Nathatlon

Der Papa von Paul trägt ein T-Shirt „Officiel“, blau auf weiß. Er bedient die rote Blechkiste auf dem Plastikstuhl jenseits der Barriere vor mir. Grüner Plastikstuhl. Verblichenes Grün, deutliche Gebrauchsspuren. Die rote Kiste ist so groß wie ein großer Schuhkarton, Bergstiefel Größe 48. Mit einem schwarzen Tragegriff obenauf, dimensioniert für mindestens zehn Kilogramm. Außerdem eine Leuchte in Warnorange. Es handelt sich um ein Gerät der Firma Swiss Timing. Start Time III. Plastikstuhl und Schuhkarton passen zum technischen Niveau des Schwimmbads, Piscine „Port marchand„, Toulon. 25-Meter-Becken in der Halle. Tropenklima. Wahrscheinlich 26 Grad. Gefühlt 32. Sicher hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. An einer der Längsseiten die Tribüne. Vier Stufen nackter Beton. Wenn man nicht ganz oben sitzt, kann man sich nicht anlehnen. Hat stattdessen ständig die nackten Füße anderer Familienangehöriger im Rücken. Mit der Zeit sagen sie nicht einmal mehr Pardon.

Nathatlon heißt die Veranstaltung. Insgesamt sind über vier Termine zehn Disziplinen zu schwimmen. Die vier Schwimmstile über verschiedene Distanzen. Ihre Resultate gereichten der Tochter letztes Jahr zur Qualifikation für ein regionales Ereignis in Fos sur Mer.

Durch die Glasfront gegenüber der Tribüne öffnet sich die Sicht auf den Hafen von Toulon unter grauem Himmel. Ein Schiff von Corsica Ferries schiebt sich, ganz nah und groß, von rechts nach links durchs Bild. Und die Charles-de-Gaulle ist mal wieder da. Der Flugzeugträger. Liegt vor Anker rechts, zur Stadt hin. Wartungsarbeiten. Soll achtzehn Monate dauern. Kostet eine Milliarde Euros. Soll dann aber technisch auf dem Niveau des 21. Jahrhunderts sein. Achtzehn Monate, wenn niemand streikt bis dahin. Dieser Flugzeugträger erinnert so ein bißchen an das Projekt des Hauptstadtflughafens in Berlin. Fass ohne Boden. Als ob Frankreich nicht genug wirkliche Probleme hätte. Immerhin aber schwimmt das Ding.

Die rote Kiste von Pauls Papa verfügt über ein paar Schalter und eine ganze Reihe verschiedener Anschlüsse. Ein multifunktionales Gerät schweizerischer Präzisionsarbeit. Pauls Papa entwirrt gut zehn Meter weißen Kabels und schließt ein klobiges Handgerät, rot und schwarz, mit zwei Knöpfen, rot und grün, an der Buchse „microphone“ an. Während des Aufwärmens werden die Medaillen für die Wettkämpfe vom Vormittag verteilt. Eine Silbermedaille für den Sohn, Gold, Silber und Bronze für die Tochter. Die Tochter ist ehrgeiziger, obwohl fast jedem Training exzessive Diskussionen zu Sinn und Zweck vorangehen. Präpubertär. Zu anstrengend, keine Lust sowieso. Schwimmen nächstes Jahr ohne mich. Lieber Tennis. Oder Gymnastik. Oder nur noch Reiten. Wie auch immer, kein Schwimmen. Verstehe ich sehr gut. Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Schwimmen.

Die Maschine verstärkt das „à vos marques“, auf die Plätze, von Pauls Papa auf Hallenlautstärke und produziert unmittelbar im Anschluß auf Knopfdruck, grüner Knopf, ein Tröten. Dazu ein kurzes Aufblitzen der Warnleuchte. In anderen sportlichen Einrichtungen des Départements muß der Officiel ohne Lautsprecherkiste auskommen. Als Hilfsmittel gibt es dort nur Trillerpfeifen. Im Schwimmsportkomplex Port marchand gibt es auch ein beheiztes Außenbecken beinahe olympischer Abmessungen. Kann leider nicht mal für Wettbewerbe auf Distriktsniveau verwendet werden. Der Architekt hatte die Materialstärke der Fliesen nicht oder falsch kalkuliert. Nun fehlen ein paar Zentimeter auf fünfzig Meter. Beinahe olympisch. Aber beheizt. Im neuen Flughafen von Berlin sollen die Rolltreppen eine Stufe zu kurz sein. Und die Klimaanlage funktioniert auch noch immer nicht richtig.

Das erste à vos marques mit Tröte und Leuchte von Pauls Papa an diesem Nachmittag gilt den achthundert Metern Freistil Messieurs. Um den Wettbewerb angesichts zahlreicher Kandidaten zu beschleunigen, lassen sie jeweils zwei Schwimmer pro Bahn starten. Fünf Bahnen, zehn Schwimer. Meine Kinder hassen das, weil man sich so leicht in die Quere kommt. Gut zehn Minuten pro Serie. Ziemlich langweilig für alle Beteiligten, insbesondere die Zuschauer. Noch langweiliger sind die 1.500 Meter. Sechzig Längen im 25-Meter-Becken! Schon auf den ersten Längen wird dabei deutlich, wer das Rennen wohl machen wird. Keines meiner Kinder schwimmt die achthundert Meter. Aus unserem Club schwimmt nur Paul, ein großer Rothaariger, mit. Dritter von zehn Schwimmern.

Ich habe kurz nicht aufgepasst, eine sms beantwortet, den Start verpasst. Mein Sohn ist im Wasser. Hundert Meter Freistil der Herren. Hält sich gut, zweiter Platz. Medaille. Dann hundert Meter Rücken der Damen. Meine Tochter ist die einzige ausländische Teilnehmerin des Wettbewerbs. Seit Jahren wird sie im offiziellen Programm in der Spalte Nationalité als allemande gelistet. Keine Ahnung warum. Obwohl sie überzeugte Französin ist. Dank meiner Tochter wird jedes Provinzschwimmen zur internationalen Kompetition. Meine Tochter erste ihrer Serie von fünf Schwimmerinnen.

À vos marques, Tröte, Leuchte. Schon wieder die Tochter. Fünfzig Meter Schmetterling. Schlechter Start. Holt aber auf zum dritten Platz. Die Tochter ist ehrgeizig. Dank ihres Jahrgangs reicht es bestimmt wieder zu einer Medaille. Ob sie wirklich aufhören will nächstes Jahr? Na ja, vielleicht doch nicht. Vielleicht weniger oft zum Training. Vielleicht. Vier Mal zwei Stunden pro Woche sind, muß ich zugeben, wirklich viel.

Und dazu immer diese Wettbewerbe, ganze Sonntage lang.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Beaufort 5

Aus dem Fenster eines der Kinderzimmer oben im Haus hat man einen Blick auf das Wahrzeichen des Dorfs, einen solitären Andesit-Felsen mit Burgruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Provence, gelb und rot in senkrechten Streifen. Das Haus liegt am Fuße eines langgestreckten Hügels im Windschatten, in einer windgeschützten Zone zumindest. Der Erbauer hat sich – vor bald 150 Jahren – ernsthafte Gedanken gemacht zu Plazierung und Ausrichtung seines Landhauses. Bei uns ist immer viel weniger Wind als an der Küste, im Flachland zur Küste, aber auch schon weniger als im Dorf selbst. Wenn im Dorf der Wind Staub und Blätter durch die Gassen treibt, können wir noch ohne Beeinträchtigung auf der Terrasse essen. Mit einem Blick auf die Flaggen kann ich vorherrschende Windrichtung und -stärke beurteilen. Es gibt eigentlich nur zwei Windrichtungen. Von rechts, Westwind, und von links, Ostwind. Starker Westwind ist meist Mistral, Ostwind, egal welcher Intensität, ist ein Vorbote schlechten Wetters. Der Himmel ist – wie auf dem Foto übrigens – bei Ostwind bestenfalls milchigblau, meist ziehen schnell Wolken auf. Mistral ist kalt und macht den Himmel strahlend blau. Keine Wolken. Regen ist bei Mistral ziemlich unwahrscheinlich.

Ich durfte Albans neues Fahrrad mit Karbonrahmen ausprobieren. Alban wohnt mit seiner Familie am Coudon. Der Coudon ist einer der Hügel um Toulon. Alban wohnt hoch genug, um von seiner Terrasse aus das Meer sehen zu können. Unsere Tour führte Richtung Pierrefeu und zurück. Gut zwei Stunden. Am Ende zwangsläufig eine Steigung. Steigung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Bei Mistral als Gegenwind macht mir Steigung am Ende einer Tour noch weniger Spaß. Gleich würde mich seine Frau fragen: Und? Wie fährt man auf Karbon? Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de boule l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Um die Bäckerin zu sehen am Morgen und seine Kumpels am Nachmittag auf dem Boule-Platz, braucht Opa kein Karbonrad. Wäre eine schöne Antwort, dachte ich, im Schweiße meines Angesichts auf dem letzten Kilometer Steigung, Alban weit voraus, leichtfüßig auf seinem alten Alurad. Die zehn Jahre Altersunterschied zu Alban fühlten sich an wie vielleicht dreißig.

Ich hätte einen Blick aus dem Fenster des Kinderzimmers werfen sollen. Beaufort 5 mindestens. Blauer Himmel. Mistral. Ich hätte absagen können. Kopfschmerzen, Dienst ganz überraschend, irgendwas. Zu spät. Richtung und Stärke des Winds beeinflussen zum Radfahren maßgeblich meine Wahl der Route. Ostwind ist gut für eine Strecke um Cap Garonne an der Küste, Mistral wäre gut gewesen für eine Tour über den Faron. In beiden Fällen hat man den Wind zum Rückweg im Rücken. Rückenwind am Ende ist gut für die Motivation unterwegs.

