Joker

Bordel à cul de pompe à merde! Hässlicher Fluch, schwer ins Deutsche zu übertragen. Irgendwas mit Puff, Arsch und Scheiße. Hauptsache hässlich. Der Schraubenzieher ist gebrochen. Das ist in der Tat ärgerlich auf halber Strecke. So kann ich nicht arbeiten! Damit hat Jean-Gabriel eigentlich Recht. Hängt womöglich mit der Sparpolitik der Direktion zusammen. So kann man nicht arbeiten. Bordel à cul de pompe à merde! Dies wiederum ist der Grund, warum Patienten zu ihrer Rückenmarksnarkose immer noch ein bißchen was zum Schlafen kriegen. Oder Kopfhörer mit Musik. Oder beides. Bei uns gibt es keine Kopfhörer mit Musik. Von mir kriegen sie was zum Schlafen dazu. Midazolam. Wenn der Notdienst-Handwerker beim Schrauben an meiner Waschmaschine üble Flüche ausstößt oder Werkzeug wirft, ist das wenig vertrauensbildend. Ich wünsche mir ja auch nur, daß am Ende alles gut ist.

Donnerstag Nachmittag.

Der einzige Vorteil, wenn ich Dienst habe, besteht in der gelegentlichen Option auf Zeitfenster. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schreiben, Nichtstun. Habe ich zuhause eher selten mal, diese Option. Immer ist irgendwas. Hausaufgaben, Wäsche, Kochen, Taxidienste zum und vom Sport. Oder Maschine kaputt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nichtstun, fällt bestimmt meiner Frau was ein. Irgendeine Glühbirne ist immer kaputt. Manchmal sogar Zeit mit den Kindern. Ist auch schön. Im Krankenhaus entsteht die Option auf Zeitfenster, Zeit für mich, aus der Wartezeit auf ein Ende. Jede Operation kommt zu einem Ende, früher oder später, so oder so. Wir haben eine Hüfte angefangen. Eine Hüfte. Sagt man so, ist natürlich Jargon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Ist eine Aktion bar jeglicher erotischer Konnotation. Jargon. Hüfte angefangen heißt wir haben die Osteosynthese des gebrochenen Oberschenkelknochens einer älteren Dame angefangen. Rechts. Rückenmarksnarkose, Midazolam zum Schlafen für den Fall, daß jemand übel fluchen muß. Jean-Gabriel, der Unfallchirurg wird der älteren Dame einen Nagel einschlagen ins obere Ende ihres Oberschenkelknochens und verschrauben. Das stabilisiert den abgebrochenen Femurkopf auf dem Schaft. Ist technisch einfacher und meist weniger blutig als eine Prothese. Kann auch der handwerklich mittelmäßig begabte Orthopäde, weil er fast ohne räumliches Vorstellungsvermögen auskommen kann. Die meisten Orthopäden müssen mit wenig räumlichem Vorstellungsvermögen auskommen. Für den Nagel muß man die Fragmente unter Röntgenkontrolle nur mal richtig zueinander stellen, reinschlagen, fertig. Hautnaht. Zweiundvierzig Minuten, sagt Jean-Gabriel, von Schnitt bis Hautnaht. Option auf zweiundvierzig Minuten Zeitfenster. Seine zweiundvierzig Minuten entsprechen tatsächlich oft chronologischen zweiundvierzig Minuten. Wenn es keine Probleme mit dem Material gibt. Dem Schraubenzieher zum Beispiel. Häufig entspricht die Chirurgen-Minute mindestens zwei Echtzeit-Minuten. Auch wenn es keine Probleme mit dem Material gibt. Jean-Gabriel hat klare Vorstellungen von der räumlichen Konstellation. Das ist hilfreich.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind nochmal. Jean-Gabriel, Christine, Solène und ich. Jargon, wie gesagt, kein intimer Swingerkreis. Dem Kind sollten früher am Nachmittag zwei Schrauben aus dem Bein entfernt werden. Auch rechts. Voraussichtlich zwölf Minuten, 54 Sekunden, sagte Jean-Gabriel. Narkose, Schnitt. Die erste Schraube kein Problem. Dann brach der Schraubenzieher – medizinisches Spezialgerät im Wert von vermutlich 180 Euro – auf halber Strecke der zweiten. Der oben zitierte hässliche Fluch an dieser Stelle. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vorrätige Schraubenzieher mußte erst sterilisiert werden. Dauert, bis auch die letzte denkbare Mikrobe wirklich tot ist, fast zwei Stunden. Das Bein wurde wieder zugenäht und das Kind wachgemacht. Mußte sich von Mama solange im Aufwachraum trösten lassen. Zeit genug für erstmal die Hüfte. Jean-Gabriel hätte die Schraube am Kind lieber auf morgen Früh verschoben. Stieß auf vehementen Protest seitens des beiteiligten Personals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis morgen Früh warten wollen mit der zweiten Schraube an meinem Kind halb draußen. Acht Zentimeter lang die blöde Schraube immerhin. Halb draußen tut zudem auch weh.

Ab 22 Uhr bin ich müde. Und brauche auch keine Optionen auf Zeitfenster mehr. Es reicht. Viel mehr als eine theoretische Option auf Zeitfenster, Zeit für mich, ergab sich bis dahin an diesem Donnerstag nicht. Aber schließlich werde ich auch nicht für Optionen auf Zeitfenster bezahlt. Kein Zeitfenster während der zweiundvierzig Minuten für die Hüfte und auch nicht während der dreißig für die Schraube, nicht dazwischen und auch nicht danach, fast wie zuhause. Immer irgendwas. Das Telefon alle zehn Minuten. Die Schwester von Normalstation, Monsieur X hat Schmerzen. Der Pfleger von meiner Station für Mittelschwerkranke, der Hämoglobinwert von Madame Y bei 7,2. Morphium, Blutkonserven. Die Hebamme, une petite péridurale pour une petite primi, kleine PDA für kleine Erstgebärende, bitte. Immer, wenn sonst Ruhe ist, findet die Hebamme noch was. Fast wie zuhause meine Frau. Und umgekehrt. Wenn die Hebamme endlich alle ihre Péridurales hat, meldet sich ein Pfleger. Oder der junge Kollege aus den Urgences, aus der Notaufnahme, um mir einen seiner Patienten auf meine Station zu verkaufen. Letzterer zögert allerdings gerne bis halb zwei Uhr morgens.

Manchmal habe ich das Gefühl, da müßte eine Webcam sein oder so, die mich immer beobachtet. Und wenn ich endlich in meinem Bett liege, endlich gerade das Licht ausgemacht habe, schickt sie den jungen Kollegen aus den Urgences ans Telefon. Der junge Kollege aus den Urgences ist der ultimative Joker. Das fühlt sich dann so an wie ein gebrochener Schraubenzieher.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Version mit 3 450 Zeichen für Aila, für die Januar-2017-Ausgabe

Das Schöne in der Anästhesie ist die Option auf Zeitfenster. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schreiben, Nichtstun. Ja, ehrlich. Habe ich zuhause eher selten mal, diese Option. Immer ist irgendwas. Hausaufgaben, Wäsche, Kochen, Taxidienste zum und vom Sport. Oder Maschine defekt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nichtstun, fällt bestimmt meiner Frau was ein. Irgendeine Glühbirne ist immer kaputt. Im Krankenhaus entsteht die Option auf Zeitfenster aus der Wartezeit auf ein Ende. Jede Operation kommt zu einem Ende, früher oder später, so oder so.

Wir haben eine Hüfte angefangen. Sagt man so, ist natürlich Jargon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Kind machen ohne erotische Konnotation. Hüfte angefangen heißt wir reparieren den gebrochenen Oberschenkelknochen einer älteren Dame. Rückenmarksnarkose, dazu was zum Schlafen für den Fall, daß jemand übel fluchen muß. Jean-Gabriel, der Unfallchirurg wird der älteren Dame einen Nagel einschlagen ins obere Ende ihres Oberschenkelknochens und verschrauben. Zweiundvierzig Minuten, sagt Jean-Gabriel. Option auf zweiundvierzig Minuten Zeitfenster. Seine zweiundvierzig Minuten entsprechen tatsächlich oft chronologischen zweiundvierzig Minuten. Wenn es keine Probleme mit dem Material gibt. Mit einem Bohrer zum Beispiel. Oder dem Schraubenzieher.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind nochmal. Dem Kind sollten früher am Nachmittag zwei Schrauben aus dem Bein entfernt werden. Auch rechts. Voraussichtlich zwölf Minuten, 54 Sekunden, sagte Jean-Gabriel. Narkose, Schnitt. Die erste Schraube kein Problem. Dann brach der Schraubenzieher – medizinisches Spezialgerät – auf halber Strecke der zweiten. Bordel à cul de pompe à merde! Hässlicher Fluch, kaum zu übersetzen. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vorrätige Schraubenzieher mußte erst sterilisiert werden. Dauert, bis auch die letzte denkbare Mikrobe wirklich tot ist, fast zwei Stunden. Sarah, das Kind, mußte sich solange von Mama im Aufwachraum trösten lassen. Jean-Gabriel hätte die Schraubenentfernung lieber auf morgen Früh verschoben. Hatte keine Lust mehr. Stieß auf vehementen Protest seitens des beiteiligten Personals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis morgen Früh warten wollen mit der zweiten Schraube an meinem Kind halb draußen. Acht Zentimeter lang die blöde Schraube immerhin. Tut ja auch weh, halb draußen.

Leider ergeben sich nicht immer Zeitfenster. Aber schließlich werde ich auch nicht für Optionen auf Zeitfenster bezahlt. Immer kann was irgendwas sein. Das Telefon alle zehn Minuten. Eine Schwester aus der Inneren, Monsieur X hat Schmerzen. Der Pfleger in der Chirurgie, der Hämoglobinwert von Madame Y bei 7,2. Morphium aufschreiben, Blutkonserven verabreichen. Immer, wenn sonst Ruhe ist, findet die Hebamme noch was, une petite péridurale pour une petite primi zum Beispiel, eine kleine PDA für eine kleine Erstgebärende, bitte.

Oder der junge Kollege aus den Urgences, aus der Notaufnahme, um mir einen seiner Patienten auf meine Station zu verkaufen. Der wartet allerdings gerne bis halb zwei Uhr morgens. Manchmal habe ich das Gefühl, da müßte eine Webcam sein oder sowas, die mich immer beobachtet. Und auf den Moment wartet, bis ich in meinem Bett liege, endlich gerade das Licht ausgemacht habe. Dann schickt sie den Joker ans Telefon. Wenn Pfleger, Schwestern und Hebammen schon lange schlafen, holt mich die Webcam in die Urgences. Laut fluchen hilft ein bißchen.

