Meeresfrüchte

2015-11-01 1009 (Île des Embiez)

Pierre-Marie auf dem Display des Telefons! Das verhieß nichts Gutes! Wenn Pierre-Marie anruft, ist er wahrscheinlich sauer. Sonst kommunizieren wir monatelang nur per Mail.

Was war das denn?

Was war was?

Da war was und dann war es wieder weg.

Er hatte es also gemerkt. Ich hatte aus einem Nachmittag auf einer der Îles des Embiez vor Six-Fours-les-Plages einen kleinen Text mitgebracht und ein Bild. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Zitat meines Schwiegervaters. Sagt er immer wieder, wenn er hier ist. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Der Text gestern Nachmittag keine zwanzig Zeilen. Und irgendwie langweilig. Ich nahm ihn eine Stunde später wieder von der Seite. Jetzt mußte ich mich auf eine Moralpredigt von Pierre-Marie einstellen. Pierre-Marie ist mein Lektor.

Hat mir dann doch nicht gefallen. Zu kurz. Zu langweilig.

Genau. Wenn zu kurz mal alles wäre. Kein Inhalt. Blauer Himmel, Zikaden, Alkohol dazu. Provençalische Stereotypen. Dein Schwiegervater sagt was. Das reicht doch nicht! Selbst wenn dein Schwiegervater der größte Bildhauer Norddeutschlands ist.

Ich hab’s ja gemerkt!

Ein bißchen spät, finde ich! Vorher merken wäre schöner! Vielleicht sogar den Lektor gegenlesen lassen? Ich hätte dir schon meine Meinung dazu gesagt! Das nächste Mal einfach nur ein mittelmäßiges Bild vielleicht? Oder ein Katzenvideo? Mit ein paar Smileys dazu?

Pierre-Marie kennt meine Abneigung gegen Smileys. Abgrundtief. Um mich zu ärgern, schickt er mir manchmal Mails mit zeilenweise Smileys. Manche wackeln. Weinen. Zwinkern. Winken. Unglaublich komisch. Besser nicht auf diesen Tiefschlag eingehen.

Das haben vielleicht zehn, zwanzig Leute angeklickt, mehr waren das bestimmt nicht. Du solltest das nun wirklich nicht überbewerten!

Und das Bild! Eine Katastrophe! Algen! Nur Kiesel. Wenn es schon eine leere Flasche im Gegenlicht sein muß, gab’s da keinen Sand dazu? Und der Horizont war wohl auch schon betrunken!

Das merkt doch keiner!

Wenn sogar ich den schiefen Horizont sehe! Du bist wohl immer noch noch unter billigem Fusel?

Wenn Pierre-Marie erstmal in Fahrt gekommen ist, lässt er sich nur sehr schwer wieder bremsen. Vor ein paar Monaten ist er in einem Café ausgerastet. Hat solange rumgeschrien, bis uns der Kellner aufforderte, unsere „Besprechung“ doch bitte im Außenbereich fortzuführen. Und das wegen ein paar Satzzeichen!

Erstens: Den Horizont lasse ich mir von meinem Sohn geraderücken. Der kann sowas. Zweitens war das kein billiger Fusel. Das war ein Chablis. Nicht billig. Eine Flasche nur. Und ziemlich gut. Und drittens hatte ich gestern Dienst.

Seit wann hält dich Dienst vom Trinken ab?

Okay, okay, jetzt lass‘ mal gut sein! Was soll ich jetzt machen?

Lies‘ es nochmal durch und denk‘ Dir noch ein paar Zeilen aus. Mehr zum Schwiegervater, mehr zu der Insel. Irgendwas.

Mein Schwiegervater, als er uns noch regelmäßig zum Arbeiten besuchte, pflegte ebenso regelmäßig zu sagen, mit einem Seufzen, auf der Terrasse, unter Palmen, dem Einfluß einer kleinen Flasche eines lokalen Rosé und dem Gesang der Zikaden: Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Das ist natürlich eine rhetorische Aussage. Wir wissen ganz genau, wie gut wir es hier haben. Nicht nur auf der Terrasse. Unter der Sonne eines 1. November noch am Strand zum Beispiel. Das Meer fast zwanzig Grad warm. Mit einem guten Dutzend selbst vom Fels geernteter Seeigel. Frischer geht nicht. Mit Baguette und Butter. Sonst nichts. Außer vielleicht, ich gebe es zu, ein paar Gläschen eines schönen Chablis.

Mein Schwiegervater geht nicht gerne an den Strand. Er liebt andererseits Meeresfrüchte. Den Chablis sowieso. Mit frischem Seeigel an Baguette und Butter, unter dem Einfluß von ein paar Gläschen eines schönen Chablis, könnte er vemutlich nicht umhin, sogar auf kleinem Kiesel am Strand, zu seufzen: Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt!

Oder ich lass‘ den Text mit dem Schwiegervater einfach so. Das geht.

 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Schade eigentlich

Eine Landstraße vom Dorf direkt an der Küste zum Dorf in zweiter Reihe. Mäandert knapp zweispurig durch üppiges Grün. Anlieger sind eine hochpreisige Baumschule und ein paar Biobauern, die mißmutig zahlungskräftigen Kunden teilkompostierte Tomaten der Vorwoche in Papptüten zu verkaufen suchen. Dreißig Prozent des Wohnraums im Dorf an der Küste, darunter exklusive Anwesen mit Direktblick Richtung Afrika, sind Zweitresidenzen. Menschen aus Paris und Lyon, ein paar Engländer. Die kaufen auch Biokompost direkt vom übellaunigen Erzeuger. Die Mißmutigkeit scheint Teil des Geschäftsprinzips zu sein. Die Aufzucht von Biogemüse ohne Pestizide ist eben ein mühsames Unterfangen. Meine Frau kauft hier nicht mehr, die Straße aber ist schön zum Radfahren. Schattig.

Unmittelbar rechts und links der Straße finden sich tiefe Gräben, das flache Land zwischen dem Dorf direkt an der Küste und dem in zweiter Reihe gilt als Überschwemmungsgebiet. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf fünfzig Stundenkilometer limitiert. Das hält eilige Kleinlaster jedoch nicht von gewagten Überholmanövern bei deutlich höherer Geschwindigkeit ab. Die dürften hier, schwerer als 2,5 t, ohnehin nicht fahren. Ich wundere mich immer wieder, daß hier nicht öfter mal Autos im Graben liegen. Freunde, die wir über diese Strecke lotsen, steigen am Strand schweißgebadet aus ihrem A6 aus. Gibt’s da keinen anderen Weg? Auf halber Strecke finden sich zwei dicht aufeinanderfolgende Engstellen, die eine mit entsprechender Beschilderung zur Regelung der Vorfahrt, die andere ohne Beschilderung, dafür unübersichtlich. Zwischen den beiden Engstellen ist die Straße eigentlich auch zu schmal für Gegenverkehr. Eine Ausweichmöglichkeit ist nur an einer Stelle vorgesehen, eine Parkbucht von den Ausmaßen eines zweitürigen Kompaktwagens.

