Weihnachten

Allô?

Ich erkenne an der Nummer, wer mich da anruft. Ich melde mich trotzdem mit Hallo?, weil alle das so machen.

Allô?

Das ist Manus Bruder. In Frankreich wird – auch weit jenseits des Zeitalters aufkommender analoger Telekommunikation – zunächst die Stabilität der Leitung geprüft.

Oui, bonjour, c’est Monsieur Diehl!

Sage ich, als ob er das nicht wüßte. Er hat mich ja aus seinem Telefon selbst angerufen. Machen aber alle so.

Bonjour, c’est le Père Noël!

Der Weihnachtsmann! Gestern mußte ich am Telefon laut werden mit Manus Bruder. Ein bißchen teutonisch, ich muß es zugeben. Ich konnte meine Genetik nicht mehr unter Kontrolle halten. Manus Bruder bezieht sich auf meine Ansage, ich wäre nicht gewillt, bis Weihnachten auf die Dämpfer der Heckklappe zu warten. Manus Bruder kann richtig komisch sein. Er ist der Weihnachtsmann! Und das, obwohl er im Laden immer die Drecksarbeit machen muß. Immer ist er mit dem Staubsauger unterwegs und der Werkzeugkiste. Wenn er morgen immer noch witzig ist, grillen wir demnächst zusammen.

Manu selbst ist der Patron. Manu ist deutlich weniger witzig. Er ist Gebrauchtwagenhändler. Er muß sich um den Papierkram kümmern. Unter anderem. Für jedes Auto ein Kraftumschlag in DIN A 5. Die Umschläge ihrerseits in kleinen Plastikkisten, etwa zwanzig pro Kiste. So ist Papierkram anstrengend. Er verkauft direkt an der Nationalstraße Autos, die sonst keiner mehr verkauft. Zur Zeit steht eine ganze Flotte Renault von der Post auf seinem Hof. Gelbe Lieferwagen jeder mit rund einer halben Million Kilometern auf dem Zähler. Neulich konnte man da auch was Großes von Mercedes-Benz sehen, aber das war vermutlich Manus Eigenbedarf. Mir hat er Ende Juli (Juli! Da war noch Sommer, das war vor sieben Wochen) einen grausilbernen Renault verkauft. Zehn Jahre alt, aber in Ordnung. Für mich als Laien zumindest in Ordnung. Das Auto fährt geradeaus, alle Gänge funktionieren, die Bremsen bremsen gleichmäßig. Keine unangenehmen Geräusche, keine Ölspuren. Eine Schlüsselkarte muß neu programmiert, die Klimaanlage aufgefüllt werden. Okay. Was will ich erwarten zu dem Preis? Und die Dämpfer der Heckklappe funktionieren nicht. Er will mir allerdings Ersatz beschaffen. Bis morgen, spätestens übermorgen. Ende Juli.

Ne vous inquiétez pas.

Dann, vier Tage und keine hundert Kilometer später, ließ mich der Renault mit defektem „Turbo“ auf der Autobahn im Stich. Manu selbst ist, wie gesagt, weniger witzig als sein Bruder, auch weil er sich nicht nur um den komplizierten Papierkram in den Kistchen kümmern muß, sondern auch um die Reklamationen. Meine Reklamation hat ihm gar keine Freude bereitet. Ich habe ihn über Wochen jeden Tag angerufen, fast jeden Tag. Meine Enttäuschung nicht verhehlt. Meinem Ärger gelegentlich freien Lauf gelassen. Mit dem Rechtsanwalt gedroht. Teutonische Veranlagung eben. Manu blieb gelassen:

Ne vous inquiétez pas! Je m’en occupe. Je vous tiens au courant!

Bleiben Sie ganz ruhig! Ich kümmere mich darum. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Aber, das müßte ich verstehen, es wäre immerhin August und der Hersteller und sein Lieferant und der Lieferant des Lieferanten wären wohl im Urlaub. Ich rufe Sie an, wenn der Turbolader da ist. Fünf Wochen lang. Fünf! Fast jeden Tag. Jedes Mal der gleiche Text. Ne vous inquiétez pas! Aber ich müßte auch verstehen und so weiter. Für teutonische Veranlagung blieb ich sehr gelassen. Finde ich.

Letzte Woche waren der Turbo-Hersteller und die Lieferantenkette endlich aus den Sommerferien aufgewacht und Rachid, Manus Mechaniker, würde das Teil einbauen. Morgen, spätestens übermorgen. Tatsächlich konnte ich den Renault zwei Tage später abholen.

Die Heckklappendämpfer waren über dem ganzen Ärger mit dem Turbolader leider in Vergessenheit geraten. Der witzige Bruder übernahm. Da wußte ich aber noch nicht, wie witzig der Bruder sein konnte.

Ne vous inquiétez pas! Je m’en occupe. Je vous tiens au courant!

Das war nun eindeutig zuviel für meine teutonische Veranlagung. Das kannte ich schon vom seinem Bruder, dem Patron. Ich konnte nicht mehr anders, als meinem Ärger freien Lauf zu lassen, mit dem Rechtsanwalt zu drohen und auf den Einbau der Dämpfer deutlich vor Weihnachten zu bestehen. Das war gestern.

Heute ist Weihnachten.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Elternabend

Ab 17:30 Uhr. Mein Sohn hätte mir nichts davon erzählt. Hätte es wahrscheinlich unauffällig unter den Tisch fallen lassen. Und ich hätte eine gute Entschuldigung gehabt, nicht dort gewesen zu sein. Bei der Durchsicht seiner Schulsachen geriet mir der Zettel zwischen die Finger. Zufällig. Petit rappel! Rencontre professeurs-parents 17:30 heures le 14 septembre. – Kleine Erinnerung! Elternabend am 14. September um 17:30 Uhr. Ein Zettel in verbessertem Briefmarkenformat. Manchmal entwickelt diese Schule ökologische Anwandlungen. Daß so winzige Zettelchen auch verlorengehen können, ist vielleicht auch Absicht. Je weniger kleine Erinnerungen von Eltern gefunden werden, desto weniger davon kommen. Desto weniger unangenehme Zwischenfragen und vor allem, desto schneller Feierabend. Lehrer sind auch nur Menschen.

17:30 Uhr ist eine tendenziell sportliche Herausforderung. Ich muß die Kinder nach Schulende um halb fünf zum Schwimmtraining ins Bad am Hafen bringen und im Pendlerverkehr zurück zur Schule kommen. Und dann, vor allem, einen Parkplatz in der Nähe der Schule finden. Im Eingangsbereich zum Auditorium, wo dieser Elternabend eigentlich stattfinden sollte, hängen Zettel aus. Programmänderung: Jede Klasse hat einen individuellen Raum. Es gibt vier Klassen 5ème. 1 bis 4. Woher soll ich denn wissen, in welcher 5ème mein Sohn ist? 2 vielleicht? Hat er zwei gesagt? 2 kommt mir bekannt vor. Im entsprechenden Raum sehe ich Arthur. Arthur, weiß ich, ist in der Klasse meines Sohnes. Vor Arthur ist noch ein Platz frei.

17:38 Uhr auf der Uhr an der Wand. Eigentlich ganz gut im Timing.

Vorne spricht eine dunkelhaarige Mittvierzigerin in knallgrünem Blouson über schwarzer Kombination. Sie trägt eine Brille und ein Dauerlächeln.

Qui c’est? frage ich Arthur. Wer ist das?

Madame C., la prof principale.

