50.000 Euro

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Ist nicht so peinlich wie der des Kinderarztes neulich. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient in Narkose ist. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um, arbeitet Checklisten ab. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten, dem Techniker, der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein, der Pilot. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder das ZEIT Magazin lesen, Fachliteratur. Kann an Rädchen drehen, Knöpfe drücken. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Den Blutdruck aufschreiben und den geschätzten Blutverlust. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch interessierte Fragen stellen, warum blutet das da so, hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze. Bei google findet man immer wieder diesselben. Je öfter man sie findet, desto langweiliger werden sie.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Tröstlicher Zuspruch gehört auch zu unseren Aufgaben. Verständnis für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Oft sind deren Arbeitsbedingungen nicht so gut, manchmal unter aller Sau. Das Licht schlecht eingestellt. Ich kann so nicht arbeiten. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. So kann das ja nichts werden. Da kann man schon mal nervös werden als Chirurg. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg ganz ernsthaft, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Na, sowas! Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Zuversicht. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Hosentaschen.

Nacima fand den Witz des Kinderarztes übrigens unglaublich komisch. Konnte sich gar nicht wieder einkriegen. Tränen tropften auf die Geburtsmeldung, Name des Vaters. Als ob ihr aus dem Witz eine neue Erkenntnis entstanden gewesen wäre. Im Kopf von Männern ist nichts. Gar nichts. Sogar der einsame Spermatozyt ist fehl am Platze. Hallo? Hallooo? Ist da niemand? Der Mann denkt vorwiegend unterhalb der Gürtellinie. Naja, wenn man das denken nennen kann. Vielleicht stellte sich Nacima den einsam durchs Vakuum unter der männlichen Schädeldecke schwänzelnden Spermatozyten vor. Mit großen, angstgeweiteten Augen. Haallooo? Ich ging dann lieber nochmal meine Zweitgebärende gucken. Ob meine Péridurale auch den gewünschten Effekt gebracht hätte. Danach waren sie beide weg, der alternde Pädiater und Nacima auch. Ich habe sie nicht gesucht. Geht mich ja nichts an.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, grauer Star, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Nicht weiter schlimm. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Blutdruck rauscht ab. Der Chirurg kollabiert. Das EKG verändert sich, das Herz des Patienten wird zu schnell oder zu langsam. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen Pilot oder Anästhesist ihr Sudoku weglegen, die lästigen Alarme ausstellen und andere wichtige Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in meiner ersten Stelle fasste der Oberarzt zusammen, sein zweiter Lehrsatz: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

Die Lösung: der schlechte Anästhesist. Der schlechte Anästhesist kriegt die Kohle. Weil: einen guten gibt’s nicht. Hahaha. Der Internist ist zu langsam. Bis der mal fertig gedacht und allerlei Eventualitäten abgewogen hat, haben schon längst andere zugegriffen. Hahaha. Und der Radiologe? Macht doch für sowenig Geld keinen Finger krumm. Und nochmal: Hahaha. Der is gut, was? Kann man mit allen möglichen medizinischen Spezialitäten machen. Geht zum Beispiel analog mit Chirurg, Psychiater und Pathologe. Wie’s halt gerade passt.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Für Aila, September-Heft der RivieraZeit, 3.986 Zeichen:

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient schläft. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten und der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder in der RivieraZeit blättern, Fachliteratur studieren. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Verständnis gehört zu unseren Kernkompetenzen. Für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Manchmal sind die Arbeitsbedingungen nicht so gut. Das Licht schlecht eingestellt. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. Ich kann so nicht arbeiten. Da kann man schon mal nervös werden. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Kitteltaschen.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Chirurg kollabiert. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen wir unser Sudoku weglegen und Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in der Anästhesie fasste der Oberarzt zusammen: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

 

 

 

Parosmie

Banane. Ganz klar. Zur Auswahl hätte es noch Ananas, Orange und Zitrone gegeben. Ein Multiple Choice Test. Zwölf Gerüche in Sniffin‘ Sticks. Der Professor hält mir Stifte, die aussehen wie dicke Filzstifte, unter die Nase und zeigt mir eine Karte dazu. Vier Gerüche zur Auswahl. Ich muß den richtigen auswählen. Banane, ganz klar, Antwort C. Banane. Der Professor macht ein Kreuz auf dem Auswertungsbogen. C.

Termin beim Parkinson-Professor. Renommierte Klinik südwestlich von Berlin. Bekannter von Studienkollegen. Der Professor sollte mir sagen, dass das kein Parkinson ist im Arm. Hätte mir gefallen. Zahnradphänomen und ein bisschen Intentionstremor bei bestimmten Bewegungen im Ellenbogen links – und nur da – passen auch zum Korsakow. Trinken Sie mal ein bißchen weniger. Ich trinke doch schon lange nichts mehr. Naja, nicht mehr soviel. Nicht mehr jeden Tag, meine ich. Meine Leberwerte sind super. Dann leben Sie eben mit dem Zahnradphänomen. Und die Bilder aus dem Kopf? Bei solchen Bildern kommt es auf präzise Einhaltung der Standards bei der Erstellung an, könnte er sagen, der Professor. Präzise, wäre ich ihm ins Wort gefallen, präzise! Die habe ich in Frankreich machen lassen, die Bilder, in Südfrankreich! Präzise und Südfrankreich, das passt gar nicht. Klar, könnte er sagen, der Professor, weiß ich doch, ich habe drei Jahre in Montpellier studiert, die Bilder können Sie im Prinzip vergessen. Wahrscheinlich liegt es doch einfach an Ihren maroden Halswirbeln. Kommen Sie doch in einem Jahr wieder, ach was, in fünf Jahren, wenn Sie immer noch was haben am Arm. Hätte der Professor gesagt haben können.

Der Beipackzettel von Azilect beschreibt eine Fülle von möglichen Nebenwirkungen, sehr häufig auftretende, mehr als ein Patient von zehn, bis gelegentlich, einer von tausend. Störungen der Impulskontrolle unter Therapie mit Azilect finden an mehreren Stellen im Beipackzettel Erwähnung. Ich zitiere: „Es gab Fälle von Patienten, die während der Einnahme von einem oder mehrerer Arzneimittel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit, nicht in der Lage waren, dem Impuls, dem Trieb oder der Versuchung zu widerstehen, bestimmte Dinge zu tun, die Ihnen selbst oder anderen schaden können. Dies bezeichnet man als Impulskontrollstörungen. Bei Patienten, die das Präparat und/oder andere Arzneimittel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit einnehmen, wurde folgendes beobachtet: zwanghafte Gedanken und impulsives Verhalten, starker Drang zur Spielsucht […], verändertes oder gesteigertes sexuelles Interesse und Verhalten, das Sie und andere stark beunruhigt, wie zum Beispiel ein gesteigerter Sexualtrieb.“

Wie Männer eben so sind. Wissen wir ja. Ich meine, spätestens, wenn die Impulskontrolle erstmal wegfällt. Neulich saß ich, spätabends, im Büro der Hebammen mit Nacima, ziemlich jung, ich könnte ihr Vater sein. Es gibt Grenzen, Impulskontrolle hin oder her. Obwohl, wer weiß, wenn sie mir was ins Ohr flüstern würde? Halluzinationen gehören auch zu den Nebenwirkungen, Kategorie sehr selten, ein Patient von zehntausend. Wir waren beide beschäftigt mit Papierkram, für eine Niederkunft macht das gefühlt hundert Seiten. Der Kinderarzt kam dazu, erstaunlich, fand ich, was hat der noch zu so später Stunde hier zu suchen? Er schloss die Tür zum Büro hinter sich, sagte bonjour und erzählte einen Witz. Ganz unvermittelt.

Der Professor hatte uns mit einem Bonjour in erstaunlich korrekter Aussprache begrüßt. Beim ungeübten Deutschen klingt bonjour meist wie Boschua. Professor eben, vermutlich mindestens viersprachig. Deutsch und Englisch sowieso, Französisch ein bisschen, bestimmt Spanisch. Ein paar Jahre wissenschaftlicher Aufenthalt in Barcelona, ließ er an geeigneter Stelle einfließen. Sehr professionelle Aura. Systematische Fragen zu Anamnese, Schwerpunkt Familienanamnese. Eltern, Brüder, Kinder. Beruf, Karriere, und wieso gerade Frankreich. Lebensgewohnheiten, Nikotin, Alkohol. Konstipation, Parasomnien? Alles wird notiert. Körperliche Untersuchung, die üblichen Spiele bis zu den Sehnenreflexen und Babinski. Kenne ich schon. Aus dem Studium noch. Links im Arm der Rigor. Der Vollständigkeit halber führt der Professor den der standardisierten Test des Geruchsinns durch.

Lakritz, Lavendel, Gras oder Nelke? Von diesen Gerüchen habe ich klare Vorstellungen. Der Stift riecht nach nichts. Nach nichts Bestimmtem, nichts, was ich definieren könnte. Nichts als Antwort geht nicht. Leder, Pilze, Geräuchertes, Sesamöl. Auch nichts. Ich muß raten. Womöglich würde mir es der Professor übelnehmen, wenn ich mich nach dem Verfallsdatum seiner Stifte zu erkundigte.

Ein Spermatozyt findet sich einsam wieder im Kopf eines Mannes. Kenn‘ ich schon, sagte ich schnell. Nacima sagte nichts. Der Witz ging weiter. Wie um was zu sagen in unser konzentriertes Schweigen über den Papieren. Oder weil er den ganzen Tag schon nichts anderes denken konnte als diesen so wahnsinnig komischen Witz, war vielleicht auf einem der Radiosender gewesen am Morgen, Chérie FM oder NRJ. Die neigen zu sowas, nicht nur um die Frühstückszeit. Um halb acht morgens gerät die auch Schwätzergruppe bei Mistral FM, bei meinen Kindern beliebter Lokalsender von Toulon, gerne in eine schlüpfrige Stimmung. Immer, wenn ich mit den Kinder im Auto sitze zur Schule. Wieviel Prozent der Franzosen verwenden regelmäßig Sextoys? C’est quoi, fragt die Tochter dann von hinten, des sextoys?