Neulich stellte ich mir vor, meinen neuen Siebensitzer mit Mogelmotor von Volkswagen im Graben neben der Straße zu versenken. Abgedrängt vom flüchtigen Kleinlaster. Zum Beispiel. Auf der Basis eines Vollkasko-Ereignisses. Wirtschaftlicher Totalschaden. Wäre zumindest ehrlicher als die neuesten Gedankenspiele des Schummelkonzerns. Rücknahme statt Nachbesserung. Und dann könnte man die zurückgenommenen, „alten Wagen außerhalb der EU verkaufen, etwa in der Türkei oder in Afrika.“ Schreibt SPIEGEL ONLINE. Ließe einen tiefen Blick zu in eine scheinheilige Welt der Automobilindustrie. In Afrika sind Stickoxide ungefährlich.

Freitag Morgen halb zehn. Ich hatte Dienst und befinde auf dem Rückweg nach Hause. Und dann: Stau! Stau auf der Landstraße zwischen dem Dorf direkt an der Küste zum Dorf in zweiter Reihe. An einem Freitag Morgen um halb zehn. Stau! Ist mit dem Fahrrad nicht weiter schlimm. Auf der Gegenspur ist Platz genug, an den vielleicht zwanzig wartenden Fahrzeugen vorbeizufahren. Es gibt nicht mal Gegenverkehr. Es handelt sich trotzdem ganz offensichtlich um eine Baustelle. Ganz vorne steht ein Herr in offiziellem Bauarbeiter-Outfit – Blaumann, Signalweste, Helm – von der Statur eines Rugby-Spielers mit Schaufel und Schild mitten auf der Straße. Er zeigt uns die rote Seite seines Schilds. Die Baustelle ist wahrscheinlich hinter der Kurve. Die Fahrzeuge ganz vorne stehen offenbar schon länger. Die Fahrer haben die Motoren abgestellt. Ich wage den Versuch, das rote Schild zu Fuß zu passieren, schiebe mein Rad in Richtung des Bauarbeiters. Der deutet mit dem Stiel seiner Schaufel auf das Rot seines Schilds. Wortlos. Das heißt: Kein Verhandlungsspielraum. Mit seiner Schaufel ist er am längeren Hebel, ganz klar. Selbst wenn er selbst mich nicht damit erwischen würde, ich müßte mich spätestens seinem Pendant am anderen Ende der Baustelle stellen. Zudem könnte das Manöver zwischen den Schildern vielleicht doch gefährlich sein. Obwohl nichts zu hören ist. Kein Lastwagenmotor, kein Bagger. Nichts. Nach wie vor kein Gegenverkehr. Vollsperrung. Wenn da ein Wagen aus dem Graben zu zerren sein sollte, kann das noch lange dauern. Vielleicht sollte ich doch umkehren. Aber, wie gesagt, nicht das geringste Anzeichen auf den Einsatz schweren Geräts. Ruhige Stimmen von jenseits des Schilds, mehr nicht.

Ich warte mit den Autos. Ein Motorrad von hinten. Macht Anstalten, sich am Schildträger vorbeimogeln zu wollen. Die Geste Schaufel an rotem Schild kenne ich schon. Reicht auch dem Motorradfahrer als Argument.

Ça va encore durer?

Non, non, ça n’va pas tarder. T’inquiète!

Gleich geht’s weiter. Kein Grund zur Beunruhigung. Alles ist ruhig. Vogelgezwitscher. In der Ferne ein Zug auf der Strecke nach Nizza. Musik aus Autoradios. Von weiter hinten gelegentliches, ungeduldiges Dauerhupen. Wendemanöver. Das ist mühsam und langwierig auf der engen Straße mit den metertiefen Gräben zu beiden Seiten. Fünf Minuten später noch ein Motorrad. Immer noch Rot.

Ça va encore durer?

Non, non, ça n’va pas tarder. T’inquiète!

Keine fünf Minuten später dreht der Bauarbeiter tatsächlich sein Schild auf grün und tritt zur Seite. Ganz unvermittelt. Autos starten mit aufheulenden Motoren und quietschenden Reifen. Und kommen nur wenig später wieder zum Stehen. Aus der Ausweichbucht von den Ausmaßen eines zweitürigen Kompaktwagens ragt links ein Kleinlastwagen bis in die Mitte der Fahrbahn. Dahinter die Fahrzeuge aus der Gegenrichtung. Die Rugby-Spieler mit Schaufel, scheint es, haben ihre Schilder zeitgleich auf Grün gedreht.

Da entwickelt sich ausgezeichnetes Potential für ein Vollkasko-Ereignis bis hin zum wirtschaftlichen Totalschaden im Rahmen einer cholerischen Krise. Das würde jede Versicherung verstehen.

Schade eigentlich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Das Blaue vom Himmel (3)

Worin unterscheiden sich japanische, indische und französische Informatiker der Automobilindustrie?

Japanische Informatiker kümmern sich um die Motorsteuerung zur Verschleierung tatsächlicher Abgaswerte unter anderem bei Toyota. Machen sie im straff hierarchisch organisierten Team. Liefern kompatible Software zum Beispiel auch an Mercedes-Benz, Ford und Fiat. Die entsprechenden Programmzeilen werden vermutlich unauffindbar bleiben.

Bei BMW in München hat ein indisches Programmiergenie die Stickoxide einfach verschwinden lassen. Dieselmotoren aus Bayern produzieren keine Stickoxide. Das größte Problem war, Spuren von Schadstoffen für die Testroutinen beim Kraftfahrtbundesamt zu inszenieren. Der Glaubwürdigkeit wegen.

