Todsünde

Hätte ich natürlich wissen können nach all den Jahren. Zu meiner Verteidigung kann ich außer mittelmäßiger Sprachbegabung nur anführen, daß bei uns zuhause vorwiegend deutsch gesprochen werden soll, alleine schon um den Kindern eine Ahnung ihrer Muttersprache zu erhalten. Wäre meine Frau Französin, hätte ich Monsieurs D.s Irrtum bestimmt sofort erkannt. Wenn man auch zuhause nur die fremde Sprache spricht, verliert sie von ihrer Fremdheit, beherrscht man sie irgendwann. Vielleicht sogar ohne diesen harten teutonischen Akzent. Sagen die Pfleger immer wieder, such‘ dir eine Maîtresse, dann geht der Akzent weg. Und du müßtest nicht mehr so oft nachfragen. Auch die Begriffe für die sechs anderen Todsünden wären mir geläufig. Möglicherweise. Monsieur D. ist da natürlich ein schlechtes Beispiel. Selbst Franzose, ist seine Frau wahrscheinlich auch Französin. Seine Maîtresse bestimmt auch. Hundert Prozent frankophones Umfeld. Franzose zu sein allein reicht wohl nicht für einen umfassenden Wortschatz.

C’est la première fois que ça m’arrive, sagte Monsieur D., 64 Jahre alt, um 21 Uhr am Montag Abend auf der Pritsche im Aufwachraum. Das ist das erste Mal, daß mir das passiert. Und ergänzt: c’est ma première luxure. Das ist meine erste luxure. Ihre erste was? Monsieur D. bleibt allen Ernstes dabei: luxure. Monsieur D. ist das Ebenbild des Wildschwein jagenden Galliers aus dem Hinterland um Forcalqueirat oder La Roquebrussanne: Übergewicht, Schnauzbart, trotz der Schmerzen rechts in der Hüfte aber eher humorig aufgelegt. Er hat zwei Hüftprothesen, die rechte noch ziemlich neu. Eine ungeschickte Bewegung beim Spazierengehen (!) und schon ausgekugelt. C’est ma première luxure. Pauline verfällt in schrilles Kichern – Luxure! Pauline ist die Anästhesieschwester für diesen Abend. Gilt als unnahbare Schönheit. Zeichnet sich aus meiner Sicht vor allem dadurch aus, daß sie in der Brandung der täglichen, lärmenden Improvisation des OP ein unerschütterlicher Fels der Professionalität bleibt, den Patienten stets kompetent zugewandt und absolut immun gegenüber all den kleinen anzüglichen Provokationen, die ihre männlichen Kollegen den Tag über so produzieren. Daher der Ruf der Unnahbarkeit. Umso erstaunlicher dieser kichernde Ausbruch.

Borislav findet luxure auch komisch. Lässt sich das Wort versonnen lächelnd ein paar Mal mit rollendem slawischem R auf der Zunge zergehen. Borislav ist bulgarischer Herkunft, deutlich jünger als ich, der Orthopäde, der gleich an Monsieur D.s Bein ziehen soll, um die Prothese wieder einzurenken.  Luxure ist offensichtlich nicht Bestandteil seines Wortschatzes. Ist ein neues Wort. So wie für mich auch. Ich kann nachempfinden, was Borislav denkt. Bislang war der Fachbegriff für das ausgekugelte Gelenk für mich die Luxation. Sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Manchmal ist Französisch ganz einfach. Nur die Aussprache ein bißchen anders. Kann man also auch luxure sagen, denke ich mir, aha. Wenn Monsieur D. luxure sagt, kann man wohl auch luxure sagen. Wenn da nur die schöne Pauline nicht so enthemmt kichern würde. Paßt aber in mein Bild des reichen Vokabulars dieser Sprache. Für jeden Begriff Synonyme in drei Sprachebenen. Schriftsprache, Umgangssprache und Slang. Wahrscheinlich das gleiche Prinzip für die meisten Sprachen. Im Französischen gibt es dann noch Verlan, die Jugendsprache, die Laute und Silben der Worte spielerisch in für Erwachsene unverständliche Neuschöpfungen verdreht. Luxure ist vielleicht das eher vulgäre Äquivalent von Luxation. Muß dazu eine ganz besonders schlüpfrige Nebenbedeutung haben. Irgendwas, was sogar Pauline zum Kichern bringt. Erst wikipedia bringt Aufklärung. Luxure ist die Wollust, eine der sieben Todsünden. Monsieur D. wurde heute Opfer seiner ersten Wollust. Das setzt seinen schmerzhaften Zustand natürlich in ein anderes Licht. Und bringt Pauline zum Kichern.

War vielleicht auch Monsieurs D.s Absicht. Natürlich kennt Monsieur D. die sieben Todsünden. Die Absicht war, die schöne Pauline zum Kichern zu bringen. Wildschweinjäger sind komischer als man denkt.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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So ähnlich abgedruckt in der Juli-Ausgabe 2016 der Riviera-Zeit.

Katzenbild

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Salut Christine,

ich war ja besten Willens, ehrlich, Ihnen doch frühzeitig zu antworten, letzten Donnerstag noch, wohl wissend, daß sich über das Wochenende keine Zeitfenster mehr auftun würden. Aber einerseits wollte ich vorher Ihren Duval – Mörderische Côte d’Azur – fertig gelesen haben und andererseits hatte ich schließlich doch noch zu tun in diesem Dienst. Geburtshilfe. Epiduralkatheter. Drei davon, der erste gegen elf, dann noch zwei zwischen Auflösung und Epilog. Am Ende war es halb zwei Uhr nachts, definitiv nicht mehr der Zeitpunkt, was zu schreiben. Höchstens ein kleines Sortiment Emoticons, Erschöpfung zum Beispiel zum Ausdruck bringend. Oder Anerkennung, netter Krimi! Außerdem hatte ich ein ungutes Gefühl zum Geburtsverlauf für zumindet eine der Damen. Fünf Uhr spätestens, war meine Prognose, bekäme die kleine Dicke mit Hohlkreuz aus Saal drei ihren Kaiserschnitt. Am besten also schnell noch was schlafen bis dahin. Manchmal kommt es schlimmer als man denkt. Donnerstag Nacht kam es schlimmer. Erst die aus Saal zwei, weil es dem Baby nicht mehr so gut ging. Die Herztöne. Zu schnell das kleine Herz im Basisrhythmus, zwischendurch zu langsam. Klare Indikation. 03:20 Uhr. Mit dem Gynäkologen von Donnerstag Nacht, Gilles, dem Chef de service, dauert Kaiserschnitt eine knappe Stunde. Einschließlich An- und Abtransport der Dame. Das geht. Andere sind weniger schnell. Danach war auch die kleine Dicke mit Hohlkreuz aus Saal drei soweit. Ganz gut, meine Prognose. Schwacher Trost. Stillstand seit gut zwei Stunden. Auch eine klare Indikation zum Kaiserschnitt. Den Rest des Tages komme ich nach solchen Nächten nicht über den Allgemeinzustand eines Zombies hinaus. Intellektuell gefühlt auf einem Niveau knapp über dem einer Katze zum Beispiel. Reicht für Intermarché, Wäsche falten und Mülleimer rausbringen. Schon Autofahren dabei äußerst risikobehaftet. Am Montag vor den Ferien erst hatte ich das erlebt. Beim Abholen der Kinder von der Schule. Den Kleinwagen vor mir einfach nicht gesehen. Oder schon nach links abgebogen vermutet. Nicht gesehen, daß er stattdessen auf halber Strecke stehen geblieben war. Es war knapp, kein gravierender Schaden. Der Stoßfänger des Kleinwagens einmal über die Länge meiner Fahrerseite geschrammt. Wie auch immer, kein Zeitfenster am Freitag. Katzen oder so schreiben nicht.

Léon, der Kommissar, ist ein netter Typ. Daß die Mutter seiner Kinder Distanz zu ihm schafft, weil er eben diese Kinder glatt zu vergessen neigt, kann man ihr nicht übel nehmen. Neugierig bleibt man am Ende natürlich zur weiteren Entwicklung mit Annie. Abgeschoben ins Hinterland, ist zu befürchten, daß da außer gelegentlichen Intermezzi nichts mehr passieren wird.

