Dienstanweisung

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Sicher-das-dann-ja. Zwei oder drei Anmerkungen konnte man sich erlauben, maximal, dann war Schluß. Immerhin war Monika die Chefin. Und ihr Wort wie in Stein gemeißelte Weisheit. Monikas Sicher-das-dann-ja signalisierte das natürliche Ende eines Meinungsaustauschs bei steiler Hierarchie. Hieß soviel wie jaja, reden Sie mal.

Die Zeit der Schwestern-Narkosen ist ein für allemal vorbei, Herr Diehl. Stammt auch von der damaligen Chefin, im Provinzkrankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets. Anästhesie ist in Deutschland ärztliche Aufgabe. Pflegepersonal hat die Rolle dienenden Beiwerks. Unumstößliche Wahrheit. Mußte ich mir immer anhören, wenn sie mich am Kaffee in der Kaffeeküche des OPs erwischte. Passierte mir öfter mal. Mich erwischen zu lassen. Manchmal mußte sie dann laut werden. Chefin eben. Alte Schule. Eine der ersten Chefinnen in der Anästhesie überhaupt. Monika und Doppelname. Mit einer Abmahnung beim nächsten Mal drohen. Und eine Dienstanweisung redigieren. Die Dienstanweisungen fingen meistens an mit den Worten „Aus gegebenem Anlaß…“. Herr Diehl war häufig der Anlaß. Den Dienstbeginn zum Beispiel betreffend. Visite Punkt 7:30 Uhr. Und nicht etwa erst 7:32 Uhr. Halb acht war mit Kindern nur ganz schwer zu schaffen damals. Kindergarten, Tagesmutter. Stau allenthalben. Eigentlich unmöglich. Oder die Dokumentation. „Aus gegebenem Anlaß“ wurde die Abteilung für Anästhesiologie angehalten, die Lesbarkeit handschriftlich erstellter Dokumente sicherzustellen. Zukünftig. Gerne auch mal „ab sofort“. Dabei habe ich eine interessante Handschrift. Oder eben diese Geschichte mit der Schwestern-Narkose. Ein für allemal. Schwester Roswitha war alleine im OP-Saal an der Hüftoperation erwischt worden, Herr Diehl  beim Kaffee mit der Gynäkologin. Geht gar nicht, die Schwester alleine. Dienstanweisung. Gegebener Anlaß. Die Sekretärin, auch Monika, mußte die Dienstanweisungen gegen Unterschrift im Kollegium verteilen.

In Frankreich ist das anders. Im südfranzösischen Provinzkrankenhaus habe ich ein eigenes Büro im OP. Christine und Jean-Pierre – Infirmièrs Anesthésistes Diplômés d‘État, IADEs – passen auf meine Narkosen in Saal eins und zwei auf. Ich kümmere mich um die postoperativen Anordnungen. Am Computer. Manchmal muß ich was unterschreiben. Anästhesie ist eine sitzende Tätigkeit. Der Chirurg im Saal hingegen muß häufig stehen. Und die Schwestern dazu. Die meisten tragen Stützstrümpfe. Prophylaktisch wegen drohender Krampfadern. Oder manifester Varikosis. Allein das könnte genügen als Grund, nicht Chirurg werden zu wollen. Stützstrümpfe! Im OP steht der Chirurg am Tisch, auf seiner Station läuft er herum und macht Visite. Der Chirurg sitzt selten. Nicht einmal der französische. Nur in der Mittagspause von zwölf bis zwei. Ich sitze meistens. Zur Einleitung einer Allgemeinanästhesie stehe ich auch. Mit Jean-Pierre am Kopfende des OP-Tischs. Rückenmarksnahe Anästhesieverfahren stechen sich nicht gut im Sitzen. Regionalanästhesien, Narkosen also nur für einen Arm zum Beispiel, oder Gefäßpunktionen, gehen wiederum besser im Sitzen. Weil man sich sonst, beim feinmotorischen Hantieren mit Sonograph und spitzer Nadel den Rücken verkrampft. Danach gehe ich in mein Büro. Papierkram. ZEIT ONLINE und so. Sitze. Warte auf den nächsten Patienten. Christine bleibt beim Patienten. Darf auch sitzen. Und hat Internet. Keine Social media zwar, aber immerhin. Der Anästhesist trägt die Verantwortung, die Schwester bleibt an der Narkose. Meistens alleine. Ich löse sie ab und zu für einen Kaffee ab. Oder Zigarette oder Pipi. Schwestern-Narkose. Meine damalige Chefin im nordöstlichen Ruhrgebiet konnte sich das nicht vorstellen. Ein für allemal.

Zu einer der letzten Weihnachtsfeiern des letzten Jahrtausends gab sie sich jovial. Die Sekretärin hatte sie diskret daran erinnert, daß der Herr Diehl zum 31. Dezember die Abteilung verlassen würde. Nette Worte zählten ebenso wenig zu ihren Stärken wie das souveräne Absolvieren von Betriebsfeierlichkeiten. Wie denn mein Alltag wohl aussähe in Frankreich, fragte Monika. Mußte ja wohl ein paar Wort wechseln mit mir. Mediterran vermutlich, sagte ich. Nicht vor halb neun schon mal. Und ich würde eher Kaffee trinken als auf Narkosen aufpassen. Gut ausbildete Fachpfleger würden meine Narkosen überwachen.

Sicher-das-dann-ja.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Agnès

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r sowas bin ich nun gar nicht der Richtige. Leider. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu nerven. So oft werde ich auch gar nicht um medizischen Rat gefragt. Meistens werde ich um Rezepte gebeten oder Certificats médicaux zur Teilnahme an mehr oder weniger kompetitivem Sport. Mache ich ohne Wartezimmer und ohne zu murren. Kostenneutral. Pas de problème.

Ich persönlich betreibe pragmatische Sofortmedzin. Und glaube daran. In meinen Schubladen habe ich richtige Medikamente. Ich injiziere was und das wirkt sofort. Sofort und signifikant. Der Internist hat ja auch Medikamente, der Dermatologe Crèmes und Tinkturen. Das dauert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch zu wenig, zuviel, anders, unerwünscht. Mal abgesehen von Chemotherapie. Das wirkt auch sofort. Die meisten kotzen innerhalb von Stunden. Da sieht man wenigstens Wirkung. Meine Moleküle wirken sofort, innerhalb von Sekunden, manche schon in winzigen Mengen. Im einstelligen Mikrogrammbereich. Ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm. Ein Strandsandkorn, zum Vergleich, wiegt immerhin zweihundert Mikrogramm. Millionstel Gramm erzeugen Wirkung in der Aber-hallo-Kategorie. Meistens ziemlich genau so, wie ich mir das vorstelle. Wenn jemand schlafen soll, schläft er in weniger als einer Minute. Von solchem Potential können Internist und Dermatologe nur träumen.

Beim Homöopathen bin ich mir nicht einmal sicher, ob er sich bei seinen Tees und Kügelchen ernsthaft eine nachweisbare Wirkung vorstellt. Mal abgesehen von der, die er im Rahmen teurer Séances zu indoktrinieren sucht. Die Kügelchen und Tröpfchen sind ja so molekülarm im vermuteten Wirkstoff, daß man wahrscheinlich nicht mal allergisch darauf reagieren kann. Die arbeiten, wenn ich mich recht erinnere, mit Verdünnungen, die einer Teelöffelmenge im Mittelmeer entsprechen. Größenordnungsmäßig vielleicht so wie unser Mond in der Milchstraße. Und auch das nur ab dem dritten Viertel des zunehmenden Monds. Bleibt die Hoffnung auf den Placeboeffekt. Macht meines Wissens bis zu dreißig Prozent der medizinischen Wirkung aus. Außer in der Sofortmedizin. In meinen Schubladen gibt es keinen Placeboeffekt.

Auf Wunsch meiner Frau, in der Hoffnung auf eine Reduktion meiner angeblichen Schlafgeräusche, besuchte ich vor Jahren schon den HNO- Spezialisten ihrer Wahl. Der vermutete eine allergische Disposition, die sich sogar labormedizinisch nachweisen ließ. Positives „Phadiatop“. Nie gehört zuvor. Kommt nicht vor in meinem klinischen Alltag. Seitdem befinde ich mich in allergologischer Behandlung. Beim erstbesten Allergologen meines Centre hospitalier. Jede Monatsmitte die Subkutan-Desensibilisierung mit einer hochverdünnten und irgendwie behandelten Allergenlösung. Wenn mein Fläschchen vor der Zeit leer ist, nimmt Schwester Agnès einfach das eines anderen Patienten. Sowieso überall das Gleiche drin, sagt sie. Alle Allergiker sind allergisch auf Milben und die eine oder andere getestete Polle. Und die Allergene sind sich oft auch ganz ähnlich. Sagt der Allergologe. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprechstunde Montag Nachmittag. Ob es denn besser geworden wäre? Was eigentlich, frage ich mich immer, das Phadiatop? Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Ich brauche weniger Antibiotika mittlerweile. Stimmt sogar. Und der Allergologe will ja was Positives hören. Weil mit der monatlichen Injektion sein Potential erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kortison? Will ich nicht. Ich würde mir ein Medikament so wie aus meinen Schubladen wünschen. Pragmatische Sofortmedizin.