Das Ergebnis war eindeutig. Sieben von zwölf Gerüchen habe ich nicht erkannt. Ab drei schöpft der Neurologe Verdacht. Für den Professor schien das allerdings nur noch das i-Tüpfelchen der Diagnose darzustellen. Es zählt vor allem natürlich die Klinik. Der Rigor, das Zahnradphänomen. Das reicht eigentlich schon zur Diagnosestellung. Auch die Grüße der Bekannten von früher, die ich einfließen ließ, um den Professor wohlwollend zu stimmen, konnten nicht an seiner Überzeugung rütteln. Idiopathisches Parkinsonsyndrom. Eine eher milde Verlaufsform zwar, aber, darauf sollte ich vorbereitet sein, die rechte Seite wäre früher oder später auch betroffen. Und nicht nur das. Im Wartezimmer waren in einer Regalwand eine ganze Reihe Broschüren zum Umgang mit der Krankheit exponiert. Themen wie Sport, Ernährung, Logopädie. Speichelfluß, Unruhe, Demenz. Die Broschüren vermitteln einen Eindruck von dem, was da noch alles kommen kann. Störungen der Impulskontrolle gehören da noch zu den kleinsten Übeln. Anlage einer Ernährungssonde. Bei Ausfluß von Speisebrei aus der Nase. Speisebrei. Aus der Nase. Der Professor fand beschwichtigende Worte. Außer Azilect erstmal keine Therapie. Er persönlich würde mit Azilect anfangen. Die Studien diesbezüglich seien nicht so eindeutig, der Nutzen wissenschaftlich nur tendenziell nachweisbar. Aus seiner Erfahrung würde Azilect Verbesserung bringen. Könnte man aber – aus wissenschaftlicher Sicht – auch guten Gewissens bleiben lassen. Klang ein bisschen nach Homöopathie. Was nicht so recht zu den Nebenwirkungen aus dem Beipackzettel passen mag.

Ich kannte ihn wirklich schon, den Witz. Nicht richtig witzig, gar nicht witzig eigentlich. Was soll das schon werden, wenn Spermatozyten drin vorkommen? Im Witz, meine ich. Der Kinderarzt liegt altersmäßig ungefähr in meiner Generation, obwohl er sich gerne ausgesprochen jugendlich gibt mit zerschlissenen Jeans zu offenen Birkenstocks, kleinem Pferdeschwanz und selbstgebasteltem Saiteninstrument. Ob er damit seinen kleinen Patienten was von Spermatozyten vorsingt? Könnte trotz betonter Jugendlichkeit einen normalen Parkinsonkandidaten abgeben. Vielleicht schon länger unter Azilect. So fängt’s womöglich an, dachte ich, wenn die Impulskontrolle verlorengeht zwischenzeitlich. Mit peinlichen Witzen. Persönlich werde ich versuchen, peinliche Witze  auszulassen. Witze überhaupt am besten.

Auf dem Weg zum Flughafen versuchte meinte Frau mich zu trösten, sie hätte vermutlich genauso schlecht abgeschnitten im Riechtest. Ich habe keine Ahnung, warum sie das vermutet, viele Gerüche waren ja nun wirklich eindeutig. Den Fisch aus dem Sniffin‘ Stick Nummer 12 hatte ich zuhause noch in der Nase.

Parosmie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Nathatlon

Der Papa von Paul trägt ein T-Shirt „Officiel“, blau auf weiß. Er bedient die rote Blechkiste auf dem Plastikstuhl jenseits der Barriere vor mir. Grüner Plastikstuhl. Verblichenes Grün, deutliche Gebrauchsspuren. Die rote Kiste ist so groß wie ein großer Schuhkarton, Bergstiefel Größe 48. Mit einem schwarzen Tragegriff obenauf, dimensioniert für mindestens zehn Kilogramm. Außerdem eine Leuchte in Warnorange. Es handelt sich um ein Gerät der Firma Swiss Timing. Start Time III. Plastikstuhl und Schuhkarton passen zum technischen Niveau des Schwimmbads, Piscine „Port marchand„, Toulon. 25-Meter-Becken in der Halle. Tropenklima. Wahrscheinlich 26 Grad. Gefühlt 32. Sicher hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. An einer der Längsseiten die Tribüne. Vier Stufen nackter Beton. Wenn man nicht ganz oben sitzt, kann man sich nicht anlehnen. Hat stattdessen ständig die nackten Füße anderer Familienangehöriger im Rücken. Mit der Zeit sagen sie nicht einmal mehr Pardon.

Nathatlon heißt die Veranstaltung. Insgesamt sind über vier Termine zehn Disziplinen zu schwimmen. Die vier Schwimmstile über verschiedene Distanzen. Ihre Resultate gereichten der Tochter letztes Jahr zur Qualifikation für ein regionales Ereignis in Fos sur Mer.

Durch die Glasfront gegenüber der Tribüne öffnet sich die Sicht auf den Hafen von Toulon unter grauem Himmel. Ein Schiff von Corsica Ferries schiebt sich, ganz nah und groß, von rechts nach links durchs Bild. Und die Charles-de-Gaulle ist mal wieder da. Der Flugzeugträger. Liegt vor Anker rechts, zur Stadt hin. Wartungsarbeiten. Soll achtzehn Monate dauern. Kostet eine Milliarde Euros. Soll dann aber technisch auf dem Niveau des 21. Jahrhunderts sein. Achtzehn Monate, wenn niemand streikt bis dahin. Dieser Flugzeugträger erinnert so ein bißchen an das Projekt des Hauptstadtflughafens in Berlin. Fass ohne Boden. Als ob Frankreich nicht genug wirkliche Probleme hätte. Immerhin aber schwimmt das Ding.

Die rote Kiste von Pauls Papa verfügt über ein paar Schalter und eine ganze Reihe verschiedener Anschlüsse. Ein multifunktionales Gerät schweizerischer Präzisionsarbeit. Pauls Papa entwirrt gut zehn Meter weißen Kabels und schließt ein klobiges Handgerät, rot und schwarz, mit zwei Knöpfen, rot und grün, an der Buchse „microphone“ an. Während des Aufwärmens werden die Medaillen für die Wettkämpfe vom Vormittag verteilt. Eine Silbermedaille für den Sohn, Gold, Silber und Bronze für die Tochter. Die Tochter ist ehrgeiziger, obwohl fast jedem Training exzessive Diskussionen zu Sinn und Zweck vorangehen. Präpubertär. Zu anstrengend, keine Lust sowieso. Schwimmen nächstes Jahr ohne mich. Lieber Tennis. Oder Gymnastik. Oder nur noch Reiten. Wie auch immer, kein Schwimmen. Verstehe ich sehr gut. Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Schwimmen.

Die Maschine verstärkt das „à vos marques“, auf die Plätze, von Pauls Papa auf Hallenlautstärke und produziert unmittelbar im Anschluß auf Knopfdruck, grüner Knopf, ein Tröten. Dazu ein kurzes Aufblitzen der Warnleuchte. In anderen sportlichen Einrichtungen des Départements muß der Officiel ohne Lautsprecherkiste auskommen. Als Hilfsmittel gibt es dort nur Trillerpfeifen. Im Schwimmsportkomplex Port marchand gibt es auch ein beheiztes Außenbecken beinahe olympischer Abmessungen. Kann leider nicht mal für Wettbewerbe auf Distriktsniveau verwendet werden. Der Architekt hatte die Materialstärke der Fliesen nicht oder falsch kalkuliert. Nun fehlen ein paar Zentimeter auf fünfzig Meter. Beinahe olympisch. Aber beheizt. Im neuen Flughafen von Berlin sollen die Rolltreppen eine Stufe zu kurz sein. Und die Klimaanlage funktioniert auch noch immer nicht richtig.

Das erste à vos marques mit Tröte und Leuchte von Pauls Papa an diesem Nachmittag gilt den achthundert Metern Freistil Messieurs. Um den Wettbewerb angesichts zahlreicher Kandidaten zu beschleunigen, lassen sie jeweils zwei Schwimmer pro Bahn starten. Fünf Bahnen, zehn Schwimer. Meine Kinder hassen das, weil man sich so leicht in die Quere kommt. Gut zehn Minuten pro Serie. Ziemlich langweilig für alle Beteiligten, insbesondere die Zuschauer. Noch langweiliger sind die 1.500 Meter. Sechzig Längen im 25-Meter-Becken! Schon auf den ersten Längen wird dabei deutlich, wer das Rennen wohl machen wird. Keines meiner Kinder schwimmt die achthundert Meter. Aus unserem Club schwimmt nur Paul, ein großer Rothaariger, mit. Dritter von zehn Schwimmern.

Ich habe kurz nicht aufgepasst, eine sms beantwortet, den Start verpasst. Mein Sohn ist im Wasser. Hundert Meter Freistil der Herren. Hält sich gut, zweiter Platz. Medaille. Dann hundert Meter Rücken der Damen. Meine Tochter ist die einzige ausländische Teilnehmerin des Wettbewerbs. Seit Jahren wird sie im offiziellen Programm in der Spalte Nationalité als allemande gelistet. Keine Ahnung warum. Obwohl sie überzeugte Französin ist. Dank meiner Tochter wird jedes Provinzschwimmen zur internationalen Kompetition. Meine Tochter erste ihrer Serie von fünf Schwimmerinnen.

À vos marques, Tröte, Leuchte. Schon wieder die Tochter. Fünfzig Meter Schmetterling. Schlechter Start. Holt aber auf zum dritten Platz. Die Tochter ist ehrgeizig. Dank ihres Jahrgangs reicht es bestimmt wieder zu einer Medaille. Ob sie wirklich aufhören will nächstes Jahr? Na ja, vielleicht doch nicht. Vielleicht weniger oft zum Training. Vielleicht. Vier Mal zwei Stunden pro Woche sind, muß ich zugeben, wirklich viel.

