einen Morphin-Patch geholt! 50 Mikrogramm mindestens. Kettensägenschmerz. Ich war nahe daran, den Panik-Knopf zu drücken. Wäre mir aber doch zu peinlich gewesen. Das hätte sich in Windeseile im ganzen Krankenhaus herumgesprochen. Der Anästhesist, der seine eigenen Schmerzen nicht unter Kontrolle hat! Geht gar nicht. Wenn sie so nichts finden, ist da auch nichts, dachte ich mir. Und so lange wird das nicht mehr dauern. Flecken zählen am Röhrenhimmel half ein bißchen. Wie eigentlich kommen da Flecken hin? Und mit den Zehen wackeln. Luft anhalten. Atmung kontrollieren. Wenn man sich auf seine Atmung oder die Zehen konzentriert, rückt der Schmerz ein bißchen in den Hintergrund. Dabei Hyperventilation vermeiden. „IRM“ heißt das hier, MRT oder MRI im restlichen Europa und sonstwo. Magnetresonanz-Tomographie eben.

Wegen persistierender Schmerzen im Schulterbereich, Schulterblatt vor allem und Oberarm. Ausstrahlung bis in Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Taubheit im Zeigefinger. Parästhesien. Und das seit April oder Mai. Hatte was Mittelschweres gehoben auf Über-Kopf-Niveau und ein Knacken gespürt, links oben irgendwo. Irgendwie unter dem Schulterblatt. Und seitdem Schmerzen. Mal mehr, mal weniger. Vor allem nach ein paar Kilometern auf dem Fahrrad. Deswegen Verdacht auf Karpaltunnelsyndrom. Operation Ende August unter Lokalanästhesie. Der Blick ins eigene Handgelenk ist eine interessante Erfahrung. Danach drei Wochen krank geschrieben. Auch schön. Aber keine Besserung. Auf Dauer ermüdend, dieser Schmerz. Immer.

IRM am Dienstag im November. Endlich.

Danach wollte ich nur noch nach Hause mit meiner Kettensäge im Arm. Der Befund würde auch bis Donnerstag auf mich warten. Im Auto die Musik ganz laut. I can get no – satisfaction. Hilft auch. Besser als Atmen. Zuhause offenbar immer noch ganz blaß. Was ist denn mit dir los?

Donnerstag

Vorfall auf Höhe C7 der Befund. Links am Austritt des Spinalnerven. Könnte die Symptomatik erklären. Ich konnte mir vorstellen, daß man das operieren muß. Ich kann mir nicht vorstellen, das in Frankreich operieren zu lassen. Zu gut kenne ich den Betrieb in öffentlichen Strukturen.

Ich brauchte eine Gegenmeinung aus Deutschland. Ich konnte mir vorstellen, mich eventuell dort operieren zu lassen. Von ganz früher, aus meinem anästhesiologischen Sandkasten in Westfalen sozusagen, habe ich einen Kumpel. Inzwischen Fast-Chef der Anästhesie in einem Krankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets. Er arbeitet mit dem Neurochirurgen zusammen, der ihn selbst auch an der Wirbelsäule operiert hat. Und ist zufrieden mit dem Resultat. Patientenzufriedenheit ist die beste Werbung. Der Neurochirurg sah sich meine Bilder an. Telefonsprechstunde am  Abend. Aus dem Auto. Jugendliche Stimme, angenehm. Sagt das Gleiche  wie der Professeur in Marseille. Etwas detaillierter: Meine Bandscheibenschäden wären ja schon älter. Da wäre ja auf fast jeder Ebene was. Manches knöchern organisiert. Ob ich nicht auch Schwindelattacken hätte? Kopfschmerzen? Sehstörungen? Andere Ausfälle? Fühlte mich mit einem Mal unglaublich alt. Ich bin quasi ein Fossil, lebendes Genmaterial des letzten Dinosauriers. Nein, nein, so meinte er das nicht, sagte die jugendliche Stimme. Wirbelsäulenprobleme wären die Krankheit des jungen Menschen. Aha. Sehr charmant.