Ich bin also nicht der richtige Ansprechpartner für einen Hinweis auf einen kompetenten Allergologen oder Homöopathen. Mein Allergologe ist der Erstbeste. Homöopathen traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim Allergologen und dem Homöopathen so wie beim Psychocoach vor allem auf zwischenmenschliche Qualitäten an. Die Ausstrahlung. Der Rest ist Glaubenssache.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

3947 Zeichen für Aila. Zum Abdruck in der  Mai/Juni-Ausgabe der Riviera-Zeit.


Die ursprüngliche Version, gut zweitausend Zeichen mehr. Zuviel für die Kolumne. Der Vollständigkeit halber.

Christiane!

für sowas bin ich nun gar nicht der richtige. Leider. Ich würde Ihnen gerne helfen. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu nerven. So oft werde ich auch gar nicht um medizischen Rat gefragt. Meistens werde ich um Rezepte gebeten oder Attestations médicales zur Teilnahme an mehr oder weniger kompetitivem Sport. Mache ich gerne und ohne zu murren. Ich kann mir vorstellen, wie das ist, über Stunden, das Kind schon lange hungrig oder müde oder beides, im muffigen Wartezimmer des Hausarztes zu hocken. Nur, um ein paar blöde Fragen gestellt zu bekommen, einen Bludruck gemessen und endlich die Bescheinigung ausgestellt. Kann ich abkürzen. Pas de problème.

Ich würde Ihnen ja so gerne helfen, aber das passt so rein gar nicht zu meiner Art von Medizin. Ich betreibe pragmatische Sofortmedzin. Und glaube daran. In meinen Schubladen habe ich richtige Medikamente. Ich spritze was und das wirkt sofort. Das wirkt sofort und signifikant. Der Internist hat ja auch Medikamente, der Dermatologe Salben und Crèmes und Tinkturen. Das dauert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch nicht mal so, wie man es sich wünschen würde. Zuwenig, zuviel, anders, unerwünscht. Mal abgesehen von Chemotherapie. Das wirkt auch sofort. Die meisten kotzen innerhalb von Stunden. Da sieht man wenigstens Wirkung. Obwohl dies ja eher in die Kategorie „unerwünscht“ fällt. Aber immerhin Wirkung. Meine Moleküle wirken sofort, wie gesagt, innerhalb von Sekunden oder Minuten, manche schon in winzigen Mengen. Im Mikrogrammbereich. Ein Mikrogramm, für die Arithmophobiker unter uns, ist ein Millionstel Gramm. Ein Strandsandkorn, zum Vergleich, wiegt immerhin zweihundert Mikrogramm. Millionstel Gramm erzeugen Wirkung in der Aber-hallo-Kategorie. Meistens auch so, wie ich mir das vorstelle. Manchmal zuviel, gelegentlich zuwenig, selten anders, noch seltener unerwünscht. Wenn Sie schlafen sollen, schlafen Sie in weniger als einer Minute. Von solchem Potential können Internist und Dermatologe nur träumen.

Beim Homöopathen wäre ich mir nicht einmal sicher, ob er sich bei seinen Tees und Kügelchen und was er da sonst noch im Repertoire hat, überhaupt eine nachweisbare Wirkung vorstellen kann. Mal abgesehen von der, die er im Rahmen teurer Séancen seiner Klientel zu indoktrinieren sucht. Die Behandlung von Allergien zum Beispiel, Histaminintoleranz oder Fibromyalgie. Geschichten eben, wo die Lehrmedizin früher oder später aufgibt. Seien Sie froh, daß Sie keine Fibromyalgie haben. Das ist anstrengend. Für alle Beteiligten. Ob der Homöopath bei Allergie, Histaminintoleranz oder Fibromyalgie helfen kann, mag dahingestellt bleiben. Dessen Kügelchen und Tröpfchen sind ja so molekülarm im vermuteten Wirkstoff, daß man wahrscheinlich nicht mal allergisch darauf reagieren kann. Die arbeiten, wenn ich mich recht erinnere, mit Verdünnungen, die einer Teelöffelmenge im Mittelmeer entsprechen. Größenordnungsmäßig vielleicht so wie unser Mond in der Milchstraße. Und auch das nur ab dem dritten Viertel des zunehmenden Monds. Okay, vielleicht wie unser Sonnensystem in der Milchstraße. Egal. Das eine kann man sich so wenig wie das andere vorstellen. Auch ohne Dyskalkulie. Bleibt die Hoffnung auf den Placeboeffekt. Macht meines Wissens bis zu dreißig Prozent der medizinischen Wirkung aus. Außer in der Sofortmedizin. In meinen Schubladen gibt es keinen Placeboeffekt. Da ist alles echt.

Auf Wunsch meiner Frau, im Hinblick auf eine Verbesserung meiner auditiven Kapazitäten und vor allem in der Hoffnung auf eine Reduktion meiner angeblichen Schlafgeräusche, besuchte ich vor Jahren schon den Spezialisten für otorhinolaryngologische Heilkunde, ORL. HNO in Mitteleuropa. Den Spezialisten ihrer Wahl. Der diagnostizierte „minderwertige Schleimhaut“ und dazu passend eine allergische Disposition, die sich sogar labormedizinisch nachweisen ließ. Positives „Phadiatop“. Nie gehört zuvor. In meinem klinischen Alltag kommt das Phadiatop nicht vor. Seit Jahren schon befinde ich mich trotzdem in allergologischer Behandlung. Beim erstbesten Allergologen meines Centre hospitalier. Desensibilisierung. Jede Monatsmitte die Subkutaninjektion einer hochverdünnten und irgendwie behandelten Allergenlösung. Wenn mein Fläschchen mal wieder vor der Zeit leer ist (wie kann das nur kommen?), nimmt Schwester Agnès einfach die Ampulle eines anderen Patienten. Sowieso überall das Gleiche drin, sagt sie. Alle Allergiker sind allergisch auf Milben und die eine oder andere getestete Polle. Und die Allergene sind sich oft auch ganz ähnlich. Sagt der zuständige Allergologe, der zweite Nachfolger inzwischen. Fragt man sich, warum dann knapp zwanzig verschiedene Allergene getestet wurden. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprechstunde Montag Nachmittag. Ob es denn besser geworden wäre? Was eigentlich, frage ich mich dann immer. Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Weniger Nebenhöhlenprobleme hätte ich mittlerweile, weniger Antibiotikabedarf. Stimmt sogar. Der will ja was Positives hören, der Allergologe. Weil mit der monatlichen Injektion sein Potential bereits erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kortison? Oder er kann mir noch ein paar Jahre Sunkutaninjektion draufschlagen. Will ich das? Ich würde mir ein Medikament so wie aus meinen Schubladen wünschen. Pragmatische Sofortmedizin.

Ich bin, liebe Christiane,

also nicht der richtige Ansprechpartner für einen Hinweis auf einen kompetenten Allergologen und/oder Homöopathen. Mein Allergologe ist, wie gesagt, der Erstbeste. Und ich befürchte mal, sie sind alle so. Zu weit weg von Ihnen zudem. In Ihrer Gegend wüßte ich schon gleich gar niemanden. Homöopathen traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim Allergologen so wie beim Psychocoach und dem Gynäkologen vor allem auf zwischenmenschliche Qualitäten an. Die Ausstrahlung. Beim Gynäkologen vielleicht noch le toucher. Nicht zuviel davon und nicht zu wenig. Das ist sehr individuell. Und, man muß daran glauben.



 

 


Martenstein

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„An intellectual is a man who takes more words than necessary to tell more than he knows.“ – Dwight D. Eisenhower

Il n’est pas intellectuel!

Der Anästhesie-Pfleger sitzt mit der Kol­legin in meinem Büro. Sie spre­chen über Grie­chen­land. Die grie­chi­schen Schulden. Schulden, die man den Grie­chen ja auch erlassen könnte. Ob man das so ein­fach kann, frage ich mich. Was ver­stehe ich schon davon? So wie man den Deut­schen ja auch schon immer wieder Schulden erlassen hätte, sagt der Pfleger. Wirt­schaft­lich hätten die Deut­schen sich ja nie­mals zu der Kraft auf­schwingen können, die sie heute dar­stellen, wenn man ihnen nicht ihre Schulden erlassen hätte. Damals, nach dem Krieg. Sagt der Pfleger und die Kol­legin stimmt zu. Stimmt wohl, denke ich mir. Deutsch­land würde immer noch an den Schulden der Nazis bei den Grie­chen bezahlen. Zum Bei­spiel. Ich habe davon gelesen. Bei SPIEGEL ONLINE wahrscheinlich. Was aber weiß ich schon wirk­lich dar­über? Zuwenig. Ich könnte Phrasen auf BILD-Ni­veau zur Dis­kus­sion bei­steuern. Besser nicht. Ich ziehe mein Grün­zeug an, werfe meinen Kittel über und ver­ab­schiede mich: ich geh‘ dann mal was arbeiten. Ich hätte auch sagen können: ich geh‘ dann mal eine rauchen. Genauso fadenscheinig. Glaubt mir keiner.

