José

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Der Krimiautor aus Norddeutschland saß mit seiner Gattin bei uns auf der Terrasse. Anfang Juli. Der Sohn fuhr mit erheblicher Geräuschkulisse vor. Motorschaden, würde ich sagen. Sagte der Krimiautor. Kurbelwelle oder Pleuelstange. Der Krimiautor ist auch Autospezialist. Er hat bei sich zuhause eine Scheune voll mit einem ganzen Rudel alter Autos. Autos aus Nordeuropa und so gänzlich ohne für Außenseiter erkennbaren Charme. Ich habe nicht verstanden, warum gerade Autos aus Nordeuropa. Autos, die es zudem gar nicht mehr gibt. Daß es sie nicht mehr gibt, muß ja einen Grund haben. Wahrscheinlich haben die auch Schwachpunkte an Kurbelwelle oder Pleuelstange. Vielleicht kannte er das Geräusch aus seiner Scheune, ich erinnere mich nicht mehr genau. Wie auch immer, Kurbelwelle oder Pleuelstange. Da würde er seine rechte Hand drauf verwetten. Kannste direkt auf den Schrottplatz bringen. Ich mußte in letzter Zeit relativ viele Autos an den Schrotthändler übergeben. Mal war’s der Turbo und auch schon mal die Pleuelstange. Das dann aber mit ordentlichem Knall und bedeutendem Ölverlust. Alle Leuchten rot im Armaturenbrett. Sofortige Einbuße der Fahrfähigkeit. Dieser hier fuhr ja noch. Mit einem unangenehm metallischen Schlagen zwar, fuhr aber noch. Kein Rotlicht, kein Ölverlust. Daher sollte auch dieses eher betagte Modell eines französischen Herstellers seine Chance haben. Und zumindest mit einer validen Diagnose aus der Profiwerkstatt meines Vertrauens zum Schrotthändler gehen, rechte Hand des Krimiautors hin oder her. Vielleicht täuschte sich der Krimiautor ja auch und mein schlechtes Gefühl könnte unbegründet sein. Vielleicht war doch nur ein kleines Rädchen aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Profiwerkstatt meines Vertrauens brauchte zwei Tage zur Diagnosestellung. Pleuelstange. Tatsächlich. Sie hatten zusätzlich zur Blickdiagnose noch irgendwo aufgeschraubt und was gemessen. Die Kompression, glaube ich. Nach Messung der Kompression war die Datenlage eindeutig: Pleuelstange. Neuer Motor. Wirtschaftlich nicht vertretbar. Schrotthändler. Tatsächlich. Aber er hätte da einen anderen Klienten, der sich von seinem Altfahrzeug trennen wollte, sagte der Patron. Und vielleicht gäbe es für einen treuen Kunden wie mich noch Optionen, meinen Schrotthaufen für einen Gebrauchtwagen in Zahlung zu geben. Ich hatte es nicht eilig und er wollte sich nächste Woche melden. Das war Anfang Juli, wie gesagt.

Heute Morgen kam ich aus einem Dienst. Tage nach Dienst lassen keine intellektuellen Höhenflüge zu. Gefühlt bewege ich mich da auf dem Niveau eines Zwerghasen zum Beispiel. Reicht für Aktivitäten eher niedrigen Anspruchs. Gute Gelegenheit, allerlei bislang erfolgreich prokrastinierte Baustellen eher unangenehmer Kategorie abzuarbeiten. Wie die Entsorgung dieses Fahrzeugs. Steht seit Wochen auf dem Hof der Profiwerkstatt meines Vertrauens und kostet Versicherungsprämie. Das Altfahrzeug des anderen Klienten war reinen Gewissens doch nicht zu verkaufen gewesen, die Inzahlungname für einen Gebrauchtwagen hätte sich auf einem finanziell signifikant höheren Niveau abgespielt. Signifikant zu hoch. Schlußstrich. Weg damit. Der Patron der Profiwerkstatt wollte mich auch gerade angerufen haben, na sowas, denn ab übernächster Woche sei er in Urlaub. Es wäre ihm doch sehr recht, wenn ich mein Auto nun doch wieder abholen würde, vor seinem Urlaub. Fährt ja noch. Die Batterie, inzwischen leer, würde er mir noch laden. Rendez-vous um fünfzehn Uhr.

Das schafft er doch noch bis zum Schrotthändler, oder? – Ja, klar, kein Problem, er hat’s ja auch bis in die Werkstatt geschafft. Ob dies, bei näherer Überlegung, als stabiles Argument taugte, mag dahin gestellt bleiben. Gute fünf Kilometer, dachte ich mir, sind nun wirklich keine Weltreise. Mein Sohn hatte es bis nach Hause geschafft mit dieser Geräuschkulisse und ich in die Werkstatt. Auf die paar Kilometer sollte es nun doch nicht ankommen. Ich nahm mir vor, die Autobahn und Strecken mit Steigung soweit wie möglich zu meiden. Keine übermäßige Belastung. Dezenter, gleichmäßiger Fahrstil. Mehr noch als sonst. Zudem gab sich der Patron ja nun ausgesprochen zuversichtlich. Wenn er im Übrigen mal einen Wagen vor dem Kauf begutachten sollte, stünde er jederzeit zur Verfügung, klar doch. Und, wenn es mir irgendwie möglich sei, hätte er gerne die Batterie aus dem Auto wieder. Die sei nämlich seine. Meine wäre nach all den Wochen doch nicht mehr gut gewesen. Gute Fahrt noch und bon week-end.

Auf dem unvermeidbaren Abschnitt Autobahn gewann das schlagende Geräusch neue Komponenten. Ein schleifendes Rasseln, würde ich sagen. Wahrscheinlich war ich zu schnell gefahren. An einem der letzten Rond-points zum Schrotthändler ging der Motor aus. Und ließ sich nur sehr mühsam wieder in Gang bringen. Blinkende, rote Leuchte: STOP. War da nicht auch der Geruch von heißem Öl und geschmolzenem Plastik in der Luft? Egal. Ein Kilometer noch. Wenn der Wagen jetzt Feuer finge, wäre das immerhin eine nette Geschichte für den Blog. Sekunden später blieb der Wagen endgültig stehen. Nichts bewegte sich mehr. Brannte leider nicht. Nicht mal Rauch. Nicht ein bißchen. Nichts. Tot. Der Patron hatte mich angelogen. Oder den Ernst der Situation unterschätzt. Würde mir aber, leider, jetzt nicht helfen können. Auch mein Sohn gab sich am Telefon zögerlich. War eigentlich gerade im Aufbruch zu seinen Kumpels gewesen. Abschleppen? Hätte er ja noch nie gemacht. Und es wäre doch zu blöde, wenn am Ende beide Autos kaputtgingen. Und warum ich nicht die Assistance der Versicherung anrufen würde. Die Assistance? An einem Freitag Nachmittag? Das kenne ich. Deren Einsatz wäre bestenfalls als Hilfe zur Selbsthilfe zu werten. Der Abschlepper frühestens in zwei Stunden, würden die sagen. Ich sähe ja selbst, was da gerade auf den Straßen los wäre. Zwei Stunden für nicht mal einen Kilometer?

Montag werde ich José anrufen, den Patron. Und ihm nahelegen, seine Batterie doch gelegentlich, am besten vor seinem Urlaub, bei mir abzuholen. Ich bräuchte sie nun nicht mehr.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Insel im Sturm

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Vor ein paar Tagen bin ich extra früh aufgestanden, um noch ein bißchen Rad zu fahren, also, eben mehr als ein bißchen nur, mehr als die zehn Kilometer plattes Land zum Krankenhaus. Wegen der Hitze geht das nur früh morgens. Und ab und zu muß, um in Form zu kommen, schon auch mal ein bißchen Steigung sein. Um Toulon haben wir drei Berge, Mont Caume, Faron und Coudon. Ambitionierte Amateure fahren die drei mal eben an einem guten Vormittag ab. Ambitionierte Amateure fahren übrigens ohne Unterwäsche. Zumindest die aus meinem Umfeld. Sagen die. Ich weiß aber nicht, was das bringt. Soweit bin ich noch nicht. Ich fahre auch nur einen der Berge zur Zeit. Wobei ich den Mont Caume noch nie in Angriff genommen habe. Mein Lieblingsberg ist der Faron, weil die Straße von einem zum anderen Ende eine Einbahnstraße ist. Kein Gegenverkehr. 520 Höhenmeter. Der Coudon ist ein bißchen höher, 650 Meter, oben ist was Militärisches, man darf nicht ganz rauf. Morgens fährt man immerhin angenehm im Schatten. Leider Sackgasse. Potentiell also mit Gegenverkehr. So früh kommt da natürlich keiner runter. Aber erstaunlich viele fahren rauf. Beim Runterfahren auf der schmalen Straße macht potentieller Gegenverkehr Angst. Da war ich also vor ein paar Tagen. Auf dem Coudon. Abfahrt zuhause 6:04 Uhr. Oben um 7:21 Uhr. Das ist nicht wirklich schnell. Weiß ich. Wurde dann auch ein bißchen knapp fürs Krankenhaus. Zumal ich dann ja auch noch duschen mußte. Definitiv.

8:25 Uhr. Tobender Chirurg in der Umkleide vor der Dusche. David B. Ich habe ihn, trotz laufender Dusche, schon von weitem gehört, ihn und einen meiner Kollegen, frag‘ doch Bertram, wenn dir was nicht passt. Aber der duscht gerade. Drei Sekunden später stand er brüllend in der Umkleide, rief nach mir, Bertram, rüttelte an der Tür zur Dusche. Kann ich nicht gut haben, auch wenn ich spät dran bin. David B. ist allgemein als connard klassifiziert. Arrogant und, leider, in seinen handwerklichen Fähigkeiten nicht gerade begabt. Arrogant ginge ja noch durch, wenn er wenigstens gut wäre, also handwerkliches Geschick bewiese, nett oder zumindest kompetent wäre zu Patienten und so. Ist er aber nicht. Nicht mal nett zu Patienten. Und immer, oft, geht irgendwas daneben. Häufig muß er mehrfach operieren, weil es im ersten Versuch beim besten Willen nicht reicht. Deswegen steht er häufig alleine da. Und muß schreien, weil ihm keiner hilft. Keiner wollte seine Patientin mit kaputter Hüfte für diesen Morgen neulich betäuben. Die Laborwerte stimmten nicht. Zu anämisch. Waren sich die Anästhesisten offenbar einig. Gibt es auch ganz selten, diese Einigkeit unter den Anästhesisten. Gegen David B. leichter mal. Die Frau hätte besser vorbereitet sein müssen, wenn man sie halbwegs unbeschadet durch die OP bringen wollte. David B. hätte sich um eine kleine Transfusion kümmern müssen. War ihm nicht so wichtig. Chirurgen wird oft unterstellt, es ginge ihnen nur um ihre Operation. Ist leider häufig was dran. David B. gehört ganz klar zu dieser Sorte. Damit ist meine Patientin leider mal barrée, mit diesem Chirurgen. Schlechte Karten. Unter der Dusche kann ich dir sowieso nicht helfen, laisse-moi tranquille, connard, laisse-moi trois minutes!

Gut drei Stunden später war die Patientin soweit. So richtig schlimm wurde es schließlich nicht. Wir hatten genug Blut auf Lager, das Blutbad zu kompensieren.

Später, im Dienst, mußte ich lange warten auf die Übernahme einer Patientin aus den Urgences, der Ambulanz. Das kann ganz lange dauern und man weiß gar nicht warum. Hätte ich hingehen können und mal ein bißchen Druck machen. Kollegen von mir machen das gerne, Druck machen in den Urgences. Früher, während meiner ersten Monate in diesem Krankenhaus, stürmte auch ich gelegentlich brüllend die Urgences. Blitzangriff. Wutanfall, wenn wieder ein Uralt-Patient mit einer Alditüte voll Medikamenten auf die Station kam ohne aktuelle Blutanalyse, EKG und Röntgenaufnahme. Blutanalyse, EKG und Röntgenaufnahme sind ganz klar Aufgabe der Urgences. So war das früher in Deutschland und das ist eigentlich auch so in Frankreich. Normalement. Insbesondere bei Alten mit einer ganzen Alditüte voll Medikamenten ist das hilfreich und nett. Damit der Anästhesist sich frühzeitig eine Vorstellung vom Zustand des Patienten im Ganzen machen kann. Da hat wieder einer geschlafen, wenn das nicht gemacht ist. Oder keine Lust gehabt. Brüllen in den Urgences, vor Publikum, Schwestern, Ärzten, Patienten, Angehörigen. Egal. Wut. So geht das gar nicht, so kann ich nicht arbeiten. Das nächste Mal kriegt ihr den Patienten zurück, bis das verdammte EKG geschrieben ist. Bordel à cul de pompe à merde! Das gilt als überaus häßlicher Fluch. Bringt aber nichts. Im Gegenteil. Die gucken alle nur gelangweilt. Das kennen sie schon. Der zuständige Kollege ist gerade im Einsatz auf der Straße. Und die Schwester dazu unauffindbar. Oder, besser noch, keiner weiß, wer die Schwester dazu ist. Oder war. Ist immer so. Der zuständige Kollege ist immer gerade im Einsatz auf der Straße und keiner will wissen, wer die Schwester dazu ist. Und wenn man seinen Auftritt als Sturmbannführer – Achtung, schnell, schnell, der böse Deutsche im Film sagt immer und unsynchronisiert Achtung, schnell, schnell – hatte, geht es extra langsam weiter.

Kein Brüllen mehr also. Hoffen auf Wunder. Zum Hoffen auf ein Wunder las ich den dritten Krimi von Christine Cazon, „Stürmische Côte d’Azur“. Sonst sind Krimis nicht so mein Ding, ganz ehrlich, die von Christine Cazon lese ich gerne, schon weil sie in der Gegend spielen. In Cannes. Lebensnah. Über Hoffen und Lesen muß ich irgendwann eingeschlafen sein. Bei gut 63%. Mein kindle spricht nicht von Seiten, er spricht von Prozenten. Eigentlich abartig im Zusammenhang mit Büchern. Eingeschlafen nach einer Szene Zweisamkeit im Forsthaus auf der Insel im Sturm. Der Kommissar und Alice, die knackige Kellnerin, leicht alkoholisiert. Worauf warten die beiden noch? Stattdessen schickt der Kommissar die Kellnerin ins Bett, alleine! Natürlich, in Wirklichkeit, wäre das anders, wissen wir. Rausch der Sinne. Die ganze Nacht. Bis in die Morgendämmerung. Stattdessen Aspirin? Quatsch. So spröde kann der Kommissar gar nicht sein. Franzose. Auf der Insel. Da muß der Franzose in echt nicht lange überlegen. Das aber kann man vermutlich der Lavendel-Fraktion der Leserinnen nicht zumuten.

