Ausländer

Mein Sohn, elf Jahre, hatte auf dem Weg zum Schwimmtraining im Bad am Hafen behauptet, die Charles-de-Gaulle sei in Toulon. Würde er gerne mal in echt und aus der Nähe sehen. Die Charles-de-Gaulle ist der französische Flugzeugträger. Die Rolex der französischen Streitkräfte, vielleicht der Stolz der Grande Nation überhaupt. Daß sie gerade angekommen wäre, hätte ihm eine Schwimmkameradin erzählt. Weil man sie, die Charles-de-Gaulle, von da, wo wir gerade waren, direkt am Wasser, nicht weit vom Fährhafen, nicht sehen konnte, war ich mir sicher, seine Schwimmkameradin würde sich irren. Das wäre ein so riesiges Schiff, sagte ich, das müßte man von hier aus sehen. Man konnte andere riesige graue Schiffe sehen, die Siroco zum Beispiel, ein Landungsschiff, nicht aber die Charles-de-Gaulle. Wenn man sie nicht sähe, behauptete ich, wäre sie wohl nicht da. Andererseits ist sie oft in Toulon. Immer wieder muß dieses Schiff über viele Monate gewartet werden, immer wieder ist irgendwas kaputt. Auf ihrer Jungfernfahrt schon verlor sie einen ihrer Propeller im Atlantik. Wie peinlich. Wie eine Rolex mit abgefallenem Minutenzeiger.

Ein paar Tage später war ich morgens mit dem Fahrrad am Faron. Einmal rüber über den Berg. Macht keinen Spaß. Sportliche Aktivität eben. Der Anstieg sonnenexponiert, die Abfahrt zwar im Schatten unter Pinien, aber mit sehr vielen Kurven. Und vielen kleinen Steinchen auf der Straße. Das beste am Faron ist neben der Aussicht die Dusche danach. Auf halber Höhe, auf einer dieser langen Steigungsstrecken vor der nächsten Haarnadelkurve, eine Dreiergruppe auf Mountainbikes. Ich holte langsam auf. Passiert mir nicht oft, daß ich andere Radfahrer überhole. Zwei Männer, leicht übergewichtig, eine Frau. Auch leicht übergewichtig. Die Frau vorwiegend in Signal-Orange. Die Herren in einer Kombination aus Grautönen mit Schwarz. Ausländische Touristen. Franzosen können nur in grellbunter Alberto-Contador-Verkleidung radfahren. Außerdem Sandalenträger. Radfahrer in Sandalen! Kein Wunder, daß ich aufholte. Kann man in Sandalen woanders als an Nord- oder Ostsee radfahren? Sandalen mit Socken zudem! Holländer? Deutsche? Und dann kann ich sie hören. Ja, Deutsche. Vom Dialekt her Schwaben. Schwaben in Birkenstocks und Socken. Deutsche der Vorzeige-Kategorie. Die Dame muß ein Foto machen von der schönsten Rade Europas. Natürlich.

Guck‘ amol, d’Scharldegoll isch au do.

Mein Sohn hatte doch recht! Die Charles-de-Gaulle war in Toulon. Viel kleiner als ich dachte. Und das nicht nur wegen der Perspektive von hier oben. Macht sich auch gegenüber den Kähnen von Corsica Ferries nicht wirklich riesig aus. Ein bißchen größer, aber nicht beeindruckend groß. Kein Wunder, daß man sie nicht sehen kann vom Fährhafen aus.

Zwei Kurven später die Bergstation der Seilbahn. Toulon gönnt sich den Luxus einer Seilbahn! Von einem Privatmann in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut (Einweihung 1959), schafft diese Seilbahn mit zwei Kabinen im Pendelverkehr maximal 150 Personen pro Stunde. Von ungefähr März bis ungefähr Mitte November zwischen 10 und 19 Uhr. Abgesehen von mehreren technischen Revisionen im Juni, Juli und September über jeweils zwei oder mehr Tage. Abgesehen auch von den Tagen mit Mistral. Zuviel Wind hält der Téléphérique auch nicht aus. Die Talstation liegt im Norden der Stadt, deutlich außerhalb des Zentrums, mit einem winzigen Parkplatz. Dem nicht-automobilen Touristen bleibt der Bus. Linie 40. Nettes Extra, diese Seilbahn, aber vielleicht nicht zeitgemäß. So wie der Flugzeugträger.

An der Bergstation, unweit des Weltkriegs-Memorials, wartet eine Frau. Eher schlank, in vorwiegend Signal-Orange. Das gleiche Kostüm wie die Dame mit Fotoapparat vorhin. Aber mit Rennrad und Sportschuhen. Und ohne Socken. Hat ganz offensichtlich ihre Reisegruppe verloren. Sie sieht so aus, als wollte sie mich anquatschen. Passt mir nicht so. Mein Computer zeigt eine Pulsfrequenz von 154 an. Ab 140 rede ich nicht mehr so gerne.

Hello, excuse me, please!

Muß ich jetzt anhalten zum Plaudern? Als Franzose dürfte ich einfach weiterfahren. Als Franzose kann man aus Prinzip – wenn überhaupt – nur mißmutig auf ausländische Phonetik reagieren. Ich kann einen Satz sagen:

Bonjour! Vos amis ne vont pas tarder. Ils étaient en train de prendre quelques photos.

Oh! Merci beaucoup! Bonne continuation, bonne journée!

Und das akzentfrei. Warum nur, fragte ich mich, spricht sie mich nicht gleich auf Französisch an? Ein Kilometer weiter, auf Höhe des Zoos, die Erkenntnis: es muß der Helm sein. In meinem Fall der fehlende Helm. Zu glaubhafter Tour-de-France-Verkleidung gehört der Helm. Ohne Helm ist ein beinahe so zuverlässiges Ausländer-Merkmal wie Birkenstocks in der Öffentlichkeit.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


 

 

 

Ehrenwort

„Assurances Orange, Cindy, bonjour, que puis-je pour vous?“

Mein Sohn kommt abends mit zerstörtem Smartphone nach Hause. Der Bildschirm ist gesprungen, die Rückseite hat einen Riß. Harte Landung auf der Ecke oben links. Es kann noch vibrieren, sonst aber nichts mehr. Zum Glück habe ich in weiser Voraussicht eine Versicherung abgeschlossen vor ein paar Monaten. 15,99 € pro Monat. Die Rundum-Sorglos-Versicherung von Orange. Mein Sohn neigt dazu, sein Handy alle drei bis sechs Monate im Rahmen eines Totalschadens zu wechseln. Mal fällt er damit in den Pool, mal nehmen ihm Kapuzenträger sein Iphone ab. Diesmal harte Landung auf Asphalt. Vermutlich selbstverschuldet. Für 15,99 Euro ist sämtliche bei Orange gekaufte und betriebene Kommunikationstechnologie des Haushalts gegen jeden erdenklichen Schaden versichert.

Am nächsten Morgen erzähle ich Cindy von dem Unglück meines Sohns. Ist Ihr Sohn volljährig? Mein Sohn ist 19. Volljährig. Ich war nicht auf diese Falle vorbereitet. Das Handy hat einen Vertrag auf meinen Namen. Ich bin der Eigentümer. Mein Sohn wohnt bei mir im Haus. Die Versicherung gilt für alle Mitglieder meines Haushalts. Alle Schäden. Würde ich denn bei Telefonverlust im Rahmen eines Überfalls zum Beispiel erst ein entsprechendes Protokoll in einer Polizeidienststelle holen müssen? Ist nicht weg gleich weg und kaputt gleich kaputt? Cindy gibt sich unnachgiebig. Wenn mein Sohn volljährig wäre, müßte er persönlich den Schaden melden. Auch wenn er bis 19 Uhr in der Schule wäre? Dann solle er eben anrufen, sobald er nach Hause käme. Bis 20 Uhr wäre die Hotline besetzt. Na dann, ich werde mich nicht mit Cindy anlegen. Sie sitzt sicher am längeren Hebel. Schnell hat man da einen Vermerk: „renitenter Kunde“ oder so.

Um 19 Uhr kommt mein Sohn nach Hause und muß die Versicherung anrufen. Natürlich Warteschleife. Wahrscheinlich sind noch andere Eltern an der ersten Hürde gescheitert. Um 19 Uhr warten alle Söhne und Töchter auf ein Gespräch mit der Versicherung. Nach zwanzig Minuten ist mein Sohn an der Reihe. Cindy ist nicht mehr da. Cédric hat übernommen. Mein Sohn berichtet, er sei beim Aussteigen aus dem Bus gestolpert, das Handy hart auf dem Bürgersteig gelandet. Inkompatibel mit einem Hightech-Gerät von Sony. Cédric läßt sich den entstandenen Schaden beschreiben und erfaßt Marke, Modell sowie IMEI des Hightech-Geräts. Man werde das überprüfen und ihm eine Mail schicken für das weitere Vorgehen. Höchstens 48 Stunden. Man fragt sich natürlich schon, was da 48 Stunden geprüft werden soll. Gehört vermutlich zur Strategie. Die Leute sollen ja abgeschreckt werden und nicht alle drei Monate ihr Handy wechseln wollen.