Nach dem Epilog kommen in meiner kindle-Ausgabe noch ein paar Seiten Autorin, Katzen, Verlag, Urheberrechte. Und dann kontextuelle Lese-Empfehlungen von Amazon. Der zweite Duval natürlich und, das fand ich wirklich überraschend, eine ganze Sammlung weiterer Südfrankreichkrimis von deutschen Autoren. Eine Seite wie eine bunte Briefmarkensammlung. Es gibt „Provenzalische Geheimnisse“ und „Provenzalische Intrige“ – warum eigentlich „z“ und nicht „ç“? – von Sophie Bonnet, eine „Tödliche Camargue“ von Cay Rademacher, „Ein Hauch von Tod und Thymian“ von Ignaz Hold. Und so weiter. Vorne drauf durchweg bunte Postkarten-Provence. In jedem Dorf der Provence haben Deutsche ihren Zweitwohnsitz und schreiben Krimis. Ob die alle von ihren Commissaires leben können? Auf der entsprechenden Seite bei Amazon findet man noch viel mehr. Der Frankreichkrimi wird in industriellem Maßstab betrieben. Weitere Autoren, andere französische Regionen. Manche schreiben unter ihrem richtigen Namen, Sabine Grimkowski verwendet ein Pseudonym. Sophie Bonnet ist das Pseudonym „einer erfolgreichen deutschen Autorin“. Warum eigentlich Pseudonym? Ist es peinlich, Krimis zu schreiben? Quatsch. Heike Koschyk schreibt eben noch eine andere Kategorie Krimis. Es geht auch um die „Atmosphäre“. Sagt sie in einem Interview mit dem NDR. Wahrscheinlich eine Marketing-Empfehlung des Verlags. Vermutlich gar nicht so abwegig. Manch germanischer Klarname, Torsten oder Annegret zum Beispiel, vermag nur wenig frankophilen oder gar mediterranen Flair zu vermitteln. Sophie und Christine machen sich da auf dem Cover besser.

Gerade zurück aus einer guten Woche Urlaub in der Bretagne kaufte sich meine Frau letztes Jahr „Un été à Pont-Aven“. Jean-Luc Bannalec. Das klingt echt bretonisch.  Ein Krimi passend zu gerade selbst gelebten Eindrücken. Sie war dann ein wenig enttäuscht, als sie der Tatsache gewahr wurde, daß es sich dabei um den ins Französische übersetzten Bestseller „Bretonische Verhältnisse“ handelte. Und der Autor eigentlich ein Deutscher in Frankfurt ist. Das meint Heike Koschyk – oder ihr Verlag – wohl mit atmosphärischer Wirkung. „Un été à Pont-Aven“ von Jörg Bong hätte meine Frau wohl nicht erworden. Vielleicht nicht einmal „Bretonische Verhältnisse“.

Mit dem Pseudonym verhält es sich wohl so wie mit Kinderfilmen und Katzenbildern bei Facebook und Youtube. Bringt mehr Aufmerksamkeit.

Cordialement!

Miez


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Aylan

Ystävänpäivä. Festlichkeit mit vier Ä. Zufallsfund bei Wikipedia. Finnisch für Valentinstag. War letzten Sonntag. Ein Feiertag mit ausgesprochen merkantilem Hintergrund. Ein Glanzbeispiel gelungenen Marketings. Tag des Blumenhandels wäre treffender. Ehrlicher. Wollte ich gerade deswegen bewußt ausfallen lassen. Zu merkantil. Geburtstag, Hochzeitstag, Weihnachten, Ostern reichen eigentlich als Gelegenheiten konsumlastiger Sypmpathiebezeugung. Finde ich. Meine Frau gab sich dann, Sonntagmorgen, jedoch überraschend wortkarg. Kein Schmuckstück, keine Einladung ins Fünf-Gänge-Restaurant. Nicht mal Blumen. Nicht eine einzige. Mein Verweis auf die blühende Magnolie im Garten, extrafrüh dieses Jahr, konnte mich auch nicht mehr retten. Meine Frau schmollte und brach auf zu einem kleinen Halbmarathon ans Meer. Gegen Mittag sollte ich sie abholen irgendwo am Strand Richtung Lavandou.

Nach Einkäufen zur Befüllung der Kühlschränke blieb noch Zeit für einen Abstecher zum Blumenladen. Gegen meine erklärte innere Überzeugung natürlich. Machtlos aber auch gegen gelungenes Marketing und die Traurigkeit meiner Frau. Und dann das: Hochbetrieb im Blumenladen. Schlange bis auf die Straße. Ganz offensichtlich war ich nicht alleine geblieben in meiner überraschten Machtlosigkeit gegen Marketing und häusliche Enttäuschung. Manche Kunden treten mit aufwendigen Gestecken auf die Straße, andere mit einer einzelnen langstieligen Rose in Zelophan. Nur Männer. Fast nur. Kaum Frauen. Ist der Valentinstag nicht ein Fest der Liebe? Wenn schon, dann doch irgendwie wechselseitig! Blumen für alle. Die Frauen aus meinem Dorf sind vermutlich besser organisiert, was diese Festlichkeit betrifft. Haben im Vorfeld Blumen gekauft oder Süßkram. Oder rechtzeitig auf die Magnolie vor dem Schlafzimmerfenster verwiesen.

In der Wartezeit nahm ich mir vor, zuhause die historischen Hintergründe des Valentinstags zu recherchieren. Es gibt sie, historische Hintergründe. Haufenweise. Man kann sie in römischer, vorchristlicher Zeit finden. Ein Opferfest für Juno, die Göttin der Ehe und der Fürsorge. Auch das römische Fest der Lupercalien kann als Vorläufer interpretiert werden. Geht um Fruchtbarkeit. Um den 14. Februar. Das kann kein Zufall sein! Später gleich zwei heilige Valentins, einer von Rom und einer von Terni. Terni ist auch nicht weit von Rom. Starben beide den Märtyrertod unter römischem Schwert. Der von Terni am 14. Februar, 269 oder so. Der andere ein paar Jahre früher oder später. Beide begraben an der Via Flaminia. Die Legenden vermischen sich. Reliquien davon jedenfalls überall in Europa. Bis 1969 eigener Gedenktag im römischen Generalkalender. Für den aus Terni. Immerhin. Viel später historischer Hintergrund bei den Engländern. Der Valentinstag gewann dort an Popularität aufgrund des Gedichts eines Geoffrey Saucer. 14. Jahrhundert. Der hat es zwar zu einem Grab in der Westminster Abbey gebracht, nicht aber zu einem Beitrag in der wikipedia. Lediglich sein Gedicht von 1383 zur Früh-Frühlings-Fertilität von Vögeln erzielte offenbar eine nachhaltige Popularität. Damals, Mitte Februar. Mit auswandernden Engländern kam der Valentinstag nach Amerika. Und nach dem Krieg mit den GIs auch auf das europäische Festland. Wasser auf die Mühlen der darbenden Floristik- und Süßwaren-Industrie. Deutlich lukrativer als Halloween.

In der Schlange vor dem Blumenladen, unter Nieselregen, das Gefriergut im Auto mittlerweile vermutlich aufgeweicht, war ich nach zehn Minuten versucht, trotz der Traurigkeit meiner Frau meinen Protest doch nicht aufzugeben gegen sonntägliches Konsumdiktat. Vielleicht würde es ja reichen, eine der Blüten aus dem Garten in eine Vase zu stellen. Dazu ein Zweig Mimose. Als nächstes würde ich für den Tag der Frau als Tag der Familie ein offizieller Gedenktag der Vereinten Nationen am 8. März wieder in der Schlange stehen. Zum Tag des Kindes würde Toys“R“Us auch am Sonntag öffnen. Du hast doch nicht etwa den Tag des Kindes vergessen, Papa? Pablo kriegt ein Spiel für seine PS/4. Notfall-Lego für betrübtes Kind. Auch der Tag der Arbeit oder nationale Gedenktage könnte ich mir als lukratives Ziel im Visier findiger Marketingstrategen vorstellen. Millionen von Brandenburger Toren in unterschiedlichsten Ausführungen, vorwiegend made in China, könnten zum 3. Oktober in Umlauf gebracht werden. Und dies mittels eher dezenten Konsumzwangs: Hast du schon eine Quadriga für deine Schwiegermutter?