Mein kindle schlug irgendwann mitten in der Nacht auf dem Boden neben meinem Bett auf. Davon war ich wachgeworden. Wenig später hatte meine Patientin auch den Weg in meine Abteilung gefunden. Papierkram, Therapieplan. Eine Stunde später war ich wieder im Bett. Konnte aber bis zur Danksagung hinten im Krimi nicht mehr einschlafen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Sommerloch

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Bei Zeit Online gestern ein Artikel über eine Petra Hinz von der SPD. Bundetagsabgeordnete aus Essen. Hat sich einen wunderbaren akademischen Hintergrund zurechtgebaselt. Jura. Alles gelogen. Hat nicht mal Abitur. Nun ist sie den Job los. Das ist die Gefahr im journalistischen Sommer. Wahrscheinlich werden da Praktikanten auf die Seiten des Bundestags angesetzt. Schau‘ doch mal, was du da so findest. Ungereimtheiten im Bundestag sind fast so gut wie ein Kommentar zum Diktator in der Türkei oder amoklaufende Migranten.

Mir will für den Blog auch nichts rechtes einfallen. Ein Test vielleicht zu französischen Sprachkenntnissen. Es geht um das Geschlecht der Worte im Französischen. Nicht immer eindeutig, manchmal anders als man erwarten würde. Den Klassiker kennt jeder: Le soleil, männlich für die Sonne, weiblich. Und la lune, weiblich, für den Mond, männlich.

20 Fragen. Viel Spaß dabei!

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Big Five

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Lauer Frühsommer-Abend. Ich sitze mit meinem Erstgeborenen auf der Terrasse bei einem Glas Wein. Der Rest der Familie ist in der Küche beschäftigt. Dezente Geräuschkulisse, die Tochter erzählt was aus der Reitstunde. Das Leben fühlt sich geradezu entspannt an. Alles ist gut. Plötzlich steht da ein Kollege aus dem Krankenhaus auf der Terrasse. Mit einem selbstgemachten Kuchen in der Hand. Sieht ziemlich improvisiert aus der Kuchen. Gelb. Zitrone vermutlich. Mit einer Zeichnung im Gelben. Und einer Kerze drauf. Ich kann nicht erkennen, was die Zeichnung darstellen soll.

Im SPIEGEL, dessen Printausgabe wir lange abonniert hatten und der uns immer erst Dienstag oder Mittwoch, je nach zentraleuropäischer Feiertagskonstellation auch erst mal Samstag erreichte statt damals eigentlich Montag, in einer der letzten Ausgaben unseres Abonnements, Heft 34 von 2012, ging es um den „Triumph der Unauffälligen – Warum Introvertierte zu oft unterschätzt werden„. Ich fühlte mich angesprochen, obwohl ich mir bezüglich der Inhaltsschwere des Artikels keine besonderen Hoffnungen machte. Sommerlochthema. Und: Wer hat mich schon mal unterschätzt? Wann oder wo habe ich triumphiert? Der Artikel fing an mit anderen Introvertierten. Einstein. Schopenhauer. Immerhin. Es gibt sogar Schauspieler, die als introvertiert gelten. Ich bin in guter Gesellschaft. Vielleicht kommt das ja noch mit dem Triumph. Dazu gab es im SPIEGEL einen Test. Eigentlich sehr verdächtig. Psychotests sind mehr das Niveau von Fernsehzeitschriften, von Brigitte, Bunte und Stern. So wegweisend wie Horoskope. Sagt ein Professor aus Berlin bei SPIEGEL ONLINE. Hätte ich aber auch so vermutet.

Wo kann ich das mal hinstellen? Gefällt mir nicht, dass der da steht mit seinem gelben Kuchen. Was will der hier? Hat den jemand eingeladen? War der nicht überhaupt krankgeschrieben? Und was soll das mit dieser Kerze? Wie nur werde ich den wieder los? Am besten mit seinem Kuchen. Bloß nicht hinstellen! Meinem Sohn fällt auch nichts ein dazu. Grinst nur. Schulterzucken. Er scheint das komisch zu finden.

Der Test des SPIEGEL bestand aus gut dreißig Aussagen, die man als für sich zutreffend ankreuzen konnte. Ich habe diesen Test absolviert. Das Ergebnis war eindeutig. Aussage 3 zum Beispiel: „Meine Gedanken werden mir selbst leichter deutlich, wenn ich sie anderen gegenüber äußere“. Erstmal losreden, vielleicht verstehe ich dann, was ich da denke. Nein, ist nicht für mich. Ich kenne solche Leute. Und Leute, die manchmal so sind. Sind oft die selben wie die aus Aussage 7: „Menschen, die schnell reden, strengen mich an“. Stimmt. Wer kann Menschen, die ohne Unterlass reden und nicht eine Sekunde zuhören können, schon lange aushalten? Oder Aussage 17: „Ich denke nicht viel darüber nach, was in anderen vorgeht“. Kann ich auch nicht ankreuzen. Bei Menschen, die mir nahestehen, ist mir schon wichtig, wie es ihnen geht. Sogar bei Patienten passiert mir das hin und wieder. – Ich habe zielsicher alle fünfzehn Antworten für die Introvertierten als für mich zutreffend empfunden. Für die Autoren des Tests hätte eine Überzahl von drei Aussagen für die Zuordnung gereicht. Immerhin konnte ich zwei Extro-Punkte verbuchen, die mich vermutlich vor einem Status als Autist bewahren. Aussage 5: „Ich handle lieber zügig und ‚aus dem Bauch heraus‘, als lange nachzudenken“. Internisten denken gerne mal lange nach und auch Psychiater geben sich eher bedächtig. In der Anästhesie kann man sich langes Nachdenken oft nicht erlauben. Und Aussage 19: „Neue Orte und Umgebungen finde ich anregend“. Ist auch zutreffend, solange das nicht zu viele andere Menschen auch finden, Aussage 9: „wenn ich kann, meide ich große Menschenmengen“.

Plötzlich ist die ganz Terrasse voll mit Menschen. Alle haben so einen gelben Kuchen in der Hand. Alle mit Kerze. Alle mit Zeichnung in rot. Die Zeichnungen sind Smileys, erkenne ich mit einem Mal. Rote Smileys auf gelbem Grund. Wie wahnsinnig witzig! Und ich soll Humor beweisen, wo ich doch Smileys als unerträglich überflüssig empfinde in ihrer Allgegenwärtigkeit. Bestimmt sind das alles Freunde, denke ich mir, die sich einen Scherz mit mir erlauben. Musik dazu, ziemlich laut. Sie singen „Joyeux anniversaire“. Und meinen mich. Überraschungsfete. Jetzt verstehe ich den Hinweis meiner Frau: lass‘ dich doch einfach mal überraschen. Seigneur Dieu! Bleibt mir denn nichts erspart? Ein Ticket auf die Äußeren Hebriden wäre eine schöne Überraschung gewesen.

Auch bei der ZEIT stößt man immer wieder auf psychologische Inhalte. Psychologie im allgemeinen ist journalistisch ergiebige Thematik. Extroversion gehört zu den Big Five im persönlichkeitspsychologischen Standardmodell. Anfang April schrieb ein Lars Fischer über die Resultate einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe, die den Einfluss der Persönlichkeitsstruktur auf die Toleranz gegenüber mangelhafter Grammatik und Rechtschreibung untersuchte. Menschen, die sich an fehlerhafter oder „unkonventioneller“ Rechtschreibung stören, sind wahrscheinlich eher introvertiert. Nicht, dass ich mir meiner orthographischen Kenntnisse felsenfest sicher wäre, aber ich gebe mir Mühe. Mich stören falsch geschriebene Worte. Unter „unkonventionell“ versteht die Arbeitsgruppe vermutlich sowas wie Emoticons. Mag ich nicht so. An Fehlern in der Grammatik stören sich eher Menschen tendenziell geringerer Verträglichkeit. Die Verträglichkeit gehört auch zu den Big Five. So richtig gut finde ich falsche Sätze allerdings auch nicht.