Golfplatz

Zum Jahresende wollen sie unser Labor zumachen. Nein, sie wollen nicht, sie werden. Sie, die Direktion. Dabei ist das Labor außer dem Kiosk in der Eingangshalle meines Wissens die einzige Abteilung, die Gewinn abwirft. Bisher hat das Centre hospitalier für 2016 drei Millionen Verlust eingefahren. Drei Millionen Euro. Letztes und vorletztes Jahr waren es insgesamt jeweils fünf Millionen, sagen sie. Sie, die Direktion. Deswegen haben wir seither eine gemeinsame Direktion mit dem großen Krankenhaus quasi nebenan, in Toulon. Dort bringt das Labor im Gegensatz zu vielen anderen Abteilungen, unter anderem vermutlich dem Kiosk in der Eingangshalle, keinen Gewinn. Unser gemeinsamer Direktor ist vor allem der Direktor des großen Krankenhauses quasi nebenan. Das große ist seins. Um unser Krankenhaus kümmert er sich nur so nebenbei. Logisch, daß er vor allem an seins, das große, neue quasi nebenan denkt. Er hat die Zahlen sofort durchschaut. Für das Verständnis von Zahlen braucht es keinen medizinischen Sachverstand. Der Direktor glaubt, daß er sein Labor sanieren kann, wenn er sich unseres einverleibt. Andererseits möchte man denken, es bräuchte  keinen ausgeprägten medizinischen Sachverstand, um zu verstehen, daß ein Krankenhaus der Basisversorgung mit Geburtshilfe nicht mehr richtig funktionieren kann ohne eigenes Labor im Keller. Vor einem Jahr etwa hatten wir eine Réunion mit dem Direktor zu diesem Thema. Wir wiesen ihn darauf hin, daß ein Krankenhaus der Basisversorgung und insbesondere dessen Geburtshilfe ohne angeschlossenes Labor nicht mehr richtig funktionieren kann. Der Direktor hielt dagegen, daß er Spezialisten für sowas hätte und daß die Spezialisten einen Plan ausarbeiten würden, wie unser Krankenhaus auch ohne direkt angeschlossenes Labor im Keller funktionieren würde. Das Labor des großen, neuen Krankenhauses quasi nebenan hätte ausreichend Kapazitäten, die Versorgung unseres kleinen Krankenhauses samt seiner Geburtshilfe korrekt zu bedienen. Bedenken unsererseits angesichts einer Entfernung von immerhin knapp fünfzehn Kilometern hohen Staupotentials zwischen den beiden Häusern ließ er nicht gelten. Der Direktor betonte, er hätte Spezialisten für sowas. Diese wären in der Lage, einen Plan auszuarbeiten, der allen Eventualitäten Rechnung tragen würde. Wie kann man bloß so blauäugig sein! Hat er die Staus zu jeder Tageszeit noch nie aus eigener Anschauung erlebt? Wenn der Tunnel Richtung Marseille gesperrt ist, geht im Umkreis von zehn Kilometern gar nichts mehr. Stau in den kleinsten Nebenstrecken. Nicht einmal durch unser Argument der gefährdeten Patientensicherheit ließ sich der Direktor aus der Ruhe bringen. Weil Krankenhausdirektoren meist nur über sehr wenig medizinischen Sachverstand verfügen, zucken sie normalerweise ein bißchen, wenn man die Patientensicherheit ins Spiel bringt. Davor haben sie Angst. Sie haben Angst vor dem Unfall am Patienten und vor allem vor der nachweisbaren Mitschuld am Unfall. Der Direktor aus dem großen Krankenhaus quasi nebenan winkte routiniert ab. Schließlich hätte er Spezialisten für sowas.

Böse Zungen behaupten, im allgemeinen wäre die Schließung des Labors nur der erste Schritt zur Schließung eines Krankenhauses im Ganzen.

Letzten Sonntag hatte ich Dienst. Und mußte feststellen, daß sie schon mal unsere Blutbank als Teil des Labors zugemacht hatten. Sie, die Direktion. Vermutlich auf Empfehlung der Spezialisten. Das Labor funktioniert noch so wie sonst, nur eben ohne Blutbank. Stattdessen haben wir jetzt einen Kühlschrank mit Null-Negativ-Konserven, fünf Stück, für den vitalen Notfall. Und ein paar Tüten Frischplasma. Keine Blutbank. Keine Möglichkeit, Patienten innerhalb von dreißig Minuten ihrer Blutgruppenkonstellation entsprechendes Blut zu verabreichen. Außer eben was von den Null-Negativ-Konserven. Das geht immer. Leider hatten die Spezialisten versäumt, den Direktor daraufhinzuweisen, daß das medizinisch relevante Personal von diesem Umstand in Kenntnis gesetzt werden sollte. Rechtzeitig. Per Mail, Rundbrief, Besprechung zum Beispiel. Niemand hatte letzten Sonntag gewußt, daß es schon soweit sei. Daß das Labor ganz zumachen würde zum Jahresende und man jetzt schon mal anfangen würde mit der Blutbank. Oder die, die unterrichtet waren, haben denen, die damit arbeiten müssen, nichts davon gesagt. Das entspricht mediterraner  Kommunikations-Strategie. Es wird viel geredet, aber kein relevanter Inhalt kommuniziert. Immerhin fanden sich schließlich einige Exemplare einer procédure, einer Dienstanweisung. Lieblos redigiert, immerhin mit ein paar Telefon- und Faxnummern im Labor des großen Krankenhauses quasi nebenan. Am Telefon mit der Blutbank des großen Krankenhauses nebenan kristallisierten sich interessante Details heraus. Für den lebensbedrohlichen Transfusions-Notfall gibt es beim Krankenhaus angestellte Fahrer im Bereitschaftsdienst. Die warten bei sich zuhause auf den Einsatz. Das Zuhause des Fahrers darf dreißig Minuten vom großen Krankenhaus nebenan entfernt sein. Dreißig Minuten! Unser Notfallfahrer am Sonntag hat sein Zuhause in Hyères. Sonntags kommt es höchstens während der Schulferien mal zu Staus. Oder wenn mal wieder eine achtlos weggeworfene Kippe den Mittelstreifen in Brand gesetzt hat. Was aber sicher zu den Eventualitäten gehört, welchen die Weisheit der Spezialisten Rechnung trägt.

Außer dem Notfallfahrer des Krankenhauses gibt es einen privatwirtschaftlichen Fahrdienst, der alle medizinischen Strukturen ohne eigenes Labor im Großraum versorgt. Der fährt seine Runde vier oder fünf Mal pro Tag. Natürlich nur zwischen 7 und 17 Uhr. Bestimmt äußerst lukrativ. Werktags. Wer arbeitet schon freiwillig nachts und am Wochenende. Außerhalb dieser Zeiten wird jeder Einsatz zum Notfall für den Krankenhausfahrer.

Böse Zungen behaupten, der Chef des privatwirtschaftlichen Fahrdienstes und der Direktor der Krankenhäuser würden regelmäßig gemeinsam auf dem 18-Loch-Parcours des Golfplatzes bei mir im Dorf angetroffen werden.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Hypocrisie

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Wen man nicht so alles Freunde nennt. Jérôme und Isabelle zum Beispiel, Jéjé et Zaza, pour les intimes, unter Freunden. Jérôme war viele Jahre Kapitän auf strategischen Atom-U-Booten. Ultrageheim, nicht mal seine Frau wußte, in welchem Gewässer der Erde sich ihr Mann gerade aufhielt. Am Ende seiner Karriere fast Admiral in Brest. Zu seinem großen Leidwesen nur fast. Seine Gattin kann ihre Genealogie zurückverfolgen bis ins elfte Jahrhundert zu Ludwig VI, dem Dicken. Uradel irgendwie. Upperclass. Sagt Jéjé. Jéjé empfindet sich und seine Isabelle als eindeutig upperclass.

Die haben wir vor gut zwei Wochen gesehen in Paris. Wir haben uns  alle überschwenglich gefreut über dieses Wiedersehen anläßlich des Laufs Paris-Versailles. Wir waren eingeladen in Jérômes und Isabelles Pariser Residenz im siebzehnten Arrondissement. Ein aufwendig renoviertes Stadthaus, Keller, Erdgeschoß, zwei Etagen. Wirklich schön geworden, geschmackvoll, die Fußböden knarren ein bißchen zu heftig. Vier Zimmer als Privathotel, sie selbst wohnen unter dem Dach. Zaza beaufsichtigt Personal und Frühstück, Jéjé plaudert, gerne auch Englisch mit charmantem Akzent und auch ein paar Brocken deutsch, beantwortet Anfragen von Gästen und die netten Bewertungen auf Tripadvisor. Die Übernachtung war immerhin kostenneutral. Sonst knapp dreihundert Euro die Nacht. War aber sowieso nichts los im Hotel. Jéjé konnte leider nicht mitlaufen die 16 km von der Tour Eiffel bis zum Château de Versailles, wollte eigentlich, war sogar eingeschrieben, konnte aber nicht, weil er sich zwei Wochen zuvor eine Zehe gebrochen hatte, links. Immer noch ganz geschwollen und blau. Auf seinem Boot sei er ausgerutscht. Seinem Segelboot, zwölf Meter. Daß er es nicht verleihen würde, ließ er auch gleich durchblicken, weil wir ja keine Ahnung hätten vom Segeln. Und von einem weiteren Besuch in der Bretagne, wo die Yacht liegt, war auch nicht die Rede. Kein Segelturn auf dem Atlantik. Trotz Platz für sechs in dem Kahn. Zwölf Meter, das ist schon nicht schlecht. Nicht mit uns. Lieber nicht.

Vor drei oder vier Jahren waren wir mit zwei Kindern eingeladen im Zweitwohnsitz in La Trinité. La Trinité ist das Saint-Tropez der Bretagne. Upperclass-Franzosen aus Paris haben einen Zweitwohnsitz in La Trinité oder Saint-Tropez. Oder beides. Dort nennen sie einen Neubau ihr Eigentum, die Lage zwar nicht wirklich traumhaft, ohne den Ozean in Sichtweite, aber mit beheiztem Außenpool, geräumigen und vielen Zimmern. Trotzdem zu klein für soviele Menschen über zehn Tage. Der Kram der Kinder immer wieder irgendwo, wo er nicht hingehörte. Kinder eben. Das mit dem Frühstück hatten sie allerdings schnell gelernt, die Kinder. Wie zuhause. Selbst abräumen. Anders als zuhause aber nur auf der Spülmaschine abstellen. In der Maschine selbst hatten sie nichts verloren. Spülmaschine kann nur Jéjé selbst. Und dann, Tag vier oder fünf des Aufenthalts, fiel ihm beim Einräumen eine der Frühstücksschalen meiner Kinder zu Boden. Brüllanfall. Wahrscheinlich hatte er schlecht geschlafen. Wie er die Schnauze so voll hätte und immer und überall und was wir uns denn denken würden und wer wir denn wären. Gar nicht upperclass. Jéjé der U-Boot-Kapitän. Blick tief in die Seele, die Wahrheit hinter der Fassade. Zehn Minuten Wutkrise. Zehn Minuten chrono, gefühlt genug für ein ganzes Leben. Manchmal kam ich gegen den Sturm zu Wort und es tat mir leid, wirklich leid, und Asche auf mein Haupt und wie konnte das nur passieren. Jéjé konnte sich hingegen nicht bremsen, wie er die Schnauze so voll hätte und immer und überall und was ich mir denn denken würden und wer ich denn wäre und nichts tat ihm leid, nicht einmal später mit Abstand und wieder umgänglich. Zehn Minuten chrono, gefühlt genug für ein ganzes Leben. Ich hätte nur zehn Minuten gebraucht, all unseren Kram und den meiner Kinder – und immer und überall – im Leihopel zu verstauen. Nur war meine Frau gerade Shoppen mit Zaza. Hätte ihr nicht gefallen, unvermittelt in den Opel einsteigen zu müssen. Die Tüten voll Shopping abstellen und weg mit dem Opel. Isabelle konnte ja auch nichts dafür. Also blieben wir.

