Hundescheiße

Mein Erstgeborener mußte in seiner Schule in Nîmes einen Vortrag halten über Deutschland. Von mir wollte er per whatsapp dazu wissen, was die Deutschen von den Franzosen halten. Generell gesehen.

Was meint er? Meine persönliche Meinung? Einzelheiten zu meinem Lieblingsthema französischer Merkwürdigkeiten? Ausführungen zum historischen „Erbfeind“ seines Urgroßvaters? Zum Frankreich als Kulturnation seines Großvaters väterlicherseits? Daß wir den französischen Käse so hochschätzen? Den Wein? Burgund, Bordeaux? Foie gras? Das Mittelmeer? Frankreich als Urlaubsziel? Was wir von ihren Klapperkisten halten? Peugeot, Renault? Von ihren Präsidenten und deren Affären? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwierige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wendet sich wohl an mich, weil ich ja der Deutsche bin in der Familie. Vielleicht hält er mich sogar für deutscher als seine Mutter.

Der Deutsche. Allein das ist schon schwierig. Gibt es ja nicht, den Deutschen. Sowenig, wie es den Fanzosen gibt. Vielleicht, mit Einschränkungen, läßt sich ein Durchschnittsdeutscher konstruieren. Ein rein statistisches Individuum aus irgendwie gemittelter Meinungswelt. Der resultierende Durchschnittsdeutsche war mal in Paris vielleicht, an der Côte d’Azur. Bei Paris denkt er an den Eiffelturm, Versailles und den Louvre. Die Schlangen vor den Kassen. Der Kaffee für acht Euro am Hafen eines ehemaligen Fischerdorfs. Und Hundescheiße auf den Gehwegen. An die Franzosen selbst denkt er vermutlich nicht. Wenn es der Durchschnittsdeutsche aufs Gymnasium geschafft und ein paar Jahre Französisch gelernt hat, kann er sich an einen Aufenthalt als Austauschschüler erinnern. Vielleicht. Ich war auf dem Gymnasium, sehr durchschnittlich, und hatte ein paar Jahre Französisch, auch sehr durchschnittlich, war aber nicht auf Austausch in Frankreich. Der Durchschnittsdeutsche kann sich an das Chaos im Alltag seines eventuellen Austauschs erinnern. Den Stau überall, das Verzögerte, immer funktioniert irgendetwas nicht. Oder ist zumindest anders. Anders eben als zuhause. Nous sommes en France. Er erinnert sich gerne an seinen Kuß mit einer Schülerin in der Austauschklasse. Obwohl da vermutlich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Kenner französischer Frauen machen würde. Und er spricht ein bißchen Französisch. Mehr als sein Austauschpartner Deutsch immerhin. Englisch sprachen sie beide gleich schlecht. Erinnert sich an exzessives Essen, mindestens drei Gänge. Immer. Immer Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch. Nach dem einleitenden Apéro, zu dem auch schon was geknuspert wird. Kulinarische Exotika. Schnecken, Froschschenkel, foie gras, tausend Sorten Käse. Baguette. Wahrscheinlich denkt der Deutsche vor allem ans Essen in Frankreich. Wenn er vom „Leben wie Gott in Frankreich“ redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavandou allerdings teurer als drei Wochen in Antalya. Saint Tropez unbezahlbar. Acht Euro der Kaffee. Und sowas von unfreundlich die Bedienung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bilateraler staatlichen Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft. arte bleibt mehr oder weniger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Meinung der Einen über die Anderen vorwiegend Fakten gefunden, allerlei vergleichende Statistik. In Frankreich mehr Arbeitslosigkeit als in Deutschland, mehr Kinder pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Einwohner, mehr Restaurantbesuche. Weniger Ausgaben für das Auto, mehr Eigenheime. Weniger staatliche Investition in Ausbildung und Forschung. So Sachen. Dabei durchweg signifikante Unterschiede. Das war aber nicht die Frage meines Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resultate einer Studie, die von der deutschen Botschaft in Paris in Auftrag gegeben worden war. Die wollten es ganz genau wissen. Das Institut français d’opinion publique – IFOP – veröffentlichte im Januar 2013 schon die Studie Regards croisés sur les relations franco-allemandes à l’occasion du 50ème anniversaire du Traité de l’Elysée. Übersetzt von der Botschaft selbst: Der Blick auf den Nachbarn – Wie beurteilen Deutsche und Franzosen 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Élysée‐Vertrags die Beziehung zwischen ihren beiden Ländern?

Im Prinzip lag ich richtig mit meiner Einschätzung. Der Durchschnittsdeutsche – im befragten Kollektiv von gut 1.300 Personen – assoziiert zum Begriff Frankreich als erstes Paris und Eiffelturm. Dann Wein, Baguette, Essen im allgemeinen. Der Franzose selbst kommt nicht vor. Dem Franzosen – auch gut 1.300 befragte Personen – fallen zum Begriff Allemagne die Stichworte Angela Merkel, Bier, Berlin und Autos ein. In dieser Reihenfolge. Dann, anders als die befragten Deutschen, sahen die befragten Franzosen auch den Deutschen. Als streng und unflexibel. Vielleicht haben sie da auch wieder nur Angela vor  dem inneren Auge. Aber immerhin sehen die Franzosen auch den Menschen.

Letztendlich trifft die Fragestellung der Studie auch nicht den Ansatz meines Sohnes: Was denkt der Deutsche über den Franzosen? Der Deutsche, der Durchschnittsdeutsche weiß, glaube ich, über die Franzosen nicht mehr als über die Griechen und die Polen. Die Griechen arbeiten nicht und zahlen keine Steuern, die Polen klauen Autos. Und die Franzosen? Essen ausgiebig und sammeln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


12. Juni

Ziemlich ähnlich abgedruckt in der Juni-Ausgabe der Riviera Zeitung.

25. September

Und auch in deren Internetauftritt.

Kettensägenschmerz

November.

Der Tag fängt nicht gut an. Ich werde vom Rappeln meines Zweitgeborenen im Treppenhaus wach. 6:42 Uhr. Statt 6:30 Uhr im Auto, 6:43 Uhr an der Zahnbürste. 6:57 Uhr im Auto. Kein Kaffee. Viel zu spät eigentlich für einen Montag Morgen vor Marseille. 8:06 Uhr im Wartezimmer der Neurochirurgie, La Timone, Uniklinik von Marseille, fünfte Etage. Ein Bau wie im präkapitalistischen Osteuropa. Das Ambiente im Wartezimmer entsprechend. Dazu rappelvoll. Für mich gibt es noch einen Stehplatz. Als erster auf der Liste aber komme ich aber auch als erster dran. Um 8:34 Uhr. Geht doch! Der Professeur paßt zum präkapitalistischen Ambiente. Speckiger Kittel. Grunzt was. Sollte wohl Bonjour heißen. Stellt sich nicht vor. Schaut sich meinen Befund im Computer an, die CD mit den Bildern. Sagt nichts. Ich solle mal meinen Pullover ausziehen. Da drüben. Handzeichen. Setzen auf die Liege. Auf dem Einmalpapier der Liege hat schon mal jemand zumindest gesessen. Er prüft die Reflexe, die grobe Kraft in den Armen, in den Fingern. Seitengleich, meine Kraft so gut wie die des Professeur. Den Zauber mit Ausziehen und Untersuchen spielt er vermutlich nur, weil er weiß, daß ich Kollege bin. Anästhesist. Das sind die, die gelegentlich sogar ein Stethoskop verwenden. Wie er selbst auch, ganz früher als Student. Im OP!

Keine Operation erstmal, sagt der Professeur schließlich. Nur, wenn ich darauf bestünde. Warum könnte man auf einer Operation bestehen? Wegen der Taubheit zum Beispiel in den Fingern. Alternativ vielleicht ein paar Infiltrationen. Was er von Physiotherapie hielte? Pfff, bringt nichts, sagt er. Okay, das ist ein Chirurg. Der denkt mit dem Messer. Arthrodese oder Prothese. Andere Alternativen geben die Strukturen dieser Uni wohl nicht her.

Dankeschön, au revoir. Vielleicht.

Ein paar Wochen zuvor lag ich in einer Röhre, hatte Stöpsel in den Ohren, trotzdem ein Höllenlärm. Dazu und vor allem aber einen Höllenschmerz, ich würde sogar sagen „Kettensägenschmerz“, neun von zehn Punkten auf der Analogskala. In der Schulter, im Arm, brennendes Kribbeln in den ersten drei Fingern links. Vielleicht bin ich ja auch ein Weichei. Und dabei hatte ich mich davor richtig abgedröhnt. Was die Schubladen der orthopädischen Chirurgie eben so hergeben. Parazetamol mit Kodein, Tramadol und noch irgendein Schmerzmittel. Hat nicht gereicht. Hätte ich mir doch nur einen Morphin-Patch geholt! 50 Mikrogramm mindestens. Kettensägenschmerz. Ich war nahe daran, den Panik-Knopf zu drücken. Wäre mir aber doch zu peinlich gewesen. Das hätte sich in Windeseile im ganzen Krankenhaus herumgesprochen. Der Anästhesist, der seine eigenen Schmerzen nicht unter Kontrolle hat! Geht gar nicht. Wenn sie so nichts finden, ist da auch nichts, dachte ich mir. Und so lange wird das nicht mehr dauern. Flecken zählen am Röhrenhimmel half ein bißchen. Wie eigentlich kommen da Flecken hin? Und mit den Zehen wackeln. Luft anhalten. Atmung kontrollieren. Wenn man sich auf seine Atmung oder die Zehen konzentriert, rückt der Schmerz ein bißchen in den Hintergrund. Dabei Hyperventilation vermeiden. „IRM“ heißt das hier, MRT oder MRI im restlichen Europa und sonstwo. Magnetresonanz-Tomographie eben.