Es kommt noch schlimmer, mit einem Mal habe ich ein Mikrofon in der Hand.  Ich soll was singen. No me mirès màs. Ein Titel von Kendji, der seit Monaten zehn Mal am Tag im Radio läuft. Karaoke. Der Erdboden soll mich verschlucken, bitte, jetzt! Das schaffst du, Papounet, sagt die Tochter. Sagt sie immerhin auf deutsch. Sonst spricht sie lieber französisch.

05:50 Uhr. Der Wecker. Es hätte wirklich schlimm kommen können.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Bonne journée

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04:51 Uhr am Montag. Die Schwester lässt über eine Hilfskraft ausrichten, daß es Monsieur Z. in Zimmer zwei nicht so gut ginge, ich möge doch bitte mal kommen.  Eigentlich sollte ich da noch im Wochenende sein um 04:51 Uhr. Langes Wochenende sogar nach dem Dienst am Donnerstag. Kaum aber saß ich am Freitag Morgen im Auto, die Schranke zum Parkplatz gerade aus dem Rückspiegel verschwunden, der Himmel groß und blau über mir, ein ganzer Tag für mich alleine, ein langes Wochenende, übermorgen mit der Familie an den Lac de Sainte Croix, kam der Anruf.

Mein Telefon kannte die Nummer nicht, aber ich hätte die Nummer erkennen müssen. Bloß nicht rangehen. Besser noch das Telefon im Krankenhaus vergessen. Verwaltung, Affaires médicales. Das kann nichts Gutes bedeuten. Madame P. teilte mir mit, daß der Kollege für den Sonntag krank sei. Schlagartig war meine Laune unter den Gefrierpunkt gefallen. Klar, auf was das hinausläuft. Ob ich nicht den Dienst übernehmen könnte, fragte sie, sachant – wissend! Woher soll ich das wissen? -, daß der eine Kollege, der in Frage käme, gerade einen Todesfall in der Familie gehabt hätte, die andere Kollegin zur Fortbildung in Paris weile. Und Pascaline, die dritte Kollegin? Nein, die hätte sie nicht gefragt und würde sie auch nicht fragen, die wäre ja ohnehin so krank. Ich könne sie ja selbst fragen. Und appellierte an meinen Teamgeist, esprit d’équipe, sagte sie. Ärgerte mich, dieser Appell an meinen Teamgeist, weil sie genau weiß, daß jeder in meiner Abteilung in erster Linie an sich selbst denkt. Franzosen eben. Einer für alle, alle für einen gibt es nur in netten Legenden von früher. Ich ärgerte mich auch, daß diese Kollegin so geschont werden soll. Ist gut zehn Jahre jünger als ich, arbeitet nur zu 80 Prozent, vier Tage pro Woche, macht einen einzigen Dienst pro Monat. Wenn überhaupt. Und so krank kann sie auch wieder nicht sein, wenn man ihren Erzählungen aus ihrer Freizeit Glauben schenkt. Kommt eben von einer Insel und hat die Südsee-Mentalität beibehalten. Teamgeist?

Warum sie das dann als Frage formuliert hätte, ob ich den Dienst übernehmen könne, mit der Andeutung von Optionen meinerseits, die ich ja wohl nicht hätte, abgesehen von einer Wunderheilung des Kollegen. Na ja, esprit d’équipe, wiederholte Madame P., Teamgeist, als ob der Begriff an sich eine schlüssige Erklärung beinhalte. Sie müßte andererseits verstehen, daß dieses Wochenende unser einziges gemeinsames wäre für den ganzen Monat, für meine Frau und mich, und ich würde mir schon eine kreativere Lösung wünschen, ob denn nicht jemand vom großen Krankenhaus nebenan einspringen könnte, wo wir doch ohnehin zusammenarbeiten sollen auf Wunsch des gemeinsamen Direktors. Nein, nein, so einfach, von einem auf den anderen Tag, ginge das natürlich nicht. Sie würde sich es ja schon ein bißchen leicht machen, meinte ich und fühlte überbordernden Zorn aufschäumen, bei administrativen Fragen wäre es offenbar nicht so weit her mit ihrem esprit d’équipe. Schade fände ich das, wo das Projekt der Zusammenarbeit mit dem großen Krankenhaus so neu nun auch nicht wieder wäre. Ganz erstaunt innerlich, daß meine Sätze trotz aller Wut immer noch funktionierten, daß ich, ohne ins Stottern zu geraten, immer noch passende Worte fand in Madame P.s Sprache, redete ich mich immer weiter in Rage. Ärgerlich sei, ergänzte ich, daß ich nun ausbaden solle, daß das Projekt der Zusammenarbeit auf administrativem Niveau offensichtlich nicht voran käme, qu’on a laissé traîner depuis des mois, sagte ich wörtlich. Ich ärgerte mich wirklich, so oft wird es Aktivitäten in der ganzen Familie nicht mehr geben, wenn der Große erstmal in Neuseeland ist. Vielleicht könne sie ja doch noch mal ein bißchen nachdenken, vielleicht doch – bei allem Verständnis für die Krankheit – die arme Pascaline fragen oder ihren Directeur. Schweigen am anderen Ende. Bin ich in ein Funkloch geraten? – Âllo?Vous me voyez sans voix. Madame P., Affaires médicales, gab sich ganz sprachlos angesichts so herber Kritik, wünschte mir einen schönen Tag und legte auf. Wow.

Diplomatie liegt mir nicht so. Egal. War ohnehin nichts zu gewinnen.

Am Ende konnte der kranke Kollege doch immerhin den Tag über arbeiten, bis halb sieben immerhin. Und wir konnten an den See fahren. Picknick auf den Kiesbänken im Verdon oberhalb des Stausees. Weit genug jenseits einer Kette von Bojen mit Verbotsschildern an den Ufern, die vor ein paar Jahren installiert wurden. Damit „nicht zuviele“ Touristen soweit den Fluß hinaufpaddeln, sagt der Bootsverleiher. Pas trop. Italienische Touristen, Holländer, Deutsche und Engländer lassen sich von sowas beeindrucken. Einheimische natürlich weniger. Wer soll das schon überwachen? Zum Abschluß des Ausflugs ein Bier für die Großen, Eis für die Kleinen im Restaurant eines Campingplatzes hoch über dem See. Gehört auch dazu. Seit gut zwanzig Jahren. Immer wieder schön.

04:57 Uhr. Zimmer zwei. Der Blutdruck ist in Ordnung, die Pulsfrequenz, der Sauerstoff im Blut. Die Daten auf dem Monitor über Monsieur Z.s Bett geben keinen Anlaß zur Beunruhigung. Ja, täte ihr irgendwie leid, sagt Amélie, die Schwester, jetzt wäre wieder alles gut. – Na, muß dir ja nicht leid tun, ist doch schön, wenn wieder alles gut ist!

Bonne journée!


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Zwiefalten

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Ich geh‘ jetzt. Ich unterschreibe euch, was ihr wollt, aber ich geh‘ jetzt.

Ein Uhr fünfunddreißig. Nachts. Tumult auf meiner Station für mittelschwer Kranke, Intermediate Care. Notruf der Schwester. Ein Psychopath, ich nenne ihn mal Bryce, 23, manisch-depressiv in bislang eher depressiver Verfassung. Lag eigentlich nur noch da, Zimmer drei, weil er am kaputten Ellenbogen operiert worden war am Vortag. Hatte nach fast einer Woche auf dieser Station wegen einer zusätzlichen Stoffwechselstörung genug von uns. Der meint das Ernst, sagt die Schwester am Telefon. Und wenn der erstmal aus seinem Zimmer kommt, halten wir ihn bestimmt nicht auf.