Alban ist einer von denen, die für meinen Drahtesel nur einen mitleidigen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Samstag-Nachmittag mit zwei, drei Kollegen mal eben zu einer 150-Kilometer-Tour ins hügelige Hinterland aufbrechen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abstecher über Faron (584 Meter) und Coudon (702 Meter) abrunden. Dabei schien mir mein aktuelles Rad im Vergleich zum Vorgänger schon wie ein Quantensprung, überall Shimano dran. Damit könnte Radfahren ja keinen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn endlich ein richtiges Fahrrad gönnen würde, bald wäre doch Ostern. Die gleiche Frage hatte er mir schon letztes Jahr immer wieder gestellt. Bald wäre doch Weihnachten. Ein richtiges Fahrrad ist für solche Leute ein Fahrrad mit Karbonrahmen. Der Rahmen wiegt dann weniger als ein Kilo. Insgesamt sechs Kilogramm Fahrrad-Hightech. Alban hat sich eines gekauft für etwas über dreitausend Euro. Ziemlich viel, finde ich. Für ein Fahrrad. Man kann noch viel mehr ausgeben für ein Fahrrad, ich weiß.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzunehmen? Nein, nein, sagt Alban, und das habe ich auch schon von anderen Karbonradfahrern gehört, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Karbonrahmen sei viel steifer, deswegen viel harscher und direkter, das Fahrrad also vielleicht unbequem, aber dafür auch reaktionsfreudiger. Reaktionsfreudiger? Ja, die Reaktionsfreude merkt man zum Beispiel beim Beschleunigen in der Steigung. Beschleunigen in der Steigung? Achso. Passiert mir nicht so oft. Auf den letzten Metern einer Steigung, wenn das Ende in Sichtweite vor mir liegt, steige ich manchmal noch in die Pedale. Als Endspurt, ein letztes Aufbäumen. Soviele andere Faktoren kämen da noch ins Spiel, aufgrund des steiferen Rahmens würde so ein Karbonfahrrad eine ganz andere Dynamik entwickeln können, ein direkteres Ansprechen. Dynamik? Ja, ergänzt Alban mit missionarischem Eifer, eine viel bessere Inertie. Inertie? Den Begriff Inertie habe ich vor vielen Jahren schon mal gehört, im Studium, Biophysik. Und schon damals nicht wirklich verstanden. Damals gab es noch kein wikipedia. Inertie ist auf Deutsch Trägheit. Je schwerer ein Körper, desto träger. So einfach. Schwere Körper setzen sich schwerer in Bewegung. Hat was mit dem Gewicht zu tun. Mein Sohn studiert Ingenieur. Inertie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Inertie beim Fahrrad. Augenwischerei. Karbonräder sind eben leichter. Leichter macht bessere Inertie, logisch. Klingt gut und keiner versteht, was wirklich gemeint ist. Muß aber was ganz Tolles sein, sonst würde man ja nicht dreitausend Euro dafür ausgeben müssen.

Und? Wie fährt sich Karbon? – Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de boule l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Für meinen sportlichen Anspruch tut’s auch eine technische Antiquität. Und vielleicht drei, vier Kilo weniger Eigengewicht zum Sommer hin und überhaupt. Drei, vier Kilo weniger Eigengewicht sind sicher auch gut für meine persönliche Inertie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Gekürzte Version für Heft Nr. 301, Mai/Juni, der Riviera Zeit

Aus dem Fenster des Kinderzimmers oben hat man einen Blick auf das Wahrzeichen des Dorfs, einen Felsen mit Burgruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Provence, gelb und rot in senkrechten Streifen. Mit einem Blick auf die Flaggen kann ich vorherrschende Windrichtung und -stärke beurteilen. Es gibt eigentlich nur zwei Windrichtungen. Der Ostwind ist gut für eine Strecke um Cap Garonne an der Küste, Mistral, der kalte Westwind, für eine Tour über den Faron. In beiden Fällen hat man den Wind zum Rückweg im Rücken. Rückenwind am Ende ist gut für die Motivation unterwegs.

Neulich durfte ich Albans neues Fahrrad mit Karbonrahmen ausprobieren. Alban wohnt mit an einem der Hügel hinter Toulon, hoch genug für vue mer von seiner Terrasse aus. Unsere Tour führte Richtung Pierrefeu und zurück. Gut zwei Stunden. Am Ende zwangsläufig eine Steigung. Steigung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Noch weniger bei Mistral als Gegenwind. Gleich würde mich seine Frau fragen: Und? Wie fährt man auf Karbon? Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de boule l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Um die Bäckerin zu sehen am Morgen und seine Kumpels am Nachmittag am Boule-Platz, braucht Opa kein Karbonrad. Wäre eine passende Antwort, dachte ich, im Schweiße meines Angesichts auf dem letzten Kilometer Steigung, Alban weit voraus, leichtfüßig auf seinem alten Alurad.

Ich hätte einen Blick aus dem Fenster des Kinderzimmers werfen sollen. Blauer Himmel. Mistral. Beaufort 5 mindestens. Ich hätte absagen können. Kopfschmerzen, Dienst ganz überraschend, irgendwas. Zu spät.

Alban ist einer von denen, die für meinen Drahtesel nur einen mitleidigen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Samstag-Nachmittag mit zwei, drei Kollegen mal eben zu einer Tour ins hügelige Hinterland aufbrechen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abstecher über den Coudon (702 Meter) abrunden. Mit sowas könnte Radfahren ja keinen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn endlich ein richtiges Fahrrad gönnen würde, bald wäre doch Ostern. Die gleiche Frage hatte er mir schon letztes Jahr immer wieder gestellt. Bald wäre doch Weihnachten. Ein richtiges Fahrrad ist für solche Leute ein Fahrrad mit Karbonrahmen. Der Rahmen wiegt dann weniger als ein Kilo. Alban hat sich eines gekauft für über dreitausend Euro. Ziemlich teuer, finde ich.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzunehmen? Nein, nein, sagt Alban, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Karbonrahmen sei viel steifer, deswegen viel direkter, das Fahrrad also vielleicht unbequem, aber dafür reaktionsfreudiger. Reaktionsfreudiger? Ja, die Reaktionsfreude merkt man zum Beispiel beim Beschleunigen in der Steigung. Beschleunigen? In der Steigung? Passiert mir nicht so oft. Auf den letzten Metern einer Steigung, wenn das Ende in Sichtweite vor mir liegt, steige ich manchmal noch in die Pedale. Soviele andere Faktoren kämen da noch ins Spiel, aufgrund des steiferen Rahmens würde so ein Karbonfahrrad eine ganz andere Dynamik entwickeln können, ein direkteres Ansprechen. Dynamik? Ja, ergänzt Alban mit missionarischem Eifer, eine viel bessere Inertie. Inertie? Den Begriff habe ich vor vielen Jahren schon mal gehört, im Studium, Biophysik. Und schon damals nicht wirklich verstanden. Damals gab es noch kein wikipedia. Inertie ist Trägheit. Schwere Körper setzen sich schwerer in Bewegung. Mein Sohn studiert Ingenieur. Inertie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Inertie beim Fahrrad. Augenwischerei. Karbonräder sind eben leichter und somit physikalisch weniger träge. Inertie klingt gut und keiner versteht, was wirklich gemeint ist. Muß aber was ganz Tolles sein, sonst würde man ja nicht soviel Geld dafür ausgeben wollen.

Und? Wie fährt sich Karbon? – Pour voir la boulangère le matin et ses copains au terrain de pétanque l’après-midi papi n’a pas besoin d’un vélo en carbone. Für meinen sportlichen Anspruch tut’s auch eine technische Antiquität.

 

Shizuishan

Guten Morgen,

Deckarddip, GrokVock, Domeniksi und Alimabum! Ich freue mich, Euch zu meinen Abonnenten zählen zu dürfen. Wahrscheinlich seit Ihr Freunde von Abbasrow, Alipi und Kliffet. Und da sind noch viele mehr. Ich habe Leser in ganz Russland!

葉卡捷琳堡. Jekaterinburg. Habe ich schon mal gehört. Russland. Links unten. Noch vier Stunden und zweiunddreißig Minuten, 2392 Meilen. Wir fliegen auf einer Höhe von 34.000 Fuß. Die Geschwindigkeit liegt aktuell bei 529 mph. Vor ein paar Stunden war links unten Novosibirsk (新西伯利亚). Etwas weiter Omsk, auch links. Und Surgut. Nie gehört. Rechts. Die Außentemperatur liegt bei minus 67 Grad. Fahrenheit. In Celsius macht das minus 55. Wie auch immer ziemlich kalt. Der Flieger von Cathay Pacific wird um sechs Uhr morgens in London (伦敦) landen. Cathay Pacific ist eine Fluggesellschaft mit Sitz in Hongkong. Die Filme in der Rückenlehne des Vordermanns sind meist chinesisch untertitelt. Die Städte auf dem Flight-tracking-Bildschirm sind abwechselnd englisch und chinesisch beschriftet. 莫斯科 (Moskau) da unten im Dunkeln.

Bestimmt sitzt Ihr und die in letzter Zeit so zahlreichen Neu-Abonennten meines Blogs da unten irgendwo. Mit dem Tolstoi-Zitat habe ich vermutlich den einen oder anderen Deutschkurs der dortigen Volkshochschule angelockt. Oder einen Online-Kurs. Dabei seid Ihr, die Ihr Euch angemeldet habt, bestimmt nur die Spitze des Eisbergs. Die Klassenbesten. Die sich auch nicht von den Rechenaufgaben meines Captcha-Plugins verwirren lassen. XII – acht = ?. Roboter schaffen sowas nicht, denke ich. Ihr seid zweifellos – несомненно – echte Menschen. Mit echten Adressen bei mail.ru, kobka-2018@mail.ru und skorobogat.eva@mail.ru zum Beispiel. Dabei ist bekannt, daß sich die meisten Leser sich nicht die Mühe machen mit einer Anmeldung. Viele, die meisten eben, klicken das mal an, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Oder weil die Lehrerin ihres Deutschkurses das empfohlen hat. Fühlen sich aber nicht angesprochen. Verstehe ich. Loriot ist vielleicht sehr spezieller deutscher Humor. Ich kann auch nicht jeden Blog aushalten. Trotzdem, russische Volkshochschulschüler sind brave Schüler. Wenn Eure Lehrerin sagt, schaut Euch das mal an, schaut Ihr Euch das mal an. Über tausend in ein paar Tagen. Das schaffen andere Texte nicht.

