Pierre

Ich habe Dienst. Mit „coupure“, Pause also, zwischen Mittag und vier Uhr nachmittags. Heute ziemlich früh die coupure, weil sich zwischen den Feiertagen kein Mensch freiwillig ins Krankenhaus legt. Galle und Leistenbruch können auch bis 2016 warten. Nichts los. 11:14 Uhr auf dem Parkplatz. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, eben mal bei Orange vorzufahren und das Internet auf dem HTC einstellen zu lassen. Das HTC ist das „alte“ Smartphone meines Erstgeborenen. Braucht er nicht mehr, weil Weihnachten war. Er hat jetzt was Tolles von Sony. Das HTC ersetzt meine Antiquität von Nokia. Das Neue hat seit einem Neustart mit meiner SIM-Karte leider keinen Zugang mehr zu google und whatsapp. Damit kann ich nicht leben.

11:26 Uhr. Schlange vor der Boutique von Orange. Mindestens zehn Kunden. Das sieht nicht gut aus. Das sieht nicht nach „mal eben“ aus. Ich kenne das schon. Man wartet brav, Kunde um Kunde, Schritt für Schritt, bis zur Hostess am Schalter. Zwanzig Minuten. Mindestens. Die Hostess gibt sich stets freundlich und zugewandt. Immerhin. Erfasst den Namen, die Telefonnummer und das Anliegen. Ist zuständig für die Warteliste. Der nächste freie Mitarbeiter wird Sie aufrufen. Das funktioniert sogar. Gilt aber nicht für technische Anliegen. Technische Anliegen werden direkt zum Kundendienst hinten in der Ecke geschickt. Ohne Erfassung. Die Schlange sei nur für Beratung und Verkauf. Die Kollegen vom Kundendienst gehen allerdings um zwölf. Mit Schlange würde es für mich 11:46 Uhr werden. Kommen Sie doch besser in einer Stunde wieder. Wie gesagt, kenne ich schon. Mache ich nicht. Diesmal nicht.

Ich gehe direkt zu Pierre. Pierre ist der unrasierte und leicht übergewichtige Nerd an der Technik-Theke. Kann im Gegensatz zu seiner Kollegin vorne am Empfang nicht lächeln, geschweige denn Bonjour sagen. Es ist 11:27 Uhr. Pierre hat sicher schon Hunger. Mit einem Croissant zum Kaffee kommt man nur mit Mühe bis zum Mittagessen. Er muß um 12 Uhr essen. Leider muß er sich außerdem noch mit einem Galaxy S6 edge+ rumärgern. Das ist das aktuelle Topmodell von Samsung. Das mit abgerundeten Bildschirmkanten! Sein Eigentümer kommt nicht zu Google damit. Trägt eine Glatze zur Lederjacke und ist noch älter als ich. Deutlich älter. Eigentlich zu alt für so ein Hightechgerät. Eigentlich eher der Kunde für was mit großen Tasten und rotem Notrufknopf. Er redet sehr viel. Ohne Unterlaß geradezu. Vom anderen Ende der Technik-Theke aus verstehe ich nicht wirklich, was er zu sagen hat. Google – er sagt „Guhgöll“ – kommt häufig vor. Ich kann mir nicht vorstellen, was es da zu erzählen gibt. Wieder und wieder. Google geht eben nicht. Irgendwas ist verstellt oder kaputt. Das hat Pierre verstanden. Pierre nickt diskret. Tippt auf den Bildschirm, begutachtet die SIM-Karte, verbindet das Telefon mit einem Computer. Aber er findet das Problem eben nicht so schnell. Jeder Neustart dauert fast zwei Minuten. Als Telefonnerd würde auch ich Lächeln und Bonjour früher oder später einstellen. Insbesondere, wenn da immer einer steht und mich vollquatscht. Ein Alter in Lederjacke. Einer, der das gewaltige Potenzial seines Topmodells ohnehin nicht zu nutzen in der Lage ist. Der schon an Google scheitert. Und alles verstellt hat in den Parametern. Vielleicht wirklich was kaputt gemacht hat. Zu allem Überfluß sich weitere Kunden an meiner Theke sammeln. Nicht ordentlich in einer Schlange wie vorne am Accueil mit der hübschen Praktikantin. Das ist besonders nervig. Einer neben dem Anderen. Wie in einer Bar. An meiner Theke. Und alle schauen bei der Arbeit zu. Kontrollieren betont umständlich alle dreißig Sekunden die Uhrzeit auf dem Display ihres Handys. Da kann man nicht mehr Bonjour sagen. Am besten jeglichen Blickkontakt mit Kunden vermeiden.

11:49 Uhr inzwischen. Und ich bin nicht mehr alleine mit der Lederjacke. Eine ältere Dame hat sich mit ihrem Billigtelefon zwischen mich und einen smarten Anzugträger gemogelt. Schnauft angestrengt unter dem Gewicht mehrerer Tüten von Printemps. Der Anzugträger war kurz nach mir gekommen. Er telefoniert schon wieder mit seinem chérie. Chérie wartet offenbar im Restaurant vor Carrefour. Ungeduldig. Weil sie Hunger hat. Vermutlich. Und ihre Mittagspause ja auch nicht ewig dauern wird. Der Anzugträger kann seine Anspannung nur mühsam verbergen. Wollte wohl auch nur noch „mal eben“ zu Orange. Geh‘ schon mal vor, chérie, ich komme gleich nach. Er wird mich gleich fragen, ob ich ihn vielleicht vorlassen würde. Wegen seines chérie. Die würde hungrig warten. Und er hätte nur eine ganz kleine Frage. Trente secondes. Ich würde vermutlich nicht Nein sagen können. Und müßte dann auch noch die Dame mit Tüten und Billigtelefon auf ihren Platz verweisen. Die sieht so aus, als würde sie mich nicht einmal fragen.

11:54 Uhr. Das S6 kann immer noch kein Google. Wahrscheinlich wird auch die Lederjacke gleich auf ein Uhr vertröstet werden. Mein Projekt ist nicht zielführend. Nicht eben mal. Morgen früh vielleicht nochmal. Solange kann ich ohne Google und whatsapp auf dem HTC auskommen. Oder ich frage später doch das Google im Krankenhaus-Computer nach dem Trick. Manchmal ergeben sich ja große Zeitfenster im Dienst.

Google – „htc orange internet“ – dirigiert mich zielgerichtet zu den Parametern für die APNs. Access Point Names. Nie gehört. Zugangspunkte. Ein schöner Begriff für Telefonnerds. Es gibt einen APN für Internet und einen für MMS. Kann man im Telefon parametrieren. MMS funktioniert danach immer noch nicht. Egal. Damit kann ich sehr gut leben. Ich werde Pierre wohl doch nicht mehr besuchen.


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Falbala

A voté! ruft der Herr in Anzug und Krawatte. Er spielt seine Rolle als ehrenamtlicher Wahlhelfer sehr überzeugend. Mit Inbrunst für die Republik. A voté. Mein Sohn hat gewählt. Sie haben seinen Namen, noch viel komplizierter als meiner, anhand seiner Nummer aus der Carte électorale in einem großformatigen Ringbuch gefunden und ihn laut hörbar aufgerufen, sogar fast richtig ausgesprochen. Mein Sohn durfte seinen Wahlumschlag in die plexigläserne Urne fallen lassen. A voté.