Die französischen Informatiker haben allesamt in den besten Schulen von Paris studiert. Überzeugende Selbstdarstellung ist ein Kernpunkt der Ausbildung. Absolventen zehren für den Rest ihrer beruflichen Karriere vom Bewußtsein ihres elitären Status. Das französische Team ist trotzdem schon vor Jahren bei Renault aufgefallen wegen Unzulänglichkeiten im Obsoleszenzmanagement. Zuviele Ausfälle während der Garantiezeit. Liegt an ihrer mangelnden Teamfähigkeit. Abgeschoben zur rumänischen Tochterfirma sollten sie deren Basismodell optisch in die Nähe eines Porsche Carrera programmieren. Herausgekommen ist dabei ein Nissan Juke. Nach diesem Mißerfolg verdiente sich das Team bei Volkswagen neben sattem Honorar einen Phaeton mit selbstprogrammiertem Motor als Prämie. Immerhin. Der muß nun leider zurück in die Werkstatt. Vielleicht kriegen sie ihn bis Ende 2016 als gebrauchten Up! zurück.

Was fällt auf?

Erstens: Deutsche Informatiker treten nicht weiter in Erscheinung. Auch die deutschen Techniker nicht. Zumindest nicht die von Volkswagen. Seit dem lässigen Gastauftritt des französischen Teams in Wolfsburg, welcher sich der gesamten Belegschaft als überaus charmant ins Gedächtnis geprägt hat, kann sich eigentlich keiner mehr erklären, was die hauseigenen Motor- und Umwelttechniker wirklich den ganzen Tag machen.

Zweitens: Auch die coolen Programmierer aus dem Silicon Valley fallen in diesem Zusammenhang nicht auf. Die kümmern sich vorwiegend um Werbung. Und deren kontextsensitive Schaltung allenthalben. Die Neffen von Mark Zuckerberg verdienen sich gerade ihre ersten Milliarden mit subtilem Marketing für Volkswagen. Die Nerds in Fort Meade fallen noch viel weniger auf. Dabei war es doch die Spionage-Software des NSA, die über die Zeilen der Mogelsoftware in deutschen Dienstwagen stolperte.

Sagt nur keiner.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Das Blaue vom Himmel (2)

Thomas Zahn, der Leiter von Vertrieb und Marketing bei Volkswagen Deutschland, bringt sein tiefstes Bedauern zum Ausdruck. Klar, er hat mein Vertrauen enttäuscht und ist sich dessen bewußt. Mit meinem Siebensitzer, made in Germany, wollte ich einen Schlußstrich ziehen unter eine Serie unerquicklicher Abenteuer mit Produkten der einheimischen Automobilindustrie. Und nun das! Mein Neuwagen von Volkswagen ist eine Mogelpackung! Eine von acht Millionen in Europa alleine. Die Aussage auf der Seite bei VW ist eindeutig: Der in meinem Fahrzeug „eingebaute Dieselmotor vom Typ EA189 ist von einer Software betroffen, die Stickoxidwerte (NOx) im Prüfstandlauf (NEFZ) optimiert.“ Betroffen! Der Motor ist betroffen. Soll ein bißchen wie ein Krankheitsfall klingen. Zufall, Pech. Kann ja mal passieren. Aber, zum Glück, und da soll ich wohl wirklich beruhigt sein, Volkswagen wird alles tun, um mein „Vertrauen vollständig wiederzugewinnen“, „mit Hochdruck“ wird an einer Lösung gearbeitet. In meinen Ohren klingt das wie die Worte von Manu, dem Autohändler. Der Turbolader im Renault war nach vier Tagen kaputt, aber – „ne vous inquiétez pas!“ – ich solle mich nicht beunruhigen. Thomas Zahns „Hochdruck“ entspricht von der Intention her womöglich Manus „ne vous inquiétez pas!“ – Beschwichtigung um jeden Preis. Das Blaue vom Himmel. Fünf Wochen dauerte die Reparatur bei Manu. Florian H., der mir in VW-Niederlassung das Auto verkauft hat, ist zur Zeit nicht ansprechbar. Aber was sollte der mir auch Neues erzählen?

Ganz früher, kurz nach dem Abitur, war ich stolzer Besitzer eines „Bulli“ von Volkswagen. T2. Baujahr 1973, glaube ich, 50 PS für eine gute Tonne Auto. Stickoxide gab es damals noch nicht. Ziemlich morsch, Rost überall, die Heizung ließ sich nicht ausschalten. Die Heckklappe samt Anti-Atomkraft-Sonne war ölverschmiert, weil wohl irgendwas im Ölkreislauf undicht war. Ich verwendete meinen Bulli als spartanisch eingerichtetes Wohnmobil. Und war damit in Südfrankreich unterwegs. Alle zweihundert Kilometer mußte ich einen Liter Öl nachschütten. Autobahnen konnte ich mir nicht leisten. War aber egal, mein T2 schaffte ohnehin nicht mehr als 108 Stundenkilometer. Steigungen, auch kleine, konnte er am besten im zweiten Gang. Aber auch das war egal, im Lubéron und in der Camargue und auf dem Weg dahin war ganz klar der Weg das Ziel. Das muß 1982 gewesen sein. Frühsommer.

Auf Seite 2 der regionalen Tageszeitung findet sich ein Bericht über den aktuellen Abgasskandal bei Volkswagen und mögliche Konsequenzen für die Kunden. Unter anderem kommen zwei Experten zu Wort. Die erläutern, daß der Motor in meinem Touran sehr wohl imstande wäre, die Vorgaben einzuhalten, allerdings auf Kosten der Leistung. Ein 150-PS-Motor würde dann vielleicht noch 110 bringen. Sagen die Experten. Mein Touran hat 105 PS. Das reicht gut für zielgerichtetes Fahren. Ohne Spielräume für sportliche BMW-Allüren. Schneller als 130 km/h darf ich in Frankreich sowieso nicht fahren. Nach Korrektur der Mogelsoftware zur Motorsteuerung würden von den 105 – Dreisatz – nur noch 77 übrigbleiben. PS. Das würde mich vom Fahrgefühl her nach 1982 – Frühsommer, Sonne, Südfrankreich – zurückversetzen. Der Weg als Ziel.

Entspricht nur leider nicht ganz meinen aktuellen Anforderungen an ein Fahrzeug. Im Rahmen meiner aktuellen Alltags-Anforderungen rückt das Ziel – Schule, Krankenhaus, Intermarché – eindeutig in den Vordergrund. Und der Weg soll nicht zum Problem werden.

Die entsprechende Seite bei Volkswagen Frankreich gibt sich übrigens deutlich trockener. Ehrlicher vielleicht. Herr Zahn tritt hier nicht Erscheinung. Auch nicht sein Pendant von Vertrieb und Marketing bei Volkswagen Frankreich. Von Bedauern und „Hochdruck“ hier keine Rede. Mein Auto sei mit einem Motor EA189 ausgerüstet. Aha, wußte ich schon. Dieser wird sich Maßnahmen zur Korrektur des Stickoxid-Ausstoßes zu unterziehen haben. Maßnahmen! Keine weiteren Erläuterungen zu diesen Maßnahmen. Es folgen ein paar Felder zur Eingabe der persönlichen Daten. Man würde mich auf dem Laufenden halten. Baldmöglichst. Kein „Hochdruck“, wie gesagt, kein Bedauern. Immerhin, wie bei volkswagen.de, sinngemäß von Herrn Zahn abgeschrieben: „Wir versichern Ihnen jedoch, dass Ihr Fahrzeug technisch sicher und fahrbereit ist!“ Immerhin. Dann wird ja alles gut.

Ne vous inquiétez pas!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Das Blaue vom Himmel

Für den Wagen kann ich Ihnen vielleicht noch fünfzehnhundert geben. Mehr ist da nicht drin. Die Kilometer. Soviel Kilometer! Und die Dieselpumpe muß ja erst noch ersetzt werden. Und wer weiß, was der Wagen noch alles hat. Da muß ohnehin erstmal der Speicher des Bordcomputers ausgelesen werden. Täte ihm ja leid, sagt der Vertragshändler meines Vertrauens und guckt ganz betroffen. Gefühlt wäre mein Auto noch gut dreitausend Euro wert gewesen.

Mit etwas Glück, und weil man ja Stammkunde ist und den Nachfolgewagen mit soviel weniger Kilometern auch bei ihm kaufen will, schlägt er vielleicht noch dreihundert auf. Je nachdem, was der Wagen noch alles hat. Als ob er nicht auch ohne Auslesen wüßte, was der Wagen noch alles haben könnte. Seit Jahren kommt er alle sechs Monate mindestens in die Werkstatt. Aber, na ja, sei’s drum, weg damit. War doch ein bißchen viel Ärger mit der Kiste in den letzten Monaten. Die Kupplung, die Zylinderkopfdichtung. Der Kompressor der Klimaanlage. Der Antrieb des Schiebedachs. Blinker, Radio, Kühlwassersensor. Elektronische Phänomene. Die Gurtstraffer, die einfach so zünden, ohne Anlaß, völlig unvermittelt. Wer weiß, das nächste Mal schlägt mir womöglich der Airbag ins Gesicht. Ganz überraschend. Weg damit! Mit dem Neuen, auch ein Gebrauchter, aber weniger als vier Jahre alt und nur knapp über fünfzigtausend Kilometer, natürlich unfallfrei und scheckheftgepflegt, wird alles besser werden. Bestimmt. Der Vertragshändler gibt sich zuversichtlich. Weiß Gott, woher Automechaniker ihre Zuversicht nehmen im Gebrauchtwagenverkauf!

Kaum werde ich mich von meinem Alten, dem Sorgenkind mit den vielen Kilometern auf dem Zähler, getrennt haben, nach einem letzten melancholischen Blick ins Armaturenbrett, wird der Mechaniker seinen Computer anschließen. Den Speicher auslesen. Denkbar, daß ihm der Ansprechpartner seiner automobilen Vertragsfirma den Zugangsschlüssel zum Menüpunkt für „Besondere Einstellungen“ verraten hat. Den für eine radikale Korrektur des Kilometerstands zum Beispiel. Oder für die Aktivierung verschiedener Sollbruchstellen. Eine kleine Modifikation in den Parametern des einen oder anderen Sensors hat über kurz oder lang Auswirkungen zum Beispiel auf die Dynamik des Turboladers. Früher oder später ist er reif, zum Beispiel der Turbolader. Reif für einen Austausch. Vielleicht läßt sich bei dieser Gelegenheit überhaupt ein kleiner Störcode einflechten in die Hauptsoftware des Bordcomputers. Hat ihm der Herr im Anzug auf einem USB-Stick zugesteckt. Als mp3 getarnt. Können Sie auf alle Modelle der Baureihen ab 2005 aufspielen, hatte er gesagt. Sichert Ihnen die Kunden auf Jahre hinaus, ergänzte er mit einem Augenzwinkern. Natürlich mit Vorsicht einzusetzen, solange das Jahr Händlergarantie noch nicht abgelaufen ist. So einfach funktioniert Kundenbindung heutzutage.

Das war früher schon komplizierter mit der Kundenbindung. Früher, in der Ära vor der automobilen Digitalisierung, waren noch profunde Kenntnisse der Mechanik gefragt. Und vor allem zielgerichtetes und entschlossenes Eingreifen. Zielgerichtet und entschlossen, aber diskret. Ein Hauch Metallspäne ins Radlager zum Beispiel. Kann keiner nachweisen. Ein paar Schrauben lockern an der Zylinderkopfdichtung. Eine Vierteldrehung höchstens. Spätestens ein halbes Jahr später kommt der Kunde wieder. Ein beherzter Hieb mit dem Schraubenzieher in einen Auspufftopf. Früher mußte man alle naselang was am Auspuff  wechseln. Im Zeitalter der Digitalisierung rostet kein Auspuff mehr. Nicht mehr nötig. Oder eine lose Beilagscheibe im Zündverteiler. Eine Beilagscheibe? Im Zündverteiler? Der Mechaniker weiß sich nicht zu erklären, wie die dahin gekommen sein soll. Schulterzucken. Suggestive Vermutungen höchstens. Besonders geschickt, weil das gleichzeitig den Kunden kulpabilisiert. Der Kunde wird nie wieder wagen, die Motorhaube auch nur anzufassen. Besser so.

Heutzutage geht das alles digital. Ganz sauber. Ohne Schraubenzieher. Ein paar kreative Programmzeilen direkt aus der Konzernzentrale und wenig später fallen die erstaunlichsten Komponenten aus. Komponenten, von denen der Laie nie gehört hat. Kein Sensor, der Fehlfunktionen nicht auf Zufallsbasis signalisieren könnte, kein Regler, der nicht entgleisen könnte. Orangefarbene und rote Leuchten im Cockpit. Der Diagnosecomputer findet dann jeden denkbaren Fehler. Und mein Mechaniker kann mir eine nette Interpretation dazu erzählen. Meist bin ich irgendwie selbst schuld. Oder das Auto. Was erwarten Sie denn bei dem Kilometerstand? Schulterzucken. Wird mindestens zweihundert Euro kosten. Leider. Betroffenheit. Plus Stundensatz. Plus Mehrwertsteuer. Zumindest das hat sich nicht geändert.

Besonders dankbar ist die Simulationsfunktion. Ein Bauteil simuliert seinen Totalausfall. Und läßt sich mittels Mausklick reparieren. Den Wagen natürlich der Glaubwürdigkeit halber mindestens drei Tage dabehalten, was von Lieferengpass erzählen und mehr als vierhundert Euro veranschlagen. Leider. Plus Stundensatz. Betroffenheit. Plus Mehrwertsteuer. Wenn ein Kunde mal nachfragt, kann man ihm immer noch irgendein ölverschmiertes Teil aus der Sammlung zeigen. Welcher Laie kann schon einen Turbolader von der Kühlwasserpumpe unterscheiden?

Mein Neuer ist einer von denen mit evident getürkter Ökologie. Intelligente Software produziert geschönte Abgaswerte. Nicht diskret genug. Nicht intelligent genug. Auf seiner Heckklappe klebt rechts unter dem TDI – das I rot, warum auch immer – ein Schriftzug „BLUEMOTION technology“. Mit blauem BLUE. Was auch immer das heißen mag. Blaue Bewegung? Blau in Bewegung? Welches Blau? Das Blaue vom Himmel? Soll keiner sagen, man wäre nicht dezent, poetisch geradezu, auf die Lügen hingewiesen worden.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Funkloch

Ich komme aus dem Dienst und fühle mich etwas angegriffen. Und das, obwohl mich keiner gestört hat. Weder Chirurgen noch Hebammen, weder Notaufnahme noch Intensivstation oder wer da sonst einen Grund finden könnte, mich um 01:54 Uhr oder 03:37 Uhr anzurufen. Nein, ich fühle mich angegriffen, weil mein Bett unter mir zusammengebrochen ist! Zweimal. Gefühlt Hebammen- oder Chirurgenzeit. 01:54 Uhr oder 03:37 Uhr. Nein, so fett bin ich nicht! Ikea aus den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Oder, schlimmer noch, das französische Äquivalent zu Ikea aus den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Da darf so ein Lattenrost – Latte für Latte – schon mal nachgeben. Warum aber gerade heute Nacht? Schlecht geschlafen also. Die Kaffeemaschine im OP wird gerade entkalkt. Wie kann man auf die Idee kommen, eine Kaffeemaschine zur Frühstückszeit zum Entkalken außer Betrieb zu nehmen? Meine Ablösung auf der Intensivstation kommt eine gute Viertelstunde verspätet. Tut ihr immerhin leid, der Ablösung. Nach der Übergabe riecht es im OP nach Kaffee. Zu spät. Ich muß weg. Ich habe mir ein straffes Programm gemacht für heute.

Zuhause Chaos. Offenbar eiliger Aufbruch der Mitbewohner. Festbeleuchtung im ganzen Haus, ein Berg Schmutzwäsche vor der Waschmaschine. Frühstücksruinen auf dem Küchentisch, die Spülmaschine nicht ausgeräumt. Für den Renault aus unserem Fuhrpark – der mit inzwischen repariertem Turbo –  habe ich ein Date zur révision. Der Schlüssel ist weg. Unauffindbar. Das fehlte mir noch! Meine Familie nicht ansprechbar. Meine Frau geht gerne ohne Telefon in den OP. Die Handys meiner Söhne sind einfach aus. Wahrscheinlich sind die Batterien am Ende. Die Handys meiner Söhne müssen oft ohne Batterieladung auskommen. Oder ohne Funknetz. Ich finde den Schlüssel schließlich in der Schmutzwäsche. In einer Hosentasche. Nach über zwanzig Jahren Kinderaufzucht bin ich ein geübter Sucher! Manchmal finde ich auch was.

Der Chef bei Renault nimmt mein désolé mit einem Nicken zur Kenntis und kommentiert nur trocken c’est pas trop tôt. Genauere Erläuterungen zum Schlüssel in der Schmutzwäsche interessieren ihn vermutlich genauso wenig wie der berstende Lattenrost im Krankenhaus. Er wäre nicht sicher, ob der Wagen heute noch fertig würde. Egal.

Kurz nach zehn fällt mir auf, daß die Putzfee ja noch gar nicht im Haus ist. Die Putzfee kommt immer dienstags. Seit drei Wochen heißt sie Élodie. Piercing in der Unterlippe rechts. Letzte Woche hatte sie einen Arzttermin vor ihrem Einsatz bei uns. Die Woche davor gab es, glaube ich, ein Problem mit dem Hund. Ihr Einsatz bei uns ist eigentlich für vier Stunden zwischen halb neun und halb eins vorgesehen. Vielleicht kommt sie ja gar nicht heute. Käme mir sehr gelegen.

Kaum denke ich das, kaum denke ich mir, wie schön das wäre, wenn die Putzfee heute gar nicht käme, warum auch immer, Arzt, Hund, Auto meinetwegen, geht die Tür. Élodie. Heute ist ihr Rücken der Grund für die Verspätung. Le dos bloqué. Sieht auch wirklich angegriffen aus. Sie hatte eine Nacht wie in der Hölle. Hat kein Auge zugetan. Sagt sie. Wenn es so schlimm wäre, solle sie doch besser zuhause bleiben. Nein, nein, sagt sie, geht schon. Dann doch. Schade. Später kreischt sie oben irgendwo. Spinne? Skorpion? Maus? Eine Putzfee mit Arachnophobie? Nein, der Hamster war’s. Der Hamster meiner Tochter hatte Élodie angekrabbelt. Der Käfig war offen geblieben. Mal wieder. Ein Glück, das dies der Katze nicht aufgefallen war!

Ich werde versuchen, ein Zeitfenster für eine kleine Sieste zu finden. Am besten draußen. Außer Hörweite von Élodie. In der Sonne. Am besten gleich. Und das Telefon im Funkloch lassen.


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bertram@diehl.fr


Weihnachten

Allô?

Ich erkenne an der Nummer, wer mich da anruft. Ich melde mich trotzdem mit Hallo?, weil alle das so machen.

Allô?

Das ist Manus Bruder. In Frankreich wird – auch weit jenseits des Zeitalters aufkommender analoger Telekommunikation – zunächst die Stabilität der Leitung geprüft.

Oui, bonjour, c’est Monsieur Diehl!

Sage ich, als ob er das nicht wüßte. Er hat mich ja aus seinem Telefon selbst angerufen. Machen aber alle so.

Bonjour, c’est le Père Noël!

Der Weihnachtsmann! Gestern mußte ich am Telefon laut werden mit Manus Bruder. Ein bißchen teutonisch, ich muß es zugeben. Ich konnte meine Genetik nicht mehr unter Kontrolle halten. Manus Bruder bezieht sich auf meine Ansage, ich wäre nicht gewillt, bis Weihnachten auf die Dämpfer der Heckklappe zu warten. Manus Bruder kann richtig komisch sein. Er ist der Weihnachtsmann! Und das, obwohl er im Laden immer die Drecksarbeit machen muß. Immer ist er mit dem Staubsauger unterwegs und der Werkzeugkiste. Wenn er morgen immer noch witzig ist, grillen wir demnächst zusammen.

Manu selbst ist der Patron. Manu ist deutlich weniger witzig. Er ist Gebrauchtwagenhändler. Er muß sich um den Papierkram kümmern. Unter anderem. Für jedes Auto ein Kraftumschlag in DIN A 5. Die Umschläge ihrerseits in kleinen Plastikkisten, etwa zwanzig pro Kiste. So ist Papierkram anstrengend. Er verkauft direkt an der Nationalstraße Autos, die sonst keiner mehr verkauft. Zur Zeit steht eine ganze Flotte Renault von der Post auf seinem Hof. Gelbe Lieferwagen jeder mit rund einer halben Million Kilometern auf dem Zähler. Neulich konnte man da auch was Großes von Mercedes-Benz sehen, aber das war vermutlich Manus Eigenbedarf. Mir hat er Ende Juli (Juli! Da war noch Sommer, das war vor sieben Wochen) einen grausilbernen Renault verkauft. Zehn Jahre alt, aber in Ordnung. Für mich als Laien zumindest in Ordnung. Das Auto fährt geradeaus, alle Gänge funktionieren, die Bremsen bremsen gleichmäßig. Keine unangenehmen Geräusche, keine Ölspuren. Eine Schlüsselkarte muß neu programmiert, die Klimaanlage aufgefüllt werden. Okay. Was will ich erwarten zu dem Preis? Und die Dämpfer der Heckklappe funktionieren nicht. Er will mir allerdings Ersatz beschaffen. Bis morgen, spätestens übermorgen. Ende Juli.

Ne vous inquiétez pas.

Dann, vier Tage und keine hundert Kilometer später, ließ mich der Renault mit defektem „Turbo“ auf der Autobahn im Stich. Manu selbst ist, wie gesagt, weniger witzig als sein Bruder, auch weil er sich nicht nur um den komplizierten Papierkram in den Kistchen kümmern muß, sondern auch um die Reklamationen. Meine Reklamation hat ihm gar keine Freude bereitet. Ich habe ihn über Wochen jeden Tag angerufen, fast jeden Tag. Meine Enttäuschung nicht verhehlt. Meinem Ärger gelegentlich freien Lauf gelassen. Mit dem Rechtsanwalt gedroht. Teutonische Veranlagung eben. Manu blieb gelassen:

Ne vous inquiétez pas! Je m’en occupe. Je vous tiens au courant!

Bleiben Sie ganz ruhig! Ich kümmere mich darum. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Aber, das müßte ich verstehen, es wäre immerhin August und der Hersteller und sein Lieferant und der Lieferant des Lieferanten wären wohl im Urlaub. Ich rufe Sie an, wenn der Turbolader da ist. Fünf Wochen lang. Fünf! Fast jeden Tag. Jedes Mal der gleiche Text. Ne vous inquiétez pas! Aber ich müßte auch verstehen und so weiter. Für teutonische Veranlagung blieb ich sehr gelassen. Finde ich.

Letzte Woche waren der Turbo-Hersteller und die Lieferantenkette endlich aus den Sommerferien aufgewacht und Rachid, Manus Mechaniker, würde das Teil einbauen. Morgen, spätestens übermorgen. Tatsächlich konnte ich den Renault zwei Tage später abholen.

Die Heckklappendämpfer waren über dem ganzen Ärger mit dem Turbolader leider in Vergessenheit geraten. Der witzige Bruder übernahm. Da wußte ich aber noch nicht, wie witzig der Bruder sein konnte.

Ne vous inquiétez pas! Je m’en occupe. Je vous tiens au courant!

Das war nun eindeutig zuviel für meine teutonische Veranlagung. Das kannte ich schon vom seinem Bruder, dem Patron. Ich konnte nicht mehr anders, als meinem Ärger freien Lauf zu lassen, mit dem Rechtsanwalt zu drohen und auf den Einbau der Dämpfer deutlich vor Weihnachten zu bestehen. Das war gestern.

Heute ist Weihnachten.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Elternabend

Ab 17:30 Uhr. Mein Sohn hätte mir nichts davon erzählt. Hätte es wahrscheinlich unauffällig unter den Tisch fallen lassen. Und ich hätte eine gute Entschuldigung gehabt, nicht dort gewesen zu sein. Bei der Durchsicht seiner Schulsachen geriet mir der Zettel zwischen die Finger. Zufällig. Petit rappel! Rencontre professeurs-parents 17:30 heures le 14 septembre. – Kleine Erinnerung! Elternabend am 14. September um 17:30 Uhr. Ein Zettel in verbessertem Briefmarkenformat. Manchmal entwickelt diese Schule ökologische Anwandlungen. Daß so winzige Zettelchen auch verlorengehen können, ist vielleicht auch Absicht. Je weniger kleine Erinnerungen von Eltern gefunden werden, desto weniger davon kommen. Desto weniger unangenehme Zwischenfragen und vor allem, desto schneller Feierabend. Lehrer sind auch nur Menschen.

17:30 Uhr ist eine tendenziell sportliche Herausforderung. Ich muß die Kinder nach Schulende um halb fünf zum Schwimmtraining ins Bad am Hafen bringen und im Pendlerverkehr zurück zur Schule kommen. Und dann, vor allem, einen Parkplatz in der Nähe der Schule finden. Im Eingangsbereich zum Auditorium, wo dieser Elternabend eigentlich stattfinden sollte, hängen Zettel aus. Programmänderung: Jede Klasse hat einen individuellen Raum. Es gibt vier Klassen 5ème. 1 bis 4. Woher soll ich denn wissen, in welcher 5ème mein Sohn ist? 2 vielleicht? Hat er zwei gesagt? 2 kommt mir bekannt vor. Im entsprechenden Raum sehe ich Arthur. Arthur, weiß ich, ist in der Klasse meines Sohnes. Vor Arthur ist noch ein Platz frei.

17:38 Uhr auf der Uhr an der Wand. Eigentlich ganz gut im Timing.

Vorne spricht eine dunkelhaarige Mittvierzigerin in knallgrünem Blouson über schwarzer Kombination. Sie trägt eine Brille und ein Dauerlächeln.

Qui c’est? frage ich Arthur. Wer ist das?

Madame C., la prof principale.

Die Klassenlehrerin. Die Klassenlehrerin unterrichtet die Naturwissenschaften. Physik, Chemie, Biologie. Für Physik und Chemie braucht der Schüler einen Kittel. Der Kittel sei keine Option, der Kittel ist ein Muß, sagt sie. Ohne Kittel keine Teilnahme am Physikunterricht. Man kann den Kittel allerdings auch im Schülerbüro leihen. Ein Euro pro Unterrichtseinheit würde den Eltern dann in Rechnung gestellt werden. Das wäre nicht viel, sagt sie mit ihrem Lächeln, sondern mehr so als edukative Maßnahme gedacht. Aha. Edukative Maßnahme? Sollen die Eltern erzogen werden? Kauft Eurem Kind endlich einen Kittel! Anschließend fällt ihr ein, daß ja noch wichtige Unterlagen zu verteilen sind. Neun Blätter, einseitig bedruckt. Da hat die Schule ihr ökologisches Gewissen klar verdrängt. Wichtig ist wichtig. Das mit dem Kittel für Physik steht nicht drin. Die Schulordnung aber ist abgedruckt, die Planung der Klassenarbeiten, der Stundenplan. Der Stundenplan ist kompliziert. Zwei Blätter Anhang. Jede Woche ist ein bißchen anders. Unterschiedlich anders für die Schüler der Englisch-Gruppe und der Deutsch-Gruppe. Zwischenfrage aus dem Publikum:

Haben die Schüler das verstanden?

Sie wüßte, daß das nicht ganz einfach wäre, aber die Schüler haben das verstanden, sagt Madame C.. Ein Aufatmen geht hörbar durch die Reihen. Niemand mehr folgt den Ausführungen der Klassenlehrerinnen.

Maman! – Maman!

Arthur ruft im Flüsterton seine Mutter. Die sitzt ein paar Tische weiter rechts. Die Mutter reagiert erst auf wiederholte Ansprache.

Quoi?

Arthur möchte seine Teilnahme an der Réunion beenden, den Raum verlassen.

Tu me soûles!

Du gehst mir auf den Geist, zischt die Mutter. Erstaunte Blicke ringsum. Redet man so mit seinem Kind? In der Öffentlichkeit? Andererseits kann man Arthur verstehen. Er ist der einzige anwesende Schüler. Das nervt auch. Ich verstehe Arthur. Mit Arthur verbinden mich außerdem gemeinsame Erinnerungen. Seinetwegen hatte ich mich einen Mittwoch Nachmittag bei der Grundschulleiterin einzufinden. Arthur war Opfer einer ganz ungewöhnlichen Aggressivität meines Sohnes geworden. Arthur nervt manchmal durch seine penetrante Art. Okay. Der aggressive Ausbruch meines Sohnes war dennoch unverhältnismäßig. Richtig. Die Grundschulleiterin versuchte durch subtile Psychologie unser häusliches Gewaltniveau auszuloten. Fragen zu Geschwistern, Computerspielen, Internetkontrolle, familiären Dissonanzen. Machte sich Notizen. Letztendlich konnte sie von einer Benachrichtigung des Jugendamts offenbar absehen. Mein Sohn mußte einen Brief zur Entschuldigung verfassen.

Eine grauhaarige Dame in beigefarbener Kombination hat ihren Auftritt. Die Englischlehrerin. Schmallippig spricht sie über die Wichtigkeit des Englischen der heutigen Zeit im allgemeinen und die ihres Unterrichts im Besonderen. Mündliche Mitarbeit und Vokabeltraining wären die Grundfesten ihres Unterrichts. Und die Hausaufgaben. Diese häufig anhand der CD im Lehrbuch. Es gäbe schon, jetzt schon, Schüler, die diese Hausaufgaben nicht machen würden. Diese Schüler würden mit ernthaften Konsequenzen zu rechnen haben. Ich nehme mit vor, die Englisch-Hausaufgaben meines Sohns engmaschig zu hinterfragen. Dann fällt mir ein, daß mein Sohn zur Deutschgruppe der Klasse zählt. Mit dieser Dame wird er dieses Jahr nichts zu tun haben. Ein Glück.

Dann tritt der Sportlehrer auf. Werden hier alle Lehrer dieser Klasse ihren Auftritt haben? Religion, Kunst, Geschichte, Geographie? Deutsch, Latein? Jeder mit mindestens zehn Minuten Redezeit? Das verspricht, eine richtige Réunion zu werden. Der Sportlehrer ist etwas kurz geraten, kräftig, mit deutlichem Bauchansatz. Goldkettchen. Ein buntes T-Shirt „Key West, Florida„, bunte Palmen. Spannt ein bißchen über dem Bauchansatz. Nicht wirklich der Sportlehrertyp. Vor allem spricht er mit schweren Akzent aus Marseille. Das kostet ihn bei uns, hundert Kilometer weiter östlich, jegliche Glaubwürdigkeit. Er referiert trotzdem über sein Programm, welches durch den komplizierten Stundenplan nur schwer zu halten sein würde, von der Notengebung und von seiner Tischtennis-AG nach dem Mittagessen. Noch Fragen? Keine Fragen. Bedankt sich für die Aufmerksamkeit und wünscht einen schönen Abend.

Danach kein weiterer Gastauftritt aus dem Kollegium. Fehlt nur noch die Wahl des Elternsprechers. Es gibt nur eine Kandidatin. Somit könnten wir wohl von einer geheimen Wahl absehen, meint die Klassenlehrerin. Zustimmendes Raunen aus dem Publikum. Noch Fragen? Keine Fragen. Die Klassenlehrerin bedankt sich für unsere Aufmerksamkeit und wünscht uns einen schönen Abend.

18:17 Uhr zeigt die Uhr an der Wand. Wow! Das war phänomenal straff für einen Elternabend! Phänomenal straff insbesondere für einen französischen Elternabend! Bleibt mir Zeit genug, meine Tochter auf 18:45 Uhr vom Training abzuholen. Die Uhr im Nachbarsaal, da ist der Elternabend auch schon zu Ende, zeigt allerdings 18:23 Uhr. Die Echtzeit auf dem Display meines Handys liegt bei 18:32 Uhr. Das ist wie bei mir im Krankenhaus. Dort ist vor ein paar Jahren die Zentraleinheit für die Uhren ausgefallen. Nur noch die Drähte aus der Wand sind geblieben. Daran hängen jetzt Küchenmodelle von Ikea. Jeder OP, jeder Kreißsaal hat sein eigenes Modell, seine eigene Zeit. Zeitangaben haben höchstens die Rolle eines groben Richtwerts.