Prag links und Berlin, Hamburg. Im Hintergrund, auch links natürlich, am Horizont, München und sogar Basel. Ob man wirklich alle diese Städte sehen könnte aus über zehn Kilometer Höhe? Groningen rechts. Niederlande. Bin ich vor vielen Jahren mal durch gekommen auf dem Weg an die Nordsee. Manche IP-Adressen verortet das WordPress-Plugin nach Holland. Das kann ich verstehen. Das sind die Leser, die auch im Kurzurlaub an der Nordsee nicht auf mich verzichten wollen. Außerdem sprechen alle Holländer fließend deutsch.

Rechts immer mehr deutsche Städte: Gütersloh, Koblenz (科布倫茨), Aachen. Gütersloh! 居特斯洛. Wieso gerade Gütersloh? Warum nicht Unna? Oder Moers? Egal. Die Ankunft in London in weniger als einer Stunde.

In Koblenz und Köln habe ich ein paar Abonnenten. Zeigt mir der Plugin. Haben für meine Ohren normale Namen. Bei gängigen Anbietern. „Ladyatott“ gehört da schon zu den Exoten – nichts für ungut, Ladyatott. Abonnenten kriegen eine Mail, wenn ein neuer Beitrag auf meiner Seite erscheint. Ganz Russland wird nun von automatischen Mails überschwemmt. mail.ru muß sowas sein wie yahoo oder web.de. Ausschließlich kyrillische Zeichen allerdings. Weniger bunt. Man kann sich da ein Postfach holen, alleinerzieher war noch frei. Oben ein Suchfeld. найти – finden. Ein Tolstoi-Zitat im Text und schon wird man im Quelltext-Fundus des Russen-google registriert. Sichert mir ein Millionenpublikum. 居特斯洛 im Text bringt vermutlich den Zugang zu ehrgeizigen Schülern zahlloser Deutschkurse der Volksrepublik China.

Schöne Grüße nach Novosibirsk. Und Shizuishan.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Apéritif

Ich glaube, die Söhne wären gerne vom Skytower in Auckland gesprungen. 225 Dollar. Mir schien das zu teuer, das war am Anfang unserer Reise, da wußte ich noch nicht, daß in Neuseeland alles überall teuer ist. Die müssen ja fast alles importieren außer Schafen. Ein kleines Bier für elf Dollar! Geht’s noch? Neuseeland-Dollar nur, macht trotzdem über sieben Euro. Das geht vielleicht in Saint Tropez am Hafen, aber in Neuseeland? Queenstreet in Auckland, dachte ich, muß wohl die Reputation wie das Café de Paris in Saint Tropez haben, die können sich das rausnehmen. Das kleine Bier kostet überall in NZ elf Dollar. Meine Söhne durften schließlich in Queensstown von der Brücke springen. Kawarua Bridge Bungy. 43 Meter. Kawarua Bridge Bungy ist die erste kommerzielle Bungy-Installation überhaupt. 195 Dollar. Pro Kandidat. Weitere 90 die professionelle Film- und Fotodokumentation dazu. Auch pro Kandidat. Da hatte der Schwabe in mir schon längst resigniert. In NZ ist fast nichts umsonst. Das T-Shirt, I did it. Im merkantilen Wert von 20 Dollar immerhin. Mehr als tolle Erlebnisse kann man für Geld nicht bekommen. Die hatten die Söhne. Das T-Shirt werden sie ohnehin nur nachts tragen. Wenn überhaupt.

Ich könnte meinem Schwiegervater, Bildhauer, die Produktion von Making-of-Filmen vorschlagen. Als Ergänzung des künstlerischen Angebots. Immer wieder bekomme ich Mails geschrieben, wie nett das Video mit meiner Tochter wäre. Der Schwiegervater fertigt ein Porträt in Lehm an als Vorlage für den Bronzeguß. Könnte man sehr gut als Ergänzung zum Führerschein vermarkten, den Bronzeguß. Führerschein alleine zur Volljährigkeit reicht ja vielleicht nicht. Der Bronzeguß eher fürs Elternhaus. Nur so als Idee. Das Making-of dazu fast so gut wie ein Fotobuch über die letzten achtzehn Jahre. Zeitraffer. Zwei Stunden in zwei Minuten. Zusätzlich könnte man ein paar launige Kommentare vom Künstler selbst einspielen. Muß aber nicht sein. Musik vielleicht nach Wahl im Hintergrund. Kleiner Schwenk auf anwesende Familienangehörige, Mütter bringen sich gerne mal selbst ins Bild. Geht ab vierhundertneunundneunzig Euro. Nur um mal eine Größenordnung anzudeuten. Mehr als tolle Erlebnisse kann man für Geld nicht bekommen. Noch schöner, wenn sie bildlich festgehalten sind. Dokumentation auch bei Facebook, warum nicht. Auf USB-Stick oder zum Download bereitgestellt auf der Homepage neunundvierzig Euro extra. Darauf kommt’s dann auch nicht mehr an. Eine Führung durch die Porträt-Sammlung ist natürlich inbegriffen. Gratis. Irgendwas muß umsonst sein. Irgendwas umsonst macht den härtesten Schwaben weich. Abschließend Häppchen zu einem Gläschen Apéritif. Auch umsonst. Einer der Beteiligten müßte sich seine Verkehrstüchtigkeit bewahren. Der Führerscheinneuling zum Beispiel.

Nach entsprechender Terminabsprache würde ich als Bildtechniker dazu jeweils einfliegen.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tolstoi. Im Original. Anna Karenina. Die ersten Zeilen. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Ich kann nur diesen einen Satz russisch. Winter 1983. Auf dem Weg von Rumänien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ersten Bahnhof auf der sowjetischen Seite aussteigen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betreffenden Zug bräuchte man kein Visum, weil der abgeschlossen einfach durch die Sowjetunion durchfahren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glauben wollen. Ziemlich blauäugig.

Ich hatte zur Sicherheit doch ein paar Stangen Zigaretten – Kent, die weißen von Kent – mitgenommen. Und ein paar Pfund Bohnenkaffee von Aldi. Gegen Kent, die weißen von Kent, und Kaffeebohnen konnte man im spätsozialistischen Rumänien alles bekommen, was es eigentlich nicht gab. Mädchen würden ihre Unschuld dafür hergeben, hieß es. Mit ein paar Nylonstrümpfen als Zugabe. Ich hatte nie Nylonstrümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß die Mädchen, die mich interessierten, für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben wären. Und die Mädchen, die vielleicht für ein paar Schachteln Zigaretten und Nylonstrümpfe zu haben gewesen wären, interessierten mich nicht.

Im Zug nach Posen bekam die erstbeste Uniform zur Sicherheit ein paar Schachteln Kent. Das war der rumänische Schaffner. Unnötige Verschwendung, dachte ich mir dann. Mein Rückfahr-Ticket erster Klasse Schlafwagen für umgerechnet sechzehn Mark war ohnehin in Ordnung. Zu spät. Mein Abteil war erstaunlich sauber. Und erstaunlich warm. Die Fenster konnte man nicht öffnen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abgeschlossenen Zug durch die Sowjetunion. Nicht wirklich viel später hielt der Zug im Nirgendwo. Ringsum nur Schnee im Mondschein. Wahrscheinlich war das die Grenze zur Ukraine.

Die nächsten Uniformen waren sowjetische. Wollten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer meinem Paß, dem Schlafwagenticket und einer selbstgefälschten rumänischen Ausreiseerlaubnis. Personalausweis, Führerschein? Wollten sie nicht. Meine Kaffeebohnen und meine Kent winkten sie routiniert ab. Überzeugte Patrioten. Ich mußte erkennen, daß meine exotische Zigarettenmarke nur in Rumänien Wunder bewirken konnte. Auch meine Camel zum Eigenbedarf konnten das fehlende Transitvisum leider nicht ersetzen.

Im nächsten Bahnhof mußte ich aussteigen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jenseits der rumänischen Grenze. Den Namen der Station habe ich vergessen, wenn ich ihn überhaupt mal kannte. Wahrscheinlich Cherepkivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava warten. Die riesige Bahnhofshalle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahrkarte kaufen gegen schöne Dollars zum offiziellen Kurs. Bekam gegen meinen Zwanzig-Dollar-Schein keine Rubel, sondern nur ein paar rumänische Münzen und eine speckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wechselgeld würde ich ja ohnehin nicht ausführen dürfen. Lehrgeld. Bis zur Abfahrt meines Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stunden zu warten.

Die Wartezeit störte mich nicht weiter, ich saß ja schön im Warmen und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelangweiltem uniformiertem Personal, soweit mein noch sehr kompakter rumänischer Wortschatz das eben zuließ. Wir plauderten über Rumänien, Ceaușescu, das erbärmliche Leben im rumänischen Sozialismus, meine Familie in Deutschland. Und natürlich über Tolstoi.

Die Athmosphäre war nett. Entspannt. Lew Nikolajewitsch Tolstoi gehört zu den größten Schriftstellern aller Zeiten. Wir waren uns einig. Wahrscheinlich war ich der erste Kapitalist, der seit dem Krieg in diesem Grenzbahnhof ausgestiegen war. Einer der Beamten schrieb mir die ersten Zeilen auf russisch in mein Buch. Glaubte ich zumindest. Hat er mir zumindest als den Originaltext verkauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blauäugig. Das war dem Personal sicher auch aufgefallen. Will ohne Visum durch die Sowjetunion! Blauäugiger geht ja wohl gar nicht!

Der Oberaufseherin im Bahnhof, erkenntlich an mehr Pelz an der Mütze, Sternen auf den Schultern und klischeekonformem Aufseherauftreten, gefiel die offensichtliche Fraternisierung ihres Personals mit dem Eindringling aus kapitalistischem Ausland nicht. Sie verbannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vorhalle. Unbeheizt. Kontinentalwinter. Meine rudimentären Russischkenntnisse sind hart erkauft.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nieder mit der kommunistischen Partei Rumäniens und dem eingebildeten Schusterlehrling an ihrer Spitze! Hätte auch sein können. 1983 gab es google noch nicht. In diesem Fall hätten im Rahmen einer vorstellbaren Auseinandersetzung mit rumänischen Grenzbeamten meine Kaffeebohnen von Aldi und die exotischen Zigaretten zum schlagenden Argument werden können. Hat aber keiner kontrolliert. Der rumänische Grenzbeamte interessierte sich nicht für fremdsprachliche Literatur.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Kopfgeld

Ein paar Tage mit den Kindern beim Skifahren. Zu dritt, die Mutter würde nachkommen. Um vier Uhr morgens im Auto, neun Uhr die ersten am Lift. Und dann das. Gleich am ersten Tag.

Nach fünfzehn Minuten Warten auf den Sohn hatte ich mich auf den Weg gemacht, pistenaufwärts. Gefühlt fünfzehn Minuten, wahrscheinlich waren es gerade mal fünf Minuten gewesen. Wenn man unerwartet warten muß, bläst sich jede Minute auf. Mein Sohn war mit dem Snowboard unterwegs, noch etwas ungeübt und eher vorsichtig. Normalerweise aber war er höchstens eine halbe Minute hinter uns, seiner kleinen Schwester und mir. Nach fünfzehn Minuten, wo bleibt er denn nur, hatte ich die Skibindungen gelöst und war aufgebrochen, die Piste aufwärts, zum Glück eher flach, keine zehn Prozent, blaue Piste. Offenbar sichtlich besorgt wirkend und wer läuft schon Pisten aufwärts, war ich ohne Unterlaß von mitfühlenden Passanten angesprochen worden. Ja, da läge ein Kind auf der Piste, nicht mehr weit, dreißig Meter noch, aber les sécouristes, die Bergrettung, würde sich schon um ihn kümmern, sei bestimmt nicht so schlimm. Was, die Bergrettung? So schlimm? Wenn einer mal in den Schnee fällt, kommen die Sécouristes doch auch nicht gleich! Wahrscheinlich was gebrochen. Oder bewußtlos? Nein, wahrscheinlich nichts gebrochen. Wäre was gebrochen, würde mein Sohn sich unter Schmerzen winden und wahrscheinlich weinen, würden die Passanten nicht sagen, es sei bestimmt nicht so schlimm. Bewußtlos also. Schädel-Hirn-Tauma wie Schumi vor drei Jahren! Subdurales Hämatom. Am Ende, nach ein paar Wochen Intensivstmedizin, ist vom Hirn nicht mehr viel übrig. Oder peinlicher Sturz. Sein bester Kumpel spielt Fußball im Verein. Wenn der im Garten beim Bolzen mal über die eigenen Füße stolpert, inszeniert er das mit großer Theatralik. Fußballer eben. Mein Sohn kann die Theatralik schon fast so gut wie sein Kumpel. Sowas kann ich gut beschwichtigen. Meist reicht ignorieren. Noch blieb ein bißchen Hoffnung. Sicher hatten die Passanten recht. Nicht so schlimm. Trotz Bergrettung. Wahrscheinlich waren die zufällig vorbeigekommen. Weiter oben hatten wir einen Skifahrer auf einer Trage gesehen. Weiträumig abgeriegelt von den roten Overalls der Bergrettung. Der Hubschrauber über mir war bestimmt für den Unfall weiter oben unterwegs.

Mein Sohn als Liegendtransport oder im Hubschrauber wäre zu ärgerlich gewesen. Ein paar Stunden zuvor, an der Kasse für die Pistenkarten, hatte ich den Vorschlag der Kassiererin einer zusätzlichen Unfallversicherung noch zurückgewiesen. Ach was, wird schon gutgehen. Geht seit vielen Jahren ohne Versicherung gut. Noch nie in all den Jahren waren wir auf die Hilfe der Bergrettung angewiesen. Übermütig schien das jetzt. Geizkrise. Schwabengene. Wegen ein paar Euro mehr pro Tag und Person. Als ob es darauf noch angekommen wäre. Wenn sie meinen Sohn mit dem Hubschrauber ins Tal brächten, würde das ein Vermögen kosten. Hubschrauberzeit wird meines Wissens nach Minuten berechnet.

Die dreißig Meter hatte ich schon längst geschafft, kein Sohn in Sicht, auch keine Ansammlung Schaulustiger immerhin. Nach einer weiteren Linkskurve sah ich ihn. Noch gut fünfzig Meter. Von wegen dreißig! Franzosen reden immer alles schön. Mein Sohn lag in Bauchlage quer zur Fahrtrichtung auf der Piste. Bauchlage! Warum das denn? Helm auf dem Kopf, die Arme darunter verschränkt. An den Füßen immer noch das Board. Oberhalb von ihm steckte ein Paar Ski gekreuzt im Schnee. Sicherung der Unfallstelle. Hier war ein Profi am Werk. Die Piste war ziemlich schmal, mein Sohn mittendrin. An seinem Kopfende kniete ein Mann im Schnee. Roter Skianzug mit dem Emblem-Adler des Skigebiets auf dem Rücken, Beschriftung „Sécouriste“, Weiß auf Rot, Bergrettung. Er beugte sich über meinen Sohn und sprach mit ihm. Wahscheinlich fragte er einfach ça va, t-as mal, t-as froid? Zum bestimmt hundertsten Mal. Mein Sohn war etwas blass, das sah ich schon von weitem, hatte die Augen geschlossen. Würde doch hoffentlich nicht so schlimm sein wie es aussah. Was würde meine Frau sagen? Bauchlage. Wenn einer was am Rücken hat, soll man seine Position nicht verändern. Mein Sohn reagiert auf die Ansprache des Herrn im roten Skianzug, gibt sich allerdings wortkarg, genervt. Auch das sehe ich von weitem. Immer diese ewig gleichen Fragen, ça-va-t-as-mal-t-as-froid. Wahrscheinlich Schmerzen irgendwo. Bestimmt am Fuß. Und kalt. Mir wäre kalt, wenn ich so im Schnee liegen müßte.

Bonjour Monsieur. Der Herr im roten Overall unterrichtete mich, daß das Team zur weiteren Versorgung bereits unterwegs wäre, jeden Moment eintreffen sollte. Mit der coquille. Die Coquille ist wohl die Trage für den Schnee. Mit einem Retter jeweils vorne und hinten. Akia auf deutsch. Möglicherweise eine Verletzung der Wirbelsäule, sagte er. Und wer ich überhaupt wäre? Je suis son père. Ich bin der Vater. Eigentlich hätte er nach einem Ausweis verlangen müssen. Bloß nicht anfassen, sagte er, gleich kommt das Team mit der coquille. Soweit durfte es nicht kommen. Wenn man die einfach machen lässt, packen die meinen Sohn in ihre coquille, womöglich in Bauchlage, und ich kann ihn im Centre hospitalier von Briançon wieder einsammeln. Das Centre hospitalier von Briançon hat keinen guten Ruf. Kein Wunder, wer will da schon arbeiten, ist ja nichts los am Arsch der Welt. Wir hatten bei uns mal einen Knochenchirurgen, der von da kam. Marco. Italiener. Zwei linke Hände. Nichts gegen Italiener. Für Marco war jedes kaputte Handgelenk eine ganz komplizierte Fraktur. Ganz kompliziert. Außerdem kenne solche Betriebe des öffentlichen Gesundheitswesens in Frankreich. Angekommen in Briançon würden sie ihn, weil bis dahin wahrscheinlich nichts mehr wehtut, kein Kribbeln, keine Taubheit, aus der Coquille holen und auf einen Stuhl im Wartesaal setzen. Sich laut aufregen über die inkompetenten, naja übervorsichtigen, Kollegen der Bergrettung. Oder auf eine Pritsche im Flur legen. Bestenfalls. Immer schön in Bauchlage. Kann aber warten, ist ja kein lebensbedrohlicher Notfall. Atmet ja noch. Das Warten in Betrieben des öffentlichen Gesundheitswesens kann sich über Stunden hinziehen, kenne ich. Die Röntgenabteilug wird dort genauso chronisch überfordert sein wie die in meinem Centre hospitalier ein bißchen weiter im Süden. Wenn es sich irgendwie verantworten läßt, muß ich meinen Sohn aus den Fängen der Bergrettung befreien. Würde meiner Frau nicht gefallen, den Sohn im Krankenhaus von Briançon besuchen zu müssen. Kann man euch nicht einmal alleine lassen? Zudem steht die Tochter immer noch unten am Lift.

Hallo Sohn, ça va, t-as mal, t-as froid? Mein Sohn war ansprechbar. Jaha, es geht. Ja, Schmerzen am Rücken und im Fuß. Und nein, mir ist nicht kalt. Ein Eisbrocken auf der Piste hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Rückwärts auf die vereiste Piste geknallt. Konnte vor Schmerzen zehn Sekunden nicht mehr atmen. Sagte er. Zehn Sekunden. Okay, wohl kein Verlust des Bewußtseins. Andererseits, Schumi hat sich auch nicht sofort nach dem Sturz ausgeblendet. Der Schmerz im Rücken klein lokalisiert, kleine rote Stelle auf der Haut. Tut’s da weh, wenn ich drücke? Nein. Mein Sohn ist durchtrainierter Sportler, der bricht sich so schnell nichts. Bei mir wäre das vielleicht anders. Der linke Fuß tat weh.  Die große Zehe. Kaum auf der Piste, tat ihm der linke Fuß schon weh. Falscher Schuh, wahrscheinlich zu kurz. Schlecht gewählte Ausrüstung kann einem beim Skifahren den ganzen Tag vergällen. Kenn‘ ich.

Für mein Gefühl konnte man es verantworten, ihn von seinem Board und aus der Bauchlage zu befreien. Stop, stop, was machen Sie denn da. Der Bergretter war nicht einverstanden. Je suis médecin, ça va aller. Ich bin Arzt, das wird schon gehen. Das reichte dem Bergretter. Eigentlich etwas halbherzig, finde ich, sein Widerstand, da könnte ja jeder kommen, sagen, er wäre Arzt.

Kein Kribbeln, keine Taubheit, etwas Schmerz. Im Fuß vor allem, am Rücken ging’s. Etwas blaß der Junge. Wir werden’s für heute gut sein lassen mit dem Sport. Un chocolat chaud zuhause ist auch schön. Auf eigene Verantwortung und gegen Unterschrift durften wir gehen. Der Sécouriste kannte das offensichtlich, hatte einen ganzen Stapel entsprechender Zettel im Postkartenformat dabei. Keiner will mit ihm bleiben. Ich mußte ihn mit klammen Händen ausfüllen. Immer noch keine Ausweiskontrolle. Wofür soll das also gut sein? Er gab sich zum Abschluß pampig. Ihre Schuld, wenn ihr Sohn am Ende im Rollstuhl sitzt.

Wahrscheinlich gibt es Kopfgeld für jedes Opfer von der Piste.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

 

Hoffnung

Mittwoch

12:50 Uhr Rendezvous in der médecine nucléaire, Nuklearmedizin. Fensterlose Wartenische an der Kreuzung von zwei Fluren. Neben einer  Tür mit einem Pappschild „Accueil“ ist ein kleiner Automat zur Vergabe von Wartenummern. C016. Wieso C? Gibt es hier noch andere Türen? Überhaupt, ich sehe keinen einzigen Monitor für die Anzeige der aktuell aufgerufenen Nummer. Noch bevor ich jedoch in die Patientenrunde der Wartenische fragen kann, was ich nun mit meiner Nummer anzufangen hätte, öffnet eine junge Frau die Tür. C’est vous la seize? Sind Sie die Sechzehn? Die junge Frau trägt ein Namensschild. Sabrina. Erfassung der Personalien, Unterschrift für die digitale Weitergabe meiner Resultate an den Neurologen. Wie fortschrittlich! Ob ich meine Resultate nicht auch digital haben dürfte? Das geht leider nicht, sagt Sabrina lächelnd, leider nicht ohne die Autorisation des Doktor C., der mich gleich sehen würde. Das würde ich doch verstehen. Natürlich verstehe ich das. Es geziemt sich für Patienten, Verständnis aufzubringen. Warten im Wartebereich. Ein dicker älterer Herr wird halb entblößt auf einer Pritsche vorgeschoben. Er trägt Windeln und stöhnt vor Schmerzen. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Sehr ermutigend. In der Radiologie hilft einem keiner. Die interessieren sich für ihre Bilder und sonst nichts. Der brancardier, der Pritschenschieber legt einen kleinen Stop ein, wechselt charmante Worte im Accueil mit Sabrina und ihren Kolleginnen, während der ältere Herr in Windeln mitten auf der Kreuzung stöhnt. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Der Pritschenschieber hat den Lehrgang zum würdigen Umgang mit Patienten offensichtlich versäumt. Oder nichts verstanden.

Monsieur Diäl?

13:27 Uhr der Doktor. Doktor C.. Mondgesicht mit Vollbart. Sieht aus wie direkt aus dem Studium. Gibt mir eine Kapsel, die ich schlucken soll mit etwas Wasser. Carbidopa 100 mg. Soll eine Stunde einwirken. Zur besseren Fixierung des radioaktiven Dopamins. Nach der Injektion des radioaktiven Dopamins werde ich weitere eineinhalb Stunden warten müssen. Zur Fixierung der Isotope. Die eigentliche Untersuchung funktioniert wie ein Kernspin oder CT und dauert nur etwa 15 Minuten. Nebenwirkungen? Nein, eigentlich nicht. Die von mir dann ausgehende Radioaktivität würde meinen Familienangehörigen nicht schaden. Und mir selbst? Non, normalement non.

Wartenische.

Monsieur Diehl?

Die Schwester fünf Minuten später – immerhin spricht sie meinen Namen richtig aus – geleitet mich in eine Art Labor. Hélène. Infusion in der Ellenbeuge. Die radioaktive Injektion soll jetzt gleich erfolgen, maintenant, kündigt sie an. Auch wenn maintenant im mediterranen Verständnis ganz allgemein eine andere Bedeutungsschwere hat als rechts des Rheins und nicht „Jetzt und Sofort“ heißt, sondern durchaus Spielräume von einer Viertel- bis halben Stunde bietet, steht maintenant im Widerspruch zu der Stunde Wartezeit, von welcher der Doktor eben sprach. Ah, bon, sagt Hélène, hat der Doktor das gesagt? Geht weg. Und kommt nach einer guten halben Stunde wieder. Jetzt wäre es wohl soweit. Na dann. Plaudert noch was. Über meinen Akzent und von wo ich denn käme. Stuttgart? Kennen Sie das? Nein, aber ihr Mann kennt das, der war mit dem Militär damals nicht weit von Stuttgart. Viele Männer dieser Generation scheinen mit dem Militär damals in Kasernen nicht weit von Stuttgart gewesen zu sein. Oder Tübingen. Sigmaringen. Hélène war zwei Mal in Trèves, Trier. Die  Austauschpartnerin, auch die Eltern, sprach so gut Französisch, daß sie nichts gelernt hätte. Überhaupt wären die Franzosen ja so schlecht in Sprachen, stellt sie fest. Was aber auch an dem miserablen Unterricht in der Schule läge. Der durchschnittliche Franzose kokettiert gerne mit der mangelnden Sprachbegabung seines Volks und dem miserablen Unterricht in der Schule. Dann ist genug geplaudert. Es folgt die radioaktive Injektion aus einer monströsen Maschine mit Stahlzylindern. Maintenant. Sieht aus wie ein Modell aus den frühen Anfängen der Nuklearmedizin. Einschließlich der mediterranen Viertelstunde für Jetzt kommt das am Ende schon hin mit der Stunde Einwirkzeit.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre vielleicht doch alles Quatsch, Einbildung, ein Irrtum. Die Hoffnung gehört zu chronischen Krankheiten wie der Horizont zur Wüste. Obwohl ich es natürlich besser weiß. exams_requests-php-1Eigentlich. Hinter dem Horizont geht die Wüste genauso weiter. Insgesamt zuwenig Anreicherung des Isotops, sagt der Nuklearmediziner Doktor C. und wird es auch schreiben in seinem Befund, rechts noch weniger als links. Die Bilder sind der Beweis. Soll die Symptomatik links erklären. Die meisten Nervenfasern aus dem Hirn kreuzen irgendwo auf die Gegenseite. Okay. Ich habe damit gerechnet. Trotzdem, schade.

Freitag

Der Vollständigkeit halber und weil mir eine Freundin von ganz früher, aus der medizinischen Sandkiste quasi, jetzt Neurologin in Berlin, dazu geraten hatte, war ich bei der Echokardiographie. Sie hat sich mittlerweile zwar mehr auf Psychiatrie spezialisiert, hatte aber auch lange mit Parkinson zu tun und Parkinson sei ja das täglich Brot des Neurologen, sagt sie. Die Neurologin sagt, Herzprobleme sollten im Rahmen der Parkinson-Diagnostik ausgeschlossen werden, insbesondere ein Foramen ovale. Das Foramen ovale, lateinisch für ovales Loch, ist ein Loch zwischen zwei Herzkammern, den Vorhöfen. Das Loch braucht man im Mutterleib, solange die Lungen noch nicht in Betrieb sind. Nach der Geburt sollte sich das innerhalb von ein paar Tagen bis Wochen verschließen. Wenn nicht, kann das später zu Schlaganfällen führen. Oder kann eben, wie es scheint, irgendwas mit Parkinson zu tun haben. Habe ich noch nie gehört vorher, wozu aber sonst die Herzdiagnostik? Ich habe der Neurologin in Berlin vielleicht nicht richtig zugehört. Oder nicht richtig nachgefragt. Patienten fragen immer viel zu wenig. Und wundern sich nachher, daß sie nichts verstanden haben.

Patrick B., im Centre hospitalier der Kardiologe meines Vertrauens, macht die Echokardiographie. Patrick B. könnte auch Parkinsonpatient sein. Klarer Fall von Hypomimie, Maskengesicht, charakteristisch für Parkinson. Ich kenne mich damit aus. Patrick lächelt nicht oft. Liegt vielleicht an der knappen Ausstattung seiner Abteilung. Momentan verfügt er zum Beispiel nicht über seine Sonde für transösophageale Echographie. Ist kaputt gegangen, er wartet seit drei Monaten auf Ersatz oder Reparatur. Wir sind eine öffentliche Struktur, vielleicht gibt es gerade nicht genug Geld für die Reparatur. Transösophageal? Eine Sonographie-Sonde für die Speiseröhre, weil man so dem Herzen und insbesondere dem eventuellen Loch noch näher kommt als transthorakal, durch die Brustwand. Gilt wohl als die Methode der Wahl, um das Loch zu finden, wenn es da eines gibt. Patrick hat eine andere Methode, die er der transösophagealen Echographie ohnehin zumindest für ebenbürtig hält, wenn nicht gar überlegen. Vielleicht macht er aus der Not eine Tugend. Die Schwester, Pascale, injiziert mir Flüssigkeit mit winzig kleinen Luftbläschen in die Vene. Kann man in der Echographie sehr schön sehen, die Bläschen erscheinen wie Schneegestöber. Normalerweise nur in den rechten Herzkammern. Wenn da ein Loch ist, auch links. Vier Injektionen. Zwei Mal unauffällig. Und dann doch ein Zweifel. Sind da nicht doch Bläschen links? Sind das vielleicht Artefakte, Fehlmessungen, frage ich. Auf unseren Narkose-Monitoren gibt es ständig Fehlmessungen. Blutdruck 143 zu 132 gibt es nicht, eigenartiges EKG, nein, trotzdem kein Herzstillstand, wahrscheinlich hat sich eine Elektrode gelöst. Patrick aber ist sich ganz sicher: Klares Nein. In der Kardiologie gibt es keine Artefakte. Ein ganz kleines Loch vielleicht. Er wird seinen Freund, den Professor in Marseille fragen. Mein Neurologe hat auch einen Freund in Marseille. Das gehört irgendwie dazu. Und wenn da ein Loch ist, auch ganz klein, wird das abgedichtet und mein Parkinson verschwindet wie von selbst. Bestimmt.

Die Hoffnung gehört zu chronischen Krankheiten wie der Horizont zur Wüste. Irgendwo muß die Oase doch sein.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Dienstfähig

November

8:40 Uhr. Termin bei der Betriebsärztin, Marguerite C.. Médecine du travail. Die gibt sich immer so ein bißchen beleidigt, wenn sie mich sieht, weil das eigentlich jährlich sein sollte, der Termin. Alle Jahre wieder schickt sie mir eine Einladung und zwei, drei Erinnerungen. Vom Prinzip muß sie mir jedes Jahr meine Arbeistfähigkeit bescheinigen. In Deutschland  dürfte ich vermutlich ohne die Arbeitsfähigkeitsbescheinigung überhaupt nicht mehr arbeiten. Der Arbeitgeber würde sich womöglich sogar strafbar machen, mit Mitarbeitern, deren Arbeitsfähigkeitsbescheinigung länger als 42 Tage abgelaufen ist. In Deutschland. In den Jahren seit Februar 2000 ist es unser zweites Mal. Vor fünf Jahren war ich schon mal in diesem Büro. Natürlich sehen wir uns immer wieder auf irgendwelchen Fluren, ist ja eher übersichtlich hier im Centre hospitalier, ich weiß, wie sie heißt und wie das heißt, was sie macht, ohne genau zu wissen, was Médecine du travail wirklich ist, wie bei sovielen Jobs, die noch mehr im Hintergrund stattfinden als meiner.

Marguerite C. hat ihre Büros mit einer Schwester und einer Sekretärin in der ehemaligen Direktorenvilla direkt am Hubschrauberlandeplatz. Ich käme bestimmt wegen der Grippe-Impfung. Schien ein bißchen beleidigt, als ich dies verneinte. Zur Routineuntersuchung also, wäre ja schön, daß ich auch mal auf ihre Einladungen reagieren würde, ich wäre ja nicht wirklich dazu verpflichtet, aber es schiene ihr doch sinnvoll. Das könnten wir dann natürlich auch gleich erledigen, fand ich, sprach ihr von meiner Verdachtsdiagnose und fragte, was es wohl von ihrer Seite aus zu beachten gäbe. Außer Beleidigt kann Marguerite Betroffen. Sogar sprachlose Betroffenheit. Dabei bin ich noch gar nicht tot. Mein Arm verhält sich unauffällig, meine Mimik fällt dem Nichtspezialisten noch nicht als reduziert auf. Und den Speichelfaden aus dem linken Mundwinkel habe ich auch meistens unter Kontrolle. Marguerite verzichtete auf gezielte Fragen aus dem neurologischen Repertoire und die Prüfung der Reflexe. Hat von Neurolgie sicher auch nicht mehr Ahnung als ich. Maß hingegen den Blutdruck, leicht erhöht, bestimmt der Stress, sagte sie lächelnd, und horchte Herz und Lunge, soweit gut. Ob ich denn ausreichend versichert wäre. Versichert? Na, incapacité, invalidité und so. Ich? Arbeitsunfähig? Schwerbehindert? Frührentner? Eigentlich bin ich unverwundbar. Ich mache das alles nur für meinen Blog, passiert ja sonst nichts! Quelle idée! Keine Versicherung? Sprachloses Erstaunen. Wenn das mal nicht zu spät ist jetzt für Versicherungen, wer nimmt Sie denn noch? Im jetzigen Zustand? Zum Vorgehen bei einer eventuellen vorzeitigen Berentung hat sie ein paar Boschüren, die könnte ich mir ja mal durchsehen, eilt ja noch nicht, auch im Internet gäbe es viel Informationen dazu.

Zum Abschluß wünscht sie, auf dem Laufenden gehalten zu werden, tenez-moi au courant, und stellt mir die Bescheinigung aus, gelb: apte, dienstfähig. Bon courage. Sicher besser so, was würde ich denn den ganzen Tag machen, arbeitsunfähig zuhause? Meine Frau hat da schon Vorstellungen: Tanzen vielleicht oder Tai Chi. Gymnastik sowieso. Bei youtube – Stichwort „parkinson übungen“ – gibt es Anleitungen. Ganz oben auf der Liste, über 75.000 Aufrufe, eine junge Frau in lila T-Shirt, dazu drei angegraute Kugelbäuche in türkis, orange und grün. Fünf Folgen leichte Übungen zur Körperkontrolle auf graublauem Teppichboden. Dann doch lieber apte.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

Mythique

Kilometer 20,9. Aus der Unterführung eines Fußwegs unter dem Bahngleis, ein paar Stufen nach oben, kommt man direkt auf die Piste, Route du Bord de la Mer. Wie es da aussieht, kann bei google maps sehr schön sehen. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen die Stadt. Vororte von Antibes. Ein paar Palmen, ein Flüsschen. Wenn meine Frau das Flüsschen – La Brague – kreuzt kurz nach Marineland, bin ich auch nicht mehr weit. Ich werde einen halben Liter Zaubertrank bereithalten, Energieriegel und Schmerztabletten.

Marathon Nizza-Cannes. 13. November, Sonntag. Meine Frau läuft mit. Den ganzen Marathon. Mythique, sagt sie. Der Marathon Nizza-Cannes ist mythique. Marathonstrecken werden oft mit solchen Adjektiven bedacht. Mythique, magique, légendaire. Als Nichtläufer kann ich solche Attribute schwer nachempfinden. Laufen überhaupt ist schon anstrengend, über 42,195 Kilometer mit zehntausend anderen Läufern eine einzige Tortur. Einige ihrer Kolleginnen laufen den Marathon als Staffel. Gibt es auch. Die Kilometer werden in unterschiedlich große Abschnitte aufgeteilt. Sechs oder sieben Abschnitte, glaube ich. Ich bin kein Läufer. Nicht mal in der Staffel. Ich bin der Coach. Zwei Mal werde ich an der Strecke stehen und Wundermittel bereithalten. Zaubertrank, Energieriegel, Schmerztabletten. Trost und Mut zusprechen. Und am Ende das Taxi spielen für meine Frau und die eine oder andere Staffel-Läuferin. Lange schien es, als brauchten sie mich gar nicht. Lange schienen genug andere Coachs unterwegs zu sein. Sicher ist, daß meine Frau schon heute Nachmittag fahren wird. Vielleicht mit Sophie, vielleicht mit Nadège. Wird sich noch ergeben. Franzosen halten sich gerne alle Optionen offen. Bis zuletzt. Wenn man als Mitteleuropäer teutonischer Herkunft denkt, man hätte nun was organisiert, ist das pure Illusion. Kann sich in letzter Minute ganz anders darstellen. Mal sehen, wer heute Nachmittag klingelt. Besser nichts organisieren und auf sich zukommen lassen. Ist eine Frage der Weltanschauung. Sehr gut ist der Franzose in der Improvisation. Das Beste draus machen wenn nichts mehr zu organisieren ist. Die eigenen Prioritäten nicht aus den Augen verlieren. Nur das Hotel für heute Abend in der Nähe des Départ ist gebucht. Mythique übrigens schon der Start laut Homepage. In der Nähe des Allianz Riviera Stadions außerhalb der Stadt. Und ein gemeinsames Essen ist angedacht. Am besten Pizzeria. Eine ordentliche Portion Nudeln. Gut für die Glykogenspeicher. Dabei mit wenig Ballaststoffen. Ein Glas Wein vielleicht. Der Tisch in der Pizzeria ist allerdings noch nicht reserviert. Vielleicht fällt das gemeinsame Essen auch aus. Weiß man nicht. Oder zum Chinesen. Da gibt’s ja auch Nudeln.

Am 30. Oktober war der Lauf Marseille-Cassis. Ein Halbmarathon, über dreihundert Meter Höhenunterschied. Auch mythique. Wenn man nach zwanzig Kilometern und dreihundert Höhenmetern ins Ziel wankt, verklärt sich die Leistung ins Mythische. Da sollte nur meine Frau laufen. Weil das Läuferumfeld meiner Frau zu langsam war bei der Anmeldung online. Zu langsam oder nicht punktgenau online. Die Anmeldung war, erschwerend, irgendwann im August um zehn Uhr vormittags. Die meisten Menschen, auch Läufer, müssen um zehn Uhr vormittags arbeiten. Auch im August. Ich hatte frei. Als Coach kümmere ich mich nicht nur um Zaubertrank, Trost und Zuspruch, sondern gelegentlich auch um die Anmeldung. Punkt zehn Uhr war die Seite online. Klick. Name, Vorname, Geburtsdatum. Klick. Adresse. Klick. Vereinszugehörigkeit. Klick. Adresse des Vereins. Klick. Kreditkarte. Klick. Bestätigungs-Code – veuillez patienter quelques instants – auf dem Handy. Kein Problem, darauf war ich vorbereitet, ein guter Coach hat sein Handy immer geladen und in Griffweite. Sechsstelliger Code. Klick. Fünf Minuten zweiunddreißig Sekunden chrono. Dann wollte ich noch Nadège anmelden, eine Triathletin aus dem Läuferumfeld, die im August auch arbeiten mußte. Klick. Complet. Nous en sommes désolés. Zu spät. Hatte den Vorteil, daß die Planung so um vieles einfacher war. Kein Franzose dabei. Nur eine Frankophile, meine Frau. Die erwägt auch gerne mehrere Optionen bis zuletzt. Ist aber normalerweise nur eine Option zur Zeit. Ein Franzose jongliert gerne mit drei oder vier Optionen, gerne auch diametral gegenläufig. Bei zwei Franzosen ist man schnell bei sechs bis acht angedachten Optionen. Die mathematische Formel ist ganz einfach. Zahl der beteiligten Franzosen in ungefähr dritter Potenz. Man kann diese Formel noch unter Berücksichtigung verschiedener äußerer Umstände – Wetter, Tageszeit, Ort, relationelle, kulinarische und finanzielle Aspekte – verfeinern, das Prinzip bleibt: exponentielle Steigerung.

Der mythische Lauf fiel schließlich auch für meine Frau aus. Wegen logistischer Bedenken. 15.000 angemeldete Läufer. Fünfzehntausend. Dazu Angehörige. Schaulustige. Sicherheits- und Hilfspersonal, Parkplatzanweiser. Und das in einem Dorf wie Cassis, ein Fischerstädtchen, kleiner als Saint-Tropez, mit winzigem Hafen. Statistisch mehr als zwei Läufer pro Einwohner. Programmiertes Chaos. Vermutlich war die Zufahrt zum Fischerhafen ab der zugehörigen Autobahnausfahrt 13 Kilometer weiter beschränkt. Außerdem hätte man die Startnummer am Vorabend in Marseille abholen müssen. Sogar für einen mythischen Lauf zuviel Aufwand.

Morgen Nizza-Cannes. Meine Frau läuft mit der Startnummer 7461. Der Coach bei Kilometer 20,9 und 31. Kilometer 31 ist auf der Höhe von Juan-les-Pins. Kurz nach dem Cap d’Antibes mit der höchsten Erhebung der Strecke, 34 Meter. Das Ziel auf dem Boulevard de la Croisette von Cannes vor dem Carlton. Vielleicht gehören solche Elemente zum Mythos des Laufs: Julia Roberts, Jodie Foster und George Clooney waren auch gerade in Cannes. Weniger zum Laufen vermutlich. Haben vielleicht eine Tasse Kaffee getrunken auf der Terrasse des Hotels.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Rheuma

Donnerstag, Oktober 2016

Rendezvous mit Cathérine M., Neurologin. Consultations externes im großen Krankenhaus von Toulon. Zweite Etage. Ein improvisiertes Büro im Flur der Kardiologie. Außen an der Tür ein Schild mit ihrem Namen. Immerhin. Das Büro ist eigentlich eine Abstellkammer. Zu zwei Dritteln vollgestellt mit allerlei kardiologischer Gerätschaft. Ein Schreibtisch mit Computer und Drucker macht ein Büro daraus. Ich fasse meine Krankengeschichte zusammen. Die Schmerzen im linken Arm vor vier Jahren, die Taubheit in Zeigefinger und Daumen, gehören für mich dazu. Das interessiert sie aber nicht wirklich. So wie mich in der Sprechstunde auch nicht jedes Zipperlein der Patienten interssiert. Ich erzähle vom Zittern neuerdings in der Hand bei bestimmten Bewegungen und der gefühlten Schwergängigkeit im Arm, der verlorenen Geschicklichkeit. Findet sie interessanter. Das Ruckartige beim Beugen und Strecken des Arms. Ist es das, was Zahnradphänomen heißt in der Fachliteratur und bei wikipedia? Sie bewegt den Arm, klopft Reflexe bis Babinski, ich hätte nie gedacht, daß mir das mal außerhalb der Praktika vor dreißig Jahren in echt passieren würde, lässt mich die wenigen freien Meter zur Tür gehen. Das geht noch, findet sie. Tippt Anamnese und Befunde in den Computer. Sie wäre nun nicht die Spezialistin für extrapyramidale Symptomatik, sagt Cathérine, das wäre mehr ihr Chef, der Doktor Frédéric M., der ein Cabinet in der Stadt hat. Ich solle ein IRM cérébral machen lassen, ein Kernspin des Gehirns, und mir beim Chef in der Stadt einen Termin holen. Auch sie selbst würde meinen Fall ihm gegenüber erwähnen, vielleicht sähe sie ihn noch heute. Als ob „mein Fall“ irgendwie besonders interessant wäre. Täte ihr im Übrigen leid, daß sie selbst mir nicht wirklich weiterhelfen könnte, der Doktor M. aber in der Stadt wäre der Spezialist für, sie spricht es am Ende doch aus, sie schien es vermeiden zu wollen und sprach bis dahin von extrapyramidaler Symptomatogie, Doktor M. in der Stadt wäre der Spezialist für Parkinson. Druckt ihren Befund zwei Mal aus, einmal für mich, den anderen gefaltet für ihre Kitteltasche und den Chef, vielleicht. Bon courage sagt sie am Ende.

Was weiß ich schon von Parkinson? Stichwort fallen mir ein: Schüttellähmung, Dopaminmangel, die Substantia nigra im Hirn, wo genau auch immer das sein mag, von der Funktion ganz zu schweigen. Vom Zahnradphänomen bei passiver Bewegung habe ich gehört und von der Trias Rigor, Tremor, Akinese. Vom Pillendreher-Phänomen. Eine chronische Erkrankung bunter Symptomatik von Verstopfung bis Depressionen, unaufhaltsam fortschreitenden Einschränkungen der motorischen Möglichkeiten. Zerfall. Am Ende kann man nicht mal mehr richtig schlucken. Ob das so stimmt?

Montag

Kernspin ist überraschend kurzfristig möglich. Ursprünglich Termin für Dienstag in einer Woche. Das hatte ich schon als kurzfristig empfunden. Eine halbe Stunde später ist nun wirklich sehr kurzfristig. Doktor Michel S. befundet. Alles soweit normal, schreibt er, Zeichen von démyélinisation irgendwo. Was auch immer das bedeuten mag. Der Spezialist demnächst wird das schon wissen. In der Mehrzahl der Fälle, meint Michel S., sollten die klinischen Zeichen die Diagnosestellung erlauben, der Kernspin hat in der Praxis wenig Bedeutung. Warum mache ich das überhaupt? Interessant höchstens zum Ausschluß anderer degenerativer Prozesse im Hirn. Andererseits stellt sich für Doktor S. die Frage nach kardiovaskulären Problemen. Jetzt noch einen Kardiologen fragen? Der findet dann bestimmt auch noch was. Klappenfehler, verkalkte Arterien. Wenn man Krankheiten sucht, findet man auch welche. Und setzt mich unter irgendein Antikoagulans, zumindest ASS 100.

Sonntag

Péridurale stechen geht noch ohne Einschränkung. Mit der linken Hand führe ich die Nadel, halte sie an einem der Flügel. Das geht ohne Zittern, so wie immer. Wird es irgendwann eine letzte Péridurale geben?

Dienstag

Grauer Niesel-Nachmittag. Touristen können sich vermutlich nicht vorstellen, wie trostlos grau die Côte d’Azur im Winter sein kann. Castrop-Rauxel oder Remchingen können trüber nicht sein. Rendezvous bei dem Neurologen um halb drei. Einer der typischen Altbauten der Innenstadt. Links neben dem Eingang eine ausgeuferte Sammlung von Schildern, Ärzte vorwiegend, eine Sprachschule.macia Innen windet sich eine ungepflegte Treppe um einen Zwei-Personen-Aufzug in die Höhe. Dritte Etage. Ein Schild an der Tür, keine Klingel. Dahinter ein Wartezimmer, hoher Raum, groß, drei Fenster gegenüber, rechts eine Tür, weit offen, die Toilette. Wie einladend. Links auch eine Tür, womöglich sitzt da die Sekretärin, mit der ich vor zwei Wochen telefoniert habe. Eichenbohlen-Imitat auf dem Boden. Acht unterschiedliche Stühle, in der Mitte ein flacher Tisch mit zwei Stapeln Zeitschriften. Kein Patient außer mir. Muß ich mich melden links hinter der Tür? Werde ich über Lautsprecher aufgerufen? Oder wird der Doktor mich selbst hereinbitten? Viele Praxen kommen hier ohne Hilfe aus. Der Doktor macht  alles alleine. Vermutlich kostengünstig. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich dabei um eine Maßnahme zur gierigen Gewinnmaximierung handelt oder um wirtschaftlichen Sachzwang. Auch meine Zahnärztin hatte nur ihre Mutter im Eingangsbereich sitzen. Bestimmt kostengünstig. Leider war die Mutter der Grund, den Zahnarzt zu wechseln. Ab und an ein freundliches Wort hätte sich positiv auf die Kundenbindung ausgewirkt.

Ich gebe dem Doktor fünf Minuten. Wenn bis dahin nichts passiert, klopfe ich. Zehn Minuten passiert nichts und ich muß klopfen. Das Zimmer des Doktors ist riesig. Regale, ein Schreibtisch, geschwungen im Viertelkreis, PC, Drucker, Papierstapel, dossiers. Der Doktor sitzt da mit einem älteren Paar. Ob ich Monsieur XY wäre. Nein, ich bin Monsieur Diehl und habe ein Rendezvous um halb drei. Das Rendezvous um halb drei wäre doch annuliert, sagt er, findet mich dann aber doch in seinem PC. Diäl Bertrand? Genau. Naja, fast. In fünf Minuten sei er für mich da. Das kenne ich, das mit den fünf Minuten. Soll einfach nur heißen bestimmt heute noch.

Er stellt mir die üblichen Fragen. Alle medizischen Fachrichtungen stellen ihren Patienten immer wieder die ihnen eigenen gleichen Fragen. Sind Sie nüchtern, haben Sie Ihre Zahnprothesen rausgenommen, das Zungenpiercing? Diese Fragen bekommt ein Patient wahrscheinlich zehn Mal zu hören, bevor er den OP erreicht und ich sie ihm auch noch mal stelle. Die Fragen der lokalen Koryphäe für die Krankheit sind die gleichen wie die der Ärztin im großen Krankenhaus. Fragen, die man sich auch von wikipedia herleiten könnte. Fragen, aus denen sich ausmalen läßt, was noch alles kommen wird. Alpträume, Verstopfung, Schluckstörungen. Mikrographie, Gangunsicherheit. Kleinkritzelschrift und Trippelschritt. Störungen des Geruchsinns. Nichts davon habe ich. Als ich neulich den toten Fuchs begrub, hatte ich den Gestank noch Tage später in der Nase. Er meint vielleicht weniger intensive olfaktorische Exposition. Den Geruch von Oregano sollen Patienten frühzeitig nicht mehr wahrnehmen. Oregano ist das Testaroma. Oregano auf der Pizza zum Beispiel. Diagnosestellung in der Pizzeria. Wenn man kann in der Pizzeria die Quadro formaggi geruchlich nicht mehr von der Diavolo unterscheiden kann, ist man klarer Kandidat für Parkinson. Hyposmie. Meine Frau sagt, sie wüßte auch nicht, wie Oregano auf der Pizza riecht. Die nächste Etappe ist Anosmie, man riecht gar nichts mehr. Weder Katzenpfurz noch Fuchskadaver. Eine kleine Hypomimie hätte ich. Tatsächlich? Ja, das sähe er sofort, geschultes Auge eben, sagt er und lächelt. Na, dann. Ist der Doktorin im Krankenhaus auch schon aufgefallen. Lächelnd. Der medizinische Spezialist gefällt sich mit seinem Auge für Details. Es folgen Übungen, an die ich mich aus dem Studium erinnere. Der Finger-Nase-Versuch. Prüft die Koordination. Finden meine Zeigefinger direkt zur Nase? Daß ich sowas wirklich mal selbst machen müßte! Reflexe und grobe Kraft läßt er aus. Er lässt mich ein paar Mal in seinem riesigen Sprechzimmer auf- und abgehen. Keine Störungen des Gangbildes wird er in seinem Bericht schreiben. Und keine Verminderung der Armschwingung. Schreibt er. Er hat mir nicht zugehört. Genau daran war mir aufgefallen, daß was nicht stimmt. Der Arm links, wenn ich nicht aufpasse, schwingt nicht und winkelt sich ein bißchen zu stark an. So wie in der klassischen Illustration von Sir Richard William Gowers von 1886, die man überall findet, wo es um Parkinson geht.800px-paralysis_agitans_1907_after_st-_leger Ich kann das offenbar ganz gut kompensieren. Wenn ich auf meinen Arm aufpasse, schwingt er schön und winkelt sich nicht so seniorenmäßig an. Mein Arm merkt, wenn er beobachtet wird. War dem geschulten Auge der Koryphäe entgangen. Wenn er mir wenigstens zugehört hätte! Dann prüft er meine Standfestigkeit. Steht hinter mir und schubst mich mal nach vorne, mal nach hinten. Prüft auf posturale Instabilität. Weil die kleinen Stellreflexe zur Haltungskorrektur irgendwann nicht mehr schnell genug funktionieren, fallen die Patienten leichter mal hintenüber, geraten ins Trippeln, stolpern über Teppichkanten. Brechen sich die Hüfte, das Handgelenk, die Nase. Von daher kenne ich solche Leute. Von der Narkose für gebrochene Hüften, Handgelenke, Nasen. Ich kann noch Schnürsenkel schnüren ohne umzufallen. Sogar Socken anziehen. Neulich bin ich mit dem Fahrrad an der Ampel umgefallen, weil ich den Fuß nicht schnell genug aus der Bindung befreien konnte. Muß nichts mit der Krankheit zu tun haben. Das passiert angeblich auch anderen Radlern.

Nachdem er das alles in seinen PC getippt hat, lehnt er sich in seinem Sessel zurück und fasst zusammen. Linksseitiges beginnendes Parkinson Syndrom. Wir brauchen noch ein Scinti Dopa, sagt er. Zur Bestätigung seiner Diagnose. Die sich ohnehin zwar fast ausschließlich klinisch stellt. Die Szinti Dopa lediglich für ein letztes Prozent Restwahrscheinlichkeit, daß es doch was anderes ist. Ein Morbus Wilson zum Beispiel. Was war nochmal ein Wilson? Kann ein paar Wochen dauern für einen Termin im großen Krankenhaus, weiß er aus Erfahrung, weil die das immer nur machen, wenn es mindestens drei Kandidaten gibt. Mit dem definitiven Befund würden wir weiterreden über Therapie und Prognose und so. Gerne aber würde er mich profitieren lassen, er sagt wirklich profitieren, an einer Studie seines Freundes an der Uniklinik von Marseille, dem Professor, ähm, Professor, ihm fällt der Name nicht ein, Alexandre heißt er mit Vornamen, er spricht ihn eben immer nur bei seinem Vornamen an, egal. Zuletzt haben sie sich auf einem Kongress in Berlin getroffen. An einer Studie zu einem neuroprotektiven Medikament soll ich teilnehmen. Neuroprotektiv. Das heißt, die Nerven in der Substantia nigra sollen geschützt werden. Die Krankheit wird angehalten, schreitet nicht weiter fort. Wunderbar. Ist aber nur eine Studie, doppelblind. Wie Alexandres zu testendes Medikament heißt, fällt ihm im Moment leider auch nicht ein. Wo also in der Studie ist der Zugewinn? Wo findet sich der Profit für mich? Und: wie es denn jetzt wohl weitergehen würde? Prognose, Verlauf, Therapie. Das sind die Fragen, die mich wirklich interessieren. Mehr als diese Studie oder das Restprozent. Der Spezialist winkt ab. Das sehen wir, wenn die Scinti Dopa fertig ist. Schade, unbefriedigend. Wahrscheinlich wartet der nächste Patient.

Freitag

„The average life expectancy following diagnosis is between 7 and 14 years“ weiß die englische wikipedia zu Parkinson. „Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Diagnosestellung im Durchschnittsalter zwischen 55 und 65 Jahren beträgt 13 bis 14 Jahre“ – andere Stelle auf die Frage bei google nach der Lebenserwartung. Schöne Aussichten. Ich sollte aufhören zu arbeiten und in Frührente gehen. Zeit für mich, für die Kinder, Zeit mit den Kindern, mit der Mutter der Kinder. Jeden Tag leben als wäre es der letzte. Gelegentlicher Narkosestrich, Vertretungen irgendwo. Bis vor kurzem war ich noch fast unsterblich. Das Ende zumindest nicht so nahe, nicht so greifbar. Zeit genug für Projekte. Und nun körperlicher Abbau wie in freiem Fall. Pflegebedürftigkeit in vielleicht zehn Jahren. Horrorvisionen. Ein paar Aspirationspneumonien. Ernährungssonde. Heimplatz, weil ich die Treppen zuhause schon lange nicht mehr schaffe. Vielleicht kann man im Château den Hausarbeitsraum im Erdgeschoß umbauen in eine Zelle mit Behindertenbadewanne anstelle von Waschmaschine und Kühlschrank. Oder das Château verkaufen. Gegenüber baut die Gemeinde demnächst eine Einrichtung für betreutes Wohnen.

Meine Frau sagt, das mit einer Lebenserwartung von 7 bis 14 Jahren oder so wäre ja wohl Quatsch. Statistik eben, sagt sie, weißt du doch. Da wären ja auch ganz Alte drin. Die ihren neunzigsten Geburtstag ohnehin nicht um mehr als fünf Jahre überleben würden. Und bringt als Gegenbeispiel prominente Patienten. Muhammad Ali zum Beispiel. Vierunddreißig Jahre mit der Krankheit. Oder Michael J. Fox. Ist genauso alt wie ich. Betroffen seit 1990, seit 26 Jahren. Lebt immer noch. In seinem Buch von 2003 – Lucky Man: A Memoir – geht er sogar soweit, die letzten zehn Jahre mit der Krankheit als die besten seines Lebens zu bewerten. Man muß sicher über eine ordentliche Portion Hollywood-Gene verfügen, um solche Statements zu verkünden.

Mittwoch

Vielleicht ist es doch kein Parkinson. Nur keine Panik. Erst, wenn man Symptomen Beachtung schenkt, wachsen sie sich aus zur Krankheit. Wenn man Symptome nicht weiter berücksichtigt, geben sie irgendwann wieder auf und verschwinden, wie sie gekommen sind. Wenn ich jedem Schmerz im Knie, in der Schulter, sonstwo, voreilig Krankheitswert zugestehen würde, hätte mich ein Rheuma zum Beispiel schon längst in ein krummes Häufchen Elend zusammengefaltet.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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