Il n’est pas intellectuel!

Sagt der Pfleger da und lacht erstaunt. Der ist nicht intel­lek­tuell! Sagt er im Ton­fall wie stimmt ja, du hast ja so recht. Für anspruchsvollen Erkenntnisgewinn ist der nicht zu haben. Der ist ganz und gar nicht intel­lek­tuell! Dritte Person Sin­gular. Der Pfleger spricht über mich. Er hat mit der Kollegin schon über mich geredet. Die Kol­legin hat ihm vielleicht von meinem Blog erzählt. Der ist ja auch nicht wirklich intellektuell. Unterhaltsam, sagt sie. Hinter dem grünen Tuch vielleicht, nachts um halb fünf, zu einer langweiligen Narkose, kann man nett plaudern. Oder zu einem Glas Wein in einem kleinen Restaurant mit Meeresrauschen. Aber das ist pure Spekulation. Sie, die Kollegin, gab sich — mir gegen­über — als, nun ja, zumindest konsequente Leserin. Unterhaltsam eben. Einer­seits. Und spricht dem Pfleger von der Schwierig­keit, Dis­kus­sionen zu komplexer Thematik mit mir zu führen. Scheint es. Andererseits. Es gibt so Themen, die mich nicht interessieren, die mir keine Freude bereiten. Religiöser Kontext zum Beispiel. Nicht mein Ding. Ich stehe dazu. Ist mir zu fremd, macht mir Beklemmungen. Ich will ja auch niemanden beleidigen. Ich gebe mich bei solchen Themen betont einsilbig. Vermeidungshaltung. Oder über Anäs­thesie. Anästhesisten reden gerne über Inhalte ihres Fachgebiets. Je kleiner das Fachgebiet, desto mehr kann darüber geredet werden. Selbst erlebte Fälle. Chirurgen kriegen da gerne die Rolle karnifizierter Inkompentenz ab. Passiert mir auch. Ist eben so. Manchmal. Jeder macht mal Fehler. Weiterbildungstheoretik. Theoretische Erwägungen zum Verhalten irgendwelcher Rezeptoren sind mir zu abgehoben. Zu intellektuell quasi. Das Verhalten von Rezeptoren interessiert mich nur bei unmittelbarem Bezug zum gelebtem Arbeitsalltag. Ansonsten präsentiere ich die bewährte Vermeidungshaltung. Einsilbigkeit.

Zu vielen Themen fehlen mir Einzelheiten im Hintergrundwissen. Ich müßte noch deutlich mehr recherchieren, um halbwegs kompetent mitreden zu können. Unwissen macht mich einsilbig. Wirkt ein bißchen wenig intellektuell, ungebildet. Da hatte der Pfleger schon recht. War auch irgendwie peinlich.

Vor kurzem stieß ich im ZEIT-Magazin auf eine Kolumne von Harald Martenstein über die Schwerhörigkeit. Fand ich sehr gut, die Kolumne. Herrn Martenstein gelingt es, sich aus manifester Schwerhörigkeit heraus als „nachdenklicher Intellektueller“ darzustellen. Wenn er was nicht hört oder versteht, sagt er einfach „Ich glaube, darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken“. Das könnte, dachte ich mir dann, auch zur Abwehr unerfreulicher Erörterungen funktionieren. Was denkst du denn zu den griechischen Schulden, Bertram? Ich glaube, darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken. Hätte ich auch sagen können. Statt „ich geh‘ dann mal was arbeiten“ oder „ich geh‘ dann mal eine rauchen“.

Ich fand die Kolumne von Herrn Martenstein auch interessant, weil ich mich mit Schwerhörigen identifizieren kann. Ich bin auch schwerhörig. Sagt meine Frau zumindest. Fällt ihr vor allem auf, wenn wir morgens Einzelheiten zur Organisation des bevorstehenden Tages erörtern. Wenn ich gerade unter der Dusche stehe. Und sie sich die Zähne putzt. Wenn ich gar nichts verstehe, muß ich öfter mal nachfragen. Das nervt sie. Wann kaufst du dir endlich ein Hörgerät? Wobei diese Dinger meines Wissens doch gar nicht wasserfest sind. Unter der Dusche und somit ohne Hörgerät würde ich dann immer noch nichts verstehen. Manchmal verstehe ich im Grundrauschen von Dusche und Zahnbürste einzelne Worte. Schule zum Beispiel oder Kinder oder Dienst. Wahrscheinlich soll ich die Kinder von der Schule abholen oder sie fragt, ob ich Dienst habe. Morgens im Badezimmer reden wir eher selten über Europapolitik oder Rezeptorendynamik. In aller Regel geht es um eher banale Angelegenheiten. Kinder, Einkaufen, Arbeit. Dann kann ich sagen, weiß ich noch nicht oder muß ich gleich mal nachsehen. Das funktioniert ganz gut. Wenig später, in der Küche, kriege ich die gleiche Frage normalerweise noch mal gestellt. Unter wesentlich besseren akustischen Rahmenbedingungen. Weißt du inzwischen, ob du Dienst hast, hast du nachgesehen, ob du die Kinder abholen kannst? In der Küche verstehe ich meine Frau sehr gut. Solange es nicht ums Kochen geht. Und wenn sie nicht gleichzeitig die What-else-Maschine betätigt oder den Kapselbehälter in den Mülleimer entleert. In diesem Kontext werde ich schnell wieder ein Kandidat für die Hörhilfe.

Oder setze mich, weil ich zum wiederholten Male nicht verstehe, ernsthaften Zweifeln an meiner intellektuellen Verfassung aus.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


 

Dienst

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Du wolltest doch immer schon mal mein Krankenhaus sehen und was ich so mache den ganzen Tag. Heute, Samstag, habe ich Dienst. Du kommst einfach mal mit und guckst mir bei der Arbeit zu.

Sieben Uhr muß ich aufstehen. Kaffee, Dusche.

Acht Uhr der Anruf bei der Hebamme im Kreißsaal. Habt ihr was für mich, eine Péridurale am Laufen? Wenn eine Péridurale aktiv ist, muß ich auf halb neun dort sein. Ablösung des Kollegen. Die Ablösung um spätestens halb neun an den Wochenendtagen nehmen alle Kollegen sehr genau. Sonst kommt es fünf oder zehn Minuten mehr oder weniger nicht an, am Wochenende aber zählt jede Minute. Halb neun. Wenn nichts zu tun ist, geht der Kollege einfach und ich kann zuhause warten, bis die Hebamme doch was hat für mich oder einer der Chirurgen. Meistens steht eine kaputte Hüfte auf dem Programm oder zumindest ein Handgelenk. Das ist aber normalerweise nicht eilig. Die Chirurgen kommen erst gegen halb zehn ins Krankenhaus. Man darf ja nicht vergessen, wo wir hier sind. Südfrankreich. Keine Péridurale im Moment. Lege ich mich nochmal ins Bett und höre dem Regen zu. Seit wir das Dach neu gedeckt haben vor ein paar Jahren und ich nicht mehr mit Eimern und Schüsseln die gröbsten Lecks abfangen muß, kann ich den Regen draußen genießen. Es gibt kaum was Schöneres.

Kann ich auch noch mit den Kindern frühstücken. Auch schön. Meine Frau frühstückt nicht. Bekommt Ihre Zeitung ans Bett und einen kleinen Kaffee. Es ist Samstag, immerhin.

Bis der Anruf kommt. 09:47 Uhr. Logisch. Es war eine Frage der Zeit. Borislav, der Bulgare. Die eine Patientin, die er eigentlich heute Morgen operieren wollte, hat fälschlicherweise ein Frühstück bekommen um halb acht, aber er hat noch eine andere auf Lager. Ist heute Nacht gekommen, auch der Oberschenkel. Die ihrerseits ist nüchtern. Wir verabreden uns auf halb elf. Erst die zweite, danach die andere, die eigentlich erste. Bis zum frühen Nachmittag gilt die wieder als nüchtern und damit als narkosefähig.

Um zehn Uhr müssen wir los. Das Krankenhaus ist über die Autobahn zwölf Minuten von zuhause entfernt, über die Nationalstraße siebzehn. Meistens nehme ich die Autobahn. Die letzte Ausfahrt vor Hyères. Man sieht das Gebäude links hinter einer Bambushecke, umgeben von neuen Siedlungen. Es wirkt trotz seiner vier Etagen eher geduckt. Olivgrüne Fassade oben und ein riesiger Funkmast auf dem Dach.

Mein Krankenhaus hat nichts zum Vorzeigen. Alles ist ganz klein und eher schäbig. Die doppelte Schiebetür am Haupteingang ist die einzige automatische Tür im ganzen Haus. Es gibt kein Krankenhaus-Café, nicht mal eine repräsentative Eingangshalle. Kein Granit auf dem Boden, nur Linoleum-Imitat mit Löchern an den Nähten. Keine Kunst an den Wänden. Ein paar immergrüne Plastikpflanzen. Die Telefonzentrale sitzt hinter einer Glasscheibe links neben dem Eingang. Bonjour Patricia! Patricia ist immer überaus feundlich und hat immer Zeit zum Plaudern. Manchmal dauert es Stunden, bis sie endlich ans Telefon geht. Ein Stück weiter der Kiosk. Ein Schaufenster mit Spielzeug, ein paar Zeitungen. Hier bekommen die Patienten die Fernsteuerung für die Glotze in ihrem Zimmer. Von neun bis zwölf und von vierzehn bis neunzehn Uhr. Am Wochenende nur vormittags. Ansonsten eben Pech gehabt.