Die Klassenlehrerin. Die Klassenlehrerin unterrichtet die Naturwissenschaften. Physik, Chemie, Biologie. Für Physik und Chemie braucht der Schüler einen Kittel. Der Kittel sei keine Option, der Kittel ist ein Muß, sagt sie. Ohne Kittel keine Teilnahme am Physikunterricht. Man kann den Kittel allerdings auch im Schülerbüro leihen. Ein Euro pro Unterrichtseinheit würde den Eltern dann in Rechnung gestellt werden. Das wäre nicht viel, sagt sie mit ihrem Lächeln, sondern mehr so als edukative Maßnahme gedacht. Aha. Edukative Maßnahme? Sollen die Eltern erzogen werden? Kauft Eurem Kind endlich einen Kittel! Anschließend fällt ihr ein, daß ja noch wichtige Unterlagen zu verteilen sind. Neun Blätter, einseitig bedruckt. Da hat die Schule ihr ökologisches Gewissen klar verdrängt. Wichtig ist wichtig. Das mit dem Kittel für Physik steht nicht drin. Die Schulordnung aber ist abgedruckt, die Planung der Klassenarbeiten, der Stundenplan. Der Stundenplan ist kompliziert. Zwei Blätter Anhang. Jede Woche ist ein bißchen anders. Unterschiedlich anders für die Schüler der Englisch-Gruppe und der Deutsch-Gruppe. Zwischenfrage aus dem Publikum:

Haben die Schüler das verstanden?

Sie wüßte, daß das nicht ganz einfach wäre, aber die Schüler haben das verstanden, sagt Madame C.. Ein Aufatmen geht hörbar durch die Reihen. Niemand mehr folgt den Ausführungen der Klassenlehrerinnen.

Maman! – Maman!

Arthur ruft im Flüsterton seine Mutter. Die sitzt ein paar Tische weiter rechts. Die Mutter reagiert erst auf wiederholte Ansprache.

Quoi?

Arthur möchte seine Teilnahme an der Réunion beenden, den Raum verlassen.

Tu me soûles!

Du gehst mir auf den Geist, zischt die Mutter. Erstaunte Blicke ringsum. Redet man so mit seinem Kind? In der Öffentlichkeit? Andererseits kann man Arthur verstehen. Er ist der einzige anwesende Schüler. Das nervt auch. Ich verstehe Arthur. Mit Arthur verbinden mich außerdem gemeinsame Erinnerungen. Seinetwegen hatte ich mich einen Mittwoch Nachmittag bei der Grundschulleiterin einzufinden. Arthur war Opfer einer ganz ungewöhnlichen Aggressivität meines Sohnes geworden. Arthur nervt manchmal durch seine penetrante Art. Okay. Der aggressive Ausbruch meines Sohnes war dennoch unverhältnismäßig. Richtig. Die Grundschulleiterin versuchte durch subtile Psychologie unser häusliches Gewaltniveau auszuloten. Fragen zu Geschwistern, Computerspielen, Internetkontrolle, familiären Dissonanzen. Machte sich Notizen. Letztendlich konnte sie von einer Benachrichtigung des Jugendamts offenbar absehen. Mein Sohn mußte einen Brief zur Entschuldigung verfassen.

Eine grauhaarige Dame in beigefarbener Kombination hat ihren Auftritt. Die Englischlehrerin. Schmallippig spricht sie über die Wichtigkeit des Englischen der heutigen Zeit im allgemeinen und die ihres Unterrichts im Besonderen. Mündliche Mitarbeit und Vokabeltraining wären die Grundfesten ihres Unterrichts. Und die Hausaufgaben. Diese häufig anhand der CD im Lehrbuch. Es gäbe schon, jetzt schon, Schüler, die diese Hausaufgaben nicht machen würden. Diese Schüler würden mit ernthaften Konsequenzen zu rechnen haben. Ich nehme mit vor, die Englisch-Hausaufgaben meines Sohns engmaschig zu hinterfragen. Dann fällt mir ein, daß mein Sohn zur Deutschgruppe der Klasse zählt. Mit dieser Dame wird er dieses Jahr nichts zu tun haben. Ein Glück.

Dann tritt der Sportlehrer auf. Werden hier alle Lehrer dieser Klasse ihren Auftritt haben? Religion, Kunst, Geschichte, Geographie? Deutsch, Latein? Jeder mit mindestens zehn Minuten Redezeit? Das verspricht, eine richtige Réunion zu werden. Der Sportlehrer ist etwas kurz geraten, kräftig, mit deutlichem Bauchansatz. Goldkettchen. Ein buntes T-Shirt „Key West, Florida„, bunte Palmen. Spannt ein bißchen über dem Bauchansatz. Nicht wirklich der Sportlehrertyp. Vor allem spricht er mit schweren Akzent aus Marseille. Das kostet ihn bei uns, hundert Kilometer weiter östlich, jegliche Glaubwürdigkeit. Er referiert trotzdem über sein Programm, welches durch den komplizierten Stundenplan nur schwer zu halten sein würde, von der Notengebung und von seiner Tischtennis-AG nach dem Mittagessen. Noch Fragen? Keine Fragen. Bedankt sich für die Aufmerksamkeit und wünscht einen schönen Abend.

Danach kein weiterer Gastauftritt aus dem Kollegium. Fehlt nur noch die Wahl des Elternsprechers. Es gibt nur eine Kandidatin. Somit könnten wir wohl von einer geheimen Wahl absehen, meint die Klassenlehrerin. Zustimmendes Raunen aus dem Publikum. Noch Fragen? Keine Fragen. Die Klassenlehrerin bedankt sich für unsere Aufmerksamkeit und wünscht uns einen schönen Abend.

18:17 Uhr zeigt die Uhr an der Wand. Wow! Das war phänomenal straff für einen Elternabend! Phänomenal straff insbesondere für einen französischen Elternabend! Bleibt mir Zeit genug, meine Tochter auf 18:45 Uhr vom Training abzuholen. Die Uhr im Nachbarsaal, da ist der Elternabend auch schon zu Ende, zeigt allerdings 18:23 Uhr. Die Echtzeit auf dem Display meines Handys liegt bei 18:32 Uhr. Das ist wie bei mir im Krankenhaus. Dort ist vor ein paar Jahren die Zentraleinheit für die Uhren ausgefallen. Nur noch die Drähte aus der Wand sind geblieben. Daran hängen jetzt Küchenmodelle von Ikea. Jeder OP, jeder Kreißsaal hat sein eigenes Modell, seine eigene Zeit. Zeitangaben haben höchstens die Rolle eines groben Richtwerts.

Und die Tochter wird sich ein paar Minuten gedulden müssen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Central Park

Mein Exemplar der „Riviera – Das Magazin“, eine regionale, deutschsprachige Monatsschrift, kommt zum Monatsende in einem weißen Hartpapier-Umschlag, ist immer ein bißchen zerknittert. Ist mit fast DIN A 4 eben einen Hauch zu groß für den gängigen Briefkastenschlitz. Mit im Umschlag, als Beilage, etwas kleiner, deswegen wohl auch nicht geknittert, im August die Broschüre „Private Residences“ einer Immobilienagentur. Hochglanz, viel blauer Himmel, viel blaues Wasser. Hochglanz-Immobilien, immer mit Pool, meist mit „fantastic views“ aufs Meer. Ich versuche, mir die Zielgruppe dieser Broschüre vorzustellen. „Riviera – Das Magazin“ hatte ich bislang nur im deutschen Generalkonsulat von Marseille gesehen. Im Wartezimmer vor Personal hinter Panzerglas und Gegensprechanlage. In dieses Wartezimmer kommt man als Normalmensch eigentlich nur, wenn man seinen Reisepass erneuern möchte. Touristen stranden hier, wenn ihnen das Auto geklaut worden ist samt Fotoapparat und Kreditkarte. Und ihnen nicht mal der ADAC hilft. Das ist eher nicht die Klientel für die Zweitresidenz im mindestens siebenstelligen Eurobereich. Wahrscheinlich hat „Riviera – Das Magazin“ Abonnenten im Hinterland der Côte d’Azur oder in Le Lavandou. Deutsche Rentner, die auf das Schnäppchen mit dem richtigem Wahnsinns-Meerblick lauern.