„Assurances Orange, bonjour, Évelyne à votre écoute.“

48 Stunden lang war nichts passiert. Keine Mail von Cédric. Auch Évelyne gibt sich verwundert und betroffen. Wahrscheinlich machen sie Schulungen bei Assurances Orange zur glaubhaften Vermittlung eines Betroffenheitsgefühls. Und daß Cindy vorgestern offenbar die zu überprüfende Telefonnummer falsch notiert hat, findet Évelyne ärgerlich. Glaubhaft. Nimmt meinem aufkeimenden Ärger den Wind aus den Segeln. Sie sichert mir eine schnelle Überprüfung zu, höchstens 48 Stunden, und wünscht im Namen von Assurances Orange einen sehr angenehmen Tag.

Assurances Orange, bonjour, Marvin à l’appareil, que puis-je pour vous?“

Dienstag. Ich habe das Wochenende großzügig verstreichen lassen. Montag noch immer keine Mail. Auch bis Dienstag Mittag nicht. 24 Stunden normalerweise, bis 48 Stunden maximal, habe ich noch im Ohr. Marvin findet das Problem ganz schnell. Nicht Cindy ist schuld, die sich schon irgendwie als Schuldige im System zu kristallisieren schien, sondern Évelyne, die Dame nach Cindy. Mauvaise manipulation, sagt Marvin. Irgendwas hat Évelyne wohl falsch gemacht. Falscher Klick. Oder kein Klick. Ich könnte ihm nun nicht verbergen, lasse ich einfließen, daß ich mir Sorgen machen würde um die weitere Entwicklung unseres Dossiers. Immerhin schon der zweite Fehler. Nein, nein, alles kein Problem, die Untersuchung würde jetzt sofort anlaufen, spätestens morgen die weiterführende Mail. Geschulte Betroffenheit dazu, ausführliche Entschuldigung für die entstandene Verzögerung. Und einen exzellenten Nachmittag!

„Assurances Orange, bonjour, Hugo à votre écoute.“

Samstag Abend. Mehr als 48 Stunden und keine Mail von Marvin. Das wundert Hugo eigentlich nicht. Wenn er den Nachnamen meines Sohnes sähe, würde er doch vermuten, daß da ein i fehlen könnte in dessen gmail-Adresse. Die Untersuchungen wären abgeschlossen, fehlt also tatsächlich nur noch die Mail aus dem System. Nun ist wieder Cindy schuld. Abgefälschte Email-Adresse. Intern, das würden sie aber nie zugeben bei Orange, hat Cindy ganze Arbeit geleistet. Viel mehr ist nicht möglich. Schließlich sind wir, mein Sohn und ich, ja noch Ersttäter. Der Trick des fehlenden Buchstaben ist wahrscheinlich Teil des Basisrepertoires der Zermürbungsstrategie. Zehn Prozent der Kunden geben nach dem Volljährigkeitstrick auf. Cédric bringt den einen oder anderen Sohn zur Strecke mit Klauseln aus den Geschäftsbedingungen. Wenn der Sohn zum Beispiel zugibt, ein Kumpel hätte ihn im Bus geschubst. Leider, leider könnte man in diesem Fall nun gar nicht helfen, das wäre ja eindeutig ein Fall für die Haftpflichtversicherung des Kumpels. Falsche Telefonnummer, falsche Email-Adresse: wenn das Dossier nicht innerhalb von zehn Tagen vollständig eingereicht sei, würde die Versicherung auch nicht mehr voll greifen können. Kann man nachlesen in den Rahmenbedingungen.

Hugo hat nun keine Wahl mehr. Er präsentiert auch wieder sehr überzeugende Betroffenheit und kündigt an, nun die richtige Adresse „ins System schicken“ zu wollen. In höchstens einer halben Stunde sollte ich die Mail mit den Anleitungen zum weiteren Vorgehen erhalten.

Sonntag, zehn Uhr morgens. Die Mail ist da. Seit 3:46 Uhr bereits. Das System hatte offenbar noch ordentlich zu feilen daran. Läßt mir aber doch den ganzen Vatertag, eine hübsche Sammlung aller erforderlichen oder mutmaßlich erforderlichen Dokumente zusammenzustellen. Rechnung, Lieferschein, Abrechnungen, Bankverbindung. Handschriftlich ehrenwörtliche Darstellung des Unfallhergangs. Das ist die Hausaufgabe für meinen Sohn. Den Kumpel in keinem Fall erwähnen! Wenn ich nichts von einem Kumpel weiß, muß Cindy auch nichts vom Kumpel wissen. Und ich muß beweisen, daß mein Sohn mein Sohn ist und meine Frau, die Versicherungsnehmerin, meine Frau. Geburtsurkunde, Heiratsurkunde. Das Ganze schon mal als Mail. Und morgen noch eingeschrieben.

Nächstes Mal wird meine Nokia-Antiquität ins Wasser fallen. Ohne Fremdeinwirkung. Ohne Alkoholeinfluß. Ohne nachweisbaren Alkoholeinfluß. Mein Ehrenwort.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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12. August

Ganz ähnlich abgedruckt in der Mai-Ausgabe der Riviera Zeitung. Gekürzt natürlich.

 

Karpatenhütte

Klar, das hast Du Dir schon gedacht, cher ami! Ich würde dann doch nicht kaufen. Es ist schade, daß es verkauft werden muß, weil ja doch gute Erinnerungen damit verbunden sind. Jugenderinnerungen. Und natürlich liegt es idyllisch im Dorf, am Bach, ein bißchen Wald sogar dabei. Man muß sich aber auch darum kümmern. Immer wieder hinfahren, nur um nach dem Rechten zu sehen. Mal lüften, Mäuse verjagen, Dachziegel gerade rücken. Oder sich auf Nachbarn verlassen. Oder eine Agentur. Oder beides, Nachbarn und Agentur. Und schon hat man wieder Aufwand. Rechnungen von der Agentur, Aufmerksamkeiten für die Nachbarn. Nicht zu vergessen die Steuern, den Wasseranschluß, Strom. Wer hat außerdem schon 40 k einfach mal so übrig? 40 k für eine Doppelhaushälfte mit deutlichem Renovierungsstau, gut fünf Stunden Auto von zuhause. Ich hätte zur Zeit nicht mal das Auto für fünf Stunden zuverlässige Fahrt. Wann hatte ich das schon mal? Ich mußte schon mal ein Auto in Burgund stehen lassen und zwei Wochen später halbwegs repariert abholen. Kupplung kaputt. Meine Kinder sind nachhaltig traumatisiert. Burgund? Regen? Nie wieder! Mein Drittgeborener, damals knapp drei, brachte es auf den Punkt: es hat geregnet und Papa hat zwei Autos kaputtgemacht. Das zweite war das Deines Vaters, Gott sei seiner Seele gnädig. Und es war auch nur die Batterie. Aber das nur nebenbei. Gehört nur peripher zum Thema. Obwohl, das mit dem Regen passt natürlich schon in den Kontext. Weit weg und immer regnet es. Keiner würde mich besuchen kommen, keiner würde was wollen von mir. Weil es eben weit weg ist und immer regnet. Keine Palmen, kein Pool, keine Glotze. Kein Service. Weit weg, gerne Regen. „Karpatenhütte“ nenne ich das. Die Hütte in den Karpaten. Die Karpaten, weil es da so schön ist, so ursprünglich, so weit weg. Die abgeschiedene Hütte, in die ich mich wünsche, wenn das Auto schon wieder abgeschleppt werden muß, zuhause die Spülmaschine geduldig auf eine Reparatur wartet und die Tochter das Resultat von neun mal acht hartnäckig auf 68 oder 93 schätzt. Fehlt noch, daß wieder keiner am Pool aufgeräumt hat und der Postbote zu faul war, wegen des Pakets von Amazon zu klingeln. In der Poststelle abzuholen, aber nicht vor Montag 15 Uhr. Vielleicht noch der Anruf einer Hebamme um 2:53 Uhr. – Die Karpatenhütte jetzt, bitte sofort! Weit weg, am liebsten alleine! Lasst mich doch einfach mal alle in Ruhe, kümmert Euch selbst um Euren Kram! Das Auto, das Einmaleins, die Péridurale. Was brauche ich schon von Amazon? Ich verschwinde für ein paar Wochen in meine Hütte. Alleine. Könnte dann auch in Burgund sein, die Karpatenhütte. Egal. Hauptsache weg und keiner kommt. Oder nur, wer mich wirklich sehen will. Trotz Regen.