Unvermeidlich am ersten Glas Champagner vor gut zwei Wochen die Frage zum Stand der Reisevorbereitungen zur Hochzeit des ersten Sohns. In Neuseeland. Die Hochzeit von Jérômes und Isabelles Sohn findet in Neuseland statt. Wir sind eingeladen. Warum auch immer. Viele der anderen Freunde können leider nicht kommen. Einer muß ja kommen. Der Sohn ist Ingenieur, mit Schwerpunkt Bootsbau und Innenarchitektur, nach Privatschulen in England und schließlich eben Neuseeland. Hauptsache weit weg. Dort hat er seine Liebe gefunden. Weiter weg geht nicht. Auf der Liste meiner Reisziele für dieses Leben noch, sagte ich, auf der Liste meiner Top fifty also, darunter  Island, Sibirien, Kasachstan und die Krim, sogar Nordkorea, käme Neuseeland glatt auf Platz einhundertvierundzwanzig. Leider. Schafe interessieren mich nicht so. Und auch nicht die Originalschauplätze der Herr-der-Ringe-Trilogie. Nicht mal die Hochzeit des Sohnes, mit dem ich über die Dauer ihrer Bekanntschaft Gelegenheit für vielleicht dreihundert gewechselte Worte hatte, comment ça va à l’école, wie geht’s in der Schule, nicht mal diese Hochzeit brächte Neuseeland mehr als drei Bonuspunkte. Ô, Bertrâme, là, tu me deçois, rief er aus, da enttäuscht du mich aber, und verpasste mir, das macht er gerne und ich hasse das, eine seine Ohrfeigchen. Kein Schlag ins Gesicht, aber die Hand an meiner Wange. Macht er öfter mal, wie als Scherz, manchmal reicht ein falscher Artikel, ô, Bertrâme, mit ö am Ende. Das nächste Mal schlage ich zurück oder trete ihm wie aus Versehen auf seinen faulen Zeh, oh pardon, désolé, ça va? – Entschuldige, tut mir leid, geht’s? Bisher gab ich allerdings den Klügeren und schlug noch nicht zurück.

Jéjé holt sich seine Niederlagen, wie jeder durchschnittliche Mensch, gelegentlich auch alleine, ganz ohne mein Zutun, nun ja, fast ohne mein Zutun. Wichtig war Jérôme und Isabelle bei unserem Besuch vor gut zwei Wochen ein überaus positiver Kommentar zum Hotel bei „Trip“, wie sie sagen, Tripadvisor. Von uns beiden? Ja, von euch beiden. Den automatisierten Algorhytmen von Trip gefiel das nicht. Trip vermutet Beschiß wegen gleicher IP-Adresse. Löschte unsere überaus positiven Beurteilungen und stufte Jéjés Privathotel von Platz elf auf Platz 25 herab. Panik im siebzehnten Arrondissement, ne faîtes plus rien, surtout ne faîtes plus rien. Unternehmt nichts mehr, bitte rein gar nichts mehr. Per Mail, per sms, telefonisch. Erdbeben, Panik, das Hotel stürzt ein. Zu spät. Ich hatte es nicht gut gefunden von Trip, meine überaus positive Bewertung einfach gelöscht zu sehen und sie gleich nochmal geschrieben. Zack, Platz 35. Ich könnte einfach so weitermachen. Noch fünf Mal und die können zumachen. Das ist besser als jedes Ohrfeigchen. Und doch so gut gemeint. Andererseits fast so wirkungsvoll wie ein Holzhammer auf Jéjés dickem Zeh. Vraiment désolé, cher ami, qu’est-ce je pourrais faire pour t’aider? – Tut mir ja so leid, teurer Freund, was könnte ich nur machen für dich?

Hypocrisie, subst., f.. Heuchelei, Scheinheiligkeit.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Ignoranz

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Ob ich schon wüßte, daß da, wo früher die Citroën-Werkstatt war, in der Nähe des Bahnhofs, daß da jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, natürlich nicht in den Räumlichkeiten der Garage selbst, sondern so ein bißchen versteckt dahinter wohl, sie wüßte ja nicht, was auf dem Gelände sonst noch so alles wäre. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüstern fast, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde, obwohl da niemand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf meiner Terrasse. Als ob eine Moschee eine konspirative Einrichtung wäre.

Isabelle und Francis haben ein paar Bienenstöcke bei uns aufgestellt. Seit Jahren. Sie leben davon, haben achtzig Bienenstöcke über das ganze Département verteilt, bis in die Alpen, wahrscheinlich ein mühsames Tun. Zum Saisonende bringen sie ein Sortiment aus ihrer Produktion, „meinen“ Anteil als Gegenleistung für die Überlassung der Standplätze für die Bienenstöcke. Zehn Sorten haben sie inzwischen. Unter anderem Lavendelhonig, den ich selbst ein bißchen zu süß finde, Miel des Alpes, Alpenhonig, Salbei- und Wiesenhonig. Miel de Provence natürlich auch. Das kaufen die Touristen so gerne. Auf meine Vermittlung konnten sie im Frühsommer ein paar Stöcke im Kastanienwald um Collobrières, einer lokalen Hochburg der Esskastanienindustrie, platzieren.

Sie hätte bislang nicht gewußt, daß es, sogar bei uns auf dem Dorf, zugegeben, ein großes Dorf, schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letzten Freitag zufällig an der ehemaligen Citroën-Werkstatt vorbeigekommen wäre. Das muß nach dem Gebet gewesen sein, der ganze Hof der Garage voll, bis auf den Bürgersteig, voll mit diesen Männern, bärtig, im Nachthemd, ja, sie sagte Nachthemd, chemise de nuit, in größeren und kleineren Gruppen. Richtig erschrocken wäre sie angesichts so vieler Männer, die da in aller Öffentlichkeit ihrem Glauben folgten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekommen. Der Gatte dazu, Francis, sonst ein Muster an Eloquenz in fachkundiger Auskunft zur Imkerei, hörte nur zu und wartete ab. Isabelle, versuchte ich sie zu unterbechen, ist doch nichts einzuwenden, wenn…, gar nicht so einfach, zu Wort zu kommen, Isabelle hatte sich in Fahrt geredet. Weil man sie, die Männer in ihren Nachthemden, den Kopfbedeckungen und den Bärten überhaupt nicht verstehen würde, wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Freitag erzählt wird. Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Aber diese Regierung unter diesem Präsidenten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur führen mit Frankreich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürften. – Isabelle, neuer Versuch in einer ihrer knappen Atempausen,  Gottesdienst in aller Öffentlichkeit ist doch in Ordnung, das ist also von der Gemeinde abgesegnet. Das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn sogar Monsieur le Maire (politisch dem Gedankengut der Le-Pen-Dynastie nicht abgeneigt) das nicht verhindert hat… – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs. Woher will man denn wissen, was es da noch alles gibt außer Moscheen. Und wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Freitag erzählt wird.

Miel de châtaignier, Kastanienblütenhonig, ist mein eindeutiger Favorit, kräftiges Blütenaroma, durch den relativ geringen Glukoseanteil eher herb, leicht bitter. Erinnert geschmacklich an Hustensaft, sagen Ignoranten. Kastanienhonig mit ausgeprägtem Aroma ist schwer zu finden. Ist wunderbar im Tee, in heißer Zitrone, auf frischem Baguette mit Butter. Meine Frau macht Salatsoßen damit. Lässt sich aber auch einfach so löffeln wie Nutella. Francis‘ und Isabelles Ernte Kastanienblütenhonig fiel wider Erwarten üppig aus. Fand großen Anklang auf den umliegenden Märkten. Mit viel Mühe konnte ich mir zwei Kartons à zwölf 500-Gramm-Gläsern reservieren. Das muß reichen bis nächstes Jahr. Freundschaftspreis. Ein Kaffee vielleicht? Non, merci, keinen Kaffee, wir haben gleich noch ein Rendezvous. Ein Glas Wasser vielleicht.

Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Das werden ja von ganz alleine immer mehr. Und jetzt auch noch diese Flüchtlinge, man weiß ja gar nicht, wo die genau herkommen und wer da so kommt. Und ob die wirklich alle in Gefahr wären, wagte sie zu bezweifeln, die meisten wollten wohl doch nur vom französischen Sozialsystem profitieren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kindern kämen. Kommen zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür bringen sie uns auch noch um. Francis, der Imker, versuchte nun auch, den Redeschwall seiner Frau zu unterbrechen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frankreich ging es so schlecht, daß wir nicht zurechtkommen könnten mit den paar Flüchtlingen. In Deutschland, Francis spielt mir gegenüber gerne auf Deutschland an, mit Angela Merköhl, würden sie ja mit weitaus mehr Flüchtlingen zurechtkommen. Und außerdem müßten sie jetzt mal los zu ihrem Rendevous – Jaja, on y va, aber die Deutschen würden schon noch sehen, was sie davon hätten. Noch ginge es ihnen, den Deutschen also, ja viel besser als uns, aber mit diesen ganzen Migranten würde sich das nicht mehr lange halten. Wer soll denn das bezahlen? Und die wüßten ja auch nicht, Angela Merköhl und ihre Regierung wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließen. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die überhaupt untereinander reden. Versteht ja keiner. Natürlich gäbe es da vermutlich schwarze Schafe, gelang mir einzuwerfen, und Francis nickte dazu, aber wohl auch nicht mehr als in der normalen Bevölkerung. Natürlich gäbe es da ein Risiko, aber Menschen in Not müßte man doch helfen, es wären ja auch Kinder dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mittelmeer absaufen lassen. –  Ja, genau, Kinder, das ist auch so ein Problem, einer kommt, man wüßte gar nicht genau woher und warum und wenn er erstmal hier ist, kommt die ganze Sippschaft nach. Und keiner von denen arbeitet. Alles auf unsere Kosten. Die meisten wären ohnehin keine Flüchtlinge, die aus Marokko und Algerien wären ja nicht im Krieg, die wollen es nur einfach besser haben. – Genau, Isabelle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur einfach besser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châtaignier wegen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Für Aila, November-Ausgabe des Riviera-Magazins, gekürzt auf 4.580 Zeichen:

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahnhofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehemaligen Citroën-Werkstatt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüstern fast, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde, obwohl da niemand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf meiner Terrasse. Als ob eine Moschee eine konspirative Einrichtung wäre.

Isabelle und Francis haben ein paar Bienenstöcke bei uns aufgestellt. Seit Jahren. Zum Saisonende bringen sie ein Sortiment aus ihrer Produktion, als Gegenleistung für die Standplätze. Zehn Sorten haben sie inzwischen. Natürlich auch Miel de Provence. Das kaufen die Touristen so gerne. Auf meine Vermittlung konnten sie im Frühsommer ein paar Stöcke bei Collobrières platzieren, einer lokalen Hochburg der Maronenindustrie.

Sie hätte bislang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letzten Freitag zufällig da vorbeigekommen. Das muß nach dem Gebet gewesen sein, der ganze Hof der Werkstatt voll, bis auf den Bürgersteig, voll mit diesen Männern, bärtig, im Nachthemd, ja, sie sagte Nachthemd, chemise de nuit, in Gruppen. Richtig erschrocken wäre sie angesichts so vieler Männer, die da in aller Öffentlichkeit ihrem Glauben folgten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekommen. Der Gatte dazu, Francis, sonst ein Muster an Eloquenz in fachkundiger Auskunft zur Imkerei, hörte schweigend zu. Isabelle, versuchte ich sie zu unterbechen, ist doch nichts einzuwenden, wenn…, vergeblich, Isabelle hatte sich in Fahrt geredet. Weil man die Männer in Nachthemden, mit Kopfbedeckungen und Bärten überhaupt nicht verstünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Freitag erzählt wird. Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Aber diese Regierung unter diesem Präsidenten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur führen mit Frankreich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürften! – Isabelle, neuer Versuch meinerseits, das ist doch wohl von der Gemeinde abgesegnet. Das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn sogar Monsieur le Maire (politisch dem Gedankengut der Le-Pen-Dynastie nahe) das nicht verhindert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Miel de châtaignier, Kastanienblütenhonig, ist mein eindeutiger Favorit, kräftiges Blütenaroma, durch den relativ geringen Glukoseanteil eher herb, leicht bitter. Erinnert geschmacklich an Hustensaft, sagen Ignoranten. Mit seinem ausgeprägtem Aroma ist Kastanienblütenhonig wunderbar im Tee, in heißer Zitrone, auf frischem Baguette mit Butter. Meine Frau macht Salatsoßen damit. Lässt sich aber auch einfach so löffeln wie Nutella.

Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Und jetzt auch noch diese Flüchtlinge, man weiß ja gar nicht genau, wo die herkommen und wer das ist. Und ob die wirklich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezweifeln, die meisten wollten wohl doch nur vom französischen Sozialsystem profitieren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kindern kämen. Kommen zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür bringen sie uns auch noch um. Francis, der Imker, versuchte nun auch, den Redeschwall seiner Frau zu unterbrechen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frankreich ginge es so schlecht, daß man nicht zurechtkäme mit den paar Flüchtlingen. In Deutschland, Francis spielt mir gegenüber gerne auf Deutschland an, würden sie ja mit weitaus mehr zurechtkommen. Jaja, die würden schon noch sehen, was sie davon hätten. Noch ginge es denen ja viel besser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange halten. Wer soll denn das bezahlen? Angela Merköhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die überhaupt untereinander reden. Versteht ja keiner. Natürlich gäbe es da vermutlich schwarze Schafe, gelang mir einzuwerfen, und Francis nickte dazu, und natürlich gäbe es da ein Risiko, aber Menschen in Not müßte man doch helfen, es wären ja auch Kinder dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mittelmeer absaufen lassen. – Ja, genau, Kinder, das ist auch so ein Problem, einer kommt und wenn er erstmal hier ist, kommt die ganze Sippschaft nach. Und keiner von denen arbeitet. Alles auf unsere Kosten. Die meisten wären ohnehin keine Flüchtlinge, viele wären ja nicht im Krieg, die wollen es nur einfach besser haben. – Genau, Isabelle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur einfach besser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châtaignier wegen.

Und noch weiter gekürzt. Ohne Honig. 3.690 Zeichen. Fände ich schade.

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahnhofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehemaligen Citroën-Werkstatt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüstern fast, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde, obwohl da niemand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf meiner Terrasse. Als ob eine Moschee eine konspirative Einrichtung wäre.

Sie hätte bislang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letzten Freitag zufällig da vorbeigekommen. Das muß nach dem Gebet gewesen sein, der ganze Hof der Werkstatt voll, bis auf den Bürgersteig, voll mit diesen Männern, bärtig, im Nachthemd, ja, sie sagte Nachthemd, chemise de nuit, in Gruppen. Richtig erschrocken wäre sie angesichts so vieler Männer, die da in aller Öffentlichkeit ihrem Glauben folgten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekommen. Der Gatte dazu, Francis, sonst ein Muster an Eloquenz in fachkundiger Auskunft zur Imkerei, hörte schweigend zu. Isabelle, versuchte ich sie zu unterbechen, ist doch nichts einzuwenden, wenn…, vergeblich, Isabelle hatte sich in Fahrt geredet. Weil man die Männer in Nachthemden, mit Kopfbedeckungen und Bärten überhaupt nicht verstünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Freitag erzählt wird. Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Aber diese Regierung unter diesem Präsidenten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur führen mit Frankreich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürften! – Isabelle, neuer Versuch meinerseits, das ist doch wohl von der Gemeinde abgesegnet. Das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn sogar Monsieur le Maire (politisch dem Gedankengut der Le-Pen-Dynastie nahe) das nicht verhindert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Man müßte das kontrollieren, überwachen, sonst könnte alles ja noch viel schlimmer kommen. Und jetzt auch noch diese Flüchtlinge, man weiß ja gar nicht genau, wo die herkommen und wer das ist. Und ob die wirklich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezweifeln, die meisten wollten wohl doch nur vom französischen Sozialsystem profitieren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kindern kämen. Kommen zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür bringen sie uns auch noch um. Francis, der Imker, versuchte nun auch, den Redeschwall seiner Frau zu unterbrechen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frankreich ginge es so schlecht, daß man nicht zurechtkäme mit den paar Flüchtlingen. In Deutschland, Francis spielt mir gegenüber gerne auf Deutschland an, würden sie ja mit weitaus mehr zurechtkommen. Jaja, die würden schon noch sehen, was sie davon hätten. Noch ginge es denen ja viel besser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange halten. Wer soll denn das bezahlen? Angela Merköhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die überhaupt untereinander reden. Versteht ja keiner. Natürlich gäbe es da vermutlich schwarze Schafe, gelang mir einzuwerfen, und Francis nickte dazu, und natürlich gäbe es da ein Risiko, aber Menschen in Not müßte man doch helfen, es wären ja auch Kinder dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mittelmeer absaufen lassen. – Ja, genau, Kinder, das ist auch so ein Problem, einer kommt und wenn er erstmal hier ist, kommt die ganze Sippschaft nach. Und keiner von denen arbeitet. Alles auf unsere Kosten. Die meisten wären ohnehin keine Flüchtlinge, viele wären ja nicht im Krieg, die wollen es nur einfach besser haben. – Genau, Isabelle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur einfach besser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Ameisenscheiße

Erwartungsdruck, tatsächlicher oder eingebildeter, weiß man das schon genau? Demnächst vermutlich Abendessen, die essen ja so früh in Deutschland. Bestimmt warten sie unten schon, dabei hätte ich gerne mal ein paar Minuten für mich gehabt. Wir sind in Ulm. Bei Verwandtschaft, sie aus Norddeutschland, er schon immer hier in der Gegend. Schwabe, technisch orientiert, nach einem Bier weniger Nerd als man von einem Ingenieur erwarten würde. Sie selbst, Verwandte meiner Frau, macht was mit Sozialpädagogik, glaube ich, so einer der Berufe, die ich mir in ihren Inhalten nicht so richtig vorstellen kann, Beratung, Gespräch, Reintegration von Drogenkranken. Sie hatten den zehnten Hochzeitstag letztes Wochenende, alles im grünen Bereich, manchmal beklagt sie sich diskret über den rudimentären Kommunikationsbedarf ihres Gatten. Schwabe eben. Ingenieur. Das redet nicht so viel. Ich mag die beiden, sonst wäre ich ja nicht hingefahren. Zwei Kinder, Töchter, beide jünger als meine, sieben und neun. Mein Sohn glatt außen vor, zu klein die Töchter. Diese ständig im Wettstreit um die Aufmerksamkeit meiner Tochter. Schrilles Zetern, diskretes Kneifen und Schubsen. Mädchen eben. Auf dem Programm das Ulmer Münster, alle 768 Stufen, Maultaschen mit Kartoffelsalat von gestern, Kartoffelsalat ist am nächsten Tag sowieso noch besser, nicht wahr? Blautopf in Blaubeuren. Ça veut dire quoi, blotopf, fragen die Kinder. Das Blau soll bei Sonneneinstrahlung am besten zur Geltung kommen. Wirklich schön. Ganz unwirkliches, fast karibisches Lagunenblau. Sechzehn Grad. Man darf nicht reinspringen. Kinder sitzen auf der Absperrung und sagen Ameisenscheiße. Ameisenscheiße verhindert Grimassen und sieht auf dem Foto aus wie Lächeln. Später liegt der Topf im Schatten. Und das Blau ist noch viel blauer. Ganz ohne Nachbearbeitung. Und viel weniger Besucher.

blautopf-klein

Le soleil s’éclipse derrière la… – Die Sonne verschwindet hinter… – hinter was? Zurück aus dem Urlaub. Seit zwei Wochen. Dienst. Kreißsaal, halb drei Uhr nachts. Beschriftete Erstgebärende. Der Urlaub schon längst Geschichte.

Ein Bier vielleicht schon mal? Ja, gerne, ich komme gleich. Voilà, der Erwartungsdruck. Später, nach Mitternacht, alkoholisiert. Signifikant. Leider. Eigentlich hätte ich mich gerne mit dem einen Bier schon mal zufrieden gegeben. Dann hatte die Gastgeberin ihren Rotwein auf den Tisch gebracht. „Ihren“ Rotwein. Was von Rewe. Ich versteh‘ ja nix von Wein, sagt sie, ich geh‘ da mehr nach dem Etikett. Ganz okay eigentlich der Wein für Ich versteh‘ ja nix von Wein. Das Etikett auch okay. Kann ich da Nein sagen? Erwartungsdruck. Zum Wein gibt’s Fotobücher. Die Hochzeit, die ersten drei Jahre des ersten Kinds, die ersten drei Jahre des zweiten Kinds. Zweihundert Bilder jeweils, unwiderstehliches Sonderangebot auch von Rewe, glaube ich, oder Aldi. Nett, so Fotobücher. Wenn man sie nicht jeden Tag ansehen muß. Manche Statisten mir nicht unbekannt, Familie im weiteren Sinn immerhin, manche davon waren auch schon bei mir auf der Terrasse, manche sogar im Pool, manche kenne ich vom Namen, meine Frau bei der Hochzeit, me myself im Album zu den ersten drei Jahren des zweiten Kinds. Als Statist. Im Hintergrund noch die Palmen. Auch Geschichte mittlerweile. Und zweihundert Bilder zu einer Huskytour des Gatten in Nordfinnland. Geburtstagsgeschenk zum Fünfzigsten. Huskies. Schneelandschaft. Mitkämpfer, Jacob, knapp sechzig, und vier junge Frauen unter dreißig. Jasmina zum Beispiel, erstaunlich hübsch. Erstaunlich hübsch für den Kontext. Huskytour, welche junge Frau unter dreißig zieht sich sowas schon rein? In Nordfinnland. Und Lisa, die Hundeführerin. Bilder vorwiegend von der Schneelandschaft und den Hunden. Nordlicht. Manchmal Lisa. Wenig Jasmina. Was aber hätte eine erstaunlich hübsche Jasmina schon in der Sammlung von Familienalben verloren? Begleittext vom Abenteurer. Morgens mußte die Hundescheiße aufgesammelt werden. Nicht so schlimm, sagt der Abenteurer. War ja gefroren bei minus 17 Grad. Hundescheiße ist gefroren nicht so schlimm. Nicht. So. Schlimm.