Und dazu immer diese Wettbewerbe, ganze Sonntage lang.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Beaufort 5

Aus dem Fenster eines der Kinderzimmer oben im Haus hat man einen Blick auf das Wahrzeichen des Dorfs, einen solitären Andesit-Felsen mit Burgruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Provence, gelb und rot in senkrechten Streifen. Das Haus liegt am Fuße eines langgestreckten Hügels im Windschatten, in einer windgeschützten Zone zumindest. Der Erbauer hat sich – vor bald 150 Jahren – ernsthafte Gedanken gemacht zu Plazierung und Ausrichtung seines Landhauses. Bei uns ist immer viel weniger Wind als an der Küste, im Flachland zur Küste, aber auch schon weniger als im Dorf selbst. Wenn im Dorf der Wind Staub und Blätter durch die Gassen treibt, können wir noch ohne Beeinträchtigung auf der Terrasse essen. Mit einem Blick auf die Flaggen kann ich vorherrschende Windrichtung und -stärke beurteilen. Es gibt eigentlich nur zwei Windrichtungen. Von rechts, Westwind, und von links, Ostwind. Starker Westwind ist meist Mistral, Ostwind, egal welcher Intensität, ist ein Vorbote schlechten Wetters. Der Himmel ist – wie auf dem Foto übrigens – bei Ostwind bestenfalls milchigblau, meist ziehen schnell Wolken auf. Mistral ist kalt und macht den Himmel strahlend blau. Keine Wolken. Regen ist bei Mistral ziemlich unwahrscheinlich.

Ich durfte Albans neues Fahrrad mit Karbonrahmen ausprobieren. Alban wohnt mit seiner Familie am Coudon. Der Coudon ist einer der Hügel um Toulon. Alban wohnt hoch genug, um von seiner Terrasse aus das Meer sehen zu können. Unsere Tour führte Richtung Pierrefeu und zurück. Gut zwei Stunden. Am Ende zwangsläufig eine Steigung. Steigung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Bei Mistral als Gegenwind macht mir Steigung am Ende einer Tour noch weniger Spaß. Gleich würde mich seine Frau fragen: Und? Wie fährt man auf Karbon? Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de boule l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Um die Bäckerin zu sehen am Morgen und seine Kumpels am Nachmittag auf dem Boule-Platz, braucht Opa kein Karbonrad. Wäre eine schöne Antwort, dachte ich, im Schweiße meines Angesichts auf dem letzten Kilometer Steigung, Alban weit voraus, leichtfüßig auf seinem alten Alurad. Die zehn Jahre Altersunterschied zu Alban fühlten sich an wie vielleicht dreißig.

Ich hätte einen Blick aus dem Fenster des Kinderzimmers werfen sollen. Beaufort 5 mindestens. Blauer Himmel. Mistral. Ich hätte absagen können. Kopfschmerzen, Dienst ganz überraschend, irgendwas. Zu spät. Richtung und Stärke des Winds beeinflussen zum Radfahren maßgeblich meine Wahl der Route. Ostwind ist gut für eine Strecke um Cap Garonne an der Küste, Mistral wäre gut gewesen für eine Tour über den Faron. In beiden Fällen hat man den Wind zum Rückweg im Rücken. Rückenwind am Ende ist gut für die Motivation unterwegs.

Alban ist einer von denen, die für meinen Drahtesel nur einen mitleidigen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Samstag-Nachmittag mit zwei, drei Kollegen mal eben zu einer 150-Kilometer-Tour ins hügelige Hinterland aufbrechen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abstecher über Faron (584 Meter) und Coudon (702 Meter) abrunden. Dabei schien mir mein aktuelles Rad im Vergleich zum Vorgänger schon wie ein Quantensprung, überall Shimano dran. Damit könnte Radfahren ja keinen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn endlich ein richtiges Fahrrad gönnen würde, bald wäre doch Ostern. Die gleiche Frage hatte er mir schon letztes Jahr immer wieder gestellt. Bald wäre doch Weihnachten. Ein richtiges Fahrrad ist für solche Leute ein Fahrrad mit Karbonrahmen. Der Rahmen wiegt dann weniger als ein Kilo. Insgesamt sechs Kilogramm Fahrrad-Hightech. Alban hat sich eines gekauft für etwas über dreitausend Euro. Ziemlich viel, finde ich. Für ein Fahrrad. Man kann noch viel mehr ausgeben für ein Fahrrad, ich weiß.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzunehmen? Nein, nein, sagt Alban, und das habe ich auch schon von anderen Karbonradfahrern gehört, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Karbonrahmen sei viel steifer, deswegen viel harscher und direkter, das Fahrrad also vielleicht unbequem, aber dafür auch reaktionsfreudiger. Reaktionsfreudiger? Ja, die Reaktionsfreude merkt man zum Beispiel beim Beschleunigen in der Steigung. Beschleunigen in der Steigung? Achso. Passiert mir nicht so oft. Auf den letzten Metern einer Steigung, wenn das Ende in Sichtweite vor mir liegt, steige ich manchmal noch in die Pedale. Als Endspurt, ein letztes Aufbäumen. Soviele andere Faktoren kämen da noch ins Spiel, aufgrund des steiferen Rahmens würde so ein Karbonfahrrad eine ganz andere Dynamik entwickeln können, ein direkteres Ansprechen. Dynamik? Ja, ergänzt Alban mit missionarischem Eifer, eine viel bessere Inertie. Inertie? Den Begriff Inertie habe ich vor vielen Jahren schon mal gehört, im Studium, Biophysik. Und schon damals nicht wirklich verstanden. Damals gab es noch kein wikipedia. Inertie ist auf Deutsch Trägheit. Je schwerer ein Körper, desto träger. So einfach. Schwere Körper setzen sich schwerer in Bewegung. Hat was mit dem Gewicht zu tun. Mein Sohn studiert Ingenieur. Inertie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Inertie beim Fahrrad. Augenwischerei. Karbonräder sind eben leichter. Leichter macht bessere Inertie, logisch. Klingt gut und keiner versteht, was wirklich gemeint ist. Muß aber was ganz Tolles sein, sonst würde man ja nicht dreitausend Euro dafür ausgeben müssen.

Und? Wie fährt sich Karbon? – Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de boule l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Für meinen sportlichen Anspruch tut’s auch eine technische Antiquität. Und vielleicht drei, vier Kilo weniger Eigengewicht zum Sommer hin und überhaupt. Drei, vier Kilo weniger Eigengewicht sind sicher auch gut für meine persönliche Inertie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Gekürzte Version für Heft Nr. 301, Mai/Juni, der Riviera Zeit

Aus dem Fenster des Kinderzimmers oben hat man einen Blick auf das Wahrzeichen des Dorfs, einen Felsen mit Burgruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Provence, gelb und rot in senkrechten Streifen. Mit einem Blick auf die Flaggen kann ich vorherrschende Windrichtung und -stärke beurteilen. Es gibt eigentlich nur zwei Windrichtungen. Der Ostwind ist gut für eine Strecke um Cap Garonne an der Küste, Mistral, der kalte Westwind, für eine Tour über den Faron. In beiden Fällen hat man den Wind zum Rückweg im Rücken. Rückenwind am Ende ist gut für die Motivation unterwegs.

Neulich durfte ich Albans neues Fahrrad mit Karbonrahmen ausprobieren. Alban wohnt mit an einem der Hügel hinter Toulon, hoch genug für vue mer von seiner Terrasse aus. Unsere Tour führte Richtung Pierrefeu und zurück. Gut zwei Stunden. Am Ende zwangsläufig eine Steigung. Steigung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Noch weniger bei Mistral als Gegenwind. Gleich würde mich seine Frau fragen: Und? Wie fährt man auf Karbon? Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de boule l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Um die Bäckerin zu sehen am Morgen und seine Kumpels am Nachmittag am Boule-Platz, braucht Opa kein Karbonrad. Wäre eine passende Antwort, dachte ich, im Schweiße meines Angesichts auf dem letzten Kilometer Steigung, Alban weit voraus, leichtfüßig auf seinem alten Alurad.

Ich hätte einen Blick aus dem Fenster des Kinderzimmers werfen sollen. Blauer Himmel. Mistral. Beaufort 5 mindestens. Ich hätte absagen können. Kopfschmerzen, Dienst ganz überraschend, irgendwas. Zu spät.

Alban ist einer von denen, die für meinen Drahtesel nur einen mitleidigen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Samstag-Nachmittag mit zwei, drei Kollegen mal eben zu einer Tour ins hügelige Hinterland aufbrechen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abstecher über den Coudon (702 Meter) abrunden. Mit sowas könnte Radfahren ja keinen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn endlich ein richtiges Fahrrad gönnen würde, bald wäre doch Ostern. Die gleiche Frage hatte er mir schon letztes Jahr immer wieder gestellt. Bald wäre doch Weihnachten. Ein richtiges Fahrrad ist für solche Leute ein Fahrrad mit Karbonrahmen. Der Rahmen wiegt dann weniger als ein Kilo. Alban hat sich eines gekauft für über dreitausend Euro. Ziemlich teuer, finde ich.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzunehmen? Nein, nein, sagt Alban, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Karbonrahmen sei viel steifer, deswegen viel direkter, das Fahrrad also vielleicht unbequem, aber dafür reaktionsfreudiger. Reaktionsfreudiger? Ja, die Reaktionsfreude merkt man zum Beispiel beim Beschleunigen in der Steigung. Beschleunigen? In der Steigung? Passiert mir nicht so oft. Auf den letzten Metern einer Steigung, wenn das Ende in Sichtweite vor mir liegt, steige ich manchmal noch in die Pedale. Soviele andere Faktoren kämen da noch ins Spiel, aufgrund des steiferen Rahmens würde so ein Karbonfahrrad eine ganz andere Dynamik entwickeln können, ein direkteres Ansprechen. Dynamik? Ja, ergänzt Alban mit missionarischem Eifer, eine viel bessere Inertie. Inertie? Den Begriff habe ich vor vielen Jahren schon mal gehört, im Studium, Biophysik. Und schon damals nicht wirklich verstanden. Damals gab es noch kein wikipedia. Inertie ist Trägheit. Schwere Körper setzen sich schwerer in Bewegung. Mein Sohn studiert Ingenieur. Inertie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Inertie beim Fahrrad. Augenwischerei. Karbonräder sind eben leichter und somit physikalisch weniger träge. Inertie klingt gut und keiner versteht, was wirklich gemeint ist. Muß aber was ganz Tolles sein, sonst würde man ja nicht soviel Geld dafür ausgeben wollen.