Wegen persistierender Schmerzen im Schulterbereich, Schulterblatt vor allem und Oberarm. Ausstrahlung bis in Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Taubheit im Zeigefinger. Parästhesien. Und das seit April oder Mai. Hatte was Mittelschweres gehoben auf Über-Kopf-Niveau und ein Knacken gespürt, links oben irgendwo. Irgendwie unter dem Schulterblatt. Und seitdem Schmerzen. Mal mehr, mal weniger. Vor allem nach ein paar Kilometern auf dem Fahrrad. Deswegen Verdacht auf Karpaltunnelsyndrom. Operation Ende August unter Lokalanästhesie. Der Blick ins eigene Handgelenk ist eine interessante Erfahrung. Danach drei Wochen krank geschrieben. Auch schön. Aber keine Besserung. Auf Dauer ermüdend, dieser Schmerz. Immer.

IRM am Dienstag im November. Endlich.

Danach wollte ich nur noch nach Hause mit meiner Kettensäge im Arm. Der Befund würde auch bis Donnerstag auf mich warten. Im Auto die Musik ganz laut. I can get no – satisfaction. Hilft auch. Besser als Atmen. Zuhause offenbar immer noch ganz blaß. Was ist denn mit dir los?

Donnerstag

Vorfall auf Höhe C7 der Befund. Links am Austritt des Spinalnerven. Könnte die Symptomatik erklären. Ich konnte mir vorstellen, daß man das operieren muß. Ich kann mir nicht vorstellen, das in Frankreich operieren zu lassen. Zu gut kenne ich den Betrieb in öffentlichen Strukturen.

Ich brauchte eine Gegenmeinung aus Deutschland. Ich konnte mir vorstellen, mich eventuell dort operieren zu lassen. Von ganz früher, aus meinem anästhesiologischen Sandkasten in Westfalen sozusagen, habe ich einen Kumpel. Inzwischen Fast-Chef der Anästhesie in einem Krankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets. Er arbeitet mit dem Neurochirurgen zusammen, der ihn selbst auch an der Wirbelsäule operiert hat. Und ist zufrieden mit dem Resultat. Patientenzufriedenheit ist die beste Werbung. Der Neurochirurg sah sich meine Bilder an. Telefonsprechstunde am  Abend. Aus dem Auto. Jugendliche Stimme, angenehm. Sagt das Gleiche  wie der Professeur in Marseille. Etwas detaillierter: Meine Bandscheibenschäden wären ja schon älter. Da wäre ja auf fast jeder Ebene was. Manches knöchern organisiert. Ob ich nicht auch Schwindelattacken hätte? Kopfschmerzen? Sehstörungen? Andere Ausfälle? Fühlte mich mit einem Mal unglaublich alt. Ich bin quasi ein Fossil, lebendes Genmaterial des letzten Dinosauriers. Nein, nein, so meinte er das nicht, sagte die jugendliche Stimme. Wirbelsäulenprobleme wären die Krankheit des jungen Menschen. Aha. Sehr charmant.

Der Neurochirurg im nordöstlichen Ruhrgebiet empfahl abschließend einen Zyklus von fünf bis sechs Periradikulär-Infiltrationen unter CT-Kontrolle. Im Abstand von jeweils einer Woche. Dann Physiotherapie. Ein operativer Eingriff wäre eher selten notwendig. Würde er dann aber auch machen. Er hat schon Amis und Japaner operiert. Aus der ganzen Welt kommen sie zu ihm. Wow.

Also doch Nadeln im Hals? Vielleicht doch erstmal zuwarten.

Eine andere Kollegin mit viel Erfahrung aus einer Frankfurter Schmerzambulanz favorisiert den dort praktizierten interdisziplinären Therapieansatz. Chemie und Psychotherapie. Physiotherapie und Entspannungsübungen. Multimodal nennt sie das. Wir sind in Frankreich. Multimodal in diesem Sinne gibt es hier nicht. Geht gar nicht. Da nüßten sich die beteiligten Therapeuten ja untereinander irgendwie absprechen! Bleiben regelmäßige Termine mit einer Physiotherapeutin.

Im Dezember hatte ich einen Friseurtermin. Nachmittags um zwei. War dringend nötig. Wenn Pflegerkollegen mir im OP ungebeten überstehende Locken abschneiden und, vor allem, wenn Patienten mich mit Madame ansprechen, ist der Friseurtermin unabwendbar. Davor hatte ich eben noch was zu erledigen. Kinder und Senioren haben immer „eben noch“ was zu erledigen. Plötzlich 13:57 Uhr. Ich hasse es, Menschen warten zu lassen. Auch die Coiffeuse. Plötzlich mußte ich rennen. Knapp fünfhundert Meter ins Dorf. Und war ganz überrascht, daß mir der Arm nicht wehtat. Keine Kettensäge, kein brennendes Kribbeln bis in die Fingerspitzen.

Time is non-toxic.

Ich würde mich nicht in den Hals stechen lassen. Und ihn auch nicht aufschneiden lassen, den Hals. Ich würde weiter zuwarten. Entschied ich. Und mich solange massieren lassen. Von Lyliane. Mit Y. Das ist meine Physiotherapeutin. Sie hat meiner Tochter, als die noch ganz klein war und verrotzt, ein paar Mal massenweise Schleim aus der Lunge gewrungen. War grauenhaft anzusehen. Hat aber gewirkt. Patientenzufriedenheit ist die beste Werbung. Die Spielereien mit den Elektroden am Rücken ließen wir aus. Bringt nichts. Rückenmassieren ist besser. Sie behauptete, das wäre ja alles ganz atrophiert. Hat mir nicht gefallen. Atrophierte Versteinerung. Dinosaurier. Nur noch Knochen. Zuviel davon. Interessant war außer Massage Lylianes „Traktion“ an der Halswirbelsäule. Etwas schmerzhaft. Ziemlich sogar. Kettensägenniveau. In der Schulter, im Arm, brennendes Kribbeln in den ersten drei Fingern links. Aber ich hatte das Gefühl, daß das hilft. Danach war es besser.

Ich kann wieder Radfahren. Schon länger inzwischen. Manchmal, mehr prophylaktisch, sehe ich noch die Physiotherapeutin für Massage am Rücken und Traktion an der Halswirbelsäule. Manchmal signalisiert die Kettensäge mittels eines diskreten Kribbelns in der Schulter, daß sie durchaus noch präsent ist.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Le Faron

2015-02-02 IMG_5408 (Faron) noch kleiner

Zum letzten Geburtstag hat mir meine Frau ein GPS-Gerät fürs Fahrrad geschenkt. Man kann Strecken programmieren und weiß immer, wo man ist. Das Gerät zeigt auch an, wie schnell man ist, wie die Steigung ist, die Höhe über dem Meeresspiegel, den Luftdruck, die Himmelsrichtungen. Den Kalorienverbrauch, die Pulsfrequenz. Das mit der Pulsfrequenz ist eigentlich so überflüssig wie der Luftdruck. Braucht man nicht wirklich. Daß es bergauf anstrengend wird, weiß ich auch so. Wenn es keinen Spaß mehr macht, ist die Pulsfrequenz vermutlich hoch. Ich lege den Sensor inzwischen doch an. Für einen Anästhesisten existiert eine Vitalfunktion nur, wenn man sie auch von einem Monitor ablesen kann. Mittlerweile weiß ich, daß Radfahren bei einer persönlichen Frequenz von 145 anstrengend ist, aber auch über längere Strecken geht. Ab 150 macht es weniger Spaß. Über 160 geht nicht lange. Und macht keinen Spaß.

Meine Lieblingsstrecke führt mich von zuhause direkt ans Meer bei Le Pradet. Dort geht es bergauf und bergab auf einer Straße frei für Anlieger zwischen Pinien, Felsen, Mandelbäumen, Oliven und Feigen. Zur Zeit blühlt und duftet die Mimose. Dazu perfekte Sicht aufs Wasser und die Halbinsel von Giens dahinter. Knapp dreißig Kilometer, eine Rundstrecke von einer guten Stunde.

Kinderstimme von hinten. Kinderplappern. Dazwischen eine Frauenstimme. Bestimmt eine Mama, die ihr Kind in einen offenen Zweisitzer packt, um es in die Schule nach Carqueiranne zu bringen. Hier oben, mit solch einer Aussicht, wohnen Leute in Anwesen deutlich jenseits der Millionengrenze. Porsche, X5 und kleine BMW ohne Dach.

Erstaunlicherweise kommen die Stimmen näher. Mutter und Kind unterhalten sich. Das Kind unterhält vorwiegend die Mutter. Die Mutter eher einsilbig. Ich kann einzelne Worte differenzieren, keinen Inhalt. Zu weit weg. Und mein eigenes Atmen ist zu laut. Sechs Prozent Steigung, 12,2 Stundenkilometer, Tendenz fallend. Umgekehrt proportional zu meiner Herzfrequenz. Aktuell bei 152.

Regarde, maman, le monsieur!

Oui, chérie.

On va le doubler.

Oui, chérie.

Links in meinem Blickfeld taucht ein Fahrrad auf. Ein Tourenrad. Dann sehe ich die Fahrerin. Blonder Pferdeschwanz. Kein Helm. Kein Tropfen Schweiß, keine roten Flecken. Gebräunt und blond. Ich versuche, ihr Lächeln zu erwidern.

Bonjour Madame.

Bonjour.