Auch im Heft selbst geht es gerne mal um Immobilien. Diesmal das riesige Anwesen von Johnny Depp. Ein ganzes Dorf. Der Bericht darüber findet sich auf Seite 13. Wurde in Zusammenarbeit mit einem Herrn aus der Immoblienbranche verfasst. 23 Millionen. Keine vue mer allerdings. Schade bei dem Preis. Was will man mit den vielen Gebäuden anfangen, wenn man mit seinen zweihundert besten Freunden nicht ein Glas Rosé mit Sicht bis Korsika trinken kann? Wozu braucht man die ganzen Hektar Land, wenn man nichts von Oliven- oder Weinanbau versteht? Wahrscheinlich durfte Aila, die Redakteurin, das Anwesen immerhin mal besichtigen. VIP-Luft schnuppern mit dem Herrn aus der Immobilienbranche.

Aila ist laut Impressum überhaupt „die Redaktion“. Sie gehört in der Zeitung zu den Wenigen, die wirklich arbeiten. Oder die Anderen waren für die August-Ausgabe gerade im Urlaub. Aila hat den Löwenanteil an der Arbeit im Sinne von inhaltlichem Output, dem Hauptanliegen eines Druckmediums. Ohne die Kollegen aus dem Marketing, dem Vertrieb, dem Sekretariat ginge natürlich gar nichts. Das darf nicht unterschätzt werden. So wie Chirurgen ohne Anästhesie. Geht auch gar nicht. Frau Hall ist die Chefredakteurin. Frau Hall muß das Editorial schreiben. Vom Umzug der Zeitung berichten, einer Namensänderung des Magazins „aus rechtlichen Gründen“, Modifikationen unter anderem im Layout. Es klingt ein bißchen wie eine Rechtfertigung. Sechzehn Zeilen. Außerdem war die Chefredakteurin schön essen. Fisch. In einem traditionsreichen Restaurant, in dem auch schon Pablo Picasso dinierte und die Bardot. Früher mal ein Insidertipp. Heute gehobene Preisklasse. Ein paar Worte noch über Fürst Albert von Monaco und dem prächtigen Gedeihen der Wirtschaft im Felsenstaat sowie dem der kleinen Zwillinge. Die schlafen übrigens durch. Immerhin sechs bis sieben Stunden. Seite sieben. Das war’s. Den redaktionellen Rest machen Aila und ihre Praktikantin. Außer ihrem Bericht über das Anwesen von Johnny Depp findet sich ein Interview mit einem deutschen Fernseh-VIP, ein Bericht über die Auswilderung von Bartgeiern, Lieblingsstrände mit Öko-Prädikat. Alles von Aila. Dann kommt noch was Regionalkultur mit einem Veranstaltungskalender, Kurzberichte, „Neues aus dem Süden“. Kleinanzeigen, Immobilien noch, Stellengesuche, Impressum, Leserbriefe. Seite 28, zweispaltig mit Porträt, „Ehrenwort“. Das ist von mir. Auch das redaktionelle Feilen daran gehört meines Wissens zu Ailas Aufgaben. Das Feilen hat sie diesmal vielleicht der Praktikantin überlassen. Mit der Vorgabe, nicht mehr als eintausendzweihundert Worte zuzulassen. Und dann „abgenickt“. Abnicken scheint so ein Wort zu sein aus dem Jargon für Redakteure. Habe ich schon öfter gehört. Ich soll meine nachgeschliffenen Beiträge immer „abnicken“. Soll wohl auch zu verstehen geben, daß der bearbeitende Redakteur keine Lust hat, nach seinem persönlichen Feinschliff nochmal über die eine oder andere Wortwahl oder gar Passage nachzuverhandeln. Manchmal, eigentlich meistens, reicht es bei Aila ohnehin nicht zum Abnicken lassen. Wegen der ganzen anderen Jobs wohl, die noch erledigt werden müssen. Trotz Praktikantin. Egal.

Das günstigste Objekt der Beilage, ist übrigens ein Appartement für 1.180.000 € in Villefranche-sur-Mer, östlich von Nizza, 87 Quadratmeter, Blick auf den Pool der Anlage und selbstverständlich das Meer. Das könnte was sein für ein Rentner-Ehepaar. Würde endlich den Aufstieg aus Le Lavandou ermöglichen. Platz für Kinder und Enkel im zweiten Schlafzimmer. Großzügiger, anspruchsvoller, auf mehr Gäste ausgerichtet ist das Anwesen mit acht Schlafzimmern auf 650 Quadratmetern Wohnfläche in Saint-Jean-Cap-Ferrat, einer exklusiven Halbinsel im Osten Nizzas. Bessere Lage noch als Villefranche. Nur zweitausend Quadratmeter Grund. Dafür direkter Zugang zum Meer. 22 Millionen.

Das ist was für die, die im Frühjahr mit Blick über den Central Park residieren.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Ist das mein Problem?

Wo geht’s denn hier in den Kreißsaal?

Deutsche. Ein junger Mann mit Drei-Tage-Bart und einer Vierjährigen auf dem Arm. Die sprechen mich auf Deutsch an! Im Flur zu den Urgences. Sieht man mir an, daß ich Deutscher bin? Habe ich Socken in Birkenstocks an den Füßen, die FAZ unter dem Arm, Schwarz-Rot-Gold auf der Wange?

Bis zum Ende des Flurs und dann rechts. Maternité.

Und finden es völlig normal, daß ich in ihrer Sprache antworten kann. Man muß dem jungen Mann zugute halten, daß er vielleicht Grund zu Aufregung hat. Daß es seine Frau auf dem Weg in den Kreißsaal womöglich ziemlich eilig hatte.

Zur Zeit – es ist immerhin schon September und die meisten Deutschen sind wieder abgereist, dachte ich – laufen mir erstaunlich viele Deutsche über den Weg. Im Krankenhaus. Gestern saß eine ganze Familie in der Wartegruppe der chirurgischen Station. Und spielte Uno! Sonst hört man deutsch vor allem bei Décathlon. Ich weiß nicht, warum gerade da. Als ob deutsche Urlauber erstmal Badehosen, Schwimmreifen und Flossen bei Décathlon holen müßten. Bei Décathlon gibt es immer Deutsche. Immer, zu jeder Jahreszeit.

Tu es mon sauveur!

Carole auf ihrer internistischen Station. Ich bin ihre Rettung. Sie hat eine deutsche Patientin, die nur Boschua und Merßi sagen kann. Ist vor zwei Tagen knapp der Intensivstation entgangen. Ich soll Carole als Dolmetscher retten. Ich soll der Patientin verdeutlichen, daß sie noch nicht reif sei für 1.500 Autokilometer Heimreise. Auch die Wirkung der vertrauten Sprache wäre dabei nicht zu vernachlässigen, ergänzt Carole. Die Patientin bleibt dabei: am Samstag will sie, nein, muß sie nach Hause. Da führen die Freunde, die sie mitnehmen. Mitnehmen müssen, denn ein medikalisierter Heimtransport würde von ihrer Versicherung nicht übernommen. Das hatte ich Carole gleich gesagt: Deutsche sind so. Auch als Patienten. Da gibt es Sachzwänge. Unabwendbar. Wenn die sich was in den Kopf gesetzt haben, bleiben sie dabei. Die mußt du schon intubieren, wenn du willst, daß sie bleibt.

Die Versicherung ist andererseits oft ein Problem für Patienten aus Deutschland, wenn sie im Provinzkrankenhaus der Côte d’Azur Objekt medizinischer Versorgung werden. Der Versicherungsklassiker. Wenn man sie braucht, läuft nichts so, wie man das in seiner Not gerne hätte. Dann zum Beispiel, wenn die Hüfte kaputtgeht oder das Handgelenk. Schmerzen und allein gelassen. Für die bin ich der Messias. Logisch. Erstmal. Viele können nämlich gerade mal ein Baguette kaufen. Auch nach Jahren in Le Lavandou. Meistens fahren sie ohnehin zu Aldi, Netto oder Lidl, weil sie das von zuhause kennen. Da gibt’s auch Baguette. Intermarché oder Casino zu Jahresend-Feiertagen, wenn’s dann doch mal ein Sixpack Austern sein darf.

Wenn die erste echte Freude über einen sprachkompetenten und zugewandten Kompatrioten in all diesem Unglück mit dem kaputten Handgelenk oder der ausgekugelten Hüftprothese aber erstmal verdaut ist, rutscht man leicht auf Discounterniveau ab. Kann’s nicht noch ein bißchen mehr sein? Rufen Sie doch mal bei der Versicherung wegen des Heimtransports an! Ähm, bitte. Inzwischen leugne ich Sprachkompetenz und Primärnationalität. Oft zumindest. Wenn ich kann.

Bonjour, Bertram! Comment vas-tu?

Caroles Sekretärin. Heißt auch Carole. Heftig geschminkt, Kunstwimpern. Hat ihr süßestes Lächeln aufgesetzt. Sehe ich ganz selten, Carole und ihr süßestes Lächeln. Hat mich auf dem Stationsflur abgefangen. Bestimmt folgen noch ein paar charmante Worte. Und dann wird sie was von mir brauchen.

Eine Ewigkeit, daß wir uns nicht mehr gesehen haben! Du warst bestimmt im Urlaub, so schön gebräunt wie du bist!

Sie hört sich – immer noch ihr süßestes Lächeln in den Augen – sehr interessiert meine Antwort an. Dann aber. Klar.

J’ai une petite faveur à te demander.

Genau. Ein kleiner Gefallen. Meine Dolmetscherfunktion ist schon wieder gefragt. Noch ein Deutscher. Einer, der angeblich nicht zahlen will. Wahrscheinlich ein Mißverständnis. 101 am Fenster. Herr von W., Mitte 70. An welcher Stelle hätte ich da Nein sagen können?

Guten Morgen, Herr W.!

Sie sprechen deutsch?

Ich bin Deutscher.

Wissen Sie, nichts für ungut, aber das muß ich Ihnen mal sagen, das ist das reinste Chaos hier! Niemand kümmert sich! Ich bin seit vorgestern hier und warte noch immer auf mein IRM! Wenn innerhalb der nächsten Stunde nichts passiert, gehe ich!

Herr von W. ist ungehalten. Und – unter uns – er hat recht: Es ist schon ein bißchen chaotisch hier. Niemand kümmert sich. Das sehe ich jeden Tag. Öffentliche Struktur in Südfrankreich. Improvisation statt Organisation. Die Generation Herrn von W.s hält Chaos und Improvisation ganz schlecht aus. Sie hält gar nicht aus, warten zu müssen. Das Ungehaltene dieser Generation im Zusammenhang mit mediterraner Desorganisation kenne ich auch sehr eindrücklich von meinem Schwiegervater. Lautstark dem Ärger Luft verschaffen, klare Ultimaten im Minutenbereich setzen, mit terminalen Konsequenzen drohen – otherwise explodes a bomb! Die Bombe gegen einen armen Hotelangestellten in Istanbul, der nun gar nichts dafür kann, daß der bestellte Leihwagen nicht pünktlich um halb neun Uhr angeliefert war. Hilft aber nicht.

Carole ist Herr von W. letztendlich egal. Soll er doch. Soll er doch einfach gehen. Ist das mein Problem?


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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3. Oktober

Gekürzt abgedruckt in der Oktober-Ausgabe von „Riviera – Das Magazin“. Auch online.

 

Pifomètre

Aus der Beilage – La Provence vue par la presse étrangère – von N° 1288 des Courrier international vom 9. Juli 2015 mit freundlicher Genehmigung die Übersetzung meines Leserartikels bei ZEIT ONLINE „Trüffelmarkt in Aups – Schwarze Trüffel für den Cousin„. Wiederum gekürzt.

Choisir la truffe au pifomètre

Sur le marché du village d’Aups, par un matin d’hiver, un touriste étranger s’est laissé aller au plaisir de tâter, de toucher et de renifler la truffe. Puis de l’acheter. Témoignage.

Die Zeit Hambourg

La semaine prochaine, ma femme doit aller voir sa famille en Allemagne et rendre visite à un cousin, ambitieux chef amateur et président d’un club de cuisine aux prétentions d’élite. Ma femme voudrait bien l’impressionner en lui rapportant des truffes noires de Provence. Nous habitons près de Toulon et des truffes, on en trouve à Aups, un village de l’arrière-pays où l’air est plein du chant des cigales et de l’odeur des pins. C’est là que se tient tous les jeudis matin, de fin novembre à fin février, le troisième marché aux truffes de France. Ma femme n’ayant pas le temps d’y aller, c’est moi qui ferai le voyage. Jeudi matin, 8 heures, les cigales se taisent à Aups et la température frôle le zéro. La place est déserte, tous les cafés sont fermés. Pas un vendeur de truffes en vue. Juste un petit vieux en robe de chambre et pantoufles grisâtres, le béret vissé sur la tête. Avec sa baguette sous le bras et son mégot au coin du bec, il incarne un stéréotype bien français. Mais pas celui du vendeur de truffes.

Ce n’est en fait pas sur les stéréotypes français que j’ai tablé. Ma stratégie était d’une simplicité toute teutonique: se rendre à Aups, mettre la main sur le meilleur vendeur de truffes avant même qu’il ait le temps d’installer son étal, lui acheter 200 grammes de marchandise et repartir aussi sec. Tac-tac, je devais être de retour pour le petit déjeuner des enfants qui n’ont pas école aujourd’hui. Pour cela, il me fallait trouver un vendeur de truffes à 8 heures au plus tard. Mais la place est toujours déserte.

Mirliton. Je patiente dans ma voiture, moteur allumé. J’ai froid. Un peu après 9 heures, la place commence à s’animer. De vieux messieurs et dames, souvent des couples, installent de petites tables pliantes, les couvrent de toiles cirées multi-colores et commencent à sortir des paniers. Ainsi que des balances de précision électroniques. Les vendeurs semblent tous se connaître. Ils se font la bise (gauche, droite, gauche) et se souhaitent la bonne année, meilleurs voeux, fortune, bonheur mais surtout une bonne santé. C’est un jour de marché ordinaire dans le sud de la France.

A l’exception d’un petit groupe de touristes hollandais, nous ne sommes que quatre ou cinq clients à faire cercle autour des étals, grelottant et nous dandinant d’un pied sur l’autre. Le guide hollandais explique quelque chose. Il connaît son affaire. Nous allons pouvoir commencer. A 9 h 30 tapantes, un personnage vêtu d’un vague uniforme fait son apparition et hurle „le marché est ouvert!“ en soufflant dans un mirliton. C’est aussi ça la France. Certains usages de la monarchie survivent encore aujourd’hui. Enfin, qu’importe, le marché est ouvert. Au signal, les vendeurs sortent les truffes de leurs poches et les déposent dans des paniers. Les clients passent d’étal en étal. On tâte, on touche, on renifle.

Marché noir. Un homme vêtu d’une veste en cuir m’approche et me demande si je veux acheter des truffes. Evidemment, puisque je suis là. Ça tombe bien, il en a dans son sac. Un sac, quel sac? Dissimulés sous sa veste, il aurait 300 grammes de truffes noires dans une poche, 500 euros le kilo. C’est plutôt un bon prix. Le prix de l’emplacement étant prohibitif, il n’a pas d’étal. Pour conclure notre affaire, mieux vaudrait nous écarter pour ne pas nous attirer les foudres des autres vendeurs. Acheter à la sauvette dans des petites rues adjacentes, je connais. Dans le pire des cas, on se fait tabasser et dépouiller. Je décline son offre. Qui plus est, je n’ai pas fini d’examiner la marchandise de la concurrence.

Tout cela me plaît bien: je peux toucher les truffes, en couper de petits morceaux, les chauffer dans ma main et les renifler. Les balances de précision affichent directement le prix en euro au centime près. Sur les tables s’étalent les photos des chiens et des cochons truffiers avec leur maître.

En tant que profane, il faut finalement s’en remettre à la Providence. Ou à son instinct. On peut se décider en fonction de la forme des truffes, de leur prix ou de la gentillesse du vendeur. Il paraît que les professionnels achètent sans regarder, sans le moindre égard pour les sacro-saintes traditions d’un marché provençal. Je finis par faire affaire avec une vendeuse particulièrement patiente au sourire charmant: 200 grammes pour 170 euros.

Ma femme en emportera la moitié en Allemagne pour offrir à son cousin. L’autre passera dans nos assiettes. Depuis, notre fils – qui supervise étroitement nos menus – ne rêve que de brouillade de truffes.

Bertram Diehl, publié le 27 janvier

wikipedia.de: „Courrier international ist eine wöchentlich erscheinende, französische Zeitschrift. Sie ist eine Presseschau von über 900 weltweit publizierten Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Die Artikel werden von einer Redaktion in Paris ausgewählt und ins Französische übersetzt.“

Der zuständige Redakteur hat den Text ganz offensichtlich selbst nicht gelesen. Überflogen vielleicht, nicht gelesen. Hätte er ihn gelesen, hätte ihm auffallen müssen, daß der Verfasser kein „touriste étranger“ sein kann, wenn er schulpflichtige Kinder in Frankreich hat. Normalement. Auch Redakteure sind nur Menschen.

Knaller

Als sich mein Zustand soweit stabilisiert hatte, daß ich an den Mittagstisch zurückkehren konnte, war im Gesicht meiner Frau eine Mischung aus Mitleid, Spott und Besorgnis abzulesen. Besorgnis allerdings weniger um meine Vitalprognose. Ich konnte ihre Sorge auf den Punkt bringen:

Die Lebensmittelallergie ist eigentlich eher was für Knaller. Ich weiß.

Wer will schon einen Knaller zuhause haben? Berechtigte Sorge meiner Frau. Knaller, so Leute, die, eingeladen zum Dîner, noch in Hut und Mantel Einzelheiten ihrer Allergie auf Schalentiere und Fisch erläutern und ihrer Hoffnung Ausdruck verleihen, der Fischgeruch wäre doch bestimmt noch vom Mittagessen in der Luft. Oder Mitmenschen, die zu sorgfältiger Sektion ihres Kuchenstücks mit der Gabel die äußerst bedenklichen Reaktionen ihres sensiblen Organismus‘ auf ungegarte Steinfrüchte schildern. Auch auf Spuren davon. Die Lebensmittelallergie ist eigentlich eher was für Knaller.

Dabei hat meine Frau durchaus Erfahrung mit exotischen Krisen am Mittagstisch. Aus dem engeren Familienkreis. Wobei mir – das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen – nie in den Sinn käme, Mitglieder des engeren Familienkreises als Knaller zu bezeichnen.

Tante Baby zum Beispiel. Die zweite der drei Schwestern meines Schwiegervaters. Die erste ist trotz einer Autoimmungeschichte an der Leber gut über achtzig geworden. So wie Tante Baby. Deutlich über achtzig. Beide hatten reihenweise Krankheiten. Tante Baby ihrerseits vor allem am Herzen. Die Medikamente dagegen waren „ganz schwere Geschütze“, sagte sie gerne. Mit so einer schweren baltischen Tonlage und rollendem R – ganz schwäärre Geschütze. Immer wieder „schockte“ sie. Wobei es da nie genauere Erläuterungen gab zu diesem „Schocken“. Akutes Herzversagen, Herzstillstand, Rhythmusstörungen, Elektroschock vielleicht? Trotz der schweren Geschütze gab das Herz letztendlich vor ein paar Jahren auf.

Meinen Kindern ist sie in bleibender Erinnerung durch mehrere Besuche bei uns. Mindestens zwei. Einmal zur Taufe meines Erstgeborenen, schon wirklich lange her also, einmal mindestens nur einfach so. Weil es bei uns so schön ist. Wir haben immer wieder Senioren bei uns, weil es so schön bei uns ist. Früher mehr als heutzutage. Und das auch über längere Zeiträume, damit es sich auch lohnte. Nur meine Eltern kommen für höchstens 36 Stunden. Meine Eltern wissen, daß länger anhaltender Besuch Quelle für Unfrieden sein kann. Auch wenn man sich als Besuch richtig Mühe gibt. Jeden Tag Baguette holen geht zum Beispiel und Croissants und Pains au chocolat, die dann doch keiner ißt. Wird negativ registriert. Und artikuliert – da muß ich schon jeden Tag Brot holen gehen und dann wird es doch weggeworfen. Das hält die Kriegsgeneration nicht gut aus. Muß aber jeden Tag Brot holen gehen. Oder kluge Anregungen zu Verbesserungen im Haushalt. Anregung und konsequente Umsetzung.

Das ist jedoch nicht das, was sich meinen Kindern bleibend einprägte. Tante Baby, eigentlich Vera und früher einmal Tänzerin, hatte auch ein Problem an der Speiseröhre. Speiseröhre ist ein schönes Wort für Ex-Balten: Gleich zwei R in dichter Folge – Rrööhrre. „Krampfte“ gelegentlich, die Speiseröhre. Beim Essen. Atemnot mit gutturalem Röcheln und gepreßtem Husten, blutunterlaufene, hervortretende Augen, Tränen- und Speichelfluß, hektisches Tupfen mit der Serviette. Das zu eher ehrenvollem Rahmen, bei Tisch mit Kerzenlicht, dem guten Silberbesteck und Stoffservietten. Das macht ordentlich Eindruck. Bleibenden.

Ob das jetzt „Schocken“ gewesen wäre, fragte ich, als es vorbei war. Nein, nein, Schocken ist am Herzen. Wieder so ein baltisches Wort. Lange Silben, Tsunami-R. Am Häärrrzen. Aber das gerade eben war Krampfen. Tat ihr immer etwas leid. Weil die Kinder so große Augen bekamen. Die großen Augen erinnerten sie andererseits vielleicht auch ein bißchen an früher, als sie noch Tänzerin war und Publikum hatte. Tat ihr vielleicht sogar gut. Ich meinerseits wußte genau, wo mein Laryngoskop liegt. Für den ernstgemeinten Notfall. Ein übriggebliebenes Laryngoskop aus einem katholischen Krankenhaus im nordöstlichen Ruhrgebiet. Frische Batterien direkt daneben. 7-1/2er-Tubus. Der vielleicht schon abgelaufen. Aber egal. Ambubeutel. Magill-Zange. Drei Minuten höchstens bis zur Intubation.

Tante Babys deutlich jüngerer Bruder, mein Schwiegervater, macht das auch. Er kann in solchen Fällen aber meist noch aufstehen und sich in den Toiletten verstecken, bis es vorbei ist. Das dämpft die Geräuschkulisse tendenziell. Ich glaube nicht, daß es sich da um ein echtes organisches Problem handelt. Die Kriegsgeneration schlingt einfach zu hektisch. Ungekaut. Oder wenig gekaut. Kriegsgeneration eben. Große Brocken, die sich ungekaut stauen und verhaken. In der „Gurrrgel“, sagte Tante Baby. Mein Schwiegervater mußte sich neulich im Sommer doch mal neben den Tisch legen. Auf den sonnenwarmen Stein der Terrasse. Hatte nicht mehr gereicht fürs dezente Ausblenden. Vagale Geschichte. Pulsfrequenz um die dreißig pro Minute. Brocken in der Gurgel. Infusion, Atropin, alles gut. Den Eltern müßte man schon mit schwererem Geschütz aufwarten, um sie nachhaltig zu beeindrucken. Im Beruf gehört sowas zum Alltag. Den Kindern reicht das schon.

Der Auftritt ihres Vaters im Rahmen seiner Pfirsichallergie läßt sie also eher kalt. Eltern sind öfter mal etwas eigenartig. Sie würden mich zudem nicht als Knaller bezeichnen. Alleine schon, weil der Begriff in ihrem aktiven deutschen Wortschatz nicht vorkommt. Eher vielleicht denken sie „chtarbé“.

Chtarbé [ʃtaʀbe], frz., durchgeknallt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Eigentlich

 

Eigentlich wollte ich nur meinen Sohn von der Schule nach Hause bringen.

In Saal 1 habe ich eine Hüfte, gerade angefangen, sagte ich meinem Kollegen aus Tunesien, Saal 2 experimentelle Chirurgie mit Ioana unter Lokalanästhesie, fast fertig. Ich kümmere mich eben noch um die postoperativen Anordnungen und verschwinde dann. Um halb eins bin ich wieder da. Die Arbeitsbelastung in einer mediterranen Struktur des öffentlichen Gesundheitswesens erlaubt sowas. Oft. Ich werde meinen Sohn von der Schule nach Hause bringen. Er ist fast elf. Er könnte eigentlich auch den Bus nehmen.

Über Toulon wunderbare Blitze aus schwarzen Wolken. Hoffentlich wird mein Sohn nicht nass! Wenig später ist der Faron verschleiert. Dann ein paar große Tropfen auf der Windschutzscheibe. Die Idioten vor mir bremsen. Ich schicke meinem Sohn eine sms. Mets-toi à l’abri. J’arrive. – Bring‘ dich in Sicherheit. Ich bin gleich da. Auf Höhe des Krankenhauses ist der Regen so dicht, daß man auch als regenerfahrener Mitteleuropäer tatsächlich nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren kann. Kurz vor meiner  Ausfahrt ist das Wasser knöcheltief. In theoretischer Sichtweite der Ampel Stillstand. Ringsum nur Wasser. Taubeneigroße Hagelkörner. Das Wasser innerhalb von Minuten knietief. Reicht für nasse Füße im Auto. Minuten später ist der Regen zu Ende. Die Ampel schaltet auf Grün. Beim Anfahren ertrinkt der Motor. Und geht nicht mehr an. 12:15 Uhr. Ich rufe meinen Kollegen an und erkläre ihm, daß es wohl einen Moment länger dauern wird. In der Größenordnung einer guten halben Stunde. Ich bin noch voller Zuversicht. Ich bin ja versichert. Ich rufe die Assistance der Versicherung an, denke ich, lasse mich abschleppen, den Sohn und mich mit dem Taxi nach Hause fahren, nehme das andere Auto und gut ist. Die Dame von der Assistance verspricht mir den Abschlepper für in einer halben Stunde. Dans une demi heure, grand maximum. Halbe Stunde, allerhöchstens. Scheiße, denke ich, das ist nicht so gut. Wenn in diesen Breiten jemand von einem grand maximum spricht, entspricht das meist nur sehr zufällig der Realität.  Plan B. Mein Sohn soll sich in der Schule was zu essen beschaffen und im Lesesaal warten. Kein Abschlepper bis drei. Das wird sogar knapp mit dem Abholen zum Schulschluß. Warten dabei unter strahlender Sonne. Das ganze Wasser ist verschwunden, alles ist trocken. Als wäre nichts gewesen. Sogar die Bettler stehen wieder an der Ampel. Une pièce pour vivre. – Eine Münze zum Leben.

Meine Kinder erinnern sich daran als le vendredi de l‘apocalypse. Ist für sie, in kindlicher Weltsicht, ein Begriff wie der 11. September für Größere. Sie können sich an jede Einzelheit erinnern. Der Freitag der Apokalypse war am 19. September 2014. Die Apokalypse entlud sich über Toulon und dauerte keine Viertelstunde. Acht Zentimeter Regen und Hagel in gut zehn Minuten. Die Kinder wurden auf dem Weg in die Mittagspause überrascht, fanden Zuflucht in der Kantine. Die ihrerseits auch knöcheltief unter Wasser geriet. Apokalyptische Zustände.

Der Mechaniker hatte zwei Tage zu basteln an meinem  alten Bus. Drei Ölwechsel wären nötig gewesen, sagte er. Dann fuhr er wieder. Mit anderen, neuen Nebengeräuschen aus dem Motorraum allerdings. Schleifenden Nebengeräuschen. Drei Monate später war endgültig Schluß. Von vorne rechts ganz unvermittelt eine Geräuschkulisse, als hätte ich das Fahrrad eines umgefahrenen Radfahrers unter dem Auto. Dienstag Abend Anfang Februar. Die Dame von der Assistance versprach mir fünfzehn Minuten. Ohne „allerhöchstens“. Der Fahrer des Abschleppwagens streute Sand auf die Ölspur und notierte „bièle“ als Ursache der Panne. Pleuelstange. Orthographisch korrekt wäre „bielle“ gewesen. Egal. Über achtzig Prozent der Bevölkerung dieses Landes haben ein eher legasthenisches Verhältnis zur Rechtschreibung ihrer Sprache. Aber das ist ein anderes Thema. Bièle für Pleuelstange ist auch schon ganz gut. Früher, in eher laienhaftem Verständnis automobiler Mechanik war mir ohnehin der Bruch der Kurbelwelle die gängige Ursache des terminalen Motorschadens. Der einheimische Begriff vilebrequin für Kurbelwelle, ist dem Durchschnittsfranzosen zu kompliziert. Kennt kaum einer. Bielle hat auch was mit dem Motor zu tun. Das reicht. Wie auch immer, Motor kaputt.

Hochsommer, Sonntag. Anderes Auto, ein Citroën von 2001. Unterwegs in die Süd-Alpen. Die Tochter absetzen für eine Woche Reiterferien. Hinfahren, Absetzen, zurück. Eine Aktion von gut drei Stunden. Eigentlich.

Siebzig Kilometer vor dem Ziel, auf der Autobahn noch, verliert das Auto rasant an Schubkraft. Schwarze Wolken im Rückspiegel, die Tochter sagt, das riecht nicht gut. Brandgeruch. Der Wagen kommt mit einem letzten Aufheulen des Motors zum Stehen. Kilometer 124,5 hinter Aix en Provence Richtung Gap. Im Tal rechts rauscht die Durance. Die Assistance verweist mich an die Autobahn-Gendarmerie, telefonisch die 17. Ich solle mich wieder melden, wenn wir abgeschleppt wären. Der Herr von der Autobahn-Gendarmerie verbindet mich mit der Autobahnmeisterei. Dort verspricht man mir den Abschlepper in einer halben Stunde. Allerhöchstens. Wir warten fast eine Stunde unter glühender Sonne jenseits der Leitplanken. Allerhöchstens.

Der Abschlepper notiert „turbo“ in seinem Einsatzbericht. Das ist fast so schlimm wie bielle oder „courroie de distribution“, Ventilsteuerung. Schlimmer jedenfalls als Zylinderkopfdichtung (joint de culasse). Vermutlich das Ende dieses Fahrzeugs. Wirtschaftlicher Totalschaden.

Die Assistance verspricht mir anschließend ein Taxi. Wieder ein Satz mit allerhöchstens. Zudem ist die finanzielle Beteiligung daran minimalistisch. Eher als nette Geste zu werten. Am Ende werden wir  fast acht Stunden an und auf der Straße gewesen sein. Statt eigentlich gut drei Stunden. Eigentlich.

Zwei Wochen später. Immer noch Hochsommer. sms an meine Frau:

Kauf’ Dir noch ein paar Koffer, wenn Du brauchst. Ich habe das neue Auto dazu. Das Auto für ein paar Koffer mehr. Einen Renault. Diese 800-Euro-Fiats aus der Zeitung kann man nicht kaufen. Das sind Ruinen. Trotz neuer Benzinpumpen oder was auch immer neu. Trotz irgendwas neu. Trotz mutmaßlich irgendwas neu. Autos aus dem letzten Jahrtausend eben. Zwischen 170.000 und 280.000 Kilometern. Öl unten am Motor. Man kann sich den Blick unter die Motorhaube sparen. Sogar ich kann mir vorstellen, wie das da aussieht. Ölig vermutlich. Gammelige Schläuche, umwickelt mit gammeligem Klebeband. Autos unter tausend Euro bringen die Garantie auf viel Spaß mit kopfschüttelnden Mechanikern direkt mit. Und das wahrscheinlich auch für die drei Monate, die man es eigentlich schon wirklich bräuchte, das Auto. Auch zum Fahren. Das Kopfschütteln der Mechaniker dazu wäre immerhin auf der Basis einer Technologie gewesen, die noch ohne Diagnostik-Koffer auskommen kann. Alleine der Koffer kostet jedesmal sechzig Euro. Das wäre dann, angesichts des kopfschüttelden Mechanikers allerdings kein wirklicher Trost. Ich habe mich heute morgen für ein Auto entschieden, welches mir den Mechaniker für die nächsten drei Monate ersparen sollte. Diesel, vier Türen, unter 200.000 Kilometer. Klimaanlage, CD-Player. Na ja, Renault. Man kann nicht alles haben. Knapp über zweitausend Euro. Autos unter zweitausend Euro sind meist schon an die 300.000 Kilometer gefahren. Ist eine meiner Erkenntnisse aus zwei Wochen Marktbeobachtung. Gestern wollte mir eine unserer Hebammen, Claudia, ihren alten Ford verkaufen. 293.000 Kilometer. Quasi erster Hand, sagt sie, ihre Eltern nur und sie selbst, fast nur Kurzstrecke. Dann fiel ihr ein, daß die Kurzstrecke kein glückliches Verkaufsargument ist und führte noch ein paar Fahrten in elsässische Provinz an. Und, natürlich, beim Auto wäre das schon der Zeitpunkt für voraussichtlich höherfrequenten Werkstattbesuch. Sie wollte 2.500 dafür. Ziemlich blond. Oder unverschämt. Die Immatriculation kommt ja dann noch dazu. Die Carte grise, der Fahrzeugschein, macht weitere 250 Euro. Mein neues Auto kostet 2.400 Euro. Carte grise einschließlich. Drei Monate Händlergarantie immerhin. Morgen kann ich das Auto abholen.

Vier Tage später. Montag. Meine Familie wird um 12:30 Uhr mit Germanwings in Nizza landen. Nizza ist eineinhalb Stunden von uns entfernt. Mein Renault fährt sich sehr angenehm. Klima, Musik, Tempomat. Alles funktioniert. Etwa zwanzig Minuten lang. Dann verliert das Auto rasant an Schubkraft. Wolken im Rückspiegel, Brandgeruch. Kenn‘ ich schon. Wahrscheinlich „turbo“. Der Rauch im Rückspiegel ist diesmal allerdings nicht schwarz, sondern weiß. Aber sehr viel davon. Ich werde meiner Frau mit ihren neuen Koffern vermutlich nicht helfen können. Standspur, Signalweste, Assistance, 17, Abschlepper. Wie gesagt, kenn‘ ich schon! Mit immer wieder allerhöchstens. Die Autobahnmeisterei muß vermutlich „halbe Stunde, allerhöchstens“ sagen, weil das die Vorgabe ist: Ein Hindernis auf der Autobahn muß innerhalb einer halben Stunde abgeräumt sein. Manchmal schaffen sie das wohl auch.

Nach einer ersten Krise tiefer Verzweiflung und ungehörtem lautem Fluchen nehme ich mir vor, mich routiniert in mein Schicksal zu ergeben. Der Abschlepper notiert „turbo“. Okay. Die Assistance will mir einen Leihwagen für eine Woche zur Verfügung stellen. Danke. Der Leihwagen steht in Le Luc. Das ist vielleicht einen Kilometer vom Hof des Abschleppers entfernt. Okay. Das Taxi zum Autoverleiher kommt in einer halben Stunde. Grand maximum. Nein! Nicht schon wieder das grand maximum! Und, leider, ergänzt die Dame von der Assistance, müßte ich noch etwa sechzig Euro zuzahlen. Denn sie könnte maximal fünfzig übernehmen. 110 Euro für maximal zwei Kilometer? Kommt das Taxi denn extra aus Nizza oder Marseille? Das täte ihr leid, sagt sie, aber sie müsse den Vorgaben des Systems folgen. Ob ich damit einverstanden wäre? Eine halbe Stunde später meldet sie sich nochmal an. Systemfehler. Das Taxi sei unterwegs.

Zu diesem Zeitpunkt aber bin ich schon unterwegs zum Autoverleiher. Zu Fuß. Staubige Landstraße unter sengenden 36 Grad im Schatten. In Badelatschen. Ich wollte ja nur meine Familie eben mal in Nizza vom Flughafen holen.

Eigentlich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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8. September

Ähnlich abgedruckt in der August-Ausgabe der Riviera Zeitung. Gekürzt natürlich. Diesmal ziemlich.

Uroma

Es ist soweit.

Was?

Es ist Mistral.

Und?

Wir müssen die Eltern an den Strand bringen. Zu den Vögeln.

Muß das heute sein?

Morgen spätestens. Mistral ist immer nur ein paar Tage. Das weißt du doch!

Und die Brüder?

Sind unterwegs. Wir warten nur noch auf dich. Nimm dir einen Flieger oder setz‘ dich in den Zug!

Seit Jahren saßen die Eltern bei der Tochter auf dem Kaminsims. Standardmodell, ein paar kitschige Verzierungen, Schraubverschluß. Vor ein paar Tagen hatte der Enkel herausgefunden, wie man den Deckel öffnet und wollte mit Opa spielen. Die Tochter nahm ihrem Kind Opas Hüfte wieder weg, fegte die Krümel und den Staub zusammen und versteckte Oma und Opa im Schrank. Der Rest verschwand im Staubsauger und in der Badewanne. Das Kind weinte. So eine schöne Pistole hatte er noch nie gehabt. Es ist wirklich Zeit, daß die Eltern endlich fliegen lernen, dachte sie sich.

Jetzt?

Jetzt!

Ein Samstagabend am Strand. Februar. Nur ein paar unerschrockene Paare und vereinzelte Läufer. Die Sonne verschwindet im Meer. Bei „Jetzt!“ plumpsen ein paar grauschwarze Krümel in den Tümpel neben der Straße. Der kalte Westwind treibt den Staub in feinen Schwaden über das flache Wasser der Lagune. Über Möwen, Enten und Perlhühner hinweg bis zu den Flamingos.

Voilà, sagt der Älteste und steckt sich eine Zigarette an.

Die kleine Schwester kann ein Schluchzen nicht unterdrücken. Die Brüder nehmen sie tröstend in die Arme. Ist doch alles gut. Jetzt sind sie da, wo sie hin wollten. Besser als jeder Friedhof, wo keiner je hingeht. Besser als jede Grabstätte, die in der zweiten Generation spätestens umgegraben wird. Die Legende von den Flamingos hält sich mit etwas Glück ein bißchen länger. Und funktioniert in jedem Zoo der Welt.

Guck‘ mal, da ist die Uroma!


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Krebs

Bis heute Morgen noch hatte ich wahrscheinlich Krebs. Magenkrebs. Bösartige Erkrankungen kenne ich aus dem Studium. Magenkrebs hatte ich bestimmt schon mal. Die Grundsymptome der bösartigen Erkrankungen waren immer ähnlich: Appetitlosigkeit, Übelkeit, Gewichtsverlust. Dazu vielleicht leichtes Fieber, Nachtschweiß, diffuser Schmerz. Bei meinem Lungenkrebs kam noch ein hartnäckiger trockener Husten dazu. Über Wochen. Sehr störend bei der Vorbereitung auf die Prüfungen. Der Hirntumor ging zusätzlich mit Schwindel und Attacken stechenden Schmerzes von hinten direkt ins rechte Auge einher. Saufgelage konnten in sterbenselenden Zuständen nahe einem hepatischen Koma enden oder akuter Leberzirrhose, Stadium C nach Child. Die Leberzirrhose ihrerseits kann zu Leberkrebs führen. Zum Sterben reichte es trotz tiefster Überzeugung nie. Glücklicherweise verschwanden nach den Prüfungen alle meine schlimmen Krankheiten innerhalb kurzer Zeit weitgehend folgenlos. Restitutio ad integrum. Und das ohne jegliche Therapie. Oder ich vergaß einfach, wie krank ich eigentlich war.

Klarer Fall von studentischer Hypochondrie.

Inzwischen bin ich fast dreißig Jahre älter. Schließt die Hypochondrie nicht sicher aus. Ich weiß. Der Magenkrebs ist andererseits durch langfristige Exposition verschiedenster Risikofaktoren deutlich wahrscheinlicher geworden. Dazu seit Wochen Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Gewichtsverlust. Das Völlegefühl ist ein Spätsymptom. Zeit, meine Papiere zu ordnen. Ein ausgewogenes Testament. Der Großteil meines über ein ganzes Leben angehäuften irdischen Guts wird ohnehin über kurz oder lang im Container enden. Die Modalitäten der Hinterbliebenenrente abklären. Sie werden an meinem Sterbelager sitzen und weinen. Ich muß mir wohl noch ein paar markante letzte Worte zurechtlegen.

Meine Frau hat mir kurzfristig einen Termin mit dem Gastroenterologen ihrer Wahl im großen Hçopital von Toulon verschafft. 12:34 Uhr. Der Pfleger schließt den Blutdruck an, überwacht die Sauerstoffsättigung. Ein Beißschutz hält die Zähne auseinander. Eine Schwester reicht die Optik an. Der Schlauch, den man freiwillig schlucken soll oder einem zwischen Zunge und Gaumen in die Speiseröhre gepfriemelt wird, ist kleinfingerdick. Das wäre unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Sage ich den Patienten, die eine Narkose für die Gastroskopie haben wollen. Lokalanästhesie des Gaumens reicht eigentlich. Wer mehr braucht als eine Lokalanästhesie, ist ein Weichei. Letzteres sage ich meinen Patienten nicht, sollen sie aber zwischen den Zeilen verstehen. Eine Vollnarkose für einen harmlosen Zwei-Minuten-Eingriff ist nun wirklich übertrieben!

Ich muß mich auf die linke Seite legen, schräg über mir der Monitor. Hinter mir der Pfleger. Das wäre unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Höre ich den Lieblings-Gastroenterologen meiner Frau sagen. Zum dritten Mal bereits. Soll natürlich heißen: stell‘ dich jetzt bloß nicht an. Dabei hatten wir gerade noch so nett geplaudert über unsere Krankenhäuser, die jeweiligen Kollegen, die nicht gerade rosige Zukunft meiner Provinzklitsche. Die vielen Dienste, den Kollegen, dessen Magenkarzinom so spät entdeckt wurde. Ich solle ruhig durch die Nase atmen. Wahrscheinlich würde mich der Pfleger in Position halten, sollte ich mich anstellen. Meine Epiglottis formatfüllend auf dem Monitor. Gleich wird es unangenehm. Ruhig durch die Nase atmen und nicht mehr schlucken, sagt der Pfleger wieder. Auf dem Monitor die Speiseröhre von innen, meine, dann der Magen. Schlucken macht Würgereiz. Durch die Nase atmen geht nicht. Geht einfach nicht. Da ist zu. Hauptsache atmen, Hauptsache ruhig atmen. Mein Magen sieht von innen aus wie ein normaler Magen. Am besten nicht Schlucken, ruhig atmen.

Ein paar Biopsien, ein paar Schluckversuche mit Würgereiz später ist es vorbei. Alles in Ordnung, sagt der Lieblings-Gastroenterologe. Wäre wohl doch nur der Streß. Bestimmt kein Krebs. Aber das verstünde er auch. Das Resultat der Biopsien in ein paar Wochen. Würde er dann meiner Frau mitgeben.

Klarer Fall von Hypochondrie.


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