Es gibt zwei Aufzüge bis in die vierte Etage, Pädiatrie, und ein Treppenhaus. Das Treppenhaus ist hinter einer der blaßgrünen Sperrholztüren rechts der Aufzüge versteckt. Manchmal wird die Tür genau in dem Moment aufgestoßen, in dem man die Hand zum Griff ausstreckt. Das kann schmerzhaft sein. In der ersten Etage gelangt man durch weitere Sperrholztüren, alle im gleichen Blaßgrün auf den Flur zu den Urgences und zum OP. Meine Tür ist die zweite links. Bloc opératoire steht drauf und Endoscopies. Auch Sperrholz. Die Plastikplatten zum Stoßfang sind an den Rändern abgesplittert. Darunter treten braune Klebstoffstriche zutage. Ja, tut mir leid, es wirkt alles ein bißchen wie Dritte Welt. Stammt aus den achtziger Jahren. Dem Krankenhaus geht es wirtschaftlich nicht so gut. Drei Millionen Defizit. Für ernsthafte Renovierung reicht es eben nicht. Das Schloss hakt ein bißchen und die beiden Flügel reiben sich aneinander. Dahinter ist noch alles dunkel. Wir sind die Ersten.

Ja, und das ist mein Büro. Nein, kein Fenster. Und nein, ich habe mir dieses Hellgrau an den Wänden nicht ausgesucht. Man dachte wohl, das würde gut zum Grau der Stahlschränke passen. Keine Bilder. Doch, die Prinzessin da. Ist von meiner Tochter. Ich habe direkt nach dem Umbau vor ein paar Jahren ein paar Handtücher in den Auslass der Klimaanlage gestopft, sonst wäre es nicht nur grau hier, sondern auch noch sibirisch kalt und zugig. Hier kannst du dich in OP-Grün verkleiden und dir einen weißen Kittel überwerfen. Ich muß der Patientin für die Prothese noch Hallo sagen. Ich habe meine Arztkittel aus Deutschland mitgebracht, so Kittel, wie sie in Deutschland eben üblich sind. Hier gibt es nur „blouses„, eine Art Hemden mit Druckknöpfen. Ursprünglich weiß, nehmen sie nach ein paar Durchgängen Wäscherei einen dezenten Gelbton an. Und haben vor allem nur ein kleines Täschchen rechts. Nicht genug Platz für Stethoskop, Kugelschreiber und Telefon. Wenn das Telefon klingelt, bekommt man es normalerweise nicht frei, bevor die Messagerie anspricht. Blödes, uncooles Gezerre. Meist fällt außerdem der Kuli. Wenn man das Stethoskop braucht, kommt das Telefon gleich mit und geht zu Boden. Auch lästig. Meine Kittel aus Deutschland haben richtige Taschen. Eine für das Stethoskop, eine für das Telefon, eine für den Kuli.

Bonjour Madame. – Häh? – BONJOUR MADAME! Madame S. ist über neunzig Jahre alt. Und schwerhörig. Sie müssen ein bißchen näher kommen, weil ich schwerhörig bin. Sie ist mit Operation und Narkose einverstanden. Tout va bien se passer. Das wird schon gutgehen. – Häh? – TOUT VA BIEN SE PASSER!

Viertel nach zehn ist Christine auch schon da. Christine ist die Anästhesieschwester für das ganze Wochenende. Sie hatte einen sehr angenehmen Freitag Abend – sehr angenehm – und lächelt noch, immer noch. Wenn ich sie heute Nacht um halb drei zum Kaiserschnitt kommen lassen muß, wird sie nicht mehr lächeln. Wir hoffen das Beste, so schlimm wird es schon nicht kommen. Die zwei OP-Schwestern und die Putzfrau lassen auch nicht mehr lange auf sich warten. Nur Borislav ist noch nicht da. Mit oder ohne Zucker den Kaffee?

Und dann wird es ein bißchen langweilig. Nach der ersten Hüfte Imbiß für alle. Ist ja schon halb eins inzwischen. Franzosen essen zwischen zwölf und zwei. Immer. Auch wenn ihnen der Himmel auf den Kopf zu fallen droht. Dann der andere kaputte Oberschenkel. Die Patientin ist inzwischen wieder nüchtern. Zwischendurch ein Kaiserschnitt, Code rouge. Rot heißt, es muß ganz schnell gehen, weil es dem Kind mutmaßlich ganz schlecht geht. Bei Soraya, der Gynäkologin sind alle Kaiserschnitte rote Kaiserschnitte, glühend rot. Das macht sie ein bißchen unglaubwürdig. Auch heute hätte orange gereicht.

Wenn du dich langweilst, kannst du übrigens den anderen Computer haben in meinem Büro. Gibt allerdings kein Facebook oder youtube bei uns. Ist gesperrt, weil die Leute sonst angeblich nicht zum Arbeiten kämen. Glaubt die Direktion. Ebay funktioniert.

Ab dem frühen Nachmittag bin ich für unsere Station für Intermediate Care zuständig. Der Kollege dort hat sich den Vormittag über um die Kranken gekümmert, ist bis Mitternacht in Rufbereitschaft. Intermediate Care ist die Station für ziemlich kranke Patienten. Zu krank für eine Normalstation, nicht krank genug aber für eine Intensivstation. Für die Intensivstation müßten sie in eines der großen Krankenhäuser nebenan verlegt werden. Wichtig ist, daß vor Mitternacht alle Betten belegt sind. Nichts ist anstrengender als eine Aufnahme nach Mitternacht. Meinen – hoffentlich – abschließenden Auftritt auf der Station habe ich da gegen halb zwölf. Letzte Absprachen mit dem Pflegepersonal, was in welchen Fällen zu tun sei. Was gegen Schmerzen und vor allem was gegen Unruhe. Die Schwestern von Intermediate Care essen gegen Mitternacht. Da wollen sie nicht gestört werden.

Du willst ohnehin nicht über Nacht bleiben? Jetzt nach Hause? Stimmt, ist schon spät. Ich sage den Hebammen noch gute Nacht und verschwinde dann auch in meinem Dienstzimmer.

Schade, daß es nicht mehr regnet.

p.s.:

habe ich verlinkt bei „WMDEDGT„, steht für Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag. Immer zum Fünften des Monats. Würde „traffic“ auf die eigene Seite bringen, dachte ich mir. Und Einsicht in den einen oder anderen interessanten Blog. Stimmt beides. Traffic und Einsicht.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Todsünde

Hätte ich natürlich wissen können nach all den Jahren. Zu meiner Verteidigung kann ich außer mittelmäßiger Sprachbegabung nur anführen, daß bei uns zuhause vorwiegend deutsch gesprochen werden soll, alleine schon um den Kindern eine Ahnung ihrer Muttersprache zu erhalten. Wäre meine Frau Französin, hätte ich Monsieurs D.s Irrtum bestimmt sofort erkannt. Wenn man auch zuhause nur die fremde Sprache spricht, verliert sie von ihrer Fremdheit, beherrscht man sie irgendwann. Vielleicht sogar ohne diesen harten teutonischen Akzent. Sagen die Pfleger immer wieder, such‘ dir eine Maîtresse, dann geht der Akzent weg. Und du müßtest nicht mehr so oft nachfragen. Auch die Begriffe für die sechs anderen Todsünden wären mir geläufig. Möglicherweise. Monsieur D. ist da natürlich ein schlechtes Beispiel. Selbst Franzose, ist seine Frau wahrscheinlich auch Französin. Seine Maîtresse bestimmt auch. Hundert Prozent frankophones Umfeld. Franzose zu sein allein reicht wohl nicht für einen umfassenden Wortschatz.

C’est la première fois que ça m’arrive, sagte Monsieur D., 64 Jahre alt, um 21 Uhr am Montag Abend auf der Pritsche im Aufwachraum. Das ist das erste Mal, daß mir das passiert. Und ergänzt: c’est ma première luxure. Das ist meine erste luxure. Ihre erste was? Monsieur D. bleibt allen Ernstes dabei: luxure. Monsieur D. ist das Ebenbild des Wildschwein jagenden Galliers aus dem Hinterland um Forcalqueirat oder La Roquebrussanne: Übergewicht, Schnauzbart, trotz der Schmerzen rechts in der Hüfte aber eher humorig aufgelegt. Er hat zwei Hüftprothesen, die rechte noch ziemlich neu. Eine ungeschickte Bewegung beim Spazierengehen (!) und schon ausgekugelt. C’est ma première luxure. Pauline verfällt in schrilles Kichern – Luxure! Pauline ist die Anästhesieschwester für diesen Abend. Gilt als unnahbare Schönheit. Zeichnet sich aus meiner Sicht vor allem dadurch aus, daß sie in der Brandung der täglichen, lärmenden Improvisation des OP ein unerschütterlicher Fels der Professionalität bleibt, den Patienten stets kompetent zugewandt und absolut immun gegenüber all den kleinen anzüglichen Provokationen, die ihre männlichen Kollegen den Tag über so produzieren. Daher der Ruf der Unnahbarkeit. Umso erstaunlicher dieser kichernde Ausbruch.

Borislav findet luxure auch komisch. Lässt sich das Wort versonnen lächelnd ein paar Mal mit rollendem slawischem R auf der Zunge zergehen. Borislav ist bulgarischer Herkunft, deutlich jünger als ich, der Orthopäde, der gleich an Monsieur D.s Bein ziehen soll, um die Prothese wieder einzurenken.  Luxure ist offensichtlich nicht Bestandteil seines Wortschatzes. Ist ein neues Wort. So wie für mich auch. Ich kann nachempfinden, was Borislav denkt. Bislang war der Fachbegriff für das ausgekugelte Gelenk für mich die Luxation. Sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Manchmal ist Französisch ganz einfach. Nur die Aussprache ein bißchen anders. Kann man also auch luxure sagen, denke ich mir, aha. Wenn Monsieur D. luxure sagt, kann man wohl auch luxure sagen. Wenn da nur die schöne Pauline nicht so enthemmt kichern würde. Paßt aber in mein Bild des reichen Vokabulars dieser Sprache. Für jeden Begriff Synonyme in drei Sprachebenen. Schriftsprache, Umgangssprache und Slang. Wahrscheinlich das gleiche Prinzip für die meisten Sprachen. Im Französischen gibt es dann noch Verlan, die Jugendsprache, die Laute und Silben der Worte spielerisch in für Erwachsene unverständliche Neuschöpfungen verdreht. Luxure ist vielleicht das eher vulgäre Äquivalent von Luxation. Muß dazu eine ganz besonders schlüpfrige Nebenbedeutung haben. Irgendwas, was sogar Pauline zum Kichern bringt. Erst wikipedia bringt Aufklärung. Luxure ist die Wollust, eine der sieben Todsünden. Monsieur D. wurde heute Opfer seiner ersten Wollust. Das setzt seinen schmerzhaften Zustand natürlich in ein anderes Licht. Und bringt Pauline zum Kichern.

War vielleicht auch Monsieurs D.s Absicht. Natürlich kennt Monsieur D. die sieben Todsünden. Die Absicht war, die schöne Pauline zum Kichern zu bringen. Wildschweinjäger sind komischer als man denkt.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


So ähnlich abgedruckt in der Juli-Ausgabe 2016 der Riviera-Zeit.

Katzenbild

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Salut Christine,

ich war ja besten Willens, ehrlich, Ihnen doch frühzeitig zu antworten, letzten Donnerstag noch, wohl wissend, daß sich über das Wochenende keine Zeitfenster mehr auftun würden. Aber einerseits wollte ich vorher Ihren Duval – Mörderische Côte d’Azur – fertig gelesen haben und andererseits hatte ich schließlich doch noch zu tun in diesem Dienst. Geburtshilfe. Epiduralkatheter. Drei davon, der erste gegen elf, dann noch zwei zwischen Auflösung und Epilog. Am Ende war es halb zwei Uhr nachts, definitiv nicht mehr der Zeitpunkt, was zu schreiben. Höchstens ein kleines Sortiment Emoticons, Erschöpfung zum Beispiel zum Ausdruck bringend. Oder Anerkennung, netter Krimi! Außerdem hatte ich ein ungutes Gefühl zum Geburtsverlauf für zumindet eine der Damen. Fünf Uhr spätestens, war meine Prognose, bekäme die kleine Dicke mit Hohlkreuz aus Saal drei ihren Kaiserschnitt. Am besten also schnell noch was schlafen bis dahin. Manchmal kommt es schlimmer als man denkt. Donnerstag Nacht kam es schlimmer. Erst die aus Saal zwei, weil es dem Baby nicht mehr so gut ging. Die Herztöne. Zu schnell das kleine Herz im Basisrhythmus, zwischendurch zu langsam. Klare Indikation. 03:20 Uhr. Mit dem Gynäkologen von Donnerstag Nacht, Gilles, dem Chef de service, dauert Kaiserschnitt eine knappe Stunde. Einschließlich An- und Abtransport der Dame. Das geht. Andere sind weniger schnell. Danach war auch die kleine Dicke mit Hohlkreuz aus Saal drei soweit. Ganz gut, meine Prognose. Schwacher Trost. Stillstand seit gut zwei Stunden. Auch eine klare Indikation zum Kaiserschnitt. Den Rest des Tages komme ich nach solchen Nächten nicht über den Allgemeinzustand eines Zombies hinaus. Intellektuell gefühlt auf einem Niveau knapp über dem einer Katze zum Beispiel. Reicht für Intermarché, Wäsche falten und Mülleimer rausbringen. Schon Autofahren dabei äußerst risikobehaftet. Am Montag vor den Ferien erst hatte ich das erlebt. Beim Abholen der Kinder von der Schule. Den Kleinwagen vor mir einfach nicht gesehen. Oder schon nach links abgebogen vermutet. Nicht gesehen, daß er stattdessen auf halber Strecke stehen geblieben war. Es war knapp, kein gravierender Schaden. Der Stoßfänger des Kleinwagens einmal über die Länge meiner Fahrerseite geschrammt. Wie auch immer, kein Zeitfenster am Freitag. Katzen oder so schreiben nicht.

Léon, der Kommissar, ist ein netter Typ. Daß die Mutter seiner Kinder Distanz zu ihm schafft, weil er eben diese Kinder glatt zu vergessen neigt, kann man ihr nicht übel nehmen. Neugierig bleibt man am Ende natürlich zur weiteren Entwicklung mit Annie. Abgeschoben ins Hinterland, ist zu befürchten, daß da außer gelegentlichen Intermezzi nichts mehr passieren wird.

Nach dem Epilog kommen in meiner kindle-Ausgabe noch ein paar Seiten Autorin, Katzen, Verlag, Urheberrechte. Und dann kontextuelle Lese-Empfehlungen von Amazon. Der zweite Duval natürlich und, das fand ich wirklich überraschend, eine ganze Sammlung weiterer Südfrankreichkrimis von deutschen Autoren. Eine Seite wie eine bunte Briefmarkensammlung. Es gibt „Provenzalische Geheimnisse“ und „Provenzalische Intrige“ – warum eigentlich „z“ und nicht „ç“? – von Sophie Bonnet, eine „Tödliche Camargue“ von Cay Rademacher, „Ein Hauch von Tod und Thymian“ von Ignaz Hold. Und so weiter. Vorne drauf durchweg bunte Postkarten-Provence. In jedem Dorf der Provence haben Deutsche ihren Zweitwohnsitz und schreiben Krimis. Ob die alle von ihren Commissaires leben können? Auf der entsprechenden Seite bei Amazon findet man noch viel mehr. Der Frankreichkrimi wird in industriellem Maßstab betrieben. Weitere Autoren, andere französische Regionen. Manche schreiben unter ihrem richtigen Namen, Sabine Grimkowski verwendet ein Pseudonym. Sophie Bonnet ist das Pseudonym „einer erfolgreichen deutschen Autorin“. Warum eigentlich Pseudonym? Ist es peinlich, Krimis zu schreiben? Quatsch. Heike Koschyk schreibt eben noch eine andere Kategorie Krimis. Es geht auch um die „Atmosphäre“. Sagt sie in einem Interview mit dem NDR. Wahrscheinlich eine Marketing-Empfehlung des Verlags. Vermutlich gar nicht so abwegig. Manch germanischer Klarname, Torsten oder Annegret zum Beispiel, vermag nur wenig frankophilen oder gar mediterranen Flair zu vermitteln. Sophie und Christine machen sich da auf dem Cover besser.

Gerade zurück aus einer guten Woche Urlaub in der Bretagne kaufte sich meine Frau letztes Jahr „Un été à Pont-Aven“. Jean-Luc Bannalec. Das klingt echt bretonisch.  Ein Krimi passend zu gerade selbst gelebten Eindrücken. Sie war dann ein wenig enttäuscht, als sie der Tatsache gewahr wurde, daß es sich dabei um den ins Französische übersetzten Bestseller „Bretonische Verhältnisse“ handelte. Und der Autor eigentlich ein Deutscher in Frankfurt ist. Das meint Heike Koschyk – oder ihr Verlag – wohl mit atmosphärischer Wirkung. „Un été à Pont-Aven“ von Jörg Bong hätte meine Frau wohl nicht erworden. Vielleicht nicht einmal „Bretonische Verhältnisse“.

Mit dem Pseudonym verhält es sich wohl so wie mit Kinderfilmen und Katzenbildern bei Facebook und Youtube. Bringt mehr Aufmerksamkeit.

Cordialement!