Vor ein paar Jahren stand ich vor meiner Karpatenhütte. Hat sich letztendlich eine Bekannte geholt. Glaube ich. Ich habe nichts mehr davon gehört. Vielleicht besser so. Auch mit deutlichem Renovierungsbedarf, die Hütte. In den Karpaten, an deren nordöstlichem Ende, jenseits von Transsylvanien, Sibirien gefühlt fast in Sichtweite. Ehemalige Schäferhütte. Sie liegt auf zwei Hektar Wald und Weideland mit Blick über Hügel, Wälder und Täler auf den Sonnenuntergang hinter den umgebenden Zweitausendern. Schön da. Eine Art primitiver Blockhütte, gemauerter Kamin, Holzschindeln auf dem Dachgebälk. Vor der Eingangstür ein Vordach mit schön gestapeltem Brennholz. Da säße ich dann immer mit grandiosem Blick über die Landschaft, auf den Sonnenuntergang. Das Brennholz würde ich den Sommer über aus meinem Wald gezerrt und selbst gestapelt haben. Hinter der Hütte ein kleiner Anbau. Die sanitären Anlagen beschränken sich auf ein Plumpsklo. Innen ein einziger Raum, vielleicht zwölf Quadratmeter, ein Fenster. Auf den Holzdielen ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Vor dem Kamin ein kleiner gußeiserner Ofenherd, den jemand vor Jahrzehnten hier herauf geschleppt haben muß. Kein Strom. Fließend Wasser im Bach nebenan.

Wer braucht das schon länger als vielleicht drei Tage?

Vor drei Jahren, weil sie mein ewiges Gerede von der Karpatenhütte nicht mehr hören wollte, hat mir meine Frau eine pädagogische Woche in Irland geschenkt. Pädagogik zur Karpatenhütte. Winziges Ferienhäuschen. Am Ende einer Sackgasse zwischen Schafweiden. Direkter Blick westwärts über den Atlantik. Angeblich das westlichste Ferienhaus Irlands. Kamin, Küche, Doppelbett. Isolierglas, Fußbodenheizung. Vom Anbieter angepriesen als Toplocation für ungestörte Flitterwochen. Für mich „Experiencing solitude“ – die Karpatenhütte, wie sie wirklich ist. Allein mit Schafen und Blick über Landschaft mit Gewässer. Hohe Regenwahrscheinlichkeit. Karpatenhütte in Irland. Nur Isolierglas und Fußbodenheizung passten nicht wirklich dazu. Das Flitterwochen-Doppelbett eigentlich auch nicht. Gar nicht eigentlich.

Zum Glück hatte ich ein Auto.

Eine Woche später kannte ich große Abschnitte des Ring of Kerry zwischen Killarney und Portmagee. Spektakuläre Landschaft. Massiver Tourismus. Viele große Busse auf schmalen Straßen. Außerdem war ich auf Sceilg Mhichíl. Skellig Michael ist eine baumlose Felsinsel knapp zwölf Fischerbootkilometer vor Portmagee. Wenig Tourismus. Machen nur die, die das wirklich wollen. Und die Leute von Star Wars VII hatten da letzten Sommer für ein paar Szenen einen Auftritt. Ab dem sechsten Jahrhundert lebten dort zwölf Mönche und ihr Abt in zugigen Steinhütten. Trockenmauerbauweise. Keiner kam sie besuchen. Nur die Wikinger waren um 823 da. Wurden aber abgewiesen. War zudem absolut ohne Interesse. Sogar für Wikinger. Dreizehn knochendürre Kerle in Wollkutten. Ein paar Schafe vielleicht. Keine Frauen.

Perfektes Karpatenhütten-Ambiente. Unbezahlbar. Aber: wer braucht das schon länger als vielleicht drei Tage?


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Virginia

„Endokrine Erkrankung des Magen-Darm-Traktes, bedingt durch das Auftreten von bestimmten Pankreastumoren, pankreatischen Gastrinomen. … Leitsymprom ist die charakteristische Trias: exzessive Magenhypersekretion, rezidivierende Ulzera des Magens und gastrinproduzierende Pankreastumoren. … Therapie nur chirurgisch möglich: subtotale Pankreasresektion, Gastrektomie.“

Das steht so, leicht gekürzt, in meinem Pschyrembel von 1982. Zum Zollinger-Ellison-Syndrom. Schön gereiftes Medizinerdeutsch. Inhaltlich nicht mehr ganz zeitgemäß. In den Richtlinien zum Probeauftrag heißt es zwar „Unique Content! Der Text darf  keinesfalls kopiert oder abgeschrieben sein“. Ein bißchen umgeschrieben, in Normaldeutsch gebracht und inhaltlich korrigiert, und sie würden nicht merken, daß es abgeschrieben ist. 1982. Das ist mehr als dreißig Jahre her. Sollen sie erstmal die Quelle finden.

Pardon?

Der Herr in Uniform hatte was gesagt. Ich habe nicht verstanden. Unwilliges Handzeichen in meine Richtung. Irgendwo in Richtung des Transportbands mit meinem Laptop, dem Rucksack und dem Gürtel in Plastikwannen. Stimmt was nicht mit meinem Gürtel? Er könnte ceinture gesagt haben. Er hat sicher nicht Bonjour gesagt. Die Sicherheitskontrolle vor den Gates ist nicht das Umfeld für überflüssige Kommunikation. Eher Handzeichen, Einwortsätze. Wenn überhaupt.

Chaussures!

Er meint meine Schuhe! Ich muß meine Schuhe ausziehen. Wegen der Rasierklingen in den Absätzen! Wie konnte ich das nur vergessen?

Die uniformierten Herrschaften, eine Frau, ein Mann, beide Musterbeispiele robuster Fehlernährung, die jenseits des Metalldetektors warten, mich dabei allerdings nur als die Anzeige über mir wahrnehmen, als rotes oder grünes Licht, sind auch nicht zum Quatschen da. Ich scheine grün zu sein. Und werde im gleichen Bruchteil einer Sekunde unsichtbar. Vermutlich besser so. Mein Bonjour verhallt auch hier ohne erkennbare Reaktion.

Halb sechs ist andererseits nun wirklich nicht die Zeit, zu lächeln oder an einen guten Tag zu denken. Das erste Lächeln ist zum Dienstschluß gegen halb eins zu erwarten. Oder zum diskreten Hinweis auf ein entdecktes Sextoy in der Durchleuchtung. Das Lächeln immer und ausschließlich unter Kollegen, versteht sich. Wiederholtes publikumsgerichtetes Lächeln hat eine handfeste Abreibung in der Umkleide zur Folge. Der Besuch eines Benimmkurses in Eigeninitiative ist ein zwingender Grund für eine fristlose Kündigung.

Möglicherweise ist es eine Zollinger-Ellison-Selbsthilfegruppe, die hier geschlossen Anstellung gefunden hat. Allesamt in akuter Entladung ihres Gastrinoms. Dazu die Tageszeit. Das kann ich verstehen. Zur Péridurale um halb vier kriegen Schwangere und Hebammen auch nur ganz selten ein echtes Lächeln von mir. Geht auch ohne Magengeschwür nicht gut.

Robert M. Zollinger, ein amerikanischer Chirurg schweizerischen Ursprungs, und sein Kollege Edwin H. Ellison beschrieben das Krankheitsbild 1955. Häufig bösartige Tumoren – Gastrinome – meistens in der Bauchspeicheldrüse oder dem Dünndarm, verursachen eine starke Überproduktion von Magensäure. Die viele Säure führt zu chronischem Durchfall, Fettstuhl, Übelkeit, Erbrechen, macht Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre. Bauchschmerzen. Meist zwischen den Mahlzeiten, oft nachts eben. Na also! Kein Wunder, daß die sich morgens um halb sechs so griesgrämig geben.

In einem Online-Portal für Medizinjobs war ich auf das Angebot gestoßen: Freiberufliche Medizinautoren (m/w) in Homeoffice. Homeoffice könnte mir sehr gut gefallen. Ich sitze im Schatten mit Blick auf Palmen und schreibe medizinische Populärwissenschaft. Super! Ein Online-Dienstleister vergoldet meine Worte großzügig. Auch der Rest der Ausschreibung paßt genau zu mir: ich habe Medizin studiert, schon länger her, aber immerhin, ich kann medizinische Sachverhalte leicht verständlich erklären, sofern ich sie selbst verstanden habe, verfüge über fundierte Kenntnisse der deutschen Rechtschreibung und Grammatik und ich schreibe gerne eigene Inhalte und habe „bevorzugt“ bereits erste journalistische Erfahrungen. Letzteres vielleicht nicht, aber ich habe schon in ZEIT ONLINE veröffentlicht und ich betreibe einen Blog. Das zählt bestimmt auch. Auf meine Mail mit Hinweis auf den Blog kommt umgehend eine Antwort: „Ihr Profil könnte gut zu unseren Anforderungen passen, daher ist Ihre Bewerbung in der näheren Auswahl“. Das ist natürlich eine Quatschblase, das ist die Standardantwort. Keiner von denen wird sich in meinem Blog ein Bild von „meinem Profil“ gemacht haben.