Auf dem Gepäckträger eine Schultasche. Was Rosafarbenes mit großem Schriftzug Hello Kitty. Und dann der Anhänger. Ein Anhänger! Wow! Im Anhänger ein Kind in vorwiegend rosa. Ein Mädchen. Auch sonnengebräunt und blond. Ein Helm immerhin, rosafarben, auch von Hello Kitty. Vielleicht drei Jahre. Kindergartenkind. Petite section vielleicht.

Bonjour Monsieur!

Bonjour chérie!

Maman, glaube ich, läßt sich zu einem Lächeln hinreißen. Zum Glück sagt sie nicht sowas wie Laisse le monsieur tranquil, chérie. Ich bräuchte ihr Mitleid nicht. Bitte nicht! 9,4 Stundenkilometer, Puls 162. Und es liegt nicht an dem blonden Gespann. Na ja, vielleicht doch. Die Schmach. Überholt in der Steigung. Mühelos mit Anhänger. Allein der Anhänger mit Kind wiegt sicher das Vierfache meines Fahrrads.

Ich versuche, wider besseres Wissen, wenigstens dran zu bleiben. 172. Ein paar Meter noch und ich würde reanimationspflichtig umfallen. Das Gespann ist uneinholbar. Wahrscheinlich hat mich gerade die französische Vizemeisterin im Triathlon überholt. Nachdem sie ihre Tochter im Kindergarten abgesetzt hat, wird sie über den Markt schlendern, kiloweise Bio-Obst und -Gemüse in den Wagen packen und zuletzt noch zwei Sixpacks 1,5-Liter-Wasserflaschen von Casino holen. Für den Vormittag sollte das reichen. Heute Nachmittag vielleicht eben über die Bucht nach Giens schwimmen und über den Strand von l’Almanarre nach Hause rennen. Nach einer kleinen Sieste wird sie gegen halb fünf ihr kleines Blondes abholen. Das dann aber im offenen Zweisitzer.

Kann natürlich auch sein, daß ihr Fahrrad mit Strom fährt. Die Batterie unter der Schultasche auf dem Gepäckträger.

Am Faron, dem Hausberg von Toulon, hatte ich neulich ein ähnliches Erlebnis. Der Faron ist gut über fünfhundert Meter hoch und bietet an mehreren Stellen  grandiose Aussichten über die laut Eigenwerbung schönste Reede Europas – la plus belle rade d’Europe.

Igelfrisur. Ärmelloses Sportshirt, schwarz. Drahtig, perfekt durchtrainiert. Kein Gramm zuviel. Frau Igel. Wahrscheinlich Sixpack unter dem Rennshirt. Am Oberarm ein iPhone. Tänzelt ein paar Meter vor mir auf der Straße. Die Straße führt auf den Faron. 539 Höhenmeter auf der Straße maximal. Wir befinden uns auf 128 Höhenmetern. Meine Herzfrequenz liegt bei 150. Da kann ich noch bonjour sagen, sogar noch lächeln. Sie hat, so wirkt es, nur auf mich gewartet. Sie wünscht mir einen guten Tag, bonjour. Kaum bin ich an ihr vorbei, bricht sie auf. Rechts ins Gebüsch. Da muß ein Wanderweg sein. Der Direktweg nach oben durchs Unterholz, über Steine und Felsen. Sie wird nicht wandern mit ihrem iPhone am Arm, sondern rennen. Knapp zehn Stundenkilometer. Bergauf. Was für die ganz Harten. Das gehört vermutlich zu ihrem persönlichen Trainingsprogramm für Réunion, la Diagonale des Fous. Ein Rennen einmal quer durch die Île de La Réunion. Insgesamt knapp zehntausend Höhenmeter auf gut hundertundsechzig Kilometern. Auch so eine Strecke wie hier am Faron. Nur länger. Die rennen da Tag und Nacht. Wahrscheinlich kriegen sie von der Landschaft nicht viel mit. Schon gleich gar nicht im Lichtkegel ihrer Stirnlampen. Das ist Frau Igels zweite Etappe für heute. Die erste hat sie schon hinter sich. Im Dunkeln. Mit Stirnlampe. Solche Leute rennen in der Steigung über Stock und Stein schneller als ich auf der Straße fahre. Ein Glück, daß sie durch die Wildnis rennt. Erspart mir die Demütigung auf der Straße. Die würde mir einen halben Kilometer Vorsprung lassen, nur um mich lächelnd zu überholen. Lächelnd zu was Aufmunterndem. Weiter so, das wird schon. Bon courage.

Hundert Höhenmeter und zwei Haarnadelkurven später, meine Herzfrequenz bei 164, jenseits der Lächelgrenze, springt zwanzig Meter vor mir ein Mensch mit einem Kampfschrei aus dem Gebüsch. Von rechts. Frau Igel? So schnell? Kann nicht sein! Das muß Herr Igel sein. Herr und Frau Igel spielen das Spiel jeden Sonntag. Warten im Morgengrauen auf Senioren mit Fahrrad. Die Senioren mit Fahrrad sind die Hasen. Ich bin ein Hase. Manche Hasen fallen gleich tot um, wenn Herr Igel aus dem Gebüsch springt. Vor Schreck. Andere legen sich noch mal richtig ins Zeug. Sterben wenig später im Herzkammerflimmern beim Versuch, ihre Geschwindigkeit über die des iPhones mit Sixpack zu treiben.

Ist aber kein Trick. Es ist definitiv Frau Igel. Frau Igel ist Einzelkämpferin, Herr Igel ein Fantom. Sie wartet auf mich. Lächelt. Weiter so, das wird schon. Bon courage!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Dieser Text erschien in einer gekürzten Version am 12. März 2015 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015-03/radfahren-suedfrankreich-gps)

Pseudomnesie

Acacia dealbata 1000x500

Vor vielen Jahren, während meines ersten Schuljahres, verbrachte ich mit meinen Eltern und meinen Brüdern ein paar Monate in Südfrankreich. Irgendwo bei Vence hatten wir ein Haus mit offenem Kamin gemietet. Vier Monate lang. Mitten in der ersten Klasse Grundschule. Meine Mutter war Grundschullehrerin. Lesen und Schreiben habe ich da mit ihr gelernt und meine ersten Briefe an Oma und Opa in großen, ungelenken Buchstaben gemalt. Neben im Kaminfeuer angekokelten Pantoffeln gehört auch die Mimosenblüte in Südfrankreich zu den Erinnerungen an diese Zeit.

Jetzt, viele Jahre später, habe ich Mimosen im eigenen Garten. Überall. Zwischen den Palmen, Eichen, Zedern, Eukalyptusbäumen. Mimosen wachsen hier wie Unkraut. Wie Löwenzahn in Westfalen. Blühen gerade. Oder immer noch. Mimosen blühen immer wieder zu dieser Jahreszeit. Über Wochen hinweg blüht immer ein anderer Baum. Je nach Standort und Sonneneinstrahlung vermutlich. Die ersten blühen ab Mitte Januar und sind schon lange verblüht. Das geht bis Ende März. Wenn es warm genug ist, duften sie ganz intensiv. Ganze Landstriche finden sich unter Minosenduft. Aus der winterlichen Kälte in die Wärme der Wohnung geholt, können Mimosenzweige ein dramatisches Duftpotential entwickeln.

Dabei ist meine französische Mimosa gar keine echte Mimose. Sagt außer wikipedia auch die Fachliteratur. Die Mimosa im Garten ist eine Acacia dealbata, Silber-Akazie. Eine Akazie. Mimose und Akazie gehören botanisch zwar zur gleichen Familie der Mimosaceae, in dieser Familie aber zu unterschiedlichen Gattungen, Mimosa und Acacia. Die Mimosa in meinem Garten ist immigriert aus Australien. Mitgebracht von Nicolas Baudin, einem Seefahrer, und erstmalig geplanzt von Napoleons Frau Josphine im Park ihres Château de Malmaison. 1804. Sagt die französische Wikipedia.

Die Pflanze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den echten Mimosa. Arten der Gattung Mimosa kommen aber nur in der Neotropis vor. Neotropis? Neotropis ist ein Begriff aus der Biogeographie. Mittel- und Südamerika mit Ausnahme der südlichen Anden, die ihrerseits zur Antarktis zählen. Biogeographisch. Wie auch immer auch weit weg.

Die wirkliche Mimosa heißt auch „Sinnpflanze“, weil sie so sensibel ist. Wikipedia weiß eine ganze Reihe  schöner Begriffe zur Sinnlichkeit von Pflanzen: Nastien. Unspezifisch reaktive, aber gerichtete Bewegungsphänomene. Unter anderem Seismonastie (Erschütterung), Chemonastie (chemischer Reiz), Photonastie (Licht), Thermonastie (Hitze) und Thigmonastie, der Reaktion auf Berührungsreize. Vertreter der Gattung Mimosa, die Mimosen im botanischen korrekten Sinn, klappen bei Berührung ihre gefiederten Blätter zusammen. Thigmonastie. Wahrscheinlich eine Schutzreaktion. Und eben nicht nur bei Berührung. Reicht wohl schon ein kleiner Windhauch. Ein Regentropfen. So erklärt sich auch der übertragene Begriff. Klar. Die menschliche Mimose hält auch nichts aus. Ein kleiner Kommentar zum Schwabbel unter dem Karohemd und schon gibt er sich drei Tage demonstrativ einsilbig. Oder ein vergessener Hochzeitstag. Drei Tage Migräne. Das kenne ich auch von mir. Gibt es. Selten, glaube ich, aber gibt es. Nicht gerade den Schwabbel unter dem Karohemd betreffend. Ich trage schon seit Jahren keine Karohemden mehr.