In der Schlange vor dem Blumenladen, resigniert unter Nieselregen, entging mir auch nicht der groteske Aspekt meiner Mission: Während ich hier in der Schlange um eine Hollandrose in Zellophan mindestens zehn Euro auszugeben bereit bin, vor eher läppischem Hintergrund zudem und fremdbestimmt, schwimmen Tausende von Menschen durch die winterliche Ägäis und wandern durch frostige Balkanstaaten.

Ein Tag des Flüchtlings, zum 2. September beispielsweise, ließe sich nur schwer vermarkten.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Castrop-Rauxel

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Bigaradier klein

Worte sind wie Laub, wo sie im Übermaß sind, findet man selten Früchte darunter. Anton Kner

Für meinen Schwie­ger­vater stellt sein Fax­gerät das Maximum an tele­kom­mu­ni­ka­tiver Hoch­tech­no­logie im Haus­halt dar. Es gibt kein Internet bei ihm. Keinen Com­puter. Von einem Handy ganz zu schweigen. Aus Über­zeu­gung. Und der Angst vor erra­ti­scher Dys­funk­tion und damit ver­bun­denen kryp­ti­schen Feh­ler­mel­dungen. Erra­tisch dys­funk­tio­nelle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­logie kennt er nur aus seinem Umfeld. Du hast kein was? Kein Netz? Nimm doch das Telefon! Briefe schreibt er auf einer mecha­ni­schen Triumph-Adler aus den acht­ziger Jahren. Meine Frau wünschte, ihn nichts­des­to­trotz an meinen Texten aus dem Blog teil­haben zu lassen. Ein Online-Buchdrucker in Berlin gewährt ab 3 (drei) Exem­plaren 10 (zehn) Pro­zent Rabatt. Konnte der Schwabe in mir nicht wider­stehen. Narkoseprimat steht vorne drauf als Bezug auf einen Beitrag aus 2015 und mein Name. Dazu das Bild einer Mimosenblüte. Paßt zu Südfrankreich. Taschenbuchformat. Mein Schwiegervater bekam sein Exemplar, meine Eltern eins und die Redakteurin des Upper-Class-Magazins in Nizza. Die restlichen bis auf ein Exemplar gingen später auch nach Schleswig-Holstein. Dort gibt es im Umfeld meines Schwiegervaters noch mehr Senioren, die kein Internet haben.

Er liest jeden Tag darin. Sagt er. Meine Eltern auch. Sagen sie. Sie lesen das wohl so, wie man den Sinnspruch aus einem Kalender liest.

Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten. Oscar Wilde

Vor kurzem empfahl mir amazon – warum auch immer – How to be German in 50 easy steps von Adam Fletcher. Als Taschenbuch kompakte 144 Seiten. Das Ebook für 3,99 €. Deutsche aus der Sicht eines eingewanderten Engländers. Leipzig oder Berlin, glaube ich. Fünfzig Kapitel. Es fängt an mit Hausschuhen. Deutsche haben Angst vor dem kalten Fußboden. Deutsche versichern alles und bleiben an roten Ampeln stehen. Auch drei Uhr nachts, ganz alleine. Deutsche bringen immer Kartoffelsalat in Tupperdosen mit und sehen „Tatort“, ohne zu wissen, warum eigentlich. Sie beziehen ihr Weltbild aus SPIEGEL-ONLINE und verzichten auf diplomatische Verbrämung ihrer Wahrheiten. Das kann man ganz angenehm über ein paar Kapitel lesen. Der Deutsche ist im Tenor immer irgendwie hölzern, eher uncharmant und vorwiegend psychorigide. Ab vier Kapiteln wird das anstrengend.

Wie ein Kalender mit Sinnsprüchen für jeden Tag. Ein Sinnspruch pro Tag reicht. Oder der Narkoseprimat. Ein paar Kapitel pro Tag reichen.

Meine Eltern schlugen vor, die Veröffentlichtung über einen Verlag zu versuchen. Warum auch immer. Weil man vielleicht ein Buch gedruckt haben muß im Leben und einen Baum gepflanzt. Ich habe einen Orangenbaum. Das reicht. Mein Vater würde sich auch um das Marketing kümmern wollen. Mußte ich dankend ablehnen, besser nicht. Nicht nur, aber auch wegen der Spaßkomponente, die ich mir erhalten möchte. Manchmal gerate ich gefühlt schon unter Druck, wenn mir wieder zwei Wochen nichts eingefallen ist. Wenn ich mehr als eine Woche nichts schreibe, guckt außer meiner Frau keiner mehr. Dieser Druck reicht mir schon. Die Spaßkompentene leidet dann. Verlage haben in erster Linie Ansprüche. Und denken zuallerletzt an meinen Spaß. Ein Schulfreund meiner Frau lebt vom Krimischreiben. Nicht schlecht mutmaßlich. Muß aber auch Leseabende in irgendwelchen Gemeindezentren mitmachen und Signierstunden in Buchhandlungen bestreiten. Leseabende! Signierstunden! In Osnabrück. Zum Beispiel. Oder Oer-Erkenschwick. Das muß man wollen, um es gut zu finden.

Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen wie jeden Morgen ein Blick in den Spiegel. Aldous Huxley

Ich muß nicht davon leben. Es geht nicht um Geld. Eine Frage auch des Potentials. Des Potentials und der Illusionen wegen, die nicht gerechtfertigt wären. Der Druck bei einem Verlag macht ein Buch nicht zum Bestseller. Marketing ist mühselig. Wenn die „Zeit“ mehr von mir wollte, würde ich auch für die „Zeit“ schreiben. Meine Inhalte reichen nicht für die Zeit. Reichen auch nicht für eine auflagenstarke Trilogie. Wenn ich den Massengeschmack so zu treffen wüßte wie Joanne K. Rowling oder Suzanne Collins, würde ich sieben Bände Harry Potter schreiben oder ein paar Trilogien. Mein Verlag würde sich um die Übersetzungen ins Finnische und Rumänische kümmern und die Filmrechte nach Hollywood verkaufen. Zur Premiere würde meine Agentin ein paar Suites in Cannes buchen. Einschließlich Anreise für Familienangehörige. Ich würde später Kapitel meiner Wahl lesen und Bücher signieren. Dann doch. In der Stadthalle von Waldenbuch meinetwegen. Na ja, auch Schwäbisch Hall. Vielleicht sogar Castrop-Rauxel.

Bis dahin mache ich eben noch Narkosen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Parthenogenese

 

Erstaunlich fand ich vor allem, daß ein VIP wie Til Schweiger selbst seine Posts bei Facebook verwaltet. Sogar selbst schreibt. Oder, natürlich, auch denkbar, jemanden hat, der dieses Image vermitteln soll. Es geht um Nähe zum Publikum. Ich bin einer von euch. Am 3. Januar hatte ihn wohl jemand mit verhaltenem Kommentar zu seinem jüngsten Auftritt im „Tatort“ verärgert. Vielleicht waren Herr Schweiger oder sein Schreiber auch unter Alkohol. Oder anderen Drogen. Oder Alkohol, Drogen, Ärger. Alles menschlich. Publikumsnähe. Im Post viel Weihrauch und viel Aggression. Vielleicht ist der ja immer so. Was weiß ich. Egal. Ich habe nur wenige Filme mit Til Schweiger gesehen. Knockin‘ on Heaven’s Door. Das ist viele Jahre her.

Letztes Wochenende also ein Auftritt im „Tatort“. Muß wohl stark an eine kalifornische Inszenierung erinnert haben. Organisierte Kriminalität, entführte Tochter. Panzerfaust. Und das in Hamburg. War wohl nicht jedermanns Geschmack. Verhalten positive Rezeption. Ärger. Facebook. Bei Facebook darf ohnehin jeder alles veröffentlichen. Posten heißt das da wohl. Wenn die Redakteurin des ZEIT Magazins sich nicht online über die vielen Ausrufezeichen in Til Schweigers Post gewundert hätte, wäre mir dieser Post nicht aufgefallen. Ich habe erstens kein Konto bei Facebook und gehöre zweitens nicht zu Tils Freunden. Es ist richtig: Es wimmelt da nur so von Ausrufezeichen. Kompanieweise gruppiert. Auch viele Punkte. Auch kompanieweise. Sogar Vokale in normalen Worten – „viiiieel„. Das wirkt schon etwas pubertär. Oder, wie gesagt, Alkohol, Drogen, Ärger. Anna Kemper, die Redakteurin bei der ZEIT, stört sich ein bißchen am Inhalt des Posts, ganz subtil läßt sie Aversionen gegen den Schauspieler durchschimmern. Vor allem aber nimmt sie ihm den eklatanten Mißbrauch des Ausrufezeichens übel, befürchtet gar die ernsthafte Beschädigung der weltweiten Vorräte.

Liebe Frau Kemper!

Ich möchte Sie darauf hinweisen, daß Ausrufezeichen, ebenso wie die meisten bekannten Schriftzeichen, biologischem Hintergrund entstammen. Die Bestände verfügen, solange das Biotop selbst nicht ernsthaften Schaden nimmt, über ein dramatisches Regenerationspotential. Bedrohung erfährt das Ausrufezeichen vielmehr durch den evolutiven, aggressiven Vorsprung vonseiten relativ neu auftretender typographischer Phänomene.

In einer außerhalb der akademischen Fachgesellschaften leider nur wenig beachteten Arbeit zu Nomenklatur und Paläogenetik von Emoticons und Smileys konnte die Arbeitsgruppe um Marvin D. Riley vom St.-Quentin-Institute for Applied Typographic Sciences im neuseeländischen Wellington das Ausrufezeichen zusammen mit weiteren Satzzeichen anhand des gewonnen DNA-Materials als wahrscheinlichen Urkeim sämtlicher aktueller graphischer Textelemente identifizieren. Ursprünglich war das Vorkommen von Ausrufezeichen nach Erkenntnissen der Arbeitsgruppe auf einige wenige genetisch homogene Populationen weltweit beschränkt. Ihre Vermehrung fand und findet geschlechtlich vorwiegend innerhalb der gegebenen Populationen statt. So wie beim Menschen und der Kopflaus. Zum Beispiel. Paläogenetisch lassen sich dabei nur einige wenige Phänomene des Austauschs von Erbmaterial zwischen den Gruppen feststellen. Abgesehen von einigen wenigen lebensfähigen Mutationen wie Fragezeichen, Strichpunkt und vorwiegend im südwesteuropäischen und südamerikanischen Sprachraum beheimateten Variationen wie „¡“ sowie „¿“ konnten keine weiteren relevanten Entwicklungen nachgewiesen werden. Riley stellt eindrücklich die inzestuöse Genkonstellationen verschiedener Populationen dar. Diese sei jedoch ohne weitere Relevanz. Wobei vor allem das Ausrufezeichen neuzeitlich eine Tendenz zu prägnanter Fertilität aufweist. Das erklärt auch die Tatsache, daß Ausrufezeichen ganz selten nur paarweise anzutreffen sind. Meistens werden dann gleich drei oder mehr daraus. Oder, wie im Falle des Facebook-Posts von Herrn Schweiger, gleich ganze Rudel. Die Befürchtung, daß das Ausrufezeichen durch Mißbrauch zur Neige gehen könnte, ist somit völlig unbegründet. Im Gegenteil.

Erst durch mutwillige Verkreuzung anderer sekundärer typographischer Elemente wie Klammern, Minuszeichen und Doppelpunkten gewann die Evolution graphischer Textelemente an Dynamik. Genetisch unterscheiden sich die genannten Zeichen dabei nur durch erstaunlich wenige Gensequenzen vom Ausrufezeichen. Als Wegbereiter gelten das Smiley des Werbegrafikers Harvey Ball (1963) und die legendäre Codepage 437 von IBM (1981) mit dem weißen (☺︎) und schwarzen (☻) Smiley.  Der Durchbruch zu evolutionärem Wildwuchs gelang mit Scott E. Fahlmann von der Carnegie Mellon University, Pittsburgh, Pennsylvania, USA. 1982. Sein Vorschlag der Zeichenkombinationen 🙂 (Doppelpunkt, Minus, Klammer zu) und 😦 (Doppelpunkt, Minus, Klammer auf) sollte rhetorisch weniger begabten Wissenschaftlern ermöglichen, einen Beitrag eindeutig als scherzhaft beziehungsweise seriös zu klassifizieren. Um Mißverständnisse zu vermeiden.

Mittlerweile haben Emoticons und Emojis, in Japan auch Kaomojis, als typographische Elemente eine rasante Evolution durchlaufen und sind allenthalben und vielgestaltig in beinahe jeder Textform anzutreffen, insbesondere jedoch im Rahmen der Telekommunikation und im Bereich sozialer Medien. Dieses Umfeld scheint die kompakte Darstellung auch komplizierter Sachverhalte bei gleichzeitiger Reduktion orthographischer Ansprüche zu erzwingen. Sie ermöglichen auch tendenziell aphasischen, dysgraphischen und legasthenischen Teilnehmern die Illusion emotionaler Tiefe im Schriftgebrauch. Fortgeschrittenen Nutzern reicht die Kombination von zwei, drei Zeichen für die Darstellung komplexer Inhalte. Eine besondere Gefahr sei dabei dem Umstand zuzumessen, daß sich eine Vielzahl der Emoticons auch ohne gegengeschlechtlichen Partner zu vermehren in der Lage zu sein scheint. Parthenogenese. Mutter- und Tochtergeneration verfügen über identisches Genmaterial. Sinnbefreites, ubiquitäres Auftreten sei die Folge. Schreibt Marvin D. Riley.

Die neuseeländische Arbeitsgruppe schließt aus den gesammelten Befunden, daß der Fortbestand des Ausrufezeichens nicht etwa durch Mißbrauch, sondern durch evolutive Dominanz der Emoticons gefährdet sei. Die konsequente Umsetzung der Darwinschen Lehre. Als Wissenschaftlern sei ihnen eine persönliche Wertung nicht gestattet. Emoticons hätten eben ihre genetische Berechtigung. Nicht mehr und nicht weniger als zum Besipiel Kopflaus und HIV-Virus.

Vor dem Hintergrund dieser Arbeit muß man annehmen, daß wir Herrn Schweiger für seinen Post dankbar sein sollten. Oder Luna. Weil sie ganz offensichtlich ihrem Papa die sichere Beherrschung der Emoticon-Seiten auf seinem Telefon noch nicht nahebringen konnte.

p.s.:

Lesenswert zum Thema Rufzeichen-Inflation und Smiley-Hypokrisie der Artikel von Cosima Schmitt in ZEIT ONLINE vom 17. Januar 2016. Und dieser zu  Emojis aus der ZEIT vom 7. Mai 2015. Gründlich recherchierter Hintergrund.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Mexique

 

Mexique 001

Wir sind gleich für Sie da.

Eine weibliche Stimme untermalt von Digitalmusik. Ansagen im Minutentakt. Ich befinde mich in einer Warteschleife der Deutschen Post. Die Sendungsverfolgung bei DHL. Mein Schwiegervater wartet auf den Weihnachtskalender mit Bildern seiner Enkel. Kriegt er jedes Jahr. Zwölf Bilder in Großformat. Individuelle Maßanfertigung in Handarbeit. Jeder Tag handgemalt. Unter Berücksichtigung der Feiertage in Schleswig-Holstein. Und nun ist Weihnachten seit fast einer Woche vorbei und vom Kalender keine Spur. Nicht bei den Nachbarn, nicht mal ein Benachrichtigungsschein Abholung nicht vor morgen Nachmittag ab 15 Uhr oder so. Bei colissimo.fr heißt es seit dem 19. Dezember „Votre colis a quitté le pays d’origine“. Der Kalender hat Frankreich verlassen. Ab jetzt ist DHL zuständig. Wer sonst?

Nutzen Sie jederzeit einfach und bequem alle Services online – unter deutschepost.de.

Zur Abwechslung eine männliche Stimme. So richtig gerne spricht man im Callcenter bei der Deutschen Post also nicht mit dem Kunden. Versuchen Sie Ihr Glück doch lieber online. Selbst schuld, wenn Sie seit geschlagenen zwanzig Minuten Computermusik hören müssen. Habe ich natürlich vorab gemacht. Ich habe den Online-Service der Sendungsverfolgung genutzt. Meine französische Paketnummer ist da leider unbekannt. Kann ja eigentlich nicht sein. In Deutschland gehen keine Pakete verloren. Nicht in Deutschland. Ich würde mein Leid nun so gerne einem Kundenberater klagen. Vielleicht hat ein menschlicher Ansprechpartner Zugang zu mehr Informationen.

Der nächste freie Kundenberater ist bereits für sie reserviert.

Das ist schön. Lange kann es ja nun nicht mehr dauern. Meine Eltern haben auch einen Kalender zu Weihnachten bekommen. Auch mit großformatigen Fotos der Enkel. Auch eine individuelle Maßanfertigung in Handarbeit. Jeder Tag handgemalt. Unter Berücksichtigung der Feiertage in Baden-Württemberg. colissimo.fr wußte drei Tage später zu vermelden: „Votre colis est livré“. Das Paket ist zugestellt. Bei Portokosten von knapp fünfundzwanzig Euro hätte ich auch nichts anderes erwartet. Ich würde zu gerne wissen, was die Deutsche Post solange mit dem Kalender an den Schwiegervater macht.

Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld.

Habe ich. Was bleibt mir Anderes übrig. Vielleicht hätte ich doch der Anregung meiner Frau folgen sollen und mein Glück im lokalen Service-Center der Post versuchen. Womöglich wäre ich da schneller zum Ziel gekommen. Immerhin profitiert die lokale Agentur der Post von einer großzügigen vorweihnachtlichen Zuwendung unsererseits. Für den Post-Kalender. Jedes Jahr Anfang Dezember klingelt die Zustellerin. Meine Tochter hat sich die Version mit Pferdebildern ausgesucht. Feuerwehr und Müllabfuhr machen auch die Runde. Bieten aber keine Auswahl. Profitieren trotzdem von einer großzügigen Zuwendung. Vor ein paar Jahren geriet mitten im Hochsommer die Wiese nebenan in Brand. Die ursächliche Beteiligung eines deutlich minderjährigen Familienangehörigen war nicht sicher auszuschließen. Die Feuerwehr war mit zwei Löschzügen vorgefahren, noch bevor die anliegenden Hecken ernsthaft Feuer fangen konnten. Seitdem großzügig.

Einen kurzen Moment noch.

Kurz ist gelogen. Das höre ich nun bestimmt schon zum dritten Mal. Meine Tochter fühlt sich durch das Gedudel aus meinem Telefon gestört. Redest du immer noch mit der Post?

Wir verbinden Sie schnellstmöglich.

Die Telefon-Informatiker bei der Deutschen Post haben sich wirklich Mühe gegeben. Mit variierenden Aussagen vom Band gelingt es ihnen, den Eindruck zu erwecken, man würde in der Schlange vorrücken. Über dem Schalter eine Anzeige. 453. Nur noch dreizehn Kunden bis zu meiner Nummer.

In wenigen Augenblicken sind wir für Sie da.

Schade nur, daß die Augenblicke bei DHL so lang sind.

Guten Tag, mein Name ist Michael, was kann ich für Sie tun? Der ist echt. Michael hört sich mein Anliegen an. Fragt mich nach meiner Paketnummer. Tippt sie in seinen Computer. Täte ihm leid, aber diese Nummer sei dem System unbekannt. Auch in einem zweiten Versuch kein Resultat. Ich solle doch mal beim französischen Anbieter nachforschen. Oder meine Nummer einfach in ein paar Tagen nochmal selbst ins System eingeben. Toller Vorschlag! Michael gibt sich zurückhaltend. Hat angeblich keinen Zugang zu weiteren Informationen den Verbleib meines Kalenders betreffend. Ich finde Michael insuffizient. Ich finde, er könnte sich etwas mehr Mühe geben. Mehr Empathie zeigen zumindest. Das kann doch nicht sein, daß der Kalender in Deutschland einfach verschwindet! Michael hat wohl keine Vorstellung davon, wieviel Arbeit dieser Kalender gemacht hat! Ich kann meine Enttäuschung nicht verhehlen. Er bedankt sich trotzdem für meinen Anruf und wünscht mir einen schönen Tag.

Veuillez patienter, nous vous mettons en contact avec un conseiller clientèle.

Die Hotline bei colissimo.fr. Auch Musik. Auch die Aussicht auf den Kontakt mit einem Berater. Aber keine glaubhafte Inszenierung von Bewegung in der Wartschlange. Warten und Hoffen. Knappe zehn Minuten. Die Stimme, weiblich, findet mein Paket. Sie weiß zu bestätigen, daß der Kalender für den Schwiegervater Frankreich verlassen hat. Von der Post in meinem Dorf wurde er nach Marseille gebracht. Was an sich schon ungewöhnlich sei, denn Pakete nach Deutschland würden über Lyon abgewickelt werden. Normalement. Sagt die Stimme. Warum mein Kalender für den Schwiegervater in Deutschland nun aber nach Mexiko geflogen worden wäre, verstünde sie auch nicht. Täte ihr aber leid. Mexiko? Oui, au Mexique. Mein Nachforschungsauftrag bekommt eine Nummer. Wenn ich innerhalb von 40 (vierzig!) Tagen nichts erfahren würde, keine Mail, kein Brief, kein Anruf, solle ich mich wieder melden. Mit der Nummer. Die Gebühren für einen neuen Versand en Allemagne würden mir in jedem Fall erstattet werden.

Correos de México, Track & Trace, 22. Dezember 2015, 09:42:00 h: En tránsito hacia destino. Mexiko. Tatsächlich. Da ist der Kalender. In Mexiko. Auf dem Weg zum Ziel.

30.12.2015, 19:43 Uhr: Die Sendung ist im Zielland eingetroffen. Nächster Schritt: Die Sendung wird zum Zustell-Depot transportiert. Schreibt DHL. Der Kalender ist zurück aus Mexiko!

Wäre Michael nicht so schwer zu erreichen, würde ich ihn nochmal anrufen.

 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Pierre

Ich habe Dienst. Mit „coupure“, Pause also, zwischen Mittag und vier Uhr nachmittags. Heute ziemlich früh die coupure, weil sich zwischen den Feiertagen kein Mensch freiwillig ins Krankenhaus legt. Galle und Leistenbruch können auch bis 2016 warten. Nichts los. 11:14 Uhr auf dem Parkplatz. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, eben mal bei Orange vorzufahren und das Internet auf dem HTC einstellen zu lassen. Das HTC ist das „alte“ Smartphone meines Erstgeborenen. Braucht er nicht mehr, weil Weihnachten war. Er hat jetzt was Tolles von Sony. Das HTC ersetzt meine Antiquität von Nokia. Das Neue hat seit einem Neustart mit meiner SIM-Karte leider keinen Zugang mehr zu google und whatsapp. Damit kann ich nicht leben.

11:26 Uhr. Schlange vor der Boutique von Orange. Mindestens zehn Kunden. Das sieht nicht gut aus. Das sieht nicht nach „mal eben“ aus. Ich kenne das schon. Man wartet brav, Kunde um Kunde, Schritt für Schritt, bis zur Hostess am Schalter. Zwanzig Minuten. Mindestens. Die Hostess gibt sich stets freundlich und zugewandt. Immerhin. Erfasst den Namen, die Telefonnummer und das Anliegen. Ist zuständig für die Warteliste. Der nächste freie Mitarbeiter wird Sie aufrufen. Das funktioniert sogar. Gilt aber nicht für technische Anliegen. Technische Anliegen werden direkt zum Kundendienst hinten in der Ecke geschickt. Ohne Erfassung. Die Schlange sei nur für Beratung und Verkauf. Die Kollegen vom Kundendienst gehen allerdings um zwölf. Mit Schlange würde es für mich 11:46 Uhr werden. Kommen Sie doch besser in einer Stunde wieder. Wie gesagt, kenne ich schon. Mache ich nicht. Diesmal nicht.

Ich gehe direkt zu Pierre. Pierre ist der unrasierte und leicht übergewichtige Nerd an der Technik-Theke. Kann im Gegensatz zu seiner Kollegin vorne am Empfang nicht lächeln, geschweige denn Bonjour sagen. Es ist 11:27 Uhr. Pierre hat sicher schon Hunger. Mit einem Croissant zum Kaffee kommt man nur mit Mühe bis zum Mittagessen. Er muß um 12 Uhr essen. Leider muß er sich außerdem noch mit einem Galaxy S6 edge+ rumärgern. Das ist das aktuelle Topmodell von Samsung. Das mit abgerundeten Bildschirmkanten! Sein Eigentümer kommt nicht zu Google damit. Trägt eine Glatze zur Lederjacke und ist noch älter als ich. Deutlich älter. Eigentlich zu alt für so ein Hightechgerät. Eigentlich eher der Kunde für was mit großen Tasten und rotem Notrufknopf. Er redet sehr viel. Ohne Unterlaß geradezu. Vom anderen Ende der Technik-Theke aus verstehe ich nicht wirklich, was er zu sagen hat. Google – er sagt „Guhgöll“ – kommt häufig vor. Ich kann mir nicht vorstellen, was es da zu erzählen gibt. Wieder und wieder. Google geht eben nicht. Irgendwas ist verstellt oder kaputt. Das hat Pierre verstanden. Pierre nickt diskret. Tippt auf den Bildschirm, begutachtet die SIM-Karte, verbindet das Telefon mit einem Computer. Aber er findet das Problem eben nicht so schnell. Jeder Neustart dauert fast zwei Minuten. Als Telefonnerd würde auch ich Lächeln und Bonjour früher oder später einstellen. Insbesondere, wenn da immer einer steht und mich vollquatscht. Ein Alter in Lederjacke. Einer, der das gewaltige Potenzial seines Topmodells ohnehin nicht zu nutzen in der Lage ist. Der schon an Google scheitert. Und alles verstellt hat in den Parametern. Vielleicht wirklich was kaputt gemacht hat. Zu allem Überfluß sich weitere Kunden an meiner Theke sammeln. Nicht ordentlich in einer Schlange wie vorne am Accueil mit der hübschen Praktikantin. Das ist besonders nervig. Einer neben dem Anderen. Wie in einer Bar. An meiner Theke. Und alle schauen bei der Arbeit zu. Kontrollieren betont umständlich alle dreißig Sekunden die Uhrzeit auf dem Display ihres Handys. Da kann man nicht mehr Bonjour sagen. Am besten jeglichen Blickkontakt mit Kunden vermeiden.

11:49 Uhr inzwischen. Und ich bin nicht mehr alleine mit der Lederjacke. Eine ältere Dame hat sich mit ihrem Billigtelefon zwischen mich und einen smarten Anzugträger gemogelt. Schnauft angestrengt unter dem Gewicht mehrerer Tüten von Printemps. Der Anzugträger war kurz nach mir gekommen. Er telefoniert schon wieder mit seinem chérie. Chérie wartet offenbar im Restaurant vor Carrefour. Ungeduldig. Weil sie Hunger hat. Vermutlich. Und ihre Mittagspause ja auch nicht ewig dauern wird. Der Anzugträger kann seine Anspannung nur mühsam verbergen. Wollte wohl auch nur noch „mal eben“ zu Orange. Geh‘ schon mal vor, chérie, ich komme gleich nach. Er wird mich gleich fragen, ob ich ihn vielleicht vorlassen würde. Wegen seines chérie. Die würde hungrig warten. Und er hätte nur eine ganz kleine Frage. Trente secondes. Ich würde vermutlich nicht Nein sagen können. Und müßte dann auch noch die Dame mit Tüten und Billigtelefon auf ihren Platz verweisen. Die sieht so aus, als würde sie mich nicht einmal fragen.

11:54 Uhr. Das S6 kann immer noch kein Google. Wahrscheinlich wird auch die Lederjacke gleich auf ein Uhr vertröstet werden. Mein Projekt ist nicht zielführend. Nicht eben mal. Morgen früh vielleicht nochmal. Solange kann ich ohne Google und whatsapp auf dem HTC auskommen. Oder ich frage später doch das Google im Krankenhaus-Computer nach dem Trick. Manchmal ergeben sich ja große Zeitfenster im Dienst.

Google – „htc orange internet“ – dirigiert mich zielgerichtet zu den Parametern für die APNs. Access Point Names. Nie gehört. Zugangspunkte. Ein schöner Begriff für Telefonnerds. Es gibt einen APN für Internet und einen für MMS. Kann man im Telefon parametrieren. MMS funktioniert danach immer noch nicht. Egal. Damit kann ich sehr gut leben. Ich werde Pierre wohl doch nicht mehr besuchen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Falbala

A voté! ruft der Herr in Anzug und Krawatte. Er spielt seine Rolle als ehrenamtlicher Wahlhelfer sehr überzeugend. Mit Inbrunst für die Republik. A voté. Mein Sohn hat gewählt. Sie haben seinen Namen, noch viel komplizierter als meiner, anhand seiner Nummer aus der Carte électorale in einem großformatigen Ringbuch gefunden und ihn laut hörbar aufgerufen, sogar fast richtig ausgesprochen. Mein Sohn durfte seinen Wahlumschlag in die plexigläserne Urne fallen lassen. A voté.

Ein Moment feierlich, fast pompös gelebter Demokratie.

Regionalwahlen für die knapp  19.000 Stimmberechtigten der Commune. Stichwahl war am letzten Sonntag. Wahlbüros für jeweils etwa tausend Wahlberechtigte, bevorzugt in Schulen, die im Département Var von 9 bis 18 Uhr geöffnet sind. Ausnahmen bilden Belgentier, La Garde, La Valette und Le Pradet, deren Wahlbüros bis 19 Uhr geöffnet sind. Warum auch immer. In Frankreich geht nichts ohne Ausnahme. Mein Sohn und ich im Wahlbüro 19. Drei weitere in anderen Klassenzimmern derselben Grundschule.

Sechs Helfer pro Büro. Sechs!

In öffentlichen Strukturen und zu öffentlichen Anlässen verfügt die französische Administration über ein äußerst großzügiges Aufgebot an Personal. Ist bei mir im Krankenhaus auch so. Im OP zum Beispiel vier Putzfrauen. Zudem als ausgebildete Pflegehelferinnen eigentlich überqualifiziert. Vier davon. Im katholischen Krankenhaus vergleichbarer Dimension im nordöstlichen Ruhrgebiet gab es nur eine. Damals, Ende des letzten Jahrtausends. Renate.

Von den sechs Helfern finden sich zwei am langen Tisch rechts des Eingangs. Einer sagt Bonjour und prüft Carte électorale und zugehörige Carte d’Identité Nationale, der andere händigt dem Wähler einen kleinen blauen Umschlag aus. Auf dem Tisch liegen Stapel A4-Papiere mit der Liste der Kandidaten aus. Diesmal nur zwei Stapel. Weil die Linken nach dem ersten Durchgang aufgegeben haben. Bleiben Rechts und Ganzrechts. Es ist eine Wahl des kleineren Übels. Ob das Demokratie ist? Der Wähler nimmt ein Exemplar von jedem Stapel. Eigentlich könnte man sich vorstellen, nur den Zettel der Partei zu nehmen, die man wählen möchte. Dann wäre die Wahl aber nicht mehr so geheim. Geht also wahrscheinlich nicht. Ich habe mich noch nicht zu fragen getraut. Alle nehmen einen Zettel von jedem Stapel. Alle außer einem Zettel sind von vornherein Altpapier. Im ersten Wahlgang gibt es viel mehr Stapel. Für jeden Kandidaten einen. Und immer groß genug für die potentielle 100-%-Wahlbeteiligug. Der kleine blaue Umschlag ist immer der gleiche. Über die Jahre etwas speckig.

Man könnte sich auch vorstellen, Kreuze zu machen auf einem Stimmzettel. Woanders gibt’s das ja auch. Würde ganze Wälder an Papier einsparen. Lässt sich wohl nicht in Einklang bringen mit der verfassungsmäßigen Égalité. Es würde ja einer ganz oben auf der Liste zu stehen kommen. Einer über dem Anderen. Geht nicht. Nicht in Frankreich.

Mit seinen Zetteln und dem kleinen blauen Umschlag begibt sich der wahlberechtigte Bürger in eine der Wahlkabinen. Hinter dem Vorhang, ganz geheim, wird einer der Zettel im Umschlag versteckt. Der Umschlag ist so klein, daß das A4-Papier noch drei Mal gefaltet werden muß. Für die nicht benötigten Zettel gibt es einen Papierkorb. Ein Papierkorb pro Vohang. Wird aber kaum benutzt. Vermutlich, weil das ja auch wieder auf Kosten des Wahlgeheimnisses ginge. Die überzähligen Zettel verschwinden in der Manteltasche. Findet man später draußen zuhauf.

Anschließend bringt man seinen Umschlag mit dem Zettel zur Urne. Dort warten vier Wahlhelfer. Drei kümmern sich um den Wähler und seine Dokumente, einer passt auf und ist zuständig für zeitnahe Statistik. Und Ablösung. Zur Sicherheit, wenn einer seiner Kollegen Anzeichen von Schwäche zeigt. Oder mal rauchen gehen muß. Sie finden meinen Namen und verkünden ihn laut: „Bertrand Diäl“. Mein Name wird nie richtig ausgesprochen. Egal. Ich darf meinen kleinen blauen Umschlag einwerfen. Die Klappe schließt sich. Der Wahlhelfer ruft wieder „a voté“. Jetzt hat auch Bertrand Diäl gewählt und muß im großen Buch unterschreiben.

Auf der Tafel gegenüber des Eingangs zum Klassenzimmer gibt es eine Statistik in fünf Spalten. Uhrzeit, Wähler pro Stunde, Wähler insgesamt. Das Gleiche noch einmal in Prozent: Wahlbeteiligung pro Stunde, Wahlbeteiligung insgesamt. Zu unserem Auftritt gegen 18:40 Uhr ist die Statistik schon fast fertig: 461 für 18:00 Uhr. 53,4 %.

Bei uns im Département (Var, 83) hat der Kandidat der Rechten die 50-Prozent-Hürde gerade mal geschafft. 50,86%. Und das wohl auch nur, weil die Sozialisten nach dem Debakel des ersten Durchgangs letzten Sonntag aufgegeben haben. Mickrige 16,59 %. Damit lässt sich beileibe nichts mehr gewinnen. Außer dem ehrenvollen Verdienst, mit dem Verzicht die drohende Präsidentschaft der Enkelin abgewehrt zu haben. Die Enkelin ihrerseits hat lediglich im Nachbar-Département Vaucluse über 50 Prozent der Wahlberechtigten auf ihrer Seite. Kein Wunder, ist ihr eigener Wahlkreis. Vaucluse ist noch mehr Provinz als wir an der Küste. Und wir sind schon ziemlich Provinz, spätestens wenn man sich soweit vom Meer entfernt hat, daß man es nicht mehr sehen kann. Mehr als 50 Prozent sind dort Typen wie aus Asterix. Wein- und Olivenbauern. Rauhbeinige Schnurbartträger. Wildschweinjäger. Die, einmal in Fahrt geraten, mit oder ohne Zaubertrank, nichts mehr bremst. Die mit modrigem Fisch werfen und schwerem Handwerksgerät. Sich für schöne Blondinen entflammen und das Denken einstellen. Gallier eben. Originale gallischer Provinz wählen die blonde Enkelin von Jean-Marie. Das ist die Theorie von Jean-Claude, Anästhesie-Kollege aus La Crau. Sie haben sie gewählt, weil sie so adrett aussieht. Fast so adrett wie die Schöne, die Obelix um den Verstand bringt, Band X: Asterix als Legionär. Falbala. Und ihnen aus der Seele spricht. Mehr für die Kleinbauern, das Handwerk, weniger für Europa. La Crau liegt knapp jenseits der Sicht aufs Meer. Vielleicht hat Jean-Claude selbst auch Ganzrechts gewählt. Irgendwo müssen die Prozente ja herkommen. 

 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Euromillionen

Auf dem Weg zum Schwimmtraining. Das Hallenbad auf der anderen Seite der Stadt. Nachmittags um halb sechs ist überall Stau. Trotz Tunnel unter der Stadt. Auf den Rücksitzen besprechen meine Tochter und ihre Freundin Anaël ihre Wunschlisten zu Weihnachten. Zweifellos auch angeregt von der Weihnachtsdekoration, die schon installiert wird. Bei uns im Dorf geht der Sommer mit einem Musikfestival, einem Mittelalterspektakel für jeweils eine Woche und zwei großen Feuerwerken zu Revolution und Befreiung von den Nazis beinahe nahtlos in die Weihnachtsfestivitäten über. Ab Ende Oktober Bonnes-fêtes-Girlanden über den Straßen, massenweise plastikschneeverhülltes Nadelgehölz auf der Place de la République und den Kreisverkehren. Dazu die Buden des Weihnachtsmarkts. Der Weihnachtsmarkt dauert von Mitte November bis Mitte Januar. Angesichts von Bonnes-fêtes-Girlanden und plastikschneebedecktem Nadelgehölz verfeinert meine Tochter ihre Weihnachtswunschliste zunehmend. Ein Hund, ein Hündchen eher, steht mittlerweile ganz oben. Kriegt sie trotz wiederholter Charmeoffensiven leider nicht. Ganz sicher nicht. Papinouchéri kann Hunde nicht ausstehen.

Kurz vor der Ausfahrt zum Schwimmbad Kendji im Radio. Kendji Girac hat vor einem guten Jahr The Voice, eine französische Talentshow, gewonnen. Ist jetzt immer wieder im Radio. Singt süßlichen Franzosen-Pop mit Gypsy-Touch. Wahrscheinlich ist Kendji außerhalb des französischen Sprachraums völlig unbekannt. Die Mädchen kreischen schon bei den ersten Takten von „Cool“, seinem neuesten Stück. Plus fort, plus fort! Ich muß das Radio lauter drehen. Werden sie auch bestellen zu Weihnachten. Sie brauchen alle seine CDs. Sie sagen „commander“. Beide. Würde ich übersetzen mit „bestellen“. Anaël hat unter Anderem was Großes von Playmobil bestellt, meine Tochter eine Sammlung Lego Friends. Und den Hund natürlich. Bestellt. Die Mädchen wünschen nicht, sie bestellen. Wollen wahrscheinlich auf Nummer sicher gehen. Wünschen ohne Risiko. Irritiert mich etwas, dieses Bestellen. Ich kann mich nicht erinnern, zu Weihnachten oder zum Geburtstag jemals was bestellt zu haben. Ich habe mir immer was gewünscht. Bestellen ist bei amazon. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag oder überhaupt im Leben kann man sich was wünschen. Was auch immer. Lego, ein Pony, ein Auto. Gesundheit, Liebe, Inspiration. Zum Beispiel. Zu Weihnachten ganz früher vom Christkind, den Weihnachtsmann gab es damals noch nicht. Nicht bei uns. Dann auch von den Eltern. Inzwischen von den näheren Familienangehörigen. Wenn überhaupt. Wenn ich was wirklich brauche, kaufe ich es am liebsten selbst. Von meiner Frau wünsche ich mir meistens nichts. Nichts und davon ganz viel, sage ich, wenn ich gefragt werde. Das findet sie doof und ärgert sich ein bißchen. Oder findet es schade. Geburtstag oder Weihnachten ohne was zum Auspacken zu Kerzenlicht ist kein richtiger Geburtstag oder kein richtiges Weihnachten. Sagt meine Frau. Zur Sicherheit wünsche mir oft was für uns zusammen. Eine Gartenbeleuchtung zum Beispiel oder eine längst überfällige Renovierung. Wenn ich mir nichts wünsche, bekomme ich einen Pullover geschenkt oder Socken. Ich habe genug Socken und Pullover bis 2027. Die Kinder schenken mir gerne was Selbstgemaltes oder Gutscheine. Gutscheine für ein Mal Rasenmähen oder Zimmeraufräumen. Zehn Mal Spülmaschine ausräumen. Selbstgemalter Gutschein. Wohl, weil ich mir das immer wünsche. Könnt ihr vielleicht auch mal die Spülmaschine ausräumen?

Beim Schwimmen, in den Pausen zwischen den Übungen, haben die Mädchen mit ihren copines weitere Inspiration erfahren. Zuhause ergänzt meine Tochter ihre Liste mit den Bestellungen umgehend um eine Spielkonsole mit zugehörigem Tanzspiel. Und eine Maschine zum Trocknen der Fingernägel. Ich wußte gar nicht, daß es sowas gibt.

„Was wünscht du dir denn zu Weihnachten“ – wie er das ins Französische übersetzen würde, frage ich meinen Sohn, dem Lego-Technik-Alter längst entwachsen. Ich schätze sein ausgeprägtes Verständnis für die Feinheiten der lokalen Sprache. Welches französische Verb er verwenden würde. Souhaiter natürlich. Wünschen ist souhaiter. Eigentlich auch im Weihnachtskontext, sagt mein Sohn. Das „commander“ seiner kleineren Geschwister würde implizieren, daß sie sich vom Glauben an den Weihnachtsmann noch nicht ganz freigemacht hätten. Was er sich denn seinerseits wünschen würde. Mein Sohn haßt diese Frage mehr noch als ich, weil er sie ab Mitte Oktober, zeitgleich mit den Girlanden, fast täglich von seiner Mutter zu hören bekommt. Resigniertes Schulterzucken. Außerdem hat mein Sohn keine Wünsche. Nichts, was man bei amazon bestellen könnte. Er hat alles. Sogar Strümpfe und Abercrombie.

Würde sich eventuell einen 1976er Gran Torino wünschen. Wenn Papa endlich die Euromillionen gewinnt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Xylella fastidiosa

Meine Schwägerin sagt, mit großem Bedauern, ohne die Palmen an der Terrasse wäre unser Anwesen um eine wesentliche Feature ärmer. Sie sagt Feature, meine Schwägerin. Wesentliche Feature. Sie ist Chairman eines international ausgerichteten Unternehmens für Unified Communications. Schwäbischer Mittelstand. Da redet man eben so. Im internationalen Unternehmen. Feature. Auch in Schwaben. Jetzt ist eine wesentliche Feature unseres Anwesens weg. Die Palmen-Feature. Letzte Woche fiel die letzte unserer Palmen. Opfer eines Käfers. Rhynchophorus ferrugineus. Roter Palmrüssler. Charançon rouge des Palmiers.

Rhynchophorus ferrugineus
Rhynchophorus ferrugineus

Der Käfer hat das Internationale seiner Ausrichtung mit meiner Schwägerin gemeinsam. Er seinerseits kommt ursprünglich aus Südostasien. Dort findet seine Larve eine kleinfingerdicke Made, der Sagowurm als eiweißreiches Nahrungsmittel Verwendung. Gegrillt soll der Geschmack an den von Räucherspeck erinnern. Habe ich nicht verifiziert. Obwohl ich bestimmt zehn Kilogramm davon aus unseren Palmen hätte extrahieren können. Mit Palmenexporten gelangte der Palmrüssler über den Mittleren Osten (1980) nach ganz Nordafrika (ab 1990). Von Ägypten bis Marokko. Von dort – wieder mit Exporten von Palmen weiter in europäische Mittelmeerländer. Spanien 1994, Athen im Rahmen von Aufforstungen anläßlich der Olympischen Spiele 2004. In Europa spezialisierte sich der Käfer auf die Kanarische Dattelpalme (Phoenix canariensis). Das ist die Palmensorte, die auch hier so gerne gepflanzt wird, weil sie so groß und dekorativ ist. 2006 der erste Nachweis in Sanary. 2012 in Monaco. Mein Belegexemplar stammt aus dem Jahr 2014. Der Befall der Palme wird erst in einem fortgeschrittenen Stadium sichtbar. Trauriges Bild. Nichts mehr hilft dann. Nur umsägen, abräumen.

Zum Glück gibt es um unser Anwesen noch andere Palmensorten. Aber eben keine Phoenix mehr. Zur klassischen Subtropen-Feature würde eben die Phoenix gehören. So wie man sich sogar als Mitteleuropäer an den immerblauen Himmel gewöhnt, kann man sich auch an das Fehlen der Phoenix gewöhnen, versuchte ich meine Schwägerin zu trösten. Mehr Licht auf der Terrasse jetzt. Und als mediterrane Feature bleibt ja immerhin noch die Zikade.

Und überall die Ameise. Die Argentinische Ameise (Linepithema humile). Fühlt sich auch sehr wohl bei uns. In den Subtropen im allgemeinen. Aber auch in Schultaschen, Küchenelementen und sogar Autos. Sie findet jeden Krümel, jeden vergessenen Kaugummi. Und hat dann sehr viele hilfsbereite Freundinnen. Kommt aus Südamerika, Argentinien eben. Zwischen 1895 und 1906 – je nach Quelle – erstmalig in Südeuropa. Inzwischen hat sie sich in einer Superkolonie längs der Küste organisiert. Über sechstausend Kilometer von Italien bis Galizien. Die englischsprachige wikipedia schreibt von weiteren Superkolonien in Kalifornien und Japan. Globalisierung eines Insekts. Davon träumt das international orientierte Unternehmen meiner Schwägerin noch. Von der Globalisierung.

Nicht zu vergessen die Termiten. Termiten bei uns im Garten! Sind Termiten nicht was für afrikanische und australische Wüsten? In riesigen Kegeln, weitläufigen unterirdischen Systemen? Bei uns im Garten sind sie weitaus weniger spektakulär. Keine riesigen Kegel. Man stößt nur zufällig darauf. Es gibt zwei Arten davon. Reticulitermes lucifugus und Kalotermes flavicollis. Aus Afrika und Nordamerika über Spanien bis in die Provence. Eine lichtscheue und eine gelbhälsige Termite. Die lichtscheue ist die, die sich durch den Untergrund in antike Bibliotheken frißt und Häuser zum Einsturz bringt. Die andere lebt in kleinen Kolonien von totem Holz in Bäumen. Französisch richtig übrigens le termite. Männlich. Weiß aber auch nur eine Minderheit. Das „le“ entspricht dabei sogar der biologischen Realität. Arbeiter und Krieger sind – anders als bei Bienen und Ameisen zum Beispiel – männlich.

Zur Tropen-Feature können wir, natürlich, auch Mücken beisteuern. Verschiedene Arten. Die Gemeine Stechmücke oder Nördliche Hausmücke (Culex pipiens) sowieso. Das ist die, die es auch zuhause gibt. Wir haben aber auch die Asiatische Tigermücke (Stegomyia albopicta oder Aedes albopictus). Das hat echten Tropen-Charme. Aus Südostasien, Bengalen. Siebziger Jahre Albanien, dann Italien, seit 1999 Südfrankreich. Kann tropische Viren übertragen: Chikungunya- und Denguefieber – Wenn das mal keine Tropen-Feature ist! Eine Frage der Zeit, bis man sich bei uns auf der Terrasse Malaria holen kann.

Ich sollte meiner Schwägerin gegenüber mal diese Vielfalt an tropischen Features betonen. Es müssen ja nicht immer große Palmen sein!

Und dabei habe ich eine ganze Reihe anderer immigrierter Exoten noch nicht weiter erwähnt. Die Kastaniengallwespe (Dryocosmus kiruphilus) zum Beispiel. Aus Süd-China. Verursacht der heimischen Esskastanienindustrie herbe Verluste. Die Varroamilbe (Varroa destructor). Dezimiert Bienenvölker. Aus Südostasien. Oder Paysandisia archon. Papillon des palmiers, ein riesiger, tagaktiver Nachtfalter. Aus Südamerika seit Anfang der neunziger Jahre. Der wird über kurz oder lang die Palmen fressen, die der Käfer nicht geschafft hat. Habe ich selbst noch nicht gesehen. Schließlich das Feuerbakterium (Xylella fastidiosa). Aus Nord- und Lateinamerika. Riesige Flächen uralter Bestände an Olivenbäumen fallen ihr zum Opfer. Eine heimische Zikadenart hilft bei der Verbreitung. Von Apulien aus in Expansion begriffen. Mitte Oktober  in Nizza. Nichts heilt. Nur umsägen, abräumen. Wie bei den Palmen.

Und wahrscheinlich ist das nur die Spitze eines Eisbergs tropischer Features in Südfrankreich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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