Zehn Tage Deutschland. Ruhrgebiet, Schwaben, Baden.

Nur einen einzigen Tag davon hatte ich vorwiegend mit den Kindern, abgesehen mal vom üblichen Sitzen abends mit den Gastgebern. Kletterwald in der Nähe von Freiburg. Klettern in Bäumen, auf Seilen, wackligen Brücken, Seilrutschen, Mutproben, Tarzansprünge von Baum zu Baum, in zehn bis zwanzig Metern Höhe. Alles natürlich gesichert, immer zwei Haken am Seil, in der Nähe von Freiburg sogar mit Helm. Fanden meine Kinder albern, was soll uns denn hier auf den Kopf fallen? Haben sie recht. In Deutschland ist eben alles noch ein bißchen sicherer. Zum Abschluß Baggersee unterhalb des Kaiserstuhls. Wunderbar türkisfarbenes Wasser, fast klar, vielleicht zwanzig Grad, eher frisch. Hier darf man reinspringen. Sogar die Tochter kann das, obwohl sie das gar nicht gerne macht, wenn sie den Grund nicht sieht, so klar und in gerade Bahnen aufgeteilt wie in der piscine.

Später wieder sitzen am Bier. Mit dem Gastgeber und der Gattin. Der dritten. Das wechselt immer wieder mal. Alle fünf bis zehn Jahre. Die aber wird bleiben, vermute ich. Das passt schon. Bio-Verkäuferin, erwachsene, autonome Kinder außer Haus. Und sie kann mit dem Chaos des Gastgebers leben. Mit dem dschungelartigen Gelände hinter dem Haus. An manchen Stellen findet man angeblich Melonen, auch Bohnen und Salat, sogar Tomaten soll es irgendwo geben. Mittendrin eine Sitzgruppe. Die Platten, Natursandstein, kreativ verlegt, ein bißchen uneben. Jeder Stuhl wackelt. Macht nix. Die Gattin kann auch damit leben, daß seine Wohnung aussieht wie eine Baustelle. Nichts ist wirklich fertig. Seit Jahren. Jahrzehnten. Nichts funktioniert wirklich. Wasserhähne mit dem warmen Wasser auf der falschen Seite. Offene Steckdosen. Und, sagt die Gattin, angeblich hat sie vorher was aufgeräumt, normalerweise lägen Kleidungsstücke überall herum, Hemden, Socken, Unterhosen, wo sie ihm eben gerade vom Leib fallen. Macht dich das nicht wahnsinnig? – Noi, i mach des gern. – Häh? Gerne? Das meinst du nicht wirklich. – Doch, doch, Wäsche mache ich gerne. Ich lasse jetzt mal den starken schwäbischen Akzent der Gattin weg. Waschen, aufhängen, bügeln, falten und am Ende ist alles schön ordentlich im Schrank gestapelt. Das schön ordentlich Gestapelte befriedigt sie. Der Weg dahin macht ihr Freude. Ich erinnerte mich, daß sie mir das schon mal erzählt hatte. Ihre Schränke sehen tatsächlich auch von innen so aus. Und die des Gastgebers auch, übrigens. Gebügelt, gestapelt. Obwohl die Wohnung sonst nicht so aussieht, als wäre da kurz vorher mal jemand durchgegangen. Baustellen eben, offene Steckdosen, teilverlegtes Parkett, Lichtschalter mitten im Durchgang auf dem Boden. Die Gattin, ursprünglich nur Mieterin im Haus, hat ihre eigene Wohnung oben behalten. Da ist alles tiptop. Mal abgesehen vom Wasserhahn im Bad mit dem Warm auf der falschen Seite. Möglicherweise kann sie den technischen und organischen Dschungel in den Räumlichkeiten ihres Gatten nur so, aus sicherem Rückzugsterrain, aushalten.

Von der Mitte des linken Schulterblatts in Tiefblaugrau und schleifiger Schrift im Bogen bis in den Nacken. Mehr zum rechten Ohr hin. Le soleil s’éclipse derrière la… – das letzte Wort verschwindet unter der Kopfhaube. Während der Anlage meines Periduralkatheters bin ich immer wieder versucht, einen Blick unter diese Kopfhaube zu werfen, um eben dieses letzte Wort, derrière was denn, zu erfahren. Bestimmt irgendwas wahnsinnig Philosophisches, joie vielleicht oder beauté. Ich hätte mich bücken müssen und das hätte irgendwie blöde ausgesehen in den Augen der Hebamme und des Mannes zur Gebärenden mir genau gegenüber. Mit sterilem Handschuh den Rand der Haube mal eben anheben geht natürlich auch gar nicht.

Abends fiel die Familie französischer Freunde meinerseits im Dschungel ein. Musiker im Orchester der Oper von Toulon. Künstler mit der Mentalität dazu. Auf eine Stunde hin oder her kommt es nun wirklich nicht an. Franzosen. Auf einen Tag? Es wurde dann wirklich spät, nach neun, die Gastgeberin mühsam kompensiert. Unverkennbar unterzuckert. Der Deutsche sitzt um sieben Uhr am Tisch. Und hat Hunger. Unsere französische Familie hingegen hatte bis zum Vorabend nicht verinnerlicht, daß unser Rendezvous für den Mittwoch Abend geplant war. Seit Wochen geplant. Immer wieder nachgefragt, bleibt es dabei? Immer wieder bestätigt. Mercredi soir?Oui, mercredi soir. Und nicht etwa Donnerstag. Für jeudi war Europa-Park geplant. Kein Verhandlungsspielraum meinerseits, weil unser Rückflug ab Basel für den Abend gebucht war. Mittwoch Morgen befand sich die Familie zwar bereits auf dem Rückweg einer Norwegen-Reise, aber noch irgendwo nördlich von Kopenhagen. Kopenhagen! Sie hatten ursprünglich geplant, sogar noch einen Abstecher nach Leipzig zu machen. Leipzig! Mittwoch. In die Stadt von Bach. Johann Sebastian. Da wollten sie als Musiker was besichtigen. Und dann erst weiter nach Stuttgart. Europa-Park ist doch irgendwo in der Nähe von Stuttgart? Ja, schon, irgendwo in der Nähe. Für jemanden, der gut fünftausend Kilometer nach einem Taschenatlas in drei Wochen fährt, ist der Europa-Park nur einen Katzensprung von Stuttgart entfernt. So mußten sie, ganz überraschend, von jenseits von Kopenhagen bis fast Freiburg fahren. Dreizehn Stunden. Die Kinder hinten kennen das. Spannung dabei bis auf die letzten Kilometer. Haben sie die sms mit der Wegbeschreibung bekommen, nehmen sie jetzt die richtige Abfahrt? Hektische Telefonate ab halb neun, nein, nach der Ampel nicht links, sondern rechts. Die Gastgeberin am Rande eines Nervenzusammenbruchs, hungrig, i ess jetz. Käs’schbätzle. Machen sie immer,  wenn ich zu Besuch bin. Und nur das. Kein Entrée, kein Salat, kein Nachtisch. Franzosen haben andere Vorstellungen von einem Dîner. Die Käs’schbätzle aber selbst geschabt. Sehr schön mit Zwiebeln. Nicht mal Kaffee. Wenn die Käs’schbätzle weg sind, auf’gesse, ist das Dîner zu Ende. Ein Bier vielleicht noch. Um zehn mußte ihnen der Gastgeber die Wohnung im Dorf zeigen. Zoig dene doch mol die Zimmer. Damit war der Abend offiziell zu Ende. I muss jetz‘ schlofa. Und weg. Un peu rustique fanden die Musiker das alles. Das Dorf, die Wohnung, den Garten. Das Dîner. Rustique. Stimmt schon. Welten prallen aufeinander.
 

Ein paar Tage früher ganz am Anfang meines Urlaubs, waren wir in Bochum. Das Ruhrgebiet zeigte sich von seiner schönsten Seite. Sonne und Grün. Es gibt einen Stausee,  vielbesuchtes Naherholungsgebiet, die Wasserqualität reicht noch immer nicht zum Schwimmen. Früher, also Ende des zweiten Jahrtausends gab es zwei Wege um diesen Stausee, einen für die Fußgänger, einen für die Radfahrer. Richtig schön war damals, früh morgens, vor der Arbeit noch, also deutlich vor sieben, Frühnebel über dem Wasser, Hasen und Rehe auf den Wiesen, per Inliner um den See zu fahren. Knapp 10 km. Meist fast alleine. Das gehört zu den Dingen, die mir wirklich fehlen in Frankreich. Der Stausee, der Frühnebel, das Inlinen um den See. Später am Tag war man schon weniger alleine. Und entweder wurde man von Fußgängern blockiert oder von Radfahrern weggeklingelt. Eher aggressives Ambiente. Mittlerweile gibt es einen dritten Weg, fast durchgehend, für die Inliner. Dort waren wir mit Freunden und ihrem Sohn. Einmal um den See. Sehr anstrengend. Für mich. Den Kindern war keine Anstrengung anzumerken. Wahrscheinlich liegt es an mangelnder Übung meinerseits. Oder an meiner Ausrüstung, zwanzig Jahre alt. Was ist denn mit dir los, fragten die Freunde am Ende, so kaputt, wie du aussiehst. Ob ich nicht mal mein Herz untersuchen lassen wollte. Keine Lippenzyanose allerdings, mußten sie zugeben, kein Hinweis auf ein akutes, lebensbedrohliches Problem. Kaputt eben. Die Räder drehen sich nicht mehr richtig an meinen Schuhen. Rutscht ihr doch erstmal zehn Kilometer auf abgebrauchten Rädern! Zuhause wollten sie trotzdem meinen Blutdruck messen. Normal der Blutdruck. Der Freund, auch vom Fach, wollte mich abhören. Eine Klappeninsuffizienz vielleicht oder eine Stenose. Vielleicht eine Aortenisthmusstenose. Wieso ausgerechnet Aortenisthmusstenose? Ist das nicht was Angeborenes? Egal, Aortenisthmusstenose am eigenen Stethoskop hätte dem Kollegen besonders gut gefallen. Er hat aber nichts gehört, der Kollege. Keine Stenose, keine Insuffizienz. Weil da nichts ist. Ich habe nichts am Herzen. Kaputte Räder, das ist alles.