Der Neurochirurg im nordöstlichen Ruhrgebiet empfahl abschließend einen Zyklus von fünf bis sechs Periradikulär-Infiltrationen unter CT-Kontrolle. Im Abstand von jeweils einer Woche. Dann Physiotherapie. Ein operativer Eingriff wäre eher selten notwendig. Würde er dann aber auch machen. Er hat schon Amis und Japaner operiert. Aus der ganzen Welt kommen sie zu ihm. Wow.

Also doch Nadeln im Hals? Vielleicht doch erstmal zuwarten.

Eine andere Kollegin mit viel Erfahrung aus einer Frankfurter Schmerzambulanz favorisiert den dort praktizierten interdisziplinären Therapieansatz. Chemie und Psychotherapie. Physiotherapie und Entspannungsübungen. Multimodal nennt sie das. Wir sind in Frankreich. Multimodal in diesem Sinne gibt es hier nicht. Geht gar nicht. Da nüßten sich die beteiligten Therapeuten ja untereinander irgendwie absprechen! Bleiben regelmäßige Termine mit einer Physiotherapeutin.

Im Dezember hatte ich einen Friseurtermin. Nachmittags um zwei. War dringend nötig. Wenn Pflegerkollegen mir im OP ungebeten überstehende Locken abschneiden und, vor allem, wenn Patienten mich mit Madame ansprechen, ist der Friseurtermin unabwendbar. Davor hatte ich eben noch was zu erledigen. Kinder und Senioren haben immer „eben noch“ was zu erledigen. Plötzlich 13:57 Uhr. Ich hasse es, Menschen warten zu lassen. Auch die Coiffeuse. Plötzlich mußte ich rennen. Knapp fünfhundert Meter ins Dorf. Und war ganz überrascht, daß mir der Arm nicht wehtat. Keine Kettensäge, kein brennendes Kribbeln bis in die Fingerspitzen.

Time is non-toxic.

Ich würde mich nicht in den Hals stechen lassen. Und ihn auch nicht aufschneiden lassen, den Hals. Ich würde weiter zuwarten. Entschied ich. Und mich solange massieren lassen. Von Lyliane. Mit Y. Das ist meine Physiotherapeutin. Sie hat meiner Tochter, als die noch ganz klein war und verrotzt, ein paar Mal massenweise Schleim aus der Lunge gewrungen. War grauenhaft anzusehen. Hat aber gewirkt. Patientenzufriedenheit ist die beste Werbung. Die Spielereien mit den Elektroden am Rücken ließen wir aus. Bringt nichts. Rückenmassieren ist besser. Sie behauptete, das wäre ja alles ganz atrophiert. Hat mir nicht gefallen. Atrophierte Versteinerung. Dinosaurier. Nur noch Knochen. Zuviel davon. Interessant war außer Massage Lylianes „Traktion“ an der Halswirbelsäule. Etwas schmerzhaft. Ziemlich sogar. Kettensägenniveau. In der Schulter, im Arm, brennendes Kribbeln in den ersten drei Fingern links. Aber ich hatte das Gefühl, daß das hilft. Danach war es besser.

Ich kann wieder Radfahren. Schon länger inzwischen. Manchmal, mehr prophylaktisch, sehe ich noch die Physiotherapeutin für Massage am Rücken und Traktion an der Halswirbelsäule. Manchmal signalisiert die Kettensäge mittels eines diskreten Kribbelns in der Schulter, daß sie durchaus noch präsent ist.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Le Faron

2015-02-02 IMG_5408 (Faron) noch kleiner

Zum letzten Geburtstag hat mir meine Frau ein GPS-Gerät fürs Fahrrad geschenkt. Man kann Strecken programmieren und weiß immer, wo man ist. Das Gerät zeigt auch an, wie schnell man ist, wie die Steigung ist, die Höhe über dem Meeresspiegel, den Luftdruck, die Himmelsrichtungen. Den Kalorienverbrauch, die Pulsfrequenz. Das mit der Pulsfrequenz ist eigentlich so überflüssig wie der Luftdruck. Braucht man nicht wirklich. Daß es bergauf anstrengend wird, weiß ich auch so. Wenn es keinen Spaß mehr macht, ist die Pulsfrequenz vermutlich hoch. Ich lege den Sensor inzwischen doch an. Für einen Anästhesisten existiert eine Vitalfunktion nur, wenn man sie auch von einem Monitor ablesen kann. Mittlerweile weiß ich, daß Radfahren bei einer persönlichen Frequenz von 145 anstrengend ist, aber auch über längere Strecken geht. Ab 150 macht es weniger Spaß. Über 160 geht nicht lange. Und macht keinen Spaß.

Meine Lieblingsstrecke führt mich von zuhause direkt ans Meer bei Le Pradet. Dort geht es bergauf und bergab auf einer Straße frei für Anlieger zwischen Pinien, Felsen, Mandelbäumen, Oliven und Feigen. Zur Zeit blühlt und duftet die Mimose. Dazu perfekte Sicht aufs Wasser und die Halbinsel von Giens dahinter. Knapp dreißig Kilometer, eine Rundstrecke von einer guten Stunde.

Kinderstimme von hinten. Kinderplappern. Dazwischen eine Frauenstimme. Bestimmt eine Mama, die ihr Kind in einen offenen Zweisitzer packt, um es in die Schule nach Carqueiranne zu bringen. Hier oben, mit solch einer Aussicht, wohnen Leute in Anwesen deutlich jenseits der Millionengrenze. Porsche, X5 und kleine BMW ohne Dach.

Erstaunlicherweise kommen die Stimmen näher. Mutter und Kind unterhalten sich. Das Kind unterhält vorwiegend die Mutter. Die Mutter eher einsilbig. Ich kann einzelne Worte differenzieren, keinen Inhalt. Zu weit weg. Und mein eigenes Atmen ist zu laut. Sechs Prozent Steigung, 12,2 Stundenkilometer, Tendenz fallend. Umgekehrt proportional zu meiner Herzfrequenz. Aktuell bei 152.

Regarde, maman, le monsieur!

Oui, chérie.

On va le doubler.

Oui, chérie.

Links in meinem Blickfeld taucht ein Fahrrad auf. Ein Tourenrad. Dann sehe ich die Fahrerin. Blonder Pferdeschwanz. Kein Helm. Kein Tropfen Schweiß, keine roten Flecken. Gebräunt und blond. Ich versuche, ihr Lächeln zu erwidern.

Bonjour Madame.

Bonjour.

Auf dem Gepäckträger eine Schultasche. Was Rosafarbenes mit großem Schriftzug Hello Kitty. Und dann der Anhänger. Ein Anhänger! Wow! Im Anhänger ein Kind in vorwiegend rosa. Ein Mädchen. Auch sonnengebräunt und blond. Ein Helm immerhin, rosafarben, auch von Hello Kitty. Vielleicht drei Jahre. Kindergartenkind. Petite section vielleicht.

Bonjour Monsieur!

Bonjour chérie!

Maman, glaube ich, läßt sich zu einem Lächeln hinreißen. Zum Glück sagt sie nicht sowas wie Laisse le monsieur tranquil, chérie. Ich bräuchte ihr Mitleid nicht. Bitte nicht! 9,4 Stundenkilometer, Puls 162. Und es liegt nicht an dem blonden Gespann. Na ja, vielleicht doch. Die Schmach. Überholt in der Steigung. Mühelos mit Anhänger. Allein der Anhänger mit Kind wiegt sicher das Vierfache meines Fahrrads.

Ich versuche, wider besseres Wissen, wenigstens dran zu bleiben. 172. Ein paar Meter noch und ich würde reanimationspflichtig umfallen. Das Gespann ist uneinholbar. Wahrscheinlich hat mich gerade die französische Vizemeisterin im Triathlon überholt. Nachdem sie ihre Tochter im Kindergarten abgesetzt hat, wird sie über den Markt schlendern, kiloweise Bio-Obst und -Gemüse in den Wagen packen und zuletzt noch zwei Sixpacks 1,5-Liter-Wasserflaschen von Casino holen. Für den Vormittag sollte das reichen. Heute Nachmittag vielleicht eben über die Bucht nach Giens schwimmen und über den Strand von l’Almanarre nach Hause rennen. Nach einer kleinen Sieste wird sie gegen halb fünf ihr kleines Blondes abholen. Das dann aber im offenen Zweisitzer.

Kann natürlich auch sein, daß ihr Fahrrad mit Strom fährt. Die Batterie unter der Schultasche auf dem Gepäckträger.

Am Faron, dem Hausberg von Toulon, hatte ich neulich ein ähnliches Erlebnis. Der Faron ist gut über fünfhundert Meter hoch und bietet an mehreren Stellen  grandiose Aussichten über die laut Eigenwerbung schönste Reede Europas – la plus belle rade d’Europe.

Igelfrisur. Ärmelloses Sportshirt, schwarz. Drahtig, perfekt durchtrainiert. Kein Gramm zuviel. Frau Igel. Wahrscheinlich Sixpack unter dem Rennshirt. Am Oberarm ein iPhone. Tänzelt ein paar Meter vor mir auf der Straße. Die Straße führt auf den Faron. 539 Höhenmeter auf der Straße maximal. Wir befinden uns auf 128 Höhenmetern. Meine Herzfrequenz liegt bei 150. Da kann ich noch bonjour sagen, sogar noch lächeln. Sie hat, so wirkt es, nur auf mich gewartet. Sie wünscht mir einen guten Tag, bonjour. Kaum bin ich an ihr vorbei, bricht sie auf. Rechts ins Gebüsch. Da muß ein Wanderweg sein. Der Direktweg nach oben durchs Unterholz, über Steine und Felsen. Sie wird nicht wandern mit ihrem iPhone am Arm, sondern rennen. Knapp zehn Stundenkilometer. Bergauf. Was für die ganz Harten. Das gehört vermutlich zu ihrem persönlichen Trainingsprogramm für Réunion, la Diagonale des Fous. Ein Rennen einmal quer durch die Île de La Réunion. Insgesamt knapp zehntausend Höhenmeter auf gut hundertundsechzig Kilometern. Auch so eine Strecke wie hier am Faron. Nur länger. Die rennen da Tag und Nacht. Wahrscheinlich kriegen sie von der Landschaft nicht viel mit. Schon gleich gar nicht im Lichtkegel ihrer Stirnlampen. Das ist Frau Igels zweite Etappe für heute. Die erste hat sie schon hinter sich. Im Dunkeln. Mit Stirnlampe. Solche Leute rennen in der Steigung über Stock und Stein schneller als ich auf der Straße fahre. Ein Glück, daß sie durch die Wildnis rennt. Erspart mir die Demütigung auf der Straße. Die würde mir einen halben Kilometer Vorsprung lassen, nur um mich lächelnd zu überholen. Lächelnd zu was Aufmunterndem. Weiter so, das wird schon. Bon courage.

Hundert Höhenmeter und zwei Haarnadelkurven später, meine Herzfrequenz bei 164, jenseits der Lächelgrenze, springt zwanzig Meter vor mir ein Mensch mit einem Kampfschrei aus dem Gebüsch. Von rechts. Frau Igel? So schnell? Kann nicht sein! Das muß Herr Igel sein. Herr und Frau Igel spielen das Spiel jeden Sonntag. Warten im Morgengrauen auf Senioren mit Fahrrad. Die Senioren mit Fahrrad sind die Hasen. Ich bin ein Hase. Manche Hasen fallen gleich tot um, wenn Herr Igel aus dem Gebüsch springt. Vor Schreck. Andere legen sich noch mal richtig ins Zeug. Sterben wenig später im Herzkammerflimmern beim Versuch, ihre Geschwindigkeit über die des iPhones mit Sixpack zu treiben.

Ist aber kein Trick. Es ist definitiv Frau Igel. Frau Igel ist Einzelkämpferin, Herr Igel ein Fantom. Sie wartet auf mich. Lächelt. Weiter so, das wird schon. Bon courage!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Dieser Text erschien in einer gekürzten Version am 12. März 2015 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015-03/radfahren-suedfrankreich-gps)