Meine Unkraut-Mimosa im Garten, meine Acacia dealbata, hat leider, zu meiner Enttäuschung, keine Sinnlichkeit, klappt ihre gefiederten Blätter nicht zusammen. Zumindest nicht auf delikate thigmonastische Reize. Auch nicht auf grobe. Umgesägt, abgehakt, zum Verbrennen auf einen Haufen gestapelt dann schon. Eine Terminalreaktion also. Die Blätter trocknen aus und falten sich. Hat mit Thigmonastie nichts zu tun. Geht nicht mal als Thermonastie oder Traumatonastie durch.

Andererseits gehört die Thigmonastie der französischen Mimosen zu meinen frühen Kindheitserinnerungen. In der Erinnerung waren wir immer wieder unterwegs unter Mimosen. Mimosenwälder gibt es hier überall. Namensgebend zum Beispiel um Bormes-les-Mimosas. Ganz viel auch im Esterel, im Massif des Maures und im Massif du Tanneron. Eine kleine Berührung und die Blätter falteten sich. Direkt vor meinen Augen. Mein Vater war ein Held, weil er mir sowas Wunderbares zeigen konnte. Und jetzt sagt Wikipedia, solche Mimosen gibt es nur in der Neotropis. Muß ein klassischer Fall von Pseudomnesie sein. Erinnerungstäuschung, Scheinerinnerung.

Kann natürlich auch in einer Jardinerie mit südamerikanischen Exotika gewesen sein. Im Alter von sechs Jahren scheinen fast alle Pflanzen baumgroß.


Modifiziert, gekürzt zur Publikation in der Märzausgabe der Riviera-Zeit. 3.943 Zeichen.

Vor vielen Jahren, während meines ersten Schuljahres, verbrachte ich mit meinen Eltern und meinen Brüdern ein paar Monate in Südfrankreich. Irgendwo bei Vence hatten wir ein Haus mit offenem Kamin gemietet. Mitten in der ersten Klasse Grundschule. Lesen und Schreiben habe ich da mit meiner Mutter gelernt und meine ersten Briefe an Oma und Opa in großen, ungelenken Buchstaben gemalt. Neben im Kaminfeuer angekokelten Pantoffeln gehört auch die Mimosenblüte zu meinen Erinnerungen.

Jetzt, viele Jahre später, habe ich Mimosen im eigenen Garten. Überall. Mimosen wachsen wie Unkraut. Wie Löwenzahn in Westfalen. Blühen gerade. Oder immer noch. Mimosen blühen immer wieder zu dieser Jahreszeit. Über Wochen hinweg blüht immer ein anderer Baum. Je nach Sorte, Standort und Sonneneinstrahlung vermutlich. Die ersten blühen ab Mitte Januar und sind schon lange verblüht. Das geht bis Ende März. Wenn es warm genug ist, duften sie ganz intensiv. Ganze Landstriche finden sich unter Minosenduft. Aus winterlicher Kälte in die Wärme der Wohnung geholt, können Mimosenzweige ein dramatisches Duftpotential entwickeln.

Dabei ist meine französische Mimosa gar keine echte Mimose. Sagt außer wikipedia auch die Fachliteratur. Die Mimosa im Garten ist eine Acacia dealbata, Silber-Akazie. Mimose und Akazie gehören botanisch zwar zur gleichen Familie der Mimosaceae, in dieser Familie aber zu unterschiedlichen Gattungen. Die Mimosa in meinem Garten ist immigriert aus Australien. Mitgebracht von einem Seefahrer und erstmalig geplanzt im Park des Château de Malmaison. 1804.

Die Pflanze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der echten Mimosa. Diese kommt aber nur in der Neotropis vor. Neotropis? Neotropis ist ein Begriff aus der Biogeographie. Mittel- und Südamerika mit Ausnahme der südlichen Anden, die ihrerseits zur Antarktis zählen. Biogeographisch. Weit weg.

Die wirkliche Mimosa heißt auch „Sinnpflanze“, weil sie so sensibel ist. Wikipedia weiß eine ganze Reihe schöner Begriffe zur Sinnlichkeit von Pflanzen: Nastien. Unspezifisch reaktive, aber gerichtete Bewegungsphänomene. Schutzreaktionen. Unter anderem Seismonastie, Chemonastie, Photonastie und Thermonastie. Vertreter der Gattung Mimosa, der Mimosen im botanischen korrekten Sinn, klappen bei Berührung ihre gefiederten Blätter zusammen. Thigmonastie. Und eben nicht nur bei Berührung. Reicht wohl schon ein kleiner Windhauch. Ein Regentropfen. So erklärt sich auch der übertragene Begriff. Klar. Die menschliche Mimose hält auch nichts aus. Ein kleiner Kommentar zum Schwabbel unter dem Karohemd und schon gibt er sich drei Tage demonstrativ einsilbig. Oder ein vergessener Hochzeitstag. Drei Tage Migräne. Das kenne ich auch von mir. Selten, glaube ich, aber gibt es. Nicht gerade den Schwabbel unter dem Karohemd betreffend. Ich trage schon seit Jahren keine Karohemden mehr.

Meine Unkraut-Mimosa im Garten, meine Acacia dealbata, hat leider, zu meiner Enttäuschung, keine Sinnlichkeit, klappt ihre gefiederten Blätter nicht zusammen. Überhaupt nicht. Nicht auf delikate thigmonastische Reize und auch nicht auf grobe. Umgesägt, abgehakt, gestapelt dann schon. Die Blätter trocknen aus und falten sich. Hat mit Thigmonastie nichts zu tun. Geht nicht mal als Thermonastie oder Traumatonastie durch.

Andererseits gehört die Thigmonastie der französischen Mimosen zu meinen frühen Kindheitserinnerungen. In der Erinnerung waren wir unterwegs unter Mimosen. Mimosenwälder gibt es hier überall. Namensgebend zum Beispiel um Bormes-les-Mimosas. Eine kleine Berührung und die Blätter falteten sich. Direkt vor meinen Augen. Mein Vater war ein Held, weil er mir sowas Wunderbares zeigen konnte. Und jetzt sagt Wikipedia, solche Mimosen gibt es nur in der Neotropis. Muß ein klassischer Fall von Pseudomnesie sein. Erinnerungstäuschung, Scheinerinnerung.

Kann natürlich auch in einer Jardinerie mit südamerikanischen Exotika gewesen sein. Im Alter von sechs Jahren scheinen fast alle Pflanzen baumgroß.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens

Kommende Woche, ab morgen, habe ich meine griechische Woche. Griechische Woche? Der Begriff hat hier nur wenig kulinarischen Hintergrund. Ist – ich gebe es zu, ich schwimme da völlig unbefangen auf der aktuellen Woge eines Vorurteils – eine Steigerungsform der südfranzösischen Version zur lokalen Arbeitsmoral. Arbeit dabei in Anführungszeichen – „Arbeit“. Travailler – wörtlich: arbeiten – hat im südfranzösischen Sinn außer Abwesenheit von zuhause wenig gemein mit der germanischen Vorstellung von Arbeit. Im Rahmen der griechischen Woche in der mediterranen Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens ist der betroffene Kollege für die anästhesiologische Visite auf den chirurgischen Stationen zuständig. Wir haben eine viszeralchirurgische Station mit vielleicht dreißig Betten und eine orthopädische Chirurgie. Auch dreißig Betten. Kaputte Hüften, Handgelenke. So Sachen. Anästhesiologische Visite also auf chirurgischen Stationen.

Visite?

Die Abteilung für Anästhesiologie kümmert sich um das Kalium, die Diurese und den Schmerz auf chirurgischen Stationen. Weil der Chirurg keine Ahnung hat von Elektrolyten, Lasix und Schmerztherapie jenseits von Parazetamol. Oder keine Ahnung haben will davon. Keine Ahnung haben wollen paßt zur südfranzösischen Mentalität. Zur griechischen gehört zusätzlich der Anästhesist. Facharzt. Beamter. Vollzeit. Der Auftritt des fachärztlichen Vollzeitbeamten mit anästhesiologischem Hintergrund – Kalium, Lasix, Morphium – findet gegen zehn Uhr statt. Vorher ist sinnlos, weil es da noch keine Laborwerte gibt. Die Visite findet am Computer statt. Mit einer Schwester. Dauert normalerweise um die 15 (in Worten: fünfzehn) Minuten. In der Knochenchirurgie. In der Viszeralchirurgie besteht sie aus einer simplen Frage: Gibt es was für mich? Worauf die betroffene Schwester die Liste ihrer Patienten kurz überfliegt und auf die bekannten Kriterien – Kalium, Diurese, Morphium – prüft. Meistens fällt ihr nichts ein. Eine Minute dreißig. Mit Küßchen links, rechts und drei Worten zum Wochenende, je nach Schwester, kommen fünf Minuten dazu. Sozialer Kontext. Das gehört zur Anästhesiologie. Das können wir im Prinzip ganz gut. Gehört auch zum Beamtenstatus. Und zur südfranzösischen Mentalität. Zur griechischen sowieso.

Visite ist einfach und kurz.

Wissen alle, würden meine Kollegen aber nie zugeben. Im Gegenteil. Burnout auf chirurgischen Stationen der Grundtenor. Vielleicht haben sie für sich persönlich recht. Das liegt aber vermutlich daran, daß sie das mit dem sozialen Kontext nicht ausreichend beherzigen. Stattdessen rumschreien. Wofür auch immer. Weil gerade keine Schwester für sie Zeit hat, erst noch die chirurgische Konkurrenz küssen muß. Oder die Laborwerte noch nicht ausgedruckt sind. Sowas. Es geht ums Prinzip. Auch als Anästhesist bin ich Arzt und schon alleine deshalb irgendwie Chef. Rumschreien ist anstrengend und führt nicht weiter.

Aufwendig, richtig aufwendig kann es werden, wenn man noch prämedizieren muß. Planeingriffe für morgen oder sonstwann. Für die Notfälle – heute irgendwann – bin ich nicht zuständig. Das Nichtzuständigsein ist schön und paßt zum Beamtenstatus. Der Klassiker, wie in der Behörde, nicht Zimmer A35 oder C17, sondern B16. Und die Sachbearbeiterin in B16 weiß gar nicht, kann vielleicht gar nicht wissen, worum es gerade geht. Wenn sie überhaupt da ist. Damit kann man Chirurgen zum Weinen bringen. Sogar südfranzösische. Ich bin nicht zuständig. Wer denn? Keine Ahnung. Ruf‘ doch mal im Aufwachraum an. Im Aufwachraum geht fast nie jemand ans Telefon.

Zwei, drei ernstgemeinte Prämedikationen können einen dagegen ganz schön aus dem Timing bringen. Wenn sie nicht wirklich dringend sind, kann man sie allerdings auch noch auf morgen verschieben.

Gutes Timing in der griechischen Woche heißt Mittagessen zuhause. Hier kommt der kulinarische Aspekt rudimentär ins Spiel. Zwölf Uhr spätestens also an der Schranke zum Ärzteparkplatz. Im Auto. Die Schranke im Rückspiegel. Zuhause unbedingt das Telefon im Auto vergessen!

Abends muß man dann allerdings noch mal hin. Planmäßig aufgenommenen Patienten für morgen bonjour sagen, Fragen beantworten, mitgebrachte Laborwerte angucken und sagen, daß alles gutgehen würde. Bonne nuit. Halbe Stunde. Einschließlich sozialem Kontext mit der Spätschicht. Eine Stunde mit An- und Abreise.

Zuhause, zwischen den Visiten, Zeit genug für Mittagessen in der Sonne. Ausgiebige Sieste. Vielleicht ein bißchen Haushalt, Einkäufe. Später Feinschliff an den Hausaufgaben der Kinder. Mittwoch habe ich ohnehin frei. Macht geschätzt immerhin elf Wochenstunden. Wird aber gezählt wie fünfunddreißig. Wenn das nicht griechische Zustände sind?

Kann ich gut, die griechische Woche gefällt mir. Geht auch als Alleinerzieher, wenn zum Beispiel die Mutter meiner Kinder Dienst hat, auf Fortbildung ist oder in Fernost Humanitärmedizin betreibt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Kollateraltröpfchen

Hallo Herr Redakteur!

Gestern waren wir in der Oper von Toulon, meine Frau und ich. Wir haben Contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen – von Jacques Offenbach gesehen und ich mußte an Sie denken. Nein, nicht wirklich an Sie direkt, sondern an ein Interview in ZEIT ONLINE. Herr Daschner wurde interviewt von Nicola Meier vielleicht haben Sie es ja selbst gelesen. Herr Daschner ist ein alter Bekannter für mich. In meinen jungen Jahren im Beruf war er der Spezialist der Hygiene im allgemeinen und der Antibiotherapie im Speziellen. Als AiP hatte ich ihn immer in der Kitteltasche. Antibiotika am Krankenbett. Und offenbar ist er immer noch der Spezialist.

Gestern in der Oper mußte ich an dieses Interview denken. Was Händewaschen angeht, ist der Mann ein Ferkel. Sagt Herr Daschner.

Im Rahmen unseres Abonnements sitzen wir im Parkett. Das ist fast so wie im Kino. Man kann den Kopf anlehnen. Geradeaus nach vorne ist die Bühne. Früher saßen wir immer oben irgendwo. Das ist zu kurz an den Knien und ohne Anlehnen am Kopf. Die Bühne zudem schräg rechts oder links. Am Ende immer schreckliche Kopfschmerzen vor lauter Verspannung. Und der Hitze wegen. Sie haben diese Oper gerade erst über ein ganzes Jahr renoviert, aber die Klimaanlage vergessen oder weggelassen. Bestimmt gab es für das Weglassen der Klimaanlage eine Öko-Plakette. Oben auf den billigen Plätzen sammelt sich die Hitze. Und die Ausdünstungen der Herrschaften unten auf den teuren Parkettplätzen. Oben muß man auch immer gucken. Zumindest auf diesen seitlichen Plätzen kann man nicht mal kurz die Augen zumachen, weil man sich ja im Blickwinkel eines Nachbarn befindet. Macht einen schlechten Eindruck, wenn man in der Oper dämmert. Geht oben ohnehin nur ganz schlecht, weil man den Kopf ja nicht anlehnen kann.

Das alles ist unten besser. Parkett, I1 und I3, mittendrin. Die Lehnen ein bißchen speckig. Roter, speckiger Samt. Samtimitation vermutlich, Polyester. Um einen herum nur Senioren. Weißhaarig. Hunderte, Tausende haben ihre weißen Schöpfe schon an diese Lehnen gelehnt. Nicht wirklich appetitlich der Gedanke. Findet Herr Daschner auch. Ein bißchen so wie im D-Zug.

In der Pause rennen wir immer mit den Ersten aus dem Saal. Eine halbe Etage weiter oben gibt es einen Festsaal mit einer Art Bar in einer Ecke. Mehr ein improvisierter Ausschank mit sozialistischem Charme. Minimalistisch. Nur drei Bedienungen, die natürlich in dieser Viertelstunde Pause hoffnungslos überlastet sind. Und in ihrer Überforderung sozialistischen Charme versprühen. Minimalistischen Charme. Wenn man nicht zu den Ersten an diesem Ausschank gehört, hat man seinen Sekt erst, wenn die Pause schon fast wieder zu Ende ist. Die Senioren drängen sich mit harten Ellenbogen wie die Schweine am Trog. Es gibt Wasser mit und ohne Kohlensäure, diverse Fruchtsäfte, ein paar Sorten Zuckerbrauselösungen und Champagner. Fünf Euro fünfzig die Schale Champagner. Wir trinken jeder eine Schale.

Nach dem Sekt gehe ich fast immer auf Toilette. Nichts ist blöder, wenn man unten, den Kopf schön angelehnt an etwas speckigen Lehnen unter Sekteinfluß die Augen einen Moment, einen Moment nur, zumachen möchte und dann erst merkt, daß die Blase zu voll ist. Wenn es ganz schlimm kommt, kann man an gar nichts anderes mehr denken als an seine volle Blase. Man kann nicht mehr zuhören, geschweige denn die Augen schließen und ein bißchen wegdämmern. Deswegen immer schnell noch auf Toilette.

Die Tür zur Herrentoilette klemmt etwas beim Öffnen. Wahrscheinlich auch eine Folge der Renovierung. Der Marmorboden ist etwas uneben geraten. Dafür schließt sie automatisch und heftig, mit lautem Knall. Der Federmechanismus der Tür stammt wahrscheinlich aus dem Baumarkt und ist schlecht eingestellt. Gleich hinter der Tür der Vorraum mit einer Waschbeckenzeile in durchgehender Steinplatte. Die Wasserhähne billige Baumarktware, Designermodellen nachempfunden. Alle wackeln im Marmorimitat. Offenbar kamen auch die Installateure aus dem Baumarkt. Links der Waschbeckenzeile ein Klo mit Tür und ein offener Raum mit Pissbeckenzeile. Vier Stück davon, etwas zu dicht nebeneinander. Man kann dem Herren nebenan auf den Pimmel gucken. Mich hemmt das, wenn mir jemand beim Pinkeln zuguckt. Allein die Idee schon, daß neben mir jemand gucken könnte, macht mir akute Prostatahypertrophie. Manchmal werden zwei Herren, zumeist grauhaarig, neben mir fertig, bevor es bei mir zu tröpfeln beginnt. Ältere Herren haben es immer eilig. Oft packen sie ihren Pimmel erst im Wegdrehen wieder richtig ein. Neunzig Prozent aller Toilettenbesucher waschen ihre Hände nicht. Und zerren mit ungewaschenen Händen am Türknauf. Ich wasche meine Hände immer. In der Oper am Designerimitat. Mit Seife aus dem Spender. Ist sogar immer welche drin. Währenddessen verläßt der letzte Senior den Raum. Mit lautem Knall fällt die Tür zu.

In diesem Moment, mit diesem Knall, beginne ich diese Menschen mit Waschzwang zu verstehen. Man kann diesen Türknauf nicht anfassen. Da klebt Urin dran. Auch wenn die Herren den Tropfen, der ihnen zwischen die Finger gekommen ist, schnell an ihrer Hose abgewischt haben. Spuren ihrer Ausscheidungen kleben an diesem Türknauf. Spuren Hunderter von Tröpfchen. Das kann ich nicht anfassen. Die Tropfen sieht man natürlich nicht. Aber ich weiß davon. Ich habe ja gerade erst den Mechanismus gesehen. Aus nächster Anschauung. Männer, die sich den letzten Tropfen vom Pimmel schütteln. Kollateraltröpfchen an den Fingern. Und jetzt zwangsläufig am Türknauf. Weil sich kaum einer die Hände wäscht vor lauter Eile. Eine Tür, die klemmt und nach innen aufgeht. Ginge sie nach außen auf, zum Flur hin, könnte ich sie ja einfach mit dem Fuß aufschieben. Ich kann das nicht anfassen! Wenn wenigstens auf dem Flur dahinter noch ein Waschbecken wäre! Oder ich Einmalhandschuhe aus dem Krankenhaus dabeihätte. Oder ein Tempo, irgendwas, womit ich diesen Türknauf ohne Direktkontakt anfassen könnte. An der Waschzeile gibt es – ganz ökologisch, das muß ein Unikat sein an der gesamten Côte d’Azur – keine Papierhandtuchspender, sondern so einen Handtuch-Bandautomaten. So ein Ding, aus dem man einen halben Meter frisches Handtuch zieht und gleichzeitig der benutzte Teil des Bandes unten in der Kiste verschwindet. Nichts, was man mitnehmen könnte, nichts, was als Schutz vor Urinspuren geeignet wäre. Ich kann nur auf einen weiteren eiligen Senioren hoffen. Dicht an der Tür warten, reinlassen, Fuß in die Tür und mich retten, bevor sie wieder zuknallt.

Das nächste Mal werde ich eine Packung Tempos dabeihaben. Zumindest eins. Um den Türknauf im Herrenklo anfassen zu können. Aber das nehme ich mir schon seit Jahren vor.

Andererseits gibt es eben die Aussagen von Herrn Daschner bei der ZEIT.  Da spricht er von der überall und massenhaft vorhandenen Mikrobe, die eigentlich nie krankmachend ist. Nicht mal im ICE-Abteil und den zugeschissenen Zugtoiletten. Nur in der offenen Wunde. Sagt Herr Daschner. Ich sollte mich also nicht so anstellen auf dem Opernklo in Toulon. Völlig ungefährlich. Und außerdem völlig normal das mit den Kollateraltröpfchen. Ungefährlich sowieso. Aber auch normal. Auf einem Kongress von Hygienikern haben sie eine Art wissenschaftliche Erhebung durchgeführt, erzählt Herr Daschner in seinem Interview. In den Toiletten des Kongress-Zentrums. Das Resultat: nicht einmal die Hälfte der Teilnehmer, Akademiker immerhin und Spezialisten, was die Mikrobe betrifft, wäscht sich die Hände nach der Toilettenbenutzung. Alles nicht so schlimm also. Normal geradezu.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Französische Hölle

Das reicht nicht für das Paradies. Du mußt in die Hölle. Aber dir bleibt die Wahl zwischen deutscher Hölle und französischer.

Na gut. Wie sieht’s denn in der deutschen Hölle aus?

In der deutschen Hölle gibt es siedendes Öl, glühende Kohle, rostige Nägel unter die Zehennägel, Zangen, Daumenschrauben.

Und was gibt es in der französischen?

In der französischen Hölle gibt es siedendes Öl, glühende Kohle, rostige Nägel unter die Zehennägel, Zangen, Daumenschrauben.

Das ist ja das Gleiche!

Im Prinzip schon, ich würde dir aber die französische empfehlen.

Wieso das, was ist der Unterschied?

In der französischen Hölle gibt es mal kein Öl, mal keine Nägel. Und die Zangen funktionieren auch nicht immer. Manchmal streikt das Personal.

So ähnlich geht der Lieblingswitz meiner Frau.

Im Kino von La-Salle-les-Alpes. La-Salle-les-Alpes liegt in den französischen Alpen, ist Teil des Skigebiets von Serre Chevalier oberhalb von Briançon. Tiefstes Frankreich. Die gut neunhundert ständigen Einwohner von La-Salle-les-Alpes leben vom Tourismus, vor allem Ski-Tourismus. Gegenüber des Centre commercial das Kino, „Le Concorde“, ein zweckmäßiger Bau aus den Sechziger Jahren. Jeden Tag andere Filme. Zwei Säle, zwei Vorstellungen, eine um 18 Uhr, die zweite um 21 Uhr. Vier verschiedene, halbwegs aktuelle Filme, ein richtiges Programm! Bei Schneefall eine weitere Vorstellung um 14:30 Uhr. Wahrscheinlich wird das Kino massiv subventioniert.

Vorgestern, Montag, haben wir „La nuit au musée 3“ gesehen. Er müßte uns darauf hinweisen, daß die Heizung nicht funktionieren würde, sagte der junge Mann an der Kasse. Die aktuelle Raumtemperatur, ergänzte er ungefragt, läge bei zehn Grad. Dafür gebe es alle Plätze zum Kindertarif von 4,50 Euro.

Gestern wollten wir „Paddington“ in der Frühvorstellung um 18 Uhr sehen. Der gleiche junge Mann wies uns wieder darauf hin, daß die Heizung nicht funktionieren würde. Die aktuelle Raumtemperatur präzisierte er – auf Nachfrage – mit „etwa zehn Grad“. Die Plätze gab es zum Einheitstarif von nur noch 3,50 Euro. Zehn Grad kann man eineinhalb Stunden aushalten. Immerhin ist es windstill im Kino.

Um 18:30 Uhr bittet der junge Mann den halb gefüllten Saal um Aufmerksamkeit. „Paddington“ könne er aus „vermutlich“ technischen Gründen nicht starten, weder in diesem Saal noch im anderen. Er würde uns alternativ einen Zeichentrickfilm anbieten – „Les Nouveaux Héros“. Oder den Eintrittspreis zurückerstatten. Bei diesen Worten beginnt sich der Saal zu leeren. Wir bleiben. Eine weitere Viertelstunde später, kurz vor dem Ende des Vorfilms entsteht Tumult im Eingangsbereich hinten. Fluchende Väter, zischende Mütter, quengelnde Kinder. Offenbar war auch die Rückerstattung der Eintrittskarten wegen „vermutlich“ technischer Hindernisse nur teilweise erfolgreich.

Französische Hölle.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Geburtshilfe

Der Klassiker zur Dienstübergabe der Hebammen. Die ganze Nacht kein einziger Hilferuf an den diensthabenden Anästhesisten und kaum ist Philippe da, Philippe die Hebamme, übergewichtiger Gesichtshaarträger, geht es nicht mehr ohne mich. 7:12 Uhr. Eine Zweitgebärende bei drei Zentimetern. Hat sie denn Schmerzen? Ben, oui, sie hat schon etwas Schmerzen. Ich muß mich aus dem Bett in mein Grünzeug quälen, Zähne putzen. Wir teilen unsere Toilette, ein Waschbecken und eine gammelige Duschkabine mit den Intensivmedizinern. Einmal über den Flur. Wenn man Pech hat, putzt sich der Intensivdoktor gerade die Zähne. Keine zehn Minuten später eine Nachricht auf meinem Handy. Von 7:24 Uhr. Ève, die Hebamme, noch übrig aus der Nachtschicht. Nicht mehr nötig, sagt sie. Die Frau hat entbunden. Aha. Geburtshilfe vom Feinsten.

Schlimmer aber noch der Anruf um 2:32 Uhr. Wie ein Eimer Eiswasser im Tiefschlaf. Letzten Sonntag. Von Sébastien, der Hebamme. Kein Gesichtshaar. Elsässer. Besucht manchmal seinen Großvater in Ulm. Und bringt mir Schokolade von Ritter Sport mit. Gibt’s hier nur bei Décathlon. Péridurale für eine Steißlage. Das kann ich einsehen. Entbindung aus Steißlage ist schöner mit Epiduralkatheter. Da kann immer was schiefgehen. Und Schmerzen hat sie auch.

3:43 Uhr schon wieder Sébastien. Wieder Eiswasser! Rhythmusanomalien beim Kind in Steißlage, Kaiserschnitt. Samir aus Syrien ist der Gynäkologe. Nichts gegen Ausländer. Bin selbst einer. Samir aus Syrien macht immer – na ja, oft – zu kurze Kaiserschnitte. Zu kurz in der Bauchdecke, zur kurz in der Gebärmutter. Braucht dann Vakuum oder Zangen, um die Kleinen aus dem Bauch zu zerren. Kostet immer ein paar APGAR-Punkte. Sachichnoch: Mach‘ Deinen Schnitt groß genug! Wenigstens diesmal! Keine Abenteuer mitten in der Nacht! Bitte! Denk‘ an meine Herzkranzgefäße! Wer aber hört schon auf das altkluge Geschwätz des Anästhesisten? Jaja, biensûr, aie confiance! Keine Angst! Und? Das Resultat? Klar, Schnitt zu klein. Reicht für Füße und Bauch. Nicht mehr für das Köpfchen und die Ärmchen. Bei Steißlage kann man sich auch nicht helfen mit Vakuum oder Zangen. Stattdessen großes Metzgern an der Bauchdecke und der Gebärmutter. Das Kind ganz sprachlos. Ganz schlapp. Ganz blaß. Herzfrequenz bei etwa fünfzig. APGAR 2 (in Worten: zwei), würde ich sagen. Wo ist der Kinderarzt? Kein Pädiater! Kein Wunder, t’as vu l’heure? Der muß ja auch erstmal aufstehen. Und dann noch herfahren von Le Pradet. Bis dahin ist das Kind tot. Oder der Anästhesist rettet es. Und zahlt mit seinen Herzkranzgefäßen. Geburtshilfe vom Feinsten.

Samir sagt, die Frau wäre selbst schuld. C’est pas ma faute! Das ist doch nicht mein Fehler! Kaum hätte er in den Uterus geritzt, hätte der sich so richtig kontrahiert. Aber sowas von kontrahiert! Der Uterus. Kann ich was für den Uterus von der Frau? Sowas! Einfach kontrahiert, der Uterus! Kann die Frau nicht ein bißchen aufpassen auf ihren Uterus? Genau um den Hals der Kleinen! Aber ehrlich!

Frage an die gynäkologische Kollegenschaft: Ist das so überraschend? Das mit dem Verhalten der Uterusmuskulatur bei Schnittentbindung? Kann der Gynäkologe das nicht antizipieren?

Ein paar Tage später wieder Kaiserschnitt mit Samir, dem Gynäkologen aus Syrien. Freitag Abend im Provinzkrankenhaus. Zweitgebärende, Termin eigentlich in zwei Wochen. 104 Kilo bei 158 Zentimetern. Seit fünf Uhr nachmittags im Krankenhaus. Blasensprung wohl. Was weiß ich. Geburtseinleitung eben. Bei der vaginalen Untersuchung findet Magali, die Hebamme, so eine komische Beule. Keine Ahnung, was das ist, sagt sie. Da muß der Samir mal mit dem Sono gucken. Indikation zum Kaiserschnitt 18:32 Uhr. Warum? Steißlage! Magali braucht Samirs Sono, um eine Steißlage zu erkennen! Wow! Hat Magali nicht Hebamme gelernt? Außerdem Rhythmusstörungen beim Kind. Aber das sagen sie immer, damit’s ein bißchen schneller geht. Hop-hop-hop quasi. Und natürlich so kurz vor dem Schichtwechsel sowieso. Schichtwechsel ist um 19:00 Uhr. Hop-hop-hop.

Lieber Samir, mach‘ bitte den Schnitt lang genug. Bitte! Denk‘ an meine Koronarien! – Große Frau, große Narbe, fällt Samir dazu ein. – Nein, Samir, das meine ich nicht. Die Narbe auf dem Bauch ist mir scheißegal. Den Schnitt im Uterus meine ich. Der muß lang genug sein. Für den APGAR vom Baby. Und meine Koronarien! – Okay, okay, sagt er. Aber es klingt wie ein Adoleszenten-Jaja. Schnitt kurz vor sieben. Samir hat sich zwei Hebammen an den Tisch geholt! Philippe und Nacima. Zwei Hebammen in grün und steril gewaschen. Sonst gibt’s immer nur eine. Weil die Frau so dick ist, sagt Samir. Aha! Großer Schnitt im Bauch, großer Schnitt auch im Uterus. Danke, Samir! Aber was ist das denn? So ein Gewusel! Finger, Zehen, Hände, Füße! Und soviele davon! Weiß man gar nicht, wo man anpacken soll! Jetzt muß Philippe ran. Mit seinen starken Armen kann er das Loch mit dem Gewusel besser aufhalten als Nacima. So kann Samir wenigstens mal reingreifen und umrühren. Irgendwann wird in dem ganzen glitschigen Gewusel schon was auftauchen, was man richtig anpacken kann. Wahrscheinlich wird Samir schon ein bißchen panisch. Tunnelblick. Wenn das eine Hand ist, muß der Kopf da sein. Mehr rechts der Kopf also. Oder oben. Ist das eine Hand? Was ist rechts? Oben? Chadia! Chadia ist seine Kollegin, aus dem Libanon, die ihn immer wieder retten muß. Chadia! Wo ist Chadia? Samirs Problem ist nicht der zu kleine Schnitt. Nicht nur. Samirs Problem sind auch überraschende anatomische Strukturen. Zehen, Finger, Hände, Füße.

Am Ende gibt’s dann immerhin eine ordentliche Portion Nalador. Das steigert den Tonus der Uterusmuskulaur (glaube ich) und stabilisiert die Psyche handwerklich mittelmäßig begabter Gynäkologen. Außerdem vermuten handwerklich mittelmäßig begabte Gynäkologen eine schleimhautprotektive Aktivität im Gastrointestinaltrakt ihrer anästhesiologischen Kollegen. Wenn sie uns, in lichten Momenten, überhaupt als Kollegen wahrnehmen. Wenn sie überhaupt was anderes als sich selbst wahrzunehmen in der Lage sind.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Harissa

3:06 Uhr die sage-femme. Petite primi demandeuse d’une péridurale. Bis dahin Vollmondnacht. Erst zu lange im Internet. ZEIT vorwiegend und SPIEGEL. Ich lese sogar Beiträge wie „Frauen sind auch nur Männer“. 57 Prozent der Männer gehen fremd. Zum Fremdgehen gehören meist auch Frauen. Logisch eigentlich. Nur 47 Prozent geben es aber zu. Viel mehr aber würden mit dem Gedanken an einen Seitensprung spielen. Fast alle eigentlich. So wie Männer eben. Erziehung und soziale Konventionen würden sie eher abhalten. Die Frauen eher abhalten als die Männer. Schreibt der SPIEGEL. Am Ende finde ich mich bei den Autonachrichten bei Spiegel. Häßlicher Protz-BMW mit fast sechshundert PS. Wenn ich bei den Autonachrichten von SPIEGEL ONLINE angekommen bin, weiß ich, daß ich reif bin fürs Bett. Auch wenn es erst neun Uhr abends ist.

Kurz noch über Maternité. Meine Péridurale von kurz vor sieben Uhr abends bei acht Zentimetern. Drei weibliche Hebammen, Céline, Cécile und noch eine, deren Name mir nicht einfällt. Irgendwas wie Harissa. Ist aber nicht Harissa. Die Frau hat ohnehin überhaupt nicht nichts Scharfes. Aber ich komme nicht auf den Namen. Bleibe an Harissa hängen. Maghrebinischer Hintergrund jedenfalls. Cécile hat ihre Lippen knallrot gefärbt. Ist das gerade modern? Und sagt, sie müßte immer rülpsen. Und zwar auf Berührung am rechten Handgelenk. Aha. Streicht sich über das rechte Handgelenk und rülpst ein Rülpserchen. Sehr interessant. Und gleich noch eins. Ist die Frau eines Gynäkologen, der bis vor einem Jahr bei uns war. Sie hat lange nicht gearbeitet wegen Fibromyalgie. Sagte der Gatte damals. Bestätigt meine Vorurteile gegen Leute mit Fibromyalgie. Das ist eine Notdiagnose für Leute mit Knall. Drei Frauen also, es könnte schlimmer gekommen sein. Kein Philippe, kein Jérôme. Auch nicht Marie oder Séverine.

Ab ins Bett. Noch was lesen. Ich habe „Kapuzinergruft“ von Joseph Roth angefangen. Gibt es für null Euro auf den kindle. Die Fortsetzung zu „Radetzkymarsch“. Schöne Sprache, Anfang letztes Jahrhundert. Österreich unter Franz Josef. Der Großvater rettet dem Kaiser das Leben, wird dafür geadelt. Der Vater angesehener Bezirkshauptmeister, der Sohn versagt beim Militär, obwohl der Großvater dem Kaiser das Leben gerettet hat, fällt in den frühen Tagen des ersten Weltkriegs. Frauen spielen nur gelegentlich eine Rolle. Schwache Gesundheit, sterben früh.

Glas Rotwein, Licht aus um halb elf. Das Glas Rotwein soll gegen den Vollmond im Kopf helfen. Vollmond war vorgestern. Manchmal fühlen sich Nächte wie Vollmondnächte an. Im Dienst sowieso. Auch ohne wirklichen Vollmond.

Halb eins Vollmond. Wach irgendwie, aber vermutlich sogar für ein Sudoku zu blöde im Kopf. Geschweige denn Joseph Roth. Wie Harissa wirklich heißt, fällt mir immer noch nicht ein. Wach irgendwie, keines wirklichen Gedankens fähig. Somnolenz im Dunkeln. Mein Zweitgeborener hatte gestern seinen neunzehnten Geburtstag. Hatte keine Wünsche. Außer vielleicht ein paar Hosen. Für seine Mutter ist ein Geburtstag ohne Geschenke kein richtiger Geburtstag. Ein paar Hosen also. Ein schöner Kugelschreiber. Und ein Wecker. Super-Sonic oder so. Weil er noch immer nicht alleine aus dem Bett kommt. Na ja, einmal von zwanzig vielleicht. Jetzt hat er eine Maschine, mit der er das ganze Haus wach kriegt. Und die Nachbarschaft dazu vermutlich. Er hat sich selbst einen Stapel Mathebücher von Amazon geschenkt. Übungen. Weil er so schlecht ist in Mathe. 6,7 im ersten Semester. Und sich nicht helfen lassen will. Zu stolz, zu cool. Ich kann ihm nicht helfen. Mathe war ich noch nie gut. Schon gar nicht auf diesem Niveau. Und er will meine Ratschläge zu punktgenauer Nachhilfe nicht. Logisch. Hätte ich Ratschläge von meinem Vater gewollt? Ich hätte meinem Vater nicht einmal zugehört. Vermutlich hört mir mein Sohn auch nicht zu. Ich sehe ihn untergehen in seiner Prépa und kann ihm nicht helfen. Vollmond.

Bis 3:06 Uhr. Nacima! Harissa ist Nacima. Petite primi demandeuse d’une péridurale. Die petite primi ist taub. Der Mann dazu auch. Deswegen hat Nacima die CTG-Maschine ganz laut gestellt. Die Primi und ihr Mann hören aber trotzdem nichts. Können von den Lippen lesen. Weiß ich. Ich habe die ganze Familie in den Consultations gesehen. Mutter, Tochter, Schwiegersohn. Alle taub. Dafür hat Nacima kein EKG angeschlossen und keinen Blutdruck. Fällt mir aber auch erst nach der Testdosis auf. Vollmond im Kopf.

Danach will Cécile eine petite péridurale für ihre Primi in Salle une. Die Lippen sind inzwischen nicht mehr so rot. Ich bin versucht, sie zu provozieren wegen ihrer blöden Bäuerchen vorhin. Welche Art viszeraler Reflexe denn taktile Reize ihres linken Handgelenks auslösen würden, zum Beispiel. Aber Cécile interessiert mich dann doch viel zu wenig. Petite péri und zurück ins Bett.


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Trüffelmarkt in Aups

Meine Frau wird nächste Woche in einer Familienangelegenheit nach Deutschland reisen und unter anderem ihren Cousin treffen. Der Cousin ist ambitionierter Profi-Hobbykoch. Er ist Oberkochbruder eines Kochclubs mit elitärem Anspruch. Meine Frau will ihn mit schwarzem Trüffel aus der Provence beeindrucken. Trüffel gibt es in Aups. Dort findet jeden Donnerstag Morgen von Ende November bis Ende Februar Marché aux Truffes statt, Trüffel-Markt. Frankreichweit der drittgrößte.

Aups liegt im Hinterland, mitten in dem, was man Provence nennt, da, wo die Zikade wohnt, die Pinie duftet und die Platane Schatten über Alleen und Marktplätzen spendet. Aups ist ein provençalisches Dorf wie aus dem Bilderbuch. Eine gute Stunde mit dem Auto von Toulon. Ich muß fahren, weil meine Frau bis nächste Woche keine Zeit hat.

Am Donnerstag Morgen Mitte Januar muß das Dorf ohne Zikaden auskommen. Temperaturen in Gefrierpunktnähe. 8:06 Uhr am Marktplatz nach einer Stunde und siebzehn Minuten durch Nebelbänke auf kurvigen Départementalstraßen. Wie ausgestorben der Platz. Erstaunlich. Wenn bei uns Markttag ist, sind die ersten Stände um halb acht fertig aufgebaut. Hier findet sich außer mir nur ein Müllmann in knallgrüner Leuchtweste. Schraubt was an seinem Müllwagen. Auf dem Behinderten-Parkplatz direkt vor dem Rathaus. Die Cafés am Platz alle geschlossen. Kein Trüffelhändler weit und breit. Ein Senior in Morgenmantel mit hochgeschlagenem Kragen und graubraunen Filzpantoffeln. Keine Socken. Blaue Äderchen am Knöchel. Baguette unter dem Arm, Kippe im Mundwinkel. Baskenmütze. Wie aus dem Bilderbuch. Vermutlich aber kein Trüffelhändler.

Marché aux truffes de 9:30 heures à 12:00 heures steht auf einem Zettel im Schaufenster des Office de tourisme links unten im Rathaus. Wahrscheinlich ist das ernst gemeint. Paßt nicht wirklich in meine Strategie.

Meine Strategie hat mit provençalischer Bilderbuchidylle nichts zu tun. Mein Strategie war knapp und teutonisch effizient: Vorfahren in Aups und dem erstbesten Trüffelhändler, der seinen Stand aufbaut, zweihundert Gramm Knollen abkaufen und wieder wegfahren. Zackzack! Zum Frühstück der Kinder, die heute keine Schule haben, wieder zuhause. So hätte das bei uns im Dorf funktioniert. So mache ich das immer. Im Rahmen meiner strategischen Vorgaben hätte der erstbeste Trüffelhändler seinen Auftritt spätestens um 8:00 Uhr haben müssen.

Plan B.

Warten in arktischer Kälte. Bei laufendem Motor. Was? Tut mir leid, soll ich bei arktischer Kälte erfrieren? Vier Halbwaisen hinterlassen? Was soll ich denn machen, wenn die provençalische Bilderbuchidylle ohne Café und Zikade auskommen muß? Um halb neun ist der Müllman weg. Ein weißer Lieferwagen fährt vor. Parkt direkt vor mir. Der Fahrer baut lustlos und in Zeitlupe seinen Stand auf. Tische, Kisten. Decken auf Tische und Kisten. Ein Klappstuhl. Zwei Schirme über Tischen, Kisten und Klappstuhl. Schirme! Die Zikade wird für 10:30 Uhr erwartet. Oder Regen? Wohl kaum, der Himmel immerhin ist der aus der Postkarte zur provençalischen Bilderbuchidylle. Die Schirme vermutlich auch. Kein Himmel ohne Schirme. Der Mann mit den Schirmen kann auf Ansprache Bonjour sagen und Bonne année. Jedoch, leider, nein, er ist nicht der Trüffelhändler. Er wird Blumen verkaufen. Die Trüffelhändler kommen aber noch, wird nicht mehr lange dauern.

Kurz nach neun kommt tatsächlich Leben in die Szene. Meist ältere Herrschaften, oft Ehepaare, bauen kleine Klapptische auf, legen bunte Wachstuch-Decken darüber, stellen geflochtene Körbchen darauf. Leere Körbchen. Und digitale Präzisionswaagen. Sie kennen sich alle, grüßen mit Küßchen links-rechts-links, bonne année, nur das Beste, langes Leben, Glück, Reichtum und Zufriedenheit, vor allem aber Gesundheit! Sie haben sich viel zu erzählen, als hätten sie nicht mehr gesehen seit Weihnachten. Das ist Markttag in Südfrankreich wie man sich das vorstellt. Eine dieser Szenen aus der provençalischen Bilderbuchidylle. Die Szene kenne ich. Fehlen die Touristen, die frisierten Mopeds, die Zikaden. Fehlen vor allem die Trüffelknollen. Die finden sich vermutlich in den Plastiktüten unter den nett dekorierten Klapptischchen. Ich habe kalte Füße und Hände und will zurück in meinen Plan A. Kaufen und weg.

Außer einer achtköpfigen Touristengruppe aus Holland mit lokalem Reiseführer und drei oder vier Einzelkäufern keine Kunden außer mir. Wir stehen mit im Rund der Klapptische, treten fröstelnd von einem Bein aufs andere und haben uns angelächelt. Der Reiseführer sagt was auf Holländisch. Er kennt das schon. Geht wohl gleich los.

Punktgenau 9:30 Uhr betritt ein unscheinbar Uniformierter die Szene. Voilà! Mit einer Tröte. Er trötet einmal und ruft: Le marché est ouvert! Der Markt ist eröffnet. Auch das ist Frankreich. Sie haben Elemente aus der Monarchie bis in die Jetztzeit mitgenommen. Am liebsten hätten sie noch einen Ludwig in Versailles sitzen. Nur um ihm früher oder später unzufrieden und öffentlich den Kopf abzuhacken und im gleichen Atemzug den nächsten Ludwig jubelnd nach Versailles zu bringen. Es lebe der König! Der Markt ist eröffnet.

Die Tröte ist das Signal für die älteren Ehepaare. Aus den Plastiktüten unter den Klapptischen werden Trüffelknollen in die Körbchen drapiert. Die Einzelkunden und die Touristengruppe schlendern von Klapptisch zu Klapptisch. Tasten, reiben, schnüffeln.

Ein Typ in brauner Lederjacke spricht mich an. Ob ich Trüffel kaufen wollte. Klar, wofür sonst bin ich denn hier? Er hätte da welche in seiner Tüte. Tüte, welche Tüte? Die Tüte ist unter der Jacke versteckt. Dreihundert Gramm schwarze Trüffel, sagt er. Fünfhundert Euro das Kilo. Das ist relativ günstig. Er hätte allerdings keinen Tisch hier. Der Standgebühren wegen. Zur Abwicklung müßten wir zudem von hier verschwinden, den anderen Händlern würde das nicht so gefallen. Schwarzhandel in Nebenstraßen – das kenne ich von früher. Aus meinem Studium nicht weit von Sibirien. Im schlimmsten Fall bleibt man physisch beschädigt und ohne Geld zurück. Manchmal bekam man eine Rolle straff gewickeltes Zeitungspapier statt eines Packens Drittweltwährung für seinen schönen Hundert-Dollar-Schein. Oder eine gefälschte Tausend-Zloty-Note. Kenn‘ ich. Der hier will mir vermutlich ein Säckchen gammelige Kartoffeln verkaufen. Ich würde vielleicht auf sein Angebot zurückkommen, gerne aber zunächst die Ware der Konkurrenz begutachten.

Plan B ist letztendlich auch nicht so schlecht. Interessant. Die Kinder können auch ohne mich frühstücken.

Noch nie hatte ich soviel Muße, das Angebot wirklich zu studieren. Ich darf die Knollen anfassen, kleine Scheibchen abschneiden, sie in der Hand wärmen, das Aroma aufnehmen. Ein Dutzend Tischchen mit Deckchen und Körbchen. Präzisionswaagen, die Milligramm direkt in Euro und Cent umrechnen. Bilder in Klarsichthüllen vom Trüffelschwein, vom Trüffelhund neben den Körbchen mit den Knollen. Mit dem Besitzer am anderen Ende der Leine. Als Beweis der Authenzität quasi. Jeder ist der einzig Ehrliche, alle anderen Halsabschneider. Unter uns, sagen sie. Die, deren Kilogramm tausend Euro kosten soll, haben eben einfach den schwärzesten Trüffel. Sagen diese. Trüffel für sechshundert ist entweder alt oder nicht richtig schwarz. Wenn einer tausend haben will, hat er ihn selbst billig gekauft, alt oder nicht wirklich schwarz, und will ihn mit richtig Gewinn verkaufen. Sagen die anderen.

Am Ende bleibt es für den Laien Zufall. Intuition. Oder so. Die Form der Knollen, die Zwischenmenschlichkeit zum Schweineführer. Der Preis. Der Profi kauft vermutlich ohnehin woanders. Vermutlich ohne das Rahmenprogramm provençalischer Bilderbuchidylle.

Die Hälfte der Knollen wird meine Frau nach Deutschland mitnehmen. Als Geschenk für den Cousin. Die andere Hälfte ist für zuhause. Mein Zweitgeborener, dessen Toleranzgrenzen die kulinarischen Optionen der versorgenden Eltern typischerweise in äußerst knappem Rahmen halten, träumt von Trüffel-Rührei. Immerhin.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Dieser Text erschien in einer gekürzten Version am 27. Januar 2015 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015-01/trueffel-markt-aups)


Übersetzt ins Französische – Choisir la truffe au pifomètre erschien der Leserartikel seinerseits in der Beilage – La Provence vue par la presse étrangère – von N° 1288 des Courrier international vom 9. Juli 2015.