Und? Wie fährt sich Karbon? – Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de pétanque l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Für meinen sportlichen Anspruch tut’s auch eine technische Antiquität.

 

Shizuishan

Guten Morgen,

Deckarddip, GrokVock, Domeniksi und Alimabum! Ich freue mich, Euch zu meinen Abonnenten zählen zu dürfen. Wahrscheinlich seit Ihr Freunde von Abbasrow, Alipi und Kliffet. Und da sind noch viele mehr. Ich habe Leser in ganz Russland!

葉卡捷琳堡. Jekaterinburg. Habe ich schon mal gehört. Russland. Links unten. Noch vier Stunden und zweiunddreißig Minuten, 2392 Meilen. Wir fliegen auf einer Höhe von 34.000 Fuß. Die Geschwindigkeit liegt aktuell bei 529 mph. Vor ein paar Stunden war links unten Novosibirsk (新西伯利亚). Etwas weiter Omsk, auch links. Und Surgut. Nie gehört. Rechts. Die Außentemperatur liegt bei minus 67 Grad. Fahrenheit. In Celsius macht das minus 55. Wie auch immer ziemlich kalt. Der Flieger von Cathay Pacific wird um sechs Uhr morgens in London (伦敦) landen. Cathay Pacific ist eine Fluggesellschaft mit Sitz in Hongkong. Die Filme in der Rückenlehne des Vordermanns sind meist chinesisch untertitelt. Die Städte auf dem Flight-tracking-Bildschirm sind abwechselnd englisch und chinesisch beschriftet. 莫斯科 (Moskau) da unten im Dunkeln.

Bestimmt sitzt Ihr und die in letzter Zeit so zahlreichen Neu-Abonennten meines Blogs da unten irgendwo. Mit dem Tolstoi-Zitat habe ich vermutlich den einen oder anderen Deutschkurs der dortigen Volkshochschule angelockt. Oder einen Online-Kurs. Dabei seid Ihr, die Ihr Euch angemeldet habt, bestimmt nur die Spitze des Eisbergs. Die Klassenbesten. Die sich auch nicht von den Rechenaufgaben meines Captcha-Plugins verwirren lassen. XII – acht = ?. Roboter schaffen sowas nicht, denke ich. Ihr seid zweifellos – несомненно – echte Menschen. Mit echten Adressen bei mail.ru, kobka-2018@mail.ru und skorobogat.eva@mail.ru zum Beispiel. Dabei ist bekannt, daß sich die meisten Leser sich nicht die Mühe machen mit einer Anmeldung. Viele, die meisten eben, klicken das mal an, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Oder weil die Lehrerin ihres Deutschkurses das empfohlen hat. Fühlen sich aber nicht angesprochen. Verstehe ich. Loriot ist vielleicht sehr spezieller deutscher Humor. Ich kann auch nicht jeden Blog aushalten. Trotzdem, russische Volkshochschulschüler sind brave Schüler. Wenn Eure Lehrerin sagt, schaut Euch das mal an, schaut Ihr Euch das mal an. Über tausend in ein paar Tagen. Das schaffen andere Texte nicht.

Prag links und Berlin, Hamburg. Im Hintergrund, auch links natürlich, am Horizont, München und sogar Basel. Ob man wirklich alle diese Städte sehen könnte aus über zehn Kilometer Höhe? Groningen rechts. Niederlande. Bin ich vor vielen Jahren mal durch gekommen auf dem Weg an die Nordsee. Manche IP-Adressen verortet das WordPress-Plugin nach Holland. Das kann ich verstehen. Das sind die Leser, die auch im Kurzurlaub an der Nordsee nicht auf mich verzichten wollen. Außerdem sprechen alle Holländer fließend deutsch.

Rechts immer mehr deutsche Städte: Gütersloh, Koblenz (科布倫茨), Aachen. Gütersloh! 居特斯洛. Wieso gerade Gütersloh? Warum nicht Unna? Oder Moers? Egal. Die Ankunft in London in weniger als einer Stunde.

In Koblenz und Köln habe ich ein paar Abonnenten. Zeigt mir der Plugin. Haben für meine Ohren normale Namen. Bei gängigen Anbietern. „Ladyatott“ gehört da schon zu den Exoten – nichts für ungut, Ladyatott. Abonnenten kriegen eine Mail, wenn ein neuer Beitrag auf meiner Seite erscheint. Ganz Russland wird nun von automatischen Mails überschwemmt. mail.ru muß sowas sein wie yahoo oder web.de. Ausschließlich kyrillische Zeichen allerdings. Weniger bunt. Man kann sich da ein Postfach holen, alleinerzieher war noch frei. Oben ein Suchfeld. найти – finden. Ein Tolstoi-Zitat im Text und schon wird man im Quelltext-Fundus des Russen-google registriert. Sichert mir ein Millionenpublikum. 居特斯洛 im Text bringt vermutlich den Zugang zu ehrgeizigen Schülern zahlloser Deutschkurse der Volksrepublik China.

Schöne Grüße nach Novosibirsk. Und Shizuishan.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Apéritif

Ich glaube, die Söhne wären gerne vom Skytower in Auckland gesprungen. 225 Dollar. Mir schien das zu teuer, das war am Anfang unserer Reise, da wußte ich noch nicht, daß in Neuseeland alles überall teuer ist. Die müssen ja fast alles importieren außer Schafen. Ein kleines Bier für elf Dollar! Geht’s noch? Neuseeland-Dollar nur, macht trotzdem über sieben Euro. Das geht vielleicht in Saint Tropez am Hafen, aber in Neuseeland? Queenstreet in Auckland, dachte ich, muß wohl die Reputation wie das Café de Paris in Saint Tropez haben, die können sich das rausnehmen. Das kleine Bier kostet überall in NZ elf Dollar. Meine Söhne durften schließlich in Queensstown von der Brücke springen. Kawarua Bridge Bungy. 43 Meter. Kawarua Bridge Bungy ist die erste kommerzielle Bungy-Installation überhaupt. 195 Dollar. Pro Kandidat. Weitere 90 die professionelle Film- und Fotodokumentation dazu. Auch pro Kandidat. Da hatte der Schwabe in mir schon längst resigniert. In NZ ist fast nichts umsonst. Das T-Shirt, I did it. Im merkantilen Wert von 20 Dollar immerhin. Mehr als tolle Erlebnisse kann man für Geld nicht bekommen. Die hatten die Söhne. Das T-Shirt werden sie ohnehin nur nachts tragen. Wenn überhaupt.

Ich könnte meinem Schwiegervater, Bildhauer, die Produktion von Making-of-Filmen vorschlagen. Als Ergänzung des künstlerischen Angebots. Immer wieder bekomme ich Mails geschrieben, wie nett das Video mit meiner Tochter wäre. Der Schwiegervater fertigt ein Porträt in Lehm an als Vorlage für den Bronzeguß. Könnte man sehr gut als Ergänzung zum Führerschein vermarkten, den Bronzeguß. Führerschein alleine zur Volljährigkeit reicht ja vielleicht nicht. Der Bronzeguß eher fürs Elternhaus. Nur so als Idee. Das Making-of dazu fast so gut wie ein Fotobuch über die letzten achtzehn Jahre. Zeitraffer. Zwei Stunden in zwei Minuten. Zusätzlich könnte man ein paar launige Kommentare vom Künstler selbst einspielen. Muß aber nicht sein. Musik vielleicht nach Wahl im Hintergrund. Kleiner Schwenk auf anwesende Familienangehörige, Mütter bringen sich gerne mal selbst ins Bild. Geht ab vierhundertneunundneunzig Euro. Nur um mal eine Größenordnung anzudeuten. Mehr als tolle Erlebnisse kann man für Geld nicht bekommen. Noch schöner, wenn sie bildlich festgehalten sind. Dokumentation auch bei Facebook, warum nicht. Auf USB-Stick oder zum Download bereitgestellt auf der Homepage neunundvierzig Euro extra. Darauf kommt’s dann auch nicht mehr an. Eine Führung durch die Porträt-Sammlung ist natürlich inbegriffen. Gratis. Irgendwas muß umsonst sein. Irgendwas umsonst macht den härtesten Schwaben weich. Abschließend Häppchen zu einem Gläschen Apéritif. Auch umsonst. Einer der Beteiligten müßte sich seine Verkehrstüchtigkeit bewahren. Der Führerscheinneuling zum Beispiel.

Nach entsprechender Terminabsprache würde ich als Bildtechniker dazu jeweils einfliegen.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tolstoi. Im Original. Anna Karenina. Die ersten Zeilen. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Ich kann nur diesen einen Satz russisch. Winter 1983. Auf dem Weg von Rumänien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ersten Bahnhof auf der sowjetischen Seite aussteigen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betreffenden Zug bräuchte man kein Visum, weil der abgeschlossen einfach durch die Sowjetunion durchfahren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glauben wollen. Ziemlich blauäugig.

Ich hatte zur Sicherheit doch ein paar Stangen Zigaretten – Kent, die weißen von Kent – mitgenommen. Und ein paar Pfund Bohnenkaffee von Aldi. Gegen Kent, die weißen von Kent, und Kaffeebohnen konnte man im spätsozialistischen Rumänien alles bekommen, was es eigentlich nicht gab. Mädchen würden ihre Unschuld dafür hergeben, hieß es. Mit ein paar Nylonstrümpfen als Zugabe. Ich hatte nie Nylonstrümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß die Mädchen, die mich interessierten, für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben wären. Und die Mädchen, die vielleicht für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben gewesen wären, interessierten mich nicht.

Im Zug nach Posen bekam die erstbeste Uniform zur Sicherheit ein paar Schachteln Kent. Das war der rumänische Schaffner. Unnötige Verschwendung, dachte ich mir dann. Mein Rückfahr-Ticket erster Klasse Schlafwagen für umgerechnet sechzehn Mark war ohnehin in Ordnung. Zu spät. Mein Abteil war erstaunlich sauber. Und erstaunlich warm. Die Fenster konnte man nicht öffnen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abgeschlossenen Zug durch die Sowjetunion. Nicht wirklich viel später hielt der Zug im Nirgendwo. Ringsum nur Schnee im Mondschein. Wahrscheinlich war das die Grenze zur Ukraine.

Die nächsten Uniformen waren sowjetische. Wollten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer meinem Paß, dem Schlafwagenticket und einer selbstgefälschten rumänischen Ausreiseerlaubnis. Personalausweis, Führerschein? Wollten sie nicht. Meine Kaffeebohnen und meine Kent winkten sie routiniert ab. Überzeugte Patrioten. Ich mußte erkennen, daß meine exotische Zigarettenmarke nur in Rumänien Wunder bewirken konnte. Auch meine Camel zum Eigenbedarf konnten das fehlende Transitvisum leider nicht ersetzen.

Im nächsten Bahnhof mußte ich aussteigen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jenseits der rumänischen Grenze. Den Namen der Station habe ich vergessen, wenn ich ihn überhaupt mal kannte. Wahrscheinlich Cherepkivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava warten. Die riesige Bahnhofshalle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahrkarte kaufen gegen schöne Dollars zum offiziellen Kurs. Bekam gegen meinen Zwanzig-Dollar-Schein keine Rubel, sondern nur ein paar rumänische Münzen und eine speckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wechselgeld würde ich ja ohnehin nicht ausführen dürfen. Lehrgeld. Bis zur Abfahrt meines Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stunden zu warten.

Die Wartezeit störte mich nicht weiter, ich saß ja schön im Warmen und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelangweiltem uniformiertem Personal, soweit mein noch sehr kompakter rumänischer Wortschatz das eben zuließ. Wir plauderten über Rumänien, Ceaușescu, das erbärmliche Leben im rumänischen Sozialismus, meine Familie in Deutschland. Und natürlich über Tolstoi.

Die Athmosphäre war nett. Entspannt. Lew Nikolajewitsch Tolstoi gehört zu den größten Schriftstellern aller Zeiten. Wir waren uns einig. Wahrscheinlich war ich der erste Kapitalist, der seit dem Krieg in diesem Grenzbahnhof ausgestiegen war. Einer der Beamten schrieb mir die ersten Zeilen auf russisch in mein Buch. Glaubte ich zumindest. Hat er mir zumindest als den Originaltext verkauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blauäugig. Das war dem Personal sicher auch aufgefallen. Will ohne Visum durch die Sowjetunion! Blauäugiger geht ja wohl gar nicht!

Der Oberaufseherin im Bahnhof, erkenntlich an mehr Pelz an der Mütze, Sternen auf den Schultern und klischeekonformem Aufseherauftreten, gefiel die offensichtliche Fraternisierung ihres Personals mit dem Eindringling aus kapitalistischem Ausland nicht. Sie verbannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vorhalle. Unbeheizt. Kontinentalwinter. Meine rudimentären Russischkenntnisse sind hart erkauft.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nieder mit der kommunistischen Partei Rumäniens und dem eingebildeten Schusterlehrling an ihrer Spitze! Hätte auch sein können. 1983 gab es google noch nicht. In diesem Fall hätten im Rahmen einer vorstellbaren Auseinandersetzung mit rumänischen Grenzbeamten meine Kaffeebohnen von Aldi und die exotischen Zigaretten zum schlagenden Argument werden können. Hat aber keiner kontrolliert. Der rumänische Grenzbeamte interessierte sich nicht für fremdsprachliche Literatur.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Kopfgeld

Ein paar Tage mit den Kindern beim Skifahren. Zu dritt, die Mutter würde nachkommen. Um vier Uhr morgens im Auto, neun Uhr die ersten am Lift. Und dann das. Gleich am ersten Tag.

Nach fünfzehn Minuten Warten auf den Sohn hatte ich mich auf den Weg gemacht, pistenaufwärts. Gefühlt fünfzehn Minuten, wahrscheinlich waren es gerade mal fünf Minuten gewesen. Wenn man unerwartet warten muß, bläst sich jede Minute auf. Mein Sohn war mit dem Snowboard unterwegs, noch etwas ungeübt und eher vorsichtig. Normalerweise aber war er höchstens eine halbe Minute hinter uns, seiner kleinen Schwester und mir. Nach fünfzehn Minuten, wo bleibt er denn nur, hatte ich die Skibindungen gelöst und war aufgebrochen, die Piste aufwärts, zum Glück eher flach, keine zehn Prozent, blaue Piste. Offenbar sichtlich besorgt wirkend und wer läuft schon Pisten aufwärts, war ich ohne Unterlaß von mitfühlenden Passanten angesprochen worden. Ja, da läge ein Kind auf der Piste, nicht mehr weit, dreißig Meter noch, aber les sécouristes, die Bergrettung, würde sich schon um ihn kümmern, sei bestimmt nicht so schlimm. Was, die Bergrettung? So schlimm? Wenn einer mal in den Schnee fällt, kommen die Sécouristes doch auch nicht gleich! Wahrscheinlich was gebrochen. Oder bewußtlos? Nein, wahrscheinlich nichts gebrochen. Wäre was gebrochen, würde mein Sohn sich unter Schmerzen winden und wahrscheinlich weinen, würden die Passanten nicht sagen, es sei bestimmt nicht so schlimm. Bewußtlos also. Schädel-Hirn-Tauma wie Schumi vor drei Jahren! Subdurales Hämatom. Am Ende, nach ein paar Wochen Intensivstmedizin, ist vom Hirn nicht mehr viel übrig. Oder peinlicher Sturz. Sein bester Kumpel spielt Fußball im Verein. Wenn der im Garten beim Bolzen mal über die eigenen Füße stolpert, inszeniert er das mit großer Theatralik. Fußballer eben. Mein Sohn kann die Theatralik schon fast so gut wie sein Kumpel. Sowas kann ich gut beschwichtigen. Meist reicht ignorieren. Noch blieb ein bißchen Hoffnung. Sicher hatten die Passanten recht. Nicht so schlimm. Trotz Bergrettung. Wahrscheinlich waren die zufällig vorbeigekommen. Weiter oben hatten wir einen Skifahrer auf einer Trage gesehen. Weiträumig abgeriegelt von den roten Overalls der Bergrettung. Der Hubschrauber über mir war bestimmt für den Unfall weiter oben unterwegs.

Mein Sohn als Liegendtransport oder im Hubschrauber wäre zu ärgerlich gewesen. Ein paar Stunden zuvor, an der Kasse für die Pistenkarten, hatte ich den Vorschlag der Kassiererin einer zusätzlichen Unfallversicherung noch zurückgewiesen. Ach was, wird schon gutgehen. Geht seit vielen Jahren ohne Versicherung gut. Noch nie in all den Jahren waren wir auf die Hilfe der Bergrettung angewiesen. Übermütig schien das jetzt. Geizkrise. Schwabengene. Wegen ein paar Euro mehr pro Tag und Person. Als ob es darauf noch angekommen wäre. Wenn sie meinen Sohn mit dem Hubschrauber ins Tal brächten, würde das ein Vermögen kosten. Hubschrauberzeit wird meines Wissens nach Minuten berechnet.

Die dreißig Meter hatte ich schon längst geschafft, kein Sohn in Sicht, auch keine Ansammlung Schaulustiger immerhin. Nach einer weiteren Linkskurve sah ich ihn. Noch gut fünfzig Meter. Von wegen dreißig! Franzosen reden immer alles schön. Mein Sohn lag in Bauchlage quer zur Fahrtrichtung auf der Piste. Bauchlage! Warum das denn? Helm auf dem Kopf, die Arme darunter verschränkt. An den Füßen immer noch das Board. Oberhalb von ihm steckte ein Paar Ski gekreuzt im Schnee. Sicherung der Unfallstelle. Hier war ein Profi am Werk. Die Piste war ziemlich schmal, mein Sohn mittendrin. An seinem Kopfende kniete ein Mann im Schnee. Roter Skianzug mit dem Emblem-Adler des Skigebiets auf dem Rücken, Beschriftung „Sécouriste“, Weiß auf Rot, Bergrettung. Er beugte sich über meinen Sohn und sprach mit ihm. Wahscheinlich fragte er einfach ça va, t-as mal, t-as froid? Zum bestimmt hundertsten Mal. Mein Sohn war etwas blass, das sah ich schon von weitem, hatte die Augen geschlossen. Würde doch hoffentlich nicht so schlimm sein wie es aussah. Was würde meine Frau sagen? Bauchlage. Wenn einer was am Rücken hat, soll man seine Position nicht verändern. Mein Sohn reagiert auf die Ansprache des Herrn im roten Skianzug, gibt sich allerdings wortkarg, genervt. Auch das sehe ich von weitem. Immer diese ewig gleichen Fragen, ça-va-t-as-mal-t-as-froid. Wahrscheinlich Schmerzen irgendwo. Bestimmt am Fuß. Und kalt. Mir wäre kalt, wenn ich so im Schnee liegen müßte.

Bonjour Monsieur. Der Herr im roten Overall unterrichtete mich, daß das Team zur weiteren Versorgung bereits unterwegs wäre, jeden Moment eintreffen sollte. Mit der coquille. Die Coquille ist wohl die Trage für den Schnee. Mit einem Retter jeweils vorne und hinten. Akia auf deutsch. Möglicherweise eine Verletzung der Wirbelsäule, sagte er. Und wer ich überhaupt wäre? Je suis son père. Ich bin der Vater. Eigentlich hätte er nach einem Ausweis verlangen müssen. Bloß nicht anfassen, sagte er, gleich kommt das Team mit der coquille. Soweit durfte es nicht kommen. Wenn man die einfach machen lässt, packen die meinen Sohn in ihre coquille, womöglich in Bauchlage, und ich kann ihn im Centre hospitalier von Briançon wieder einsammeln. Das Centre hospitalier von Briançon hat keinen guten Ruf. Kein Wunder, wer will da schon arbeiten, ist ja nichts los am Arsch der Welt. Wir hatten bei uns mal einen Knochenchirurgen, der von da kam. Marco. Italiener. Zwei linke Hände. Nichts gegen Italiener. Für Marco war jedes kaputte Handgelenk eine ganz komplizierte Fraktur. Ganz kompliziert. Außerdem kenne solche Betriebe des öffentlichen Gesundheitswesens in Frankreich. Angekommen in Briançon würden sie ihn, weil bis dahin wahrscheinlich nichts mehr wehtut, kein Kribbeln, keine Taubheit, aus der Coquille holen und auf einen Stuhl im Wartesaal setzen. Sich laut aufregen über die inkompetenten, naja übervorsichtigen, Kollegen der Bergrettung. Oder auf eine Pritsche im Flur legen. Bestenfalls. Immer schön in Bauchlage. Kann aber warten, ist ja kein lebensbedrohlicher Notfall. Atmet ja noch. Das Warten in Betrieben des öffentlichen Gesundheitswesens kann sich über Stunden hinziehen, kenne ich. Die Röntgenabteilug wird dort genauso chronisch überfordert sein wie die in meinem Centre hospitalier ein bißchen weiter im Süden. Wenn es sich irgendwie verantworten läßt, muß ich meinen Sohn aus den Fängen der Bergrettung befreien. Würde meiner Frau nicht gefallen, den Sohn im Krankenhaus von Briançon besuchen zu müssen. Kann man euch nicht einmal alleine lassen? Zudem steht die Tochter immer noch unten am Lift.

Hallo Sohn, ça va, t-as mal, t-as froid? Mein Sohn war ansprechbar. Jaha, es geht. Ja, Schmerzen am Rücken und im Fuß. Und nein, mir ist nicht kalt. Ein Eisbrocken auf der Piste hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Rückwärts auf die vereiste Piste geknallt. Konnte vor Schmerzen zehn Sekunden nicht mehr atmen. Sagte er. Zehn Sekunden. Okay, wohl kein Verlust des Bewußtseins. Andererseits, Schumi hat sich auch nicht sofort nach dem Sturz ausgeblendet. Der Schmerz im Rücken klein lokalisiert, kleine rote Stelle auf der Haut. Tut’s da weh, wenn ich drücke? Nein. Mein Sohn ist durchtrainierter Sportler, der bricht sich so schnell nichts. Bei mir wäre das vielleicht anders. Der linke Fuß tat weh.  Die große Zehe. Kaum auf der Piste, tat ihm der linke Fuß schon weh. Falscher Schuh, wahrscheinlich zu kurz. Schlecht gewählte Ausrüstung kann einem beim Skifahren den ganzen Tag vergällen. Kenn‘ ich.

Für mein Gefühl konnte man es verantworten, ihn von seinem Board und aus der Bauchlage zu befreien. Stop, stop, was machen Sie denn da. Der Bergretter war nicht einverstanden. Je suis médecin, ça va aller. Ich bin Arzt, das wird schon gehen. Das reichte dem Bergretter. Eigentlich etwas halbherzig, finde ich, sein Widerstand, da könnte ja jeder kommen, sagen, er wäre Arzt.

Kein Kribbeln, keine Taubheit, etwas Schmerz. Im Fuß vor allem, am Rücken ging’s. Etwas blaß der Junge. Wir werden’s für heute gut sein lassen mit dem Sport. Un chocolat chaud zuhause ist auch schön. Auf eigene Verantwortung und gegen Unterschrift durften wir gehen. Der Sécouriste kannte das offensichtlich, hatte einen ganzen Stapel entsprechender Zettel im Postkartenformat dabei. Keiner will mit ihm bleiben. Ich mußte ihn mit klammen Händen ausfüllen. Immer noch keine Ausweiskontrolle. Wofür soll das also gut sein? Er gab sich zum Abschluß pampig. Ihre Schuld, wenn ihr Sohn am Ende im Rollstuhl sitzt.

Wahrscheinlich gibt es Kopfgeld für jedes Opfer von der Piste.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Hypocrisie

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Wen man nicht so alles Freunde nennt. Jérôme und Isabelle zum Beispiel, Jéjé et Zaza, pour les intimes, unter Freunden. Jérôme war viele Jahre Kapitän auf strategischen Atom-U-Booten. Ultrageheim, nicht mal seine Frau wußte, in welchem Gewässer der Erde sich ihr Mann gerade aufhielt. Am Ende seiner Karriere fast Admiral in Brest. Zu seinem großen Leidwesen nur fast. Seine Gattin kann ihre Genealogie zurückverfolgen bis ins elfte Jahrhundert zu Ludwig VI, dem Dicken. Uradel irgendwie. Upperclass. Sagt Jéjé. Jéjé empfindet sich und seine Isabelle als eindeutig upperclass.

Die haben wir vor gut zwei Wochen gesehen in Paris. Wir haben uns  alle überschwenglich gefreut über dieses Wiedersehen anläßlich des Laufs Paris-Versailles. Wir waren eingeladen in Jérômes und Isabelles Pariser Residenz im siebzehnten Arrondissement. Ein aufwendig renoviertes Stadthaus, Keller, Erdgeschoß, zwei Etagen. Wirklich schön geworden, geschmackvoll, die Fußböden knarren ein bißchen zu heftig. Vier Zimmer als Privathotel, sie selbst wohnen unter dem Dach. Zaza beaufsichtigt Personal und Frühstück, Jéjé plaudert, gerne auch Englisch mit charmantem Akzent und auch ein paar Brocken deutsch, beantwortet Anfragen von Gästen und die netten Bewertungen auf Tripadvisor. Die Übernachtung war immerhin kostenneutral. Sonst knapp dreihundert Euro die Nacht. War aber sowieso nichts los im Hotel. Jéjé konnte leider nicht mitlaufen die 16 km von der Tour Eiffel bis zum Château de Versailles, wollte eigentlich, war sogar eingeschrieben, konnte aber nicht, weil er sich zwei Wochen zuvor eine Zehe gebrochen hatte, links. Immer noch ganz geschwollen und blau. Auf seinem Boot sei er ausgerutscht. Seinem Segelboot, zwölf Meter. Daß er es nicht verleihen würde, ließ er auch gleich durchblicken, weil wir ja keine Ahnung hätten vom Segeln. Und von einem weiteren Besuch in der Bretagne, wo die Yacht liegt, war auch nicht die Rede. Kein Segelturn auf dem Atlantik. Trotz Platz für sechs in dem Kahn. Zwölf Meter, das ist schon nicht schlecht. Nicht mit uns. Lieber nicht.

Vor drei oder vier Jahren waren wir mit zwei Kindern eingeladen im Zweitwohnsitz in La Trinité. La Trinité ist das Saint-Tropez der Bretagne. Upperclass-Franzosen aus Paris haben einen Zweitwohnsitz in La Trinité oder Saint-Tropez. Oder beides. Dort nennen sie einen Neubau ihr Eigentum, die Lage zwar nicht wirklich traumhaft, ohne den Ozean in Sichtweite, aber mit beheiztem Außenpool, geräumigen und vielen Zimmern. Trotzdem zu klein für soviele Menschen über zehn Tage. Der Kram der Kinder immer wieder irgendwo, wo er nicht hingehörte. Kinder eben. Das mit dem Frühstück hatten sie allerdings schnell gelernt, die Kinder. Wie zuhause. Selbst abräumen. Anders als zuhause aber nur auf der Spülmaschine abstellen. In der Maschine selbst hatten sie nichts verloren. Spülmaschine kann nur Jéjé selbst. Und dann, Tag vier oder fünf des Aufenthalts, fiel ihm beim Einräumen eine der Frühstücksschalen meiner Kinder zu Boden. Brüllanfall. Wahrscheinlich hatte er schlecht geschlafen. Wie er die Schnauze so voll hätte und immer und überall und was wir uns denn denken würden und wer wir denn wären. Gar nicht upperclass. Jéjé der U-Boot-Kapitän. Blick tief in die Seele, die Wahrheit hinter der Fassade. Zehn Minuten Wutkrise. Zehn Minuten chrono, gefühlt genug für ein ganzes Leben. Manchmal kam ich gegen den Sturm zu Wort und es tat mir leid, wirklich leid, und Asche auf mein Haupt und wie konnte das nur passieren. Jéjé konnte sich hingegen nicht bremsen, wie er die Schnauze so voll hätte und immer und überall und was ich mir denn denken würden und wer ich denn wäre und nichts tat ihm leid, nicht einmal später mit Abstand und wieder umgänglich. Zehn Minuten chrono, gefühlt genug für ein ganzes Leben. Ich hätte nur zehn Minuten gebraucht, all unseren Kram und den meiner Kinder – und immer und überall – im Leihopel zu verstauen. Nur war meine Frau gerade Shoppen mit Zaza. Hätte ihr nicht gefallen, unvermittelt in den Opel einsteigen zu müssen. Die Tüten voll Shopping abstellen und weg mit dem Opel. Isabelle konnte ja auch nichts dafür. Also blieben wir.

Unvermeidlich am ersten Glas Champagner vor gut zwei Wochen die Frage zum Stand der Reisevorbereitungen zur Hochzeit des ersten Sohns. In Neuseeland. Die Hochzeit von Jérômes und Isabelles Sohn findet in Neuseland statt. Wir sind eingeladen. Warum auch immer. Viele der anderen Freunde können leider nicht kommen. Einer muß ja kommen. Der Sohn ist Ingenieur, mit Schwerpunkt Bootsbau und Innenarchitektur, nach Privatschulen in England und schließlich eben Neuseeland. Hauptsache weit weg. Dort hat er seine Liebe gefunden. Weiter weg geht nicht. Auf der Liste meiner Reisziele für dieses Leben noch, sagte ich, auf der Liste meiner Top fifty also, darunter  Island, Sibirien, Kasachstan und die Krim, sogar Nordkorea, käme Neuseeland glatt auf Platz einhundertvierundzwanzig. Leider. Schafe interessieren mich nicht so. Und auch nicht die Originalschauplätze der Herr-der-Ringe-Trilogie. Nicht mal die Hochzeit des Sohnes, mit dem ich über die Dauer ihrer Bekanntschaft Gelegenheit für vielleicht dreihundert gewechselte Worte hatte, comment ça va à l’école, wie geht’s in der Schule, nicht mal diese Hochzeit brächte Neuseeland mehr als drei Bonuspunkte. Ô, Bertrâme, là, tu me deçois, rief er aus, da enttäuscht du mich aber, und verpasste mir, das macht er gerne und ich hasse das, eine seine Ohrfeigchen. Kein Schlag ins Gesicht, aber die Hand an meiner Wange. Macht er öfter mal, wie als Scherz, manchmal reicht ein falscher Artikel, ô, Bertrâme, mit ö am Ende. Das nächste Mal schlage ich zurück oder trete ihm wie aus Versehen auf seinen faulen Zeh, oh pardon, désolé, ça va? – Entschuldige, tut mir leid, geht’s? Bisher gab ich allerdings den Klügeren und schlug noch nicht zurück.