Vor einem Jahr wurde unsere Intensivstation in eine Unité des soins continus umgewandelt, Station für Intermediate Care. Das ist die Abteilung für Patienten, die zu krank sind für eine Normalstation und nicht krank genug für eine Intensivstation. Bei uns gab es plötzlich zu wenig Intensivmediziner. Kein Franzose will das machen. Noch weniger als Anästhesie. Schon gar nicht so tief in der Provinz, Sonne und Meer hin oder her. Deswegen wurde die Intensivstation umgewandelt in eine Station für Intermediate Care. Und wir von der Anästhesie müssen uns darum kümmern. Anästhesisten haben ja auch mal Intensivmedizin gelernt. Auf dieser Station werden vorwiegend Menschen mit internistischen Krankheitsbildern versorgt. Menschen eher am Ende ihres Lebens, häufig mit schweren, austherapierten Erkrankungen der Lunge. Gelegentlich ein entgleister Diabetes, manchmal ein mißglückter Selbstmordversuch. Meist kriegen wir solche Kandidaten aus den großen Krankenhäusern nebenan. Kein Platz behaupten die Kollegen dort. Sie meinen kein Platz für sowas. Damit geben wir uns nicht ab. Bryce kam auch von dort. Wegen Überbelegung.

Ich geh‘ jetzt. Ich unterschreib‘ dir, was du willst, aber ich geh‘ jetzt.

Bryce steht in der Tür zu Zimmer drei. Bryce ist einen Meter neunzig groß, geschätzte 120 Kilogramm schwer. Ein Schrank. Nur der Infusionsschlauch in seinem Arm mit der Flasche am anderen Ende hält ihn vom Aufbruch ab. Und vielleicht sollte er auch noch was anziehen. Daß er mich duzt, gefällt mir nicht so. Sie sollten sich vielleicht noch was anziehen, ich komme gleich zu Ihnen.

Die Schwestern auf dem Stationsflur wie ein Haufen kopfloser Hühner, empört, weil er wüste Drohungen mit obszönen Tendenzen ausstößt. Muß ich da jetzt rein? Du bist der Arzt, sagen sie, wir gehen da nicht rein, du hörst doch, was er sagt. Bryce steht neben seinen Bett und versucht sich anzuziehen. Nicht ganz einfach mit dem Infusionsschlauch in seiner Ellenbeuge und den Drähten vom EKG. Hätte er ja auch einfach abreißen können. Delirante Alkoholiker sind da weniger einsichtig. Die ziehen sich auch mal einen Blasenkatheter. Ich kann Bryce zum Bleiben bis morgen überreden und einer Tablette Valium. Er wünscht sich zwei davon, weil er das kennt. Zwanzig Milligramm. Den ungeübten Normalmenschen würde diese Dosis für 24 Stunden im Koma halten. Meinem Patienten reicht das als Basis zum Überdenken seiner Entscheidung in aller Ruhe. Eine Stunde später steht er auf dem Stationsflur. Ohne Hose. Auch ohne Unterwäsche. Mit T-Shirt allerdings. Demente Senioren kann man manchmal auf dem Parkplatz in dieser Aufmachung einfangen.  Er hat den Schlauch seiner Infusion durchgeschnitten. Aus dem Schlauchende tropft reichlich Blut. Woher nur hatte er die Schere dazu? Hat er die Schere noch? Ist Bryce als bewaffnet einzuschätzen? Würde er von seiner Waffe Gebrauch machen?

Ich unterschreibe euch, was ihr wollt, aber ich gehe jetzt, brüllt Bryce.

Früher, im nordöstlichen Ruhrgebiet, gab es für solche Fälle Ketamin in den Schubladen. Ketamin, intramuskulär appliziert, wirkt innerhalb von dreißig Sekunden. Wildhüter zähmen damit pflegebedürftiges Großwild. Aus sicherem Abstand. Wer aber würde sich Bryce zur intramuskulären Applikation nähern, geschweige denn sich ihm in den Weg stellen wollen? Die Schwestern verschanzen sich hinter Tischen und Stühlen. Auch ich tendiere da eher zur Feigheit.  Die Schwestern wissen andererseits von einem Pfleger im Haus, sogar anwesend, spezialisiert auf sowas. Serge rollt auf Anruf aus der Notaufnahme an. Innerhalb von Minuten. Als ob sie dort ständig mit so Leuten wie Bryce zu tun hätten. Warum nicht gleich? Zwei-Millimeter-Frisur, physisch ein ähnliches Kaliber wie Bryce. Zwei Helferinnen. Er stellt sich als Pfleger des CAP vor – ich weiß nicht genau, wofür das steht. C für Centre, glaube ich, A keine Ahnung, Action vielleicht, P jedenfalls für Psychiatrie. Franzosen lieben Abkürzungen. Sie haben einen Koffer dabei, grün. So könnte man sich ein Sado-Maso-Einsteigerköfferchen vorstellen. Mit allerlei Zubehör für Fesselspiele in massiver Ausführung, abwaschbar. Du legst dich jetzt in dein Bett, sagt Serge. Serge duzt Bryce einfach, vielleicht ist das der Trick. Okay, sagt Bryce. Und dann schnalle ich dich an, weil das besser für dich ist. Okay. Bryce legt sich in sein Bett. Ganz zahm. Und wird an den Füßen und dem nicht operierten Arm fixiert. Weil das besser für uns alle ist. Okay, merci. Als ob er nur darauf gewartet hätte. Und nach dem Frühstück bringen wir dich nach Pierrefeu. Okay. Serge kann das ganz ohne Ketamin. Einfach so. Wow.

In Pierrefeu haben sie die große Irrenanstalt der Region, des Départements Var zumindest. Die Irrenanstalt meiner Jugend liegt auf der Schwäbischen Alb zur Donau hin. In einer ehemaligen Benediktiner-Abtei. Öffentlich zugänglich ist dort das Münster, ein bedeutendes Bauwerk deutschen Spätbarocks. Früher, also in meiner Jugend, hieß es gerne mal, bestimmt nur im Scherz: wenn du so weitermachst, kommst du in die Geschlossene nach Zwiefalten.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Gekürzt veröffentlich in der März-Ausgabe der Riviera-Zeit.

Muttertag

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Garten, wenn da einer ist ums Haus, ist natürlich schön, auch weil er die Nachbarn auf Distanz hält, so wie der Pool, auch schön. Die Arbeit daran, an Garten und Pool, damit sie auch so schön bleiben, würde ich allerdings gerne delegieren können. Für Personal aber reicht das Budget definitiv nicht.

Wir hatten mal einen Gärtner, Fabien, der nur die Palmen beschneiden sollte. Die wachsen hier wie Unkraut und breiten sich offenbar über ihre Wurzeln aus. Wo sie sich mal einen Weg gebahnt haben, kriegt man sie nicht wieder weg. Wenn sie mal groß sind und in Gruppen stehen, sieht es nett aus. Man muß allerdings alle Jahre wieder die alten Blätter unten abschneiden, damit es nett und wie Palmen aussieht. Ist ein unangenehmer Job, weil die Blattstiele dornenbewehrt sind. Fabien sollte samstags kommen, gerne regelmäßig, für 12 Euro die Stunde. Oder 15, weiß ich nicht mehr genau. Kam mit einer Art Jeep und einem kleinem Anhänger dran. Den Anhänger brauchen Sie nicht, sagte ich ihm gleich, das Grünzeug kann da weiter hinten zum Verbrennen im Herbst abgelegt werden. Hat ihm gar nicht gefallen, am liebsten wäre er wohl direkt wieder verschwunden, konnte man ihm ansehen. Er versuchte dann noch, mich daraufhinzuweisen, daß das Verbrennen von Grünabfällen seit 2011 verboten wäre – normalement. Weiß ich, erwiderte ich, ich hatte davon gelesen in der Wochenschrift der Gemeinde, wenn ich aber alle meine Grünabfälle einmal durch die Stadt fahren wollte, wäre ich Wochen damit beschäftigt. Ums Verbrennen würde ich mich dann schon selbst kümmern, da könne er beruhigt sein.

Und, wozu sind wir denn in Frankreich? Normalement findet immer Anwendung, wenn es eine Regel gibt oder ein Gesetz und man auch davon weiß. Oder wissen könnte. Wenn das Gesetz oder die Regel aber wirklich unangenehme Konsequenzen in der Umsetzung hat, hält man sich erst mal nicht daran, so wenig wie alle anderen eben, und stellt sich dumm, wenn man doch erwischt wird. Normalement beschreibt die Option auf die individuelle Ausnahme. Das funktioniert meistens, weil die Einhaltung von Regeln und Gesetzen mit wirklich unangenehmen Konsequenzen nur sporadisch kontrolliert wird. In Deutschland gibt es auch viele Regeln und Gesetze. Vielleicht noch mehr als in Frankreich. Wie die zum Baum umsägen vielleicht, um im Garten zu bleiben. Verboten von Februar bis Oktober. Ansonsten genehmigungs- und meldepflichtig. In Deutschland aber gibt es meines Wissens kein normalement. Oder ganz wenig. Wenn Sie einen Baum über 15 Meter ohne Genehmigung umsägen, und zudem vielleicht auch noch im April, kriegen Sie Ärger. Und das ganz sicher. In Frankreich ist das Normalement allgegenwärtig. Und gilt ganz klar auch für das herbstliche Verbrennen von Grünzeug.

Zu Mittag fuhr Fabien nach Hause, kam um zwei wieder, ohne Anhänger dann und ließ sich einen Scheck für drei Stunden geben. Für den Nachmittag hatte er leider, ganz überraschend, andere Verpflichtungen. Muttertag mit maman oder so. Muttertag! Den Samstag darauf hatte er einen gärtnerischen Notfall! Was auch immer das sein mag. Dann lag er arbeitsunfähig darnieder. Lumbago. Fabien hatte sich wohl vorgestellt, sein Anhängerchen mit dem Grünzeug von einer oder zwei Palmen vollzupacken und damit zur kommunalen Déchetterie – Wertstoffhof – zu fahren. Samstag Vormittag! Samstag Vormittag sind sie alle dort mit ihren Anhängerchen. Bugsieren sie im Rückwärtsgang an den Container, machen sie sonst nicht so oft, sieht man, finden ihre Arbeitshandschuhe, lösen die Spanngurte und leeren den Anhänger Zweig um Zweig. Grünzeug-Schlange bis weit auf die Straße. Sehe ich manchmal. Die Hobbygärtner in Gruppen plaudernd zwischen ihren Fahrzeugen. Cooler Job.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Claire

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Die Kassiererin wünscht mir einen schönen Tag. Danke, Ihnen auch, Mélanie. Mélanie ist Kasse 3 bei Décathlon. Kassiererinnen mögen das, wenn man sie auch mal als Mensch wahrnimmt. Wahrscheinlich sind sie deswegen auch meist beschriftet. Mélanie entlockt das ein Lächeln. Immerhin. Mein Tag würde bestimmt schöner werden als ihrer, sagt sie. Klar, es ist Feiertag und Mélanie hat ihren langen Tag heute. Sie muß bleiben bis 16:15 Uhr. Zu spät für Strand. Muß ich sie jetzt bedauern? Ich könnte sie problemlos übertrumpfen. Mein Tag ist erst morgen früh gegen neun zu Ende. Will sie aber vermutlich nicht wissen. Bon courage, Mélanie.

Viel früher schon hatte ich Claudia am Telefon, Viertel vor acht. Das mag ich nicht so gerne, mein Dienst fängt erst um halb neun an. Claudia ist Hebamme. Und Elsässerin. Aus einem Dorf nicht weit von Colmar. Das Elsaß ist eine Region, die im Laufe der letzten Jahr­hun­derte den verschiedensten natio­nalen Einflüssen unterworfen war. Schweiz, Deutsch­land, Frank­reich. Alle wollten was von ihnen und schoben sie hin und her. Das zeichnet so einen Menschenschlag bis in die Genetik. Sie tragen die Veranlagungen dreier Nationen in sich. Im Schlechten und vermutlich auch im Guten. Claudia lächelt selten. Sie ist genetisch mehr auf der unangenehmen Seite gelandet. Auf der dunklen Seite. Der mit der Gründlichkeit der Deutschen, der Unerbittlichkeit der Schweizer und der Anmaßung der Franzosen. Claudia will mich zum Stand der Dinge im Kreißsaal informieren. Als ob mich das interessieren würde. Schon gleich gar nicht um Viertel vor acht. Claudia lässt sich in ihren Ausführungen nur schwer unterbrechen. Da kommt die Unerbittlichkeit so ein bißchen durch. Okay, ich mag Claudia nicht so gerne. Vielleicht einfach nur persönliche Vorbehalte. Isabelle oder Laetitia wären mir lieber gewesen. Als Hebammen für den Tag.

Eine Stunde später, Viertel vor neun. Der Orthopäde hat einen kaputten Oberschenkel zu operieren. Teilprothese. Docteur B. zieht die Kommunikation per sms dem persönlichen Gespräch vor. Finde ich etwas merkwürdig. Wann er operieren könne. Zehn Uhr, schreibe ich ihm. Das passt zum Feiertag und läßt mir noch ein paar kleine Spielräume. Décathlon eben. Die haben auch keinen Feiertag. Früher, im Krankenhaus des nordöstlichen Ruhrgebiets, war eine Zeitangabe der Zeitpunkt für den Beginn des Eingriffs. Zehn Uhr hieß „Schnitt“ um zehn Uhr. Alles fertig für den Auftritt des Chirurgen. Schlafender Patient, verkleidete Schwestern und Assistenten, das OP-Feld steril. Das erfordert einen Vorlauf von einer guten halben Stunde. In Südfrankreich heißt zehn Uhr, man sollte es gegen zehn Uhr nicht mehr weit bis zum Parkplatz haben. Nach einer Runde Kaffee der Anruf auf der Station: bringt uns doch mal bitte die Teilprothese. Schnitt gegen elf. Bis Frau C. aus dem Aufwachraum wieder auf dem Weg in ihre Station ist, wird es problemlos halb zwei Uhr nachmittags. Dann könnte ich nochmal verschwinden.

Zuhause gibt es massenweise Baustellen, die auf mich warten. Ganz aktuell der Pool. Pool? Alle haben hier einen Pool. Vielleicht nicht alle hier, aber die meisten aus dem Krankenhausumfeld. Vermutlich sogar der Brancardier – der Pritschenschieber, der die Patienten in ihren Betten von Station in den OP und wieder zurück schiebt. Weil der jemanden kennt, der Bagger und Lastwagen fährt, weiß, wo man den Aushub unauffällig deponieren kann und sich das Becken eben selbst mauert, pas de problème. Das Grundstück mit dem Haus drauf aus der Familie und sowieso deutlich größer als die Handtuchparzellen in Deutschland. Das Wasser im Pool ganz legal und kostengünstig direkt aus dem Canal de Provence. Ein bißchen Richtung Saint-Antonin-du-Var vielleicht, tiefstes Hinterland, aber egal. Auch dort gibt es schöne Anwesen mit Aussicht. Natürlich ahnt auch der Pritschenschieber nicht von Anfang an, wieviel Aufwand so ein Pool wirklich mit sich bringt.

Ich hatte vorigen Samstag Sylvain da. Sylvain ist der Spezialist für alles, was die piscine betrifft, den Pool. Sylvain ist der pisciniste. Er hat mir nicht nur ein paar Rohre neu geklebt, sondern auch den Filter mit neuem Sand befüllt. Den alten Sand hat er, nebenbei bemerkt, nicht, wie ich mir das gewünscht hätte, mitgenommen und irgendwo unauffällig entsorgt, sondern nicht wirklich diskret im Umfeld des Pools verteilt. Mit Abstrichen muß man auch beim Spezialisten leben. Ich habe noch keinen Handwerker ohne Abstriche erlebt. Mit vierhundert Euro recht günstig andererseits. Sonst zahle ich jedem Handwerker Sondertarife. Aufschläge. Ausländer-Aufschlag, Doktor-Aufschlag, wenn sie das durch indirskretes Fragen herausfinden. Und Altbau-Aufschlag. Der Aufschlag für das Haus eben. Es gibt eine Postkarte davon, frühes zwanzigstes Jahrhundert vermute ich, „Château Monfleury“. Das sage ich keinem Handwerker, sonst gäbe es sofort einen signifikanten Postkarten-Aufschlag. Und wenn Handwerker zum Kostenvoranschlag schon vor dem Bau stehen und sagen, Sie haben’s aber schön hier, weiß ich, daß sich dafür bereits der Grundpreis verdoppeln wird. Allein für das Sie haben’s aber schön hier. Da kann ich mir den Mund fusselig reden davon, daß wir gekauft hätten vor der Explosion der Preise hier in der Gegend, daß wir trotzdem noch die nächsten zehn Jahre daran zu zahlen hätten, und nein, das ist nicht unser Zweitwohnsitz, wir leben und arbeiten hier dafür und ja, bringt vor allem Arbeit. Und Kosten. Will er gar nicht wissen, der Handwerker, die Tarife stehen. Schließlich wird  noch die Mehrwertsteuer  aufgeschlagen zu den Zuschlägen, obwohl, leider, das mit der Rechnung dazu ein bißchen dauern wird,  ganz bestimmt aber, nur wäre die Sekretärin gerade krank oder der Computer kaputt. Und Bezahlung in bar wäre auch schön. Man kann’s ja mal versuchen, vielleicht bin ich doppelten Ausländerzuschlag wert.

Zu allem Überfluß stehe ich schließlich doch selbst im Technikhäuschen an Filter und Pumpe und muß noch was nacharbeiten. Sylvains Rohre tropfen, am Feiertag gibt es keine Handwerker, aber was glauben Sie denn. Samedi peut-être, Samstag vielleicht. Genau das, was es eigentlich zu vermeiden galt. Wie gesagt, ich habe noch keinen Handwerker ohne Abstriche erlebt. Okay, ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau, ich weiß. Wie das Jammern des Lamborghini-Fahrers über alberne 110-Schilder und die Bremsschwellen allenthalben. Geht eigentlich nicht, kommt nicht gut an. Außerdem ist hier Frankreich, Südfrankreich, Côte d’Azur fast, das ganze Jahr Sommer, Lavendel, Meer, Strand, frischer Fisch direkt vor der Tür, all die Klischees in echt und jeden Tag von Neuem, was wollen Sie denn, das ist der Traum eines jeden Deutschen, da will man sich doch wohl nicht ernsthaft beklagen!

Wahrscheinlich bin ich unter all diesen Diensten und nächtlichen Péridurales, dem Altbau und tropfenden Rohren gereift für die Insel. Oder für’s Kloster. Oder eine Hütte ganz weit oben. Ein paar Tage würden wohl schon reichen. Sieht momentan leider nicht danach aus. Jedes zweite Wochenende im Krankenhaus. Der Mai wird schlimm und das ist erst der Anfang vom Sommer. Jeder der Kollegen wird mal Urlaub haben, ich selbst ab Mitte August. Mitte August! Das ist noch lange hin. Wenn man zu denen gehört, die keinen Urlaub haben, zahlt man mit Substanz an Körper, Seele und Geist. Und wenn ich mich nach ein paar Tagen Insel, Kloster oder Hütte frage, was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag, kann’s weitergehen.

Mit einer Péridurale zum Beispiel. Jetzt, 21:54 Uhr. Das geht noch. Für Claires Erstgebärende. Claire ist eine der Hebammen heute Nacht. Stammt aus Marseille. Lächelt deutlich leichter mal als Claudia.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Canophobie

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Meine Tochter, zehn Jahre alt, wünscht sich nichts sehnlicher als einen Hund. Mehr noch als ein Pony. Der Wunsch nach dem Pony kommt immer mal wieder, wenn die Reitstunde besonders nett war. Weniger häufig als letztes Jahr noch, als sie mit dem Reiten anfing. Mittlerweile ist die erste Euphorie vorüber. Den Wunsch nach einem Hund hingegen bekomme ich fast täglich zu hören. Seit Jahren. Sie meint das so. Sieht jeden Hund auf der Straße. Oh, guck‘ mal da, ein Schäferhund! Ist der nicht süß! Oh, guck‘ mal da, ein Husky! Ist der nicht süß! Sogar Dackel, Zwergpinscher oder Chihuahuas, so Sorten für Hotelerbinnen – ist der nicht süß! Wenn ich mal groß bin, kaufe ich mir einen, kündigt sie immer wieder an. Und der wohnt dann in meinem Zimmer. Sagt sie. Nur über meine Leiche, erwidere ich. Ich bin mir nicht sicher, wie meine Tochter entscheiden würde, wenn sie wählen müßte.

In früher Jugend, bei mir auf dem Dorf, durften Hunde frei rumlaufen. Auch solche von der Kategorie, die man heute als Kampfhunde bezeichnen würde. Vielleicht waren es aber auch nur Boxer, was weiß ich. Bleibend ist dieses Bild von einem zähnefletschenden, geifernden Köter unten am Baum, der nach meinen Füßen schnappt. Die gefühlte Ewigkeit, bis der Besitzer seine Bestie endlich unter Kontrolle bringt. Das nächste Mal solle ich eben besser aufpassen. Kynophobie heißt das, Angst vor Hunden. Auf dem Weg zur Arbeit, direkt nach einem Rond-point, gibt es eine Werkstatt rechts. Mit einem Hund. Einem großen Hund. Der nur auf mich zu warten scheint, wenn ich da mit dem Fahrrad ankomme, abgebremst im Kreisverkehr. Hetzt innen am Zaun längs bis zum Tor. Bellt nicht mal, das macht mir besonders Angst. Bleibt aber zum Glück auf dem Gelände des Schraubers. Auch wenn das Tor offen ist. Bisher. Man kann auch Canophobie sagen. Je nachdem, ob man’s mehr mit der griechischen oder der lateinischen Etymologie hält. Im knapp postrevolutionären, ländlichen Rumänien besuchte ich mit einem Freund mal einen Professor, dessen Job der Revolution zum Opfer gefallen war. In der Einfahrt ein Deutscher Schäferhund. An langer Kette bis zur Garage weiter hinten. Mein Freund und der Hund kannten sich. Mein Freund konnte zudem gut mit Hunden. Kynophilie vermutlich. Oder Canophilie, wie auch immer. So wie meine Tochter. Obwohl dieser Hund auch nicht bellte, hatte ich keine Angst. Er war ja angeleint. Mit engem Aktionsradius vom Tor bis zur Garage. In der Mitte hängt so eine Kette natürlich etwas durch. Der Hund hatte das verstanden, glaube ich. Vergrößerter Aktionsradius. Wenig nur, aber reichte genau bis knapp oberhalb meines Knies. Nicht gut für einen Phobiker. Zuhause riet man mir zu einem Impfzyklus, sieben Impfungen, gegen Rabies. Es hatte da, im postrevolutionären, ländlichen Rumänien, gerade erst ein paar tote Kinder wegen Tollwut nach Hundebiß gegeben. Die Hysterie paßt zum Phobiker.

Erschwerend kommt hinzu, daß ich Hunde eher ekelhaft finde. Okay. Keine Beschreibung widerlicher Details an dieser Stelle. Wahrscheinlich Teil meiner persönlichen Strategie zur Angstverarbeitung. Im Gegensatz zu Katzen. Katzen finde ich gut.  Ailurophilie. Obwohl die, ganz objektiv, natürlich auch ekelhafte Seiten haben müssen. Aber sabbern schon mal nicht. Und man muß ihre Scheiße nicht aufklauben. Diskreter eben. Und eher ungefährlich. Manche Individuen wollen eben partout nicht zwischen den Zehen der Hinterpfoten gekrault werden. Und wehren sich dann, wenn man’s trotzdem versucht. Logisch. Aber nur dann. Sonst sind Katzen absolut ungefährlich. Angst vor Katzen – absolut lächerlich!


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Hirschjagd

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Ich kenne Saint-Tropez. So, wie man als Tourist Saint-Tropez eben kennt. Ich war auch mal dort im Hochsommer, Sommerferien, später Vormittag. Gehört zu unseren ersten Frankreicherfahrungen in Familie überhaupt. 1996. Der Zweite gerade mal sechs Monate alt. Im Auto keine Klimaanlage. Im südöstlichen Ruhrgebiet wünschte man sich definitiv nur an drei Tagen im Jahr eine Klimaanlage. Damals zumindest, vor dem Klimawandel. Es gibt nur eine einzige Zufahrtsstraße nach Saint-Tropez. Im Sommer ist da immer Stau. In beiden Richtungen. VIPs kommen deswegen mit dem Hubschrauber oder der Jacht. Wir haben es damals nicht ganz geschafft bis Saint-Tropez. Wir haben aufgegeben. Ein Kaffee, um sagen zu können, wir hatten einen Kaffee in Saint-Tropez, an der ersten Parkmöglichkeit hinter dem Ortsschild. Nach bestimmt zwei Stunden Stau unter Tropenhitze und unwilligen Kindern hinten. Saint-Tropez im Sommer ist so wie die Zufahrt zum Baumarkt an einem verregneten Samstagnachmittag. Dann doch lieber mit tropfendem Wasserhahn leben. Oder die Abreise vom Strand um halb sechs. Stauwahrscheinlichkeit hundert Prozent. Auch an den unwahrscheinlichsten Streckenabschnitten. Das macht man zwei, drei Mal mit, dann hat man das Prinzip begriffen. Franzosen machen immer alles gleichzeitig. Kino, Einkaufen, Strand. Synchron. Alle. Und die Touristen machen immer mit. Alle, egal welcher Herkunft. Egalité. Im Stau sind wir alle gleich. Französische Touristen stimmen sich untereinander ab. Allez, jetzt! Die müssen eine App dafür auf ihrem iphone haben. Oder einen siebten Sinn für die perfekte Staukonstellation. Genetische Veranlagung.

Mitte Mai kommen Freunde von früher nach Cannes. Sie haben drei Tage Aida gewonnen, von Mallorca aus. Ein Tag Cannes. Freigang von 07:00 bis 17:00 Uhr. Wir wollen uns auf ein Bier oder so treffen, Cannes ist doch nicht weit von dir. Cannes Mitte Mai ist wohl so wie Saint-Tropez im Hochsommer. Filmfestspiele. Es ist alles abgesperrt, es gibt chaotische Umleitungen, alles ist verstopft und dauert ewig. Sagt eine bekannte Krimiautorin mit Wahlheimat Cannes. Und empfiehlt den Zug. Zug aber kann auch schiefgehen. Verspätet, verpasst, Streik. Anreise bis neun Uhr, denke ich, sollte auch mit dem Auto gut gehen. Selbst nach Cannes. Selbst zum Höhepunkt des Festivals hin. Da schläft der Tourist noch oder steht schon in der Schlange am Frühstücksbuffet. Brad Pitt und seine Freunde bewegen sich noch nicht öffentlich, nur die Pendler sind auf der Straße unterwegs. Letztere kenne ich von zuhause. Die sind immer da. Jeden Morgen, jeden Abend. Mit oder ohne App, mit oder oder ohne siebten Sinn.

Ich selbst kenne Cannes nicht mehr als von einem teuren Kaffee am Strand. Oder auch nur vom Durchfahren. Keine prägende Erinnerung jedenfalls. Einheimische behaupten, es gäbe nichts zu sehen in Cannes. Außer der Shopping-Meile – Boulevard de la Croisette – mit Palmen, dem Carlton und teuren Läden. Das muß man aber wollen sowas, Shoppen und so. Das Selfie mit Angelina Jolie kann man ohnehin vergessen. Alternativ kann man durch die Altstadt schlendern auf einen Hügel mit Kirche und Museum. Das Museum zeichnet sich durch einen Turm aus. Der Turm besticht durch die Aussicht, die er über die Stadt, das Meer und die Inseln bietet. Auf der Insel soll es ein ganz gutes Restaurant geben.

Oder Picknick am Strand irgendwo. Wenn da nicht abgesperrt ist.

Bis 16:38 Uhr muß ich zurück vor der Schule sein, normalerweise. Das werde ich primär auf 17:30 Uhr modifizieren, Kinder solange aux études. Für den schlimmsten Fall, ich schaffe es nichtmal bis 17:30 Uhr, kommt der Joker ins Spiel, mein Zweitgeborener. Wichtig wäre, daß der sein Telefon bei sich hätte. Geladene Batterie. Eingeschaltet. Und er antworten würde. Jede Etappe – Telefon dabei, Batterie geladen, eingeschaltet – eine ernstzunehmende Risikoquelle. Von Plan B ist es nicht mehr weit bis Plan C.

Oder doch Zug.

Oder ganz weg bleiben. Sicherheitshalber. Lieber Kollege, geht leider nicht, ich muß arbeiten. Kurz nach den Attentaten in Paris hatten wir Oper in Toulon. Landesweit Plan Vigipirate, alerte attentat – Attentatswarnung. Personenkontrolle am Eingang. Machen Sie mal bitte Ihren Mantel auf. Metalldetektor. Zwei Kontrolleure. Ganz klar überfordert. Schlange einmal über den Platz. Kein Polizist zu sehen. Top-Konstellation für Terroristen, sagte ich zu meiner Frau, besser könnten sich die Ziele gar nicht präsentieren. Besser als in jeder engen Konzerthalle. Das ist wie Hirschjagd für Erich Honecker. Eine Maschinenpistole auf der Freitreppe, ein paar Magazine, und die ganze Reihe einfach ummähen. Ein Kumpel würde sich die vornehmen, die weglaufen. Meine Frau hatte keine Bedenken. Ich solle nicht immer so negativ sein.

Toulon ist sicher nicht so plakativ wie Paris oder Cannes. Cannes hat sicher deutlich mehr Potential. Aus terroristischer Sicht. Die Polizei wird sich dort sicher um Prominenz und Publikum kümmern. Kollateral vielleicht den einen oder anderen Stau produzieren.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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