Für das wirkliche Profil wünschen sie sich eine Probearbeit, abzuliefern als Word-Datei innerhalb einer Woche, „direkt an die Chefredakteurin“, Virginia M.. Ich darf wählen zwischen einem Text zu Systemischem Lupus Erythematodes und Zollinger-Ellison-Syndrom. Ein Text zu Definition, Synonymen, Ursachen, Symptomen (ausformulierte Sätze, kein Aufzählungsstil, die einzelnen Symptome im Text fettgedruckt hervorheben), Diagnose, Differentialdiagnose, Therapie. Und all das in vierhundert Worten! Für das Zollinger-Ellison-Syndrom mag das ja noch angehen. Bei komplexeren Exotika wie dem Guillain-Barré-Syndom, nur um ein Beispiel zu nennen, wird das schon knapp. Es gibt noch Hinweise zu häufigen Fehlern. Zahlreiche Hinweise, vor allem: „Unique Content! Der Text darf  keinesfalls kopiert oder abgeschrieben sein“. Frage ich mich schon: Was kann es in der Medizin noch geben, was nicht schon tausend Mal immer wieder ähnlich geschrieben und abgeschrieben worden ist?

Abschließend drei Zeilen zum Honorar: Nach „erfolgreicher“ Probearbeit zahlen sie – zu Beginn – ein Honorar von 1,30 Cent. Je Wort. Eins. Komma. Drei. Null. Cent. Dies sei „stufenweise steigerungsfähig“ auf bis zu 4,0 Cent. Je Wort. Vier. Komma. Null. „Je nach Qualität der gelieferten Texte“. Okay. Vergolden sieht anders aus. Vierhundert kompakt ausgefeilte Worte, fundiert, verständlich und nicht abgeschrieben! Macht 5,20 Euro, steigerungsfähig bis 16. Sechzehn! Wahrscheinlich inklusive Mehrwertsteuer. Und dafür ohne Urheberrechte. Für 5,20 Euro die Stunde würde man sich ohnehin keinen Anwalt zur Wahrung der Urheberrechte leisten können.

Vermutlich hatte der Redakteur bei der ZEIT solche Angebote vor Augen. Oft wäre das Schreiben sehr frustierend, schrieb er in einer Mail. Wenn man auf das Schreiben zum Broterwerb angewiesen sei.

In der Homeoffice wäre das, auch im Schatten mit Blick auf Palmen, Grund genug für ein Magengeschwür. 5,20 Euro. Und wovon soll ich meine nächste Tankfüllung bezahlen? Nicht unbedingt Zollinger-Ellison-Syndrom, Magengeschwür aber sicher. Was mir seinerseits immerhin das Profil für die Securité im Flughafen von Marseille verschaffen könnte. Vermutlich auch nicht mehr als 5,20 Euro die Stunde.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Aila!

Das geht in Ordnung. Kann ich „abnicken“. Nehmen Sie sich, was Sie brauchen! Diesmal eben die „Hundescheiße“. Brauchen Sie wahrscheinlich nicht als separate Datei, können Sie wahrscheinlich einfach copy/paste zum Redigieren in Ihr Schreibprogramm holen. Oder direkt an Ihre Layouterin weitergeben. Ich habe den Text gestern noch ein bißchen nachgeschliffen.

Gestern habe ich viele Stunden auf Schwimmwettbewerben meiner Kinder verbracht. Vormittags der Elfjährige, nachmittags die Neunjährige. Beide in der Piscine municipale von Six-Fours. Six-Fours-les-Plages liegt von uns aus gesehen auf der anderen Seite von Toulon, westlich, grenzt an Sanary. Sanary und Bandol kennen Sie vielleicht, Six Fours wohl eher nicht. 19 Minuten von uns aus an einem Sonntag Morgen. Das geht noch. Saint Tropez wäre unangenehmer gewesen. Deutlich weiter weg. Auch an einem Sonntag Morgen. Zudem noch schlimmer das Schwimmbad. Noch kleinlicher, noch gammeliger. Überraschend kleinlich und gammelig für eine Stadt wie Saint Tropez! Wobei das von Six Fours schon schlimm ist. Das Schwimmbad in Six Fours sieht aus wie eine fliegende Untertasse, rund mit runden Oberlichtern wie Bullaugen. Wie ein UFO, gestrandet zwischen Fußballplatz und Einfamilienhäusern. Die vielen Lichtjahre durch abgelegene Galaxien und den einen oder anderen Asteroidengürtel haben unübersehbar Spuren hinterlassen. Der Hausmeister behilft sich angesichts knapper Subventionen mit Plastikfolie und Klebeband in Grellorange allenthalben. Vor allem an den Bullaugen.

Einlaß der Eltern 8:00 Uhr.

Abgesehen von der in den siebziger Jahren des letzten Jahrtausends vermutlich als avantgardistisch geltenden Architektur aus Stahl und Plastik ist die Ausstattung des Schwimmbads eindeutig rudimentär. Auch innen vorwiegend Plastik. Ziemlich klein. Keine Tribüne für die Zuschauer. Angehörige der Schwimmer sitzen auf zu eng gestellten Plastikstühlen direkt am Beckenrand. Vier Reihen. Keine Klimaanlage. Oder wenig Klimaanlage. Oder dysfunktionell. Was auch immer. Draußen T-Shirt-Wetter, Sonne, etwas Wind, zwanzig Grad, angenehmer Frühsommer. Drinnen haben sich Raumklima und Beckenwasser in einen physikalisch ausgeglichenen Zustand diffundiert. 29 Grad jeweils, Raumtemperatur und Beckenwasser. 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Fünf Mannschaften aus den Jahrgängen 2002 bis 2006, Trainer, Stoppuhren- und Klemmbrett-Träger. Vom Ehrgeiz gebissene Elternteile dazu. Quengelnde kleine Geschwister, die sich durch die Sitzreihen drängen ohne Blick auf Kaffee in Plastikbechern. Keifende Mütter. Trillerpfeifen. Ergibt in der Summe den Schalldruck einer startenden Concorde. Fast vier Stunden. Jeweils. Vormittags der Elfjährige, nachmittags die Neunjährige.

Sitzplatz immerhin in der letzten Reihe. Zwischen den Auftritten meiner Kinder massenhaft Zeit zum Nachschleifen online. Die „Hundescheiße“ ist dabei noch ein paar Zeichen umfangreicher geworden. Jetzt 747 Wörter, über 5.200 Zeichen. Wo Sie mir nun mehr Platz lassen wollen, kriegen Sie das bestimmt hin. Im Zweifel kürzen Sie eben was weg. Oder wir verzichten auf das Bild. Sollen Ihre Leser doch einfach im Mai-Heft nachsehen, wenn sie wissen wollen, wie der Autor aussieht.

Ich habe Sie übrigens gegoogelt. Ich wollte auch mal wissen, mit wem ich es da zu tun habe. Von Ihnen gibt es in den Seiten Ihrer Zeitung leider nur ein briefmarkengroßes Bildchen. Im Gegensatz zu meinem megapixelstarken Portrait in Pickel-Auflösung für Ihre Leser. Von Ihnen habe ich nichts Derartiges gefunden. Dafür Bewegtbilder. Mit dem ZDF in Cannes. Und vor dem Château von Angelina und Brad. Wäre natürlich toll gewesen, wenigstens einen davon vor die Kamera zu kriegen. Brad am besten, der gerade den Rasen mäht. Mit nacktem Oberkörper zu einem Tee mit kleinem Selbstgebackenem einlädt. Hi, Aila, nice to see you! Das hätte das Team vom ZDF wirklich beeindruckt. Stattdessen nur einsilbige Türsteher. Mit Spiraldraht vom Ohr in den Kragen. Aber immerhin: Original-Türsteher von Angelina und Brad setzen sich original unwirsch in Szene.

Apropos Angelina und Brad: Die sind doch bestimmt auch gerade im Lande. Der Festspiele in Cannes wegen. Die und ihre Freunde. Meinen Sie nicht, Ihre Chefin könnte mir statt Honorar für die „Hundescheiße“ Zugang zu hautnaher Sicht auf den einen oder anderen Star vermitteln? Damit könnte ich meinerseits zumindest meine Frau ernsthaft beeindrucken! Glaube ich.

Mit besten Grüßen!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Gazelle

Liebe Schwägerin!

Bei Midlife-Crisis helfen kostspielige Reisen in den Mittleren Orient oder den Fernen Osten. Manchmal reicht auch schon eine kleine Golf-Eskapade nach Afrika. Alternativ, für die Zeit zwischen den kostspieligen Reisen und 18-Loch-Ausflügen auf intensiv bewässertem Grün vielleicht ein teures Auto. Was Tiefergelegtes mit Heckspoiler und Breitreifen. Kann man zwischen zwei, drei Ausfahrten hochbeschleunigen einschließlich Reifengeräusch und Auspuffgrollen bis zum Abregeln und so Dominanz trotz grauer Strähnen demonstrieren. Sogar gegenüber diesen protzigen X5-Proleten. Die schaffen sicher auch 250. Müssen auch wegen überbordender Kraft abgeregelt werden. Kommen aber nicht so schnell auf 250. Zu Dir würde vermutlich eher was dezentes Britisches aus dieser PS-Klasse passen.

Wenn das alles – Fernreisen, Golf, PS – nicht weiter bringt, hilft vielleicht ein Töpferkurs oder sonstwas Neues, Fachfremdes. Töpfern ist manuell, physisch, sinnlich geradezu. Meditativ. Wurschteln im Dreck bis zu den Ellenbogen. Und wenn man nicht aufpasst, fliegt einem die Vase in Brocken um die Ohren. Hat man die Dynamik der Fliehkraft aber erst einmal unter Kontrolle, beschert das signifikante Erfolgserlebnisse. Das ist es ja, was einem so fehlt in der Midlife-Crisis, neuartige Erfolgserlebnisse. Dazu, als Nebeneffekt, über Jahre kein Kopfzerbrechen mehr, was Geburtstage und Weihnachten betrifft. Und später vielleicht mal ein Stand auf dem Weihnachtsmarkt.

Als Ergänzung was Sportliches. Laufen über mittlere und große Distanzen zum Beispiel. Wie wäre es mit einem Halbmarathon? Oder gleich dem Berlin-Marathon im September? New York im November? Eine echte Herausforderung, ein richtiges Ziel! Die Wochen davor ausgetüfteltes Laufprogramm, Tage davor nur noch Nudeln wegen der Ballaststoffarmut im Verdauungssystem und zum Auffüllen der Glykogenspeicher. Außerdem keinen Tropfen Alkohol. Man kann sich abendfüllend Videos zur entsprechenden Strecke bei Youtube ansehen und sich Landmarks einprägen. Damit ist man schon Monate vor dem Lauf so ausgefüllt, daß man seine Midlife-Crisis völlig aus den Augen verliert. Stattdessen ein echtes Ziel: Das leuchtfarbene Done-it-T-Shirt der Finisher. Dazu dann ein kaltes Bier.

Ich kenne mich aus. Meine Frau war kürzlich in Paris dafür. Zauberhaft sei der Marathon von Paris, sagt sie, magique. Ja, ehrlich, sie sagt magique. Sie meint vielleicht das Sightseeing mit sportlicher Grenzerfahrung. In Paris! Paris, wie man Paris noch nicht erlebt hat! Man läuft an allem vorbei, was wichtig ist in Paris. Es geht los auf den Champs-Élysées, am Louvre vorbei, Hôtel de Ville, Place de la Bastille. Ein bißchen langweilig vielleicht bis zum Château des Vincennes. Noch nie gesehen zuvor, liegt eben schon etwas außerhalb. Beeindruckende Anlage aber. Der Park zum Château ist auch nicht wirklich spannend. Park eben. Immer wieder Musikgruppen. Das Publikum – Allez-allez-allez! – etwas spärlicher. Hundehalter, eher zufällig dabei. Zurück wieder über die Place de la Bastille, zur Linken wenig später Notre-Dame. Dann das Seine-Ufer. In den Tunneln Disko-Atmosphäre. Möglicherweise ist das magique, irgendwie. Wenige Kilometer vor dem Bois de Boulogne ein kurzer Blick auf den Eiffelturm. Auch links. Bois de Boulogne seinerseits wieder eher langweilig, wieder nur grün, Live-Musik, zufällige Hundehalter, etwas mehr absichtliches Publikum – Allez-allez-allez! Die Zielgerade in Sichtweite des Arc de Triomphe.

Ich war der Sherpa, zuständig für die individuelle Betreuung. Ich hatte einen zwanzig-Kilogramm-Rucksack dabei, war gerüstet für alle Eventualitäten. Regenschutz, Bademantel, Wechselwäsche, Winterjacke. Zwei Paar Straßenschuhe für den Weg zum Bahnhof. Je nach Endzustand der Füße. Alle Eventualitäten. Schmerzmittel, Energiekonzentrate. Wasser mit und ohne grünem Energie-Zusatz in einer Menge, die auch für vier Läufer gereicht hätte. Sherpa eben. Wir hatten anhand des Streckenverlaufs, 2014-Youtube-Videos und Streetview zwei Treffpunkte vereinbart. Kilometer 19 und 31.

Kilometer 19 war mit der Metro leicht zu erreichen. Einmal umsteigen nur. Ich wartete direkt an der 12-Meilen-Marke gegenüber eines Judoclubs. Rechts in Laufrichtung. Alles war genauso wie bei Youtube und Streetview. Viel mehr Publikum allerdings. Das hatten die anderen Fans auch herausgefunden: einmal umsteigen nur. Allez-allez-allez! Die Läufer sind mit ihren Vornamen beschriftet. Man kann sie direkt ansprechen. Allez, Jean-Claude, allez, Giselle! Hat motivierende Wirkung, sagt meine Frau, mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Manche Läufer lassen sich die ausgestreckten Hände abklatschen. Habe ich auch ein paar Mal gemacht. Ist aber ziemlich naß. Und klebrig. Schweiß mit Energieriegelresten. Bestenfalls. Eher eklig.

Kilometer 31 war schwieriger zu erreichen. Die Direkt-Tram ab Kilometer 19 außer Dienst wegen des Marathons. Damit hätte ich rechnen können. Stattdessen drei Mal umsteigen mit der Metro. Die Metro natürlich berstend voll. Und dann noch über den Fluß laufen mit dem schwerem Rucksack. Punktgenau am Treffpunkt vor dem großen Baum links Ecke rue Mirabeau und rue Wilhem. Kaum Publikum.

Ab Kilometer 30 hatten wir Angst vor der „mur„, der Mauer. Auch der „Mann mit dem Hammer“ genannt oder das „Tal der Qualen“. Das ist dann, wenn die Glykogenspeicher alle aufgebraucht sind und die Fettspeicher auch nicht schnell genug Energie bereitzustellen in der Lage sind. Dann geht gar nichts mehr. Das muß so sein wie Tank leer. Und Schmerzen dazu. Wegen der ganzen Milchsäure in den Muskeln. Oder der Krämpfe. Nichts geht mehr. Nur Stehenbleiben, Abwarten. Was trinken, Energieriegel. Zuspruch vom Publikum. Allez-allez-allez! Dazu vielleicht ganz langsam gehen. Kann man sich aber eigentlich nicht erlauben, ganz langsam, weil man ja noch gut zehn Kilometer vor sich hat. Physischer und psychologischer Nulldurchgang. Blieb bei meiner Frau aus. Da ist sie wohl deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben. Kam immerhin aufrecht durchs Ziel. Unter fünf Stunden. Vier Stunden 54 Minuten. 04:54:13.

Nicht zu vergleichen gegen die zwei Stunden, fünf Minuten des Siegers. 2:05:48. Mark Korir. Über seine 42,195 Kilometer läuft der so schnell wie ich mit dem Fahrrad gefahren wäre. Fast so schnell. Macht das eben mal mit seinen prallen Glykogenspeichern. Vielleicht noch ein paar Pappbecher Wasser unterwegs. Aber wohl auch nur, weil sein Coach ihm das immer wieder sagt. Bevor der eine Ahnung von Durstgefühl entwickelt, steht der schon wieder unter der Dusche. Mark stammt aus Kenia. Schwarzafrika macht die ersten zehn Plätze vorwiegend unter sich aus. Liegt vermutlich an den Genen. Ein paar Zentimeter Genmaterial von der Gazelle oder dem Geparden im DNA-Strang vielleicht.

Das Bier am Ende hätten wir uns zwar verdient, die Läuferin und ihr Sherpa, gab es aber nicht. Zu sportlich das Umfeld vor dem Arc de Triomphe. Kein Alkohol. Und dann mußten wir uns beeilen, den TGV nach Hause zu kriegen. Zuviel Schlange vor dem Dosenbier-Verkauf im Bahnhof.

Nächstes Jahr laufen wir wieder. 3. April 2016. Ich würde Dir, liebe Schwägerin, eine Halb-Liter-Flasche abgeben können von meinem grünen Zaubertrank an Meile 12 und Kilometer 31.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Schschsch!

Freitag, 8:24 Uhr.

Ich bin zuständig für die Säle drei und vier. Zweimal HNO. Beide Säle wie ausgestorben. Es muß aber schon jemand da gewesen sein. Die OP-Leuchten sind eingeschaltet und der Narkosemonitor in Saal 3 gibt verzweifelt Alarm, weil er keine Daten empfängt und er glauben muß, daß sich das zu überwachende Subjekt in ernsthafter Gefahr befindet. Außerdem liegen ein paar chirurgische Gerätschaften auf einem grün dekorierten Tisch in der Ecke. Saal vier das gleiche Bild. Also wahrscheinlich Kaffeeküche. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erstmal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochenende? In welchem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chirurgen für Saal 3 und 4 angerufen? – Der Chef  – le cadre – wollte sich darum kümmern! Der Cadre ist im Aufwachraum. Unterwegs mit einem kleinen Stapel Papier. Ein Dossier vermutlich. Cadres sind die mit Dossiers in der Hand. Es gibt unglaublich viele Cadres für das Pflegepersonal. Ausgeprägte hierarchische Struktur. Pflegedienstleiterin, Stellvertreter, Cadres für jede Station. Der Kreißsaal braucht sogar zwei Cadres. Wenn die sich nicht gerade in ihren tageslichtdurchfluteten Büros verstecken, wandeln sie mit einen Stapel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedrucktes Papier zur Hand ist, reicht auch ein wichtig gezückter Kugelschreiber. Bevorzugt halten sie sich außerhalb ihrer Station auf. Obwohl allesamt sehr gut ausgebildete Pflegekräfte, haben sie seit Jahren schon keinen echten Patientenkontakt mehr. Cadres eben. Manchmal sieht man sie in Gruppen auf Korridorkreuzungen. Plaudern zu zweit, gerne zu dritt, selten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion. Réunion braucht einen Saal in der Verwaltungsetage. Und ein Thema. Geht aber auch ohne echten Anlaß. Hauptsache Saal. Wenn man erstmal in einem Saal mit Tisch und weichen Sesseln sitzt, findet sich schon auch was zu bereden. Während der Woche wird die Réunion bevorzugt anberaumt von zwei bis vier, am Freitag besser von zehn bis zwölf. Wichtig ist immer der direkte Übergang in den Feierabend oder zumindest in die Mittagspause. Der leitende OP-Pfleger, mit dem obligaten Dossier in der Hand, ist auf dem Weg in eine Réunion. Ziemlich früh eigentlich. Wahrscheinlich muß er seinem Dossier noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ein Zufall, daß ich ihn noch im Aufwachraum antreffe. Daß er jetzt noch Chirurgen finden muß, paßt ihm gar nicht ins Konzept. Muß ich jetzt auch noch für die HNO-Doktoren den roten Teppich ausrollen, fragt er und deutet auf sein Dossier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Widerwillig telefoniert er dann doch.

In Saal drei ist inzwischen mein Patient angekommen. Mit den Schwestern. Valérie für die Chirurgin, die angeblich heute schon jemand gesehen hat, und Suzy von der Anästhesie. Mein Patient ist ein siebenjähriger Junge und soll an den Mandeln operiert werden. Er ist erstaunlich ruhig für den herrschenden Lärmpegel. Valérie und Suzy haben sich viel zu erzählen. Und weil sie beide viel und gleichzeitig zu erzählen haben, müssen sie laut genug reden, um sicher gehört zu werden. Dazu der Monitor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minuten. Suzy drückt den gelben Knopf zur Alarmunterdrückung. So eine Ruhe! Stille geradezu. Der kleine Patient wird an den Monitor angeschlossen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitronengeruch gewünscht. Mädchen bevorzugen Erdbeere. Er muß in die Maske pusten, weil das eine gelbe Linie auf den Monitor macht. Je mehr er pustet, desto schöner ist die Kurve. Macht er wunderbar und sehr engagiert. Dann aber ist der Zitronengeruch plötzlich weg und es riecht mehr nach Chemie. So gefällt ihm das Kurvenspiel auch nicht mehr wirklich und er wird unruhig.

In diesem Moment betritt Marie-Élise den Saal. Marie-Élise ist die Chirurgin. Marie-Élise ist bekannt dafür, daß sie auch sehr viel zu erzählen hat. Und sich Gehör zu verschaffen weiß. Mit Suzy und Valérie wächst sich das schnell zum akustischen Tsunami aus.

Schschsch wirkt nur noch dreißig Sekunden.

Wichtig ist dabei vor allem, daß man den kleinen Patienten nicht aus den Augen läßt. Der Monitor würde sich vergeblich um Aufmerksamkeit bemühen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


3904 Zeichen für Ailas Juli-Heft 2017:

Ich bin zuständig für die Säle drei und vier. Zweimal HNO. Beide Säle wie ausgestorben. Es muss aber schon jemand da gewesen sein. Die OP-Leuchten sind eingeschaltet und der Narkosemonitor in Saal 3 gibt verzweifelt Alarm, weil er keine Daten empfängt und er glauben muss, dass sich das zu überwachende Subjekt in ernsthafter Gefahr befindet. Außerdem liegen ein paar chirurgische Gerätschaften auf einem grün dekorierten Tisch in der Ecke. Saal vier das gleiche Bild. Also wahrscheinlich Kaffeeküche. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erstmal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochenende? In welchem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chirurgen angerufen? Le cadre – der Chef – wollte sich darum kümmern!

Der Chef ist im Aufwachraum. Unterwegs mit einem kleinen Stapel Papier. Ein Dossier vermutlich. Chefs sind die mit Dossiers in der Hand. Es gibt unglaublich viele Chefs für das Pflegepersonal. Ausgeprägte hierarchische Struktur. Pflegedienstleiterin, Stellvertreter, Chefs für jede Station. Der Kreisssaal braucht sogar zwei Chefs. Wenn die sich nicht gerade in ihren tageslichtdurchfluteten Büros verstecken, wandeln sie mit einen Stapel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedrucktes Papier zur Hand ist, reicht auch ein gezückter Kugelschreiber. Bevorzugt halten sie sich außerhalb ihrer Station auf. Obwohl allesamt gut ausgebildete Pflegekräfte, haben sie seit Jahren schon keinen echten Patientenkontakt mehr. Chefs eben. Manchmal sieht man sie in Gruppen auf Korridorkreuzungen. Plaudern zu zweit, gerne zu dritt, selten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion, eine Besprechung. Für eine Besprechung braucht man einen Saal in der Verwaltungsetage. Teppichboden, dezentes Ambiete. Und ein Thema. Geht aber auch ohne. Wenn man erstmal in weichen Sesseln um einen runden Tisch und sitzt, findet sich schon auch was zu bereden. Wichtiges Kriterium einer Besprechung ist der direkte Übergang in den Feierabend oder zumindest in die Mittagspause.

Der OP-Chef ist auf dem Weg in eine Besprechung. Ziemlich früh eigentlich. Er muss seinem Dossier noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ein Zufall, dass ich ihn noch im Aufwachraum antreffe, sagt er. Passt ihm gar nicht ins Konzept. Muss ich jetzt auch noch für die HNO-Doktoren den roten Teppich ausrollen, fragt er und deutet auf sein Dossier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Widerwillig telefoniert er dann doch.

In Saal drei ist inzwischen mein Patient angekommen. Mit den Schwestern. Valérie und Suzy. Mein Patient ist ein siebenjähriger Junge und soll an den Mandeln operiert werden. Er gibt sich erstaunlich gelassen für den herrschenden Lärmpegel. Valérie und Suzy haben sich viel zu erzählen. Und weil sie beide viel und gleichzeitig zu erzählen haben, müssen sie laut genug reden, um sicher gehört zu werden. Dazu der Narkosemonitor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minuten. Suzy drückt den gelben Knopf zur Alarmunterdrückung. So eine Ruhe! Stille geradezu. Der kleine Patient wird an den Monitor angeschlossen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitronengeruch gewünscht. Mädchen bevorzugen Erdbeere. Er muss in die Maske pusten, weil das eine gelbe Linie auf den Monitor macht. Je mehr er pustet, desto schöner ist die Kurve. Macht er wunderbar und sehr engagiert. Dann aber ist der Zitronengeruch plötzlich weg und es riecht mehr nach Chemie. So gefällt ihm das Kurvenspiel auch nicht mehr wirklich und er wird unruhig.

In diesem Moment betritt Dominique den Saal. Dominique ist die Chirurgin. Sie ist bekannt dafür, dass sie auch sehr viel zu erzählen hat. Und sich Gehör zu verschaffen weiß. Mit Suzy und Valérie wächst sich das schnell zum akustischen Tsunami aus.