Ein Moment feierlich, fast pompös gelebter Demokratie.

Regionalwahlen für die knapp  19.000 Stimmberechtigten der Commune. Stichwahl war am letzten Sonntag. Wahlbüros für jeweils etwa tausend Wahlberechtigte, bevorzugt in Schulen, die im Département Var von 9 bis 18 Uhr geöffnet sind. Ausnahmen bilden Belgentier, La Garde, La Valette und Le Pradet, deren Wahlbüros bis 19 Uhr geöffnet sind. Warum auch immer. In Frankreich geht nichts ohne Ausnahme. Mein Sohn und ich im Wahlbüro 19. Drei weitere in anderen Klassenzimmern derselben Grundschule.

Sechs Helfer pro Büro. Sechs!

In öffentlichen Strukturen und zu öffentlichen Anlässen verfügt die französische Administration über ein äußerst großzügiges Aufgebot an Personal. Ist bei mir im Krankenhaus auch so. Im OP zum Beispiel vier Putzfrauen. Zudem als ausgebildete Pflegehelferinnen eigentlich überqualifiziert. Vier davon. Im katholischen Krankenhaus vergleichbarer Dimension im nordöstlichen Ruhrgebiet gab es nur eine. Damals, Ende des letzten Jahrtausends. Renate.

Von den sechs Helfern finden sich zwei am langen Tisch rechts des Eingangs. Einer sagt Bonjour und prüft Carte électorale und zugehörige Carte d’Identité Nationale, der andere händigt dem Wähler einen kleinen blauen Umschlag aus. Auf dem Tisch liegen Stapel A4-Papiere mit der Liste der Kandidaten aus. Diesmal nur zwei Stapel. Weil die Linken nach dem ersten Durchgang aufgegeben haben. Bleiben Rechts und Ganzrechts. Es ist eine Wahl des kleineren Übels. Ob das Demokratie ist? Der Wähler nimmt ein Exemplar von jedem Stapel. Eigentlich könnte man sich vorstellen, nur den Zettel der Partei zu nehmen, die man wählen möchte. Dann wäre die Wahl aber nicht mehr so geheim. Geht also wahrscheinlich nicht. Ich habe mich noch nicht zu fragen getraut. Alle nehmen einen Zettel von jedem Stapel. Alle außer einem Zettel sind von vornherein Altpapier. Im ersten Wahlgang gibt es viel mehr Stapel. Für jeden Kandidaten einen. Und immer groß genug für die potentielle 100-%-Wahlbeteiligug. Der kleine blaue Umschlag ist immer der gleiche. Über die Jahre etwas speckig.

Man könnte sich auch vorstellen, Kreuze zu machen auf einem Stimmzettel. Woanders gibt’s das ja auch. Würde ganze Wälder an Papier einsparen. Lässt sich wohl nicht in Einklang bringen mit der verfassungsmäßigen Égalité. Es würde ja einer ganz oben auf der Liste zu stehen kommen. Einer über dem Anderen. Geht nicht. Nicht in Frankreich.

Mit seinen Zetteln und dem kleinen blauen Umschlag begibt sich der wahlberechtigte Bürger in eine der Wahlkabinen. Hinter dem Vorhang, ganz geheim, wird einer der Zettel im Umschlag versteckt. Der Umschlag ist so klein, daß das A4-Papier noch drei Mal gefaltet werden muß. Für die nicht benötigten Zettel gibt es einen Papierkorb. Ein Papierkorb pro Vohang. Wird aber kaum benutzt. Vermutlich, weil das ja auch wieder auf Kosten des Wahlgeheimnisses ginge. Die überzähligen Zettel verschwinden in der Manteltasche. Findet man später draußen zuhauf.

Anschließend bringt man seinen Umschlag mit dem Zettel zur Urne. Dort warten vier Wahlhelfer. Drei kümmern sich um den Wähler und seine Dokumente, einer passt auf und ist zuständig für zeitnahe Statistik. Und Ablösung. Zur Sicherheit, wenn einer seiner Kollegen Anzeichen von Schwäche zeigt. Oder mal rauchen gehen muß. Sie finden meinen Namen und verkünden ihn laut: „Bertrand Diäl“. Mein Name wird nie richtig ausgesprochen. Egal. Ich darf meinen kleinen blauen Umschlag einwerfen. Die Klappe schließt sich. Der Wahlhelfer ruft wieder „a voté“. Jetzt hat auch Bertrand Diäl gewählt und muß im großen Buch unterschreiben.

Auf der Tafel gegenüber des Eingangs zum Klassenzimmer gibt es eine Statistik in fünf Spalten. Uhrzeit, Wähler pro Stunde, Wähler insgesamt. Das Gleiche noch einmal in Prozent: Wahlbeteiligung pro Stunde, Wahlbeteiligung insgesamt. Zu unserem Auftritt gegen 18:40 Uhr ist die Statistik schon fast fertig: 461 für 18:00 Uhr. 53,4 %.

Bei uns im Département (Var, 83) hat der Kandidat der Rechten die 50-Prozent-Hürde gerade mal geschafft. 50,86%. Und das wohl auch nur, weil die Sozialisten nach dem Debakel des ersten Durchgangs letzten Sonntag aufgegeben haben. Mickrige 16,59 %. Damit lässt sich beileibe nichts mehr gewinnen. Außer dem ehrenvollen Verdienst, mit dem Verzicht die drohende Präsidentschaft der Enkelin abgewehrt zu haben. Die Enkelin ihrerseits hat lediglich im Nachbar-Département Vaucluse über 50 Prozent der Wahlberechtigten auf ihrer Seite. Kein Wunder, ist ihr eigener Wahlkreis. Vaucluse ist noch mehr Provinz als wir an der Küste. Und wir sind schon ziemlich Provinz, spätestens wenn man sich soweit vom Meer entfernt hat, daß man es nicht mehr sehen kann. Mehr als 50 Prozent sind dort Typen wie aus Asterix. Wein- und Olivenbauern. Rauhbeinige Schnurbartträger. Wildschweinjäger. Die, einmal in Fahrt geraten, mit oder ohne Zaubertrank, nichts mehr bremst. Die mit modrigem Fisch werfen und schwerem Handwerksgerät. Sich für schöne Blondinen entflammen und das Denken einstellen. Gallier eben. Originale gallischer Provinz wählen die blonde Enkelin von Jean-Marie. Das ist die Theorie von Jean-Claude, Anästhesie-Kollege aus La Crau. Sie haben sie gewählt, weil sie so adrett aussieht. Fast so adrett wie die Schöne, die Obelix um den Verstand bringt, Band X: Asterix als Legionär. Falbala. Und ihnen aus der Seele spricht. Mehr für die Kleinbauern, das Handwerk, weniger für Europa. La Crau liegt knapp jenseits der Sicht aufs Meer. Vielleicht hat Jean-Claude selbst auch Ganzrechts gewählt. Irgendwo müssen die Prozente ja herkommen. 