So eine Péridurale dauert vielleicht zehn Minuten vom Desinfizieren des Bereichs unten am Rücken bis zum Verband. Nach dem Verband kommt die Haube ab – Le soleil s’éclipse derrière la… lune. La lune! Enttäuschend, ich hatte mir was Komplexeres erhofft, was Überraschenderes, was Philosophisches, mehr jedenfalls als einfach nur den Mond. Aber was soll man schon erwarten bei einem Tattoo? Was kann man schon bei einem Publikum erwarten, welches sich mit Schriftzügen versieht? Die Sonne verschwindet also hinter dem Mond. Sonnenfinsternis auf dem Rücken einer Erstgebärenden. Voilà, was sonst?

Im Schwäbischen bei einem Bruder und seiner Frau. Unsere Eltern zum Grillen. Das reicht denen. In der Kürze liegt die Würze. Einmal Grillen mit dem Sohn aus Frankreich pro Jahr reicht. Die Schwägerin hat zur großen Freude der Tochter zwei Hunde. Einer davon hat es mit dem Frauchen dazu auf den vierten Platz der deutschen Meisterschaft gebracht in Agility und Obedience. Wenn der zuviel rennt mit meiner Tochter, kommt er ins Schnaufen und muß Pause machen. Fordert die Schwägerin. Bestimmt Aortenisthmusstenose. Und die Tochter wartet brav, bis der Hund nicht mehr hechelt. Dürfen wir jetzt wieder spielen?

Zwischendurch touristische Einlagen. Fernsehturm in Stuttgart, Aufzug sechs Sekunden mit angetrunkenem Fahrstuhlführer. Ohne Hund. Spaziergang im Schönbuch, mit Hund. Die Kinder kennen Wald, wie er wirklich ist, nur von Besuchen in Deutschland. Schwimmen in einem Baggersee im Neckartal. Zu spät allerdings für Frühnebel und Rehe. Des Bruders Elektro-Spielzeug beschleunigt zwar in drei Komma neun Sekunden von Null auf Hundert, der Navi aber braucht google zum Denken. Ohne Funknetz gerät der Wagen direkt in eine google-Wüste. Der Naturpark Schönbuch macht google-Wüste auf den Touchscreen. Weg der Baggersee. Zu spät am See zum Schwimmen unter Frühnebel. Zu trüb das Wasser außerdem und zuviele Schwäne und Enten sagt die Tochter. Trop chou, zu süß, zwar, die Canardeaux, die kleinen Entchen, aber zuviele. Und stellenweise schwimmt Scheiße in kleinen Inseln. Entenscheiße.

Ein paar Minuten nach dem Stechen die Erfolgskontrolle. Fast halb vier. Ça va mieux? Geht’s besser? – Ça va. Es geht. – Est-ce que ça va mieux? Ist es denn besser jetzt? – Ça va. Es geht. – Was eigentlich ist unklar an meiner Frage? Geht’s besser ist eine klassische Ja-Nein-Frage. Aus meiner Sicht. Oui oder Non, allenfalls noch un peu mieux, ein bißchen besser, wären zulässige Antworten mit einer Péridurale neu im Rücken und Wehen im Bauch. Ça va, es geht, passt da nicht wirklich als Antwort. Ich muß es anders versuchen: Est-ce que vous avez moins mal? Haben Sie weniger Schmerzen? – Beaucoup moins, merci, docteur! Viel weniger, danke, Herr Doktor! Na also, geht doch. Ich vermute fundamentale Mentalitätsunterschiede. Meine Genetik gereicht mir nicht zum Franzosen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Zombies

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Letzten Freitag nach dem Dienst ähnelte mein Zustand dem eines Zombies. Untot. Intellektuelles Zwerghasen-Niveau, geeignet maximal zur Bewältigung von Kleinbaustellen. Kleinbaustellen sind Baustellen im und ums Haus, deren Bewältigung weniger als einen halben Tag beanspruchen. Voraussichtlich. Zwischen den aktuellen Kleinbaustellen hatte ich immerhin Zeit, mit meinem Sohn zu Mittag zu essen. Mein Mittagessen war das Frühstück meines Sohns. Hast du was vor heute Abend? Er hat oft was vor abends. Heute Abend Bar-à-Thym in Toulon. Mit Flavie, Margot und Thomas. Die Bar muß so eine Art In-Kneipe sein im Upperclass-Viertel, nicht weit vom Stadtstrand, mit Live-Musik manchmal, hält sich schon seit ein paar Jahren. Und das trotz Tageszeitungs-fähigen Protests der Anwohner. Obwohl das bei Var matin, der regionalen Tageszeitung, noch gar nichts heißen mag, die bringen jedes Thema auf die Titelseite. Heute, Montag, hat es eine Schildkröte auf Seite eins geschafft. Beim Eierlegen am Strand. Vor Le Lavandou oder Fréjus, glaube ich. Innen noch eine weitere Doppelseite dazu. Eine Biologin, Sidonie, kommt zu Wort, normalerweise schwimmt diese Sorte Schildkröten zur Eiablage nach Griechenland, wahrscheinlich ist der Klimawandel schuld. Zu Wort kommen auch Anwohner, Madame und Monsieur Jouanneau, mit Bild, er im Karohemd, ganz verzaubert von soviel Naturwunder vor der eigenen Haustür.

In die umstrittene Kneipe ging schon der große Bruder gerne mit seinen Copains. Jetzt, wo die Copains weg sind aus der Gegend, geht er nur noch ganz selten in die Stadt. Dafür der jüngere Bruder um so öfter. Erst Bar-à-Thym und dann Übernachten bei uns zuhause. Aha, Übernachten bei uns, sehr interessant! Das ist mal was Neues. Übernachten mit Flavie, Margot und Thomas. An welche Zimmer er denn da dächte. Obwohl, so genau will ich das eigentlich gar nicht wissen, wie dieses Übernachten wirklich aussehen soll, auch die Mädchen sind immerhin volljährig. Ich wünsche mir nur, daß es nicht so spät würde und bitte so leise wie möglich, immerhin hätte ich ja Dienst gehabt und wäre bis zwei Uhr nachts unterwegs gewesen. Mit zudem unangenehm kräfteraubender Zwischenmenschlichkeit zum Personal der Ambulanz. Morgen früh würde ich gerne ein bißchen Radfahren. Früh. Heute würde ich also gerne früh schlafen gehen. Und das Château, das wüßte er ja, sei sehr hellhörig. Deswegen leise, bitte. So leise wie möglich. Non-non-non, pas de problèmes, sagt der Sohn, das käme ihnen allen entgegen, am nächsten Morgen wollten sie früh raus, so früh wie möglich eben, nach einem Abend in der Bar, weil sie ins Hinterland fahren wollten, Cascade de Sillans. Ob es da überhaupt noch genug Wasser gibt für den Wasserfall und das Becken darunter angesichts der anhaltenden Trockenheit, frage ich mich, sage es aber nicht laut, denn, wenn man da erstmal einen Zweifel säht, kippt womöglich das ganze Projekt. Früh ins Bett, so früh wie möglich, trotz Bar-à-Thym.

Es muß so gegen Mitternacht gewesen sein, ich hatte gerade was im kindle zu Ende gelesen, Bov Bjerg, „shooting star“ bei amazon, Die Modernisierung meiner Mutter, kleine Geschichten, mir gefällt der Stil. Kaum war das Licht aus, ging die Fete los. Facebook-Fete wohl, kommt alle zu mir, nur mein Vater ist zuhause, egal, der wird nichts sagen. Etwas kurzfristig, deswegen nur die zwanzig besten Freunde. Kichernde, kreischende Mädchen, bollernde Jungs-Bässe, lautstarkes Planschen am Pool. Immerhin nur wenig Musik. Kichernde, kreischende Mädchen, bollernde Jungs-Bässe, lautstarkes Planschen am Pool reichen aber. Ab und an geht einer auf Toilette. Oder poltert durchs Treppenhaus. An Schlaf nicht zu denken. Dämmern wie untot. Ich gebe mich trotzdem cool, ich muß ja nicht immer alles verbieten, halte still, lange kann es ja nicht mehr dauern, sie wollen ja früh raus morgen, so früh wie möglich, die Cascades von Sillans. sms 4:47 Uhr, dann doch, lass‘ es doch bitte ein Ende haben nun, lieber Sohn. Keine Reaktion. Muß ich jetzt wirklich aufstehen, mich anziehen, den uncoolen Alten spielen? Und die ganzen Jungen gucken mich angewidert an? Vielleicht erst noch ein Versuch mit dem Telefon? Messagerie. Zweiter Versuch. Wieder Messagerie. Beim dritten Mal antwortet er dann doch. Täte ihm leid, sagt er, so wäre das nicht vorgesehen gewesen.

Halb sechs endlich Ruhe. Da dämmert es schon. Die geplante Tour über den Faron auf sieben Uhr kann ich mir abschminken. Das wird noch ein zweiter Zombie-Tag. Gut für Kleinbaustellen niedrigen intellektuellen Anspruchs.

8:29 Uhr. An einem Samstag Morgen ist das ein guter Moment, mit der Trennscheibe Beton zu sägen. Schon lange prokrastinierte Kleinbaustelle. Leider auf der Südseite des Châteaus. Oben schlafen die Mädchen und die Jungs. Tut mir wirklich leid. Wirklich. Dauert eine Stunde höchstens. Allerhöchstens. Ihr wolltet doch ohnehin früh aufstehen, so früh wie möglich eben nach einem netten Abend im Bar-à-Thym, ihr wolltet doch an die Cascade von Sillans, oder? Kurz nach zehn drei Zombies am Frühstückstisch, ungeduscht knabbern sie was von Kellogg’s oder Nestlé, mein Sohn in Sporthose, nackter Oberkörper, die Mädchen nicht mehr so hübsch und schlecht frisiert. Zombies. Tut ihm schrecklich leid für gestern Abend, sagt der Sohn. Schrecklich. Margot ist désolée. Vraiment. Flavie sagt gar nichts, stumme Küßchen. Schmoll‘ doch. Thomas und die anderen sind offenbar doch noch nach Hause gefahren. Die Anderen, welche Anderen? Soviel Geräusch? Zu viert? Wow!