Jéjé holt sich seine Niederlagen, wie jeder durchschnittliche Mensch, gelegentlich auch alleine, ganz ohne mein Zutun, nun ja, fast ohne mein Zutun. Wichtig war Jérôme und Isabelle bei unserem Besuch vor gut zwei Wochen ein überaus positiver Kommentar zum Hotel bei „Trip“, wie sie sagen, Tripadvisor. Von uns beiden? Ja, von euch beiden. Den automatisierten Algorhytmen von Trip gefiel das nicht. Trip vermutet Beschiß wegen gleicher IP-Adresse. Löschte unsere überaus positiven Beurteilungen und stufte Jéjés Privathotel von Platz elf auf Platz 25 herab. Panik im siebzehnten Arrondissement, ne faîtes plus rien, surtout ne faîtes plus rien. Unternehmt nichts mehr, bitte rein gar nichts mehr. Per Mail, per sms, telefonisch. Erdbeben, Panik, das Hotel stürzt ein. Zu spät. Ich hatte es nicht gut gefunden von Trip, meine überaus positive Bewertung einfach gelöscht zu sehen und sie gleich nochmal geschrieben. Zack, Platz 35. Ich könnte einfach so weitermachen. Noch fünf Mal und die können zumachen. Das ist besser als jedes Ohrfeigchen. Und doch so gut gemeint. Andererseits fast so wirkungsvoll wie ein Holzhammer auf Jéjés dickem Zeh. Vraiment désolé, cher ami, qu’est-ce je pourrais faire pour t’aider? – Tut mir ja so leid, teurer Freund, was könnte ich nur machen für dich?

Hypocrisie, subst., f.. Heuchelei, Scheinheiligkeit.


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Narkoseprimat

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Gaby! Hol‘ dem jungen Kollegen doch mal einen Hocker!

Kann der junge Kollege das nicht selber? Hat der junge Kollege keine Beine? Soll er sich doch einen aus Saal vier holen!

Jan sitzt schon auf dem letzten Dreh-Roll-Hocker im Saal. Saal drei. Auf dem Anästhesie-Dreh-Roll-Hocker direkt vor der Narkosemaschine. Die Chirurgen brauchen ihre Hocker selbst. Die Chirurgen im Saal sind Gefäßchirurgen und operieren Krampfadern. Das kann Stunden dauern. Da muß man sitzen. Die in Saal vier hämmern an einer Hüftprothese. Hämmern an der Hüfte kann man im Sitzen nicht so gut. Die brauchen ihre Hocker nicht.

Den bringst du uns aber nachher wieder, sagt eine Schwester mit braunen Augen, die ich noch nicht kenne. Wahrscheinlich eine Op-Pflegerin. Die Haare unter der Haube versteckt und die Maske vor Mund und Nase. Da kann man nur die Augen sehen. Anästhesieschwestern lassen die Maske eher mal unter dem Kinn baumeln.

Jan ist groß und blondlockig. Tendenziell übergewichtig. Nicht wirklich fett, nur etwas schwabbelig. Er ist an meinem ersten Arbeitstag Oberarzt geworden. Im katholischen Hospital im südöstlichen Grüngürtel des Ruhrgebiets. Soll mich durch diesen Tag führen. Hat mir gerade gezeigt, wie eine Spinalanästhesie gestochen wird.

Den Patienten aufsetzen, den Rücken rund machen lassen, zwischen zwei Wirbeln, genauer den Dornforsätzen zweier Wirbel, die am besten scheinende Punktionsstelle finden. Möglichst tief im Lendenbereich. L3/L4 sagt das Lehrbuch. Entspricht ungefähr dem Niveau einer Waagerechten zwischen den Beckenkämmen. Leicht schräg nach oben, kopfwärts durch die Haut stechen. Piekst mal kurz, nicht bewegen! Langsam weiter, bis Liquor aus der Nadel tropft. Klare Flüssigkeit. Lokalanästhetikum injizieren. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Fertig. Nadel raus, Pflaster. Der Patient darf wieder liegen. Ein Drei-Minuten-Eingriff. Kreislaufüberwachung. Manchmal stürzt der Blutdruck ab.

Die nächste machst du.

Jetzt sitzen wir. Jans erster Lehrsatz zum Berufsbild des Anästhesisten: Anästhesie ist eine sitzende Tätigkeit. Wenn die Spinalanästhesie erstmal gestochen ist, der Patient in den Saal geschoben und an die Überwachungsmaschine angeschlossen, setzt sich der Anästhesist ans Kopfende des Patienten, kontrolliert und protokolliert die Vitalparameter. Alle fünf Minuten misst die Maschine den Blutdruck. Auf einem Formular mit skaliertem Karobereich in der Mitte wird der systolische Blutdruck als kleiner nach oben offener Winkel eingetragen, der diastolische als kleiner nach unten offener Winkel. Die beiden Winkel werden grafisch verbunden. Zwei Winkel, ein Strich. Dazu die Herzfrequenz. Wird auch von der Maschine angezeigt, grüne Zahl auf schwarzem Hintergrund. Direkt neben dem EKG. Grüne Kurve. Dazu blinkt ein grünes Herz. Synchron zum grünen Herzen ein Piepton. Auf dem Protokoll wird die Zahl der Herzfrequenz ein Punkt im Karoraster. Manche Kollegen machen auch kleine Kreuze. Die Punkte oder Kreuze werden ihrerseits grafisch verbunden. Noch ein Strich. Außerdem wird notiert, was du wann gemacht hast, sagt Jan. Aus forensischen Gründen. Wenn was schief geht, hat das Narkoseprotokoll Beweiskraft. Aufschreiben, was du wann gespritzt hast und wieviel. Und wenn die Chirurgen anfangen. Schnitt. Und wenn sie fertig sind. Hautnaht. Und wenn sonst irgendwas ist. Herzstillstand oder so. Oder wenn der Chirurg ein Messer oder eine blutige Kompresse nach dir wirft.

Du schreibst, sagt Jan, ich habe schon so viel Striche gemalt in meinem Leben.

Mein erster Blutdruck 143 zu 78. Zwei Winkel, ein Strich. Die Pulsfrequenz 72. Ein Punkt.

Wenn du Glück hast, löst dich Gaby auf einen Kaffee ab.

Ich stelle Jan ein paar interessierte Fragen, was ich außer Strichen und Punkten malen noch zu machen hätte. Wenn zum Beispiel der Blutdruck nicht mehr normal wäre. Oder die Herzfrequenz. Diese Art Fragen scheinen Jan nicht wirklich zu interessieren. Bei Varizen passiert nichts, sagt er. Am Anfang höchstens, nach der Spinalen. Kann der Blutdruck abrauschen, wie gesagt. Dann machst du ein bißchen Akrinor.

Jan redet lieber über seine, über unsere Kollegen. Den Chef, Udo S., zum Beispiel. Den man nach der Frühbesprechung eigentlich nicht mehr sieht. Höchstens kurz zur Narkoseeinleitung bei Privatpatienten. Macht kleine Lokalanästhesien an der Stelle für die Infusion. Kann er extra abrechnen. Fünfzehn Mark. Ich betäube Sie jetzt, sagt er dann. Udo findet man so gut wie nie auf dem Dreh-Roll-Hocker vor der Narkosemaschine. Das mit den Strichen und den Punkten muß ein Oberarzt übernehmen. Striche und Punkte sind abrechnungstechnisch nicht weiter relevant. Manchmal trinkt er Kaffee in der Kaffeeküche. Wenn es zum Beispiel noch weitere Privatpatienten zu betäuben gibt. Oder die junge Oberärztin der Gynäkolgie auch gerade Kaffee trinkt. Zum Mittagessen fährt er nach Hause. Der Porsche muß bewegt werden. Sagt Udo. Hessischer Akzent.

133 zu 71. Zwei Winkel, ein Strich. Das Herz bei 69. Punkt, kleiner Strich. Das wird schön!

Die Anästhesie ist eine Berufgruppe mit hohem Ausländeranteil, sagt Jan. Hast du ja gesehen heute morgen. Er persönlich hätte nichts gegen Ausländer. Der andere Oberarzt ist Türke. Mehmet K.. Seit sechzehn Jahren im katholischen Hospital. Mehmet K. hat mich freundlich begrüßt und uns gute Zusammenarbeit gewünscht. Mehmet K. ist einen halben Kopf kleiner als ich trotz extrahoher Holzpantinen. Schwerer Akzent. Ich habe auch nichts gegen Ausländer. Mehmet K. fährt Daimler, sagt Jan. Mit Sitzkissen, weil er sonst nicht über das Lenkrad gucken könnte. Und wenn er sich aufregt, versteht man kein Wort mehr. Vor sechzehn Jahren hätte noch niemand Anästhesie machen wollen. Deswegen mußte das Krankenhaus Mehmet K. importieren. Und das als erzkatholische Institution! Wo noch immer Nonnen mit weißen Häubchen über die Flure huschen!

124 zu 78. Zwei Winkel, ein Strich. 61. Ein Punkt.

Andrea A. ist Italiener. Hat mich heute morgen auch sehr freundlich begrüßt. Mit charmantem rollendem R. Viel Spaß würde ich hier haben. Mehmet und Andrea sprechen schon seit Jahren nicht mehr miteinander. Nur das Allernötigste. Andrea sei schwul. Er persönlich hätte nichts gegen Schwule. Sagt Jan. Schwul paßt natürlich überhaupt nicht in Mehmets Weltbild. Für Andrea ist Mehmet der Kollege ohne Pelle. Ohne Pelle? Na, beschnitten eben. Ohne Vorhaut. Wie alle Türken. Die Ausländer brauchen die Deutschen gar nicht immer, um gehaßt zu werden. Das können sie auch untereinander.

Lilliane S. allerdings sei allseits beliebt. Lilliane ist polnischer Herkunft. Hatte es schwer mit der Facharztprüfung. Sprachliche Hürden. 16 Jahre nach Mehmet dürfen Sprachkenntnisse ein Kriterium sein. Hat sie aber vor einem halben Jahr geschafft. Mußte mich küssen zur Begrüßung. Mußt du nicht rot werden, sagte sie. Das ist so bei uns. Und so jung bist du. Bist du schon verheiratet?

127 zu 73. Zwei Winkel, ein Strich. 64. Ein Punkt.

Monika M. und Sylvia B. sind deutsche Kolleginnen. Monika hat was Mütterliches. Nickte mir aufmunternd zu. Wird schon, wir haben alle mal klein angefangen. Sylvia ist zur Zeit im Urlaub. Wird auch das blonde Gift genannt. Warum würde ich schon selbst früh genug herausfinden. Versucht seit Jahren, schwanger zu werden. Erfolglos. Kein Wunder, sagt Jan. Er hat sich inzwischen die Maske von Mund und Nase gezogen. In seinen Mundwinkeln hat sich beim Reden Schaum gesammelt. Kleine Speicheltropfen regnen auf das Narkoseprotokoll und auf mein Grünzeug.

124 zu 69. Zwei Winkel, ein Strich. 62. Punkt, Strich.

Herr Wolters schläft. Er hat von Gaby noch fünf Milligramm Midazolam bekommen. Und eine Sauerstoffmaske. Habe ich aufgeschrieben. Unter 8:15 Uhr. Dormicum 5 mg. Und O2 zwei Liter pro Minute.

Sind fünf Milligramm nicht ein bißchen viel für einen Herrn über siebzig?

Das machen wir immer so. Dafür kriegt er ja auch den Sauerstoff. Und damit verschwindet Jan. Jetzt weißt du erst mal das Wichtigste. Und immer schön alles aufschreiben. Und wenn was ist, rufst du Gaby. Die ist Fachschwester. Die kann dir immer helfen. Ich muß jetzt weiter.

118, 62, 63. Striche, Punkt.

Können Sie mal was gegen das Schnarchen machen? Bei diesem Lärm kann kein Mensch arbeiten! Der chirurgische Oberarzt hat was zu mäkeln.

Keine Ahnung, was ich gegen das Schnarchen machen soll. Herr Wolters schläft eben. Muß ich was gegen das Schnarchen machen? Gibt es in meinen Medikamenten-Schubladen was gegen Schnarchen? Gaby ist irgendwo draußen. Im Vorraum? Auf dem Flur? Saal vier? Beim Kaffeetrinken? Unsichtbar.

Herr Wolters hat eine ordentliche Portion Dormicum gehabt. Da würden Sie auch schnarchen. Wenn er kein Dormicum gehabt hätte, würde er Sie vollquatschen.

So schnarchen geht auch nicht. Wir können so nicht arbeiten. Holen Sie Ihren Oberarzt, wenn Sie nicht weiterwissen!

Jan würde sagen, das ist jetzt nicht dein Ernst. Wahrscheinlich würde er Herrn Wolters auf die Stirn klopfen und ihn ansprechen. Oder umgekehrt.

Herr Wolters?

Was, schon fertig?

134 zu 87. Winkel, Strich. Punkt bei 89.

Ziemlich langweilig. Vielleicht doch lieber kleine Kreuze statt der Punkte für die Pulsfrequenz? Schöner eigentlich. Ich entscheide mich für Kreuzchen. An ihrem ersten Tag auf dem Dreh-Roll-Hocker treffen angehende Ärzte für Anästhesiologie und Intensivmedizin Entscheidungen fürs Leben. Kreuzchen statt Punkte.

Na, Herr Thiel, haben Sie sich schon gut eingelebt? Der Chef. Wünscht den chirurgischen Kollegen einen guten Morgen, wirft einen Blick auf meine Striche. Anästhesist: DIEHL, AiP, steht da. In Großbuchstaben. Gut lesbar. Udo S. wird mich bis auf zum Ende meiner achtzehn Monate in seiner Abteilung mit Herr Thiel ansprechen. Und das, obwohl er mich selbst eingestellt hat. So wie er ein neues Muskelrelaxanz – Tracrium – unerbittlich und unbelehrbar Trazitum nennen wird. Er ist der Chef.

Auch er weist mich auf die Wichtigkeit des Narkoseprotokolls hin und insbesondere dessen Lesbarkeit. Wenn man fünf Milligramm Dormicum um 8:15 Uhr intravenös verabreicht hat, sollen auch Gutachter und Richter klar erkennen können, daß man fünf Milligramm Dormicum um 8:15 Uhr intravenös verabreicht hat. Gutachter und Richter? Nun ja, manchmal ginge in der Anästhesie ja auch mal was schief. So wie überall in der Medizin. Und Patienten würden klagen. Oder Angehörige. Manchmal zu Recht. In der Anästhesie wären allerings meist die Chirurgen schuld, wenn Patienten Schaden nähmen. Manchmal würde der Anästhesist seinerseits nicht ausreichend oder falsch auf die Fehler oder Komplikationen des Chriurgen reagieren. Das wäre immerhin unsere Aufgabe. Das Wohlergehen des Patienten trotz seiner Vorkerkrankungen sicherzustellen. Dormidandes brodego, sagt der Chef. Er meint eigentlich: Dormitantes protego – ich schütze die Schlafenden. Geht auf Hessisch nicht so gut. Wir passen auf die Kranken auf, sagt er. Bringen sie lebend und am besten wohlbehalten durch ihren Eingriff und die Tage danach. Trotz ihrer vielleicht schwerwiegenden Operation. Und trotz ihrer Chirurgen.

Da muß ich aber mal Einspruch erheben, Herr S.! Der Einspruch kommt von jenseits des grünen Tuchs. Der Oberarzt der Chirurgen hat aufmerksam gelauscht. Und nimmt die Provokation von Udo S. auf. Wenn Sie den Leuten Zähne rausbrechen, weil Sie nicht intubieren können, oder wenn sie Ihnen totgehen, weil Sie mal wieder zuviel oder zuwenig von irgendwas spritzen, können wir nichts dafür!

Sie können aber was dafür, wenn wir den Leuten wegen einer Operation der Krampfadern drei Tüten Blut geben müssen und die dann an AIDS verrecken. Oder Ihnen die Bauchaorta drei Tage später hochgeht, weil sie an den Nähten gepfuscht haben.

Ist alles gut soweit, Herr Wolters?

Wiebitte?

Herr Wolters hat satt Dormicum gehabt. Selbst wenn er was hört, wird er sich an nichts erinnern. Anterograde Amnesie. Gaby weiß schon, warum sie immer soviel Dormicum spritzt. Dormicum ist ein Wundermittel.

Das ist das Schöne in der Anästhesie. Wir haben eine ganze Reihe von Wundermitteln. Wundermittel, die sofort wirken. Und immense Wirkungen entfalten. Sofort und immens. Nicht so wie in der inneren Medizin, wo man immer erst nach ein paar Tagen beurteilen kann, ob ein Medikament ungefähr die Wirkung hat, die man sich davon verspricht.

Und wir können sitzen dabei. Zeitung lesen. Kreuzworträtsel lösen. Tetris spielen.

Am frühen Nachmittag kommt der Chef nochmal vorbei. Ich sitze inzwischen an einer Vollnarkose. Frau Schneider. Auch Krampfadern. Kreuze und Striche. Der Chef blockiert meine interessierten Fragen zu den unterschiedlichen Inhalationsanästhetia schnell mit seinem vermutlich einzigen Lehrsatz: Jedem Primaten kann man Anästhesie beibringen. Anästhesie ist eigentlich was für Sonderschüler. Kann auch seine Version von diskreten Vorbehalten gegen die Ausländer sein, mit denen er leben muß. Ein Türke, dessen Sätze nun gar nicht mehr funktionieren, wenn er sich ärgern muß. Ein schwuler Italiener, der in jedem zweiten Satz die vermutlich fehlende Vorhaut des Oberarztes erwähnt. Eine küssende Polin. Neulich war er übers Wochenende in Tschechien. Für fünf Mark kannst du da alles haben, sagt er. Udo S. macht keinen Unterschied zwischen Polinnen in seiner Abteilung und Tschechinnen am Straßenrand. Für das, was er für fünf Mark kriegen kann, braucht es keine Sprache. Im katholischen Hospital am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets ist Udo S. der Chef. Und damit per definitionem eine Art Herrenmensch. Ein Primat der besseren Sorte. Sogar als Homo sapiens besser. Verdient vermutlich das Zwanzigfache meines Anfängergehalts. Und das muß ja auch einen Grund haben. Wer Chef ist, ist Chef, weil er gut ist. Und wer gut ist, verdient auch gut. Vermutlich stehe ich in seinem Weltbild in einer Reihe mit Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans. Und wahrscheinlich kann er sich auch Paviane und Lemuren als Narkosegeister vorstellen. Grünzeug an, Haube, Maske. Auf die Sprache kommt es in der Anästhesie ohnehin nicht so an. Eine basale Fingerfertigkeit vielleicht für das Hantieren mit allerlei Nadeln und Kraft in den Armen für das Hantieren mit entschlossenem Nachdruck. Ansonsten Genügsamkeit. Eine Banane zu Mittag. Kein Widerspruch. Wer für fünf Mark alles gibt, widerspricht auch nicht. Genügsamkeit und eine gewisse intellektuelle, naja, Zurückhaltung sind angebracht. Udo S. und sein türkischer Oberarzt lieben keine Widerworte. Man sollte sich nicht allzu reflektiert präsentieren in seinem Tun und Reden als Narkoseprimat.

Primate narcotiseur


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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