 


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Euromillionen

Auf dem Weg zum Schwimmtraining. Das Hallenbad auf der anderen Seite der Stadt. Nachmittags um halb sechs ist überall Stau. Trotz Tunnel unter der Stadt. Auf den Rücksitzen besprechen meine Tochter und ihre Freundin Anaël ihre Wunschlisten zu Weihnachten. Zweifellos auch angeregt von der Weihnachtsdekoration, die schon installiert wird. Bei uns im Dorf geht der Sommer mit einem Musikfestival, einem Mittelalterspektakel für jeweils eine Woche und zwei großen Feuerwerken zu Revolution und Befreiung von den Nazis beinahe nahtlos in die Weihnachtsfestivitäten über. Ab Ende Oktober Bonnes-fêtes-Girlanden über den Straßen, massenweise plastikschneeverhülltes Nadelgehölz auf der Place de la République und den Kreisverkehren. Dazu die Buden des Weihnachtsmarkts. Der Weihnachtsmarkt dauert von Mitte November bis Mitte Januar. Angesichts von Bonnes-fêtes-Girlanden und plastikschneebedecktem Nadelgehölz verfeinert meine Tochter ihre Weihnachtswunschliste zunehmend. Ein Hund, ein Hündchen eher, steht mittlerweile ganz oben. Kriegt sie trotz wiederholter Charmeoffensiven leider nicht. Ganz sicher nicht. Papinouchéri kann Hunde nicht ausstehen.

Kurz vor der Ausfahrt zum Schwimmbad Kendji im Radio. Kendji Girac hat vor einem guten Jahr The Voice, eine französische Talentshow, gewonnen. Ist jetzt immer wieder im Radio. Singt süßlichen Franzosen-Pop mit Gypsy-Touch. Wahrscheinlich ist Kendji außerhalb des französischen Sprachraums völlig unbekannt. Die Mädchen kreischen schon bei den ersten Takten von „Cool“, seinem neuesten Stück. Plus fort, plus fort! Ich muß das Radio lauter drehen. Werden sie auch bestellen zu Weihnachten. Sie brauchen alle seine CDs. Sie sagen „commander“. Beide. Würde ich übersetzen mit „bestellen“. Anaël hat unter Anderem was Großes von Playmobil bestellt, meine Tochter eine Sammlung Lego Friends. Und den Hund natürlich. Bestellt. Die Mädchen wünschen nicht, sie bestellen. Wollen wahrscheinlich auf Nummer sicher gehen. Wünschen ohne Risiko. Irritiert mich etwas, dieses Bestellen. Ich kann mich nicht erinnern, zu Weihnachten oder zum Geburtstag jemals was bestellt zu haben. Ich habe mir immer was gewünscht. Bestellen ist bei amazon. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag oder überhaupt im Leben kann man sich was wünschen. Was auch immer. Lego, ein Pony, ein Auto. Gesundheit, Liebe, Inspiration. Zum Beispiel. Zu Weihnachten ganz früher vom Christkind, den Weihnachtsmann gab es damals noch nicht. Nicht bei uns. Dann auch von den Eltern. Inzwischen von den näheren Familienangehörigen. Wenn überhaupt. Wenn ich was wirklich brauche, kaufe ich es am liebsten selbst. Von meiner Frau wünsche ich mir meistens nichts. Nichts und davon ganz viel, sage ich, wenn ich gefragt werde. Das findet sie doof und ärgert sich ein bißchen. Oder findet es schade. Geburtstag oder Weihnachten ohne was zum Auspacken zu Kerzenlicht ist kein richtiger Geburtstag oder kein richtiges Weihnachten. Sagt meine Frau. Zur Sicherheit wünsche mir oft was für uns zusammen. Eine Gartenbeleuchtung zum Beispiel oder eine längst überfällige Renovierung. Wenn ich mir nichts wünsche, bekomme ich einen Pullover geschenkt oder Socken. Ich habe genug Socken und Pullover bis 2027. Die Kinder schenken mir gerne was Selbstgemaltes oder Gutscheine. Gutscheine für ein Mal Rasenmähen oder Zimmeraufräumen. Zehn Mal Spülmaschine ausräumen. Selbstgemalter Gutschein. Wohl, weil ich mir das immer wünsche. Könnt ihr vielleicht auch mal die Spülmaschine ausräumen?

Beim Schwimmen, in den Pausen zwischen den Übungen, haben die Mädchen mit ihren copines weitere Inspiration erfahren. Zuhause ergänzt meine Tochter ihre Liste mit den Bestellungen umgehend um eine Spielkonsole mit zugehörigem Tanzspiel. Und eine Maschine zum Trocknen der Fingernägel. Ich wußte gar nicht, daß es sowas gibt.

„Was wünscht du dir denn zu Weihnachten“ – wie er das ins Französische übersetzen würde, frage ich meinen Sohn, dem Lego-Technik-Alter längst entwachsen. Ich schätze sein ausgeprägtes Verständnis für die Feinheiten der lokalen Sprache. Welches französische Verb er verwenden würde. Souhaiter natürlich. Wünschen ist souhaiter. Eigentlich auch im Weihnachtskontext, sagt mein Sohn. Das „commander“ seiner kleineren Geschwister würde implizieren, daß sie sich vom Glauben an den Weihnachtsmann noch nicht ganz freigemacht hätten. Was er sich denn seinerseits wünschen würde. Mein Sohn haßt diese Frage mehr noch als ich, weil er sie ab Mitte Oktober, zeitgleich mit den Girlanden, fast täglich von seiner Mutter zu hören bekommt. Resigniertes Schulterzucken. Außerdem hat mein Sohn keine Wünsche. Nichts, was man bei amazon bestellen könnte. Er hat alles. Sogar Strümpfe und Abercrombie.

Würde sich eventuell einen 1976er Gran Torino wünschen. Wenn Papa endlich die Euromillionen gewinnt.


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Xylella fastidiosa

Meine Schwägerin sagt, mit großem Bedauern, ohne die Palmen an der Terrasse wäre unser Anwesen um eine wesentliche Feature ärmer. Sie sagt Feature, meine Schwägerin. Wesentliche Feature. Sie ist Chairman eines international ausgerichteten Unternehmens für Unified Communications. Schwäbischer Mittelstand. Da redet man eben so. Im internationalen Unternehmen. Feature. Auch in Schwaben. Jetzt ist eine wesentliche Feature unseres Anwesens weg. Die Palmen-Feature. Letzte Woche fiel die letzte unserer Palmen. Opfer eines Käfers. Rhynchophorus ferrugineus. Roter Palmrüssler. Charançon rouge des Palmiers.

Rhynchophorus ferrugineus
Rhynchophorus ferrugineus

Der Käfer hat das Internationale seiner Ausrichtung mit meiner Schwägerin gemeinsam. Er seinerseits kommt ursprünglich aus Südostasien. Dort findet seine Larve eine kleinfingerdicke Made, der Sagowurm als eiweißreiches Nahrungsmittel Verwendung. Gegrillt soll der Geschmack an den von Räucherspeck erinnern. Habe ich nicht verifiziert. Obwohl ich bestimmt zehn Kilogramm davon aus unseren Palmen hätte extrahieren können. Mit Palmenexporten gelangte der Palmrüssler über den Mittleren Osten (1980) nach ganz Nordafrika (ab 1990). Von Ägypten bis Marokko. Von dort – wieder mit Exporten von Palmen weiter in europäische Mittelmeerländer. Spanien 1994, Athen im Rahmen von Aufforstungen anläßlich der Olympischen Spiele 2004. In Europa spezialisierte sich der Käfer auf die Kanarische Dattelpalme (Phoenix canariensis). Das ist die Palmensorte, die auch hier so gerne gepflanzt wird, weil sie so groß und dekorativ ist. 2006 der erste Nachweis in Sanary. 2012 in Monaco. Mein Belegexemplar stammt aus dem Jahr 2014. Der Befall der Palme wird erst in einem fortgeschrittenen Stadium sichtbar. Trauriges Bild. Nichts mehr hilft dann. Nur umsägen, abräumen.

Zum Glück gibt es um unser Anwesen noch andere Palmensorten. Aber eben keine Phoenix mehr. Zur klassischen Subtropen-Feature würde eben die Phoenix gehören. So wie man sich sogar als Mitteleuropäer an den immerblauen Himmel gewöhnt, kann man sich auch an das Fehlen der Phoenix gewöhnen, versuchte ich meine Schwägerin zu trösten. Mehr Licht auf der Terrasse jetzt. Und als mediterrane Feature bleibt ja immerhin noch die Zikade.

Und überall die Ameise. Die Argentinische Ameise (Linepithema humile). Fühlt sich auch sehr wohl bei uns. In den Subtropen im allgemeinen. Aber auch in Schultaschen, Küchenelementen und sogar Autos. Sie findet jeden Krümel, jeden vergessenen Kaugummi. Und hat dann sehr viele hilfsbereite Freundinnen. Kommt aus Südamerika, Argentinien eben. Zwischen 1895 und 1906 – je nach Quelle – erstmalig in Südeuropa. Inzwischen hat sie sich in einer Superkolonie längs der Küste organisiert. Über sechstausend Kilometer von Italien bis Galizien. Die englischsprachige wikipedia schreibt von weiteren Superkolonien in Kalifornien und Japan. Globalisierung eines Insekts. Davon träumt das international orientierte Unternehmen meiner Schwägerin noch. Von der Globalisierung.

Nicht zu vergessen die Termiten. Termiten bei uns im Garten! Sind Termiten nicht was für afrikanische und australische Wüsten? In riesigen Kegeln, weitläufigen unterirdischen Systemen? Bei uns im Garten sind sie weitaus weniger spektakulär. Keine riesigen Kegel. Man stößt nur zufällig darauf. Es gibt zwei Arten davon. Reticulitermes lucifugus und Kalotermes flavicollis. Aus Afrika und Nordamerika über Spanien bis in die Provence. Eine lichtscheue und eine gelbhälsige Termite. Die lichtscheue ist die, die sich durch den Untergrund in antike Bibliotheken frißt und Häuser zum Einsturz bringt. Die andere lebt in kleinen Kolonien von totem Holz in Bäumen. Französisch richtig übrigens le termite. Männlich. Weiß aber auch nur eine Minderheit. Das „le“ entspricht dabei sogar der biologischen Realität. Arbeiter und Krieger sind – anders als bei Bienen und Ameisen zum Beispiel – männlich.

Zur Tropen-Feature können wir, natürlich, auch Mücken beisteuern. Verschiedene Arten. Die Gemeine Stechmücke oder Nördliche Hausmücke (Culex pipiens) sowieso. Das ist die, die es auch zuhause gibt. Wir haben aber auch die Asiatische Tigermücke (Stegomyia albopicta oder Aedes albopictus). Das hat echten Tropen-Charme. Aus Südostasien, Bengalen. Siebziger Jahre Albanien, dann Italien, seit 1999 Südfrankreich. Kann tropische Viren übertragen: Chikungunya- und Denguefieber – Wenn das mal keine Tropen-Feature ist! Eine Frage der Zeit, bis man sich bei uns auf der Terrasse Malaria holen kann.

Ich sollte meiner Schwägerin gegenüber mal diese Vielfalt an tropischen Features betonen. Es müssen ja nicht immer große Palmen sein!

Und dabei habe ich eine ganze Reihe anderer immigrierter Exoten noch nicht weiter erwähnt. Die Kastaniengallwespe (Dryocosmus kiruphilus) zum Beispiel. Aus Süd-China. Verursacht der heimischen Esskastanienindustrie herbe Verluste. Die Varroamilbe (Varroa destructor). Dezimiert Bienenvölker. Aus Südostasien. Oder Paysandisia archon. Papillon des palmiers, ein riesiger, tagaktiver Nachtfalter. Aus Südamerika seit Anfang der neunziger Jahre. Der wird über kurz oder lang die Palmen fressen, die der Käfer nicht geschafft hat. Habe ich selbst noch nicht gesehen. Schließlich das Feuerbakterium (Xylella fastidiosa). Aus Nord- und Lateinamerika. Riesige Flächen uralter Bestände an Olivenbäumen fallen ihr zum Opfer. Eine heimische Zikadenart hilft bei der Verbreitung. Von Apulien aus in Expansion begriffen. Mitte Oktober  in Nizza. Nichts heilt. Nur umsägen, abräumen. Wie bei den Palmen.

Und wahrscheinlich ist das nur die Spitze eines Eisbergs tropischer Features in Südfrankreich.


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Meeresfrüchte

2015-11-01 1009 (Île des Embiez)

Pierre-Marie auf dem Display des Telefons! Das verhieß nichts Gutes! Wenn Pierre-Marie anruft, ist er wahrscheinlich sauer. Sonst kommunizieren wir monatelang nur per Mail.

Was war das denn?

Was war was?

Da war was und dann war es wieder weg.

Er hatte es also gemerkt. Ich hatte aus einem Nachmittag auf einer der Îles des Embiez vor Six-Fours-les-Plages einen kleinen Text mitgebracht und ein Bild. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Zitat meines Schwiegervaters. Sagt er immer wieder, wenn er hier ist. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Der Text gestern Nachmittag keine zwanzig Zeilen. Und irgendwie langweilig. Ich nahm ihn eine Stunde später wieder von der Seite. Jetzt mußte ich mich auf eine Moralpredigt von Pierre-Marie einstellen. Pierre-Marie ist mein Lektor.

Hat mir dann doch nicht gefallen. Zu kurz. Zu langweilig.

Genau. Wenn zu kurz mal alles wäre. Kein Inhalt. Blauer Himmel, Zikaden, Alkohol dazu. Provençalische Stereotypen. Dein Schwiegervater sagt was. Das reicht doch nicht! Selbst wenn dein Schwiegervater der größte Bildhauer Norddeutschlands ist.

Ich hab’s ja gemerkt!

Ein bißchen spät, finde ich! Vorher merken wäre schöner! Vielleicht sogar den Lektor gegenlesen lassen? Ich hätte dir schon meine Meinung dazu gesagt! Das nächste Mal einfach nur ein mittelmäßiges Bild vielleicht? Oder ein Katzenvideo? Mit ein paar Smileys dazu?

Pierre-Marie kennt meine Abneigung gegen Smileys. Abgrundtief. Um mich zu ärgern, schickt er mir manchmal Mails mit zeilenweise Smileys. Manche wackeln. Weinen. Zwinkern. Winken. Unglaublich komisch. Besser nicht auf diesen Tiefschlag eingehen.

Das haben vielleicht zehn, zwanzig Leute angeklickt, mehr waren das bestimmt nicht. Du solltest das nun wirklich nicht überbewerten!

Und das Bild! Eine Katastrophe! Algen! Nur Kiesel. Wenn es schon eine leere Flasche im Gegenlicht sein muß, gab’s da keinen Sand dazu? Und der Horizont war wohl auch schon betrunken!

Das merkt doch keiner!

Wenn sogar ich den schiefen Horizont sehe! Du bist wohl immer noch noch unter billigem Fusel?

Wenn Pierre-Marie erstmal in Fahrt gekommen ist, lässt er sich nur sehr schwer wieder bremsen. Vor ein paar Monaten ist er in einem Café ausgerastet. Hat solange rumgeschrien, bis uns der Kellner aufforderte, unsere „Besprechung“ doch bitte im Außenbereich fortzuführen. Und das wegen ein paar Satzzeichen!

Erstens: Den Horizont lasse ich mir von meinem Sohn geraderücken. Der kann sowas. Zweitens war das kein billiger Fusel. Das war ein Chablis. Nicht billig. Eine Flasche nur. Und ziemlich gut. Und drittens hatte ich gestern Dienst.

Seit wann hält dich Dienst vom Trinken ab?

Okay, okay, jetzt lass‘ mal gut sein! Was soll ich jetzt machen?

Lies‘ es nochmal durch und denk‘ Dir noch ein paar Zeilen aus. Mehr zum Schwiegervater, mehr zu der Insel. Irgendwas.

Mein Schwiegervater, als er uns noch regelmäßig zum Arbeiten besuchte, pflegte ebenso regelmäßig zu sagen, mit einem Seufzen, auf der Terrasse, unter Palmen, dem Einfluß einer kleinen Flasche eines lokalen Rosé und dem Gesang der Zikaden: Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Das ist natürlich eine rhetorische Aussage. Wir wissen ganz genau, wie gut wir es hier haben. Nicht nur auf der Terrasse. Unter der Sonne eines 1. November noch am Strand zum Beispiel. Das Meer fast zwanzig Grad warm. Mit einem guten Dutzend selbst vom Fels geernteter Seeigel. Frischer geht nicht. Mit Baguette und Butter. Sonst nichts. Außer vielleicht, ich gebe es zu, ein paar Gläschen eines schönen Chablis.

Mein Schwiegervater geht nicht gerne an den Strand. Er liebt andererseits Meeresfrüchte. Den Chablis sowieso. Mit frischem Seeigel an Baguette und Butter, unter dem Einfluß von ein paar Gläschen eines schönen Chablis, könnte er vemutlich nicht umhin, sogar auf kleinem Kiesel am Strand, zu seufzen: Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt!

Oder ich lass‘ den Text mit dem Schwiegervater einfach so. Das geht.

 


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Schade eigentlich

Eine Landstraße vom Dorf direkt an der Küste zum Dorf in zweiter Reihe. Mäandert knapp zweispurig durch üppiges Grün. Anlieger sind eine hochpreisige Baumschule und ein paar Biobauern, die mißmutig zahlungskräftigen Kunden teilkompostierte Tomaten der Vorwoche in Papptüten zu verkaufen suchen. Dreißig Prozent des Wohnraums im Dorf an der Küste, darunter exklusive Anwesen mit Direktblick Richtung Afrika, sind Zweitresidenzen. Menschen aus Paris und Lyon, ein paar Engländer. Die kaufen auch Biokompost direkt vom übellaunigen Erzeuger. Die Mißmutigkeit scheint Teil des Geschäftsprinzips zu sein. Die Aufzucht von Biogemüse ohne Pestizide ist eben ein mühsames Unterfangen. Meine Frau kauft hier nicht mehr, die Straße aber ist schön zum Radfahren. Schattig.

Unmittelbar rechts und links der Straße finden sich tiefe Gräben, das flache Land zwischen dem Dorf direkt an der Küste und dem in zweiter Reihe gilt als Überschwemmungsgebiet. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf fünfzig Stundenkilometer limitiert. Das hält eilige Kleinlaster jedoch nicht von gewagten Überholmanövern bei deutlich höherer Geschwindigkeit ab. Die dürften hier, schwerer als 2,5 t, ohnehin nicht fahren. Ich wundere mich immer wieder, daß hier nicht öfter mal Autos im Graben liegen. Freunde, die wir über diese Strecke lotsen, steigen am Strand schweißgebadet aus ihrem A6 aus. Gibt’s da keinen anderen Weg? Auf halber Strecke finden sich zwei dicht aufeinanderfolgende Engstellen, die eine mit entsprechender Beschilderung zur Regelung der Vorfahrt, die andere ohne Beschilderung, dafür unübersichtlich. Zwischen den beiden Engstellen ist die Straße eigentlich auch zu schmal für Gegenverkehr. Eine Ausweichmöglichkeit ist nur an einer Stelle vorgesehen, eine Parkbucht von den Ausmaßen eines zweitürigen Kompaktwagens.

Neulich stellte ich mir vor, meinen neuen Siebensitzer mit Mogelmotor von Volkswagen im Graben neben der Straße zu versenken. Abgedrängt vom flüchtigen Kleinlaster. Zum Beispiel. Auf der Basis eines Vollkasko-Ereignisses. Wirtschaftlicher Totalschaden. Wäre zumindest ehrlicher als die neuesten Gedankenspiele des Schummelkonzerns. Rücknahme statt Nachbesserung. Und dann könnte man die zurückgenommenen, „alten Wagen außerhalb der EU verkaufen, etwa in der Türkei oder in Afrika.“ Schreibt SPIEGEL ONLINE. Ließe einen tiefen Blick zu in eine scheinheilige Welt der Automobilindustrie. In Afrika sind Stickoxide ungefährlich.

Freitag Morgen halb zehn. Ich hatte Dienst und befinde auf dem Rückweg nach Hause. Und dann: Stau! Stau auf der Landstraße zwischen dem Dorf direkt an der Küste zum Dorf in zweiter Reihe. An einem Freitag Morgen um halb zehn. Stau! Ist mit dem Fahrrad nicht weiter schlimm. Auf der Gegenspur ist Platz genug, an den vielleicht zwanzig wartenden Fahrzeugen vorbeizufahren. Es gibt nicht mal Gegenverkehr. Es handelt sich trotzdem ganz offensichtlich um eine Baustelle. Ganz vorne steht ein Herr in offiziellem Bauarbeiter-Outfit – Blaumann, Signalweste, Helm – von der Statur eines Rugby-Spielers mit Schaufel und Schild mitten auf der Straße. Er zeigt uns die rote Seite seines Schilds. Die Baustelle ist wahrscheinlich hinter der Kurve. Die Fahrzeuge ganz vorne stehen offenbar schon länger. Die Fahrer haben die Motoren abgestellt. Ich wage den Versuch, das rote Schild zu Fuß zu passieren, schiebe mein Rad in Richtung des Bauarbeiters. Der deutet mit dem Stiel seiner Schaufel auf das Rot seines Schilds. Wortlos. Das heißt: Kein Verhandlungsspielraum. Mit seiner Schaufel ist er am längeren Hebel, ganz klar. Selbst wenn er selbst mich nicht damit erwischen würde, ich müßte mich spätestens seinem Pendant am anderen Ende der Baustelle stellen. Zudem könnte das Manöver zwischen den Schildern vielleicht doch gefährlich sein. Obwohl nichts zu hören ist. Kein Lastwagenmotor, kein Bagger. Nichts. Nach wie vor kein Gegenverkehr. Vollsperrung. Wenn da ein Wagen aus dem Graben zu zerren sein sollte, kann das noch lange dauern. Vielleicht sollte ich doch umkehren. Aber, wie gesagt, nicht das geringste Anzeichen auf den Einsatz schweren Geräts. Ruhige Stimmen von jenseits des Schilds, mehr nicht.

Ich warte mit den Autos. Ein Motorrad von hinten. Macht Anstalten, sich am Schildträger vorbeimogeln zu wollen. Die Geste Schaufel an rotem Schild kenne ich schon. Reicht auch dem Motorradfahrer als Argument.

Ça va encore durer?

Non, non, ça n’va pas tarder. T’inquiète!

Gleich geht’s weiter. Kein Grund zur Beunruhigung. Alles ist ruhig. Vogelgezwitscher. In der Ferne ein Zug auf der Strecke nach Nizza. Musik aus Autoradios. Von weiter hinten gelegentliches, ungeduldiges Dauerhupen. Wendemanöver. Das ist mühsam und langwierig auf der engen Straße mit den metertiefen Gräben zu beiden Seiten. Fünf Minuten später noch ein Motorrad. Immer noch Rot.

Ça va encore durer?

Non, non, ça n’va pas tarder. T’inquiète!

Keine fünf Minuten später dreht der Bauarbeiter tatsächlich sein Schild auf grün und tritt zur Seite. Ganz unvermittelt. Autos starten mit aufheulenden Motoren und quietschenden Reifen. Und kommen nur wenig später wieder zum Stehen. Aus der Ausweichbucht von den Ausmaßen eines zweitürigen Kompaktwagens ragt links ein Kleinlastwagen bis in die Mitte der Fahrbahn. Dahinter die Fahrzeuge aus der Gegenrichtung. Die Rugby-Spieler mit Schaufel, scheint es, haben ihre Schilder zeitgleich auf Grün gedreht.

Da entwickelt sich ausgezeichnetes Potential für ein Vollkasko-Ereignis bis hin zum wirtschaftlichen Totalschaden im Rahmen einer cholerischen Krise. Das würde jede Versicherung verstehen.

Schade eigentlich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Das Blaue vom Himmel (3)

Worin unterscheiden sich japanische, indische und französische Informatiker der Automobilindustrie?

Japanische Informatiker kümmern sich um die Motorsteuerung zur Verschleierung tatsächlicher Abgaswerte unter anderem bei Toyota. Machen sie im straff hierarchisch organisierten Team. Liefern kompatible Software zum Beispiel auch an Mercedes-Benz, Ford und Fiat. Die entsprechenden Programmzeilen werden vermutlich unauffindbar bleiben.

Bei BMW in München hat ein indisches Programmiergenie die Stickoxide einfach verschwinden lassen. Dieselmotoren aus Bayern produzieren keine Stickoxide. Das größte Problem war, Spuren von Schadstoffen für die Testroutinen beim Kraftfahrtbundesamt zu inszenieren. Der Glaubwürdigkeit wegen.

Die französischen Informatiker haben allesamt in den besten Schulen von Paris studiert. Überzeugende Selbstdarstellung ist ein Kernpunkt der Ausbildung. Absolventen zehren für den Rest ihrer beruflichen Karriere vom Bewußtsein ihres elitären Status. Das französische Team ist trotzdem schon vor Jahren bei Renault aufgefallen wegen Unzulänglichkeiten im Obsoleszenzmanagement. Zuviele Ausfälle während der Garantiezeit. Liegt an ihrer mangelnden Teamfähigkeit. Abgeschoben zur rumänischen Tochterfirma sollten sie deren Basismodell optisch in die Nähe eines Porsche Carrera programmieren. Herausgekommen ist dabei ein Nissan Juke. Nach diesem Mißerfolg verdiente sich das Team bei Volkswagen neben sattem Honorar einen Phaeton mit selbstprogrammiertem Motor als Prämie. Immerhin. Der muß nun leider zurück in die Werkstatt. Vielleicht kriegen sie ihn bis Ende 2016 als gebrauchten Up! zurück.

Was fällt auf?

Erstens: Deutsche Informatiker treten nicht weiter in Erscheinung. Auch die deutschen Techniker nicht. Zumindest nicht die von Volkswagen. Seit dem lässigen Gastauftritt des französischen Teams in Wolfsburg, welcher sich der gesamten Belegschaft als überaus charmant ins Gedächtnis geprägt hat, kann sich eigentlich keiner mehr erklären, was die hauseigenen Motor- und Umwelttechniker wirklich den ganzen Tag machen.

Zweitens: Auch die coolen Programmierer aus dem Silicon Valley fallen in diesem Zusammenhang nicht auf. Die kümmern sich vorwiegend um Werbung. Und deren kontextsensitive Schaltung allenthalben. Die Neffen von Mark Zuckerberg verdienen sich gerade ihre ersten Milliarden mit subtilem Marketing für Volkswagen. Die Nerds in Fort Meade fallen noch viel weniger auf. Dabei war es doch die Spionage-Software des NSA, die über die Zeilen der Mogelsoftware in deutschen Dienstwagen stolperte.

Sagt nur keiner.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Das Blaue vom Himmel (2)

Thomas Zahn, der Leiter von Vertrieb und Marketing bei Volkswagen Deutschland, bringt sein tiefstes Bedauern zum Ausdruck. Klar, er hat mein Vertrauen enttäuscht und ist sich dessen bewußt. Mit meinem Siebensitzer, made in Germany, wollte ich einen Schlußstrich ziehen unter eine Serie unerquicklicher Abenteuer mit Produkten der einheimischen Automobilindustrie. Und nun das! Mein Neuwagen von Volkswagen ist eine Mogelpackung! Eine von acht Millionen in Europa alleine. Die Aussage auf der Seite bei VW ist eindeutig: Der in meinem Fahrzeug „eingebaute Dieselmotor vom Typ EA189 ist von einer Software betroffen, die Stickoxidwerte (NOx) im Prüfstandlauf (NEFZ) optimiert.“ Betroffen! Der Motor ist betroffen. Soll ein bißchen wie ein Krankheitsfall klingen. Zufall, Pech. Kann ja mal passieren. Aber, zum Glück, und da soll ich wohl wirklich beruhigt sein, Volkswagen wird alles tun, um mein „Vertrauen vollständig wiederzugewinnen“, „mit Hochdruck“ wird an einer Lösung gearbeitet. In meinen Ohren klingt das wie die Worte von Manu, dem Autohändler. Der Turbolader im Renault war nach vier Tagen kaputt, aber – „ne vous inquiétez pas!“ – ich solle mich nicht beunruhigen. Thomas Zahns „Hochdruck“ entspricht von der Intention her womöglich Manus „ne vous inquiétez pas!“ – Beschwichtigung um jeden Preis. Das Blaue vom Himmel. Fünf Wochen dauerte die Reparatur bei Manu. Florian H., der mir in VW-Niederlassung das Auto verkauft hat, ist zur Zeit nicht ansprechbar. Aber was sollte der mir auch Neues erzählen?

Ganz früher, kurz nach dem Abitur, war ich stolzer Besitzer eines „Bulli“ von Volkswagen. T2. Baujahr 1973, glaube ich, 50 PS für eine gute Tonne Auto. Stickoxide gab es damals noch nicht. Ziemlich morsch, Rost überall, die Heizung ließ sich nicht ausschalten. Die Heckklappe samt Anti-Atomkraft-Sonne war ölverschmiert, weil wohl irgendwas im Ölkreislauf undicht war. Ich verwendete meinen Bulli als spartanisch eingerichtetes Wohnmobil. Und war damit in Südfrankreich unterwegs. Alle zweihundert Kilometer mußte ich einen Liter Öl nachschütten. Autobahnen konnte ich mir nicht leisten. War aber egal, mein T2 schaffte ohnehin nicht mehr als 108 Stundenkilometer. Steigungen, auch kleine, konnte er am besten im zweiten Gang. Aber auch das war egal, im Lubéron und in der Camargue und auf dem Weg dahin war ganz klar der Weg das Ziel. Das muß 1982 gewesen sein. Frühsommer.

Auf Seite 2 der regionalen Tageszeitung findet sich ein Bericht über den aktuellen Abgasskandal bei Volkswagen und mögliche Konsequenzen für die Kunden. Unter anderem kommen zwei Experten zu Wort. Die erläutern, daß der Motor in meinem Touran sehr wohl imstande wäre, die Vorgaben einzuhalten, allerdings auf Kosten der Leistung. Ein 150-PS-Motor würde dann vielleicht noch 110 bringen. Sagen die Experten. Mein Touran hat 105 PS. Das reicht gut für zielgerichtetes Fahren. Ohne Spielräume für sportliche BMW-Allüren. Schneller als 130 km/h darf ich in Frankreich sowieso nicht fahren. Nach Korrektur der Mogelsoftware zur Motorsteuerung würden von den 105 – Dreisatz – nur noch 77 übrigbleiben. PS. Das würde mich vom Fahrgefühl her nach 1982 – Frühsommer, Sonne, Südfrankreich – zurückversetzen. Der Weg als Ziel.

Entspricht nur leider nicht ganz meinen aktuellen Anforderungen an ein Fahrzeug. Im Rahmen meiner aktuellen Alltags-Anforderungen rückt das Ziel – Schule, Krankenhaus, Intermarché – eindeutig in den Vordergrund. Und der Weg soll nicht zum Problem werden.

Die entsprechende Seite bei Volkswagen Frankreich gibt sich übrigens deutlich trockener. Ehrlicher vielleicht. Herr Zahn tritt hier nicht Erscheinung. Auch nicht sein Pendant von Vertrieb und Marketing bei Volkswagen Frankreich. Von Bedauern und „Hochdruck“ hier keine Rede. Mein Auto sei mit einem Motor EA189 ausgerüstet. Aha, wußte ich schon. Dieser wird sich Maßnahmen zur Korrektur des Stickoxid-Ausstoßes zu unterziehen haben. Maßnahmen! Keine weiteren Erläuterungen zu diesen Maßnahmen. Es folgen ein paar Felder zur Eingabe der persönlichen Daten. Man würde mich auf dem Laufenden halten. Baldmöglichst. Kein „Hochdruck“, wie gesagt, kein Bedauern. Immerhin, wie bei volkswagen.de, sinngemäß von Herrn Zahn abgeschrieben: „Wir versichern Ihnen jedoch, dass Ihr Fahrzeug technisch sicher und fahrbereit ist!“ Immerhin. Dann wird ja alles gut.

Ne vous inquiétez pas!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Das Blaue vom Himmel

Für den Wagen kann ich Ihnen vielleicht noch fünfzehnhundert geben. Mehr ist da nicht drin. Die Kilometer. Soviel Kilometer! Und die Dieselpumpe muß ja erst noch ersetzt werden. Und wer weiß, was der Wagen noch alles hat. Da muß ohnehin erstmal der Speicher des Bordcomputers ausgelesen werden. Täte ihm ja leid, sagt der Vertragshändler meines Vertrauens und guckt ganz betroffen. Gefühlt wäre mein Auto noch gut dreitausend Euro wert gewesen.

Mit etwas Glück, und weil man ja Stammkunde ist und den Nachfolgewagen mit soviel weniger Kilometern auch bei ihm kaufen will, schlägt er vielleicht noch dreihundert auf. Je nachdem, was der Wagen noch alles hat. Als ob er nicht auch ohne Auslesen wüßte, was der Wagen noch alles haben könnte. Seit Jahren kommt er alle sechs Monate mindestens in die Werkstatt. Aber, na ja, sei’s drum, weg damit. War doch ein bißchen viel Ärger mit der Kiste in den letzten Monaten. Die Kupplung, die Zylinderkopfdichtung. Der Kompressor der Klimaanlage. Der Antrieb des Schiebedachs. Blinker, Radio, Kühlwassersensor. Elektronische Phänomene. Die Gurtstraffer, die einfach so zünden, ohne Anlaß, völlig unvermittelt. Wer weiß, das nächste Mal schlägt mir womöglich der Airbag ins Gesicht. Ganz überraschend. Weg damit! Mit dem Neuen, auch ein Gebrauchter, aber weniger als vier Jahre alt und nur knapp über fünfzigtausend Kilometer, natürlich unfallfrei und scheckheftgepflegt, wird alles besser werden. Bestimmt. Der Vertragshändler gibt sich zuversichtlich. Weiß Gott, woher Automechaniker ihre Zuversicht nehmen im Gebrauchtwagenverkauf!

Kaum werde ich mich von meinem Alten, dem Sorgenkind mit den vielen Kilometern auf dem Zähler, getrennt haben, nach einem letzten melancholischen Blick ins Armaturenbrett, wird der Mechaniker seinen Computer anschließen. Den Speicher auslesen. Denkbar, daß ihm der Ansprechpartner seiner automobilen Vertragsfirma den Zugangsschlüssel zum Menüpunkt für „Besondere Einstellungen“ verraten hat. Den für eine radikale Korrektur des Kilometerstands zum Beispiel. Oder für die Aktivierung verschiedener Sollbruchstellen. Eine kleine Modifikation in den Parametern des einen oder anderen Sensors hat über kurz oder lang Auswirkungen zum Beispiel auf die Dynamik des Turboladers. Früher oder später ist er reif, zum Beispiel der Turbolader. Reif für einen Austausch. Vielleicht läßt sich bei dieser Gelegenheit überhaupt ein kleiner Störcode einflechten in die Hauptsoftware des Bordcomputers. Hat ihm der Herr im Anzug auf einem USB-Stick zugesteckt. Als mp3 getarnt. Können Sie auf alle Modelle der Baureihen ab 2005 aufspielen, hatte er gesagt. Sichert Ihnen die Kunden auf Jahre hinaus, ergänzte er mit einem Augenzwinkern. Natürlich mit Vorsicht einzusetzen, solange das Jahr Händlergarantie noch nicht abgelaufen ist. So einfach funktioniert Kundenbindung heutzutage.

Das war früher schon komplizierter mit der Kundenbindung. Früher, in der Ära vor der automobilen Digitalisierung, waren noch profunde Kenntnisse der Mechanik gefragt. Und vor allem zielgerichtetes und entschlossenes Eingreifen. Zielgerichtet und entschlossen, aber diskret. Ein Hauch Metallspäne ins Radlager zum Beispiel. Kann keiner nachweisen. Ein paar Schrauben lockern an der Zylinderkopfdichtung. Eine Vierteldrehung höchstens. Spätestens ein halbes Jahr später kommt der Kunde wieder. Ein beherzter Hieb mit dem Schraubenzieher in einen Auspufftopf. Früher mußte man alle naselang was am Auspuff  wechseln. Im Zeitalter der Digitalisierung rostet kein Auspuff mehr. Nicht mehr nötig. Oder eine lose Beilagscheibe im Zündverteiler. Eine Beilagscheibe? Im Zündverteiler? Der Mechaniker weiß sich nicht zu erklären, wie die dahin gekommen sein soll. Schulterzucken. Suggestive Vermutungen höchstens. Besonders geschickt, weil das gleichzeitig den Kunden kulpabilisiert. Der Kunde wird nie wieder wagen, die Motorhaube auch nur anzufassen. Besser so.

Heutzutage geht das alles digital. Ganz sauber. Ohne Schraubenzieher. Ein paar kreative Programmzeilen direkt aus der Konzernzentrale und wenig später fallen die erstaunlichsten Komponenten aus. Komponenten, von denen der Laie nie gehört hat. Kein Sensor, der Fehlfunktionen nicht auf Zufallsbasis signalisieren könnte, kein Regler, der nicht entgleisen könnte. Orangefarbene und rote Leuchten im Cockpit. Der Diagnosecomputer findet dann jeden denkbaren Fehler. Und mein Mechaniker kann mir eine nette Interpretation dazu erzählen. Meist bin ich irgendwie selbst schuld. Oder das Auto. Was erwarten Sie denn bei dem Kilometerstand? Schulterzucken. Wird mindestens zweihundert Euro kosten. Leider. Betroffenheit. Plus Stundensatz. Plus Mehrwertsteuer. Zumindest das hat sich nicht geändert.

Besonders dankbar ist die Simulationsfunktion. Ein Bauteil simuliert seinen Totalausfall. Und läßt sich mittels Mausklick reparieren. Den Wagen natürlich der Glaubwürdigkeit halber mindestens drei Tage dabehalten, was von Lieferengpass erzählen und mehr als vierhundert Euro veranschlagen. Leider. Plus Stundensatz. Betroffenheit. Plus Mehrwertsteuer. Wenn ein Kunde mal nachfragt, kann man ihm immer noch irgendein ölverschmiertes Teil aus der Sammlung zeigen. Welcher Laie kann schon einen Turbolader von der Kühlwasserpumpe unterscheiden?

Mein Neuer ist einer von denen mit evident getürkter Ökologie. Intelligente Software produziert geschönte Abgaswerte. Nicht diskret genug. Nicht intelligent genug. Auf seiner Heckklappe klebt rechts unter dem TDI – das I rot, warum auch immer – ein Schriftzug „BLUEMOTION technology“. Mit blauem BLUE. Was auch immer das heißen mag. Blaue Bewegung? Blau in Bewegung? Welches Blau? Das Blaue vom Himmel? Soll keiner sagen, man wäre nicht dezent, poetisch geradezu, auf die Lügen hingewiesen worden.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Funkloch

Ich komme aus dem Dienst und fühle mich etwas angegriffen. Und das, obwohl mich keiner gestört hat. Weder Chirurgen noch Hebammen, weder Notaufnahme noch Intensivstation oder wer da sonst einen Grund finden könnte, mich um 01:54 Uhr oder 03:37 Uhr anzurufen. Nein, ich fühle mich angegriffen, weil mein Bett unter mir zusammengebrochen ist! Zweimal. Gefühlt Hebammen- oder Chirurgenzeit. 01:54 Uhr oder 03:37 Uhr. Nein, so fett bin ich nicht! Ikea aus den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Oder, schlimmer noch, das französische Äquivalent zu Ikea aus den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Da darf so ein Lattenrost – Latte für Latte – schon mal nachgeben. Warum aber gerade heute Nacht? Schlecht geschlafen also. Die Kaffeemaschine im OP wird gerade entkalkt. Wie kann man auf die Idee kommen, eine Kaffeemaschine zur Frühstückszeit zum Entkalken außer Betrieb zu nehmen? Meine Ablösung auf der Intensivstation kommt eine gute Viertelstunde verspätet. Tut ihr immerhin leid, der Ablösung. Nach der Übergabe riecht es im OP nach Kaffee. Zu spät. Ich muß weg. Ich habe mir ein straffes Programm gemacht für heute.

Zuhause Chaos. Offenbar eiliger Aufbruch der Mitbewohner. Festbeleuchtung im ganzen Haus, ein Berg Schmutzwäsche vor der Waschmaschine. Frühstücksruinen auf dem Küchentisch, die Spülmaschine nicht ausgeräumt. Für den Renault aus unserem Fuhrpark – der mit inzwischen repariertem Turbo –  habe ich ein Date zur révision. Der Schlüssel ist weg. Unauffindbar. Das fehlte mir noch! Meine Familie nicht ansprechbar. Meine Frau geht gerne ohne Telefon in den OP. Die Handys meiner Söhne sind einfach aus. Wahrscheinlich sind die Batterien am Ende. Die Handys meiner Söhne müssen oft ohne Batterieladung auskommen. Oder ohne Funknetz. Ich finde den Schlüssel schließlich in der Schmutzwäsche. In einer Hosentasche. Nach über zwanzig Jahren Kinderaufzucht bin ich ein geübter Sucher! Manchmal finde ich auch was.

Der Chef bei Renault nimmt mein désolé mit einem Nicken zur Kenntis und kommentiert nur trocken c’est pas trop tôt. Genauere Erläuterungen zum Schlüssel in der Schmutzwäsche interessieren ihn vermutlich genauso wenig wie der berstende Lattenrost im Krankenhaus. Er wäre nicht sicher, ob der Wagen heute noch fertig würde. Egal.

Kurz nach zehn fällt mir auf, daß die Putzfee ja noch gar nicht im Haus ist. Die Putzfee kommt immer dienstags. Seit drei Wochen heißt sie Élodie. Piercing in der Unterlippe rechts. Letzte Woche hatte sie einen Arzttermin vor ihrem Einsatz bei uns. Die Woche davor gab es, glaube ich, ein Problem mit dem Hund. Ihr Einsatz bei uns ist eigentlich für vier Stunden zwischen halb neun und halb eins vorgesehen. Vielleicht kommt sie ja gar nicht heute. Käme mir sehr gelegen.

Kaum denke ich das, kaum denke ich mir, wie schön das wäre, wenn die Putzfee heute gar nicht käme, warum auch immer, Arzt, Hund, Auto meinetwegen, geht die Tür. Élodie. Heute ist ihr Rücken der Grund für die Verspätung. Le dos bloqué. Sieht auch wirklich angegriffen aus. Sie hatte eine Nacht wie in der Hölle. Hat kein Auge zugetan. Sagt sie. Wenn es so schlimm wäre, solle sie doch besser zuhause bleiben. Nein, nein, sagt sie, geht schon. Dann doch. Schade. Später kreischt sie oben irgendwo. Spinne? Skorpion? Maus? Eine Putzfee mit Arachnophobie? Nein, der Hamster war’s. Der Hamster meiner Tochter hatte Élodie angekrabbelt. Der Käfig war offen geblieben. Mal wieder. Ein Glück, das dies der Katze nicht aufgefallen war!

Ich werde versuchen, ein Zeitfenster für eine kleine Sieste zu finden. Am besten draußen. Außer Hörweite von Élodie. In der Sonne. Am besten gleich. Und das Telefon im Funkloch lassen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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