Und die Tochter wird sich ein paar Minuten gedulden müssen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Central Park

Mein Exemplar der „Riviera – Das Magazin“, eine regionale, deutschsprachige Monatsschrift, kommt zum Monatsende in einem weißen Hartpapier-Umschlag, ist immer ein bißchen zerknittert. Ist mit fast DIN A 4 eben einen Hauch zu groß für den gängigen Briefkastenschlitz. Mit im Umschlag, als Beilage, etwas kleiner, deswegen wohl auch nicht geknittert, im August die Broschüre „Private Residences“ einer Immobilienagentur. Hochglanz, viel blauer Himmel, viel blaues Wasser. Hochglanz-Immobilien, immer mit Pool, meist mit „fantastic views“ aufs Meer. Ich versuche, mir die Zielgruppe dieser Broschüre vorzustellen. „Riviera – Das Magazin“ hatte ich bislang nur im deutschen Generalkonsulat von Marseille gesehen. Im Wartezimmer vor Personal hinter Panzerglas und Gegensprechanlage. In dieses Wartezimmer kommt man als Normalmensch eigentlich nur, wenn man seinen Reisepass erneuern möchte. Touristen stranden hier, wenn ihnen das Auto geklaut worden ist samt Fotoapparat und Kreditkarte. Und ihnen nicht mal der ADAC hilft. Das ist eher nicht die Klientel für die Zweitresidenz im mindestens siebenstelligen Eurobereich. Wahrscheinlich hat „Riviera – Das Magazin“ Abonnenten im Hinterland der Côte d’Azur oder in Le Lavandou. Deutsche Rentner, die auf das Schnäppchen mit dem richtigem Wahnsinns-Meerblick lauern.

Auch im Heft selbst geht es gerne mal um Immobilien. Diesmal das riesige Anwesen von Johnny Depp. Ein ganzes Dorf. Der Bericht darüber findet sich auf Seite 13. Wurde in Zusammenarbeit mit einem Herrn aus der Immoblienbranche verfasst. 23 Millionen. Keine vue mer allerdings. Schade bei dem Preis. Was will man mit den vielen Gebäuden anfangen, wenn man mit seinen zweihundert besten Freunden nicht ein Glas Rosé mit Sicht bis Korsika trinken kann? Wozu braucht man die ganzen Hektar Land, wenn man nichts von Oliven- oder Weinanbau versteht? Wahrscheinlich durfte Aila, die Redakteurin, das Anwesen immerhin mal besichtigen. VIP-Luft schnuppern mit dem Herrn aus der Immobilienbranche.

Aila ist laut Impressum überhaupt „die Redaktion“. Sie gehört in der Zeitung zu den Wenigen, die wirklich arbeiten. Oder die Anderen waren für die August-Ausgabe gerade im Urlaub. Aila hat den Löwenanteil an der Arbeit im Sinne von inhaltlichem Output, dem Hauptanliegen eines Druckmediums. Ohne die Kollegen aus dem Marketing, dem Vertrieb, dem Sekretariat ginge natürlich gar nichts. Das darf nicht unterschätzt werden. So wie Chirurgen ohne Anästhesie. Geht auch gar nicht. Frau Hall ist die Chefredakteurin. Frau Hall muß das Editorial schreiben. Vom Umzug der Zeitung berichten, einer Namensänderung des Magazins „aus rechtlichen Gründen“, Modifikationen unter anderem im Layout. Es klingt ein bißchen wie eine Rechtfertigung. Sechzehn Zeilen. Außerdem war die Chefredakteurin schön essen. Fisch. In einem traditionsreichen Restaurant, in dem auch schon Pablo Picasso dinierte und die Bardot. Früher mal ein Insidertipp. Heute gehobene Preisklasse. Ein paar Worte noch über Fürst Albert von Monaco und dem prächtigen Gedeihen der Wirtschaft im Felsenstaat sowie dem der kleinen Zwillinge. Die schlafen übrigens durch. Immerhin sechs bis sieben Stunden. Seite sieben. Das war’s. Den redaktionellen Rest machen Aila und ihre Praktikantin. Außer ihrem Bericht über das Anwesen von Johnny Depp findet sich ein Interview mit einem deutschen Fernseh-VIP, ein Bericht über die Auswilderung von Bartgeiern, Lieblingsstrände mit Öko-Prädikat. Alles von Aila. Dann kommt noch was Regionalkultur mit einem Veranstaltungskalender, Kurzberichte, „Neues aus dem Süden“. Kleinanzeigen, Immobilien noch, Stellengesuche, Impressum, Leserbriefe. Seite 28, zweispaltig mit Porträt, „Ehrenwort“. Das ist von mir. Auch das redaktionelle Feilen daran gehört meines Wissens zu Ailas Aufgaben. Das Feilen hat sie diesmal vielleicht der Praktikantin überlassen. Mit der Vorgabe, nicht mehr als eintausendzweihundert Worte zuzulassen. Und dann „abgenickt“. Abnicken scheint so ein Wort zu sein aus dem Jargon für Redakteure. Habe ich schon öfter gehört. Ich soll meine nachgeschliffenen Beiträge immer „abnicken“. Soll wohl auch zu verstehen geben, daß der bearbeitende Redakteur keine Lust hat, nach seinem persönlichen Feinschliff nochmal über die eine oder andere Wortwahl oder gar Passage nachzuverhandeln. Manchmal, eigentlich meistens, reicht es bei Aila ohnehin nicht zum Abnicken lassen. Wegen der ganzen anderen Jobs wohl, die noch erledigt werden müssen. Trotz Praktikantin. Egal.

Das günstigste Objekt der Beilage, ist übrigens ein Appartement für 1.180.000 € in Villefranche-sur-Mer, östlich von Nizza, 87 Quadratmeter, Blick auf den Pool der Anlage und selbstverständlich das Meer. Das könnte was sein für ein Rentner-Ehepaar. Würde endlich den Aufstieg aus Le Lavandou ermöglichen. Platz für Kinder und Enkel im zweiten Schlafzimmer. Großzügiger, anspruchsvoller, auf mehr Gäste ausgerichtet ist das Anwesen mit acht Schlafzimmern auf 650 Quadratmetern Wohnfläche in Saint-Jean-Cap-Ferrat, einer exklusiven Halbinsel im Osten Nizzas. Bessere Lage noch als Villefranche. Nur zweitausend Quadratmeter Grund. Dafür direkter Zugang zum Meer. 22 Millionen.

Das ist was für die, die im Frühjahr mit Blick über den Central Park residieren.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr