Ist das mein Problem?

Wo geht’s denn hier in den Kreißsaal?

Deutsche. Ein junger Mann mit Drei-Tage-Bart und einer Vierjährigen auf dem Arm. Die sprechen mich auf Deutsch an! Im Flur zu den Urgences. Sieht man mir an, daß ich Deutscher bin? Habe ich Socken in Birkenstocks an den Füßen, die FAZ unter dem Arm, Schwarz-Rot-Gold auf der Wange?

Bis zum Ende des Flurs und dann rechts. Maternité.

Und finden es völlig normal, daß ich in ihrer Sprache antworten kann. Man muß dem jungen Mann zugute halten, daß er vielleicht Grund zu Aufregung hat. Daß es seine Frau auf dem Weg in den Kreißsaal womöglich ziemlich eilig hatte.

Zur Zeit – es ist immerhin schon September und die meisten Deutschen sind wieder abgereist, dachte ich – laufen mir erstaunlich viele Deutsche über den Weg. Im Krankenhaus. Gestern saß eine ganze Familie in der Wartegruppe der chirurgischen Station. Und spielte Uno! Sonst hört man deutsch vor allem bei Décathlon. Ich weiß nicht, warum gerade da. Als ob deutsche Urlauber erstmal Badehosen, Schwimmreifen und Flossen bei Décathlon holen müßten. Bei Décathlon gibt es immer Deutsche. Immer, zu jeder Jahreszeit.

Tu es mon sauveur!

Carole auf ihrer internistischen Station. Ich bin ihre Rettung. Sie hat eine deutsche Patientin, die nur Boschua und Merßi sagen kann. Ist vor zwei Tagen knapp der Intensivstation entgangen. Ich soll Carole als Dolmetscher retten. Ich soll der Patientin verdeutlichen, daß sie noch nicht reif sei für 1.500 Autokilometer Heimreise. Auch die Wirkung der vertrauten Sprache wäre dabei nicht zu vernachlässigen, ergänzt Carole. Die Patientin bleibt dabei: am Samstag will sie, nein, muß sie nach Hause. Da führen die Freunde, die sie mitnehmen. Mitnehmen müssen, denn ein medikalisierter Heimtransport würde von ihrer Versicherung nicht übernommen. Das hatte ich Carole gleich gesagt: Deutsche sind so. Auch als Patienten. Da gibt es Sachzwänge. Unabwendbar. Wenn die sich was in den Kopf gesetzt haben, bleiben sie dabei. Die mußt du schon intubieren, wenn du willst, daß sie bleibt.

Die Versicherung ist andererseits oft ein Problem für Patienten aus Deutschland, wenn sie im Provinzkrankenhaus der Côte d’Azur Objekt medizinischer Versorgung werden. Der Versicherungsklassiker. Wenn man sie braucht, läuft nichts so, wie man das in seiner Not gerne hätte. Dann zum Beispiel, wenn die Hüfte kaputtgeht oder das Handgelenk. Schmerzen und allein gelassen. Für die bin ich der Messias. Logisch. Erstmal. Viele können nämlich gerade mal ein Baguette kaufen. Auch nach Jahren in Le Lavandou. Meistens fahren sie ohnehin zu Aldi, Netto oder Lidl, weil sie das von zuhause kennen. Da gibt’s auch Baguette. Intermarché oder Casino zu Jahresend-Feiertagen, wenn’s dann doch mal ein Sixpack Austern sein darf.

Wenn die erste echte Freude über einen sprachkompetenten und zugewandten Kompatrioten in all diesem Unglück mit dem kaputten Handgelenk oder der ausgekugelten Hüftprothese aber erstmal verdaut ist, rutscht man leicht auf Discounterniveau ab. Kann’s nicht noch ein bißchen mehr sein? Rufen Sie doch mal bei der Versicherung wegen des Heimtransports an! Ähm, bitte. Inzwischen leugne ich Sprachkompetenz und Primärnationalität. Oft zumindest. Wenn ich kann.

Bonjour, Bertram! Comment vas-tu?

Caroles Sekretärin. Heißt auch Carole. Heftig geschminkt, Kunstwimpern. Hat ihr süßestes Lächeln aufgesetzt. Sehe ich ganz selten, Carole und ihr süßestes Lächeln. Hat mich auf dem Stationsflur abgefangen. Bestimmt folgen noch ein paar charmante Worte. Und dann wird sie was von mir brauchen.

Eine Ewigkeit, daß wir uns nicht mehr gesehen haben! Du warst bestimmt im Urlaub, so schön gebräunt wie du bist!

Sie hört sich – immer noch ihr süßestes Lächeln in den Augen – sehr interessiert meine Antwort an. Dann aber. Klar.

J’ai une petite faveur à te demander.

Genau. Ein kleiner Gefallen. Meine Dolmetscherfunktion ist schon wieder gefragt. Noch ein Deutscher. Einer, der angeblich nicht zahlen will. Wahrscheinlich ein Mißverständnis. 101 am Fenster. Herr von W., Mitte 70. An welcher Stelle hätte ich da Nein sagen können?

Guten Morgen, Herr W.!

Sie sprechen deutsch?

Ich bin Deutscher.

Wissen Sie, nichts für ungut, aber das muß ich Ihnen mal sagen, das ist das reinste Chaos hier! Niemand kümmert sich! Ich bin seit vorgestern hier und warte noch immer auf mein IRM! Wenn innerhalb der nächsten Stunde nichts passiert, gehe ich!

Herr von W. ist ungehalten. Und – unter uns – er hat recht: Es ist schon ein bißchen chaotisch hier. Niemand kümmert sich. Das sehe ich jeden Tag. Öffentliche Struktur in Südfrankreich. Improvisation statt Organisation. Die Generation Herrn von W.s hält Chaos und Improvisation ganz schlecht aus. Sie hält gar nicht aus, warten zu müssen. Das Ungehaltene dieser Generation im Zusammenhang mit mediterraner Desorganisation kenne ich auch sehr eindrücklich von meinem Schwiegervater. Lautstark dem Ärger Luft verschaffen, klare Ultimaten im Minutenbereich setzen, mit terminalen Konsequenzen drohen – otherwise explodes a bomb! Die Bombe gegen einen armen Hotelangestellten in Istanbul, der nun gar nichts dafür kann, daß der bestellte Leihwagen nicht pünktlich um halb neun Uhr angeliefert war. Hilft aber nicht.

Carole ist Herr von W. letztendlich egal. Soll er doch. Soll er doch einfach gehen. Ist das mein Problem?


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


3. Oktober

Gekürzt abgedruckt in der Oktober-Ausgabe von „Riviera – Das Magazin“. Auch online.

 

Pifomètre

Aus der Beilage – La Provence vue par la presse étrangère – von N° 1288 des Courrier international vom 9. Juli 2015 mit freundlicher Genehmigung die Übersetzung meines Leserartikels bei ZEIT ONLINE „Trüffelmarkt in Aups – Schwarze Trüffel für den Cousin„. Wiederum gekürzt.

Choisir la truffe au pifomètre

Sur le marché du village d’Aups, par un matin d’hiver, un touriste étranger s’est laissé aller au plaisir de tâter, de toucher et de renifler la truffe. Puis de l’acheter. Témoignage.

Die Zeit Hambourg

La semaine prochaine, ma femme doit aller voir sa famille en Allemagne et rendre visite à un cousin, ambitieux chef amateur et président d’un club de cuisine aux prétentions d’élite. Ma femme voudrait bien l’impressionner en lui rapportant des truffes noires de Provence. Nous habitons près de Toulon et des truffes, on en trouve à Aups, un village de l’arrière-pays où l’air est plein du chant des cigales et de l’odeur des pins. C’est là que se tient tous les jeudis matin, de fin novembre à fin février, le troisième marché aux truffes de France. Ma femme n’ayant pas le temps d’y aller, c’est moi qui ferai le voyage. Jeudi matin, 8 heures, les cigales se taisent à Aups et la température frôle le zéro. La place est déserte, tous les cafés sont fermés. Pas un vendeur de truffes en vue. Juste un petit vieux en robe de chambre et pantoufles grisâtres, le béret vissé sur la tête. Avec sa baguette sous le bras et son mégot au coin du bec, il incarne un stéréotype bien français. Mais pas celui du vendeur de truffes.

Ce n’est en fait pas sur les stéréotypes français que j’ai tablé. Ma stratégie était d’une simplicité toute teutonique: se rendre à Aups, mettre la main sur le meilleur vendeur de truffes avant même qu’il ait le temps d’installer son étal, lui acheter 200 grammes de marchandise et repartir aussi sec. Tac-tac, je devais être de retour pour le petit déjeuner des enfants qui n’ont pas école aujourd’hui. Pour cela, il me fallait trouver un vendeur de truffes à 8 heures au plus tard. Mais la place est toujours déserte.

Mirliton. Je patiente dans ma voiture, moteur allumé. J’ai froid. Un peu après 9 heures, la place commence à s’animer. De vieux messieurs et dames, souvent des couples, installent de petites tables pliantes, les couvrent de toiles cirées multi-colores et commencent à sortir des paniers. Ainsi que des balances de précision électroniques. Les vendeurs semblent tous se connaître. Ils se font la bise (gauche, droite, gauche) et se souhaitent la bonne année, meilleurs voeux, fortune, bonheur mais surtout une bonne santé. C’est un jour de marché ordinaire dans le sud de la France.

A l’exception d’un petit groupe de touristes hollandais, nous ne sommes que quatre ou cinq clients à faire cercle autour des étals, grelottant et nous dandinant d’un pied sur l’autre. Le guide hollandais explique quelque chose. Il connaît son affaire. Nous allons pouvoir commencer. A 9 h 30 tapantes, un personnage vêtu d’un vague uniforme fait son apparition et hurle „le marché est ouvert!“ en soufflant dans un mirliton. C’est aussi ça la France. Certains usages de la monarchie survivent encore aujourd’hui. Enfin, qu’importe, le marché est ouvert. Au signal, les vendeurs sortent les truffes de leurs poches et les déposent dans des paniers. Les clients passent d’étal en étal. On tâte, on touche, on renifle.

Marché noir. Un homme vêtu d’une veste en cuir m’approche et me demande si je veux acheter des truffes. Evidemment, puisque je suis là. Ça tombe bien, il en a dans son sac. Un sac, quel sac? Dissimulés sous sa veste, il aurait 300 grammes de truffes noires dans une poche, 500 euros le kilo. C’est plutôt un bon prix. Le prix de l’emplacement étant prohibitif, il n’a pas d’étal. Pour conclure notre affaire, mieux vaudrait nous écarter pour ne pas nous attirer les foudres des autres vendeurs. Acheter à la sauvette dans des petites rues adjacentes, je connais. Dans le pire des cas, on se fait tabasser et dépouiller. Je décline son offre. Qui plus est, je n’ai pas fini d’examiner la marchandise de la concurrence.

Tout cela me plaît bien: je peux toucher les truffes, en couper de petits morceaux, les chauffer dans ma main et les renifler. Les balances de précision affichent directement le prix en euro au centime près. Sur les tables s’étalent les photos des chiens et des cochons truffiers avec leur maître.

En tant que profane, il faut finalement s’en remettre à la Providence. Ou à son instinct. On peut se décider en fonction de la forme des truffes, de leur prix ou de la gentillesse du vendeur. Il paraît que les professionnels achètent sans regarder, sans le moindre égard pour les sacro-saintes traditions d’un marché provençal. Je finis par faire affaire avec une vendeuse particulièrement patiente au sourire charmant: 200 grammes pour 170 euros.

Ma femme en emportera la moitié en Allemagne pour offrir à son cousin. L’autre passera dans nos assiettes. Depuis, notre fils – qui supervise étroitement nos menus – ne rêve que de brouillade de truffes.

Bertram Diehl, publié le 27 janvier

wikipedia.de: „Courrier international ist eine wöchentlich erscheinende, französische Zeitschrift. Sie ist eine Presseschau von über 900 weltweit publizierten Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Die Artikel werden von einer Redaktion in Paris ausgewählt und ins Französische übersetzt.“

Der zuständige Redakteur hat den Text ganz offensichtlich selbst nicht gelesen. Überflogen vielleicht, nicht gelesen. Hätte er ihn gelesen, hätte ihm auffallen müssen, daß der Verfasser kein „touriste étranger“ sein kann, wenn er schulpflichtige Kinder in Frankreich hat. Normalement. Auch Redakteure sind nur Menschen.

Knaller

Als sich mein Zustand soweit stabilisiert hatte, daß ich an den Mittagstisch zurückkehren konnte, war im Gesicht meiner Frau eine Mischung aus Mitleid, Spott und Besorgnis abzulesen. Besorgnis allerdings weniger um meine Vitalprognose. Ich konnte ihre Sorge auf den Punkt bringen:

Die Lebensmittelallergie ist eigentlich eher was für Knaller. Ich weiß.

Wer will schon einen Knaller zuhause haben? Berechtigte Sorge meiner Frau. Knaller, so Leute, die, eingeladen zum Dîner, noch in Hut und Mantel Einzelheiten ihrer Allergie auf Schalentiere und Fisch erläutern und ihrer Hoffnung Ausdruck verleihen, der Fischgeruch wäre doch bestimmt noch vom Mittagessen in der Luft. Oder Mitmenschen, die zu sorgfältiger Sektion ihres Kuchenstücks mit der Gabel die äußerst bedenklichen Reaktionen ihres sensiblen Organismus‘ auf ungegarte Steinfrüchte schildern. Auch auf Spuren davon. Die Lebensmittelallergie ist eigentlich eher was für Knaller.

Dabei hat meine Frau durchaus Erfahrung mit exotischen Krisen am Mittagstisch. Aus dem engeren Familienkreis. Wobei mir – das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen – nie in den Sinn käme, Mitglieder des engeren Familienkreises als Knaller zu bezeichnen.

Tante Baby zum Beispiel. Die zweite der drei Schwestern meines Schwiegervaters. Die erste ist trotz einer Autoimmungeschichte an der Leber gut über achtzig geworden. So wie Tante Baby. Deutlich über achtzig. Beide hatten reihenweise Krankheiten. Tante Baby ihrerseits vor allem am Herzen. Die Medikamente dagegen waren „ganz schwere Geschütze“, sagte sie gerne. Mit so einer schweren baltischen Tonlage und rollendem R – ganz schwäärre Geschütze. Immer wieder „schockte“ sie. Wobei es da nie genauere Erläuterungen gab zu diesem „Schocken“. Akutes Herzversagen, Herzstillstand, Rhythmusstörungen, Elektroschock vielleicht? Trotz der schweren Geschütze gab das Herz letztendlich vor ein paar Jahren auf.

Meinen Kindern ist sie in bleibender Erinnerung durch mehrere Besuche bei uns. Mindestens zwei. Einmal zur Taufe meines Erstgeborenen, schon wirklich lange her also, einmal mindestens nur einfach so. Weil es bei uns so schön ist. Wir haben immer wieder Senioren bei uns, weil es so schön bei uns ist. Früher mehr als heutzutage. Und das auch über längere Zeiträume, damit es sich auch lohnte. Nur meine Eltern kommen für höchstens 36 Stunden. Meine Eltern wissen, daß länger anhaltender Besuch Quelle für Unfrieden sein kann. Auch wenn man sich als Besuch richtig Mühe gibt. Jeden Tag Baguette holen geht zum Beispiel und Croissants und Pains au chocolat, die dann doch keiner ißt. Wird negativ registriert. Und artikuliert – da muß ich schon jeden Tag Brot holen gehen und dann wird es doch weggeworfen. Das hält die Kriegsgeneration nicht gut aus. Muß aber jeden Tag Brot holen gehen. Oder kluge Anregungen zu Verbesserungen im Haushalt. Anregung und konsequente Umsetzung.

Das ist jedoch nicht das, was sich meinen Kindern bleibend einprägte. Tante Baby, eigentlich Vera und früher einmal Tänzerin, hatte auch ein Problem an der Speiseröhre. Speiseröhre ist ein schönes Wort für Ex-Balten: Gleich zwei R in dichter Folge – Rrööhrre. „Krampfte“ gelegentlich, die Speiseröhre. Beim Essen. Atemnot mit gutturalem Röcheln und gepreßtem Husten, blutunterlaufene, hervortretende Augen, Tränen- und Speichelfluß, hektisches Tupfen mit der Serviette. Das zu eher ehrenvollem Rahmen, bei Tisch mit Kerzenlicht, dem guten Silberbesteck und Stoffservietten. Das macht ordentlich Eindruck. Bleibenden.

Ob das jetzt „Schocken“ gewesen wäre, fragte ich, als es vorbei war. Nein, nein, Schocken ist am Herzen. Wieder so ein baltisches Wort. Lange Silben, Tsunami-R. Am Häärrrzen. Aber das gerade eben war Krampfen. Tat ihr immer etwas leid. Weil die Kinder so große Augen bekamen. Die großen Augen erinnerten sie andererseits vielleicht auch ein bißchen an früher, als sie noch Tänzerin war und Publikum hatte. Tat ihr vielleicht sogar gut. Ich meinerseits wußte genau, wo mein Laryngoskop liegt. Für den ernstgemeinten Notfall. Ein übriggebliebenes Laryngoskop aus einem katholischen Krankenhaus im nordöstlichen Ruhrgebiet. Frische Batterien direkt daneben. 7-1/2er-Tubus. Der vielleicht schon abgelaufen. Aber egal. Ambubeutel. Magill-Zange. Drei Minuten höchstens bis zur Intubation.

Tante Babys deutlich jüngerer Bruder, mein Schwiegervater, macht das auch. Er kann in solchen Fällen aber meist noch aufstehen und sich in den Toiletten verstecken, bis es vorbei ist. Das dämpft die Geräuschkulisse tendenziell. Ich glaube nicht, daß es sich da um ein echtes organisches Problem handelt. Die Kriegsgeneration schlingt einfach zu hektisch. Ungekaut. Oder wenig gekaut. Kriegsgeneration eben. Große Brocken, die sich ungekaut stauen und verhaken. In der „Gurrrgel“, sagte Tante Baby. Mein Schwiegervater mußte sich neulich im Sommer doch mal neben den Tisch legen. Auf den sonnenwarmen Stein der Terrasse. Hatte nicht mehr gereicht fürs dezente Ausblenden. Vagale Geschichte. Pulsfrequenz um die dreißig pro Minute. Brocken in der Gurgel. Infusion, Atropin, alles gut. Den Eltern müßte man schon mit schwererem Geschütz aufwarten, um sie nachhaltig zu beeindrucken. Im Beruf gehört sowas zum Alltag. Den Kindern reicht das schon.

Der Auftritt ihres Vaters im Rahmen seiner Pfirsichallergie läßt sie also eher kalt. Eltern sind öfter mal etwas eigenartig. Sie würden mich zudem nicht als Knaller bezeichnen. Alleine schon, weil der Begriff in ihrem aktiven deutschen Wortschatz nicht vorkommt. Eher vielleicht denken sie „chtarbé“.

Chtarbé [ʃtaʀbe], frz., durchgeknallt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Narkoseprimat

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Gaby! Hol‘ dem jungen Kollegen doch mal einen Hocker!

Kann der junge Kollege das nicht selber? Hat der junge Kollege keine Beine? Soll er sich doch einen aus Saal vier holen!

Jan sitzt schon auf dem letzten Dreh-Roll-Hocker im Saal. Saal drei. Auf dem Anästhesie-Dreh-Roll-Hocker direkt vor der Narkosemaschine. Die Chirurgen brauchen ihre Hocker selbst. Die Chirurgen im Saal sind Gefäßchirurgen und operieren Krampfadern. Das kann Stunden dauern. Da muß man sitzen. Die in Saal vier hämmern an einer Hüftprothese. Hämmern an der Hüfte kann man im Sitzen nicht so gut. Die brauchen ihre Hocker nicht.

Den bringst du uns aber nachher wieder, sagt eine Schwester mit braunen Augen, die ich noch nicht kenne. Wahrscheinlich eine Op-Pflegerin. Die Haare unter der Haube versteckt und die Maske vor Mund und Nase. Da kann man nur die Augen sehen. Anästhesieschwestern lassen die Maske eher mal unter dem Kinn baumeln.

Jan ist groß und blondlockig. Tendenziell übergewichtig. Nicht wirklich fett, nur etwas schwabbelig. Er ist an meinem ersten Arbeitstag Oberarzt geworden. Im katholischen Hospital im südöstlichen Grüngürtel des Ruhrgebiets. Soll mich durch diesen Tag führen. Hat mir gerade gezeigt, wie eine Spinalanästhesie gestochen wird.

Den Patienten aufsetzen, den Rücken rund machen lassen, zwischen zwei Wirbeln, genauer den Dornforsätzen zweier Wirbel, die am besten scheinende Punktionsstelle finden. Möglichst tief im Lendenbereich. L3/L4 sagt das Lehrbuch. Entspricht ungefähr dem Niveau einer Waagerechten zwischen den Beckenkämmen. Leicht schräg nach oben, kopfwärts durch die Haut stechen. Piekst mal kurz, nicht bewegen! Langsam weiter, bis Liquor aus der Nadel tropft. Klare Flüssigkeit. Lokalanästhetikum injizieren. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Fertig. Nadel raus, Pflaster. Der Patient darf wieder liegen. Ein Drei-Minuten-Eingriff. Kreislaufüberwachung. Manchmal stürzt der Blutdruck ab.

Die nächste machst du.

Jetzt sitzen wir. Jans erster Lehrsatz zum Berufsbild des Anästhesisten: Anästhesie ist eine sitzende Tätigkeit. Wenn die Spinalanästhesie erstmal gestochen ist, der Patient in den Saal geschoben und an die Überwachungsmaschine angeschlossen, setzt sich der Anästhesist ans Kopfende des Patienten, kontrolliert und protokolliert die Vitalparameter. Alle fünf Minuten misst die Maschine den Blutdruck. Auf einem Formular mit skaliertem Karobereich in der Mitte wird der systolische Blutdruck als kleiner nach oben offener Winkel eingetragen, der diastolische als kleiner nach unten offener Winkel. Die beiden Winkel werden grafisch verbunden. Zwei Winkel, ein Strich. Dazu die Herzfrequenz. Wird auch von der Maschine angezeigt, grüne Zahl auf schwarzem Hintergrund. Direkt neben dem EKG. Grüne Kurve. Dazu blinkt ein grünes Herz. Synchron zum grünen Herzen ein Piepton. Auf dem Protokoll wird die Zahl der Herzfrequenz ein Punkt im Karoraster. Manche Kollegen machen auch kleine Kreuze. Die Punkte oder Kreuze werden ihrerseits grafisch verbunden. Noch ein Strich. Außerdem wird notiert, was du wann gemacht hast, sagt Jan. Aus forensischen Gründen. Wenn was schief geht, hat das Narkoseprotokoll Beweiskraft. Aufschreiben, was du wann gespritzt hast und wieviel. Und wenn die Chirurgen anfangen. Schnitt. Und wenn sie fertig sind. Hautnaht. Und wenn sonst irgendwas ist. Herzstillstand oder so. Oder wenn der Chirurg ein Messer oder eine blutige Kompresse nach dir wirft.

Du schreibst, sagt Jan, ich habe schon so viel Striche gemalt in meinem Leben.

Mein erster Blutdruck 143 zu 78. Zwei Winkel, ein Strich. Die Pulsfrequenz 72. Ein Punkt.

Wenn du Glück hast, löst dich Gaby auf einen Kaffee ab.

Ich stelle Jan ein paar interessierte Fragen, was ich außer Strichen und Punkten malen noch zu machen hätte. Wenn zum Beispiel der Blutdruck nicht mehr normal wäre. Oder die Herzfrequenz. Diese Art Fragen scheinen Jan nicht wirklich zu interessieren. Bei Varizen passiert nichts, sagt er. Am Anfang höchstens, nach der Spinalen. Kann der Blutdruck abrauschen, wie gesagt. Dann machst du ein bißchen Akrinor.

Jan redet lieber über seine, über unsere Kollegen. Den Chef, Udo S., zum Beispiel. Den man nach der Frühbesprechung eigentlich nicht mehr sieht. Höchstens kurz zur Narkoseeinleitung bei Privatpatienten. Macht kleine Lokalanästhesien an der Stelle für die Infusion. Kann er extra abrechnen. Fünfzehn Mark. Ich betäube Sie jetzt, sagt er dann. Udo findet man so gut wie nie auf dem Dreh-Roll-Hocker vor der Narkosemaschine. Das mit den Strichen und den Punkten muß ein Oberarzt übernehmen. Striche und Punkte sind abrechnungstechnisch nicht weiter relevant. Manchmal trinkt er Kaffee in der Kaffeeküche. Wenn es zum Beispiel noch weitere Privatpatienten zu betäuben gibt. Oder die junge Oberärztin der Gynäkolgie auch gerade Kaffee trinkt. Zum Mittagessen fährt er nach Hause. Der Porsche muß bewegt werden. Sagt Udo. Hessischer Akzent.

133 zu 71. Zwei Winkel, ein Strich. Das Herz bei 69. Punkt, kleiner Strich. Das wird schön!

Die Anästhesie ist eine Berufgruppe mit hohem Ausländeranteil, sagt Jan. Hast du ja gesehen heute morgen. Er persönlich hätte nichts gegen Ausländer. Der andere Oberarzt ist Türke. Mehmet K.. Seit sechzehn Jahren im katholischen Hospital. Mehmet K. hat mich freundlich begrüßt und uns gute Zusammenarbeit gewünscht. Mehmet K. ist einen halben Kopf kleiner als ich trotz extrahoher Holzpantinen. Schwerer Akzent. Ich habe auch nichts gegen Ausländer. Mehmet K. fährt Daimler, sagt Jan. Mit Sitzkissen, weil er sonst nicht über das Lenkrad gucken könnte. Und wenn er sich aufregt, versteht man kein Wort mehr. Vor sechzehn Jahren hätte noch niemand Anästhesie machen wollen. Deswegen mußte das Krankenhaus Mehmet K. importieren. Und das als erzkatholische Institution! Wo noch immer Nonnen mit weißen Häubchen über die Flure huschen!

124 zu 78. Zwei Winkel, ein Strich. 61. Ein Punkt.

Andrea A. ist Italiener. Hat mich heute morgen auch sehr freundlich begrüßt. Mit charmantem rollendem R. Viel Spaß würde ich hier haben. Mehmet und Andrea sprechen schon seit Jahren nicht mehr miteinander. Nur das Allernötigste. Andrea sei schwul. Er persönlich hätte nichts gegen Schwule. Sagt Jan. Schwul paßt natürlich überhaupt nicht in Mehmets Weltbild. Für Andrea ist Mehmet der Kollege ohne Pelle. Ohne Pelle? Na, beschnitten eben. Ohne Vorhaut. Wie alle Türken. Die Ausländer brauchen die Deutschen gar nicht immer, um gehaßt zu werden. Das können sie auch untereinander.

Lilliane S. allerdings sei allseits beliebt. Lilliane ist polnischer Herkunft. Hatte es schwer mit der Facharztprüfung. Sprachliche Hürden. 16 Jahre nach Mehmet dürfen Sprachkenntnisse ein Kriterium sein. Hat sie aber vor einem halben Jahr geschafft. Mußte mich küssen zur Begrüßung. Mußt du nicht rot werden, sagte sie. Das ist so bei uns. Und so jung bist du. Bist du schon verheiratet?

127 zu 73. Zwei Winkel, ein Strich. 64. Ein Punkt.

Monika M. und Sylvia B. sind deutsche Kolleginnen. Monika hat was Mütterliches. Nickte mir aufmunternd zu. Wird schon, wir haben alle mal klein angefangen. Sylvia ist zur Zeit im Urlaub. Wird auch das blonde Gift genannt. Warum würde ich schon selbst früh genug herausfinden. Versucht seit Jahren, schwanger zu werden. Erfolglos. Kein Wunder, sagt Jan. Er hat sich inzwischen die Maske von Mund und Nase gezogen. In seinen Mundwinkeln hat sich beim Reden Schaum gesammelt. Kleine Speicheltropfen regnen auf das Narkoseprotokoll und auf mein Grünzeug.

124 zu 69. Zwei Winkel, ein Strich. 62. Punkt, Strich.

Herr Wolters schläft. Er hat von Gaby noch fünf Milligramm Midazolam bekommen. Und eine Sauerstoffmaske. Habe ich aufgeschrieben. Unter 8:15 Uhr. Dormicum 5 mg. Und O2 zwei Liter pro Minute.

Sind fünf Milligramm nicht ein bißchen viel für einen Herrn über siebzig?

Das machen wir immer so. Dafür kriegt er ja auch den Sauerstoff. Und damit verschwindet Jan. Jetzt weißt du erst mal das Wichtigste. Und immer schön alles aufschreiben. Und wenn was ist, rufst du Gaby. Die ist Fachschwester. Die kann dir immer helfen. Ich muß jetzt weiter.

118, 62, 63. Striche, Punkt.

Können Sie mal was gegen das Schnarchen machen? Bei diesem Lärm kann kein Mensch arbeiten! Der chirurgische Oberarzt hat was zu mäkeln.

Keine Ahnung, was ich gegen das Schnarchen machen soll. Herr Wolters schläft eben. Muß ich was gegen das Schnarchen machen? Gibt es in meinen Medikamenten-Schubladen was gegen Schnarchen? Gaby ist irgendwo draußen. Im Vorraum? Auf dem Flur? Saal vier? Beim Kaffeetrinken? Unsichtbar.

Herr Wolters hat eine ordentliche Portion Dormicum gehabt. Da würden Sie auch schnarchen. Wenn er kein Dormicum gehabt hätte, würde er Sie vollquatschen.

So schnarchen geht auch nicht. Wir können so nicht arbeiten. Holen Sie Ihren Oberarzt, wenn Sie nicht weiterwissen!

Jan würde sagen, das ist jetzt nicht dein Ernst. Wahrscheinlich würde er Herrn Wolters auf die Stirn klopfen und ihn ansprechen. Oder umgekehrt.

Herr Wolters?

Was, schon fertig?

134 zu 87. Winkel, Strich. Punkt bei 89.

Ziemlich langweilig. Vielleicht doch lieber kleine Kreuze statt der Punkte für die Pulsfrequenz? Schöner eigentlich. Ich entscheide mich für Kreuzchen. An ihrem ersten Tag auf dem Dreh-Roll-Hocker treffen angehende Ärzte für Anästhesiologie und Intensivmedizin Entscheidungen fürs Leben. Kreuzchen statt Punkte.

Na, Herr Thiel, haben Sie sich schon gut eingelebt? Der Chef. Wünscht den chirurgischen Kollegen einen guten Morgen, wirft einen Blick auf meine Striche. Anästhesist: DIEHL, AiP, steht da. In Großbuchstaben. Gut lesbar. Udo S. wird mich bis auf zum Ende meiner achtzehn Monate in seiner Abteilung mit Herr Thiel ansprechen. Und das, obwohl er mich selbst eingestellt hat. So wie er ein neues Muskelrelaxanz – Tracrium – unerbittlich und unbelehrbar Trazitum nennen wird. Er ist der Chef.

Auch er weist mich auf die Wichtigkeit des Narkoseprotokolls hin und insbesondere dessen Lesbarkeit. Wenn man fünf Milligramm Dormicum um 8:15 Uhr intravenös verabreicht hat, sollen auch Gutachter und Richter klar erkennen können, daß man fünf Milligramm Dormicum um 8:15 Uhr intravenös verabreicht hat. Gutachter und Richter? Nun ja, manchmal ginge in der Anästhesie ja auch mal was schief. So wie überall in der Medizin. Und Patienten würden klagen. Oder Angehörige. Manchmal zu Recht. In der Anästhesie wären allerings meist die Chirurgen schuld, wenn Patienten Schaden nähmen. Manchmal würde der Anästhesist seinerseits nicht ausreichend oder falsch auf die Fehler oder Komplikationen des Chriurgen reagieren. Das wäre immerhin unsere Aufgabe. Das Wohlergehen des Patienten trotz seiner Vorkerkrankungen sicherzustellen. Dormidandes brodego, sagt der Chef. Er meint eigentlich: Dormitantes protego – ich schütze die Schlafenden. Geht auf Hessisch nicht so gut. Wir passen auf die Kranken auf, sagt er. Bringen sie lebend und am besten wohlbehalten durch ihren Eingriff und die Tage danach. Trotz ihrer vielleicht schwerwiegenden Operation. Und trotz ihrer Chirurgen.

Da muß ich aber mal Einspruch erheben, Herr S.! Der Einspruch kommt von jenseits des grünen Tuchs. Der Oberarzt der Chirurgen hat aufmerksam gelauscht. Und nimmt die Provokation von Udo S. auf. Wenn Sie den Leuten Zähne rausbrechen, weil Sie nicht intubieren können, oder wenn sie Ihnen totgehen, weil Sie mal wieder zuviel oder zuwenig von irgendwas spritzen, können wir nichts dafür!

Sie können aber was dafür, wenn wir den Leuten wegen einer Operation der Krampfadern drei Tüten Blut geben müssen und die dann an AIDS verrecken. Oder Ihnen die Bauchaorta drei Tage später hochgeht, weil sie an den Nähten gepfuscht haben.

Ist alles gut soweit, Herr Wolters?

Wiebitte?

Herr Wolters hat satt Dormicum gehabt. Selbst wenn er was hört, wird er sich an nichts erinnern. Anterograde Amnesie. Gaby weiß schon, warum sie immer soviel Dormicum spritzt. Dormicum ist ein Wundermittel.

Das ist das Schöne in der Anästhesie. Wir haben eine ganze Reihe von Wundermitteln. Wundermittel, die sofort wirken. Und immense Wirkungen entfalten. Sofort und immens. Nicht so wie in der inneren Medizin, wo man immer erst nach ein paar Tagen beurteilen kann, ob ein Medikament ungefähr die Wirkung hat, die man sich davon verspricht.

Und wir können sitzen dabei. Zeitung lesen. Kreuzworträtsel lösen. Tetris spielen.

Am frühen Nachmittag kommt der Chef nochmal vorbei. Ich sitze inzwischen an einer Vollnarkose. Frau Schneider. Auch Krampfadern. Kreuze und Striche. Der Chef blockiert meine interessierten Fragen zu den unterschiedlichen Inhalationsanästhetia schnell mit seinem vermutlich einzigen Lehrsatz: Jedem Primaten kann man Anästhesie beibringen. Anästhesie ist eigentlich was für Sonderschüler. Kann auch seine Version von diskreten Vorbehalten gegen die Ausländer sein, mit denen er leben muß. Ein Türke, dessen Sätze nun gar nicht mehr funktionieren, wenn er sich ärgern muß. Ein schwuler Italiener, der in jedem zweiten Satz die vermutlich fehlende Vorhaut des Oberarztes erwähnt. Eine küssende Polin. Neulich war er übers Wochenende in Tschechien. Für fünf Mark kannst du da alles haben, sagt er. Udo S. macht keinen Unterschied zwischen Polinnen in seiner Abteilung und Tschechinnen am Straßenrand. Für das, was er für fünf Mark kriegen kann, braucht es keine Sprache. Im katholischen Hospital am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets ist Udo S. der Chef. Und damit per definitionem eine Art Herrenmensch. Ein Primat der besseren Sorte. Sogar als Homo sapiens besser. Verdient vermutlich das Zwanzigfache meines Anfängergehalts. Und das muß ja auch einen Grund haben. Wer Chef ist, ist Chef, weil er gut ist. Und wer gut ist, verdient auch gut. Vermutlich stehe ich in seinem Weltbild in einer Reihe mit Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans. Und wahrscheinlich kann er sich auch Paviane und Lemuren als Narkosegeister vorstellen. Grünzeug an, Haube, Maske. Auf die Sprache kommt es in der Anästhesie ohnehin nicht so an. Eine basale Fingerfertigkeit vielleicht für das Hantieren mit allerlei Nadeln und Kraft in den Armen für das Hantieren mit entschlossenem Nachdruck. Ansonsten Genügsamkeit. Eine Banane zu Mittag. Kein Widerspruch. Wer für fünf Mark alles gibt, widerspricht auch nicht. Genügsamkeit und eine gewisse intellektuelle, naja, Zurückhaltung sind angebracht. Udo S. und sein türkischer Oberarzt lieben keine Widerworte. Man sollte sich nicht allzu reflektiert präsentieren in seinem Tun und Reden als Narkoseprimat.

Primate narcotiseur


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Eigentlich

 

Eigentlich wollte ich nur meinen Sohn von der Schule nach Hause bringen.

In Saal 1 habe ich eine Hüfte, gerade angefangen, sagte ich meinem Kollegen aus Tunesien, Saal 2 experimentelle Chirurgie mit Ioana unter Lokalanästhesie, fast fertig. Ich kümmere mich eben noch um die postoperativen Anordnungen und verschwinde dann. Um halb eins bin ich wieder da. Die Arbeitsbelastung in einer mediterranen Struktur des öffentlichen Gesundheitswesens erlaubt sowas. Oft. Ich werde meinen Sohn von der Schule nach Hause bringen. Er ist fast elf. Er könnte eigentlich auch den Bus nehmen.

Über Toulon wunderbare Blitze aus schwarzen Wolken. Hoffentlich wird mein Sohn nicht nass! Wenig später ist der Faron verschleiert. Dann ein paar große Tropfen auf der Windschutzscheibe. Die Idioten vor mir bremsen. Ich schicke meinem Sohn eine sms. Mets-toi à l’abri. J’arrive. – Bring‘ dich in Sicherheit. Ich bin gleich da. Auf Höhe des Krankenhauses ist der Regen so dicht, daß man auch als regenerfahrener Mitteleuropäer tatsächlich nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren kann. Kurz vor meiner  Ausfahrt ist das Wasser knöcheltief. In theoretischer Sichtweite der Ampel Stillstand. Ringsum nur Wasser. Taubeneigroße Hagelkörner. Das Wasser innerhalb von Minuten knietief. Reicht für nasse Füße im Auto. Minuten später ist der Regen zu Ende. Die Ampel schaltet auf Grün. Beim Anfahren ertrinkt der Motor. Und geht nicht mehr an. 12:15 Uhr. Ich rufe meinen Kollegen an und erkläre ihm, daß es wohl einen Moment länger dauern wird. In der Größenordnung einer guten halben Stunde. Ich bin noch voller Zuversicht. Ich bin ja versichert. Ich rufe die Assistance der Versicherung an, denke ich, lasse mich abschleppen, den Sohn und mich mit dem Taxi nach Hause fahren, nehme das andere Auto und gut ist. Die Dame von der Assistance verspricht mir den Abschlepper für in einer halben Stunde. Dans une demi heure, grand maximum. Halbe Stunde, allerhöchstens. Scheiße, denke ich, das ist nicht so gut. Wenn in diesen Breiten jemand von einem grand maximum spricht, entspricht das meist nur sehr zufällig der Realität.  Plan B. Mein Sohn soll sich in der Schule was zu essen beschaffen und im Lesesaal warten. Kein Abschlepper bis drei. Das wird sogar knapp mit dem Abholen zum Schulschluß. Warten dabei unter strahlender Sonne. Das ganze Wasser ist verschwunden, alles ist trocken. Als wäre nichts gewesen. Sogar die Bettler stehen wieder an der Ampel. Une pièce pour vivre. – Eine Münze zum Leben.

Meine Kinder erinnern sich daran als le vendredi de l‘apocalypse. Ist für sie, in kindlicher Weltsicht, ein Begriff wie der 11. September für Größere. Sie können sich an jede Einzelheit erinnern. Der Freitag der Apokalypse war am 19. September 2014. Die Apokalypse entlud sich über Toulon und dauerte keine Viertelstunde. Acht Zentimeter Regen und Hagel in gut zehn Minuten. Die Kinder wurden auf dem Weg in die Mittagspause überrascht, fanden Zuflucht in der Kantine. Die ihrerseits auch knöcheltief unter Wasser geriet. Apokalyptische Zustände.

Der Mechaniker hatte zwei Tage zu basteln an meinem  alten Bus. Drei Ölwechsel wären nötig gewesen, sagte er. Dann fuhr er wieder. Mit anderen, neuen Nebengeräuschen aus dem Motorraum allerdings. Schleifenden Nebengeräuschen. Drei Monate später war endgültig Schluß. Von vorne rechts ganz unvermittelt eine Geräuschkulisse, als hätte ich das Fahrrad eines umgefahrenen Radfahrers unter dem Auto. Dienstag Abend Anfang Februar. Die Dame von der Assistance versprach mir fünfzehn Minuten. Ohne „allerhöchstens“. Der Fahrer des Abschleppwagens streute Sand auf die Ölspur und notierte „bièle“ als Ursache der Panne. Pleuelstange. Orthographisch korrekt wäre „bielle“ gewesen. Egal. Über achtzig Prozent der Bevölkerung dieses Landes haben ein eher legasthenisches Verhältnis zur Rechtschreibung ihrer Sprache. Aber das ist ein anderes Thema. Bièle für Pleuelstange ist auch schon ganz gut. Früher, in eher laienhaftem Verständnis automobiler Mechanik war mir ohnehin der Bruch der Kurbelwelle die gängige Ursache des terminalen Motorschadens. Der einheimische Begriff vilebrequin für Kurbelwelle, ist dem Durchschnittsfranzosen zu kompliziert. Kennt kaum einer. Bielle hat auch was mit dem Motor zu tun. Das reicht. Wie auch immer, Motor kaputt.

Hochsommer, Sonntag. Anderes Auto, ein Citroën von 2001. Unterwegs in die Süd-Alpen. Die Tochter absetzen für eine Woche Reiterferien. Hinfahren, Absetzen, zurück. Eine Aktion von gut drei Stunden. Eigentlich.

Siebzig Kilometer vor dem Ziel, auf der Autobahn noch, verliert das Auto rasant an Schubkraft. Schwarze Wolken im Rückspiegel, die Tochter sagt, das riecht nicht gut. Brandgeruch. Der Wagen kommt mit einem letzten Aufheulen des Motors zum Stehen. Kilometer 124,5 hinter Aix en Provence Richtung Gap. Im Tal rechts rauscht die Durance. Die Assistance verweist mich an die Autobahn-Gendarmerie, telefonisch die 17. Ich solle mich wieder melden, wenn wir abgeschleppt wären. Der Herr von der Autobahn-Gendarmerie verbindet mich mit der Autobahnmeisterei. Dort verspricht man mir den Abschlepper in einer halben Stunde. Allerhöchstens. Wir warten fast eine Stunde unter glühender Sonne jenseits der Leitplanken. Allerhöchstens.

Der Abschlepper notiert „turbo“ in seinem Einsatzbericht. Das ist fast so schlimm wie bielle oder „courroie de distribution“, Ventilsteuerung. Schlimmer jedenfalls als Zylinderkopfdichtung (joint de culasse). Vermutlich das Ende dieses Fahrzeugs. Wirtschaftlicher Totalschaden.

Die Assistance verspricht mir anschließend ein Taxi. Wieder ein Satz mit allerhöchstens. Zudem ist die finanzielle Beteiligung daran minimalistisch. Eher als nette Geste zu werten. Am Ende werden wir  fast acht Stunden an und auf der Straße gewesen sein. Statt eigentlich gut drei Stunden. Eigentlich.

Zwei Wochen später. Immer noch Hochsommer. sms an meine Frau:

Kauf’ Dir noch ein paar Koffer, wenn Du brauchst. Ich habe das neue Auto dazu. Das Auto für ein paar Koffer mehr. Einen Renault. Diese 800-Euro-Fiats aus der Zeitung kann man nicht kaufen. Das sind Ruinen. Trotz neuer Benzinpumpen oder was auch immer neu. Trotz irgendwas neu. Trotz mutmaßlich irgendwas neu. Autos aus dem letzten Jahrtausend eben. Zwischen 170.000 und 280.000 Kilometern. Öl unten am Motor. Man kann sich den Blick unter die Motorhaube sparen. Sogar ich kann mir vorstellen, wie das da aussieht. Ölig vermutlich. Gammelige Schläuche, umwickelt mit gammeligem Klebeband. Autos unter tausend Euro bringen die Garantie auf viel Spaß mit kopfschüttelnden Mechanikern direkt mit. Und das wahrscheinlich auch für die drei Monate, die man es eigentlich schon wirklich bräuchte, das Auto. Auch zum Fahren. Das Kopfschütteln der Mechaniker dazu wäre immerhin auf der Basis einer Technologie gewesen, die noch ohne Diagnostik-Koffer auskommen kann. Alleine der Koffer kostet jedesmal sechzig Euro. Das wäre dann, angesichts des kopfschüttelden Mechanikers allerdings kein wirklicher Trost. Ich habe mich heute morgen für ein Auto entschieden, welches mir den Mechaniker für die nächsten drei Monate ersparen sollte. Diesel, vier Türen, unter 200.000 Kilometer. Klimaanlage, CD-Player. Na ja, Renault. Man kann nicht alles haben. Knapp über zweitausend Euro. Autos unter zweitausend Euro sind meist schon an die 300.000 Kilometer gefahren. Ist eine meiner Erkenntnisse aus zwei Wochen Marktbeobachtung. Gestern wollte mir eine unserer Hebammen, Claudia, ihren alten Ford verkaufen. 293.000 Kilometer. Quasi erster Hand, sagt sie, ihre Eltern nur und sie selbst, fast nur Kurzstrecke. Dann fiel ihr ein, daß die Kurzstrecke kein glückliches Verkaufsargument ist und führte noch ein paar Fahrten in elsässische Provinz an. Und, natürlich, beim Auto wäre das schon der Zeitpunkt für voraussichtlich höherfrequenten Werkstattbesuch. Sie wollte 2.500 dafür. Ziemlich blond. Oder unverschämt. Die Immatriculation kommt ja dann noch dazu. Die Carte grise, der Fahrzeugschein, macht weitere 250 Euro. Mein neues Auto kostet 2.400 Euro. Carte grise einschließlich. Drei Monate Händlergarantie immerhin. Morgen kann ich das Auto abholen.

Vier Tage später. Montag. Meine Familie wird um 12:30 Uhr mit Germanwings in Nizza landen. Nizza ist eineinhalb Stunden von uns entfernt. Mein Renault fährt sich sehr angenehm. Klima, Musik, Tempomat. Alles funktioniert. Etwa zwanzig Minuten lang. Dann verliert das Auto rasant an Schubkraft. Wolken im Rückspiegel, Brandgeruch. Kenn‘ ich schon. Wahrscheinlich „turbo“. Der Rauch im Rückspiegel ist diesmal allerdings nicht schwarz, sondern weiß. Aber sehr viel davon. Ich werde meiner Frau mit ihren neuen Koffern vermutlich nicht helfen können. Standspur, Signalweste, Assistance, 17, Abschlepper. Wie gesagt, kenn‘ ich schon! Mit immer wieder allerhöchstens. Die Autobahnmeisterei muß vermutlich „halbe Stunde, allerhöchstens“ sagen, weil das die Vorgabe ist: Ein Hindernis auf der Autobahn muß innerhalb einer halben Stunde abgeräumt sein. Manchmal schaffen sie das wohl auch.

Nach einer ersten Krise tiefer Verzweiflung und ungehörtem lautem Fluchen nehme ich mir vor, mich routiniert in mein Schicksal zu ergeben. Der Abschlepper notiert „turbo“. Okay. Die Assistance will mir einen Leihwagen für eine Woche zur Verfügung stellen. Danke. Der Leihwagen steht in Le Luc. Das ist vielleicht einen Kilometer vom Hof des Abschleppers entfernt. Okay. Das Taxi zum Autoverleiher kommt in einer halben Stunde. Grand maximum. Nein! Nicht schon wieder das grand maximum! Und, leider, ergänzt die Dame von der Assistance, müßte ich noch etwa sechzig Euro zuzahlen. Denn sie könnte maximal fünfzig übernehmen. 110 Euro für maximal zwei Kilometer? Kommt das Taxi denn extra aus Nizza oder Marseille? Das täte ihr leid, sagt sie, aber sie müsse den Vorgaben des Systems folgen. Ob ich damit einverstanden wäre? Eine halbe Stunde später meldet sie sich nochmal an. Systemfehler. Das Taxi sei unterwegs.

Zu diesem Zeitpunkt aber bin ich schon unterwegs zum Autoverleiher. Zu Fuß. Staubige Landstraße unter sengenden 36 Grad im Schatten. In Badelatschen. Ich wollte ja nur meine Familie eben mal in Nizza vom Flughafen holen.

Eigentlich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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8. September

Ähnlich abgedruckt in der August-Ausgabe der Riviera Zeitung. Gekürzt natürlich. Diesmal ziemlich.

Uroma

Es ist soweit.

Was?

Es ist Mistral.

Und?

Wir müssen die Eltern an den Strand bringen. Zu den Vögeln.

Muß das heute sein?

Morgen spätestens. Mistral ist immer nur ein paar Tage. Das weißt du doch!

Und die Brüder?

Sind unterwegs. Wir warten nur noch auf dich. Nimm dir einen Flieger oder setz‘ dich in den Zug!

Seit Jahren saßen die Eltern bei der Tochter auf dem Kaminsims. Standardmodell, ein paar kitschige Verzierungen, Schraubverschluß. Vor ein paar Tagen hatte der Enkel herausgefunden, wie man den Deckel öffnet und wollte mit Opa spielen. Die Tochter nahm ihrem Kind Opas Hüfte wieder weg, fegte die Krümel und den Staub zusammen und versteckte Oma und Opa im Schrank. Der Rest verschwand im Staubsauger und in der Badewanne. Das Kind weinte. So eine schöne Pistole hatte er noch nie gehabt. Es ist wirklich Zeit, daß die Eltern endlich fliegen lernen, dachte sie sich.

Jetzt?

Jetzt!

Ein Samstagabend am Strand. Februar. Nur ein paar unerschrockene Paare und vereinzelte Läufer. Die Sonne verschwindet im Meer. Bei „Jetzt!“ plumpsen ein paar grauschwarze Krümel in den Tümpel neben der Straße. Der kalte Westwind treibt den Staub in feinen Schwaden über das flache Wasser der Lagune. Über Möwen, Enten und Perlhühner hinweg bis zu den Flamingos.

Voilà, sagt der Älteste und steckt sich eine Zigarette an.

Die kleine Schwester kann ein Schluchzen nicht unterdrücken. Die Brüder nehmen sie tröstend in die Arme. Ist doch alles gut. Jetzt sind sie da, wo sie hin wollten. Besser als jeder Friedhof, wo keiner je hingeht. Besser als jede Grabstätte, die in der zweiten Generation spätestens umgegraben wird. Die Legende von den Flamingos hält sich mit etwas Glück ein bißchen länger. Und funktioniert in jedem Zoo der Welt.

Guck‘ mal, da ist die Uroma!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Krebs

Bis heute Morgen noch hatte ich wahrscheinlich Krebs. Magenkrebs. Bösartige Erkrankungen kenne ich aus dem Studium. Magenkrebs hatte ich bestimmt schon mal. Die Grundsymptome der bösartigen Erkrankungen waren immer ähnlich: Appetitlosigkeit, Übelkeit, Gewichtsverlust. Dazu vielleicht leichtes Fieber, Nachtschweiß, diffuser Schmerz. Bei meinem Lungenkrebs kam noch ein hartnäckiger trockener Husten dazu. Über Wochen. Sehr störend bei der Vorbereitung auf die Prüfungen. Der Hirntumor ging zusätzlich mit Schwindel und Attacken stechenden Schmerzes von hinten direkt ins rechte Auge einher. Saufgelage konnten in sterbenselenden Zuständen nahe einem hepatischen Koma enden oder akuter Leberzirrhose, Stadium C nach Child. Die Leberzirrhose ihrerseits kann zu Leberkrebs führen. Zum Sterben reichte es trotz tiefster Überzeugung nie. Glücklicherweise verschwanden nach den Prüfungen alle meine schlimmen Krankheiten innerhalb kurzer Zeit weitgehend folgenlos. Restitutio ad integrum. Und das ohne jegliche Therapie. Oder ich vergaß einfach, wie krank ich eigentlich war.

Klarer Fall von studentischer Hypochondrie.

Inzwischen bin ich fast dreißig Jahre älter. Schließt die Hypochondrie nicht sicher aus. Ich weiß. Der Magenkrebs ist andererseits durch langfristige Exposition verschiedenster Risikofaktoren deutlich wahrscheinlicher geworden. Dazu seit Wochen Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Gewichtsverlust. Das Völlegefühl ist ein Spätsymptom. Zeit, meine Papiere zu ordnen. Ein ausgewogenes Testament. Der Großteil meines über ein ganzes Leben angehäuften irdischen Guts wird ohnehin über kurz oder lang im Container enden. Die Modalitäten der Hinterbliebenenrente abklären. Sie werden an meinem Sterbelager sitzen und weinen. Ich muß mir wohl noch ein paar markante letzte Worte zurechtlegen.

Meine Frau hat mir kurzfristig einen Termin mit dem Gastroenterologen ihrer Wahl im großen Hçopital von Toulon verschafft. 12:34 Uhr. Der Pfleger schließt den Blutdruck an, überwacht die Sauerstoffsättigung. Ein Beißschutz hält die Zähne auseinander. Eine Schwester reicht die Optik an. Der Schlauch, den man freiwillig schlucken soll oder einem zwischen Zunge und Gaumen in die Speiseröhre gepfriemelt wird, ist kleinfingerdick. Das wäre unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Sage ich den Patienten, die eine Narkose für die Gastroskopie haben wollen. Lokalanästhesie des Gaumens reicht eigentlich. Wer mehr braucht als eine Lokalanästhesie, ist ein Weichei. Letzteres sage ich meinen Patienten nicht, sollen sie aber zwischen den Zeilen verstehen. Eine Vollnarkose für einen harmlosen Zwei-Minuten-Eingriff ist nun wirklich übertrieben!

Ich muß mich auf die linke Seite legen, schräg über mir der Monitor. Hinter mir der Pfleger. Das wäre unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Höre ich den Lieblings-Gastroenterologen meiner Frau sagen. Zum dritten Mal bereits. Soll natürlich heißen: stell‘ dich jetzt bloß nicht an. Dabei hatten wir gerade noch so nett geplaudert über unsere Krankenhäuser, die jeweiligen Kollegen, die nicht gerade rosige Zukunft meiner Provinzklitsche. Die vielen Dienste, den Kollegen, dessen Magenkarzinom so spät entdeckt wurde. Ich solle ruhig durch die Nase atmen. Wahrscheinlich würde mich der Pfleger in Position halten, sollte ich mich anstellen. Meine Epiglottis formatfüllend auf dem Monitor. Gleich wird es unangenehm. Ruhig durch die Nase atmen und nicht mehr schlucken, sagt der Pfleger wieder. Auf dem Monitor die Speiseröhre von innen, meine, dann der Magen. Schlucken macht Würgereiz. Durch die Nase atmen geht nicht. Geht einfach nicht. Da ist zu. Hauptsache atmen, Hauptsache ruhig atmen. Mein Magen sieht von innen aus wie ein normaler Magen. Am besten nicht Schlucken, ruhig atmen.

Ein paar Biopsien, ein paar Schluckversuche mit Würgereiz später ist es vorbei. Alles in Ordnung, sagt der Lieblings-Gastroenterologe. Wäre wohl doch nur der Streß. Bestimmt kein Krebs. Aber das verstünde er auch. Das Resultat der Biopsien in ein paar Wochen. Würde er dann meiner Frau mitgeben.

Klarer Fall von Hypochondrie.


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bertram@diehl.fr


Ausländer

Mein Sohn, elf Jahre, hatte auf dem Weg zum Schwimmtraining im Bad am Hafen behauptet, die Charles-de-Gaulle sei in Toulon. Würde er gerne mal in echt und aus der Nähe sehen. Die Charles-de-Gaulle ist der französische Flugzeugträger. Die Rolex der französischen Streitkräfte, vielleicht der Stolz der Grande Nation überhaupt. Daß sie gerade angekommen wäre, hätte ihm eine Schwimmkameradin erzählt. Weil man sie, die Charles-de-Gaulle, von da, wo wir gerade waren, direkt am Wasser, nicht weit vom Fährhafen, nicht sehen konnte, war ich mir sicher, seine Schwimmkameradin würde sich irren. Das wäre ein so riesiges Schiff, sagte ich, das müßte man von hier aus sehen. Man konnte andere riesige graue Schiffe sehen, die Siroco zum Beispiel, ein Landungsschiff, nicht aber die Charles-de-Gaulle. Wenn man sie nicht sähe, behauptete ich, wäre sie wohl nicht da. Andererseits ist sie oft in Toulon. Immer wieder muß dieses Schiff über viele Monate gewartet werden, immer wieder ist irgendwas kaputt. Auf ihrer Jungfernfahrt schon verlor sie einen ihrer Propeller im Atlantik. Wie peinlich. Wie eine Rolex mit abgefallenem Minutenzeiger.

Ein paar Tage später war ich morgens mit dem Fahrrad am Faron. Einmal rüber über den Berg. Macht keinen Spaß. Sportliche Aktivität eben. Der Anstieg sonnenexponiert, die Abfahrt zwar im Schatten unter Pinien, aber mit sehr vielen Kurven. Und vielen kleinen Steinchen auf der Straße. Das beste am Faron ist neben der Aussicht die Dusche danach. Auf halber Höhe, auf einer dieser langen Steigungsstrecken vor der nächsten Haarnadelkurve, eine Dreiergruppe auf Mountainbikes. Ich holte langsam auf. Passiert mir nicht oft, daß ich andere Radfahrer überhole. Zwei Männer, leicht übergewichtig, eine Frau. Auch leicht übergewichtig. Die Frau vorwiegend in Signal-Orange. Die Herren in einer Kombination aus Grautönen mit Schwarz. Ausländische Touristen. Franzosen können nur in grellbunter Alberto-Contador-Verkleidung radfahren. Außerdem Sandalenträger. Radfahrer in Sandalen! Kein Wunder, daß ich aufholte. Kann man in Sandalen woanders als an Nord- oder Ostsee radfahren? Sandalen mit Socken zudem! Holländer? Deutsche? Und dann kann ich sie hören. Ja, Deutsche. Vom Dialekt her Schwaben. Schwaben in Birkenstocks und Socken. Deutsche der Vorzeige-Kategorie. Die Dame muß ein Foto machen von der schönsten Rade Europas. Natürlich.

Guck‘ amol, d’Scharldegoll isch au do.

Mein Sohn hatte doch recht! Die Charles-de-Gaulle war in Toulon. Viel kleiner als ich dachte. Und das nicht nur wegen der Perspektive von hier oben. Macht sich auch gegenüber den Kähnen von Corsica Ferries nicht wirklich riesig aus. Ein bißchen größer, aber nicht beeindruckend groß. Kein Wunder, daß man sie nicht sehen kann vom Fährhafen aus.

Zwei Kurven später die Bergstation der Seilbahn. Toulon gönnt sich den Luxus einer Seilbahn! Von einem Privatmann in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut (Einweihung 1959), schafft diese Seilbahn mit zwei Kabinen im Pendelverkehr maximal 150 Personen pro Stunde. Von ungefähr März bis ungefähr Mitte November zwischen 10 und 19 Uhr. Abgesehen von mehreren technischen Revisionen im Juni, Juli und September über jeweils zwei oder mehr Tage. Abgesehen auch von den Tagen mit Mistral. Zuviel Wind hält der Téléphérique auch nicht aus. Die Talstation liegt im Norden der Stadt, deutlich außerhalb des Zentrums, mit einem winzigen Parkplatz. Dem nicht-automobilen Touristen bleibt der Bus. Linie 40. Nettes Extra, diese Seilbahn, aber vielleicht nicht zeitgemäß. So wie der Flugzeugträger.

An der Bergstation, unweit des Weltkriegs-Memorials, wartet eine Frau. Eher schlank, in vorwiegend Signal-Orange. Das gleiche Kostüm wie die Dame mit Fotoapparat vorhin. Aber mit Rennrad und Sportschuhen. Und ohne Socken. Hat ganz offensichtlich ihre Reisegruppe verloren. Sie sieht so aus, als wollte sie mich anquatschen. Passt mir nicht so. Mein Computer zeigt eine Pulsfrequenz von 154 an. Ab 140 rede ich nicht mehr so gerne.

Hello, excuse me, please!

Muß ich jetzt anhalten zum Plaudern? Als Franzose dürfte ich einfach weiterfahren. Als Franzose kann man aus Prinzip – wenn überhaupt – nur mißmutig auf ausländische Phonetik reagieren. Ich kann einen Satz sagen:

Bonjour! Vos amis ne vont pas tarder. Ils étaient en train de prendre quelques photos.

Oh! Merci beaucoup! Bonne continuation, bonne journée!

Und das akzentfrei. Warum nur, fragte ich mich, spricht sie mich nicht gleich auf Französisch an? Ein Kilometer weiter, auf Höhe des Zoos, die Erkenntnis: es muß der Helm sein. In meinem Fall der fehlende Helm. Zu glaubhafter Tour-de-France-Verkleidung gehört der Helm. Ohne Helm ist ein beinahe so zuverlässiges Ausländer-Merkmal wie Birkenstocks in der Öffentlichkeit.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


 

 

 

Ehrenwort

„Assurances Orange, Cindy, bonjour, que puis-je pour vous?“

Mein Sohn kommt abends mit zerstörtem Smartphone nach Hause. Der Bildschirm ist gesprungen, die Rückseite hat einen Riß. Harte Landung auf der Ecke oben links. Es kann noch vibrieren, sonst aber nichts mehr. Zum Glück habe ich in weiser Voraussicht eine Versicherung abgeschlossen vor ein paar Monaten. 15,99 € pro Monat. Die Rundum-Sorglos-Versicherung von Orange. Mein Sohn neigt dazu, sein Handy alle drei bis sechs Monate im Rahmen eines Totalschadens zu wechseln. Mal fällt er damit in den Pool, mal nehmen ihm Kapuzenträger sein Iphone ab. Diesmal harte Landung auf Asphalt. Vermutlich selbstverschuldet. Für 15,99 Euro ist sämtliche bei Orange gekaufte und betriebene Kommunikationstechnologie des Haushalts gegen jeden erdenklichen Schaden versichert.

Am nächsten Morgen erzähle ich Cindy von dem Unglück meines Sohns. Ist Ihr Sohn volljährig? Mein Sohn ist 19. Volljährig. Ich war nicht auf diese Falle vorbereitet. Das Handy hat einen Vertrag auf meinen Namen. Ich bin der Eigentümer. Mein Sohn wohnt bei mir im Haus. Die Versicherung gilt für alle Mitglieder meines Haushalts. Alle Schäden. Würde ich denn bei Telefonverlust im Rahmen eines Überfalls zum Beispiel erst ein entsprechendes Protokoll in einer Polizeidienststelle holen müssen? Ist nicht weg gleich weg und kaputt gleich kaputt? Cindy gibt sich unnachgiebig. Wenn mein Sohn volljährig wäre, müßte er persönlich den Schaden melden. Auch wenn er bis 19 Uhr in der Schule wäre? Dann solle er eben anrufen, sobald er nach Hause käme. Bis 20 Uhr wäre die Hotline besetzt. Na dann, ich werde mich nicht mit Cindy anlegen. Sie sitzt sicher am längeren Hebel. Schnell hat man da einen Vermerk: „renitenter Kunde“ oder so.

Um 19 Uhr kommt mein Sohn nach Hause und muß die Versicherung anrufen. Natürlich Warteschleife. Wahrscheinlich sind noch andere Eltern an der ersten Hürde gescheitert. Um 19 Uhr warten alle Söhne und Töchter auf ein Gespräch mit der Versicherung. Nach zwanzig Minuten ist mein Sohn an der Reihe. Cindy ist nicht mehr da. Cédric hat übernommen. Mein Sohn berichtet, er sei beim Aussteigen aus dem Bus gestolpert, das Handy hart auf dem Bürgersteig gelandet. Inkompatibel mit einem Hightech-Gerät von Sony. Cédric läßt sich den entstandenen Schaden beschreiben und erfaßt Marke, Modell sowie IMEI des Hightech-Geräts. Man werde das überprüfen und ihm eine Mail schicken für das weitere Vorgehen. Höchstens 48 Stunden. Man fragt sich natürlich schon, was da 48 Stunden geprüft werden soll. Gehört vermutlich zur Strategie. Die Leute sollen ja abgeschreckt werden und nicht alle drei Monate ihr Handy wechseln wollen.

„Assurances Orange, bonjour, Évelyne à votre écoute.“

48 Stunden lang war nichts passiert. Keine Mail von Cédric. Auch Évelyne gibt sich verwundert und betroffen. Wahrscheinlich machen sie Schulungen bei Assurances Orange zur glaubhaften Vermittlung eines Betroffenheitsgefühls. Und daß Cindy vorgestern offenbar die zu überprüfende Telefonnummer falsch notiert hat, findet Évelyne ärgerlich. Glaubhaft. Nimmt meinem aufkeimenden Ärger den Wind aus den Segeln. Sie sichert mir eine schnelle Überprüfung zu, höchstens 48 Stunden, und wünscht im Namen von Assurances Orange einen sehr angenehmen Tag.

Assurances Orange, bonjour, Marvin à l’appareil, que puis-je pour vous?“

Dienstag. Ich habe das Wochenende großzügig verstreichen lassen. Montag noch immer keine Mail. Auch bis Dienstag Mittag nicht. 24 Stunden normalerweise, bis 48 Stunden maximal, habe ich noch im Ohr. Marvin findet das Problem ganz schnell. Nicht Cindy ist schuld, die sich schon irgendwie als Schuldige im System zu kristallisieren schien, sondern Évelyne, die Dame nach Cindy. Mauvaise manipulation, sagt Marvin. Irgendwas hat Évelyne wohl falsch gemacht. Falscher Klick. Oder kein Klick. Ich könnte ihm nun nicht verbergen, lasse ich einfließen, daß ich mir Sorgen machen würde um die weitere Entwicklung unseres Dossiers. Immerhin schon der zweite Fehler. Nein, nein, alles kein Problem, die Untersuchung würde jetzt sofort anlaufen, spätestens morgen die weiterführende Mail. Geschulte Betroffenheit dazu, ausführliche Entschuldigung für die entstandene Verzögerung. Und einen exzellenten Nachmittag!

„Assurances Orange, bonjour, Hugo à votre écoute.“

Samstag Abend. Mehr als 48 Stunden und keine Mail von Marvin. Das wundert Hugo eigentlich nicht. Wenn er den Nachnamen meines Sohnes sähe, würde er doch vermuten, daß da ein i fehlen könnte in dessen gmail-Adresse. Die Untersuchungen wären abgeschlossen, fehlt also tatsächlich nur noch die Mail aus dem System. Nun ist wieder Cindy schuld. Abgefälschte Email-Adresse. Intern, das würden sie aber nie zugeben bei Orange, hat Cindy ganze Arbeit geleistet. Viel mehr ist nicht möglich. Schließlich sind wir, mein Sohn und ich, ja noch Ersttäter. Der Trick des fehlenden Buchstaben ist wahrscheinlich Teil des Basisrepertoires der Zermürbungsstrategie. Zehn Prozent der Kunden geben nach dem Volljährigkeitstrick auf. Cédric bringt den einen oder anderen Sohn zur Strecke mit Klauseln aus den Geschäftsbedingungen. Wenn der Sohn zum Beispiel zugibt, ein Kumpel hätte ihn im Bus geschubst. Leider, leider könnte man in diesem Fall nun gar nicht helfen, das wäre ja eindeutig ein Fall für die Haftpflichtversicherung des Kumpels. Falsche Telefonnummer, falsche Email-Adresse: wenn das Dossier nicht innerhalb von zehn Tagen vollständig eingereicht sei, würde die Versicherung auch nicht mehr voll greifen können. Kann man nachlesen in den Rahmenbedingungen.

Hugo hat nun keine Wahl mehr. Er präsentiert auch wieder sehr überzeugende Betroffenheit und kündigt an, nun die richtige Adresse „ins System schicken“ zu wollen. In höchstens einer halben Stunde sollte ich die Mail mit den Anleitungen zum weiteren Vorgehen erhalten.

Sonntag, zehn Uhr morgens. Die Mail ist da. Seit 3:46 Uhr bereits. Das System hatte offenbar noch ordentlich zu feilen daran. Läßt mir aber doch den ganzen Vatertag, eine hübsche Sammlung aller erforderlichen oder mutmaßlich erforderlichen Dokumente zusammenzustellen. Rechnung, Lieferschein, Abrechnungen, Bankverbindung. Handschriftlich ehrenwörtliche Darstellung des Unfallhergangs. Das ist die Hausaufgabe für meinen Sohn. Den Kumpel in keinem Fall erwähnen! Wenn ich nichts von einem Kumpel weiß, muß Cindy auch nichts vom Kumpel wissen. Und ich muß beweisen, daß mein Sohn mein Sohn ist und meine Frau, die Versicherungsnehmerin, meine Frau. Geburtsurkunde, Heiratsurkunde. Das Ganze schon mal als Mail. Und morgen noch eingeschrieben.

Nächstes Mal wird meine Nokia-Antiquität ins Wasser fallen. Ohne Fremdeinwirkung. Ohne Alkoholeinfluß. Ohne nachweisbaren Alkoholeinfluß. Mein Ehrenwort.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


12. August

Ganz ähnlich abgedruckt in der Mai-Ausgabe der Riviera Zeitung. Gekürzt natürlich.

 

Karpatenhütte

Klar, das hast Du Dir schon gedacht, cher ami! Ich würde dann doch nicht kaufen. Es ist schade, daß es verkauft werden muß, weil ja doch gute Erinnerungen damit verbunden sind. Jugenderinnerungen. Und natürlich liegt es idyllisch im Dorf, am Bach, ein bißchen Wald sogar dabei. Man muß sich aber auch darum kümmern. Immer wieder hinfahren, nur um nach dem Rechten zu sehen. Mal lüften, Mäuse verjagen, Dachziegel gerade rücken. Oder sich auf Nachbarn verlassen. Oder eine Agentur. Oder beides, Nachbarn und Agentur. Und schon hat man wieder Aufwand. Rechnungen von der Agentur, Aufmerksamkeiten für die Nachbarn. Nicht zu vergessen die Steuern, den Wasseranschluß, Strom. Wer hat außerdem schon 40 k einfach mal so übrig? 40 k für eine Doppelhaushälfte mit deutlichem Renovierungsstau, gut fünf Stunden Auto von zuhause. Ich hätte zur Zeit nicht mal das Auto für fünf Stunden zuverlässige Fahrt. Wann hatte ich das schon mal? Ich mußte schon mal ein Auto in Burgund stehen lassen und zwei Wochen später halbwegs repariert abholen. Kupplung kaputt. Meine Kinder sind nachhaltig traumatisiert. Burgund? Regen? Nie wieder! Mein Drittgeborener, damals knapp drei, brachte es auf den Punkt: es hat geregnet und Papa hat zwei Autos kaputtgemacht. Das zweite war das Deines Vaters, Gott sei seiner Seele gnädig. Und es war auch nur die Batterie. Aber das nur nebenbei. Gehört nur peripher zum Thema. Obwohl, das mit dem Regen passt natürlich schon in den Kontext. Weit weg und immer regnet es. Keiner würde mich besuchen kommen, keiner würde was wollen von mir. Weil es eben weit weg ist und immer regnet. Keine Palmen, kein Pool, keine Glotze. Kein Service. Weit weg, gerne Regen. „Karpatenhütte“ nenne ich das. Die Hütte in den Karpaten. Die Karpaten, weil es da so schön ist, so ursprünglich, so weit weg. Die abgeschiedene Hütte, in die ich mich wünsche, wenn das Auto schon wieder abgeschleppt werden muß, zuhause die Spülmaschine geduldig auf eine Reparatur wartet und die Tochter das Resultat von neun mal acht hartnäckig auf 68 oder 93 schätzt. Fehlt noch, daß wieder keiner am Pool aufgeräumt hat und der Postbote zu faul war, wegen des Pakets von Amazon zu klingeln. In der Poststelle abzuholen, aber nicht vor Montag 15 Uhr. Vielleicht noch der Anruf einer Hebamme um 2:53 Uhr. – Die Karpatenhütte jetzt, bitte sofort! Weit weg, am liebsten alleine! Lasst mich doch einfach mal alle in Ruhe, kümmert Euch selbst um Euren Kram! Das Auto, das Einmaleins, die Péridurale. Was brauche ich schon von Amazon? Ich verschwinde für ein paar Wochen in meine Hütte. Alleine. Könnte dann auch in Burgund sein, die Karpatenhütte. Egal. Hauptsache weg und keiner kommt. Oder nur, wer mich wirklich sehen will. Trotz Regen.

Vor ein paar Jahren stand ich vor meiner Karpatenhütte. Hat sich letztendlich eine Bekannte geholt. Glaube ich. Ich habe nichts mehr davon gehört. Vielleicht besser so. Auch mit deutlichem Renovierungsbedarf, die Hütte. In den Karpaten, an deren nordöstlichem Ende, jenseits von Transsylvanien, Sibirien gefühlt fast in Sichtweite. Ehemalige Schäferhütte. Sie liegt auf zwei Hektar Wald und Weideland mit Blick über Hügel, Wälder und Täler auf den Sonnenuntergang hinter den umgebenden Zweitausendern. Schön da. Eine Art primitiver Blockhütte, gemauerter Kamin, Holzschindeln auf dem Dachgebälk. Vor der Eingangstür ein Vordach mit schön gestapeltem Brennholz. Da säße ich dann immer mit grandiosem Blick über die Landschaft, auf den Sonnenuntergang. Das Brennholz würde ich den Sommer über aus meinem Wald gezerrt und selbst gestapelt haben. Hinter der Hütte ein kleiner Anbau. Die sanitären Anlagen beschränken sich auf ein Plumpsklo. Innen ein einziger Raum, vielleicht zwölf Quadratmeter, ein Fenster. Auf den Holzdielen ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Vor dem Kamin ein kleiner gußeiserner Ofenherd, den jemand vor Jahrzehnten hier herauf geschleppt haben muß. Kein Strom. Fließend Wasser im Bach nebenan.

Wer braucht das schon länger als vielleicht drei Tage?

Vor drei Jahren, weil sie mein ewiges Gerede von der Karpatenhütte nicht mehr hören wollte, hat mir meine Frau eine pädagogische Woche in Irland geschenkt. Pädagogik zur Karpatenhütte. Winziges Ferienhäuschen. Am Ende einer Sackgasse zwischen Schafweiden. Direkter Blick westwärts über den Atlantik. Angeblich das westlichste Ferienhaus Irlands. Kamin, Küche, Doppelbett. Isolierglas, Fußbodenheizung. Vom Anbieter angepriesen als Toplocation für ungestörte Flitterwochen. Für mich „Experiencing solitude“ – die Karpatenhütte, wie sie wirklich ist. Allein mit Schafen und Blick über Landschaft mit Gewässer. Hohe Regenwahrscheinlichkeit. Karpatenhütte in Irland. Nur Isolierglas und Fußbodenheizung passten nicht wirklich dazu. Das Flitterwochen-Doppelbett eigentlich auch nicht. Gar nicht eigentlich.

Zum Glück hatte ich ein Auto.

Eine Woche später kannte ich große Abschnitte des Ring of Kerry zwischen Killarney und Portmagee. Spektakuläre Landschaft. Massiver Tourismus. Viele große Busse auf schmalen Straßen. Außerdem war ich auf Sceilg Mhichíl. Skellig Michael ist eine baumlose Felsinsel knapp zwölf Fischerbootkilometer vor Portmagee. Wenig Tourismus. Machen nur die, die das wirklich wollen. Und die Leute von Star Wars VII hatten da letzten Sommer für ein paar Szenen einen Auftritt. Ab dem sechsten Jahrhundert lebten dort zwölf Mönche und ihr Abt in zugigen Steinhütten. Trockenmauerbauweise. Keiner kam sie besuchen. Nur die Wikinger waren um 823 da. Wurden aber abgewiesen. War zudem absolut ohne Interesse. Sogar für Wikinger. Dreizehn knochendürre Kerle in Wollkutten. Ein paar Schafe vielleicht. Keine Frauen.

Perfektes Karpatenhütten-Ambiente. Unbezahlbar. Aber: wer braucht das schon länger als vielleicht drei Tage?


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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