Schschsch wirkt nur noch dreißig Sekunden.

Wichtig ist dabei vor allem, dass man den kleinen Patienten nicht aus den Augen lässt. Der Monitor würde sich vergeblich um Aufmerksamkeit bemühen.

 

3.652 Zeichen

Zweitausend Zeichen gesteht mir die Redakteurin zu. Den Fokus auf meinen Beruf, Anästhesist, „gewürzt“ mit Besonderheiten aus französischem Krankenhausalltag. Wünscht sich die Redakteurin. Zweitausend Zeichen. Das ist nicht viel für gewürzten Alltag mit Fokus. Zweitausend Zeichen sind im französischen Krankenhausalltag schon gesagt, bevor der Tag überhaupt richtig anfängt.

Mein Alltag findet vorwiegend im bloc opératoire statt. Im OP. Da gibt es OP-Schwestern, die ab halb acht in ihrem Saal Instrumente für ihre Chirurgen auspacken, nett drapiert auf sterilem Grün. Anästhesiepersonal, das die Funktionsfähigkeit der Maschinen prüft, Spritzen vorbereitet und nett zu den Patienten im Vorraum ist. Der Chirurg hat seinen Auftritt typischerweise um 8:45 Uhr. Also, um genau zu sein, nicht vor 8:45 Uhr. Der Anästhesist ein bißchen vorher, ab halb neun. Normalement. Bis dahin sind die Schwestern und Pfleger mit ihren Vorbereitungen längst fertig und warten in der Kaffeeküche. Rufen den jeweiligen Arzt auf seinem Portable an: wir sind fertig, du kannst kommen. Der Arzt sagt am Telefon „j’arrive“. Wenn man verschlafen hat und unter der Dusche erwischt wird, kann man „j’arrive“ sagen. Das gleiche „j’arrive“ würde man auch aus der Umkleide nebenan verkünden. J’arrive umschreibt ein äußerst großzügiges zeitliches Spektrum. Alles ist drin von „sofort“ bis „heute noch, ganz sicher“. Das ist im Hôpital nicht anders als mit dem Plombier, auf den man seit dem frühen Morgen verzweifelt wartet.

Wenn ein Doktor „j’arrive“ gesagt hat, kann das zugeteilte Pflegepersonal sagen: „il arrive“. Und schon gilt auch für sie das gleiche zeitliche Spektrum. Großzügig. Das ist eigentlich ganz angenehm. Wenn der Chef fragt, warum es nicht weiter geht, kann man sagen „il arrive“. Das reicht völlig als Legitimation. Und für einen Kaffee. Einen mindestens. Zum Kaffee im großen Kreis plaudert es sich gut über Einzelheiten des Menüs von gestern Abend, das Auswärtsspiel des RCT vom Samstag, die Kinder, die aktuelle Diät. Natürlich auch über den spannenden Kaiserschnitt letzte Nacht und wie blöde das ist, daß man schon wieder auf den Doktor warten muß. So wie immer eigentlich. Dabei weiß der doch, daß er ein volles OP-Programm hat! Und daß der Chef da endlich mal eingreifen müßte.

Da sind zweitausend Zeichen schnell gesagt.

Zu meinem Auftritt, meist kurz nach halb neun, sitzen die meisten Schwestern und Pfleger mit ihrem Kaffee in der Kaffeeküche. Alle Anwesenden müssen geküßt werden. Alle. Alle wollen geküßt werden. Bises links und rechts, salut, tout va bien? Dazu kleiner Smalltalk, kleiner Scherz. Du bist aber schlecht rasiert heute! Wenn man jemanden vergißt, muß man mit lautstarkem Protest rechnen. Alleine in diesem Kontext sind auch meine zweitausend Zeichen wahnsinnig schnell gesagt. Zweitausend Zeichen sind nur eine gute halbe Seite.

Früher war das anders. Früher, in einem Provinzkrankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets. Ende des letzten Jahrtausends. Visite auf der Intensivstation halb acht. Halb acht! Steile Hierarchie. Chefarzt, Oberärzte, Fußvolk. 7:31 Uhr. Ein geflüstertes „Guten Morgen“. Zwölf Zeichen. Dienstbeginn ist sieben Uhr dreißig, Herr Diehl. – Tut mir leid, Frau Chefärztin. Ich war im Stau wegen Unfall auf der Provinzialstraße. Nochmal gut achtzig Zeichen. In der Kaffeeküche des OP saß morgens niemand. Keiner hatte Zeit zu sitzen. Und geküßt wurde da ohnehin nicht. Früher, zu Ende des letzten Jahrtausends im nordöstlichen Ruhrgebiet, kam ich im Krankenhausalltag mit zweitausend Zeichen problemlos bis in die Kantine mittags.

Das sind nun 3.652 Zeichen geworden. Bleibt abzuwarten, was die Redakteurin dazu sagt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


8. Mai

Auch Redakteurinnen können nicht anders. Sie müssen einfach was wegkürzen. Sie haben ja schließlich auch Vorgaben – andere Beiträge, Werbung, Quadratzentimeter hier und da. Ich kann mit dem Resultat leben. Ist abgedruckt in der Mai-Ausgabe der Riviera Zeitung.

Ainörnschen

Früher, als ich noch jung war und sportlicher, als ich noch zur Schule ging, ins Gymnasium in eine schwäbische Kreisstadt, aus meinem Dorf in die Kreisstadt, fuhr ich diese gut zehn Kilometer oft, na ja, immer wieder, mit dem Fahrrad. Bergauf, bergab. Mehr bergauf als bergab. Der letzte Kilometer von meinem Dorf in die Kreisstadt leicht bergab. Auf diesem letzten Kilometer wurde ich oft, na ja, immer wieder, von einer Ente überholt. Heutzutage werden Enten automatisch mit den Attributen alt und klapprig versehen, früher war die ja wahrscheinlich noch mehr oder weniger neu. Trotzdem ist sie mir als alt und klapprig in Erinnerung. Enten wurden vermutlich schon als alt und klapprig ausgeliefert. Savoir vivre aus Frankreich. Diese Ente damals war blaßgrau oder -blau und hatte neben der obligaten Atomkraft-nein-danke-Sonne noch einen Aufkleber: Honi soit qui mal y pense. Überzeugter Akademiker, Grünen-Wähler. Wahrscheinlich ein Lehrer.

Damals hatte ich zwar schon Französisch, als dritte Fremdsprache nach Englisch und Latein, und habe den Spruch auch als Französisch erkannt. Aber nicht verstanden. Ich wußte nicht, wer Honi war. Und „soit“ habe ich auch nicht als Derivat des Hilfverbs „être“ erkannt. Hat mich auch nicht weiter interessiert. Meine drei Jahre Französisch waren ein einziges Debakel. Die ersten Stunden waren noch gut, der Lehrer damals ausgesprochen frankophil, rundlich, wenig Haare, eitel und selbstzufrieden. Einer wie Hercule Poirot, der belgische Detektiv von Agatha Christie. In der Darstellung von David Suchet. So einer. Und die gleiche Arroganz.

Am Anfang fand ich die Sprache faszinierend. Mit den X am Ende wie bei Asterix und all diesen anderen Buchstaben, die man nicht hört. Ich dachte, ich kann das. In der ersten Klassenarbeit, einem Diktat, hatte ich zu meiner erheblichen Verwunderung eine glatte sechs. Ich kann mich noch heute an dieses Gefühl erinnern. Diesen Absturz aus euphorischer Erwartung einer Note, die mir zum Klassenbesten gereicht hätte. Weil ich mir doch so sicher war, mit den X und S am Ende und all den anderen Buchstaben, die man schreibt, aber nicht hört, umgehen zu können. Und dann das! Glatte sechs. Zuviele Fehler pro Zeile. Ich hatte Buchstaben geschrieben, wo keine sein durften und Buchstaben weggelassen, die man ohnehin nicht hört. Meine Motivation war weg. Null. Minus zehn. Ich fand die Sprache albern mit diesen Nasallauten und schwachsinnig mit diesen Regeln, die nie wirklich funktionieren, den unzähligen Buchstaben, die man nicht hört. An schlechten Tagen finde ich sie immer noch albern mit diesen Nasallauten. Affektiert. Immer noch. Vielleicht auch wegen eines selbstgefälligen Typen, der sich an der Tafel wie Hercule Poirot inszenierte. Vor fast vierzig Jahren.

Vor gut zehn Jahren erst habe ich verstanden, daß „Honi“ kein Name ist. Und auch „soit“ konnte ich einordnen. Google macht es heutzutage ohnehin ganz leicht.

Meiner Tochter geht es schon mit ihrer ersten Fremdsprache auch nicht viel besser. Maureen, ihre französische Deutschlehrerin, würde immer „Ainörnschän“ sagen statt „Ainörnschän“, berichtet sie. – Häh? Ich verstehe nicht. – Ja, sie würde immer Ainörnschän sagen statt Ainörnschän. Sie könnte nicht Ainörnschän sagen. Ich bin nicht in der Lage, das Wort meiner Tochter zu erkennen. Ainörnschän? Geschweige denn, den Unterschied zu finden zwischen den beiden angebotenen Versionen. Was kann das sein? Ich muß es selbst ein paar Mal laut sagen. Ainörnschän, Ainörnschän – ah! Meine Tochter meint Eichhörnchen.

An der Aussprache des deutschen Worts für das putzige Écureuil (Sciurus vulgaris) läßt sich der deutsche Muttersprachler vom französischen Deutschschüler klar differenzieren. Vermutlich sogar von der französischen Deutschlehrerin. Gleich zwei schwierige Laute, grenzwertig für französische Kehlen, in einem Wort. Eine linguistische Herausforderung. Das H, welches zuhause ohnehin immer stumm bleibt, und das CH, dessen Modifikation ins SCH den Franzosen zu soviel Charme verhilft im Deutschen. Und dann auch noch in unmittelbarer Folge. Eich-Hörn-Chen. Meiner Tochter – leider mehr französische Deutschschülerin als deutsche Muttersprachlerin – verlangte die korrekte Aussprache einiges an Konzentration und Training ab. Inzwischen kann sie das Eichhörnchen. Manchmal vereinfacht es sich noch in ein Einhörnchen.


11. November

Fast unverändert abgedruckt in der November-Ausgabe von „Riviera – Das Magazin“


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Küchenaktivitäten

Wochenende im Krankenhaus. Dienst. Ein bißchen so wie im Puff. Präsenz, Lächeln so gut es geht, Hinhalten, wenn es soweit ist, Warten, bis es vorbei ist. Zweimal Orthopädie direkt nach dem Frühstück. Ein Handgelenk, ein Oberschenkel. Mit dem italienischen Kollegen Marco R.. Mag ich nicht so gerne, weil er mit der Anästhesie selten direkt spricht, sondern vorzugsweise über die Schwestern oder, schlimmer noch, über die Zentrale. Doktor R. operiert ein Handgelenk um zehn Uhr. Aha. Ich finde, sowas sollte direkt besprochen werden. Zwischen Kollegen. Die Schwestern finden ihn toll, mit seinem schweren italienischen Akzent, dem rollenden R. Und behaupten, er sähe so gut aus. Sooo gut! Vielleicht halten sie deswegen, weil sie ihn so schön, sooo schön finden, seinen Akzent auch so gut aus. Oder umgekehrt. Der Akzent mit den rollenden Rs läßt ihn gut aussehen in Schwesternaugen. Wer weiß das schon so genau? Kann man Schwestern wirklich verstehen? Frauen? Wie wirkt das rollende R auf Frauen? Vielleicht auch bin ich einfach nur eifersüchtig. Marco R. ist immerhin gut fünfzehn Jahre jünger als ich. Und Chirurg eben. Dazu laut eigenen Angaben durchtrainierter Sportler. Beim letzten regionalen Triathlon kam er auf eine erwähnenswerte Plazierung. Angeblich. Wobei ein echter Macho natürlich auch zu hemmungsloser Korrektur des Selbstbildes neigen mag.

Zwischendurch mußte ich die Schwestern mit Marco im OP alleine lassen, um andere Patienten auf den Stationen zu prämedizieren. Orthopädie für Montag und zwei Gallen. Danach kurzer Abstecher in die Geburtshilfe. Mache ich immer, sehen, wer da ist. Laetitia war da und Magali. Und eine Blonde, die mich schon kannte, ich mich aber nicht an sie erinnern konnte. Auch diesmal habe ich ihren Namen gleich wieder vergessen. Pauline vielleicht. Wird trotzdem geküßt. Wenn man eine küssen will in einer Gruppe, muß man auch die anderen küssen. Egal. Laetitia saß mit ihren Kolleginnen beim Mittagessen. Dessert, Joghurt, Obst. Die saßen da also schon eine Weile. Gibt’s was bei euch? Eine Erstgebärende unter Beobachtung. Ein bißchen Wehen. Nach Irgendwas zur Weheneinleitung. Bis später vielleicht. Und guten Appetit noch.

Chadia B. ist die diensthabende Gynäkologin. Ihr Gatte, le docteur F., ist auch Gynäkologe. Den kenne von früher aus dem Krankenhaus in Toulon. Ein Meister der experimentellen Laparoskopie. Minimal invasiv, maximal okkult. So einer. Spritzende Blutung an der Ovarialzyste. Und hartnäckige Versuche, die kleine, böse Arterie in einem knöcheltiefen Teich hellroten Bluts zu finden. Es gibt ja auch Lottogewinner. Kann ja gutgehen. Bis der Sauger voll ist. Und der Anästhesist wegen der Alarme auf seinem Monitor aufwacht, weil der Blutdruck der Patientin weg ist. Und laut nach Blutkonserven schreit. Und Plasma. Und all dem, was man im hämorrhagischen Schock halt so braucht. Ist mir einmal passiert. Danach durfte Doktor F. nicht mehr operieren ohne einen Vorrat von vier Tüten Blut im Kühlschrank. Und wurde im leisesten Ansatz zu okkultem Aderlass angebrüllt. Chadia B. hat nach meiner Zeit in Toulon lange auch dort gearbeitet. Jetzt ist sie bei uns. Meine Frau hat den direkten Vergleich. Ein bißchen besser als ihr Mann, sagt sie. Nicht viel. Ein Kaiserschnitt dauert auch mal neunzig Minuten. Neulich ließ sie bei uns im Kreißsaal eine Frau mit totem Kind im Bauch, sechster Monat oder so, fast verbluten. Die Blutgerinnung kaum mehr meßbar und das Hämoglobin von knapp vierzehn auf fünf Komma drei. Ob es da nicht alternative Lösungen gegeben hätte? Würde ich so als unbefriedigend empfinden. Wagte ich anzumerken. Wie ich denn dazu käme, in diesem Ton mit ihr zu reden?

Seitdem würde ich unser Verhältnis als getrübt bezeichnen.

Fünf Minuten, na gut, gerade mal zehn Minuten nach meinem Besuch im Kreißsaal, die Hebammen in aller Ruhe beim Dessert, 12:58 Uhr, rief mich Magali an, die Hebamme. Chadia will einen Notfallkaiserschnitt. Code rouge. Wow! Warum das denn? Gerade war doch noch alles schön. Wegen unschönen Rhythmus‘, sagt Magali. Und retroplazentären Hämotoms. Retroplazentäres Hämatom! Kann man sowas im CTG erkennen? Nach drei kontraktionssynchronen Verlangsamungen im kindlichen Rhythmus? Von 120 auf 105? Gerade mal als Delle in der Kurve zu erkennen. Notfallkaiserschnitt! Ist das glaubhaft? Nach drei Minuten im Kreißsaal eine vitale Indikation stellen können? Aus dem CTG? Von 120 auf 105? Ob ich denn noch Zeit hätte, eine Spinale zu stechen? Wenn ich nicht länger brauchen würde als fünfzehn Minuten. Aha. Ist das kohärent? Glaubhaft? Retroplazentäres Hämatom, ist das nicht eine Frage von einigen wenigen Minuten? Ist das nicht der Kaiserschnitt im Bett, auf dem Flur, sonstwo? 13:34 Uhr war das Kind da. Ein Junge. Nicht wirklich gut. APGAR vier vielleicht. Hatte auch zwei Nabelschnurschleifen um den Hals. Hätte man sicher früher oder später per Kaiserschnitt holen müssen. Als Schein-Notfall aber? Unter plakativer Diagnose?

Ich glaube, Chadia B. hat sich beim Dessert mit ihrem Mann docteur F. in die Haare bekommen. Beim Dessert spätestens, vielleicht vorher schon. Küchenaktivitäten können konjugale Spannungen dramatisch akzentuieren. Oder die Kinder sind vor dem Dessert vom Tisch aufgestanden. Geht nicht in Frankreich. Das alleine legitimiert schon einen Wutanfall. Vielleicht hat Doktor F. die gemeinsamen Kinder in Schutz genommen. Geht erst recht nicht, wie soll denn so Erziehung funktionieren? Wutanfall, Abgang. Ich würde in der cholerischen Krise vermutlich Teller an die Wand werfen oder Türen eintreten. Schlimmstenfalls. Bei Chadia B. muß es eben ein Kaiserschnitt sein. Darauf kommt es dann auch nicht mehr an. Auch gut.

Danach Pause bis fünf, weil Marcos weibliche Fans essen wollen. Essen geht nicht unter zwei Stunden. Nicht in Frankreich. Plus Sieste. Um fünf noch ein kaputter Oberschenkel.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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