Die Cascade fällt aus. Nicht mal Strand geht mehr. Auch Zombies müssen mal was schlafen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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José

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Der Krimiautor aus Norddeutschland saß mit seiner Gattin bei uns auf der Terrasse. Anfang Juli. Der Sohn fuhr mit erheblicher Geräuschkulisse vor. Motorschaden, würde ich sagen. Sagte der Krimiautor. Kurbelwelle oder Pleuelstange. Der Krimiautor ist auch Autospezialist. Er hat bei sich zuhause eine Scheune voll mit einem ganzen Rudel alter Autos. Autos aus Nordeuropa und so gänzlich ohne für Außenseiter erkennbaren Charme. Ich habe nicht verstanden, warum gerade Autos aus Nordeuropa. Autos, die es zudem gar nicht mehr gibt. Daß es sie nicht mehr gibt, muß ja einen Grund haben. Wahrscheinlich haben die auch Schwachpunkte an Kurbelwelle oder Pleuelstange. Vielleicht kannte er das Geräusch aus seiner Scheune, ich erinnere mich nicht mehr genau. Wie auch immer, Kurbelwelle oder Pleuelstange. Da würde er seine rechte Hand drauf verwetten. Kannste direkt auf den Schrottplatz bringen. Ich mußte in letzter Zeit relativ viele Autos an den Schrotthändler übergeben. Mal war’s der Turbo und auch schon mal die Pleuelstange. Das dann aber mit ordentlichem Knall und bedeutendem Ölverlust. Alle Leuchten rot im Armaturenbrett. Sofortige Einbuße der Fahrfähigkeit. Dieser hier fuhr ja noch. Mit einem unangenehm metallischen Schlagen zwar, fuhr aber noch. Kein Rotlicht, kein Ölverlust. Daher sollte auch dieses eher betagte Modell eines französischen Herstellers seine Chance haben. Und zumindest mit einer validen Diagnose aus der Profiwerkstatt meines Vertrauens zum Schrotthändler gehen, rechte Hand des Krimiautors hin oder her. Vielleicht täuschte sich der Krimiautor ja auch und mein schlechtes Gefühl könnte unbegründet sein. Vielleicht war doch nur ein kleines Rädchen aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Profiwerkstatt meines Vertrauens brauchte zwei Tage zur Diagnosestellung. Pleuelstange. Tatsächlich. Sie hatten zusätzlich zur Blickdiagnose noch irgendwo aufgeschraubt und was gemessen. Die Kompression, glaube ich. Nach Messung der Kompression war die Datenlage eindeutig: Pleuelstange. Neuer Motor. Wirtschaftlich nicht vertretbar. Schrotthändler. Tatsächlich. Aber er hätte da einen anderen Klienten, der sich von seinem Altfahrzeug trennen wollte, sagte der Patron. Und vielleicht gäbe es für einen treuen Kunden wie mich noch Optionen, meinen Schrotthaufen für einen Gebrauchtwagen in Zahlung zu geben. Ich hatte es nicht eilig und er wollte sich nächste Woche melden. Das war Anfang Juli, wie gesagt.

Heute Morgen kam ich aus einem Dienst. Tage nach Dienst lassen keine intellektuellen Höhenflüge zu. Gefühlt bewege ich mich da auf dem Niveau eines Zwerghasen zum Beispiel. Reicht für Aktivitäten eher niedrigen Anspruchs. Gute Gelegenheit, allerlei bislang erfolgreich prokrastinierte Baustellen eher unangenehmer Kategorie abzuarbeiten. Wie die Entsorgung dieses Fahrzeugs. Steht seit Wochen auf dem Hof der Profiwerkstatt meines Vertrauens und kostet Versicherungsprämie. Das Altfahrzeug des anderen Klienten war reinen Gewissens doch nicht zu verkaufen gewesen, die Inzahlungname für einen Gebrauchtwagen hätte sich auf einem finanziell signifikant höheren Niveau abgespielt. Signifikant zu hoch. Schlußstrich. Weg damit. Der Patron der Profiwerkstatt wollte mich auch gerade angerufen haben, na sowas, denn ab übernächster Woche sei er in Urlaub. Es wäre ihm doch sehr recht, wenn ich mein Auto nun doch wieder abholen würde, vor seinem Urlaub. Fährt ja noch. Die Batterie, inzwischen leer, würde er mir noch laden. Rendez-vous um fünfzehn Uhr.

Das schafft er doch noch bis zum Schrotthändler, oder? – Ja, klar, kein Problem, er hat’s ja auch bis in die Werkstatt geschafft. Ob dies, bei näherer Überlegung, als stabiles Argument taugte, mag dahin gestellt bleiben. Gute fünf Kilometer, dachte ich mir, sind nun wirklich keine Weltreise. Mein Sohn hatte es bis nach Hause geschafft mit dieser Geräuschkulisse und ich in die Werkstatt. Auf die paar Kilometer sollte es nun doch nicht ankommen. Ich nahm mir vor, die Autobahn und Strecken mit Steigung soweit wie möglich zu meiden. Keine übermäßige Belastung. Dezenter, gleichmäßiger Fahrstil. Mehr noch als sonst. Zudem gab sich der Patron ja nun ausgesprochen zuversichtlich. Wenn er im Übrigen mal einen Wagen vor dem Kauf begutachten sollte, stünde er jederzeit zur Verfügung, klar doch. Und, wenn es mir irgendwie möglich sei, hätte er gerne die Batterie aus dem Auto wieder. Die sei nämlich seine. Meine wäre nach all den Wochen doch nicht mehr gut gewesen. Gute Fahrt noch und bon week-end.

Auf dem unvermeidbaren Abschnitt Autobahn gewann das schlagende Geräusch neue Komponenten. Ein schleifendes Rasseln, würde ich sagen. Wahrscheinlich war ich zu schnell gefahren. An einem der letzten Rond-points zum Schrotthändler ging der Motor aus. Und ließ sich nur sehr mühsam wieder in Gang bringen. Blinkende, rote Leuchte: STOP. War da nicht auch der Geruch von heißem Öl und geschmolzenem Plastik in der Luft? Egal. Ein Kilometer noch. Wenn der Wagen jetzt Feuer finge, wäre das immerhin eine nette Geschichte für den Blog. Sekunden später blieb der Wagen endgültig stehen. Nichts bewegte sich mehr. Brannte leider nicht. Nicht mal Rauch. Nicht ein bißchen. Nichts. Tot. Der Patron hatte mich angelogen. Oder den Ernst der Situation unterschätzt. Würde mir aber, leider, jetzt nicht helfen können. Auch mein Sohn gab sich am Telefon zögerlich. War eigentlich gerade im Aufbruch zu seinen Kumpels gewesen. Abschleppen? Hätte er ja noch nie gemacht. Und es wäre doch zu blöde, wenn am Ende beide Autos kaputtgingen. Und warum ich nicht die Assistance der Versicherung anrufen würde. Die Assistance? An einem Freitag Nachmittag? Das kenne ich. Deren Einsatz wäre bestenfalls als Hilfe zur Selbsthilfe zu werten. Der Abschlepper frühestens in zwei Stunden, würden die sagen. Ich sähe ja selbst, was da gerade auf den Straßen los wäre. Zwei Stunden für nicht mal einen Kilometer?

Montag werde ich José anrufen, den Patron. Und ihm nahelegen, seine Batterie doch gelegentlich, am besten vor seinem Urlaub, bei mir abzuholen. Ich bräuchte sie nun nicht mehr.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

 

Insel im Sturm

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Vor ein paar Tagen bin ich extra früh aufgestanden, um noch ein bißchen Rad zu fahren, also, eben mehr als ein bißchen nur, mehr als die zehn Kilometer plattes Land zum Krankenhaus. Wegen der Hitze geht das nur früh morgens. Und ab und zu muß, um in Form zu kommen, schon auch mal ein bißchen Steigung sein. Um Toulon haben wir drei Berge, Mont Caume, Faron und Coudon. Ambitionierte Amateure fahren die drei mal eben an einem guten Vormittag ab. Ambitionierte Amateure fahren übrigens ohne Unterwäsche. Zumindest die aus meinem Umfeld. Sagen die. Ich weiß aber nicht, was das bringt. Soweit bin ich noch nicht. Ich fahre auch nur einen der Berge zur Zeit. Wobei ich den Mont Caume noch nie in Angriff genommen habe. Mein Lieblingsberg ist der Faron, weil die Straße von einem zum anderen Ende eine Einbahnstraße ist. Kein Gegenverkehr. 520 Höhenmeter. Der Coudon ist ein bißchen höher, 650 Meter, oben ist was Militärisches, man darf nicht ganz rauf. Morgens fährt man immerhin angenehm im Schatten. Leider Sackgasse. Potentiell also mit Gegenverkehr. So früh kommt da natürlich keiner runter. Aber erstaunlich viele fahren rauf. Beim Runterfahren auf der schmalen Straße macht potentieller Gegenverkehr Angst. Da war ich also vor ein paar Tagen. Auf dem Coudon. Abfahrt zuhause 6:04 Uhr. Oben um 7:21 Uhr. Das ist nicht wirklich schnell. Weiß ich. Wurde dann auch ein bißchen knapp fürs Krankenhaus. Zumal ich dann ja auch noch duschen mußte. Definitiv.

8:25 Uhr. Tobender Chirurg in der Umkleide vor der Dusche. David B. Ich habe ihn, trotz laufender Dusche, schon von weitem gehört, ihn und einen meiner Kollegen, frag‘ doch Bertram, wenn dir was nicht passt. Aber der duscht gerade. Drei Sekunden später stand er brüllend in der Umkleide, rief nach mir, Bertram, rüttelte an der Tür zur Dusche. Kann ich nicht gut haben, auch wenn ich spät dran bin. David B. ist allgemein als connard klassifiziert. Arrogant und, leider, in seinen handwerklichen Fähigkeiten nicht gerade begabt. Arrogant ginge ja noch durch, wenn er wenigstens gut wäre, also handwerkliches Geschick bewiese, nett oder zumindest kompetent wäre zu Patienten und so. Ist er aber nicht. Nicht mal nett zu Patienten. Und immer, oft, geht irgendwas daneben. Häufig muß er mehrfach operieren, weil es im ersten Versuch beim besten Willen nicht reicht. Deswegen steht er häufig alleine da. Und muß schreien, weil ihm keiner hilft. Keiner wollte seine Patientin mit kaputter Hüfte für diesen Morgen neulich betäuben. Die Laborwerte stimmten nicht. Zu anämisch. Waren sich die Anästhesisten offenbar einig. Gibt es auch ganz selten, diese Einigkeit unter den Anästhesisten. Gegen David B. leichter mal. Die Frau hätte besser vorbereitet sein müssen, wenn man sie halbwegs unbeschadet durch die OP bringen wollte. David B. hätte sich um eine kleine Transfusion kümmern müssen. War ihm nicht so wichtig. Chirurgen wird oft unterstellt, es ginge ihnen nur um ihre Operation. Ist leider häufig was dran. David B. gehört ganz klar zu dieser Sorte. Damit ist meine Patientin leider mal barrée, mit diesem Chirurgen. Schlechte Karten. Unter der Dusche kann ich dir sowieso nicht helfen, laisse-moi tranquille, connard, laisse-moi trois minutes!

Gut drei Stunden später war die Patientin soweit. So richtig schlimm wurde es schließlich nicht. Wir hatten genug Blut auf Lager, das Blutbad zu kompensieren.

Später, im Dienst, mußte ich lange warten auf die Übernahme einer Patientin aus den Urgences, der Ambulanz. Das kann ganz lange dauern und man weiß gar nicht warum. Hätte ich hingehen können und mal ein bißchen Druck machen. Kollegen von mir machen das gerne, Druck machen in den Urgences. Früher, während meiner ersten Monate in diesem Krankenhaus, stürmte auch ich gelegentlich brüllend die Urgences. Blitzangriff. Wutanfall, wenn wieder ein Uralt-Patient mit einer Alditüte voll Medikamenten auf die Station kam ohne aktuelle Blutanalyse, EKG und Röntgenaufnahme. Blutanalyse, EKG und Röntgenaufnahme sind ganz klar Aufgabe der Urgences. So war das früher in Deutschland und das ist eigentlich auch so in Frankreich. Normalement. Insbesondere bei Alten mit einer ganzen Alditüte voll Medikamenten ist das hilfreich und nett. Damit der Anästhesist sich frühzeitig eine Vorstellung vom Zustand des Patienten im Ganzen machen kann. Da hat wieder einer geschlafen, wenn das nicht gemacht ist. Oder keine Lust gehabt. Brüllen in den Urgences, vor Publikum, Schwestern, Ärzten, Patienten, Angehörigen. Egal. Wut. So geht das gar nicht, so kann ich nicht arbeiten. Das nächste Mal kriegt ihr den Patienten zurück, bis das verdammte EKG geschrieben ist. Bordel à cul de pompe à merde! Das gilt als überaus häßlicher Fluch. Bringt aber nichts. Im Gegenteil. Die gucken alle nur gelangweilt. Das kennen sie schon. Der zuständige Kollege ist gerade im Einsatz auf der Straße. Und die Schwester dazu unauffindbar. Oder, besser noch, keiner weiß, wer die Schwester dazu ist. Oder war. Ist immer so. Der zuständige Kollege ist immer gerade im Einsatz auf der Straße und keiner will wissen, wer die Schwester dazu ist. Und wenn man seinen Auftritt als Sturmbannführer – Achtung, schnell, schnell, der böse Deutsche im Film sagt immer und unsynchronisiert Achtung, schnell, schnell – hatte, geht es extra langsam weiter.

Kein Brüllen mehr also. Hoffen auf Wunder. Zum Hoffen auf ein Wunder las ich den dritten Krimi von Christine Cazon, „Stürmische Côte d’Azur“. Sonst sind Krimis nicht so mein Ding, ganz ehrlich, die von Christine Cazon lese ich gerne, schon weil sie in der Gegend spielen. In Cannes. Lebensnah. Über Hoffen und Lesen muß ich irgendwann eingeschlafen sein. Bei gut 63%. Mein kindle spricht nicht von Seiten, er spricht von Prozenten. Eigentlich abartig im Zusammenhang mit Büchern. Eingeschlafen nach einer Szene Zweisamkeit im Forsthaus auf der Insel im Sturm. Der Kommissar und Alice, die knackige Kellnerin, leicht alkoholisiert. Worauf warten die beiden noch? Stattdessen schickt der Kommissar die Kellnerin ins Bett, alleine! Natürlich, in Wirklichkeit, wäre das anders, wissen wir. Rausch der Sinne. Die ganze Nacht. Bis in die Morgendämmerung. Stattdessen Aspirin? Quatsch. So spröde kann der Kommissar gar nicht sein. Franzose. Auf der Insel. Da muß der Franzose in echt nicht lange überlegen. Das aber kann man vermutlich der Lavendel-Fraktion der Leserinnen nicht zumuten.

Mein kindle schlug irgendwann mitten in der Nacht auf dem Boden neben meinem Bett auf. Davon war ich wachgeworden. Wenig später hatte meine Patientin auch den Weg in meine Abteilung gefunden. Papierkram, Therapieplan. Eine Stunde später war ich wieder im Bett. Konnte aber bis zur Danksagung hinten im Krimi nicht mehr einschlafen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Sommerloch

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Bei Zeit Online gestern ein Artikel über eine Petra Hinz von der SPD. Bundetagsabgeordnete aus Essen. Hat sich einen wunderbaren akademischen Hintergrund zurechtgebaselt. Jura. Alles gelogen. Hat nicht mal Abitur. Nun ist sie den Job los. Das ist die Gefahr im journalistischen Sommer. Wahrscheinlich werden da Praktikanten auf die Seiten des Bundestags angesetzt. Schau‘ doch mal, was du da so findest. Ungereimtheiten im Bundestag sind fast so gut wie ein Kommentar zum Diktator in der Türkei oder amoklaufende Migranten.

Mir will für den Blog auch nichts rechtes einfallen. Ein Test vielleicht zu französischen Sprachkenntnissen. Es geht um das Geschlecht der Worte im Französischen. Nicht immer eindeutig, manchmal anders als man erwarten würde. Den Klassiker kennt jeder: Le soleil, männlich für die Sonne, weiblich. Und la lune, weiblich, für den Mond, männlich.

20 Fragen. Viel Spaß dabei!

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Big Five

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Lauer Frühsommer-Abend. Ich sitze mit meinem Erstgeborenen auf der Terrasse bei einem Glas Wein. Der Rest der Familie ist in der Küche beschäftigt. Dezente Geräuschkulisse, die Tochter erzählt was aus der Reitstunde. Das Leben fühlt sich geradezu entspannt an. Alles ist gut. Plötzlich steht da ein Kollege aus dem Krankenhaus auf der Terrasse. Mit einem selbstgemachten Kuchen in der Hand. Sieht ziemlich improvisiert aus der Kuchen. Gelb. Zitrone vermutlich. Mit einer Zeichnung im Gelben. Und einer Kerze drauf. Ich kann nicht erkennen, was die Zeichnung darstellen soll.

Im SPIEGEL, dessen Printausgabe wir lange abonniert hatten und der uns immer erst Dienstag oder Mittwoch, je nach zentraleuropäischer Feiertagskonstellation auch erst mal Samstag erreichte statt damals eigentlich Montag, in einer der letzten Ausgaben unseres Abonnements, Heft 34 von 2012, ging es um den „Triumph der Unauffälligen – Warum Introvertierte zu oft unterschätzt werden„. Ich fühlte mich angesprochen, obwohl ich mir bezüglich der Inhaltsschwere des Artikels keine besonderen Hoffnungen machte. Sommerlochthema. Und: Wer hat mich schon mal unterschätzt? Wann oder wo habe ich triumphiert? Der Artikel fing an mit anderen Introvertierten. Einstein. Schopenhauer. Immerhin. Es gibt sogar Schauspieler, die als introvertiert gelten. Ich bin in guter Gesellschaft. Vielleicht kommt das ja noch mit dem Triumph. Dazu gab es im SPIEGEL einen Test. Eigentlich sehr verdächtig. Psychotests sind mehr das Niveau von Fernsehzeitschriften, von Brigitte, Bunte und Stern. So wegweisend wie Horoskope. Sagt ein Professor aus Berlin bei SPIEGEL ONLINE. Hätte ich aber auch so vermutet.

Wo kann ich das mal hinstellen? Gefällt mir nicht, dass der da steht mit seinem gelben Kuchen. Was will der hier? Hat den jemand eingeladen? War der nicht überhaupt krankgeschrieben? Und was soll das mit dieser Kerze? Wie nur werde ich den wieder los? Am besten mit seinem Kuchen. Bloß nicht hinstellen! Meinem Sohn fällt auch nichts ein dazu. Grinst nur. Schulterzucken. Er scheint das komisch zu finden.

Der Test des SPIEGEL bestand aus gut dreißig Aussagen, die man als für sich zutreffend ankreuzen konnte. Ich habe diesen Test absolviert. Das Ergebnis war eindeutig. Aussage 3 zum Beispiel: „Meine Gedanken werden mir selbst leichter deutlich, wenn ich sie anderen gegenüber äußere“. Erstmal losreden, vielleicht verstehe ich dann, was ich da denke. Nein, ist nicht für mich. Ich kenne solche Leute. Und Leute, die manchmal so sind. Sind oft die selben wie die aus Aussage 7: „Menschen, die schnell reden, strengen mich an“. Stimmt. Wer kann Menschen, die ohne Unterlass reden und nicht eine Sekunde zuhören können, schon lange aushalten? Oder Aussage 17: „Ich denke nicht viel darüber nach, was in anderen vorgeht“. Kann ich auch nicht ankreuzen. Bei Menschen, die mir nahestehen, ist mir schon wichtig, wie es ihnen geht. Sogar bei Patienten passiert mir das hin und wieder. – Ich habe zielsicher alle fünfzehn Antworten für die Introvertierten als für mich zutreffend empfunden. Für die Autoren des Tests hätte eine Überzahl von drei Aussagen für die Zuordnung gereicht. Immerhin konnte ich zwei Extro-Punkte verbuchen, die mich vermutlich vor einem Status als Autist bewahren. Aussage 5: „Ich handle lieber zügig und ‚aus dem Bauch heraus‘, als lange nachzudenken“. Internisten denken gerne mal lange nach und auch Psychiater geben sich eher bedächtig. In der Anästhesie kann man sich langes Nachdenken oft nicht erlauben. Und Aussage 19: „Neue Orte und Umgebungen finde ich anregend“. Ist auch zutreffend, solange das nicht zu viele andere Menschen auch finden, Aussage 9: „wenn ich kann, meide ich große Menschenmengen“.

Plötzlich ist die ganz Terrasse voll mit Menschen. Alle haben so einen gelben Kuchen in der Hand. Alle mit Kerze. Alle mit Zeichnung in rot. Die Zeichnungen sind Smileys, erkenne ich mit einem Mal. Rote Smileys auf gelbem Grund. Wie wahnsinnig witzig! Und ich soll Humor beweisen, wo ich doch Smileys als unerträglich überflüssig empfinde in ihrer Allgegenwärtigkeit. Bestimmt sind das alles Freunde, denke ich mir, die sich einen Scherz mit mir erlauben. Musik dazu, ziemlich laut. Sie singen „Joyeux anniversaire“. Und meinen mich. Überraschungsfete. Jetzt verstehe ich den Hinweis meiner Frau: lass‘ dich doch einfach mal überraschen. Seigneur Dieu! Bleibt mir denn nichts erspart? Ein Ticket auf die Äußeren Hebriden wäre eine schöne Überraschung gewesen.

Auch bei der ZEIT stößt man immer wieder auf psychologische Inhalte. Psychologie im allgemeinen ist journalistisch ergiebige Thematik. Extroversion gehört zu den Big Five im persönlichkeitspsychologischen Standardmodell. Anfang April schrieb ein Lars Fischer über die Resultate einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe, die den Einfluss der Persönlichkeitsstruktur auf die Toleranz gegenüber mangelhafter Grammatik und Rechtschreibung untersuchte. Menschen, die sich an fehlerhafter oder „unkonventioneller“ Rechtschreibung stören, sind wahrscheinlich eher introvertiert. Nicht, dass ich mir meiner orthographischen Kenntnisse felsenfest sicher wäre, aber ich gebe mir Mühe. Mich stören falsch geschriebene Worte. Unter „unkonventionell“ versteht die Arbeitsgruppe vermutlich sowas wie Emoticons. Mag ich nicht so. An Fehlern in der Grammatik stören sich eher Menschen tendenziell geringerer Verträglichkeit. Die Verträglichkeit gehört auch zu den Big Five. So richtig gut finde ich falsche Sätze allerdings auch nicht.

Es kommt noch schlimmer, mit einem Mal habe ich ein Mikrofon in der Hand.  Ich soll was singen. No me mirès màs. Ein Titel von Kendji, der seit Monaten zehn Mal am Tag im Radio läuft. Karaoke. Der Erdboden soll mich verschlucken, bitte, jetzt! Das schaffst du, Papounet, sagt die Tochter. Sagt sie immerhin auf deutsch. Sonst spricht sie lieber französisch.

05:50 Uhr. Der Wecker. Es hätte wirklich schlimm kommen können.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr