Frédéric

Frédéric ist der Neurologe. Der Neurologe. Die Parkinson-Koryphäe der Region. Er gilt zumindest als Parkinson-Koryphäe. Gibt halt keinen anderen Neurologen in der Nähe. Termin Dienstag abends um halb sieben. Stau auf der Autobahn, wahrscheinlich der Tunnel zu. Der Tunnel schließt gerne mal zur Rush hour. Ich nahm Schleichwege und schickte ihm eine kurze sms. Bouchons, retard de 5 minutes, désolé. Stau, 5 Minuten Verspätung, tut mir leid. Was man eben so kurz gefasst schreiben kann mit der anderen Hand am Lenkrad. Eigentlich unverantwortlich, Telefon am Steuer, ich weiß. Ich lasse nur sehr ungern jemanden warten. Schon gleich gar nicht die Koryphäe. Es waren tatsächlich kaum mehr als fünf Minuten, zählt in diesen Breiten eigentlich nicht  als ernsthafte Verspätung. 18:37 Uhr gilt noch als pünktlich. Im Wartezimmer noch ein älterer Herr, na ja, was heißt schon älter, ein bisschen grauer eben, die Alten denken ja immer, die anderen Alten seien noch älter als sie selbst. Der ältere Herr trug eine Halsmanschette. Ich weiß nicht, ob das wirklich so heißt, so ein Ding eben, was sie einem verpassen bei Schleudertrauma, nach Auffahrunfall meistens. Deren Nutzen ist, nebenbei bemerkt, stark umstritten, geradezu zweifelhaft. Die Manschette führt zu einer Schwächung der Halsmuskulatur, die ja gerade gebraucht würde zur Stabilisierung beim Schleudertrauma. Der ältere Herr – excusez-moi, vous avez rendez-vous pour quelle heure? – hatte einen Termin um 19 Uhr. Erstaunlich, fand ich noch, eine halbe Stunde vor der Zeit. Überpünktlich. Würde mir im Traum nicht einfallen. Der arme Kerl würde mich auch noch abwarten müssen mit meinem Termin vor seinem.

Viertel nach sieben endlich verabschiedete Frédéric den Vorpatienten und kam ins Wartezimmer. Es täte ihm leid, aber mein Rendezvous wäre doch gestern gewesen, könnte natürlich auch sein, dass sich sein Sekretariat getäuscht hätte, wie auch immer, er nähme mich danach noch, quand même, trotzdem, sagte er. Sagte er, lächelte sein Lächeln aus seinen ungepflegten Zähnen. Was heißt hier trotzdem, dachte ich mir. Trotz was? Trotz Insuffizienz seines Sekretariats? Will ich denn überhaupt noch genommen werden, danach? Ich wollte meinem Unmut in aller Klarheit Ausdruck verleihen, da hatte er mir jedoch schon den Rücken gekehrt und verschwand mit dem grauhaarigen Schleudertrauma.

Scheisse, dachte ich, und ärgerte mich über meine mangelnde Schlagfertigkeit. Wirklich schade, wollte ich gesagt haben, ich warte quand même, immerhin, schon eine geschlagene halbe Stunde, ich habe nicht so viel Zeit, dann mache ich eben einen neuen Termin. Scheisse, schrie ich im leeren Wartezimmer das klägliche Wartezimmergrün in der Ecke an, tigerte um den Plastiktisch mit abgegeriffenen Magazinen, – Géo, Le Figaro – und versuchte mich zu beruhigen. War ja eh zu spät, aufregen bringt nichts, Aufregung macht mir ein diskretes Zittern in den linken Arm. Trotzdem: Scheisse!

Ich hatte mich auf einen gemütlichen Fernsehabend mit den Kindern und ihrer Mutter gefreut. Abendessen devant la télé, vor der Glotze. Auch sehr umstritten, ich weiß, geradezu zweifelhaft. Beinahe unverantwortlich. Egal. Erziehung soll andererseits nicht immer nur unangenehm sein. Immerhin hatten sie sämtliche Hausaufgaben für die nächsten Tage erledigt. Sogar die Englischvokabeln. Wir wollten den dritten Teil von „Divergente“ gucken, so ein Science-fiction-Spektakel. Früh genug wollten wir uns vor der Glotze einfinden, weil am nächsten Tag ja Schule war. – Fangt schon mal an, das dauert hier noch. Frédéric nimmt sich eine gute halbe Stunde pro Patienten. Gut die Hälfte der Zeit geht allerdings in die Dokumentation. Alles muss aufgeschrieben werden. Mit zwei Fingern und ohne Sekretärin ist das mühselig. Das hier würde also noch mindestens eine Stunde dauern, vor halb neun käme ich nicht wieder raus.

Das Arzt-Patient-Verhältnis ist, glaube ich, in Frankreich bestimmt mehr als in Deutschland von Überheblichkeit, Herablassung und Missachtung geprägt. Der Patient wird im allgemeinen geduzt und als störend empfunden. Der Patient soll dankbar sein, überhaupt gehört zu werden. Zwei Stunden Wartezeit zur Einstimmung sind dabei durchaus angemessen. Frédéric duzt mich zwar nicht, immerhin bin ich Kollege, kann sich aber meinen Namen nicht merken und nennt mich in seinen Unterlagen hartnäckig Bertrand. Und das H im Familiennamen findet seinen Platz immer wieder woanders. Kann er nicht besser. Will er wahrscheinlich nicht. Egal eben irgendwie. Als Patient ist man eben oft egal irgendwie. Frédéric zeigt sich ausgesprochen unzufrieden angesichts der Tatsache, dass ich seinem ergänzenden Therapievorschlag nicht folgen wollte seit unserem letzten Rendezvous. Immerhin bin ich der Patient und er der Arzt. Der Patient hat den Anweisungen des Arztes Folge zu leisten. Zudem hatte er damals schon, nachdem er keine wirklich griffigen medizinischen Argumente präsentieren konnte, zu allerlei rhethorischen Tricks gegriffen. Ich solle mich doch nicht doppelt bestrafen. Erst die Krankheit und dann auch noch Therapieverweigerung. Blödsinn. Hat er mich jemals gefragt, wie ich mit der Krankheit lebe? Ob ich sie als Strafe empfinde? Unterstellt er einfach so. Woher hat er so einen Unsinn? Küchentischpsychologie. Nehme ich ihm immer noch übel. Seine strenge Unzufriedenheit beeindruckt mich nicht weiter. Er macht einen verzweifelten Gesichtsausdruck. Aber warum denn nicht noch ein Medikament, bon sang, meine Güte! – Ganz einfach, ich spüre keine ernsthafte Verschlechterung und somit keinen Grund, mehr Pillen zu essen.

Und, vor allem, habe ich kein Interesse, ohne Verschlechterung alle diese Nebenwirkungen seines neuen Medikaments in Kauf zu nehmen. Ein buntes Sammelsurium massiver Phänomene. Allergie, Übelkeit, Verstopfung, Durchfall, das Übliche eben. Dazu Gedächtnisstörungen, Herzschwäche, Gewichtszunahme, Wahnvorstellungen. So Sachen. Immerhin! Okay, wenn man Beipackzetteln und dem Internet wahllos Glauben schenkt, macht jedes Mediakment noch kränker. Weiß ich. wikipedia.de als halbwegs seriöse Quelle schreibt: „Aufgrund des Auftretens möglicher ‚Schlafattacken‘, ist das Führen eines Kfz … zu unterlassen“. Narkolepsie. Betrifft immerhin 14%. Dürfte ich dann noch ruhigen Gewissens meine Kinder von der Schule abholen? Überhaupt Auto fahren? „Häufig ist das Auftreten von Impulskontrollstörungen“. Kaufrausch, Spielsucht, Hypersexualität. Super. Darauf hatte Frédéric mich schon beim letzten Mal hingewiesen. Und seinen Hinweis Buchstaben für Buchstaben in seine Dokumentation getippt.

Das hat nichts mit Empathie für seine Patienten zu tun. Wahrscheinlich hat er Angst um sich selbst. Vermutlich gab es in irgendeiner Fachzeitschrift mal einen Fallbericht aus den USA. Jim H. Brown in Springfied, Ohio, hatte seiner Tochter ein Rennpferd gekauft, vier Cadillacs bestellt und Amazon halb leer gekauft. Sein Anwalt konnte dem Neurologen Schadensersatz in Höhe von 3,1 Millionen Dollar abpressen wegen lückenhafter Aufklärung. 3,1 Millionen! Soweit sind wir in Frankreich noch nicht, aber man sollte schon aufpassen. Und neulich auf dem Kongress in Toulouse die Anekdote von Gérard S., der sich eine ergiebige Tour durch sämtliche Sexshops des Départements gegönnt hatte, sich die Suite impériale buchte im 5-Sterne-Hotel und ein ganzes Rudel Damen bestellte. Dann, als es losgehen sollte, allerdings einem Herzinfarkt erlag. Hahaha. Die Angehörigen ahnten nichts von einem möglichen Zusammenhang mit der kürzlich angesetzten Therapie. Ouff. Aber Achtung, liebe Kollegen! Nicht alle Angehörigen sind so unbedarft. Klären Sie auf und dokumentieren Sie. Die Dokumentation ist das wichtigste.

Ich musste mir wieder einen langen Monolog über den Pathomechanismus meiner Krankheit anhören, es ist immer der gleiche Text, es geht um den Dopaminmangel, den fortschreitenden Dopaminmangel und verschiedene therapeutische Ansätze. Dieser Vortrag ist immer der gleiche, hat er sich wohl schon vor Jahren zugelegt, kriegt wahrscheinlich jeder zu hören, ob er will oder nicht, ob er wie ich davon auch schon mal im Studium geört hat oder nicht. Frédéric lässt sich nicht unterbrechen, fährt unbeirrt fort im Text, legt bei Zwischenfragen ein bisschen Lautstärke zu. Unbeirrbar. Ich bin der Doktor und du der Patient. Der Patient hört geduldig zu. Man kann nur abwarten, bis es vorbei ist.

Aus abrechnungstechnischen Gründen darf die körperliche Untersuchung natürlich nicht fehlen. Die wiederum hält Frédéric sehr knapp, striktes Minimum. Ich darf zwei Mal auf- und abgehen in seinem großzügigen Altbaubüro zur Beurteilung meines Gangbilds und ob der Arm noch mitschwingt. Sein Büro dient gleichzeitig als Lagerraum für allerlei ausgediente häusliche Utensilien, ein Bügelbrett zum Beispiel lehnt hinten links an der Wand und ein paar Kartons türmen sich – cuisine, salon, chambre, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Frédéric ist Scheidungs-Single, kein Wunder. Wir üben aktive und passive Bewegung. Zahnradphänomen links. Wussten wir schon, wird nicht besser mit der Zeit. Rotation im Unterarm wie zum Glühbirnenschrauben. Nicht so gut links. Nicht schlechter allerdings als vor bald zwei Jahren schon. Nicht viel schlechter zumindest. Nicht so, dass es mich stören würde. Wie häufig habe ich schon Glühbirnen zu wechseln? Mit links? Um seiner Untersuchung einen wissenschaftlichen Touch zu geben, spricht er von Scores. Die Motorik betreffend habe ich einen Score von zwei. Zwei von wieviel, fragte ich. Zwei von vier. Mediziner lieben Scores. Wir haben in der Anästhesie auch eine ganze Menge davon. Zu irgendwas müssen ja all die Professoren und ihre Doktoranden gut sein. Und? Was heißt das? Unverändert, musste er zugeben. Warum also noch ein Medikament, fragte ich. Ich würde mich melden, wenn mir danach wäre.

Schließlich, endlich im Aufbruch begriffen, wir hatten schon über das nächste Mal geredet, in sechs Monaten und ich würde dann einen Termin mit seinem Sekretariat finden, fing er doch wieder an. Wenn ich das Sifrol nicht nehmen wollte, könnte es ja auch ein anderer Wirkstoff sein. Welch erstaunliches Ansinnen! Geht es nur darum, mit einer Schachtel mehr nach Hause zu gehen? Ist es denn so egal, was ich da esse? Wollen wir es vielleicht mal mit Aspirin, Vitamin C oder Homöopathie versuchen?

Hilft bestimmt auch. Ganz bestimmt.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

 

Schweinehunde

Über den Winter hat sich ein ganzes Rudel innerer Schweinehunde gegen mein Fahrrad angesammelt. Der Wind an sich, der Wind aus der falschen Richtung, die Kälte, die Nässe, die Wolken, die Regenwahrscheinlichkeit. Dazu die üblichen Schweinehunde, die immer funktionieren. Der leere Kühlschrank, zu wenig Katzenfutter, der fast verstopfte Ablauf der Badewanne. Sowas. Wenn es ein Argument gegen ein, zwei Stunden Radfahren zu finden galt, fand sich auch eins.

Zur Not Stella.

2:16 Uhr das Telefon. Stella. Stella, la sage-femme, die Hebamme. Braucht eine Péridurale für eine Drittgebärende bei fünf Zentimetern. Stella bezeichnet sich selbst als chat noir, als jemanden, der Unglück irgendwie anzuziehen scheint. Wenn Stella im Kreisssaal ist, geht immer, na ja, oft was schief. Okay, keine beunruhigenden Einzelheiten an dieser Stelle. Auch im Kreisssaal kann eben immer wieder mal was schiefgehen. Organisatorisch, menschlich, medizinisch. Acht Minuten später schon, 2:24 Uhr, finde ich Stella in Saal 4. Der Muttermund mittlerweile vollständig eröffnet. Typisch Stella. Eigentlich zu spät für eine Péridurale. Wie lange es wohl noch dauern würde, bis das Kind da sei? Na ja, eine halbe Stunde bestimmt vielleicht schon noch. Bis die Péridurale fertig ist und zu wirken beginnt, dauert es etwa zwanzig Minuten.

Cap Garonne ist eine Wohnlage wie Cap Ferrat in Nizza, Pampelonne bei Saint-Tropez oder Cap Bénat bei Le Lavandou. Das Meer in Sichtweite, Aussicht bis Korsika, wohnen Leute – oder kommen übers Wochenende – in Anwesen deutlich jenseits der Millionengrenze. Beilagen von Hochglanzmagazinen bieten sowas an. Drei Millionen aufwärts. Videoüberwachung, Pförtner, Zugangskontrolle. Riesige Terrassen, Pools, deren blauer Horizont mit dem Himmel verschmilzt. Im Fuhrpark elitäre Roadster ohne Dach und riesige Allradschiffe, viel zu groß für die schmalen Straßen. Am einem Donnerstagmorgen nach Stella mitten in der Nacht sind hier nur weiße Kastenwagen unterwegs, Klempner, Glaser, Schlüsseldienste. Auch in der Hochglanzimmobilie geht mal eine Scheibe kaputt, ist mal ein Klo verstopft, hat der Nachwuchs den Code der Alarmanlage verstellt. Sans faire exprès natürlich. Warum sollte hier irgendetwas anders sein als bei normalen Leuten?

Ob sie wirklich all die Risiken in Kauf nehmen möchte? Für zehn Minuten weniger Schmerz vielleicht? – Welche Risiken? – Na ja, auch eine Péridurale kann tödliche Komplikationen mit sich bringen. Für Sie oder ihr Baby. So ist das eben in der Medizin. Oder Sie in den Rollstuhl bringen. Das war ein bisschen unfair, ich weiß. Das Gleiche sage ich den werdenden Müttern in der normalen Sprechstunde zwar auch, gehört zur Risikoaufklärung, aber relativiere diese Risiken im gleichen Atemzug als heutzutage eher theoretisch.

Vor ein paar Jahren, ich kann mich noch präzise an den Abschnitt erinnern, wurde ich von der französischen Triathlon-Vizemeisterin überholt. In einer Steigung. Morgens um zehn nach acht. Sie hatte ihr Töchterchen dabei, blond gelockt und in Rosa. Im Anhänger. Wahrscheinlich auf dem Weg in die École maternelle. Beide lächelten und nickten mir aufmunternd zu. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance, auch nur dran zu bleiben. Später fragte ich mich, ob das Fahrrad der französischen Triathlon-Vizemeisterin nicht doch mit Batterie und Motor getunt war.

Die Drittgebärende will es nachts um halb drei unter der Vorstellung nicht unerheblicher Risiken doch lieber mit angepasster Atemtechnik zu Ende bringen. Muss sich eben Stella mehr bemühen. Und kann nicht mehr als Schweinehund herhalten.

Auf meiner Strecke über Cap Garonne, gemäßigt bergauf und bergab, gesperrt außer für Anlieger und Radfahrer, zwischen Pinien, Felsen, Mandelbäumen, Oliven und Feigen, gelegentlich eilige Kastenwagen von vorne oder hinten, gibt es, abseits der abgeriegelten Wohnbezirke, zwischen verwilderten Weinstöcken und eingefallenen Gewächshäusern, noch ursprüngliche Häuschen in Bruchstein. Manche mit erheblichem Renovierungsbedarf. Aber mit vue mer. Später, wenn ich mal älter bin, wenn die Kinder mal nicht mehr zuhause wohnen und nur alle halbe Jahre für ein Wochenende zu Besuch kommen, reicht mir auch sowas. Von meiner Terrasse aus kann man das Meer hören, sehen und riechen. Am Horizont die Fähren nach Korsika, Sardinien und Rom, manchmal die Charles-de-Gaulle. Im Kühlschrank immer ein Vorrat von ein paar Flaschen Rosé. Für die Enkel ein Matratzenlager unter dem Dach, zur Abkühlung reicht der Brunnen im Garten.

Für mich ein Fahrrad mit Elektrounterstützung.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Marie

La connerie et la paresse, Dummheit und Faulheit. Ist in der Sprechstunde eine relativ häufige Antwort, vielleicht zehn Prozent, gepflegter männlicher Ruheständler mit überregionaler Tageszeitung unter dem Arm. Ist die Antwort auf die Frage „présentez-vous des allergies“, haben Sie Allergien? Lächeln ein verschmitztes Lächeln dazu, ergänzen gerne, nein, im Ernst, ich bin nicht einmal auf Iod allergisch. Die Iod-Allergie hingegen ist eine beliebte Allergie junger Erzieherinnen. Ich frage mich immer, zu welcher Gelegenheit junge Erzieherinnen mit Iod in Berührung kommen. Vertragen, auf Nachfrage, keine Austern. Nicht weiter schlimm, im OP gibt’s keine Meeresfrüchte. Auf Bétadine, dem gängigen Haut-Desinfektionsmittel, ist selten mal jemand allergisch. Austern und Bétadine werden fälschlicherweise oft gleichgesetzt, was das Iod betrifft. Diesbezügliche Diskussionen mit jungen Erzieherinnen vermeide ich gerne, notiere auf dem Narkosebogen: Pas de Bétadine, svp, bitte kein Bétadine.

Die Fagen sind immer die gleichen. Sind Sie schon mal operiert worden? Wenn ja, ist alles gut gegangen? Wieviel rauchen Sie, arbeiten Sie, treiben Sie Sport? Wer Sport treibt, hält auch eine Narkose aus.

Les restanques, ça compte comme sport? – Gelten die Weinberge als Sport?

Marie, bon sang, meine Güte! – Mama erhebt Einspruch. Ich verstehe nicht sofort, was Marie meint. Mir ist auch nicht klar, warum Mama ihre Tochter zurechtweist.

Pardon?

Non, c’est bon, laissez tomber. Je ne fais pas de sport. – Schon gut, kein Sport. Restanques.

Marie ist fast sechzehn und hat nächsten Donnerstag eine Abtreibung. Unter Vollnarkose. Deswegen sitzt sie in meiner Sprechstunde. Vermutlich haben die Weinberge was mit ihrer Schwangerschaft zu tun. So genau will ich es gar nicht wissen.

Ich habe zehn Minuten pro Patient. Bei Menschen ohne Vorerkrankungen, denen die Weisheitszähne entfernt werden sollen oder ein Leistenbruch zu reparieren ist, reichen die zehn Minuten problemlos. Formsache. Sie sind volljährig und haben weder Eltern noch besorgte Gatten dabei, wollen den Auftritt beim Anästhesisten so schnell wie möglich hinter sich bringen. Bloß keine Fragen, bloß keine langen Erklärungen zu Durchführung, Risiken und Nebenwirkungen der Narkose. Eltern wollen alles ganz genau wissen, logisch, besorgte Angehörige stellen gelegentlich überraschende Fragen: Sagen Sie, docteur, was soll eigentlich operiert werden?

Nehmen Sie regelmäßig Medikamente? Wenn jemand Medikamente nimmt, kann ich daraus Rückschlüsse auf die Krankheiten ziehen. Ältere Herrschaften wissen ihrerseits oft nicht, wofür sie ihre ganzen Medikamente einnehmen. Meist ist es was für den Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, verengte Herzkranzgefäße, das Cholesterin. Manche Hausärzte, so scheint es, gewinnen mit der Menge verschriebener Medikamente an Ansehen bei ihren Patienten. Für jedes Wehwehchen ein Schächtelchen. Für den querliegenden Furz, für die kleine Schlafstörung, das gelegentliche Sodbrennen. Warum nicht auch was für die Nerven und Sie scheinen mir auch ein bisschen depressiv die letzte Zeit. Ach, die Katze ist gestorben! Ich schreibe Ihnen was auf. Zack, Schächtelchen. Das wird schon wieder. Und das Gedächtnis ist auch nicht mehr so gut? Neulich mussten Sie niesen? Bestimmt eine Allergie. Schmerzen in den großen Zehen. Bestimmt die Gicht. Am Ende dürfen sie eine volle Ikea-Tüte aus der Pharmacie schleppen. Eine Art Krankheitsgewinn.

Ouvrez grand la bouche et faites aah, s’il vous plaît, öffnen Sie den Mund soweit wie möglich und sagen Sie Aah, bitte! Gehört zur Untersuchung wie Blutdruckmessung und Auskultation von Herz und Lunge. Dient der Beurteilung von eventuellen Schwierigkeiten bei der Intubation. Will aber auch kaum ein Patient wissen. Sie machen den Mund weit auf und sagen Aah.

Marie kichert kurz, nimmt den Kaugummi aus dem Mund, gehorcht. Und läuft knallrot an. Mama, die den Mund solidarisch auch ein bisschen geöffnet hat, prustet los.

Quoi, was?

Mama kann sich nur schwer beruhigen. Muss auch was mit den Weinbergen zu tun haben.

Mütter können sowas von peinlich sein.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Trou du cul

Sonntag, 18:46 Uhr. Im Auto mit Frau und Tochter. Der Sohn erwartet uns mit den Freunden am Kino. Super Timing. Ganz selten schaffen wir es, so punktgenau im Auto zu sitzen. Immer hat jemand was in letzter Minute vergessen. Handy, Portemonnaie, Regenschirm. Wir haben Karten für „Les Heures Sombres“ um 19:15 Uhr. Pathé Liberté. Das Kino im Stadtzentrum. Tendenziell anspruchsvollere Filme und Direktübertragungen aus der Hauptstadt oder der Oper in New York zeigen sie nur im Stadtzentrum. Im Schwester-Kino der neuen Billig-Mall Richtung Nizza liegt der Schwerpunkt mehr auf Blockbustern. „Star Wars“, „Jumanji“ und französischer Humor. In Imax oder 4D. Der Churchill-Film gilt wohl als anspruchsvoller. Nur im Stadtzentrum. Ins Zentrum gelangt man am schnellsten über die Autobahn. Wenn der Autobahntunnel unter der Stadt nicht zu ist. Wenn der Tunnel zu ist, muss man die Schleichwege kennen oder gottergeben auf ein Wunder hoffen. Gottergeben ist meistens besser, weil alle Einheimischen die Schleichwege kennen.

Jetzt müsstest du schon fahren wie ein Arschloch, wenn wir das Kino noch schaffen wollen, sagt meine Frau.

Sie hat recht. Tunnel fermé. Accident. Steht da. Der Tunnel ist zu. Wegen Unfall. Rote Pfeile auf den Leuchttafeln über den drei Spuren weisen blinkend nach rechts, auf die Ausfahrt direkt vor dem Tunnel. Viele Verkehrsteilnehmer folgen frühzeitig dieser Aufforderung. Eigentlich ganz verwunderlich angesichts der im allgemeinen eher mediterranen Interpretation der Straßenverkehrsordnung. Die linke Spur ist relativ frei. Ich weiß, was meine Frau meint. Auf dem Weg zur Oper ist unser Timing manchmal primär nicht gut. Handy, Kreditkarte, Tickets. Unter verhaltenem Protest meiner Frau sehe ich mich gelegentlich genötigt, mein Potential zu mediterraner Ausreizung der Verkehrsregeln unter Beweis zu stellen. Der Protest meiner Frau auf dem Weg zur Oper, wie gesagt, eher verhalten. Zweckdienlich verhalten. Meine Frau würde mich nur ungern offen zum Regelbruch auffordern. Ich weiß auch so, was meine Frau meint. Meine Tochter auch. Meine Tochter ist wohlerzogen. Der offene Regelbruch entspricht nicht ihrem Naturell. Sie hätte sowieso lieber „Belle & Sebastian 3“ geguckt.

Tu ne vas pas faire ça! Das machst du nicht! Tu ne vas pas encore conduire comme un thug! Nicht schon wieder!

Wieso eigentlich „schon wieder“? Wann schon übertrete ich mal Verkehrsregeln?  Rot ist rot. Aus Prinzip. Mit Kindern im Auto erst recht. Und Tempo fünfzig ist Tempo fünfzig. Plus zehn Prozent vielleicht. Höchstens. Habe ich andererseits denn aktuell eine Wahl? In meinem Telefon ist der QR-Code für alle unsere Kinoplätze gespeichert. Acht Plätze. Mein Sohn wartet, die Freunde warten. Mein Sohn wollte diesen Film unbedingt sehen, weil er diese Woche eine Klassenarbeit zum zweiten Weltkrieg hat. Seine Initiative. Muss man fördern sowas. Tunnel auf oder zu, Pfeile nach rechts hin oder her, ich habe keine Wahl. Die linke Spur ist geradezu frei. Vollzogene Integration manifestiert sich auf der linken Spur.

Papa!

Herr Diehl!

Meine Frau hat auch keine Wahl. Sie muss offiziell Protest einlegen. Das ist sie ihren teutonischen Genen schuldig. Und ihrer Rolle als Erziehungsberechtigter.

Was? Wollen wir nun rechtzeitig ins Kino kommen oder nicht?

Natürlich wollen wir rechtzeitig ins Kino kommen. Ist ohnehin nicht mehr weit bis zur Ausfahrt, ein knapper Kilometer vielleicht noch. Die Ausfahrt ist das Nadelöhr. Gleich nach dem Nadelöhr gibt es drei neue Spuren.

Blaulicht im Rückspiegel, Notarzt, Feuerwehr. Vorneweg bahnt ein Kleinwagen bayerischer Produktion mit Lichthupe den Weg, um kurz vor der Sperrung rechts einzuscheren. Das ist fortgeschrittene Integration. Soweit bin ich noch nicht. Passt auch nicht zur Familienkutsche. Hinter dem Blaulicht ist die Bahn auch frei. Das wiederum kann ich.

Papa!

Herr Diehl!

Was? Wollen wir nun rechtzeitig ins Kino kommen oder nicht?

19:02 Uhr in der Eingangshalle des Kinos. Als wäre nichts gewesen.

Exceptionnellement. Ausnahmsweise. Aber nächstes Mal die Ausweise nicht vergessen! Dem Kartenprüfer am Zugang zu den Sälen war schon aus der Entfernung anzusehen, dass er Ärger machen würde. Diese Gesichtshaartracht ist ein Warnzeichen. „Gewerkschafterbart“ heißt das bei wikipedia. Normalement, eigentlich, dürften die Kinder ohne entsprechende Ausweise nicht ins Kino. Ich kann ja auch nichts dafür, Anweisung der Direktion. Die Kinder sollen per Ausweis belegen, dass sie zurecht vom jeweils ermäßigten Tarif profitieren. Ehrlich? Sieht man das nicht? Sehen mein Sohn und sein Freund nicht aus wie collégiens? Meine 12jährige Tochter und ihre Freundin nicht wie unter vierzehn?

Beinahe wäre trotz langwieriger Verhandlungen mein selbstloser Einsatz auf der Straße hinfällig gewesen.

Die Mutter des Freunds und der Freundin, Violonistin an der Oper, ist außer sich. So kenne ich sie gar nicht. Demnächst kriegen die Kinder nicht mal mehr eine Cola ohne Ausweis! Wünscht dem Kartenleser auf dem Weg nach Saal 6 alles nur erdenkliche Unheil an den Hals. Wer schon mit solchen Haaren im Gesicht rumläuft! Dabei hatte der nun ja auch keine Wahl. Anweisung der Direktion. Wozu wären sonst Vorschriften da? Trotzdem, natürlich hat sie recht. Pinailleur, petit con prétentieux, trou du cul. Erbsenzähler, Klugscheißer, Arschloch.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

 

Yühtüb

Deutschlandreise. Nicht mehr lange bis zur Wahl. Plakate allenthalben. Angela natürlich und Martin. Der sollte sich mal rasieren, sagen die Kinder. Die lokalen Repräsentanten dazu. Manche Porträts auf den Plakaten in schwarz-weiß. Auch unrasiert. Dazu gelb auf rosa: FDP. Finden die Kinder zum Brüllen komisch. Den soll man wählen? FDP? Papa versteht mal wieder nichts. Erklärt, die FDP sei eben auch so eine Partei, die man in Deutschland wählen könnte. Wofür die Buchstaben stehen, interssiert die Kinder schon gar nicht mehr. Ja, ja, schon gut, aber doch nicht FDP! Weißt du nicht, was das heißt? Papa weiß es nicht. Wahrscheinlich eines dieser Kürzel, die die Kinder so gerne verwenden, lol und mdr kenne ich. FDP, klären mich die Kinder auf, steht für fils de pute. Stimmt, in Frankreich ginge das gar nicht.

Rosa rosa rosam

Auf dem Weg zur Schule. Latein. Meine Tochter hat jetzt auch Latein. Ein Test. Sie übt noch mal schnell die A-Deklination. Rosa rosa rosam. An diese Reihenfolge konnte ich mich beim ersten Sohn nur schwer gewöhnen. Eigentlich rosa rosae rosae. Franzosen machen gerne alles anders als alle anderen. Sogar Latein. Andere Reihenfolge der Fälle als die Deutschen. Immerhin bleibt der Nominativ an erster Stelle. Danach Kraut und Rüben. Als zweites der Vokativ. Statt des Genetivs. Der Genetiv wird stiefkindlich behandelt, findet sich erst an vierter Stelle. Liegt vielleicht daran, dass sie in ihrer Muttersprache schon ohne Genetiv auskommen müssen, statt von Papas Hammer von le marteau de papa, dem Hammer von Papa, reden müssen. Ist für mein Sprachgefühl fast so elegant wie dem Papa sein Hammer. Vermutlich eine Frage der Gewöhnung. Andere romanische Sprachen müssen auch ohne Genitiv auskommen.

Rosae rosae rosa

Meine Tochter mag Latein gar nicht, nimmt da kein Blatt vor den Mund. La pure merde sagt sie. Weil das nichts bringt. Was soll eine tote Sprache schon bringen? Auch wenn die Brüder schon Latein machen mussten. Der Eltern wegen. Weil das sehr wohl was bringt. Für das Sprachverständnis, den Spracherwerb, den Wortschatz. Die Allgemeinbildung. Hat’s uns etwa geschadet? Sagen die Eltern.

Rosae rosae rosas rosarum rosis rosis

Die Brüder konnten in der Tat auch wenig Begeisterung aufbringen für Latein. Hielten sich aber zurück mit so krassem Kommentar. Die Lehrer geben sich andererseits große Mühe, ihrem unbeliebten Fach interessante Aspekte zu verleihen. Klassenreisen zum Beispiel nach Rom, Neapel, Pompeji. Auch die Reise des Sohns nach Griechenland – Athen, Delphi, Olympia – im nächsten Frühjahr findet im Rahmen des Lateinunterrichts statt. Zehn Tage im Bus. Immerhin. Ein Sohn durfte über Jahre Filme gucken, die im weitesten Sinne was mit der Sprache zu tun hatten. Klassiker wie Ben Hur. Wahrscheinlich auch die Aufnahme mit Jacques Brel. Der Vollständigkeit halber. Aber das ist schon fast so schlimm wie Oper. Ich glaube nicht, dass er über rosa rosa rosam hinausgehende Sprachkenntnisse erwerben konnte. Egal.

Hast du gehört, was der gesagt hat?

Er hat was gesagt, richtig. Ich habe nicht zugehört. Nein, was denn?

Der hat twenty one pilot gesagt.

Ja, und?

Morgens auf dem Weg zur Schule. Wir hören mistral fm, Lokalsender von Toulon. Von sechs bis neun wird „La Matinale“ moderiert von zwei Sprechern, weiblich und männlich, ich nenne sie mal Manon und Livio. Wahrscheinlich haben sie auch wirkliche Namen, wahrscheinlich stellen sie sich auch irgendwann vor, um sechs Uhr morgens vermutlich. Vor dem Kaffee kann ich aber noch kein Radio mit imperativ guter Laune aushalten. Ich höre mistral fm ohnehin nur mit den Kindern im Auto und nur, wenn sie darauf bestehen. Wenn ich mit den Kindern morgens mistral fm höre, ist Manon zuständig für den Verkehrsüberblick – Stau überall, intensiver Pendlerverkehr in die Großstadt eben, immer das Gleiche – und das Horoskop, auch immer das Gleiche irgendwie. Livio erzählt Neues aus der Welt der Piepöhl – er meint people, also VIPs, Hollywoodgrößen und einheimische Prominenz – sowie lustige Anekdoten, die er vermutlich bei yahoo oder facebook aufgeschnappt hat. Manon lacht dazu gerne ein rauchiges Lachen, kommentiert wahnsinnig amüsant und unglaublich inspiriert. Manon sollte einfach beim Lachen bleiben. Noch besser wäre, wenn Livio einfach die Klappe halten könnte.

Der hat pilot [pi:lot] gesagt. Mit I!

Mein Sohn gibt sich empört, ich verstehe nicht, warum. Na, und?

Twenty One Pilots ist eine englische Gruppe. Man sagt [ˈpaɪləts].

Nous sommes en France, fiston. Franzosen dürfen das doch.

Wieder im Auto. Mit der Tochter. Auf der vierspurigen Ausfallstraße – Avenue de la Paix – westwärts Richtung Carrefour, Ikea und Décathlon ist die Geschwindigkeit auf fünfzig Stundenkilometer begrenzt. Solarbetriebene Messgeräte zeigen die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit an. Grünes Smiley und „Merci“ oder rot und die Drohung mit Punktverlust. Wer ohne Punktverlust fahren will, nimmt jede Ampel mit. Sechs Mal rot auf einem knappen Kilometer. Das nervt. Nur Fahrschulen fahren hier fünfzig. Manchmal reicht’s trotzdem nicht. Der eilige Handwerker im weißen Kastenwagen muss bei Rot über die Ampel. Egal. Fällt aber auch meiner Tochter auf.

T’as vu ce thug?

Meine Tochter sagt „tög“. Klingt wie „bög“. Die Einheimischen kennen den „bög“ seit dem Ende des letzten Jahrtausends. Den millenium bug haben die Franzosen von den Amis übernommen. Nicht nur sprachlich. Immer, wenn was nicht nicht funktioniert, ist es ein bög. Geht auch als Verb. Ça a bugué (oder beugué), da ist was schief gegangen. Den thug kannte ich nicht.

Was ist ein tög?

Un voyou, ein Gauner. Meine Tochter antwortet prinzipiell auf Französisch.

Und woher kennst du das?

De quelqu’un chez youtube, von jemandem bei Youtube. Wahrscheinlich von einem französischen youtuber mit Millionen von Abonnenten. Squeezie, Norman oder Cyprien. Meine Tochter sagt Yühtüb. Geht natürlich gar nicht. Nicht mal nach den gängigen französischen Regel zur Aussprache geht das, ou ist u.

Youtube ist englisch, kläre ich die Tochter auf, man sagt [ˈjuːˌtjuːb].

Tu peux le dire comme tu veux. Moi, je suis française. Et en France on dit Yühtüb.

Voilà. Ende der Diskussion.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Alles so wie immer

Ich hatte geahnt, das es soweit kommen würde. Prokrastination bringt gar nichts. Predige ich meinen Kindern regelmäßig. Macht eure Hausaufgaben, lest eure Bücher rechtzeitig, denkt an eure Sportsachen. Ce qui est fait, n’est plus à faire. Getan ist getan. Ganz selten hören sie auf mich.

Zum Wochenende Ende November die Mail von der Redakteurin. Hast du Stoff für uns? Mit diskreter Andeutung von Zeitdruck. Und lieben Grüßen aus dem Vorweihnachtschaos. Kalter Schweiss. Normalerweise passiert mir das nicht. Normalerweise warte die Mail gar nicht erst ab oder habe schon was auf Lager. Meist irgendwas aus dem Blog, ein bisschen überarbeitet, ein bisschen gekürzt, nicht mehr als viertausend Zeichen. Ich hasse Zeitdruck. Macht eure Aufgaben, wenn ihr Zeit habt. Ce qui est fait, n’est plus à faire höre ich mich noch selbst. Dazu nichts als faule Ausreden. Wie die Kinder. Buch vergessen, Füller gestohlen, vom Schwimmen so müde. Auto in der Werkstatt, Spülmaschine kaputt, Ärger mit Kollegen, solcher Unsinn. Als ob mir das Auto in der Werkstatt jedes denkbare Zeitfenster rauben könnte. Klassische Prokrastination. Absehbar somit und doch ganz plötzlich die Mail von der Redakteurin und nichts parat. Ich brauche dringend einen Text für meine Kolumne weiter hinten in der RivieraZeit, zweispaltig auf einer Art Natogrün. Am besten was passend zum Jahresende. Was Nettes zum Schmunzeln, ein Text, der mit Bonne Année enden kann oder Meilleurs voeux. Was mit Bezug zur Côte d’Azur, zum Leben hier als deutscher Ausländer. Zum Leben der Zielgruppe. Was mit Familie vielleicht. Familie passt gut zum Jahreswechsel. Familie passt auch zur Zielgruppe. Die Zielgruppe muss oft Weihnachten und Sylvester mit Kind und Kegel und Hund nach Karlsruhe und Oer-Erkenschwick reisen, weil die Großeltern lieber zuhause feiern. Wisst ihr, wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Oder Familie aus München und Potsdam fällt im Süden ein. Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr’s hier habt.

Mein Schwiegervater gehört zu letzterer Kategorie. Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr’s hier habt. Er wird Neujahr im Süden verbringen. Obwohl er ja auch nicht mehr der Jüngste ist. Mit easyjet nach Nizza fliegen. Dort einen Leihwagen nehmen. Ein paar Tage blauer Himmel und mediterrane Kulinarik. Und Familie. Fast alle Enkel sind zuhause. Freut mich sehr, weil er schon länger nicht mehr zu Besuch gekommen ist. Früher kam er gerne mit dem Auto. Gerne auch alleine. Mit dem Auto, weil da mehr reingeht als in ein, zwei Koffer. Und weil man dann unabhängiger ist, sagte er. Man kann fahren, wann man will. Wenn man morgens um halb vier aufwacht und fahren will, fährt man eben um halb vier Uhr morgens. Nichts konnte ihn aufhalten. Senioren neigen zu Imperativen dieser Art. Mit dem Flieger müsste man zudem noch einen Leihwagen nehmen in Nizza oder Marseille und das wäre alles zu lästig. Oder, noch schlimmer, man müsste sich abholen lassen. Senioren wollen vor allem niemandem zur Last fallen. Wenn er dann schon mal mit dem Auto kam, immerhin gut 1.600 Kilometer in vierzehn Stunden, blieb er gerne auch ein bisschen länger. Zwei, drei Wochen. Ich kann mich dann ja auch um die Küche kümmern, sagte er. Er kümmert sich gerne um die Küche, einschließlich marché, poissonnerie, fromagerie. Haben wir alles im Dorf. Südfrankreich eben. Früher, wenn er sich nicht um die Küche kümmerte, arbeitete er im Garten. Mein Schwiegervater ist Bildhauer. Der bedeutendste lebende Bildhauer Schleswig-Holsteins übrigens. Findet er nett, wenn man das sagt. Er ist bedeutendste lebende Bildhauer Schleswig-Holsteins. Bei uns im Garten entstanden unter Kettensäge, Stecheisen und Winkelschleifer zahlreiche Skulpturen in Zeder, Zypresse, Akazie und Pinie. Über Wochen profitierte das ganze Viertel vom würzigen Aroma mediterraner Hölzer. Um den Staub kümmerte sich die Putzfrau.

Manchmal kam auch die Schwiegermutter, vor allem als die Kinder noch kleiner waren. Gerne auch sie alleine und lieber im Sommer. Was uns auch entgegenkam, irgendwie. Ersparte uns Aupair-Mädchen und andere abgründige Betreuungsmaßnahmen. Ich schicke euch dann mal Mutter, sagte der Schwiegervater dazu. Drei, vier Wochen. Damit sich’s auch lohnt. Sie kann euch ja dann auch in der Küche helfen. Die Schwiegermutter nahm gerne den Flieger, wir holten sie in Marseille oder Nizza ab. Kleines Gepäck. Wenn ich was vergesse, kann ich mir das ja bei Intermarché oder Carrefour holen, sagte sie. Sie half auch gerne in der Küche. Nudeln mit Tomatensoße, Pfannkuchen mit Nutella, Fischstäbchen mit Kartoffelpüree. Dazu Bespaßung. Marineland, Aqualand, MacDonald’s.

Der Schwiegervater bringt ein Paar kunstinteressierter Freunde mit. Er wird ihnen die Sehenswürdigkeiten der Umgebung zeigen, wahrscheinlich das eine oder andere Museum. Sie werden zweifelsohne auf Hafenpromenaden zu Mittag essen und exzessive Einkäufe tätigen auf dem Markt, bei der Fischfrau und dem Käsespezialisten. Südfrankreich eben. Blauer Himmel im tiefsten Winter. Das Regengrau zuhause nur in der Wetter-App. Kinder, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr’s hier habt. Wenn ich von der Arbeit zurückkomme, werden sie sich um die abendliche Kulinarik gekümmert haben. Punktgenau um sieben à table. Keine mediterranen Anwandlungen bitte, preussische Gene lassen da keinen Verhandlungsspielraum zu. Imperativ. Meines Schwiegervaters Fischsuppe mit handverlesenen Zutaten ist ganz exquisit. Zum Jahreswechsel wird es Austern geben und andere fruits de mer. Meine Tochter wird sich diesbezüglich unzufrieden zeigen. Zu ihrem Geburtstag hätte sie sich Raclette gewünscht oder Käsefondue. Egal, die Tochter findet immer was zu kritisieren.

Vor dem Countdown auf 2017 zwei, drei Mal Dinner for One auf verschiedenen Sendern. Ein Muss. Same procedure as every year.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

 

Sixpack

Früher Freitag Abend. Vor der Tür drei Männer in Arbeitskleidung. In authentischer Ausstattung leicht erkenntlich als les éboueurs, die Müllmänner. Zum Jahresende warnt die Gemeinde gelegentlich vor falschen Kalenderboten. Diese sind mit Sicherheit echt. Sie sind zu dritt. Betrüger kommen angeblich meistens alleine. Und sind auch nicht so authentisch ausgestattet mit Reflektorstreifen an Beinen und Armen. Die Herren erinnern sich außerdem an die ausschweifenden Sommerfeste meines Sohns bis in die frühen Morgenstunden. Einer trägt einen Packen Kalender unter dem Arm. Die Kalender, jetzt schon? Mitte November? Trifft mich unvorbereitet. Normalerweise habe ich kleine Umschläge. Kärtchen mit netten Worten. Dank für die Mühen das ganze Jahr über, herzliche Wünschen zu Jahresendfeierlichkeiten und dem Neuen Jahr. Dazu Schecks. Ja, dieses Jahr ein bisschen früher, die Kollegen von der Post hätten ja auch schon die Runde gemacht.

2003. Früher Nach­mittag im Spätsommer. Mis­tral. Das ist Wind aus dem Westen. Richtiger Wind. Sieste auf dem Sofa im Salon. Stimmen auf der Ter­rasse wecken mich. Ich ver­stehe kein Wort. Die Ton­lage etwas auf­ge­regt. Der Sohn, damals sieben, und sein Kumpel aus der Nach­bar­schaft. Sie tuscheln, werden lauter. Auf­ge­regt, einer fällt dem anderen ins Wort. Kommt vor. Jungs in diesem Alter haben immer wieder irgend­welche Dis­kus­sionen. Um Holz­schwerter, Bälle, Spiel­re­geln. Murmeln gehen verloren und der andere hat Schuld. Vermutlich kein Hand­lungs­be­darf mei­ner­seits. Eltern sollen sich nicht immer einmischen. Und außerdem schlafe ich gerade. Wenn einer ver­letzt wäre, würde auch zumindest einer weinen. Wenn sie ein Pflaster bräuchten, ständen sie schon längst vor meinem Sofa. Was soll schon pas­sieren? Wir wohnen am Ende einer Sack­gasse. Von der Tür aus sehen sie, dass Papa schläft. Il dort. Das Tuscheln der Jungs ent­fernt sich wieder. Dachte ich mir doch, kein Hand­lungs­be­darf. Das nächste Mal bringen sie ihre Diskussion bitte außer Hörweite auf der Terrasse zu Ende.

Der Kalender der Müllmänner ist in aller Regel ein Modell äußerst ökonomischer Ausstattung. Ein Karton DIN A 4, Postkartenansicht vom Dorf, Meilleurs Vœux für 2018, ein Kalender aufgetackert. Gefragt, wieviel sie dafür haben wollen, würden sie antworten comme vous voulez, wie Sie wollen. Das Ding ist eigentlich nicht mehr als fünfzig Cent wert. Ich frage nicht. In meinem Umschlag finden sie regelmäßig einen Scheck über einen gut zweistelligen Betrag. Dafür entsorgen sie widerspruchslos jeglichen Unrat. Sie würden ein verendetes Pferd ebenso mitnehmen wie schädlingsverseuchte Palmen. Wäre sonst Sondermüll. Dieser Großmut ist Gold wert.

Papa!

Papa!

Was denn? Jetzt also doch. Meiner kleiner Sohn und sein copain plötzlich direkt an meinem Sofa. Obwohl ich doch schlafe. Ganz auf­ge­regt die beiden. Der copain steht einen Schritt schräg hinter meinem Sohn. Sie haben was angestellt und wissen nicht, wie sie es erklären können, ohne dass zuviel Schuld auf sie fällt. Mein Sohn fängt Sätze an und findet den Inhalt nicht. Sie haben was gefunden. On l’a trouvé. Was auch immer. Wird sich bestimmt noch zeigen. Am Straßenrand zur Wiese. Gegenüber unserer Einfahrt befindet sich eine Art Fußballfeld. Etwas halbherzig unterhalten. Könnte öfter mal gemäht werden. Dient vorwiegend als Hundewiese. Freiwillig würde ich da nicht reinlaufen. Jugendliche kommen im Sommer gerne zum Vorglühen am Samstag Abend hierher. Kommen auch gerne Sonntag früh morgens wieder, sehr früh morgens, um den Abend ausklingen zu lassen. Gelegentlich bersten Bierflaschen auf der Straße. In den Hecken zu den Nachbargrundstücken kann man gebrauchte Spritzen und Kanülen finden. Die Jungs haben was gefunden. Also der copain hat es gefunden. Und dann ist es auf den Boden gefallen. Mais on n’a pas fait exprès, aber das war keine Absicht. Und nur, weil da ein Loch in der Hosen­ta­sche war. Also in der Hosen­ta­sche des copain. Also eigentlich ist der copain schuld. Ganz klar, das habe ich kapiert. Und sie haben es ja auch nur gefunden. Und es war noch was drin. Mais on n’a pas su, aber das wussten sie natürlich nicht. Klingt nicht so, als wenn es sich um Junkie-Zubehör handeln würde. Was kann das schon sein? Und dann ging es ganz schnell, wirft der copain ein, und sucht gleich wieder Schutz hinter meinem Sohn. Jetzt sei es schon bei der Pinie. Und sie haben es versucht, aber es ist so heiß. On arrive pas à l’éteindre. Sie kriegen es nicht gelöscht. Mais… –

Aus einer seiner Gepäcktaschen fördert Éric einen Packen Kalender zur Auswahl. Almanach du facteur. Éric ist der neue Postbote. Wir treffen uns ganz selten und rein zufällig am Briefkasten. Wenn es was zu unterschreiben gibt, treffen wir uns in aller Regel nicht. Kann dann am nächsten Tag, nicht jedoch vor 16 Uhr, im Postamt abgeholt werden. Der Almanach ist mit klassischen Motiven dekoriert. Blumen, Landschaften, Katzen, Hunde, Eiffelturm, Sonnenuntergang. Innen Rezepte, eine Tabelle zu Sonnen- und Mondauf- und -untergängen, wichtige Telefonnummern, eine Karte des Département und Plänen der wichtigsten Städte von Fréjus bis Bandol. Meine Tochter würde Pferde wählen. Irgendwo in diesem Packen muss auch der Almanach mit Pferden sein. Umschlag. Scheck niedrig, immerhin zweistellig. Solange ich meine Post am nächsten Tag, nicht jedoch vor 16 Uhr, irgendwo abholen muss, gibt es für Éric keinen signifikanten Bonus.

Gelöscht? Das klingt nicht gut! Wahrscheinlich findet meine Sieste hiermit definitiv ihr Ende.

Das war nur ganz klein!

Was war nur ganz klein?

On n’a pas fait exprès. Das war aus Versehen! Weil es runtergefallen ist.

Wo denn?

Da war ein Loch in der Hosentasche.

Schon klar. Und ihr habt es auch nur gefunden. Und dass noch was drin war, konntet ihr auch nicht wissen.

Der Zeitungsbote tackert seine Neujahrswünsche in selbst bedrucktem Postkartenformat an das journal. Und wünscht sich im gleichen Atemzug und in verwegener Orthographie eine kleine Anerkennung seiner unermüdlichen Dienste. Zehn Tage später eine Mahnung, wenn die Wünsche nicht Gehör gefunden haben sollten. Umschlag, Scheck. Besser nicht zu knapp. Ich könnte mich zwar beschweren, müsste das journal aber sicher noch öfter aufgeweicht aus der Hecke fischen. Es ist eine Frage des längeren Hebels.

Die Wiese brennt. Viel­mehr das, was von einer Wiese nach einem tro­ckenen Sommer übrig ist. Die Wiese hat das Format eines Fußballfelds. Rechts eine Garagenzeile, links Grenzhecken, Bambus, Buschwerk, kleine Bäume. Ein Glut- und Flammenmehr über die ganze Länge. Immerhin kommt damit auch die Hundescheiße weg. Büsche an den Rändern haben Feuer gefangen, die Hecke eines Nach­barn, eine Pinie verglüht gerade in einer Stichflamme. Der Nachbar steht in Badelatschen mit einem gelben Gar­ten­schlauch an seiner Hecke. Das eher pro­sta­ti­sche Tröp­feln ist gegen Flammen unter Mis­tral nicht einmal ein Tropfen auf einen heißen Stein. Das ist hoff­nungslos. Ohne Feu­er­wehr brennt gleich der Park­platz des Wohnblocks gegenüber, denke ich mir, ach was, der Wohnblock selbst, der halbe Hügel, das halbe Dorf. Immer diese Ausländer, die nicht auf ihre Kinder aufpassen können, wird es heißen. In der Ferne Martinshörner. Die sind hoffentlich auf dem Weg hierher. Irgendjemand wird doch hoffentlich wohl die Feuerwehr alarmiert haben. Jemand aus dem Wohnblock hinter der Garagenzeile vielleicht. Oder der Nachbar mit dem Gartenschlauch. Wie war denn gleich noch die Nummer? Natürlich wieder kein Handy dabei. Die Martinshörner mit einem Mal ganz nah. Keine Minute später sind sie da. Zwei Lösch­züge erst, dann eine Portion Police municipale, dann noch mehr Feuerwehr. Am Ende wird die ganze Straße vollstehen.

Mein Sohn und sein copain müssen mitkommen. Dringender Tatverdacht.

Eine Woche später, zur Eröffnung des Weihnachtsmarkts, kommen die Sapeurs pompiers, die Feuerwehr. Kalender in Hochglanzaufmachung. Innen richtige Männer, gebräunt, mit Oberkörpern bis knapp an die Schamgrenze. Ausgeprägte Sixpacks, massive Oberarme. Wenn sie in den Wartezeiten auf den nächsten Einsatz nicht gerade ihre Gerätschaften polieren, arbeiten sie an ihren Körpern. Vor der Kamera präsentieren sie Schläuche beachtlichen Kalibers vor Wasserspielen. Vor Jahren gab es sie auch schon mal nackt, nur mit Handtüchern bekleidet, unter dampfender Dusche, vor dem Spind, im Halbdunkel. Vor unserer Tür, am Freitag Abend Ende November, präsentieren sie sich angemessen bekleidet. Erinnern sich an die Anekdote mit meinem Sohn und  daran, dass die Wiese dieses Jahr schon wieder gebrannt hat. Wieder Anfang September, wieder Mistral. Die Gemeinde könnte sich wirklich mal besser um das Brachland mitten im Ort kümmern. Ein Glück, dass wir so gut organisert sind. Fünf Löschzüge innerhalb von weniger als zehn Minuten. Das Eigenlob ist überflüssig. Keine kommunale Strukur funktioniert in Südfrankreich so zuverlässig wie die Feuerwehr. Der Wert meines Schecks übersteigt den ihres Kalenders einschließlich Hochglanzaufmachung deutlich. Sie sollen sich auch in ein paar Monaten noch an mich erinnern.

Die Kollegen von der Police municipale, mäkeln die Herren von der Feuerwehr bei dieser Gelegenheit, konnten ihre Arbeit zwar massiv behindern, diesmal jedoch keinen Verursacher dingfest machen. Sämtliche Familienangehörigen meinerseits verfügen übrigens über astreine Alibis.

Die Police municipale verteilt keine Kalender.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Jeu de l’oie

Quoi? Was ist? –

Gérard ist sichtlich genervt. Draußen liegt die Temperatur bei deutlich über dreißig Grad, in meiner Waschküche ist es auch nicht kühler. Dazu tropische Luftfeuchtigkeit. Schweißtreibend. Da hat ihm seine Frau am Telefon gerade noch gefehlt. Ich kenne das. Wenn mein Telefon den ganzen Tag bisher nicht geklingelt hat,  muss ich mich unter die Dusche stellen oder gerade sterile Handschuhe übergestreift haben um eine Péridurale zu stechen. Klingelt bestimmt das Telefon. Ist nicht immer meine Frau.

Die müssen auf dem Küchentisch liegen. –

Gérard ist der erste vom Darty-Kundendienst, der sich mit Namen vorgestellt hat. Gérard vom Darty-Kundendienst. Darty ist in Frankreich sowas wie Saturn oder Mediamarkt in Deutschland. Vor einer halben Stunde war Gérard noch voller Zuversicht. Beim Kunden vorfahren, Maschine aufschrauben, Teil auswechseln, kurz testen, alles funktioniert wieder, zufriedener Kunde. Papierkram. Zehn Minuten grand maximum. Und dann das: E:58 und E:67. Sein Teil ist das falsche. Er ist überzeugt, der Kollege irrt. Aber nun, wo er schon mal hier ist.

Na da, wo ich sie immer hinlege, neben der Obstschale. Ich lege die Schlüssel immer neben die Obstschale, weißt du doch! –

Drei Wochen früher. 14. Juli. Feiertag in Frankreich. Nationalfeiertag. 2017 ein Freitag. Meine Frau ist im Haushalt tätig. Wischen, putzen, räumen. Ich mache wahrscheinlich mal wieder nichts. Kann ich besonders gut, sagt meine Frau. Nichts machen, meint sie, kann ich besonders gut. Sagt sie immer dann, wenn sie mal was macht im Haushalt. Kannst du mal die Waschmaschine reparieren. Die geht nicht mehr auf. Maschinen gehen immer vor dem Wochenende kaputt.

Die müssen da sein, schau‘ doch noch mal richtig! –

E:58. Die Waschmaschine ist fast fertig geworden mit einem Waschgang. Ein gelbes Licht blinkt, das Fenster zur Wäsche lässt sich nicht öffnen. Aus- und Einschalten hilft manchmal. Diesmal nicht. Tonsignal, gelbe Leuchte, E:58. 58 sagt mir was, das war, glaube ich, schon mal. Oder war es die Spülmaschine? Oder was ganz Anderes? Bestimmt hat ein Legoteil die Pumpe blockiert. Oder ein Ein-Cent-Stück. Ich habe auch schon Zahnstocher in den Flügeln der Pumpe verklemmt gefunden. Man kann sich kaum vorstellen, wie ein Zahnstocher dahinkommt. Aber, mich kann nichts mehr überraschen an der Pumpe. Kenne ich. Das gibt immer solche Fehlermeldungen, irgendwas mit E. Ich habe schon, früher mal, Kundendienst kommen lassen, 78 Euro plus Mehrwertsteuer für Anfahrt und die erste halbe Stunde, 39 Euro jede weitere halbe Stunde. Da wusste ich noch nicht, dass eine Pumpe verklemmen kann. Haben Sie schon mal an der Pumpe nachgesehen? Welche Pumpe? Macht 78 Euro plus Mehrwertsteuer. Nicht verhandelbar. Keine fünf Minuten später war der Kundendienst wieder weg. Haarspange der Tochter. Drei Minuten alleine für den Papierkram. Lehrgeld. Passiert mir nicht wieder. An der Pumpe liegt es diesmal nicht. Klarer Fall für den Kundendienst.

Ich habe keine Ahnung, wo sie sonst sein können. Ich bin nach Hause gekommen und habe sie auf den Tisch gelegt. So wie immer. Ganz sicher. –

Der telefonische Kundendienst von Darty funktioniert auch an Feiertagen. Ein bisschen verzögert zwar, knappe Viertelstunde Warteschleife, aber immerhin.

Montag schon wird ein Techniker kommen. Nachmittags zwischen 12 und 17 Uhr. Wird sich der Sohn kümmern müssen.

Ich habe jetzt eigentlich keine Zeit, ich bin beim Kunden. Frag‘ doch mal Mathieu, vielleicht hat der sie genommen, ce connard. –

Gérard ist mittlerweile der dritte aus der Kundendienst-Mannschaft von Darty. Der erste kam tatsächlich schon am Montag nach dem Freitagsfeiertag. Der Sohn war zuhause. Es muss ein kurzer Auftritt gewesen sein. Blickdiagnose. E:58. Das kann nur das module de puissance sein, was auch immer das sein mag. Hatte er nicht dabei. Leider. Musste bestellt werden. Papierkram drei Minuten. 89 Euro. Plus Mehrwertsteuer. Ist mittlerweile allerdings ein Pauschalpreis. Egal wie oft sie kommen müssen. Immerhin. Die Bestellung dauert zehn Tage. Neuer Termin am Samstag Nachmittag in zehn Tagen. Zwischen 12 und 17 Uhr. Per Mail ein Einsatzbericht. Oben das Motto, notre objectiv: vous satisfaire à 100%, unser Ziel: Ihre Zufriedenheit zu 100%.

Ça va, ça va, ich weiß, dass Mathieu kein connard ist, excuse-moi!  Wie gesagt, ich arbeite! Ich weiß aber auch nicht, wo die Schlüssel sind! –

Samstag Nachmittag, 17 Uhr. Gut zehn Tage später. Wir waschen unsere Wäsche eben solange im Waschsalon keine fünf Minuten entfernt. Der Techniker, ein anderer als beim ersten Mal, hat noch, übers Département verteilt, drei weitere Kunden zufriedenzustellen. Erwähnt er gleich zum Bonjour. Die Logistikerin hat anscheinend keine Ahnung von der Geografie des Départements, sagt er, und Darty sei ohnehin sowas von schlecht organisiert. Dass die überhaupt überleben können, und das schon so lange! Er ist auch nicht einverstanden mit der Blickdiagnose seines Vorgängers. E:58 wäre normalerweise der convertisseur de fréquence. Oder beide, module de puissance und convertisseur de fréquence. Hätte der Kollege einfach im Handbuch nachlesen können. Aber vielleicht kann der ja nicht lesen. Egal, sagt er, jetzt bin ich ja schon mal hier. Dieser Herr weiß genau, wie man das anstellt mit der Kundenzufriedenheit. Sein Bauteil befindet sich raffiniert versteckt hinter der Vorderfront. Ça, ils le savent très bien, ces boches, nous faire chier tout le temps. Übersetzt, im Ton abgemildert: Das können sie, diese Deutschen, uns das Leben schwermachen. Die Maschine ist von Siemens. Etwa zwanzig Kabel mit zwanzig ähnlichen Steckern führen zum module de puissance. Das module de puissance muss das Gehirn der Maschine sein. Wäre aber idiotensicher, sagt er. Jeder Stecker passt nur in einer bestimmten Buchse. Am Ende ist alles wieder versteckt hinter der Vorderfront, irgendwie. Und dann: E:67. Ob er sich nicht doch getäuscht haben könnte mit einem der idiotensicheren Stecker? Immer noch kaputt. Aber anders. Noch kaputter vielleicht. Sagte ich doch gleich, meint der Techniker irgendwie triumphierend. Das andere Teil hat er jedoch nicht dabei, leider. Der Kollege von letzter Woche hätte es übrigens im Wagen gehabt, weiß seine Software. Der muss es wohl irgendwie eilig gehabt haben. Neues Rendezvous nächsten Freitag. Nachmittags. Ob er selbst wieder käme, kann er natürlich nicht sagen. Meine Zufriedenheit als Kunde erfährt zunehmend Einschränkungen. Drei Sterne von fünf vielleicht noch.

Also, dann kann ich dir auch nicht helfen. Bordel à cul! –

Gérard ist am Rande seiner Nervenkraft. Das Telefon zwischen linkes Ohr und die Schulter geklemmt, hat er die Rückseite der Maschine aufgeschraubt, zwölf Schrauben, das Bauteil ausgetauscht und festgestellt, dass die Maschine immer noch nicht funktioniert.

Ich muss jetzt auch auflegen, ich bin immer noch beim Kunden. Bisous. Küsschen.

E:67. Unverändert. Hätte schlimmer kommen können, E:79 oder so. Habe ich ja gleich gesagt. Wieder dieser Rechthaber-Triumph, den sein Vorgänger schon so gut konnte.

Den Montag darauf holt Darty die Waschmaschine ab. Auf meine Anregung hin. Ich könnte nicht jede Woche einen Nachmittag frei kriegen, um ihm oder seinen Kollegen beim Basteln zuzusehen. Nehmen Sie sie mit und bringen Sie sie wieder, wenn sie funktioniert. Gegen Gérards Bedenken. Ganz schwierig, das ginge nur mit Genehmigung von höchster Stelle, François Hollande sozusagen. Ging dann doch. Gérard hat den Zeitenwechsel verschlafen, François Hollande ist nicht mehr der Chef. Mit Emmanuel Macron geht alles besser. Meine Kundenzufriedenheit ist nichtsdestotrotz auf einem Tiefpunkt angelangt, ein Stern noch. Weniger geht nicht.

 

Ich erinnere mich mittlerweile, wo ich die 58 schon mal gesehen habe. Im Gänsespiel. Auf Feld 58, ganz kurz vor dem Ziel, stirbt die Gans. Oder schläft ein. Der Spieler muss von vorne beginnen. Deutsche Techniker haben einen diskreten Sinn für Humor. E:58 heißt weg mit der Maschine, die ist richtig kaputt, hol‘ dir ’ne neue. Sowas können deutsche Techniker. Die Maschine erkennt den Erstkontakt mit der Steckdose des Kunden. Die Obsoleszens ist auf genau sechs Jahre später programmiert, ganz sicher außerhalb jeglicher Garantieoptionen. Da können Gérard und seine Kollegen machen, was sie wollen. Sagt ihnen aber keiner. Diskrete deutsche Techniker eben.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr

 

50.000 Euro

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Ist nicht so peinlich wie der des Kinderarztes neulich. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient in Narkose ist. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um, arbeitet Checklisten ab. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten, dem Techniker, der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein, der Pilot. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder das ZEIT Magazin lesen, Fachliteratur. Kann an Rädchen drehen, Knöpfe drücken. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Den Blutdruck aufschreiben und den geschätzten Blutverlust. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch interessierte Fragen stellen, warum blutet das da so, hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze. Bei google findet man immer wieder diesselben. Je öfter man sie findet, desto langweiliger werden sie.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Tröstlicher Zuspruch gehört auch zu unseren Aufgaben. Verständnis für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Oft sind deren Arbeitsbedingungen nicht so gut, manchmal unter aller Sau. Das Licht schlecht eingestellt. Ich kann so nicht arbeiten. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. So kann das ja nichts werden. Da kann man schon mal nervös werden als Chirurg. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg ganz ernsthaft, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Na, sowas! Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Zuversicht. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Hosentaschen.

Nacima fand den Witz des Kinderarztes übrigens unglaublich komisch. Konnte sich gar nicht wieder einkriegen. Tränen tropften auf die Geburtsmeldung, Name des Vaters. Als ob ihr aus dem Witz eine neue Erkenntnis entstanden gewesen wäre. Im Kopf von Männern ist nichts. Gar nichts. Sogar der einsame Spermatozyt ist fehl am Platze. Hallo? Hallooo? Ist da niemand? Der Mann denkt vorwiegend unterhalb der Gürtellinie. Naja, wenn man das denken nennen kann. Vielleicht stellte sich Nacima den einsam durchs Vakuum unter der männlichen Schädeldecke schwänzelnden Spermatozyten vor. Mit großen, angstgeweiteten Augen. Haallooo? Ich ging dann lieber nochmal meine Zweitgebärende gucken. Ob meine Péridurale auch den gewünschten Effekt gebracht hätte. Danach waren sie beide weg, der alternde Pädiater und Nacima auch. Ich habe sie nicht gesucht. Geht mich ja nichts an.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, grauer Star, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Nicht weiter schlimm. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Blutdruck rauscht ab. Der Chirurg kollabiert. Das EKG verändert sich, das Herz des Patienten wird zu schnell oder zu langsam. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen Pilot oder Anästhesist ihr Sudoku weglegen, die lästigen Alarme ausstellen und andere wichtige Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in meiner ersten Stelle fasste der Oberarzt zusammen, sein zweiter Lehrsatz: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

Die Lösung: der schlechte Anästhesist. Der schlechte Anästhesist kriegt die Kohle. Weil: einen guten gibt’s nicht. Hahaha. Der Internist ist zu langsam. Bis der mal fertig gedacht und allerlei Eventualitäten abgewogen hat, haben schon längst andere zugegriffen. Hahaha. Und der Radiologe? Macht doch für sowenig Geld keinen Finger krumm. Und nochmal: Hahaha. Der is gut, was? Kann man mit allen möglichen medizinischen Spezialitäten machen. Geht zum Beispiel analog mit Chirurg, Psychiater und Pathologe. Wie’s halt gerade passt.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Für Aila, September-Heft der RivieraZeit, 3.986 Zeichen:

Zwei Chirurgen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anästhesist. Sagt der eine Chirurg zum anderen: Stecken wir ihm die Hände in die Hosentaschen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Chirurgen sehen uns ja selten mal arbeiten. Nur immer mit den Händen in den Taschen. Chirurgen haben ihren Auftritt erst, wenn wir fertig sind. Wenn der Patient schläft. Und sind schon wieder weg, wenn wir den Patienten wach machen. Kann man vergleichen mit Piloten im Flieger. Wenn der Flieger erstmal oben ist, wartet der Pilot bis zur Landung. Dreht vielleicht mal an irgendeinem Knopf, legt kleine Kippschalter um. Quatscht vor allem mit dem Kopiloten und der Stewardess, ich bräuchte jetzt mal ’nen Kaffee. Legt sich schlafen. Erst zur Landung muss er wieder da sein. Wie der Anästhesist. Der Anästhesist kann bis dahin Sudokus lösen oder in der RivieraZeit blättern, Fachliteratur studieren. Der Schwesternschülerin die Anästhesie erklären. Außerdem über das grüne Tuch hinweg den Chirurgen bei der Arbeit zusehen. Gerne auch hilfreiche Hinweise formulieren, vielleicht solltest du zum nächsten Mal noch mal bei youtube gucken, worauf es beim Blinddarm ankommt. Hände in den Taschen.

Während der OP fragt der Anästhesist den Chirurgen: „Weisst Du was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Der Chirurg antwortet genervt: „Ich hab‘ keine Ahnung“. Darauf der Anästhesist: „Richtig!“ – Es gibt eigentlich keine guten Arztwitze.

Wenn der Chirurg schreien muss, weil er Überblick und Kontrolle zu verlieren droht, kann der Anästhesist ihm tröstend zur Seite stehen. Kommt aber nur selten vor. Ich meine, dass der Chirurg Überblick und Kontrolle zu verlieren droht. Ganz, ganz selten. Ehrlich. Verständnis gehört zu unseren Kernkompetenzen. Für Patienten sowieso. Aber auch für die Chirurgen. Manchmal sind die Arbeitsbedingungen nicht so gut. Das Licht schlecht eingestellt. Die Messer stumpf. Der Assistent so ungeschickt, die Schwester so blond. Ich kann so nicht arbeiten. Da kann man schon mal nervös werden. Dann ist der Anästhesist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen vermitteln Zuversicht. Manchmal glaubt der Chirurg, die Narkose selbst wäre die Ursache allen Übels, der Patient schläft nicht, können Sie vielleicht mal ein bisschen mehr Narkose machen. Dann muss der Anästhesist die Hände aus den Taschen nehmen, Geschäftigkeit jenseits des grünen Tuchs produzieren, Anweisungen ans Pflegepersonal flüstern, an Rädchen drehen, vielleicht sogar was spritzen. Ist aber meistens nicht nötig. Drei Minuten Abwarten reicht fast immer. So müsste es besser sein. Auf die Psychologie kommt es an. Hände in den Kitteltaschen.

Manchmal ist Anästhesie ein bisschen langweilig. Routine eben. Blinddarm, Hüfte, Mandeln, Abtreibung. Kurzstrecke. Von Stuttgart nach Düsseldorf, von Hamburg nach München. Manchmal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scherwinde. Routine. Tausende von Malen geübt. Und manchmal geht was schief. Blutbad. Der Chirurg kollabiert. Der Patient wacht auf. Herzstillstand. Kann alles passieren. Manchmal sind Komplikationen vorhersehbar, wären vorhersehbar gewesen. Anfänger haben mehr Komplikationen. Manchmal sind sie schicksalshaft, Pech. Das entspricht im Flieger den Turbulenzen an der Schlechtwetterfront, dem randalierenden Kegelklub auf dem Flug nach Mallorca. Dem Ausfall von Triebwerken, der Bombendrohung. Zuversicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine zielführend. Innerhalb von Sekunden müssen wir unser Sudoku weglegen und Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen. Vorzugsweise die richtigen Entscheidungen, die richtigen Maßnahmen. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosentaschen, plötzlich Stress. An meinem ersten Tag in der Anästhesie fasste der Oberarzt zusammen: die Tätigkeit des Anästhesisten besteht aus Jahren der Langeweile im fliegenden Wechsel mit Sekunden der Angst.

Ein guter und ein schlechter Anästhesist, ein Internist und ein Radiologe sitzen um einen Tisch, auf dem 50.000 € liegen. Wer bekommt das Geld?

 

 

 

Parosmie

Banane. Ganz klar. Zur Auswahl hätte es noch Ananas, Orange und Zitrone gegeben. Ein Multiple Choice Test. Zwölf Gerüche in Sniffin‘ Sticks. Der Professor hält mir Stifte, die aussehen wie dicke Filzstifte, unter die Nase und zeigt mir eine Karte dazu. Vier Gerüche zur Auswahl. Ich muß den richtigen auswählen. Banane, ganz klar, Antwort C. Banane. Der Professor macht ein Kreuz auf dem Auswertungsbogen. C.

Termin beim Parkinson-Professor. Renommierte Klinik südwestlich von Berlin. Bekannter von Studienkollegen. Der Professor sollte mir sagen, dass das kein Parkinson ist im Arm. Hätte mir gefallen. Zahnradphänomen und ein bisschen Intentionstremor bei bestimmten Bewegungen im Ellenbogen links – und nur da – passen auch zum Korsakow. Trinken Sie mal ein bißchen weniger. Ich trinke doch schon lange nichts mehr. Naja, nicht mehr soviel. Nicht mehr jeden Tag, meine ich. Meine Leberwerte sind super. Dann leben Sie eben mit dem Zahnradphänomen. Und die Bilder aus dem Kopf? Bei solchen Bildern kommt es auf präzise Einhaltung der Standards bei der Erstellung an, könnte er sagen, der Professor. Präzise, wäre ich ihm ins Wort gefallen, präzise! Die habe ich in Frankreich machen lassen, die Bilder, in Südfrankreich! Präzise und Südfrankreich, das passt gar nicht. Klar, könnte er sagen, der Professor, weiß ich doch, ich habe drei Jahre in Montpellier studiert, die Bilder können Sie im Prinzip vergessen. Wahrscheinlich liegt es doch einfach an Ihren maroden Halswirbeln. Kommen Sie doch in einem Jahr wieder, ach was, in fünf Jahren, wenn Sie immer noch was haben am Arm. Hätte der Professor gesagt haben können.

Der Beipackzettel von Azilect beschreibt eine Fülle von möglichen Nebenwirkungen, sehr häufig auftretende, mehr als ein Patient von zehn, bis gelegentlich, einer von tausend. Störungen der Impulskontrolle unter Therapie mit Azilect finden an mehreren Stellen im Beipackzettel Erwähnung. Ich zitiere: „Es gab Fälle von Patienten, die während der Einnahme von einem oder mehrerer Arzneimittel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit, nicht in der Lage waren, dem Impuls, dem Trieb oder der Versuchung zu widerstehen, bestimmte Dinge zu tun, die Ihnen selbst oder anderen schaden können. Dies bezeichnet man als Impulskontrollstörungen. Bei Patienten, die das Präparat und/oder andere Arzneimittel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit einnehmen, wurde folgendes beobachtet: zwanghafte Gedanken und impulsives Verhalten, starker Drang zur Spielsucht […], verändertes oder gesteigertes sexuelles Interesse und Verhalten, das Sie und andere stark beunruhigt, wie zum Beispiel ein gesteigerter Sexualtrieb.“

Wie Männer eben so sind. Wissen wir ja. Ich meine, spätestens, wenn die Impulskontrolle erstmal wegfällt. Neulich saß ich, spätabends, im Büro der Hebammen mit Nacima, ziemlich jung, ich könnte ihr Vater sein. Es gibt Grenzen, Impulskontrolle hin oder her. Obwohl, wer weiß, wenn sie mir was ins Ohr flüstern würde? Halluzinationen gehören auch zu den Nebenwirkungen, Kategorie sehr selten, ein Patient von zehntausend. Wir waren beide beschäftigt mit Papierkram, für eine Niederkunft macht das gefühlt hundert Seiten. Der Kinderarzt kam dazu, erstaunlich, fand ich, was hat der noch zu so später Stunde hier zu suchen? Er schloss die Tür zum Büro hinter sich, sagte bonjour und erzählte einen Witz. Ganz unvermittelt.

Der Professor hatte uns mit einem Bonjour in erstaunlich korrekter Aussprache begrüßt. Beim ungeübten Deutschen klingt bonjour meist wie Boschua. Professor eben, vermutlich mindestens viersprachig. Deutsch und Englisch sowieso, Französisch ein bisschen, bestimmt Spanisch. Ein paar Jahre wissenschaftlicher Aufenthalt in Barcelona, ließ er an geeigneter Stelle einfließen. Sehr professionelle Aura. Systematische Fragen zu Anamnese, Schwerpunkt Familienanamnese. Eltern, Brüder, Kinder. Beruf, Karriere, und wieso gerade Frankreich. Lebensgewohnheiten, Nikotin, Alkohol. Konstipation, Parasomnien? Alles wird notiert. Körperliche Untersuchung, die üblichen Spiele bis zu den Sehnenreflexen und Babinski. Kenne ich schon. Aus dem Studium noch. Links im Arm der Rigor. Der Vollständigkeit halber führt der Professor den der standardisierten Test des Geruchsinns durch.

Lakritz, Lavendel, Gras oder Nelke? Von diesen Gerüchen habe ich klare Vorstellungen. Der Stift riecht nach nichts. Nach nichts Bestimmtem, nichts, was ich definieren könnte. Nichts als Antwort geht nicht. Leder, Pilze, Geräuchertes, Sesamöl. Auch nichts. Ich muß raten. Womöglich würde mir es der Professor übelnehmen, wenn ich mich nach dem Verfallsdatum seiner Stifte zu erkundigte.

Ein Spermatozyt findet sich einsam wieder im Kopf eines Mannes. Kenn‘ ich schon, sagte ich schnell. Nacima sagte nichts. Der Witz ging weiter. Wie um was zu sagen in unser konzentriertes Schweigen über den Papieren. Oder weil er den ganzen Tag schon nichts anderes denken konnte als diesen so wahnsinnig komischen Witz, war vielleicht auf einem der Radiosender gewesen am Morgen, Chérie FM oder NRJ. Die neigen zu sowas, nicht nur um die Frühstückszeit. Um halb acht morgens gerät die auch Schwätzergruppe bei Mistral FM, bei meinen Kindern beliebter Lokalsender von Toulon, gerne in eine schlüpfrige Stimmung. Immer, wenn ich mit den Kinder im Auto sitze zur Schule. Wieviel Prozent der Franzosen verwenden regelmäßig Sextoys? C’est quoi, fragt die Tochter dann von hinten, des sextoys?

Das Ergebnis war eindeutig. Sieben von zwölf Gerüchen habe ich nicht erkannt. Ab drei schöpft der Neurologe Verdacht. Für den Professor schien das allerdings nur noch das i-Tüpfelchen der Diagnose darzustellen. Es zählt vor allem natürlich die Klinik. Der Rigor, das Zahnradphänomen. Das reicht eigentlich schon zur Diagnosestellung. Auch die Grüße der Bekannten von früher, die ich einfließen ließ, um den Professor wohlwollend zu stimmen, konnten nicht an seiner Überzeugung rütteln. Idiopathisches Parkinsonsyndrom. Eine eher milde Verlaufsform zwar, aber, darauf sollte ich vorbereitet sein, die rechte Seite wäre früher oder später auch betroffen. Und nicht nur das. Im Wartezimmer waren in einer Regalwand eine ganze Reihe Broschüren zum Umgang mit der Krankheit exponiert. Themen wie Sport, Ernährung, Logopädie. Speichelfluß, Unruhe, Demenz. Die Broschüren vermitteln einen Eindruck von dem, was da noch alles kommen kann. Störungen der Impulskontrolle gehören da noch zu den kleinsten Übeln. Anlage einer Ernährungssonde. Bei Ausfluß von Speisebrei aus der Nase. Speisebrei. Aus der Nase. Der Professor fand beschwichtigende Worte. Außer Azilect erstmal keine Therapie. Er persönlich würde mit Azilect anfangen. Die Studien diesbezüglich seien nicht so eindeutig, der Nutzen wissenschaftlich nur tendenziell nachweisbar. Aus seiner Erfahrung würde Azilect Verbesserung bringen. Könnte man aber – aus wissenschaftlicher Sicht – auch guten Gewissens bleiben lassen. Klang ein bisschen nach Homöopathie. Was nicht so recht zu den Nebenwirkungen aus dem Beipackzettel passen mag.

Ich kannte ihn wirklich schon, den Witz. Nicht richtig witzig, gar nicht witzig eigentlich. Was soll das schon werden, wenn Spermatozyten drin vorkommen? Im Witz, meine ich. Der Kinderarzt liegt altersmäßig ungefähr in meiner Generation, obwohl er sich gerne ausgesprochen jugendlich gibt mit zerschlissenen Jeans zu offenen Birkenstocks, kleinem Pferdeschwanz und selbstgebasteltem Saiteninstrument. Ob er damit seinen kleinen Patienten was von Spermatozyten vorsingt? Könnte trotz betonter Jugendlichkeit einen normalen Parkinsonkandidaten abgeben. Vielleicht schon länger unter Azilect. So fängt’s womöglich an, dachte ich, wenn die Impulskontrolle verlorengeht zwischenzeitlich. Mit peinlichen Witzen. Persönlich werde ich versuchen, peinliche Witze  auszulassen. Witze überhaupt am besten.

Auf dem Weg zum Flughafen versuchte meinte Frau mich zu trösten, sie hätte vermutlich genauso schlecht abgeschnitten im Riechtest. Ich habe keine Ahnung, warum sie das vermutet, viele Gerüche waren ja nun wirklich eindeutig. Den Fisch aus dem Sniffin‘ Stick Nummer 12 hatte ich zuhause noch in der Nase.

Parosmie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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