Miez


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Aylan

Ystävänpäivä. Festlichkeit mit vier Ä. Zufallsfund bei Wikipedia. Finnisch für Valentinstag. War letzten Sonntag. Ein Feiertag mit ausgesprochen merkantilem Hintergrund. Ein Glanzbeispiel gelungenen Marketings. Tag des Blumenhandels wäre treffender. Ehrlicher. Wollte ich gerade deswegen bewußt ausfallen lassen. Zu merkantil. Geburtstag, Hochzeitstag, Weihnachten, Ostern reichen eigentlich als Gelegenheiten konsumlastiger Sypmpathiebezeugung. Finde ich. Meine Frau gab sich dann, Sonntagmorgen, jedoch überraschend wortkarg. Kein Schmuckstück, keine Einladung ins Fünf-Gänge-Restaurant. Nicht mal Blumen. Nicht eine einzige. Mein Verweis auf die blühende Magnolie im Garten, extrafrüh dieses Jahr, konnte mich auch nicht mehr retten. Meine Frau schmollte und brach auf zu einem kleinen Halbmarathon ans Meer. Gegen Mittag sollte ich sie abholen irgendwo am Strand Richtung Lavandou.

Nach Einkäufen zur Befüllung der Kühlschränke blieb noch Zeit für einen Abstecher zum Blumenladen. Gegen meine erklärte innere Überzeugung natürlich. Machtlos aber auch gegen gelungenes Marketing und die Traurigkeit meiner Frau. Und dann das: Hochbetrieb im Blumenladen. Schlange bis auf die Straße. Ganz offensichtlich war ich nicht alleine geblieben in meiner überraschten Machtlosigkeit gegen Marketing und häusliche Enttäuschung. Manche Kunden treten mit aufwendigen Gestecken auf die Straße, andere mit einer einzelnen langstieligen Rose in Zelophan. Nur Männer. Fast nur. Kaum Frauen. Ist der Valentinstag nicht ein Fest der Liebe? Wenn schon, dann doch irgendwie wechselseitig! Blumen für alle. Die Frauen aus meinem Dorf sind vermutlich besser organisiert, was diese Festlichkeit betrifft. Haben im Vorfeld Blumen gekauft oder Süßkram. Oder rechtzeitig auf die Magnolie vor dem Schlafzimmerfenster verwiesen.

In der Wartezeit nahm ich mir vor, zuhause die historischen Hintergründe des Valentinstags zu recherchieren. Es gibt sie, historische Hintergründe. Haufenweise. Man kann sie in römischer, vorchristlicher Zeit finden. Ein Opferfest für Juno, die Göttin der Ehe und der Fürsorge. Auch das römische Fest der Lupercalien kann als Vorläufer interpretiert werden. Geht um Fruchtbarkeit. Um den 14. Februar. Das kann kein Zufall sein! Später gleich zwei heilige Valentins, einer von Rom und einer von Terni. Terni ist auch nicht weit von Rom. Starben beide den Märtyrertod unter römischem Schwert. Der von Terni am 14. Februar, 269 oder so. Der andere ein paar Jahre früher oder später. Beide begraben an der Via Flaminia. Die Legenden vermischen sich. Reliquien davon jedenfalls überall in Europa. Bis 1969 eigener Gedenktag im römischen Generalkalender. Für den aus Terni. Immerhin. Viel später historischer Hintergrund bei den Engländern. Der Valentinstag gewann dort an Popularität aufgrund des Gedichts eines Geoffrey Saucer. 14. Jahrhundert. Der hat es zwar zu einem Grab in der Westminster Abbey gebracht, nicht aber zu einem Beitrag in der wikipedia. Lediglich sein Gedicht von 1383 zur Früh-Frühlings-Fertilität von Vögeln erzielte offenbar eine nachhaltige Popularität. Damals, Mitte Februar. Mit auswandernden Engländern kam der Valentinstag nach Amerika. Und nach dem Krieg mit den GIs auch auf das europäische Festland. Wasser auf die Mühlen der darbenden Floristik- und Süßwaren-Industrie. Deutlich lukrativer als Halloween.

In der Schlange vor dem Blumenladen, unter Nieselregen, das Gefriergut im Auto mittlerweile vermutlich aufgeweicht, war ich nach zehn Minuten versucht, trotz der Traurigkeit meiner Frau meinen Protest doch nicht aufzugeben gegen sonntägliches Konsumdiktat. Vielleicht würde es ja reichen, eine der Blüten aus dem Garten in eine Vase zu stellen. Dazu ein Zweig Mimose. Als nächstes würde ich für den Tag der Frau als Tag der Familie ein offizieller Gedenktag der Vereinten Nationen am 8. März wieder in der Schlange stehen. Zum Tag des Kindes würde Toys“R“Us auch am Sonntag öffnen. Du hast doch nicht etwa den Tag des Kindes vergessen, Papa? Pablo kriegt ein Spiel für seine PS/4. Notfall-Lego für betrübtes Kind. Auch der Tag der Arbeit oder nationale Gedenktage könnte ich mir als lukratives Ziel im Visier findiger Marketingstrategen vorstellen. Millionen von Brandenburger Toren in unterschiedlichsten Ausführungen, vorwiegend made in China, könnten zum 3. Oktober in Umlauf gebracht werden. Und dies mittels eher dezenten Konsumzwangs: Hast du schon eine Quadriga für deine Schwiegermutter?

In der Schlange vor dem Blumenladen, resigniert unter Nieselregen, entging mir auch nicht der groteske Aspekt meiner Mission: Während ich hier in der Schlange um eine Hollandrose in Zellophan mindestens zehn Euro auszugeben bereit bin, vor eher läppischem Hintergrund zudem und fremdbestimmt, schwimmen Tausende von Menschen durch die winterliche Ägäis und wandern durch frostige Balkanstaaten.

Ein Tag des Flüchtlings, zum 2. September beispielsweise, ließe sich nur schwer vermarkten.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Castrop-Rauxel

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Bigaradier klein

Worte sind wie Laub, wo sie im Übermaß sind, findet man selten Früchte darunter. Anton Kner

Für meinen Schwie­ger­vater stellt sein Fax­gerät das Maximum an tele­kom­mu­ni­ka­tiver Hoch­tech­no­logie im Haus­halt dar. Es gibt kein Internet bei ihm. Keinen Com­puter. Von einem Handy ganz zu schweigen. Aus Über­zeu­gung. Und der Angst vor erra­ti­scher Dys­funk­tion und damit ver­bun­denen kryp­ti­schen Feh­ler­mel­dungen. Erra­tisch dys­funk­tio­nelle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­logie kennt er nur aus seinem Umfeld. Du hast kein was? Kein Netz? Nimm doch das Telefon! Briefe schreibt er auf einer mecha­ni­schen Triumph-Adler aus den acht­ziger Jahren. Meine Frau wünschte, ihn nichts­des­to­trotz an meinen Texten aus dem Blog teil­haben zu lassen. Ein Online-Buchdrucker in Berlin gewährt ab 3 (drei) Exem­plaren 10 (zehn) Pro­zent Rabatt. Konnte der Schwabe in mir nicht wider­stehen. Narkoseprimat steht vorne drauf als Bezug auf einen Beitrag aus 2015 und mein Name. Dazu das Bild einer Mimosenblüte. Paßt zu Südfrankreich. Taschenbuchformat. Mein Schwiegervater bekam sein Exemplar, meine Eltern eins und die Redakteurin des Upper-Class-Magazins in Nizza. Die restlichen bis auf ein Exemplar gingen später auch nach Schleswig-Holstein. Dort gibt es im Umfeld meines Schwiegervaters noch mehr Senioren, die kein Internet haben.

Er liest jeden Tag darin. Sagt er. Meine Eltern auch. Sagen sie. Sie lesen das wohl so, wie man den Sinnspruch aus einem Kalender liest.

Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten. Oscar Wilde

Vor kurzem empfahl mir amazon – warum auch immer – How to be German in 50 easy steps von Adam Fletcher. Als Taschenbuch kompakte 144 Seiten. Das Ebook für 3,99 €. Deutsche aus der Sicht eines eingewanderten Engländers. Leipzig oder Berlin, glaube ich. Fünfzig Kapitel. Es fängt an mit Hausschuhen. Deutsche haben Angst vor dem kalten Fußboden. Deutsche versichern alles und bleiben an roten Ampeln stehen. Auch drei Uhr nachts, ganz alleine. Deutsche bringen immer Kartoffelsalat in Tupperdosen mit und sehen „Tatort“, ohne zu wissen, warum eigentlich. Sie beziehen ihr Weltbild aus SPIEGEL-ONLINE und verzichten auf diplomatische Verbrämung ihrer Wahrheiten. Das kann man ganz angenehm über ein paar Kapitel lesen. Der Deutsche ist im Tenor immer irgendwie hölzern, eher uncharmant und vorwiegend psychorigide. Ab vier Kapiteln wird das anstrengend.

Wie ein Kalender mit Sinnsprüchen für jeden Tag. Ein Sinnspruch pro Tag reicht. Oder der Narkoseprimat. Ein paar Kapitel pro Tag reichen.

Meine Eltern schlugen vor, die Veröffentlichtung über einen Verlag zu versuchen. Warum auch immer. Weil man vielleicht ein Buch gedruckt haben muß im Leben und einen Baum gepflanzt. Ich habe einen Orangenbaum. Das reicht. Mein Vater würde sich auch um das Marketing kümmern wollen. Mußte ich dankend ablehnen, besser nicht. Nicht nur, aber auch wegen der Spaßkomponente, die ich mir erhalten möchte. Manchmal gerate ich gefühlt schon unter Druck, wenn mir wieder zwei Wochen nichts eingefallen ist. Wenn ich mehr als eine Woche nichts schreibe, guckt außer meiner Frau keiner mehr. Dieser Druck reicht mir schon. Die Spaßkompentene leidet dann. Verlage haben in erster Linie Ansprüche. Und denken zuallerletzt an meinen Spaß. Ein Schulfreund meiner Frau lebt vom Krimischreiben. Nicht schlecht mutmaßlich. Muß aber auch Leseabende in irgendwelchen Gemeindezentren mitmachen und Signierstunden in Buchhandlungen bestreiten. Leseabende! Signierstunden! In Osnabrück. Zum Beispiel. Oder Oer-Erkenschwick. Das muß man wollen, um es gut zu finden.

Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen wie jeden Morgen ein Blick in den Spiegel. Aldous Huxley

Ich muß nicht davon leben. Es geht nicht um Geld. Eine Frage auch des Potentials. Des Potentials und der Illusionen wegen, die nicht gerechtfertigt wären. Der Druck bei einem Verlag macht ein Buch nicht zum Bestseller. Marketing ist mühselig. Wenn die „Zeit“ mehr von mir wollte, würde ich auch für die „Zeit“ schreiben. Meine Inhalte reichen nicht für die Zeit. Reichen auch nicht für eine auflagenstarke Trilogie. Wenn ich den Massengeschmack so zu treffen wüßte wie Joanne K. Rowling oder Suzanne Collins, würde ich sieben Bände Harry Potter schreiben oder ein paar Trilogien. Mein Verlag würde sich um die Übersetzungen ins Finnische und Rumänische kümmern und die Filmrechte nach Hollywood verkaufen. Zur Premiere würde meine Agentin ein paar Suites in Cannes buchen. Einschließlich Anreise für Familienangehörige. Ich würde später Kapitel meiner Wahl lesen und Bücher signieren. Dann doch. In der Stadthalle von Waldenbuch meinetwegen. Na ja, auch Schwäbisch Hall. Vielleicht sogar Castrop-Rauxel.

Bis dahin mache ich eben noch Narkosen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Parthenogenese

 

Erstaunlich fand ich vor allem, daß ein VIP wie Til Schweiger selbst seine Posts bei Facebook verwaltet. Sogar selbst schreibt. Oder, natürlich, auch denkbar, jemanden hat, der dieses Image vermitteln soll. Es geht um Nähe zum Publikum. Ich bin einer von euch. Am 3. Januar hatte ihn wohl jemand mit verhaltenem Kommentar zu seinem jüngsten Auftritt im „Tatort“ verärgert. Vielleicht waren Herr Schweiger oder sein Schreiber auch unter Alkohol. Oder anderen Drogen. Oder Alkohol, Drogen, Ärger. Alles menschlich. Publikumsnähe. Im Post viel Weihrauch und viel Aggression. Vielleicht ist der ja immer so. Was weiß ich. Egal. Ich habe nur wenige Filme mit Til Schweiger gesehen. Knockin‘ on Heaven’s Door. Das ist viele Jahre her.

Letztes Wochenende also ein Auftritt im „Tatort“. Muß wohl stark an eine kalifornische Inszenierung erinnert haben. Organisierte Kriminalität, entführte Tochter. Panzerfaust. Und das in Hamburg. War wohl nicht jedermanns Geschmack. Verhalten positive Rezeption. Ärger. Facebook. Bei Facebook darf ohnehin jeder alles veröffentlichen. Posten heißt das da wohl. Wenn die Redakteurin des ZEIT Magazins sich nicht online über die vielen Ausrufezeichen in Til Schweigers Post gewundert hätte, wäre mir dieser Post nicht aufgefallen. Ich habe erstens kein Konto bei Facebook und gehöre zweitens nicht zu Tils Freunden. Es ist richtig: Es wimmelt da nur so von Ausrufezeichen. Kompanieweise gruppiert. Auch viele Punkte. Auch kompanieweise. Sogar Vokale in normalen Worten – „viiiieel„. Das wirkt schon etwas pubertär. Oder, wie gesagt, Alkohol, Drogen, Ärger. Anna Kemper, die Redakteurin bei der ZEIT, stört sich ein bißchen am Inhalt des Posts, ganz subtil läßt sie Aversionen gegen den Schauspieler durchschimmern. Vor allem aber nimmt sie ihm den eklatanten Mißbrauch des Ausrufezeichens übel, befürchtet gar die ernsthafte Beschädigung der weltweiten Vorräte.

Liebe Frau Kemper!

Ich möchte Sie darauf hinweisen, daß Ausrufezeichen, ebenso wie die meisten bekannten Schriftzeichen, biologischem Hintergrund entstammen. Die Bestände verfügen, solange das Biotop selbst nicht ernsthaften Schaden nimmt, über ein dramatisches Regenerationspotential. Bedrohung erfährt das Ausrufezeichen vielmehr durch den evolutiven, aggressiven Vorsprung vonseiten relativ neu auftretender typographischer Phänomene.

In einer außerhalb der akademischen Fachgesellschaften leider nur wenig beachteten Arbeit zu Nomenklatur und Paläogenetik von Emoticons und Smileys konnte die Arbeitsgruppe um Marvin D. Riley vom St.-Quentin-Institute for Applied Typographic Sciences im neuseeländischen Wellington das Ausrufezeichen zusammen mit weiteren Satzzeichen anhand des gewonnen DNA-Materials als wahrscheinlichen Urkeim sämtlicher aktueller graphischer Textelemente identifizieren. Ursprünglich war das Vorkommen von Ausrufezeichen nach Erkenntnissen der Arbeitsgruppe auf einige wenige genetisch homogene Populationen weltweit beschränkt. Ihre Vermehrung fand und findet geschlechtlich vorwiegend innerhalb der gegebenen Populationen statt. So wie beim Menschen und der Kopflaus. Zum Beispiel. Paläogenetisch lassen sich dabei nur einige wenige Phänomene des Austauschs von Erbmaterial zwischen den Gruppen feststellen. Abgesehen von einigen wenigen lebensfähigen Mutationen wie Fragezeichen, Strichpunkt und vorwiegend im südwesteuropäischen und südamerikanischen Sprachraum beheimateten Variationen wie „¡“ sowie „¿“ konnten keine weiteren relevanten Entwicklungen nachgewiesen werden. Riley stellt eindrücklich die inzestuöse Genkonstellationen verschiedener Populationen dar. Diese sei jedoch ohne weitere Relevanz. Wobei vor allem das Ausrufezeichen neuzeitlich eine Tendenz zu prägnanter Fertilität aufweist. Das erklärt auch die Tatsache, daß Ausrufezeichen ganz selten nur paarweise anzutreffen sind. Meistens werden dann gleich drei oder mehr daraus. Oder, wie im Falle des Facebook-Posts von Herrn Schweiger, gleich ganze Rudel. Die Befürchtung, daß das Ausrufezeichen durch Mißbrauch zur Neige gehen könnte, ist somit völlig unbegründet. Im Gegenteil.

Erst durch mutwillige Verkreuzung anderer sekundärer typographischer Elemente wie Klammern, Minuszeichen und Doppelpunkten gewann die Evolution graphischer Textelemente an Dynamik. Genetisch unterscheiden sich die genannten Zeichen dabei nur durch erstaunlich wenige Gensequenzen vom Ausrufezeichen. Als Wegbereiter gelten das Smiley des Werbegrafikers Harvey Ball (1963) und die legendäre Codepage 437 von IBM (1981) mit dem weißen (☺︎) und schwarzen (☻) Smiley.  Der Durchbruch zu evolutionärem Wildwuchs gelang mit Scott E. Fahlmann von der Carnegie Mellon University, Pittsburgh, Pennsylvania, USA. 1982. Sein Vorschlag der Zeichenkombinationen 🙂 (Doppelpunkt, Minus, Klammer zu) und 😦 (Doppelpunkt, Minus, Klammer auf) sollte rhetorisch weniger begabten Wissenschaftlern ermöglichen, einen Beitrag eindeutig als scherzhaft beziehungsweise seriös zu klassifizieren. Um Mißverständnisse zu vermeiden.

Mittlerweile haben Emoticons und Emojis, in Japan auch Kaomojis, als typographische Elemente eine rasante Evolution durchlaufen und sind allenthalben und vielgestaltig in beinahe jeder Textform anzutreffen, insbesondere jedoch im Rahmen der Telekommunikation und im Bereich sozialer Medien. Dieses Umfeld scheint die kompakte Darstellung auch komplizierter Sachverhalte bei gleichzeitiger Reduktion orthographischer Ansprüche zu erzwingen. Sie ermöglichen auch tendenziell aphasischen, dysgraphischen und legasthenischen Teilnehmern die Illusion emotionaler Tiefe im Schriftgebrauch. Fortgeschrittenen Nutzern reicht die Kombination von zwei, drei Zeichen für die Darstellung komplexer Inhalte. Eine besondere Gefahr sei dabei dem Umstand zuzumessen, daß sich eine Vielzahl der Emoticons auch ohne gegengeschlechtlichen Partner zu vermehren in der Lage zu sein scheint. Parthenogenese. Mutter- und Tochtergeneration verfügen über identisches Genmaterial. Sinnbefreites, ubiquitäres Auftreten sei die Folge. Schreibt Marvin D. Riley.

Die neuseeländische Arbeitsgruppe schließt aus den gesammelten Befunden, daß der Fortbestand des Ausrufezeichens nicht etwa durch Mißbrauch, sondern durch evolutive Dominanz der Emoticons gefährdet sei. Die konsequente Umsetzung der Darwinschen Lehre. Als Wissenschaftlern sei ihnen eine persönliche Wertung nicht gestattet. Emoticons hätten eben ihre genetische Berechtigung. Nicht mehr und nicht weniger als zum Besipiel Kopflaus und HIV-Virus.

Vor dem Hintergrund dieser Arbeit muß man annehmen, daß wir Herrn Schweiger für seinen Post dankbar sein sollten. Oder Luna. Weil sie ganz offensichtlich ihrem Papa die sichere Beherrschung der Emoticon-Seiten auf seinem Telefon noch nicht nahebringen konnte.

p.s.:

Lesenswert zum Thema Rufzeichen-Inflation und Smiley-Hypokrisie der Artikel von Cosima Schmitt in ZEIT ONLINE vom 17. Januar 2016. Und dieser zu  Emojis aus der ZEIT vom 7. Mai 2015. Gründlich recherchierter Hintergrund.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Mexique

 

Mexique 001

Wir sind gleich für Sie da.

Eine weibliche Stimme untermalt von Digitalmusik. Ansagen im Minutentakt. Ich befinde mich in einer Warteschleife der Deutschen Post. Die Sendungsverfolgung bei DHL. Mein Schwiegervater wartet auf den Weihnachtskalender mit Bildern seiner Enkel. Kriegt er jedes Jahr. Zwölf Bilder in Großformat. Individuelle Maßanfertigung in Handarbeit. Jeder Tag handgemalt. Unter Berücksichtigung der Feiertage in Schleswig-Holstein. Und nun ist Weihnachten seit fast einer Woche vorbei und vom Kalender keine Spur. Nicht bei den Nachbarn, nicht mal ein Benachrichtigungsschein Abholung nicht vor morgen Nachmittag ab 15 Uhr oder so. Bei colissimo.fr heißt es seit dem 19. Dezember „Votre colis a quitté le pays d’origine“. Der Kalender hat Frankreich verlassen. Ab jetzt ist DHL zuständig. Wer sonst?

Nutzen Sie jederzeit einfach und bequem alle Services online – unter deutschepost.de.

Zur Abwechslung eine männliche Stimme. So richtig gerne spricht man im Callcenter bei der Deutschen Post also nicht mit dem Kunden. Versuchen Sie Ihr Glück doch lieber online. Selbst schuld, wenn Sie seit geschlagenen zwanzig Minuten Computermusik hören müssen. Habe ich natürlich vorab gemacht. Ich habe den Online-Service der Sendungsverfolgung genutzt. Meine französische Paketnummer ist da leider unbekannt. Kann ja eigentlich nicht sein. In Deutschland gehen keine Pakete verloren. Nicht in Deutschland. Ich würde mein Leid nun so gerne einem Kundenberater klagen. Vielleicht hat ein menschlicher Ansprechpartner Zugang zu mehr Informationen.

Der nächste freie Kundenberater ist bereits für sie reserviert.

Das ist schön. Lange kann es ja nun nicht mehr dauern. Meine Eltern haben auch einen Kalender zu Weihnachten bekommen. Auch mit großformatigen Fotos der Enkel. Auch eine individuelle Maßanfertigung in Handarbeit. Jeder Tag handgemalt. Unter Berücksichtigung der Feiertage in Baden-Württemberg. colissimo.fr wußte drei Tage später zu vermelden: „Votre colis est livré“. Das Paket ist zugestellt. Bei Portokosten von knapp fünfundzwanzig Euro hätte ich auch nichts anderes erwartet. Ich würde zu gerne wissen, was die Deutsche Post solange mit dem Kalender an den Schwiegervater macht.

Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld.

Habe ich. Was bleibt mir Anderes übrig. Vielleicht hätte ich doch der Anregung meiner Frau folgen sollen und mein Glück im lokalen Service-Center der Post versuchen. Womöglich wäre ich da schneller zum Ziel gekommen. Immerhin profitiert die lokale Agentur der Post von einer großzügigen vorweihnachtlichen Zuwendung unsererseits. Für den Post-Kalender. Jedes Jahr Anfang Dezember klingelt die Zustellerin. Meine Tochter hat sich die Version mit Pferdebildern ausgesucht. Feuerwehr und Müllabfuhr machen auch die Runde. Bieten aber keine Auswahl. Profitieren trotzdem von einer großzügigen Zuwendung. Vor ein paar Jahren geriet mitten im Hochsommer die Wiese nebenan in Brand. Die ursächliche Beteiligung eines deutlich minderjährigen Familienangehörigen war nicht sicher auszuschließen. Die Feuerwehr war mit zwei Löschzügen vorgefahren, noch bevor die anliegenden Hecken ernsthaft Feuer fangen konnten. Seitdem großzügig.

Einen kurzen Moment noch.

Kurz ist gelogen. Das höre ich nun bestimmt schon zum dritten Mal. Meine Tochter fühlt sich durch das Gedudel aus meinem Telefon gestört. Redest du immer noch mit der Post?

Wir verbinden Sie schnellstmöglich.

Die Telefon-Informatiker bei der Deutschen Post haben sich wirklich Mühe gegeben. Mit variierenden Aussagen vom Band gelingt es ihnen, den Eindruck zu erwecken, man würde in der Schlange vorrücken. Über dem Schalter eine Anzeige. 453. Nur noch dreizehn Kunden bis zu meiner Nummer.

In wenigen Augenblicken sind wir für Sie da.

Schade nur, daß die Augenblicke bei DHL so lang sind.

Guten Tag, mein Name ist Michael, was kann ich für Sie tun? Der ist echt. Michael hört sich mein Anliegen an. Fragt mich nach meiner Paketnummer. Tippt sie in seinen Computer. Täte ihm leid, aber diese Nummer sei dem System unbekannt. Auch in einem zweiten Versuch kein Resultat. Ich solle doch mal beim französischen Anbieter nachforschen. Oder meine Nummer einfach in ein paar Tagen nochmal selbst ins System eingeben. Toller Vorschlag! Michael gibt sich zurückhaltend. Hat angeblich keinen Zugang zu weiteren Informationen den Verbleib meines Kalenders betreffend. Ich finde Michael insuffizient. Ich finde, er könnte sich etwas mehr Mühe geben. Mehr Empathie zeigen zumindest. Das kann doch nicht sein, daß der Kalender in Deutschland einfach verschwindet! Michael hat wohl keine Vorstellung davon, wieviel Arbeit dieser Kalender gemacht hat! Ich kann meine Enttäuschung nicht verhehlen. Er bedankt sich trotzdem für meinen Anruf und wünscht mir einen schönen Tag.

Veuillez patienter, nous vous mettons en contact avec un conseiller clientèle.

Die Hotline bei colissimo.fr. Auch Musik. Auch die Aussicht auf den Kontakt mit einem Berater. Aber keine glaubhafte Inszenierung von Bewegung in der Wartschlange. Warten und Hoffen. Knappe zehn Minuten. Die Stimme, weiblich, findet mein Paket. Sie weiß zu bestätigen, daß der Kalender für den Schwiegervater Frankreich verlassen hat. Von der Post in meinem Dorf wurde er nach Marseille gebracht. Was an sich schon ungewöhnlich sei, denn Pakete nach Deutschland würden über Lyon abgewickelt werden. Normalement. Sagt die Stimme. Warum mein Kalender für den Schwiegervater in Deutschland nun aber nach Mexiko geflogen worden wäre, verstünde sie auch nicht. Täte ihr aber leid. Mexiko? Oui, au Mexique. Mein Nachforschungsauftrag bekommt eine Nummer. Wenn ich innerhalb von 40 (vierzig!) Tagen nichts erfahren würde, keine Mail, kein Brief, kein Anruf, solle ich mich wieder melden. Mit der Nummer. Die Gebühren für einen neuen Versand en Allemagne würden mir in jedem Fall erstattet werden.

Correos de México, Track & Trace, 22. Dezember 2015, 09:42:00 h: En tránsito hacia destino. Mexiko. Tatsächlich. Da ist der Kalender. In Mexiko. Auf dem Weg zum Ziel.

30.12.2015, 19:43 Uhr: Die Sendung ist im Zielland eingetroffen. Nächster Schritt: Die Sendung wird zum Zustell-Depot transportiert. Schreibt DHL. Der Kalender ist zurück aus Mexiko!

Wäre Michael nicht so schwer zu erreichen, würde ich ihn nochmal anrufen.

 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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