Bonne journée

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04:51 Uhr am Montag. Die Schwester lässt über eine Hilfskraft ausrichten, daß es Monsieur Z. in Zimmer zwei nicht so gut ginge, ich möge doch bitte mal kommen.  Eigentlich sollte ich da noch im Wochenende sein um 04:51 Uhr. Langes Wochenende sogar nach dem Dienst am Donnerstag. Kaum aber saß ich am Freitag Morgen im Auto, die Schranke zum Parkplatz gerade aus dem Rückspiegel verschwunden, der Himmel groß und blau über mir, ein ganzer Tag für mich alleine, ein langes Wochenende, übermorgen mit der Familie an den Lac de Sainte Croix, kam der Anruf.

Mein Telefon kannte die Nummer nicht, aber ich hätte die Nummer erkennen müssen. Bloß nicht rangehen. Besser noch das Telefon im Krankenhaus vergessen. Verwaltung, Affaires médicales. Das kann nichts Gutes bedeuten. Madame P. teilte mir mit, daß der Kollege für den Sonntag krank sei. Schlagartig war meine Laune unter den Gefrierpunkt gefallen. Klar, auf was das hinausläuft. Ob ich nicht den Dienst übernehmen könnte, fragte sie, sachant – wissend! Woher soll ich das wissen? -, daß der eine Kollege, der in Frage käme, gerade einen Todesfall in der Familie gehabt hätte, die andere Kollegin zur Fortbildung in Paris weile. Und Pascaline, die dritte Kollegin? Nein, die hätte sie nicht gefragt und würde sie auch nicht fragen, die wäre ja ohnehin so krank. Ich könne sie ja selbst fragen. Und appellierte an meinen Teamgeist, esprit d’équipe, sagte sie. Ärgerte mich, dieser Appell an meinen Teamgeist, weil sie genau weiß, daß jeder in meiner Abteilung in erster Linie an sich selbst denkt. Franzosen eben. Einer für alle, alle für einen gibt es nur in netten Legenden von früher. Ich ärgerte mich auch, daß diese Kollegin so geschont werden soll. Ist gut zehn Jahre jünger als ich, arbeitet nur zu 80 Prozent, vier Tage pro Woche, macht einen einzigen Dienst pro Monat. Wenn überhaupt. Und so krank kann sie auch wieder nicht sein, wenn man ihren Erzählungen aus ihrer Freizeit Glauben schenkt. Kommt eben von einer Insel und hat die Südsee-Mentalität beibehalten. Teamgeist?

Warum sie das dann als Frage formuliert hätte, ob ich den Dienst übernehmen könne, mit der Andeutung von Optionen meinerseits, die ich ja wohl nicht hätte, abgesehen von einer Wunderheilung des Kollegen. Na ja, esprit d’équipe, wiederholte Madame P., Teamgeist, als ob der Begriff an sich eine schlüssige Erklärung beinhalte. Sie müßte andererseits verstehen, daß dieses Wochenende unser einziges gemeinsames wäre für den ganzen Monat, für meine Frau und mich, und ich würde mir schon eine kreativere Lösung wünschen, ob denn nicht jemand vom großen Krankenhaus nebenan einspringen könnte, wo wir doch ohnehin zusammenarbeiten sollen auf Wunsch des gemeinsamen Direktors. Nein, nein, so einfach, von einem auf den anderen Tag, ginge das natürlich nicht. Sie würde sich es ja schon ein bißchen leicht machen, meinte ich und fühlte überbordernden Zorn aufschäumen, bei administrativen Fragen wäre es offenbar nicht so weit her mit ihrem esprit d’équipe. Schade fände ich das, wo das Projekt der Zusammenarbeit mit dem großen Krankenhaus so neu nun auch nicht wieder wäre. Ganz erstaunt innerlich, daß meine Sätze trotz aller Wut immer noch funktionierten, daß ich, ohne ins Stottern zu geraten, immer noch passende Worte fand in Madame P.s Sprache, redete ich mich immer weiter in Rage. Ärgerlich sei, ergänzte ich, daß ich nun ausbaden solle, daß das Projekt der Zusammenarbeit auf administrativem Niveau offensichtlich nicht voran käme, qu’on a laissé traîner depuis des mois, sagte ich wörtlich. Ich ärgerte mich wirklich, so oft wird es Aktivitäten in der ganzen Familie nicht mehr geben, wenn der Große erstmal in Neuseeland ist. Vielleicht könne sie ja doch noch mal ein bißchen nachdenken, vielleicht doch – bei allem Verständnis für die Krankheit – die arme Pascaline fragen oder ihren Directeur. Schweigen am anderen Ende. Bin ich in ein Funkloch geraten? – Âllo?Vous me voyez sans voix. Madame P., Affaires médicales, gab sich ganz sprachlos angesichts so herber Kritik, wünschte mir einen schönen Tag und legte auf. Wow.

Diplomatie liegt mir nicht so. Egal. War ohnehin nichts zu gewinnen.

Am Ende konnte der kranke Kollege doch immerhin den Tag über arbeiten, bis halb sieben immerhin. Und wir konnten an den See fahren. Picknick auf den Kiesbänken im Verdon oberhalb des Stausees. Weit genug jenseits einer Kette von Bojen mit Verbotsschildern an den Ufern, die vor ein paar Jahren installiert wurden. Damit „nicht zuviele“ Touristen soweit den Fluß hinaufpaddeln, sagt der Bootsverleiher. Pas trop. Italienische Touristen, Holländer, Deutsche und Engländer lassen sich von sowas beeindrucken. Einheimische natürlich weniger. Wer soll das schon überwachen? Zum Abschluß des Ausflugs ein Bier für die Großen, Eis für die Kleinen im Restaurant eines Campingplatzes hoch über dem See. Gehört auch dazu. Seit gut zwanzig Jahren. Immer wieder schön.

04:57 Uhr. Zimmer zwei. Der Blutdruck ist in Ordnung, die Pulsfrequenz, der Sauerstoff im Blut. Die Daten auf dem Monitor über Monsieur Z.s Bett geben keinen Anlaß zur Beunruhigung. Ja, täte ihr irgendwie leid, sagt Amélie, die Schwester, jetzt wäre wieder alles gut. – Na, muß dir ja nicht leid tun, ist doch schön, wenn wieder alles gut ist!

Bonne journée!


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Zwiefalten

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Ich geh‘ jetzt. Ich unterschreibe euch, was ihr wollt, aber ich geh‘ jetzt.

Ein Uhr fünfunddreißig. Nachts. Tumult auf meiner Station für mittelschwer Kranke, Intermediate Care. Notruf der Schwester. Ein Psychopath, ich nenne ihn mal Bryce, 23, manisch-depressiv in bislang eher depressiver Verfassung. Lag eigentlich nur noch da, Zimmer drei, weil er am kaputten Ellenbogen operiert worden war am Vortag. Hatte nach fast einer Woche auf dieser Station wegen einer zusätzlichen Stoffwechselstörung genug von uns. Der meint das Ernst, sagt die Schwester am Telefon. Und wenn der erstmal aus seinem Zimmer kommt, halten wir ihn bestimmt nicht auf.

Vor einem Jahr wurde unsere Intensivstation in eine Unité des soins continus umgewandelt, Station für Intermediate Care. Das ist die Abteilung für Patienten, die zu krank sind für eine Normalstation und nicht krank genug für eine Intensivstation. Bei uns gab es plötzlich zu wenig Intensivmediziner. Kein Franzose will das machen. Noch weniger als Anästhesie. Schon gar nicht so tief in der Provinz, Sonne und Meer hin oder her. Deswegen wurde die Intensivstation umgewandelt in eine Station für Intermediate Care. Und wir von der Anästhesie müssen uns darum kümmern. Anästhesisten haben ja auch mal Intensivmedizin gelernt. Auf dieser Station werden vorwiegend Menschen mit internistischen Krankheitsbildern versorgt. Menschen eher am Ende ihres Lebens, häufig mit schweren, austherapierten Erkrankungen der Lunge. Gelegentlich ein entgleister Diabetes, manchmal ein mißglückter Selbstmordversuch. Meist kriegen wir solche Kandidaten aus den großen Krankenhäusern nebenan. Kein Platz behaupten die Kollegen dort. Sie meinen kein Platz für sowas. Damit geben wir uns nicht ab. Bryce kam auch von dort. Wegen Überbelegung.

Ich geh‘ jetzt. Ich unterschreib‘ dir, was du willst, aber ich geh‘ jetzt.

Bryce steht in der Tür zu Zimmer drei. Bryce ist einen Meter neunzig groß, geschätzte 120 Kilogramm schwer. Ein Schrank. Nur der Infusionsschlauch in seinem Arm mit der Flasche am anderen Ende hält ihn vom Aufbruch ab. Und vielleicht sollte er auch noch was anziehen. Daß er mich duzt, gefällt mir nicht so. Sie sollten sich vielleicht noch was anziehen, ich komme gleich zu Ihnen.

Die Schwestern auf dem Stationsflur wie ein Haufen kopfloser Hühner, empört, weil er wüste Drohungen mit obszönen Tendenzen ausstößt. Muß ich da jetzt rein? Du bist der Arzt, sagen sie, wir gehen da nicht rein, du hörst doch, was er sagt. Bryce steht neben seinen Bett und versucht sich anzuziehen. Nicht ganz einfach mit dem Infusionsschlauch in seiner Ellenbeuge und den Drähten vom EKG. Hätte er ja auch einfach abreißen können. Delirante Alkoholiker sind da weniger einsichtig. Die ziehen sich auch mal einen Blasenkatheter. Ich kann Bryce zum Bleiben bis morgen überreden und einer Tablette Valium. Er wünscht sich zwei davon, weil er das kennt. Zwanzig Milligramm. Den ungeübten Normalmenschen würde diese Dosis für 24 Stunden im Koma halten. Meinem Patienten reicht das als Basis zum Überdenken seiner Entscheidung in aller Ruhe. Eine Stunde später steht er auf dem Stationsflur. Ohne Hose. Auch ohne Unterwäsche. Mit T-Shirt allerdings. Demente Senioren kann man manchmal auf dem Parkplatz in dieser Aufmachung einfangen.  Er hat den Schlauch seiner Infusion durchgeschnitten. Aus dem Schlauchende tropft reichlich Blut. Woher nur hatte er die Schere dazu? Hat er die Schere noch? Ist Bryce als bewaffnet einzuschätzen? Würde er von seiner Waffe Gebrauch machen?

Ich unterschreibe euch, was ihr wollt, aber ich gehe jetzt, brüllt Bryce.

Früher, im nordöstlichen Ruhrgebiet, gab es für solche Fälle Ketamin in den Schubladen. Ketamin, intramuskulär appliziert, wirkt innerhalb von dreißig Sekunden. Wildhüter zähmen damit pflegebedürftiges Großwild. Aus sicherem Abstand. Wer aber würde sich Bryce zur intramuskulären Applikation nähern, geschweige denn sich ihm in den Weg stellen wollen? Die Schwestern verschanzen sich hinter Tischen und Stühlen. Auch ich tendiere da eher zur Feigheit.  Die Schwestern wissen andererseits von einem Pfleger im Haus, sogar anwesend, spezialisiert auf sowas. Serge rollt auf Anruf aus der Notaufnahme an. Innerhalb von Minuten. Als ob sie dort ständig mit so Leuten wie Bryce zu tun hätten. Warum nicht gleich? Zwei-Millimeter-Frisur, physisch ein ähnliches Kaliber wie Bryce. Zwei Helferinnen. Er stellt sich als Pfleger des CAP vor – ich weiß nicht genau, wofür das steht. C für Centre, glaube ich, A keine Ahnung, Action vielleicht, P jedenfalls für Psychiatrie. Franzosen lieben Abkürzungen. Sie haben einen Koffer dabei, grün. So könnte man sich ein Sado-Maso-Einsteigerköfferchen vorstellen. Mit allerlei Zubehör für Fesselspiele in massiver Ausführung, abwaschbar. Du legst dich jetzt in dein Bett, sagt Serge. Serge duzt Bryce einfach, vielleicht ist das der Trick. Okay, sagt Bryce. Und dann schnalle ich dich an, weil das besser für dich ist. Okay. Bryce legt sich in sein Bett. Ganz zahm. Und wird an den Füßen und dem nicht operierten Arm fixiert. Weil das besser für uns alle ist. Okay, merci. Als ob er nur darauf gewartet hätte. Und nach dem Frühstück bringen wir dich nach Pierrefeu. Okay. Serge kann das ganz ohne Ketamin. Einfach so. Wow.

In Pierrefeu haben sie die große Irrenanstalt der Region, des Départements Var zumindest. Die Irrenanstalt meiner Jugend liegt auf der Schwäbischen Alb zur Donau hin. In einer ehemaligen Benediktiner-Abtei. Öffentlich zugänglich ist dort das Münster, ein bedeutendes Bauwerk deutschen Spätbarocks. Früher, also in meiner Jugend, hieß es gerne mal, bestimmt nur im Scherz: wenn du so weitermachst, kommst du in die Geschlossene nach Zwiefalten.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Gekürzt veröffentlich in der März-Ausgabe der Riviera-Zeit.

Muttertag

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Garten, wenn da einer ist ums Haus, ist natürlich schön, auch weil er die Nachbarn auf Distanz hält, so wie der Pool, auch schön. Die Arbeit daran, an Garten und Pool, damit sie auch so schön bleiben, würde ich allerdings gerne delegieren können. Für Personal aber reicht das Budget definitiv nicht.

Wir hatten mal einen Gärtner, Fabien, der nur die Palmen beschneiden sollte. Die wachsen hier wie Unkraut und breiten sich offenbar über ihre Wurzeln aus. Wo sie sich mal einen Weg gebahnt haben, kriegt man sie nicht wieder weg. Wenn sie mal groß sind und in Gruppen stehen, sieht es nett aus. Man muß allerdings alle Jahre wieder die alten Blätter unten abschneiden, damit es nett und wie Palmen aussieht. Ist ein unangenehmer Job, weil die Blattstiele dornenbewehrt sind. Fabien sollte samstags kommen, gerne regelmäßig, für 12 Euro die Stunde. Oder 15, weiß ich nicht mehr genau. Kam mit einer Art Jeep und einem kleinem Anhänger dran. Den Anhänger brauchen Sie nicht, sagte ich ihm gleich, das Grünzeug kann da weiter hinten zum Verbrennen im Herbst abgelegt werden. Hat ihm gar nicht gefallen, am liebsten wäre er wohl direkt wieder verschwunden, konnte man ihm ansehen. Er versuchte dann noch, mich daraufhinzuweisen, daß das Verbrennen von Grünabfällen seit 2011 verboten wäre – normalement. Weiß ich, erwiderte ich, ich hatte davon gelesen in der Wochenschrift der Gemeinde, wenn ich aber alle meine Grünabfälle einmal durch die Stadt fahren wollte, wäre ich Wochen damit beschäftigt. Ums Verbrennen würde ich mich dann schon selbst kümmern, da könne er beruhigt sein.

Und, wozu sind wir denn in Frankreich? Normalement findet immer Anwendung, wenn es eine Regel gibt oder ein Gesetz und man auch davon weiß. Oder wissen könnte. Wenn das Gesetz oder die Regel aber wirklich unangenehme Konsequenzen in der Umsetzung hat, hält man sich erst mal nicht daran, so wenig wie alle anderen eben, und stellt sich dumm, wenn man doch erwischt wird. Normalement beschreibt die Option auf die individuelle Ausnahme. Das funktioniert meistens, weil die Einhaltung von Regeln und Gesetzen mit wirklich unangenehmen Konsequenzen nur sporadisch kontrolliert wird. In Deutschland gibt es auch viele Regeln und Gesetze. Vielleicht noch mehr als in Frankreich. Wie die zum Baum umsägen vielleicht, um im Garten zu bleiben. Verboten von Februar bis Oktober. Ansonsten genehmigungs- und meldepflichtig. In Deutschland aber gibt es meines Wissens kein normalement. Oder ganz wenig. Wenn Sie einen Baum über 15 Meter ohne Genehmigung umsägen, und zudem vielleicht auch noch im April, kriegen Sie Ärger. Und das ganz sicher. In Frankreich ist das Normalement allgegenwärtig. Und gilt ganz klar auch für das herbstliche Verbrennen von Grünzeug.

Zu Mittag fuhr Fabien nach Hause, kam um zwei wieder, ohne Anhänger dann und ließ sich einen Scheck für drei Stunden geben. Für den Nachmittag hatte er leider, ganz überraschend, andere Verpflichtungen. Muttertag mit maman oder so. Muttertag! Den Samstag darauf hatte er einen gärtnerischen Notfall! Was auch immer das sein mag. Dann lag er arbeitsunfähig darnieder. Lumbago. Fabien hatte sich wohl vorgestellt, sein Anhängerchen mit dem Grünzeug von einer oder zwei Palmen vollzupacken und damit zur kommunalen Déchetterie – Wertstoffhof – zu fahren. Samstag Vormittag! Samstag Vormittag sind sie alle dort mit ihren Anhängerchen. Bugsieren sie im Rückwärtsgang an den Container, machen sie sonst nicht so oft, sieht man, finden ihre Arbeitshandschuhe, lösen die Spanngurte und leeren den Anhänger Zweig um Zweig. Grünzeug-Schlange bis weit auf die Straße. Sehe ich manchmal. Die Hobbygärtner in Gruppen plaudernd zwischen ihren Fahrzeugen. Cooler Job.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Claire

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Die Kassiererin wünscht mir einen schönen Tag. Danke, Ihnen auch, Mélanie. Mélanie ist Kasse 3 bei Décathlon. Kassiererinnen mögen das, wenn man sie auch mal als Mensch wahrnimmt. Wahrscheinlich sind sie deswegen auch meist beschriftet. Mélanie entlockt das ein Lächeln. Immerhin. Mein Tag würde bestimmt schöner werden als ihrer, sagt sie. Klar, es ist Feiertag und Mélanie hat ihren langen Tag heute. Sie muß bleiben bis 16:15 Uhr. Zu spät für Strand. Muß ich sie jetzt bedauern? Ich könnte sie problemlos übertrumpfen. Mein Tag ist erst morgen früh gegen neun zu Ende. Will sie aber vermutlich nicht wissen. Bon courage, Mélanie.

Viel früher schon hatte ich Claudia am Telefon, Viertel vor acht. Das mag ich nicht so gerne, mein Dienst fängt erst um halb neun an. Claudia ist Hebamme. Und Elsässerin. Aus einem Dorf nicht weit von Colmar. Das Elsaß ist eine Region, die im Laufe der letzten Jahr­hun­derte den verschiedensten natio­nalen Einflüssen unterworfen war. Schweiz, Deutsch­land, Frank­reich. Alle wollten was von ihnen und schoben sie hin und her. Das zeichnet so einen Menschenschlag bis in die Genetik. Sie tragen die Veranlagungen dreier Nationen in sich. Im Schlechten und vermutlich auch im Guten. Claudia lächelt selten. Sie ist genetisch mehr auf der unangenehmen Seite gelandet. Auf der dunklen Seite. Der mit der Gründlichkeit der Deutschen, der Unerbittlichkeit der Schweizer und der Anmaßung der Franzosen. Claudia will mich zum Stand der Dinge im Kreißsaal informieren. Als ob mich das interessieren würde. Schon gleich gar nicht um Viertel vor acht. Claudia lässt sich in ihren Ausführungen nur schwer unterbrechen. Da kommt die Unerbittlichkeit so ein bißchen durch. Okay, ich mag Claudia nicht so gerne. Vielleicht einfach nur persönliche Vorbehalte. Isabelle oder Laetitia wären mir lieber gewesen. Als Hebammen für den Tag.

Eine Stunde später, Viertel vor neun. Der Orthopäde hat einen kaputten Oberschenkel zu operieren. Teilprothese. Docteur B. zieht die Kommunikation per sms dem persönlichen Gespräch vor. Finde ich etwas merkwürdig. Wann er operieren könne. Zehn Uhr, schreibe ich ihm. Das passt zum Feiertag und läßt mir noch ein paar kleine Spielräume. Décathlon eben. Die haben auch keinen Feiertag. Früher, im Krankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets, war eine Zeitangabe der Zeitpunkt für den Beginn des Eingriffs. Zehn Uhr hieß „Schnitt“ um zehn Uhr. Alles fertig für den Auftritt des Chirurgen. Schlafender Patient, verkleidete Schwestern und Assistenten, das OP-Feld steril. Das erfordert einen Vorlauf von einer guten halben Stunde. In Südfrankreich heißt zehn Uhr, man sollte es gegen zehn Uhr nicht mehr weit bis zum Parkplatz haben. Nach einer Runde Kaffee der Anruf auf der Station: bringt uns doch mal bitte die Teilprothese. Schnitt gegen elf. Bis Frau C. aus dem Aufwachraum wieder auf dem Weg in ihre Station ist, wird es problemlos halb zwei Uhr nachmittags. Dann könnte ich nochmal verschwinden.

Zuhause gibt es massenweise Baustellen, die auf mich warten. Ganz aktuell der Pool. Pool? Alle haben hier einen Pool. Vielleicht nicht alle hier, aber die meisten aus dem Krankenhausumfeld. Vermutlich sogar der Brancardier – der Pritschenschieber, der die Patienten in ihren Betten von Station in den OP und wieder zurück schiebt. Weil der jemanden kennt, der Bagger und Lastwagen fährt, weiß, wo man den Aushub unauffällig deponieren kann und sich das Becken eben selbst mauert, pas de problème. Das Grundstück mit dem Haus drauf aus der Familie und sowieso deutlich größer als die Handtuchparzellen in Deutschland. Das Wasser im Pool ganz legal und kostengünstig direkt aus dem Canal de Provence. Ein bißchen Richtung Saint-Antonin-du-Var vielleicht, tiefstes Hinterland, aber egal. Auch dort gibt es schöne Anwesen mit Aussicht. Natürlich ahnt auch der Pritschenschieber nicht von Anfang an, wieviel Aufwand so ein Pool wirklich mit sich bringt.

Ich hatte vorigen Samstag Sylvain da. Sylvain ist der Spezialist für alles, was die piscine betrifft, den Pool. Sylvain ist der pisciniste. Er hat mir nicht nur ein paar Rohre neu geklebt, sondern auch den Filter mit neuem Sand befüllt. Den alten Sand hat er, nebenbei bemerkt, nicht, wie ich mir das gewünscht hätte, mitgenommen und irgendwo unauffällig entsorgt, sondern nicht wirklich diskret im Umfeld des Pools verteilt. Mit Abstrichen muß man auch beim Spezialisten leben. Ich habe noch keinen Handwerker ohne Abstriche erlebt. Mit vierhundert Euro recht günstig andererseits. Sonst zahle ich jedem Handwerker Sondertarife. Aufschläge. Ausländer-Aufschlag, Doktor-Aufschlag, wenn sie das durch indirskretes Fragen herausfinden. Und Altbau-Aufschlag. Der Aufschlag für das Haus eben. Es gibt eine Postkarte davon, frühes zwanzigstes Jahrhundert vermute ich, „Château Monfleury“. Das sage ich keinem Handwerker, sonst gäbe es sofort einen signifikanten Postkarten-Aufschlag. Und wenn Handwerker zum Kostenvoranschlag schon vor dem Bau stehen und sagen, Sie haben’s aber schön hier, weiß ich, daß sich dafür bereits der Grundpreis verdoppeln wird. Allein für das Sie haben’s aber schön hier. Da kann ich mir den Mund fusselig reden davon, daß wir gekauft hätten vor der Explosion der Preise hier in der Gegend, daß wir trotzdem noch die nächsten zehn Jahre daran zu zahlen hätten, und nein, das ist nicht unser Zweitwohnsitz, wir leben und arbeiten hier dafür und ja, bringt vor allem Arbeit. Und Kosten. Will er gar nicht wissen, der Handwerker, die Tarife stehen. Schließlich wird  noch die Mehrwertsteuer  aufgeschlagen zu den Zuschlägen, obwohl, leider, das mit der Rechnung dazu ein bißchen dauern wird,  ganz bestimmt aber, nur wäre die Sekretärin gerade krank oder der Computer kaputt. Und Bezahlung in bar wäre auch schön. Man kann’s ja mal versuchen, vielleicht bin ich doppelten Ausländerzuschlag wert.

Zu allem Überfluß stehe ich schließlich doch selbst im Technikhäuschen an Filter und Pumpe und muß noch was nacharbeiten. Sylvains Rohre tropfen, am Feiertag gibt es keine Handwerker, aber was glauben Sie denn. Samedi peut-être, Samstag vielleicht. Genau das, was es eigentlich zu vermeiden galt. Wie gesagt, ich habe noch keinen Handwerker ohne Abstriche erlebt. Okay, ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau, ich weiß. Wie das Jammern des Lamborghini-Fahrers über alberne 110-Schilder und die Bremsschwellen allenthalben. Geht eigentlich nicht, kommt nicht gut an. Außerdem ist hier Frankreich, Südfrankreich, Côte d’Azur fast, das ganze Jahr Sommer, Lavendel, Meer, Strand, frischer Fisch direkt vor der Tür, all die Klischees in echt und jeden Tag von Neuem, was wollen Sie denn, das ist der Traum eines jeden Deutschen, da will man sich doch wohl nicht ernsthaft beklagen!

Wahrscheinlich bin ich unter all diesen Diensten und nächtlichen Péridurales, dem Altbau und tropfenden Rohren gereift für die Insel. Oder für’s Kloster. Oder eine Hütte ganz weit oben. Ein paar Tage würden wohl schon reichen. Sieht momentan leider nicht danach aus. Jedes zweite Wochenende im Krankenhaus. Der Mai wird schlimm und das ist erst der Anfang vom Sommer. Jeder der Kollegen wird mal Urlaub haben, ich selbst ab Mitte August. Mitte August! Das ist noch lange hin. Wenn man zu denen gehört, die keinen Urlaub haben, zahlt man mit Substanz an Körper, Seele und Geist. Und wenn ich mich nach ein paar Tagen Insel, Kloster oder Hütte frage, was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag, kann’s weitergehen.

Mit einer Péridurale zum Beispiel. Jetzt, 21:54 Uhr. Das geht noch. Für Claires Erstgebärende. Claire ist eine der Hebammen heute Nacht. Stammt aus Marseille. Lächelt deutlich leichter mal als Claudia.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Canophobie

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Meine Tochter, zehn Jahre alt, wünscht sich nichts sehnlicher als einen Hund. Mehr noch als ein Pony. Der Wunsch nach dem Pony kommt immer mal wieder, wenn die Reitstunde besonders nett war. Weniger häufig als letztes Jahr noch, als sie mit dem Reiten anfing. Mittlerweile ist die erste Euphorie vorüber. Den Wunsch nach einem Hund hingegen bekomme ich fast täglich zu hören. Seit Jahren. Sie meint das so. Sieht jeden Hund auf der Straße. Oh, guck‘ mal da, ein Schäferhund! Ist der nicht süß! Oh, guck‘ mal da, ein Husky! Ist der nicht süß! Sogar Dackel, Zwergpinscher oder Chihuahuas, so Sorten für Hotelerbinnen – ist der nicht süß! Wenn ich mal groß bin, kaufe ich mir einen, kündigt sie immer wieder an. Und der wohnt dann in meinem Zimmer. Sagt sie. Nur über meine Leiche, erwidere ich. Ich bin mir nicht sicher, wie meine Tochter entscheiden würde, wenn sie wählen müßte.

In früher Jugend, bei mir auf dem Dorf, durften Hunde frei rumlaufen. Auch solche von der Kategorie, die man heute als Kampfhunde bezeichnen würde. Vielleicht waren es aber auch nur Boxer, was weiß ich. Bleibend ist dieses Bild von einem zähnefletschenden, geifernden Köter unten am Baum, der nach meinen Füßen schnappt. Die gefühlte Ewigkeit, bis der Besitzer seine Bestie endlich unter Kontrolle bringt. Das nächste Mal solle ich eben besser aufpassen. Kynophobie heißt das, Angst vor Hunden. Auf dem Weg zur Arbeit, direkt nach einem Rond-point, gibt es eine Werkstatt rechts. Mit einem Hund. Einem großen Hund. Der nur auf mich zu warten scheint, wenn ich da mit dem Fahrrad ankomme, abgebremst im Kreisverkehr. Hetzt innen am Zaun längs bis zum Tor. Bellt nicht mal, das macht mir besonders Angst. Bleibt aber zum Glück auf dem Gelände des Schraubers. Auch wenn das Tor offen ist. Bisher. Man kann auch Canophobie sagen. Je nachdem, ob man’s mehr mit der griechischen oder der lateinischen Etymologie hält. Im knapp postrevolutionären, ländlichen Rumänien besuchte ich mit einem Freund mal einen Professor, dessen Job der Revolution zum Opfer gefallen war. In der Einfahrt ein Deutscher Schäferhund. An langer Kette bis zur Garage weiter hinten. Mein Freund und der Hund kannten sich. Mein Freund konnte zudem gut mit Hunden. Kynophilie vermutlich. Oder Canophilie, wie auch immer. So wie meine Tochter. Obwohl dieser Hund auch nicht bellte, hatte ich keine Angst. Er war ja angeleint. Mit engem Aktionsradius vom Tor bis zur Garage. In der Mitte hängt so eine Kette natürlich etwas durch. Der Hund hatte das verstanden, glaube ich. Vergrößerter Aktionsradius. Wenig nur, aber reichte genau bis knapp oberhalb meines Knies. Nicht gut für einen Phobiker. Zuhause riet man mir zu einem Impfzyklus, sieben Impfungen, gegen Rabies. Es hatte da, im postrevolutionären, ländlichen Rumänien, gerade erst ein paar tote Kinder wegen Tollwut nach Hundebiß gegeben. Die Hysterie paßt zum Phobiker.

Erschwerend kommt hinzu, daß ich Hunde eher ekelhaft finde. Okay. Keine Beschreibung widerlicher Details an dieser Stelle. Wahrscheinlich Teil meiner persönlichen Strategie zur Angstverarbeitung. Im Gegensatz zu Katzen. Katzen finde ich gut.  Ailurophilie. Obwohl die, ganz objektiv, natürlich auch ekelhafte Seiten haben müssen. Aber sabbern schon mal nicht. Und man muß ihre Scheiße nicht aufklauben. Diskreter eben. Und eher ungefährlich. Manche Individuen wollen eben partout nicht zwischen den Zehen der Hinterpfoten gekrault werden. Und wehren sich dann, wenn man’s trotzdem versucht. Logisch. Aber nur dann. Sonst sind Katzen absolut ungefährlich. Angst vor Katzen – absolut lächerlich!


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Hirschjagd

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Ich kenne Saint-Tropez. So, wie man als Tourist Saint-Tropez eben kennt. Ich war auch mal dort im Hochsommer, Sommerferien, später Vormittag. Gehört zu unseren ersten Frankreicherfahrungen in Familie überhaupt. 1996. Der Zweite gerade mal sechs Monate alt. Im Auto keine Klimaanlage. Im südöstlichen Ruhrgebiet wünschte man sich definitiv nur an drei Tagen im Jahr eine Klimaanlage. Damals zumindest, vor dem Klimawandel. Es gibt nur eine einzige Zufahrtsstraße nach Saint-Tropez. Im Sommer ist da immer Stau. In beiden Richtungen. VIPs kommen deswegen mit dem Hubschrauber oder der Jacht. Wir haben es damals nicht ganz geschafft bis Saint-Tropez. Wir haben aufgegeben. Ein Kaffee, um sagen zu können, wir hatten einen Kaffee in Saint-Tropez, an der ersten Parkmöglichkeit hinter dem Ortsschild. Nach bestimmt zwei Stunden Stau unter Tropenhitze und unwilligen Kindern hinten. Saint-Tropez im Sommer ist so wie die Zufahrt zum Baumarkt an einem verregneten Samstagnachmittag. Dann doch lieber mit tropfendem Wasserhahn leben. Oder die Abreise vom Strand um halb sechs. Stauwahrscheinlichkeit hundert Prozent. Auch an den unwahrscheinlichsten Streckenabschnitten. Das macht man zwei, drei Mal mit, dann hat man das Prinzip begriffen. Franzosen machen immer alles gleichzeitig. Kino, Einkaufen, Strand. Synchron. Alle. Und die Touristen machen immer mit. Alle, egal welcher Herkunft. Egalité. Im Stau sind wir alle gleich. Französische Touristen stimmen sich untereinander ab. Allez, jetzt! Die müssen eine App dafür auf ihrem iphone haben. Oder einen siebten Sinn für die perfekte Staukonstellation. Genetische Veranlagung.

Mitte Mai kommen Freunde von früher nach Cannes. Sie haben drei Tage Aida gewonnen, von Mallorca aus. Ein Tag Cannes. Freigang von 07:00 bis 17:00 Uhr. Wir wollen uns auf ein Bier oder so treffen, Cannes ist doch nicht weit von dir. Cannes Mitte Mai ist wohl so wie Saint-Tropez im Hochsommer. Filmfestspiele. Es ist alles abgesperrt, es gibt chaotische Umleitungen, alles ist verstopft und dauert ewig. Sagt eine bekannte Krimiautorin mit Wahlheimat Cannes. Und empfiehlt den Zug. Zug aber kann auch schiefgehen. Verspätet, verpasst, Streik. Anreise bis neun Uhr, denke ich, sollte auch mit dem Auto gut gehen. Selbst nach Cannes. Selbst zum Höhepunkt des Festivals hin. Da schläft der Tourist noch oder steht schon in der Schlange am Frühstücksbuffet. Brad Pitt und seine Freunde bewegen sich noch nicht öffentlich, nur die Pendler sind auf der Straße unterwegs. Letztere kenne ich von zuhause. Die sind immer da. Jeden Morgen, jeden Abend. Mit oder ohne App, mit oder oder ohne siebten Sinn.

Ich selbst kenne Cannes nicht mehr als von einem teuren Kaffee am Strand. Oder auch nur vom Durchfahren. Keine prägende Erinnerung jedenfalls. Einheimische behaupten, es gäbe nichts zu sehen in Cannes. Außer der Shopping-Meile – Boulevard de la Croisette – mit Palmen, dem Carlton und teuren Läden. Das muß man aber wollen sowas, Shoppen und so. Das Selfie mit Angelina Jolie kann man ohnehin vergessen. Alternativ kann man durch die Altstadt schlendern auf einen Hügel mit Kirche und Museum. Das Museum zeichnet sich durch einen Turm aus. Der Turm besticht durch die Aussicht, die er über die Stadt, das Meer und die Inseln bietet. Auf der Insel soll es ein ganz gutes Restaurant geben.

Oder Picknick am Strand irgendwo. Wenn da nicht abgesperrt ist.

Bis 16:38 Uhr muß ich zurück vor der Schule sein, normalerweise. Das werde ich primär auf 17:30 Uhr modifizieren, Kinder solange aux études. Für den schlimmsten Fall, ich schaffe es nichtmal bis 17:30 Uhr, kommt der Joker ins Spiel, mein Zweitgeborener. Wichtig wäre, daß der sein Telefon bei sich hätte. Geladene Batterie. Eingeschaltet. Und er antworten würde. Jede Etappe – Telefon dabei, Batterie geladen, eingeschaltet – eine ernstzunehmende Risikoquelle. Von Plan B ist es nicht mehr weit bis Plan C.

Oder doch Zug.

Oder ganz weg bleiben. Sicherheitshalber. Lieber Kollege, geht leider nicht, ich muß arbeiten. Kurz nach den Attentaten in Paris hatten wir Oper in Toulon. Landesweit Plan Vigipirate, alerte attentat – Attentatswarnung. Personenkontrolle am Eingang. Machen Sie mal bitte Ihren Mantel auf. Metalldetektor. Zwei Kontrolleure. Ganz klar überfordert. Schlange einmal über den Platz. Kein Polizist zu sehen. Top-Konstellation für Terroristen, sagte ich zu meiner Frau, besser könnten sich die Ziele gar nicht präsentieren. Besser als in jeder engen Konzerthalle. Das ist wie Hirschjagd für Erich Honecker. Eine Maschinenpistole auf der Freitreppe, ein paar Magazine, und die ganze Reihe einfach ummähen. Ein Kumpel würde sich die vornehmen, die weglaufen. Meine Frau hatte keine Bedenken. Ich solle nicht immer so negativ sein.

Toulon ist sicher nicht so plakativ wie Paris oder Cannes. Cannes hat sicher deutlich mehr Potential. Aus terroristischer Sicht. Die Polizei wird sich dort sicher um Prominenz und Publikum kümmern. Kollateral vielleicht den einen oder anderen Stau produzieren.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Dienstanweisung

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Sicher-das-dann-ja. Zwei oder drei Anmerkungen konnte man sich erlauben, maximal, dann war Schluß. Immerhin war Monika die Chefin. Und ihr Wort wie in Stein gemeißelte Weisheit. Monikas Sicher-das-dann-ja signalisierte das natürliche Ende eines Meinungsaustauschs bei steiler Hierarchie. Hieß soviel wie jaja, reden Sie mal.

Die Zeit der Schwestern-Narkosen ist ein für allemal vorbei, Herr Diehl. Stammt auch von der damaligen Chefin, im Provinzkrankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets. Anästhesie ist in Deutschland ärztliche Aufgabe. Pflegepersonal hat die Rolle dienenden Beiwerks. Unumstößliche Wahrheit. Mußte ich mir immer anhören, wenn sie mich am Kaffee in der Kaffeeküche des OPs erwischte. Passierte mir öfter mal. Mich erwischen zu lassen. Manchmal mußte sie dann laut werden. Chefin eben. Alte Schule. Eine der ersten Chefinnen in der Anästhesie überhaupt. Monika und Doppelname. Mit einer Abmahnung beim nächsten Mal drohen. Und eine Dienstanweisung redigieren. Die Dienstanweisungen fingen meistens an mit den Worten „Aus gegebenem Anlaß…“. Herr Diehl war häufig der Anlaß. Den Dienstbeginn zum Beispiel betreffend. Visite Punkt 7:30 Uhr. Und nicht etwa erst 7:32 Uhr. Halb acht war mit Kindern nur ganz schwer zu schaffen damals. Kindergarten, Tagesmutter. Stau allenthalben. Eigentlich unmöglich. Oder die Dokumentation. „Aus gegebenem Anlaß“ wurde die Abteilung für Anästhesiologie angehalten, die Lesbarkeit handschriftlich erstellter Dokumente sicherzustellen. Zukünftig. Gerne auch mal „ab sofort“. Dabei habe ich eine interessante Handschrift. Oder eben diese Geschichte mit der Schwestern-Narkose. Ein für allemal. Schwester Roswitha war alleine im OP-Saal an der Hüftoperation erwischt worden, Herr Diehl  beim Kaffee mit der Gynäkologin. Geht gar nicht, die Schwester alleine. Dienstanweisung. Gegebener Anlaß. Die Sekretärin, auch Monika, mußte die Dienstanweisungen gegen Unterschrift im Kollegium verteilen.

In Frankreich ist das anders. Im südfranzösischen Provinzkrankenhaus habe ich ein eigenes Büro im OP. Christine und Jean-Pierre – Infirmièrs Anesthésistes Diplômés d‘État, IADEs – passen auf meine Narkosen in Saal eins und zwei auf. Ich kümmere mich um die postoperativen Anordnungen. Am Computer. Manchmal muß ich was unterschreiben. Anästhesie ist eine sitzende Tätigkeit. Der Chirurg im Saal hingegen muß häufig stehen. Und die Schwestern dazu. Die meisten tragen Stützstrümpfe. Prophylaktisch wegen drohender Krampfadern. Oder manifester Varikosis. Allein das könnte genügen als Grund, nicht Chirurg werden zu wollen. Stützstrümpfe! Im OP steht der Chirurg am Tisch, auf seiner Station läuft er herum und macht Visite. Der Chirurg sitzt selten. Nicht einmal der französische. Nur in der Mittagspause von zwölf bis zwei. Ich sitze meistens. Zur Einleitung einer Allgemeinanästhesie stehe ich auch. Mit Jean-Pierre am Kopfende des OP-Tischs. Rückenmarksnahe Anästhesieverfahren stechen sich nicht gut im Sitzen. Regionalanästhesien, Narkosen also nur für einen Arm zum Beispiel, oder Gefäßpunktionen, gehen wiederum besser im Sitzen. Weil man sich sonst, beim feinmotorischen Hantieren mit Sonograph und spitzer Nadel den Rücken verkrampft. Danach gehe ich in mein Büro. Papierkram. ZEIT ONLINE und so. Sitze. Warte auf den nächsten Patienten. Christine bleibt beim Patienten. Darf auch sitzen. Und hat Internet. Keine Social media zwar, aber immerhin. Der Anästhesist trägt die Verantwortung, die Schwester bleibt an der Narkose. Meistens alleine. Ich löse sie ab und zu für einen Kaffee ab. Oder Zigarette oder Pipi. Schwestern-Narkose. Meine damalige Chefin im nordöstlichen Ruhrgebiet konnte sich das nicht vorstellen. Ein für allemal.

Zu einer der letzten Weihnachtsfeiern des letzten Jahrtausends gab sie sich jovial. Die Sekretärin hatte sie diskret daran erinnert, daß der Herr Diehl zum 31. Dezember die Abteilung verlassen würde. Nette Worte zählten ebenso wenig zu ihren Stärken wie das souveräne Absolvieren von Betriebsfeierlichkeiten. Wie denn mein Alltag wohl aussähe in Frankreich, fragte Monika. Mußte ja wohl ein paar Wort wechseln mit mir. Mediterran vermutlich, sagte ich. Nicht vor halb neun schon mal. Und ich würde eher Kaffee trinken als auf Narkosen aufpassen. Gut ausbildete Fachpfleger würden meine Narkosen überwachen.

Sicher-das-dann-ja.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Agnès

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r sowas bin ich nun gar nicht der Richtige. Leider. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu nerven. So oft werde ich auch gar nicht um medizischen Rat gefragt. Meistens werde ich um Rezepte gebeten oder Certificats médicaux zur Teilnahme an mehr oder weniger kompetitivem Sport. Mache ich ohne Wartezimmer und ohne zu murren. Kostenneutral. Pas de problème.

Ich persönlich betreibe pragmatische Sofortmedzin. Und glaube daran. In meinen Schubladen habe ich richtige Medikamente. Ich injiziere was und das wirkt sofort. Sofort und signifikant. Der Internist hat ja auch Medikamente, der Dermatologe Crèmes und Tinkturen. Das dauert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch zu wenig, zuviel, anders, unerwünscht. Mal abgesehen von Chemotherapie. Das wirkt auch sofort. Die meisten kotzen innerhalb von Stunden. Da sieht man wenigstens Wirkung. Meine Moleküle wirken sofort, innerhalb von Sekunden, manche schon in winzigen Mengen. Im einstelligen Mikrogrammbereich. Ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm. Ein Strandsandkorn, zum Vergleich, wiegt immerhin zweihundert Mikrogramm. Millionstel Gramm erzeugen Wirkung in der Aber-hallo-Kategorie. Meistens ziemlich genau so, wie ich mir das vorstelle. Wenn jemand schlafen soll, schläft er in weniger als einer Minute. Von solchem Potential können Internist und Dermatologe nur träumen.

Beim Homöopathen bin ich mir nicht einmal sicher, ob er sich bei seinen Tees und Kügelchen ernsthaft eine nachweisbare Wirkung vorstellt. Mal abgesehen von der, die er im Rahmen teurer Séances zu indoktrinieren sucht. Die Kügelchen und Tröpfchen sind ja so molekülarm im vermuteten Wirkstoff, daß man wahrscheinlich nicht mal allergisch darauf reagieren kann. Die arbeiten, wenn ich mich recht erinnere, mit Verdünnungen, die einer Teelöffelmenge im Mittelmeer entsprechen. Größenordnungsmäßig vielleicht so wie unser Mond in der Milchstraße. Und auch das nur ab dem dritten Viertel des zunehmenden Monds. Bleibt die Hoffnung auf den Placeboeffekt. Macht meines Wissens bis zu dreißig Prozent der medizinischen Wirkung aus. Außer in der Sofortmedizin. In meinen Schubladen gibt es keinen Placeboeffekt.

Auf Wunsch meiner Frau, in der Hoffnung auf eine Reduktion meiner angeblichen Schlafgeräusche, besuchte ich vor Jahren schon den HNO- Spezialisten ihrer Wahl. Der vermutete eine allergische Disposition, die sich sogar labormedizinisch nachweisen ließ. Positives „Phadiatop“. Nie gehört zuvor. Kommt nicht vor in meinem klinischen Alltag. Seitdem befinde ich mich in allergologischer Behandlung. Beim erstbesten Allergologen meines Centre hospitalier. Jede Monatsmitte die Subkutan-Desensibilisierung mit einer hochverdünnten und irgendwie behandelten Allergenlösung. Wenn mein Fläschchen vor der Zeit leer ist, nimmt Schwester Agnès einfach das eines anderen Patienten. Sowieso überall das Gleiche drin, sagt sie. Alle Allergiker sind allergisch auf Milben und die eine oder andere getestete Polle. Und die Allergene sind sich oft auch ganz ähnlich. Sagt der Allergologe. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprechstunde Montag Nachmittag. Ob es denn besser geworden wäre? Was eigentlich, frage ich mich immer, das Phadiatop? Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Ich brauche weniger Antibiotika mittlerweile. Stimmt sogar. Und der Allergologe will ja was Positives hören. Weil mit der monatlichen Injektion sein Potential erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kortison? Will ich nicht. Ich würde mir ein Medikament so wie aus meinen Schubladen wünschen. Pragmatische Sofortmedizin.

Ich bin also nicht der richtige Ansprechpartner für einen Hinweis auf einen kompetenten Allergologen oder Homöopathen. Mein Allergologe ist der Erstbeste. Homöopathen traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim Allergologen und dem Homöopathen so wie beim Psychocoach vor allem auf zwischenmenschliche Qualitäten an. Die Ausstrahlung. Der Rest ist Glaubenssache.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

3947 Zeichen für Aila. Zum Abdruck in der  Mai/Juni-Ausgabe der Riviera-Zeit.


Die ursprüngliche Version, gut zweitausend Zeichen mehr. Zuviel für die Kolumne. Der Vollständigkeit halber.

Christiane!

für sowas bin ich nun gar nicht der richtige. Leider. Ich würde Ihnen gerne helfen. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu nerven. So oft werde ich auch gar nicht um medizischen Rat gefragt. Meistens werde ich um Rezepte gebeten oder Attestations médicales zur Teilnahme an mehr oder weniger kompetitivem Sport. Mache ich gerne und ohne zu murren. Ich kann mir vorstellen, wie das ist, über Stunden, das Kind schon lange hungrig oder müde oder beides, im muffigen Wartezimmer des Hausarztes zu hocken. Nur, um ein paar blöde Fragen gestellt zu bekommen, einen Bludruck gemessen und endlich die Bescheinigung ausgestellt. Kann ich abkürzen. Pas de problème.

Ich würde Ihnen ja so gerne helfen, aber das passt so rein gar nicht zu meiner Art von Medizin. Ich betreibe pragmatische Sofortmedzin. Und glaube daran. In meinen Schubladen habe ich richtige Medikamente. Ich spritze was und das wirkt sofort. Das wirkt sofort und signifikant. Der Internist hat ja auch Medikamente, der Dermatologe Salben und Crèmes und Tinkturen. Das dauert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch nicht mal so, wie man es sich wünschen würde. Zuwenig, zuviel, anders, unerwünscht. Mal abgesehen von Chemotherapie. Das wirkt auch sofort. Die meisten kotzen innerhalb von Stunden. Da sieht man wenigstens Wirkung. Obwohl dies ja eher in die Kategorie „unerwünscht“ fällt. Aber immerhin Wirkung. Meine Moleküle wirken sofort, wie gesagt, innerhalb von Sekunden oder Minuten, manche schon in winzigen Mengen. Im Mikrogrammbereich. Ein Mikrogramm, für die Arithmophobiker unter uns, ist ein Millionstel Gramm. Ein Strandsandkorn, zum Vergleich, wiegt immerhin zweihundert Mikrogramm. Millionstel Gramm erzeugen Wirkung in der Aber-hallo-Kategorie. Meistens auch so, wie ich mir das vorstelle. Manchmal zuviel, gelegentlich zuwenig, selten anders, noch seltener unerwünscht. Wenn Sie schlafen sollen, schlafen Sie in weniger als einer Minute. Von solchem Potential können Internist und Dermatologe nur träumen.

Beim Homöopathen wäre ich mir nicht einmal sicher, ob er sich bei seinen Tees und Kügelchen und was er da sonst noch im Repertoire hat, überhaupt eine nachweisbare Wirkung vorstellen kann. Mal abgesehen von der, die er im Rahmen teurer Séancen seiner Klientel zu indoktrinieren sucht. Die Behandlung von Allergien zum Beispiel, Histaminintoleranz oder Fibromyalgie. Geschichten eben, wo die Lehrmedizin früher oder später aufgibt. Seien Sie froh, daß Sie keine Fibromyalgie haben. Das ist anstrengend. Für alle Beteiligten. Ob der Homöopath bei Allergie, Histaminintoleranz oder Fibromyalgie helfen kann, mag dahingestellt bleiben. Dessen Kügelchen und Tröpfchen sind ja so molekülarm im vermuteten Wirkstoff, daß man wahrscheinlich nicht mal allergisch darauf reagieren kann. Die arbeiten, wenn ich mich recht erinnere, mit Verdünnungen, die einer Teelöffelmenge im Mittelmeer entsprechen. Größenordnungsmäßig vielleicht so wie unser Mond in der Milchstraße. Und auch das nur ab dem dritten Viertel des zunehmenden Monds. Okay, vielleicht wie unser Sonnensystem in der Milchstraße. Egal. Das eine kann man sich so wenig wie das andere vorstellen. Auch ohne Dyskalkulie. Bleibt die Hoffnung auf den Placeboeffekt. Macht meines Wissens bis zu dreißig Prozent der medizinischen Wirkung aus. Außer in der Sofortmedizin. In meinen Schubladen gibt es keinen Placeboeffekt. Da ist alles echt.

Auf Wunsch meiner Frau, im Hinblick auf eine Verbesserung meiner auditiven Kapazitäten und vor allem in der Hoffnung auf eine Reduktion meiner angeblichen Schlafgeräusche, besuchte ich vor Jahren schon den Spezialisten für otorhinolaryngologische Heilkunde, ORL. HNO in Mitteleuropa. Den Spezialisten ihrer Wahl. Der diagnostizierte „minderwertige Schleimhaut“ und dazu passend eine allergische Disposition, die sich sogar labormedizinisch nachweisen ließ. Positives „Phadiatop“. Nie gehört zuvor. In meinem klinischen Alltag kommt das Phadiatop nicht vor. Seit Jahren schon befinde ich mich trotzdem in allergologischer Behandlung. Beim erstbesten Allergologen meines Centre hospitalier. Desensibilisierung. Jede Monatsmitte die Subkutaninjektion einer hochverdünnten und irgendwie behandelten Allergenlösung. Wenn mein Fläschchen mal wieder vor der Zeit leer ist (wie kann das nur kommen?), nimmt Schwester Agnès einfach die Ampulle eines anderen Patienten. Sowieso überall das Gleiche drin, sagt sie. Alle Allergiker sind allergisch auf Milben und die eine oder andere getestete Polle. Und die Allergene sind sich oft auch ganz ähnlich. Sagt der zuständige Allergologe, der zweite Nachfolger inzwischen. Fragt man sich, warum dann knapp zwanzig verschiedene Allergene getestet wurden. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprechstunde Montag Nachmittag. Ob es denn besser geworden wäre? Was eigentlich, frage ich mich dann immer. Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Weniger Nebenhöhlenprobleme hätte ich mittlerweile, weniger Antibiotikabedarf. Stimmt sogar. Der will ja was Positives hören, der Allergologe. Weil mit der monatlichen Injektion sein Potential bereits erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kortison? Oder er kann mir noch ein paar Jahre Sunkutaninjektion draufschlagen. Will ich das? Ich würde mir ein Medikament so wie aus meinen Schubladen wünschen. Pragmatische Sofortmedizin.

Ich bin, liebe Christiane,

also nicht der richtige Ansprechpartner für einen Hinweis auf einen kompetenten Allergologen und/oder Homöopathen. Mein Allergologe ist, wie gesagt, der Erstbeste. Und ich befürchte mal, sie sind alle so. Zu weit weg von Ihnen zudem. In Ihrer Gegend wüßte ich schon gleich gar niemanden. Homöopathen traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim Allergologen so wie beim Psychocoach und dem Gynäkologen vor allem auf zwischenmenschliche Qualitäten an. Die Ausstrahlung. Beim Gynäkologen vielleicht noch le toucher. Nicht zuviel davon und nicht zu wenig. Das ist sehr individuell. Und, man muß daran glauben.



 

 


Martenstein

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„An intellectual is a man who takes more words than necessary to tell more than he knows.“ – Dwight D. Eisenhower

Il n’est pas intellectuel!

Der Anästhesie-Pfleger sitzt mit der Kol­legin in meinem Büro. Sie spre­chen über Grie­chen­land. Die grie­chi­schen Schulden. Schulden, die man den Grie­chen ja auch erlassen könnte. Ob man das so ein­fach kann, frage ich mich. Was ver­stehe ich schon davon? So wie man den Deut­schen ja auch schon immer wieder Schulden erlassen hätte, sagt der Pfleger. Wirt­schaft­lich hätten die Deut­schen sich ja nie­mals zu der Kraft auf­schwingen können, die sie heute dar­stellen, wenn man ihnen nicht ihre Schulden erlassen hätte. Damals, nach dem Krieg. Sagt der Pfleger und die Kol­legin stimmt zu. Stimmt wohl, denke ich mir. Deutsch­land würde immer noch an den Schulden der Nazis bei den Grie­chen bezahlen. Zum Bei­spiel. Ich habe davon gelesen. Bei SPIEGEL ONLINE wahrscheinlich. Was aber weiß ich schon wirk­lich dar­über? Zuwenig. Ich könnte Phrasen auf BILD-Ni­veau zur Dis­kus­sion bei­steuern. Besser nicht. Ich ziehe mein Grün­zeug an, werfe meinen Kittel über und ver­ab­schiede mich: ich geh‘ dann mal was arbeiten. Ich hätte auch sagen können: ich geh‘ dann mal eine rauchen. Genauso fadenscheinig. Glaubt mir keiner.

Il n’est pas intellectuel!

Sagt der Pfleger da und lacht erstaunt. Der ist nicht intel­lek­tuell! Sagt er im Ton­fall wie stimmt ja, du hast ja so recht. Für anspruchsvollen Erkenntnisgewinn ist der nicht zu haben. Der ist ganz und gar nicht intel­lek­tuell! Dritte Person Sin­gular. Der Pfleger spricht über mich. Er hat mit der Kollegin schon über mich geredet. Die Kol­legin hat ihm vielleicht von meinem Blog erzählt. Der ist ja auch nicht wirklich intellektuell. Unterhaltsam, sagt sie. Hinter dem grünen Tuch vielleicht, nachts um halb fünf, zu einer langweiligen Narkose, kann man nett plaudern. Oder zu einem Glas Wein in einem kleinen Restaurant mit Meeresrauschen. Aber das ist pure Spekulation. Sie, die Kollegin, gab sich — mir gegen­über — als, nun ja, zumindest konsequente Leserin. Unterhaltsam eben. Einer­seits. Und spricht dem Pfleger von der Schwierig­keit, Dis­kus­sionen zu komplexer Thematik mit mir zu führen. Scheint es. Andererseits. Es gibt so Themen, die mich nicht interessieren, die mir keine Freude bereiten. Religiöser Kontext zum Beispiel. Nicht mein Ding. Ich stehe dazu. Ist mir zu fremd, macht mir Beklemmungen. Ich will ja auch niemanden beleidigen. Ich gebe mich bei solchen Themen betont einsilbig. Vermeidungshaltung. Oder über Anäs­thesie. Anästhesisten reden gerne über Inhalte ihres Fachgebiets. Je kleiner das Fachgebiet, desto mehr kann darüber geredet werden. Selbst erlebte Fälle. Chirurgen kriegen da gerne die Rolle karnifizierter Inkompentenz ab. Passiert mir auch. Ist eben so. Manchmal. Jeder macht mal Fehler. Weiterbildungstheoretik. Theoretische Erwägungen zum Verhalten irgendwelcher Rezeptoren sind mir zu abgehoben. Zu intellektuell quasi. Das Verhalten von Rezeptoren interessiert mich nur bei unmittelbarem Bezug zum gelebtem Arbeitsalltag. Ansonsten präsentiere ich die bewährte Vermeidungshaltung. Einsilbigkeit.

Zu vielen Themen fehlen mir Einzelheiten im Hintergrundwissen. Ich müßte noch deutlich mehr recherchieren, um halbwegs kompetent mitreden zu können. Unwissen macht mich einsilbig. Wirkt ein bißchen wenig intellektuell, ungebildet. Da hatte der Pfleger schon recht. War auch irgendwie peinlich.

Vor kurzem stieß ich im ZEIT-Magazin auf eine Kolumne von Harald Martenstein über die Schwerhörigkeit. Fand ich sehr gut, die Kolumne. Herrn Martenstein gelingt es, sich aus manifester Schwerhörigkeit heraus als „nachdenklicher Intellektueller“ darzustellen. Wenn er was nicht hört oder versteht, sagt er einfach „Ich glaube, darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken“. Das könnte, dachte ich mir dann, auch zur Abwehr unerfreulicher Erörterungen funktionieren. Was denkst du denn zu den griechischen Schulden, Bertram? Ich glaube, darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken. Hätte ich auch sagen können. Statt „ich geh‘ dann mal was arbeiten“ oder „ich geh‘ dann mal eine rauchen“.

Ich fand die Kolumne von Herrn Martenstein auch interessant, weil ich mich mit Schwerhörigen identifizieren kann. Ich bin auch schwerhörig. Sagt meine Frau zumindest. Fällt ihr vor allem auf, wenn wir morgens Einzelheiten zur Organisation des bevorstehenden Tages erörtern. Wenn ich gerade unter der Dusche stehe. Und sie sich die Zähne putzt. Wenn ich gar nichts verstehe, muß ich öfter mal nachfragen. Das nervt sie. Wann kaufst du dir endlich ein Hörgerät? Wobei diese Dinger meines Wissens doch gar nicht wasserfest sind. Unter der Dusche und somit ohne Hörgerät würde ich dann immer noch nichts verstehen. Manchmal verstehe ich im Grundrauschen von Dusche und Zahnbürste einzelne Worte. Schule zum Beispiel oder Kinder oder Dienst. Wahrscheinlich soll ich die Kinder von der Schule abholen oder sie fragt, ob ich Dienst habe. Morgens im Badezimmer reden wir eher selten über Europapolitik oder Rezeptorendynamik. In aller Regel geht es um eher banale Angelegenheiten. Kinder, Einkaufen, Arbeit. Dann kann ich sagen, weiß ich noch nicht oder muß ich gleich mal nachsehen. Das funktioniert ganz gut. Wenig später, in der Küche, kriege ich die gleiche Frage normalerweise noch mal gestellt. Unter wesentlich besseren akustischen Rahmenbedingungen. Weißt du inzwischen, ob du Dienst hast, hast du nachgesehen, ob du die Kinder abholen kannst? In der Küche verstehe ich meine Frau sehr gut. Solange es nicht ums Kochen geht. Und wenn sie nicht gleichzeitig die What-else-Maschine betätigt oder den Kapselbehälter in den Mülleimer entleert. In diesem Kontext werde ich schnell wieder ein Kandidat für die Hörhilfe.

Oder setze mich, weil ich zum wiederholten Male nicht verstehe, ernsthaften Zweifeln an meiner intellektuellen Verfassung aus.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


 

Dienst

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Du wolltest doch immer schon mal mein Krankenhaus sehen und was ich so mache den ganzen Tag. Heute, Samstag, habe ich Dienst. Du kommst einfach mal mit und guckst mir bei der Arbeit zu.

Sieben Uhr muß ich aufstehen. Kaffee, Dusche.

Acht Uhr der Anruf bei der Hebamme im Kreißsaal. Habt ihr was für mich, eine Péridurale am Laufen? Wenn eine Péridurale aktiv ist, muß ich auf halb neun dort sein. Ablösung des Kollegen. Die Ablösung um spätestens halb neun an den Wochenendtagen nehmen alle Kollegen sehr genau. Sonst kommt es fünf oder zehn Minuten mehr oder weniger nicht an, am Wochenende aber zählt jede Minute. Halb neun. Wenn nichts zu tun ist, geht der Kollege einfach und ich kann zuhause warten, bis die Hebamme doch was hat für mich oder einer der Chirurgen. Meistens steht eine kaputte Hüfte auf dem Programm oder zumindest ein Handgelenk. Das ist aber normalerweise nicht eilig. Die Chirurgen kommen erst gegen halb zehn ins Krankenhaus. Man darf ja nicht vergessen, wo wir hier sind. Südfrankreich. Keine Péridurale im Moment. Lege ich mich nochmal ins Bett und höre dem Regen zu. Seit wir das Dach neu gedeckt haben vor ein paar Jahren und ich nicht mehr mit Eimern und Schüsseln die gröbsten Lecks abfangen muß, kann ich den Regen draußen genießen. Es gibt kaum was Schöneres.

Kann ich auch noch mit den Kindern frühstücken. Auch schön. Meine Frau frühstückt nicht. Bekommt Ihre Zeitung ans Bett und einen kleinen Kaffee. Es ist Samstag, immerhin.

Bis der Anruf kommt. 09:47 Uhr. Logisch. Es war eine Frage der Zeit. Borislav, der Bulgare. Die eine Patientin, die er eigentlich heute Morgen operieren wollte, hat fälschlicherweise ein Frühstück bekommen um halb acht, aber er hat noch eine andere auf Lager. Ist heute Nacht gekommen, auch der Oberschenkel. Die ihrerseits ist nüchtern. Wir verabreden uns auf halb elf. Erst die zweite, danach die andere, die eigentlich erste. Bis zum frühen Nachmittag gilt die wieder als nüchtern und damit als narkosefähig.

Um zehn Uhr müssen wir los. Das Krankenhaus ist über die Autobahn zwölf Minuten von zuhause entfernt, über die Nationalstraße siebzehn. Meistens nehme ich die Autobahn. Die letzte Ausfahrt vor Hyères. Man sieht das Gebäude links hinter einer Bambushecke, umgeben von neuen Siedlungen. Es wirkt trotz seiner vier Etagen eher geduckt. Olivgrüne Fassade oben und ein riesiger Funkmast auf dem Dach.

Mein Krankenhaus hat nichts zum Vorzeigen. Alles ist ganz klein und eher schäbig. Die doppelte Schiebetür am Haupteingang ist die einzige automatische Tür im ganzen Haus. Es gibt kein Krankenhaus-Café, nicht mal eine repräsentative Eingangshalle. Kein Granit auf dem Boden, nur Linoleum-Imitat mit Löchern an den Nähten. Keine Kunst an den Wänden. Ein paar immergrüne Plastikpflanzen. Die Telefonzentrale sitzt hinter einer Glasscheibe links neben dem Eingang. Bonjour Patricia! Patricia ist immer überaus feundlich und hat immer Zeit zum Plaudern. Manchmal dauert es Stunden, bis sie endlich ans Telefon geht. Ein Stück weiter der Kiosk. Ein Schaufenster mit Spielzeug, ein paar Zeitungen. Hier bekommen die Patienten die Fernsteuerung für die Glotze in ihrem Zimmer. Von neun bis zwölf und von vierzehn bis neunzehn Uhr. Am Wochenende nur vormittags. Ansonsten eben Pech gehabt.

Es gibt zwei Aufzüge bis in die vierte Etage, Pädiatrie, und ein Treppenhaus. Das Treppenhaus ist hinter einer der blaßgrünen Sperrholztüren rechts der Aufzüge versteckt. Manchmal wird die Tür genau in dem Moment aufgestoßen, in dem man die Hand zum Griff ausstreckt. Das kann schmerzhaft sein. In der ersten Etage gelangt man durch weitere Sperrholztüren, alle im gleichen Blaßgrün auf den Flur zu den Urgences und zum OP. Meine Tür ist die zweite links. Bloc opératoire steht drauf und Endoscopies. Auch Sperrholz. Die Plastikplatten zum Stoßfang sind an den Rändern abgesplittert. Darunter treten braune Klebstoffstriche zutage. Ja, tut mir leid, es wirkt alles ein bißchen wie Dritte Welt. Stammt aus den achtziger Jahren. Dem Krankenhaus geht es wirtschaftlich nicht so gut. Drei Millionen Defizit. Für ernsthafte Renovierung reicht es eben nicht. Das Schloss hakt ein bißchen und die beiden Flügel reiben sich aneinander. Dahinter ist noch alles dunkel. Wir sind die Ersten.

Ja, und das ist mein Büro. Nein, kein Fenster. Und nein, ich habe mir dieses Hellgrau an den Wänden nicht ausgesucht. Man dachte wohl, das würde gut zum Grau der Stahlschränke passen. Keine Bilder. Doch, die Prinzessin da. Ist von meiner Tochter. Ich habe direkt nach dem Umbau vor ein paar Jahren ein paar Handtücher in den Auslass der Klimaanlage gestopft, sonst wäre es nicht nur grau hier, sondern auch noch sibirisch kalt und zugig. Hier kannst du dich in OP-Grün verkleiden und dir einen weißen Kittel überwerfen. Ich muß der Patientin für die Prothese noch Hallo sagen. Ich habe meine Arztkittel aus Deutschland mitgebracht, so Kittel, wie sie in Deutschland eben üblich sind. Hier gibt es nur „blouses„, eine Art Hemden mit Druckknöpfen. Ursprünglich weiß, nehmen sie nach ein paar Durchgängen Wäscherei einen dezenten Gelbton an. Und haben vor allem nur ein kleines Täschchen rechts. Nicht genug Platz für Stethoskop, Kugelschreiber und Telefon. Wenn das Telefon klingelt, bekommt man es normalerweise nicht frei, bevor die Messagerie anspricht. Blödes, uncooles Gezerre. Meist fällt außerdem der Kuli. Wenn man das Stethoskop braucht, kommt das Telefon gleich mit und geht zu Boden. Auch lästig. Meine Kittel aus Deutschland haben richtige Taschen. Eine für das Stethoskop, eine für das Telefon, eine für den Kuli.

Bonjour Madame. – Häh? – BONJOUR MADAME! Madame S. ist über neunzig Jahre alt. Und schwerhörig. Sie müssen ein bißchen näher kommen, weil ich schwerhörig bin. Sie ist mit Operation und Narkose einverstanden. Tout va bien se passer. Das wird schon gutgehen. – Häh? – TOUT VA BIEN SE PASSER!

Viertel nach zehn ist Christine auch schon da. Christine ist die Anästhesieschwester für das ganze Wochenende. Sie hatte einen sehr angenehmen Freitag Abend – sehr angenehm – und lächelt noch, immer noch. Wenn ich sie heute Nacht um halb drei zum Kaiserschnitt kommen lassen muß, wird sie nicht mehr lächeln. Wir hoffen das Beste, so schlimm wird es schon nicht kommen. Die zwei OP-Schwestern und die Putzfrau lassen auch nicht mehr lange auf sich warten. Nur Borislav ist noch nicht da. Mit oder ohne Zucker den Kaffee?

Und dann wird es ein bißchen langweilig. Nach der ersten Hüfte Imbiß für alle. Ist ja schon halb eins inzwischen. Franzosen essen zwischen zwölf und zwei. Immer. Auch wenn ihnen der Himmel auf den Kopf zu fallen droht. Dann der andere kaputte Oberschenkel. Die Patientin ist inzwischen wieder nüchtern. Zwischendurch ein Kaiserschnitt, Code rouge. Rot heißt, es muß ganz schnell gehen, weil es dem Kind mutmaßlich ganz schlecht geht. Bei Soraya, der Gynäkologin sind alle Kaiserschnitte rote Kaiserschnitte, glühend rot. Das macht sie ein bißchen unglaubwürdig. Auch heute hätte orange gereicht.

Wenn du dich langweilst, kannst du übrigens den anderen Computer haben in meinem Büro. Gibt allerdings kein Facebook oder youtube bei uns. Ist gesperrt, weil die Leute sonst angeblich nicht zum Arbeiten kämen. Glaubt die Direktion. Ebay funktioniert.

Ab dem frühen Nachmittag bin ich für unsere Station für Intermediate Care zuständig. Der Kollege dort hat sich den Vormittag über um die Kranken gekümmert, ist bis Mitternacht in Rufbereitschaft. Intermediate Care ist die Station für ziemlich kranke Patienten. Zu krank für eine Normalstation, nicht krank genug aber für eine Intensivstation. Für die Intensivstation müßten sie in eines der großen Krankenhäuser nebenan verlegt werden. Wichtig ist, daß vor Mitternacht alle Betten belegt sind. Nichts ist anstrengender als eine Aufnahme nach Mitternacht. Meinen – hoffentlich – abschließenden Auftritt auf der Station habe ich da gegen halb zwölf. Letzte Absprachen mit dem Pflegepersonal, was in welchen Fällen zu tun sei. Was gegen Schmerzen und vor allem was gegen Unruhe. Die Schwestern von Intermediate Care essen gegen Mitternacht. Da wollen sie nicht gestört werden.

Du willst ohnehin nicht über Nacht bleiben? Jetzt nach Hause? Stimmt, ist schon spät. Ich sage den Hebammen noch gute Nacht und verschwinde dann auch in meinem Dienstzimmer.

Schade, daß es nicht mehr regnet.

p.s.:

habe ich verlinkt bei „WMDEDGT„, steht für Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag. Immer zum Fünften des Monats. Würde „traffic“ auf die eigene Seite bringen, dachte ich mir. Und Einsicht in den einen oder anderen interessanten Blog. Stimmt beides. Traffic und Einsicht.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr