Pseudomnesie

Acacia dealbata 1000x500

Vor vielen Jahren, während meines ersten Schuljahres, verbrachte ich mit meinen Eltern und meinen Brüdern ein paar Monate in Südfrankreich. Irgendwo bei Vence hatten wir ein Haus mit offenem Kamin gemietet. Vier Monate lang. Mitten in der ersten Klasse Grundschule. Meine Mutter war Grundschullehrerin. Lesen und Schreiben habe ich da mit ihr gelernt und meine ersten Briefe an Oma und Opa in großen, ungelenken Buchstaben gemalt. Neben im Kaminfeuer angekokelten Pantoffeln gehört auch die Mimosenblüte in Südfrankreich zu den Erinnerungen an diese Zeit.

Jetzt, viele Jahre später, habe ich Mimosen im eigenen Garten. Überall. Zwischen den Palmen, Eichen, Zedern, Eukalyptusbäumen. Mimosen wachsen hier wie Unkraut. Wie Löwenzahn in Westfalen. Blühen gerade. Oder immer noch. Mimosen blühen immer wieder zu dieser Jahreszeit. Über Wochen hinweg blüht immer ein anderer Baum. Je nach Standort und Sonneneinstrahlung vermutlich. Die ersten blühen ab Mitte Januar und sind schon lange verblüht. Das geht bis Ende März. Wenn es warm genug ist, duften sie ganz intensiv. Ganze Landstriche finden sich unter Minosenduft. Aus der winterlichen Kälte in die Wärme der Wohnung geholt, können Mimosenzweige ein dramatisches Duftpotential entwickeln.

Dabei ist meine französische Mimosa gar keine echte Mimose. Sagt außer wikipedia auch die Fachliteratur. Die Mimosa im Garten ist eine Acacia dealbata, Silber-Akazie. Eine Akazie. Mimose und Akazie gehören botanisch zwar zur gleichen Familie der Mimosaceae, in dieser Familie aber zu unterschiedlichen Gattungen, Mimosa und Acacia. Die Mimosa in meinem Garten ist immigriert aus Australien. Mitgebracht von Nicolas Baudin, einem Seefahrer, und erstmalig geplanzt von Napoleons Frau Josphine im Park ihres Château de Malmaison. 1804. Sagt die französische Wikipedia.

Die Pflanze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den echten Mimosa. Arten der Gattung Mimosa kommen aber nur in der Neotropis vor. Neotropis? Neotropis ist ein Begriff aus der Biogeographie. Mittel- und Südamerika mit Ausnahme der südlichen Anden, die ihrerseits zur Antarktis zählen. Biogeographisch. Wie auch immer auch weit weg.

Die wirkliche Mimosa heißt auch „Sinnpflanze“, weil sie so sensibel ist. Wikipedia weiß eine ganze Reihe  schöner Begriffe zur Sinnlichkeit von Pflanzen: Nastien. Unspezifisch reaktive, aber gerichtete Bewegungsphänomene. Unter anderem Seismonastie (Erschütterung), Chemonastie (chemischer Reiz), Photonastie (Licht), Thermonastie (Hitze) und Thigmonastie, der Reaktion auf Berührungsreize. Vertreter der Gattung Mimosa, die Mimosen im botanischen korrekten Sinn, klappen bei Berührung ihre gefiederten Blätter zusammen. Thigmonastie. Wahrscheinlich eine Schutzreaktion. Und eben nicht nur bei Berührung. Reicht wohl schon ein kleiner Windhauch. Ein Regentropfen. So erklärt sich auch der übertragene Begriff. Klar. Die menschliche Mimose hält auch nichts aus. Ein kleiner Kommentar zum Schwabbel unter dem Karohemd und schon gibt er sich drei Tage demonstrativ einsilbig. Oder ein vergessener Hochzeitstag. Drei Tage Migräne. Das kenne ich auch von mir. Gibt es. Selten, glaube ich, aber gibt es. Nicht gerade den Schwabbel unter dem Karohemd betreffend. Ich trage schon seit Jahren keine Karohemden mehr.

Meine Unkraut-Mimosa im Garten, meine Acacia dealbata, hat leider, zu meiner Enttäuschung, keine Sinnlichkeit, klappt ihre gefiederten Blätter nicht zusammen. Zumindest nicht auf delikate thigmonastische Reize. Auch nicht auf grobe. Umgesägt, abgehakt, zum Verbrennen auf einen Haufen gestapelt dann schon. Eine Terminalreaktion also. Die Blätter trocknen aus und falten sich. Hat mit Thigmonastie nichts zu tun. Geht nicht mal als Thermonastie oder Traumatonastie durch.

Andererseits gehört die Thigmonastie der französischen Mimosen zu meinen frühen Kindheitserinnerungen. In der Erinnerung waren wir immer wieder unterwegs unter Mimosen. Mimosenwälder gibt es hier überall. Namensgebend zum Beispiel um Bormes-les-Mimosas. Ganz viel auch im Esterel, im Massif des Maures und im Massif du Tanneron. Eine kleine Berührung und die Blätter falteten sich. Direkt vor meinen Augen. Mein Vater war ein Held, weil er mir sowas Wunderbares zeigen konnte. Und jetzt sagt Wikipedia, solche Mimosen gibt es nur in der Neotropis. Muß ein klassischer Fall von Pseudomnesie sein. Erinnerungstäuschung, Scheinerinnerung.

Kann natürlich auch in einer Jardinerie mit südamerikanischen Exotika gewesen sein. Im Alter von sechs Jahren scheinen fast alle Pflanzen baumgroß.


Modifiziert, gekürzt zur Publikation in der Märzausgabe der Riviera-Zeit. 3.943 Zeichen.

Vor vielen Jahren, während meines ersten Schuljahres, verbrachte ich mit meinen Eltern und meinen Brüdern ein paar Monate in Südfrankreich. Irgendwo bei Vence hatten wir ein Haus mit offenem Kamin gemietet. Mitten in der ersten Klasse Grundschule. Lesen und Schreiben habe ich da mit meiner Mutter gelernt und meine ersten Briefe an Oma und Opa in großen, ungelenken Buchstaben gemalt. Neben im Kaminfeuer angekokelten Pantoffeln gehört auch die Mimosenblüte zu meinen Erinnerungen.

Jetzt, viele Jahre später, habe ich Mimosen im eigenen Garten. Überall. Mimosen wachsen wie Unkraut. Wie Löwenzahn in Westfalen. Blühen gerade. Oder immer noch. Mimosen blühen immer wieder zu dieser Jahreszeit. Über Wochen hinweg blüht immer ein anderer Baum. Je nach Sorte, Standort und Sonneneinstrahlung vermutlich. Die ersten blühen ab Mitte Januar und sind schon lange verblüht. Das geht bis Ende März. Wenn es warm genug ist, duften sie ganz intensiv. Ganze Landstriche finden sich unter Minosenduft. Aus winterlicher Kälte in die Wärme der Wohnung geholt, können Mimosenzweige ein dramatisches Duftpotential entwickeln.

Dabei ist meine französische Mimosa gar keine echte Mimose. Sagt außer wikipedia auch die Fachliteratur. Die Mimosa im Garten ist eine Acacia dealbata, Silber-Akazie. Mimose und Akazie gehören botanisch zwar zur gleichen Familie der Mimosaceae, in dieser Familie aber zu unterschiedlichen Gattungen. Die Mimosa in meinem Garten ist immigriert aus Australien. Mitgebracht von einem Seefahrer und erstmalig geplanzt im Park des Château de Malmaison. 1804.

Die Pflanze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der echten Mimosa. Diese kommt aber nur in der Neotropis vor. Neotropis? Neotropis ist ein Begriff aus der Biogeographie. Mittel- und Südamerika mit Ausnahme der südlichen Anden, die ihrerseits zur Antarktis zählen. Biogeographisch. Weit weg.

Die wirkliche Mimosa heißt auch „Sinnpflanze“, weil sie so sensibel ist. Wikipedia weiß eine ganze Reihe schöner Begriffe zur Sinnlichkeit von Pflanzen: Nastien. Unspezifisch reaktive, aber gerichtete Bewegungsphänomene. Schutzreaktionen. Unter anderem Seismonastie, Chemonastie, Photonastie und Thermonastie. Vertreter der Gattung Mimosa, der Mimosen im botanischen korrekten Sinn, klappen bei Berührung ihre gefiederten Blätter zusammen. Thigmonastie. Und eben nicht nur bei Berührung. Reicht wohl schon ein kleiner Windhauch. Ein Regentropfen. So erklärt sich auch der übertragene Begriff. Klar. Die menschliche Mimose hält auch nichts aus. Ein kleiner Kommentar zum Schwabbel unter dem Karohemd und schon gibt er sich drei Tage demonstrativ einsilbig. Oder ein vergessener Hochzeitstag. Drei Tage Migräne. Das kenne ich auch von mir. Selten, glaube ich, aber gibt es. Nicht gerade den Schwabbel unter dem Karohemd betreffend. Ich trage schon seit Jahren keine Karohemden mehr.

Meine Unkraut-Mimosa im Garten, meine Acacia dealbata, hat leider, zu meiner Enttäuschung, keine Sinnlichkeit, klappt ihre gefiederten Blätter nicht zusammen. Überhaupt nicht. Nicht auf delikate thigmonastische Reize und auch nicht auf grobe. Umgesägt, abgehakt, gestapelt dann schon. Die Blätter trocknen aus und falten sich. Hat mit Thigmonastie nichts zu tun. Geht nicht mal als Thermonastie oder Traumatonastie durch.

Andererseits gehört die Thigmonastie der französischen Mimosen zu meinen frühen Kindheitserinnerungen. In der Erinnerung waren wir unterwegs unter Mimosen. Mimosenwälder gibt es hier überall. Namensgebend zum Beispiel um Bormes-les-Mimosas. Eine kleine Berührung und die Blätter falteten sich. Direkt vor meinen Augen. Mein Vater war ein Held, weil er mir sowas Wunderbares zeigen konnte. Und jetzt sagt Wikipedia, solche Mimosen gibt es nur in der Neotropis. Muß ein klassischer Fall von Pseudomnesie sein. Erinnerungstäuschung, Scheinerinnerung.

Kann natürlich auch in einer Jardinerie mit südamerikanischen Exotika gewesen sein. Im Alter von sechs Jahren scheinen fast alle Pflanzen baumgroß.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens

Kommende Woche, ab morgen, habe ich meine griechische Woche. Griechische Woche? Der Begriff hat hier nur wenig kulinarischen Hintergrund. Ist – ich gebe es zu, ich schwimme da völlig unbefangen auf der aktuellen Woge eines Vorurteils – eine Steigerungsform der südfranzösischen Version zur lokalen Arbeitsmoral. Arbeit dabei in Anführungszeichen – „Arbeit“. Travailler – wörtlich: arbeiten – hat im südfranzösischen Sinn außer Abwesenheit von zuhause wenig gemein mit der germanischen Vorstellung von Arbeit. Im Rahmen der griechischen Woche in der mediterranen Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens ist der betroffene Kollege für die anästhesiologische Visite auf den chirurgischen Stationen zuständig. Wir haben eine viszeralchirurgische Station mit vielleicht dreißig Betten und eine orthopädische Chirurgie. Auch dreißig Betten. Kaputte Hüften, Handgelenke. So Sachen. Anästhesiologische Visite also auf chirurgischen Stationen.

Visite?

Die Abteilung für Anästhesiologie kümmert sich um das Kalium, die Diurese und den Schmerz auf chirurgischen Stationen. Weil der Chirurg keine Ahnung hat von Elektrolyten, Lasix und Schmerztherapie jenseits von Parazetamol. Oder keine Ahnung haben will davon. Keine Ahnung haben wollen paßt zur südfranzösischen Mentalität. Zur griechischen gehört zusätzlich der Anästhesist. Facharzt. Beamter. Vollzeit. Der Auftritt des fachärztlichen Vollzeitbeamten mit anästhesiologischem Hintergrund – Kalium, Lasix, Morphium – findet gegen zehn Uhr statt. Vorher ist sinnlos, weil es da noch keine Laborwerte gibt. Die Visite findet am Computer statt. Mit einer Schwester. Dauert normalerweise um die 15 (in Worten: fünfzehn) Minuten. In der Knochenchirurgie. In der Viszeralchirurgie besteht sie aus einer simplen Frage: Gibt es was für mich? Worauf die betroffene Schwester die Liste ihrer Patienten kurz überfliegt und auf die bekannten Kriterien – Kalium, Diurese, Morphium – prüft. Meistens fällt ihr nichts ein. Eine Minute dreißig. Mit Küßchen links, rechts und drei Worten zum Wochenende, je nach Schwester, kommen fünf Minuten dazu. Sozialer Kontext. Das gehört zur Anästhesiologie. Das können wir im Prinzip ganz gut. Gehört auch zum Beamtenstatus. Und zur südfranzösischen Mentalität. Zur griechischen sowieso.

Visite ist einfach und kurz.

Wissen alle, würden meine Kollegen aber nie zugeben. Im Gegenteil. Burnout auf chirurgischen Stationen der Grundtenor. Vielleicht haben sie für sich persönlich recht. Das liegt aber vermutlich daran, daß sie das mit dem sozialen Kontext nicht ausreichend beherzigen. Stattdessen rumschreien. Wofür auch immer. Weil gerade keine Schwester für sie Zeit hat, erst noch die chirurgische Konkurrenz küssen muß. Oder die Laborwerte noch nicht ausgedruckt sind. Sowas. Es geht ums Prinzip. Auch als Anästhesist bin ich Arzt und schon alleine deshalb irgendwie Chef. Rumschreien ist anstrengend und führt nicht weiter.

Aufwendig, richtig aufwendig kann es werden, wenn man noch prämedizieren muß. Planeingriffe für morgen oder sonstwann. Für die Notfälle – heute irgendwann – bin ich nicht zuständig. Das Nichtzuständigsein ist schön und paßt zum Beamtenstatus. Der Klassiker, wie in der Behörde, nicht Zimmer A35 oder C17, sondern B16. Und die Sachbearbeiterin in B16 weiß gar nicht, kann vielleicht gar nicht wissen, worum es gerade geht. Wenn sie überhaupt da ist. Damit kann man Chirurgen zum Weinen bringen. Sogar südfranzösische. Ich bin nicht zuständig. Wer denn? Keine Ahnung. Ruf‘ doch mal im Aufwachraum an. Im Aufwachraum geht fast nie jemand ans Telefon.

Zwei, drei ernstgemeinte Prämedikationen können einen dagegen ganz schön aus dem Timing bringen. Wenn sie nicht wirklich dringend sind, kann man sie allerdings auch noch auf morgen verschieben.

Gutes Timing in der griechischen Woche heißt Mittagessen zuhause. Hier kommt der kulinarische Aspekt rudimentär ins Spiel. Zwölf Uhr spätestens also an der Schranke zum Ärzteparkplatz. Im Auto. Die Schranke im Rückspiegel. Zuhause unbedingt das Telefon im Auto vergessen!

Abends muß man dann allerdings noch mal hin. Planmäßig aufgenommenen Patienten für morgen bonjour sagen, Fragen beantworten, mitgebrachte Laborwerte angucken und sagen, daß alles gutgehen würde. Bonne nuit. Halbe Stunde. Einschließlich sozialem Kontext mit der Spätschicht. Eine Stunde mit An- und Abreise.

Zuhause, zwischen den Visiten, Zeit genug für Mittagessen in der Sonne. Ausgiebige Sieste. Vielleicht ein bißchen Haushalt, Einkäufe. Später Feinschliff an den Hausaufgaben der Kinder. Mittwoch habe ich ohnehin frei. Macht geschätzt immerhin elf Wochenstunden. Wird aber gezählt wie fünfunddreißig. Wenn das nicht griechische Zustände sind?

Kann ich gut, die griechische Woche gefällt mir. Geht auch als Alleinerzieher, wenn zum Beispiel die Mutter meiner Kinder Dienst hat, auf Fortbildung ist oder in Fernost Humanitärmedizin betreibt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Kollateraltröpfchen

Hallo Herr Redakteur!

Gestern waren wir in der Oper von Toulon, meine Frau und ich. Wir haben Contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen – von Jacques Offenbach gesehen und ich mußte an Sie denken. Nein, nicht wirklich an Sie direkt, sondern an ein Interview in ZEIT ONLINE. Herr Daschner wurde interviewt von Nicola Meier vielleicht haben Sie es ja selbst gelesen. Herr Daschner ist ein alter Bekannter für mich. In meinen jungen Jahren im Beruf war er der Spezialist der Hygiene im allgemeinen und der Antibiotherapie im Speziellen. Als AiP hatte ich ihn immer in der Kitteltasche. Antibiotika am Krankenbett. Und offenbar ist er immer noch der Spezialist.

Gestern in der Oper mußte ich an dieses Interview denken. Was Händewaschen angeht, ist der Mann ein Ferkel. Sagt Herr Daschner.

Im Rahmen unseres Abonnements sitzen wir im Parkett. Das ist fast so wie im Kino. Man kann den Kopf anlehnen. Geradeaus nach vorne ist die Bühne. Früher saßen wir immer oben irgendwo. Das ist zu kurz an den Knien und ohne Anlehnen am Kopf. Die Bühne zudem schräg rechts oder links. Am Ende immer schreckliche Kopfschmerzen vor lauter Verspannung. Und der Hitze wegen. Sie haben diese Oper gerade erst über ein ganzes Jahr renoviert, aber die Klimaanlage vergessen oder weggelassen. Bestimmt gab es für das Weglassen der Klimaanlage eine Öko-Plakette. Oben auf den billigen Plätzen sammelt sich die Hitze. Und die Ausdünstungen der Herrschaften unten auf den teuren Parkettplätzen. Oben muß man auch immer gucken. Zumindest auf diesen seitlichen Plätzen kann man nicht mal kurz die Augen zumachen, weil man sich ja im Blickwinkel eines Nachbarn befindet. Macht einen schlechten Eindruck, wenn man in der Oper dämmert. Geht oben ohnehin nur ganz schlecht, weil man den Kopf ja nicht anlehnen kann.

Das alles ist unten besser. Parkett, I1 und I3, mittendrin. Die Lehnen ein bißchen speckig. Roter, speckiger Samt. Samtimitation vermutlich, Polyester. Um einen herum nur Senioren. Weißhaarig. Hunderte, Tausende haben ihre weißen Schöpfe schon an diese Lehnen gelehnt. Nicht wirklich appetitlich der Gedanke. Findet Herr Daschner auch. Ein bißchen so wie im D-Zug.

In der Pause rennen wir immer mit den Ersten aus dem Saal. Eine halbe Etage weiter oben gibt es einen Festsaal mit einer Art Bar in einer Ecke. Mehr ein improvisierter Ausschank mit sozialistischem Charme. Minimalistisch. Nur drei Bedienungen, die natürlich in dieser Viertelstunde Pause hoffnungslos überlastet sind. Und in ihrer Überforderung sozialistischen Charme versprühen. Minimalistischen Charme. Wenn man nicht zu den Ersten an diesem Ausschank gehört, hat man seinen Sekt erst, wenn die Pause schon fast wieder zu Ende ist. Die Senioren drängen sich mit harten Ellenbogen wie die Schweine am Trog. Es gibt Wasser mit und ohne Kohlensäure, diverse Fruchtsäfte, ein paar Sorten Zuckerbrauselösungen und Champagner. Fünf Euro fünfzig die Schale Champagner. Wir trinken jeder eine Schale.

Nach dem Sekt gehe ich fast immer auf Toilette. Nichts ist blöder, wenn man unten, den Kopf schön angelehnt an etwas speckigen Lehnen unter Sekteinfluß die Augen einen Moment, einen Moment nur, zumachen möchte und dann erst merkt, daß die Blase zu voll ist. Wenn es ganz schlimm kommt, kann man an gar nichts anderes mehr denken als an seine volle Blase. Man kann nicht mehr zuhören, geschweige denn die Augen schließen und ein bißchen wegdämmern. Deswegen immer schnell noch auf Toilette.

Die Tür zur Herrentoilette klemmt etwas beim Öffnen. Wahrscheinlich auch eine Folge der Renovierung. Der Marmorboden ist etwas uneben geraten. Dafür schließt sie automatisch und heftig, mit lautem Knall. Der Federmechanismus der Tür stammt wahrscheinlich aus dem Baumarkt und ist schlecht eingestellt. Gleich hinter der Tür der Vorraum mit einer Waschbeckenzeile in durchgehender Steinplatte. Die Wasserhähne billige Baumarktware, Designermodellen nachempfunden. Alle wackeln im Marmorimitat. Offenbar kamen auch die Installateure aus dem Baumarkt. Links der Waschbeckenzeile ein Klo mit Tür und ein offener Raum mit Pissbeckenzeile. Vier Stück davon, etwas zu dicht nebeneinander. Man kann dem Herren nebenan auf den Pimmel gucken. Mich hemmt das, wenn mir jemand beim Pinkeln zuguckt. Allein die Idee schon, daß neben mir jemand gucken könnte, macht mir akute Prostatahypertrophie. Manchmal werden zwei Herren, zumeist grauhaarig, neben mir fertig, bevor es bei mir zu tröpfeln beginnt. Ältere Herren haben es immer eilig. Oft packen sie ihren Pimmel erst im Wegdrehen wieder richtig ein. Neunzig Prozent aller Toilettenbesucher waschen ihre Hände nicht. Und zerren mit ungewaschenen Händen am Türknauf. Ich wasche meine Hände immer. In der Oper am Designerimitat. Mit Seife aus dem Spender. Ist sogar immer welche drin. Währenddessen verläßt der letzte Senior den Raum. Mit lautem Knall fällt die Tür zu.

In diesem Moment, mit diesem Knall, beginne ich diese Menschen mit Waschzwang zu verstehen. Man kann diesen Türknauf nicht anfassen. Da klebt Urin dran. Auch wenn die Herren den Tropfen, der ihnen zwischen die Finger gekommen ist, schnell an ihrer Hose abgewischt haben. Spuren ihrer Ausscheidungen kleben an diesem Türknauf. Spuren Hunderter von Tröpfchen. Das kann ich nicht anfassen. Die Tropfen sieht man natürlich nicht. Aber ich weiß davon. Ich habe ja gerade erst den Mechanismus gesehen. Aus nächster Anschauung. Männer, die sich den letzten Tropfen vom Pimmel schütteln. Kollateraltröpfchen an den Fingern. Und jetzt zwangsläufig am Türknauf. Weil sich kaum einer die Hände wäscht vor lauter Eile. Eine Tür, die klemmt und nach innen aufgeht. Ginge sie nach außen auf, zum Flur hin, könnte ich sie ja einfach mit dem Fuß aufschieben. Ich kann das nicht anfassen! Wenn wenigstens auf dem Flur dahinter noch ein Waschbecken wäre! Oder ich Einmalhandschuhe aus dem Krankenhaus dabeihätte. Oder ein Tempo, irgendwas, womit ich diesen Türknauf ohne Direktkontakt anfassen könnte. An der Waschzeile gibt es – ganz ökologisch, das muß ein Unikat sein an der gesamten Côte d’Azur – keine Papierhandtuchspender, sondern so einen Handtuch-Bandautomaten. So ein Ding, aus dem man einen halben Meter frisches Handtuch zieht und gleichzeitig der benutzte Teil des Bandes unten in der Kiste verschwindet. Nichts, was man mitnehmen könnte, nichts, was als Schutz vor Urinspuren geeignet wäre. Ich kann nur auf einen weiteren eiligen Senioren hoffen. Dicht an der Tür warten, reinlassen, Fuß in die Tür und mich retten, bevor sie wieder zuknallt.

Das nächste Mal werde ich eine Packung Tempos dabeihaben. Zumindest eins. Um den Türknauf im Herrenklo anfassen zu können. Aber das nehme ich mir schon seit Jahren vor.

Andererseits gibt es eben die Aussagen von Herrn Daschner bei der ZEIT.  Da spricht er von der überall und massenhaft vorhandenen Mikrobe, die eigentlich nie krankmachend ist. Nicht mal im ICE-Abteil und den zugeschissenen Zugtoiletten. Nur in der offenen Wunde. Sagt Herr Daschner. Ich sollte mich also nicht so anstellen auf dem Opernklo in Toulon. Völlig ungefährlich. Und außerdem völlig normal das mit den Kollateraltröpfchen. Ungefährlich sowieso. Aber auch normal. Auf einem Kongress von Hygienikern haben sie eine Art wissenschaftliche Erhebung durchgeführt, erzählt Herr Daschner in seinem Interview. In den Toiletten des Kongress-Zentrums. Das Resultat: nicht einmal die Hälfte der Teilnehmer, Akademiker immerhin und Spezialisten, was die Mikrobe betrifft, wäscht sich die Hände nach der Toilettenbenutzung. Alles nicht so schlimm also. Normal geradezu.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Französische Hölle

Das reicht nicht für das Paradies. Du mußt in die Hölle. Aber dir bleibt die Wahl zwischen deutscher Hölle und französischer.

Na gut. Wie sieht’s denn in der deutschen Hölle aus?

In der deutschen Hölle gibt es siedendes Öl, glühende Kohle, rostige Nägel unter die Zehennägel, Zangen, Daumenschrauben.

Und was gibt es in der französischen?

In der französischen Hölle gibt es siedendes Öl, glühende Kohle, rostige Nägel unter die Zehennägel, Zangen, Daumenschrauben.

Das ist ja das Gleiche!

Im Prinzip schon, ich würde dir aber die französische empfehlen.

Wieso das, was ist der Unterschied?

In der französischen Hölle gibt es mal kein Öl, mal keine Nägel. Und die Zangen funktionieren auch nicht immer. Manchmal streikt das Personal.

So ähnlich geht der Lieblingswitz meiner Frau.

Im Kino von La-Salle-les-Alpes. La-Salle-les-Alpes liegt in den französischen Alpen, ist Teil des Skigebiets von Serre Chevalier oberhalb von Briançon. Tiefstes Frankreich. Die gut neunhundert ständigen Einwohner von La-Salle-les-Alpes leben vom Tourismus, vor allem Ski-Tourismus. Gegenüber des Centre commercial das Kino, „Le Concorde“, ein zweckmäßiger Bau aus den Sechziger Jahren. Jeden Tag andere Filme. Zwei Säle, zwei Vorstellungen, eine um 18 Uhr, die zweite um 21 Uhr. Vier verschiedene, halbwegs aktuelle Filme, ein richtiges Programm! Bei Schneefall eine weitere Vorstellung um 14:30 Uhr. Wahrscheinlich wird das Kino massiv subventioniert.

Vorgestern, Montag, haben wir „La nuit au musée 3“ gesehen. Er müßte uns darauf hinweisen, daß die Heizung nicht funktionieren würde, sagte der junge Mann an der Kasse. Die aktuelle Raumtemperatur, ergänzte er ungefragt, läge bei zehn Grad. Dafür gebe es alle Plätze zum Kindertarif von 4,50 Euro.

Gestern wollten wir „Paddington“ in der Frühvorstellung um 18 Uhr sehen. Der gleiche junge Mann wies uns wieder darauf hin, daß die Heizung nicht funktionieren würde. Die aktuelle Raumtemperatur präzisierte er – auf Nachfrage – mit „etwa zehn Grad“. Die Plätze gab es zum Einheitstarif von nur noch 3,50 Euro. Zehn Grad kann man eineinhalb Stunden aushalten. Immerhin ist es windstill im Kino.

Um 18:30 Uhr bittet der junge Mann den halb gefüllten Saal um Aufmerksamkeit. „Paddington“ könne er aus „vermutlich“ technischen Gründen nicht starten, weder in diesem Saal noch im anderen. Er würde uns alternativ einen Zeichentrickfilm anbieten – „Les Nouveaux Héros“. Oder den Eintrittspreis zurückerstatten. Bei diesen Worten beginnt sich der Saal zu leeren. Wir bleiben. Eine weitere Viertelstunde später, kurz vor dem Ende des Vorfilms entsteht Tumult im Eingangsbereich hinten. Fluchende Väter, zischende Mütter, quengelnde Kinder. Offenbar war auch die Rückerstattung der Eintrittskarten wegen „vermutlich“ technischer Hindernisse nur teilweise erfolgreich.

Französische Hölle.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Geburtshilfe

Der Klassiker zur Dienstübergabe der Hebammen. Die ganze Nacht kein einziger Hilferuf an den diensthabenden Anästhesisten und kaum ist Philippe da, Philippe die Hebamme, übergewichtiger Gesichtshaarträger, geht es nicht mehr ohne mich. 7:12 Uhr. Eine Zweitgebärende bei drei Zentimetern. Hat sie denn Schmerzen? Ben, oui, sie hat schon etwas Schmerzen. Ich muß mich aus dem Bett in mein Grünzeug quälen, Zähne putzen. Wir teilen unsere Toilette, ein Waschbecken und eine gammelige Duschkabine mit den Intensivmedizinern. Einmal über den Flur. Wenn man Pech hat, putzt sich der Intensivdoktor gerade die Zähne. Keine zehn Minuten später eine Nachricht auf meinem Handy. Von 7:24 Uhr. Ève, die Hebamme, noch übrig aus der Nachtschicht. Nicht mehr nötig, sagt sie. Die Frau hat entbunden. Aha. Geburtshilfe vom Feinsten.

Schlimmer aber noch der Anruf um 2:32 Uhr. Wie ein Eimer Eiswasser im Tiefschlaf. Letzten Sonntag. Von Sébastien, der Hebamme. Kein Gesichtshaar. Elsässer. Besucht manchmal seinen Großvater in Ulm. Und bringt mir Schokolade von Ritter Sport mit. Gibt’s hier nur bei Décathlon. Péridurale für eine Steißlage. Das kann ich einsehen. Entbindung aus Steißlage ist schöner mit Epiduralkatheter. Da kann immer was schiefgehen. Und Schmerzen hat sie auch.

3:43 Uhr schon wieder Sébastien. Wieder Eiswasser! Rhythmusanomalien beim Kind in Steißlage, Kaiserschnitt. Samir aus Syrien ist der Gynäkologe. Nichts gegen Ausländer. Bin selbst einer. Samir aus Syrien macht immer – na ja, oft – zu kurze Kaiserschnitte. Zu kurz in der Bauchdecke, zur kurz in der Gebärmutter. Braucht dann Vakuum oder Zangen, um die Kleinen aus dem Bauch zu zerren. Kostet immer ein paar APGAR-Punkte. Sachichnoch: Mach‘ Deinen Schnitt groß genug! Wenigstens diesmal! Keine Abenteuer mitten in der Nacht! Bitte! Denk‘ an meine Herzkranzgefäße! Wer aber hört schon auf das altkluge Geschwätz des Anästhesisten? Jaja, biensûr, aie confiance! Keine Angst! Und? Das Resultat? Klar, Schnitt zu klein. Reicht für Füße und Bauch. Nicht mehr für das Köpfchen und die Ärmchen. Bei Steißlage kann man sich auch nicht helfen mit Vakuum oder Zangen. Stattdessen großes Metzgern an der Bauchdecke und der Gebärmutter. Das Kind ganz sprachlos. Ganz schlapp. Ganz blaß. Herzfrequenz bei etwa fünfzig. APGAR 2 (in Worten: zwei), würde ich sagen. Wo ist der Kinderarzt? Kein Pädiater! Kein Wunder, t’as vu l’heure? Der muß ja auch erstmal aufstehen. Und dann noch herfahren von Le Pradet. Bis dahin ist das Kind tot. Oder der Anästhesist rettet es. Und zahlt mit seinen Herzkranzgefäßen. Geburtshilfe vom Feinsten.

Samir sagt, die Frau wäre selbst schuld. C’est pas ma faute! Das ist doch nicht mein Fehler! Kaum hätte er in den Uterus geritzt, hätte der sich so richtig kontrahiert. Aber sowas von kontrahiert! Der Uterus. Kann ich was für den Uterus von der Frau? Sowas! Einfach kontrahiert, der Uterus! Kann die Frau nicht ein bißchen aufpassen auf ihren Uterus? Genau um den Hals der Kleinen! Aber ehrlich!

Frage an die gynäkologische Kollegenschaft: Ist das so überraschend? Das mit dem Verhalten der Uterusmuskulatur bei Schnittentbindung? Kann der Gynäkologe das nicht antizipieren?

Ein paar Tage später wieder Kaiserschnitt mit Samir, dem Gynäkologen aus Syrien. Freitag Abend im Provinzkrankenhaus. Zweitgebärende, Termin eigentlich in zwei Wochen. 104 Kilo bei 158 Zentimetern. Seit fünf Uhr nachmittags im Krankenhaus. Blasensprung wohl. Was weiß ich. Geburtseinleitung eben. Bei der vaginalen Untersuchung findet Magali, die Hebamme, so eine komische Beule. Keine Ahnung, was das ist, sagt sie. Da muß der Samir mal mit dem Sono gucken. Indikation zum Kaiserschnitt 18:32 Uhr. Warum? Steißlage! Magali braucht Samirs Sono, um eine Steißlage zu erkennen! Wow! Hat Magali nicht Hebamme gelernt? Außerdem Rhythmusstörungen beim Kind. Aber das sagen sie immer, damit’s ein bißchen schneller geht. Hop-hop-hop quasi. Und natürlich so kurz vor dem Schichtwechsel sowieso. Schichtwechsel ist um 19:00 Uhr. Hop-hop-hop.

Lieber Samir, mach‘ bitte den Schnitt lang genug. Bitte! Denk‘ an meine Koronarien! – Große Frau, große Narbe, fällt Samir dazu ein. – Nein, Samir, das meine ich nicht. Die Narbe auf dem Bauch ist mir scheißegal. Den Schnitt im Uterus meine ich. Der muß lang genug sein. Für den APGAR vom Baby. Und meine Koronarien! – Okay, okay, sagt er. Aber es klingt wie ein Adoleszenten-Jaja. Schnitt kurz vor sieben. Samir hat sich zwei Hebammen an den Tisch geholt! Philippe und Nacima. Zwei Hebammen in grün und steril gewaschen. Sonst gibt’s immer nur eine. Weil die Frau so dick ist, sagt Samir. Aha! Großer Schnitt im Bauch, großer Schnitt auch im Uterus. Danke, Samir! Aber was ist das denn? So ein Gewusel! Finger, Zehen, Hände, Füße! Und soviele davon! Weiß man gar nicht, wo man anpacken soll! Jetzt muß Philippe ran. Mit seinen starken Armen kann er das Loch mit dem Gewusel besser aufhalten als Nacima. So kann Samir wenigstens mal reingreifen und umrühren. Irgendwann wird in dem ganzen glitschigen Gewusel schon was auftauchen, was man richtig anpacken kann. Wahrscheinlich wird Samir schon ein bißchen panisch. Tunnelblick. Wenn das eine Hand ist, muß der Kopf da sein. Mehr rechts der Kopf also. Oder oben. Ist das eine Hand? Was ist rechts? Oben? Chadia! Chadia ist seine Kollegin, aus dem Libanon, die ihn immer wieder retten muß. Chadia! Wo ist Chadia? Samirs Problem ist nicht der zu kleine Schnitt. Nicht nur. Samirs Problem sind auch überraschende anatomische Strukturen. Zehen, Finger, Hände, Füße.

Am Ende gibt’s dann immerhin eine ordentliche Portion Nalador. Das steigert den Tonus der Uterusmuskulaur (glaube ich) und stabilisiert die Psyche handwerklich mittelmäßig begabter Gynäkologen. Außerdem vermuten handwerklich mittelmäßig begabte Gynäkologen eine schleimhautprotektive Aktivität im Gastrointestinaltrakt ihrer anästhesiologischen Kollegen. Wenn sie uns, in lichten Momenten, überhaupt als Kollegen wahrnehmen. Wenn sie überhaupt was anderes als sich selbst wahrzunehmen in der Lage sind.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


 

Harissa

3:06 Uhr die sage-femme. Petite primi demandeuse d’une péridurale. Bis dahin Vollmondnacht. Erst zu lange im Internet. ZEIT vorwiegend und SPIEGEL. Ich lese sogar Beiträge wie „Frauen sind auch nur Männer“. 57 Prozent der Männer gehen fremd. Zum Fremdgehen gehören meist auch Frauen. Logisch eigentlich. Nur 47 Prozent geben es aber zu. Viel mehr aber würden mit dem Gedanken an einen Seitensprung spielen. Fast alle eigentlich. So wie Männer eben. Erziehung und soziale Konventionen würden sie eher abhalten. Die Frauen eher abhalten als die Männer. Schreibt der SPIEGEL. Am Ende finde ich mich bei den Autonachrichten bei Spiegel. Häßlicher Protz-BMW mit fast sechshundert PS. Wenn ich bei den Autonachrichten von SPIEGEL ONLINE angekommen bin, weiß ich, daß ich reif bin fürs Bett. Auch wenn es erst neun Uhr abends ist.

Kurz noch über Maternité. Meine Péridurale von kurz vor sieben Uhr abends bei acht Zentimetern. Drei weibliche Hebammen, Céline, Cécile und noch eine, deren Name mir nicht einfällt. Irgendwas wie Harissa. Ist aber nicht Harissa. Die Frau hat ohnehin überhaupt nicht nichts Scharfes. Aber ich komme nicht auf den Namen. Bleibe an Harissa hängen. Maghrebinischer Hintergrund jedenfalls. Cécile hat ihre Lippen knallrot gefärbt. Ist das gerade modern? Und sagt, sie müßte immer rülpsen. Und zwar auf Berührung am rechten Handgelenk. Aha. Streicht sich über das rechte Handgelenk und rülpst ein Rülpserchen. Sehr interessant. Und gleich noch eins. Ist die Frau eines Gynäkologen, der bis vor einem Jahr bei uns war. Sie hat lange nicht gearbeitet wegen Fibromyalgie. Sagte der Gatte damals. Bestätigt meine Vorurteile gegen Leute mit Fibromyalgie. Das ist eine Notdiagnose für Leute mit Knall. Drei Frauen also, es könnte schlimmer gekommen sein. Kein Philippe, kein Jérôme. Auch nicht Marie oder Séverine.

Ab ins Bett. Noch was lesen. Ich habe „Kapuzinergruft“ von Joseph Roth angefangen. Gibt es für null Euro auf den kindle. Die Fortsetzung zu „Radetzkymarsch“. Schöne Sprache, Anfang letztes Jahrhundert. Österreich unter Franz Josef. Der Großvater rettet dem Kaiser das Leben, wird dafür geadelt. Der Vater angesehener Bezirkshauptmeister, der Sohn versagt beim Militär, obwohl der Großvater dem Kaiser das Leben gerettet hat, fällt in den frühen Tagen des ersten Weltkriegs. Frauen spielen nur gelegentlich eine Rolle. Schwache Gesundheit, sterben früh.

Glas Rotwein, Licht aus um halb elf. Das Glas Rotwein soll gegen den Vollmond im Kopf helfen. Vollmond war vorgestern. Manchmal fühlen sich Nächte wie Vollmondnächte an. Im Dienst sowieso. Auch ohne wirklichen Vollmond.

Halb eins Vollmond. Wach irgendwie, aber vermutlich sogar für ein Sudoku zu blöde im Kopf. Geschweige denn Joseph Roth. Wie Harissa wirklich heißt, fällt mir immer noch nicht ein. Wach irgendwie, keines wirklichen Gedankens fähig. Somnolenz im Dunkeln. Mein Zweitgeborener hatte gestern seinen neunzehnten Geburtstag. Hatte keine Wünsche. Außer vielleicht ein paar Hosen. Für seine Mutter ist ein Geburtstag ohne Geschenke kein richtiger Geburtstag. Ein paar Hosen also. Ein schöner Kugelschreiber. Und ein Wecker. Super-Sonic oder so. Weil er noch immer nicht alleine aus dem Bett kommt. Na ja, einmal von zwanzig vielleicht. Jetzt hat er eine Maschine, mit der er das ganze Haus wach kriegt. Und die Nachbarschaft dazu vermutlich. Er hat sich selbst einen Stapel Mathebücher von Amazon geschenkt. Übungen. Weil er so schlecht ist in Mathe. 6,7 im ersten Semester. Und sich nicht helfen lassen will. Zu stolz, zu cool. Ich kann ihm nicht helfen. Mathe war ich noch nie gut. Schon gar nicht auf diesem Niveau. Und er will meine Ratschläge zu punktgenauer Nachhilfe nicht. Logisch. Hätte ich Ratschläge von meinem Vater gewollt? Ich hätte meinem Vater nicht einmal zugehört. Vermutlich hört mir mein Sohn auch nicht zu. Ich sehe ihn untergehen in seiner Prépa und kann ihm nicht helfen. Vollmond.

Bis 3:06 Uhr. Nacima! Harissa ist Nacima. Petite primi demandeuse d’une péridurale. Die petite primi ist taub. Der Mann dazu auch. Deswegen hat Nacima die CTG-Maschine ganz laut gestellt. Die Primi und ihr Mann hören aber trotzdem nichts. Können von den Lippen lesen. Weiß ich. Ich habe die ganze Familie in den Consultations gesehen. Mutter, Tochter, Schwiegersohn. Alle taub. Dafür hat Nacima kein EKG angeschlossen und keinen Blutdruck. Fällt mir aber auch erst nach der Testdosis auf. Vollmond im Kopf.

Danach will Cécile eine petite péridurale für ihre Primi in Salle une. Die Lippen sind inzwischen nicht mehr so rot. Ich bin versucht, sie zu provozieren wegen ihrer blöden Bäuerchen vorhin. Welche Art viszeraler Reflexe denn taktile Reize ihres linken Handgelenks auslösen würden, zum Beispiel. Aber Cécile interessiert mich dann doch viel zu wenig. Petite péri und zurück ins Bett.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Trüffelmarkt in Aups

Meine Frau wird nächste Woche in einer Familienangelegenheit nach Deutschland reisen und unter anderem ihren Cousin treffen. Der Cousin ist ambitionierter Profi-Hobbykoch. Er ist Oberkochbruder eines Kochclubs mit elitärem Anspruch. Meine Frau will ihn mit schwarzem Trüffel aus der Provence beeindrucken. Trüffel gibt es in Aups. Dort findet jeden Donnerstag Morgen von Ende November bis Ende Februar Marché aux Truffes statt, Trüffel-Markt. Frankreichweit der drittgrößte.

Aups liegt im Hinterland, mitten in dem, was man Provence nennt, da, wo die Zikade wohnt, die Pinie duftet und die Platane Schatten über Alleen und Marktplätzen spendet. Aups ist ein provençalisches Dorf wie aus dem Bilderbuch. Eine gute Stunde mit dem Auto von Toulon. Ich muß fahren, weil meine Frau bis nächste Woche keine Zeit hat.

Am Donnerstag Morgen Mitte Januar muß das Dorf ohne Zikaden auskommen. Temperaturen in Gefrierpunktnähe. 8:06 Uhr am Marktplatz nach einer Stunde und siebzehn Minuten durch Nebelbänke auf kurvigen Départementalstraßen. Wie ausgestorben der Platz. Erstaunlich. Wenn bei uns Markttag ist, sind die ersten Stände um halb acht fertig aufgebaut. Hier findet sich außer mir nur ein Müllmann in knallgrüner Leuchtweste. Schraubt was an seinem Müllwagen. Auf dem Behinderten-Parkplatz direkt vor dem Rathaus. Die Cafés am Platz alle geschlossen. Kein Trüffelhändler weit und breit. Ein Senior in Morgenmantel mit hochgeschlagenem Kragen und graubraunen Filzpantoffeln. Keine Socken. Blaue Äderchen am Knöchel. Baguette unter dem Arm, Kippe im Mundwinkel. Baskenmütze. Wie aus dem Bilderbuch. Vermutlich aber kein Trüffelhändler.

Marché aux truffes de 9:30 heures à 12:00 heures steht auf einem Zettel im Schaufenster des Office de tourisme links unten im Rathaus. Wahrscheinlich ist das ernst gemeint. Paßt nicht wirklich in meine Strategie.

Meine Strategie hat mit provençalischer Bilderbuchidylle nichts zu tun. Mein Strategie war knapp und teutonisch effizient: Vorfahren in Aups und dem erstbesten Trüffelhändler, der seinen Stand aufbaut, zweihundert Gramm Knollen abkaufen und wieder wegfahren. Zackzack! Zum Frühstück der Kinder, die heute keine Schule haben, wieder zuhause. So hätte das bei uns im Dorf funktioniert. So mache ich das immer. Im Rahmen meiner strategischen Vorgaben hätte der erstbeste Trüffelhändler seinen Auftritt spätestens um 8:00 Uhr haben müssen.

Plan B.

Warten in arktischer Kälte. Bei laufendem Motor. Was? Tut mir leid, soll ich bei arktischer Kälte erfrieren? Vier Halbwaisen hinterlassen? Was soll ich denn machen, wenn die provençalische Bilderbuchidylle ohne Café und Zikade auskommen muß? Um halb neun ist der Müllman weg. Ein weißer Lieferwagen fährt vor. Parkt direkt vor mir. Der Fahrer baut lustlos und in Zeitlupe seinen Stand auf. Tische, Kisten. Decken auf Tische und Kisten. Ein Klappstuhl. Zwei Schirme über Tischen, Kisten und Klappstuhl. Schirme! Die Zikade wird für 10:30 Uhr erwartet. Oder Regen? Wohl kaum, der Himmel immerhin ist der aus der Postkarte zur provençalischen Bilderbuchidylle. Die Schirme vermutlich auch. Kein Himmel ohne Schirme. Der Mann mit den Schirmen kann auf Ansprache Bonjour sagen und Bonne année. Jedoch, leider, nein, er ist nicht der Trüffelhändler. Er wird Blumen verkaufen. Die Trüffelhändler kommen aber noch, wird nicht mehr lange dauern.

Kurz nach neun kommt tatsächlich Leben in die Szene. Meist ältere Herrschaften, oft Ehepaare, bauen kleine Klapptische auf, legen bunte Wachstuch-Decken darüber, stellen geflochtene Körbchen darauf. Leere Körbchen. Und digitale Präzisionswaagen. Sie kennen sich alle, grüßen mit Küßchen links-rechts-links, bonne année, nur das Beste, langes Leben, Glück, Reichtum und Zufriedenheit, vor allem aber Gesundheit! Sie haben sich viel zu erzählen, als hätten sie nicht mehr gesehen seit Weihnachten. Das ist Markttag in Südfrankreich wie man sich das vorstellt. Eine dieser Szenen aus der provençalischen Bilderbuchidylle. Die Szene kenne ich. Fehlen die Touristen, die frisierten Mopeds, die Zikaden. Fehlen vor allem die Trüffelknollen. Die finden sich vermutlich in den Plastiktüten unter den nett dekorierten Klapptischchen. Ich habe kalte Füße und Hände und will zurück in meinen Plan A. Kaufen und weg.

Außer einer achtköpfigen Touristengruppe aus Holland mit lokalem Reiseführer und drei oder vier Einzelkäufern keine Kunden außer mir. Wir stehen mit im Rund der Klapptische, treten fröstelnd von einem Bein aufs andere und haben uns angelächelt. Der Reiseführer sagt was auf Holländisch. Er kennt das schon. Geht wohl gleich los.

Punktgenau 9:30 Uhr betritt ein unscheinbar Uniformierter die Szene. Voilà! Mit einer Tröte. Er trötet einmal und ruft: Le marché est ouvert! Der Markt ist eröffnet. Auch das ist Frankreich. Sie haben Elemente aus der Monarchie bis in die Jetztzeit mitgenommen. Am liebsten hätten sie noch einen Ludwig in Versailles sitzen. Nur um ihm früher oder später unzufrieden und öffentlich den Kopf abzuhacken und im gleichen Atemzug den nächsten Ludwig jubelnd nach Versailles zu bringen. Es lebe der König! Der Markt ist eröffnet.

Die Tröte ist das Signal für die älteren Ehepaare. Aus den Plastiktüten unter den Klapptischen werden Trüffelknollen in die Körbchen drapiert. Die Einzelkunden und die Touristengruppe schlendern von Klapptisch zu Klapptisch. Tasten, reiben, schnüffeln.

Ein Typ in brauner Lederjacke spricht mich an. Ob ich Trüffel kaufen wollte. Klar, wofür sonst bin ich denn hier? Er hätte da welche in seiner Tüte. Tüte, welche Tüte? Die Tüte ist unter der Jacke versteckt. Dreihundert Gramm schwarze Trüffel, sagt er. Fünfhundert Euro das Kilo. Das ist relativ günstig. Er hätte allerdings keinen Tisch hier. Der Standgebühren wegen. Zur Abwicklung müßten wir zudem von hier verschwinden, den anderen Händlern würde das nicht so gefallen. Schwarzhandel in Nebenstraßen – das kenne ich von früher. Aus meinem Studium nicht weit von Sibirien. Im schlimmsten Fall bleibt man physisch beschädigt und ohne Geld zurück. Manchmal bekam man eine Rolle straff gewickeltes Zeitungspapier statt eines Packens Drittweltwährung für seinen schönen Hundert-Dollar-Schein. Oder eine gefälschte Tausend-Zloty-Note. Kenn‘ ich. Der hier will mir vermutlich ein Säckchen gammelige Kartoffeln verkaufen. Ich würde vielleicht auf sein Angebot zurückkommen, gerne aber zunächst die Ware der Konkurrenz begutachten.

Plan B ist letztendlich auch nicht so schlecht. Interessant. Die Kinder können auch ohne mich frühstücken.

Noch nie hatte ich soviel Muße, das Angebot wirklich zu studieren. Ich darf die Knollen anfassen, kleine Scheibchen abschneiden, sie in der Hand wärmen, das Aroma aufnehmen. Ein Dutzend Tischchen mit Deckchen und Körbchen. Präzisionswaagen, die Milligramm direkt in Euro und Cent umrechnen. Bilder in Klarsichthüllen vom Trüffelschwein, vom Trüffelhund neben den Körbchen mit den Knollen. Mit dem Besitzer am anderen Ende der Leine. Als Beweis der Authenzität quasi. Jeder ist der einzig Ehrliche, alle anderen Halsabschneider. Unter uns, sagen sie. Die, deren Kilogramm tausend Euro kosten soll, haben eben einfach den schwärzesten Trüffel. Sagen diese. Trüffel für sechshundert ist entweder alt oder nicht richtig schwarz. Wenn einer tausend haben will, hat er ihn selbst billig gekauft, alt oder nicht wirklich schwarz, und will ihn mit richtig Gewinn verkaufen. Sagen die anderen.

Am Ende bleibt es für den Laien Zufall. Intuition. Oder so. Die Form der Knollen, die Zwischenmenschlichkeit zum Schweineführer. Der Preis. Der Profi kauft vermutlich ohnehin woanders. Vermutlich ohne das Rahmenprogramm provençalischer Bilderbuchidylle.

Die Hälfte der Knollen wird meine Frau nach Deutschland mitnehmen. Als Geschenk für den Cousin. Die andere Hälfte ist für zuhause. Mein Zweitgeborener, dessen Toleranzgrenzen die kulinarischen Optionen der versorgenden Eltern typischerweise in äußerst knappem Rahmen halten, träumt von Trüffel-Rührei. Immerhin.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Dieser Text erschien in einer gekürzten Version am 27. Januar 2015 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015-01/trueffel-markt-aups)


Übersetzt ins Französische – Choisir la truffe au pifomètre erschien der Leserartikel seinerseits in der Beilage – La Provence vue par la presse étrangère – von N° 1288 des Courrier international vom 9. Juli 2015.

Meilleurs vœux

Freitag

Hierzulande, wo sich die Menschen etwas extrovertierter geben, mediterraner eben, wünscht man sich zum Jahreswechsel nicht nur pauschal alles Gute oder ein Schönes Neues. Die besten Wünsche – meilleurs vœux – werden gerne noch in allerlei Details präzisiert: Glück, Zufriedenheit, Geld, Kindersegen zum Beispiel. Erst die Wünsche, dann die Küsse. Kolleginnen und Kollegen, Schwestern, Pfleger, Hebammen, die Telefonistin, Hilfspflegerinnen, alle. Sogar die Oberschwester und Damen aus der Verwaltung. Damen, die mir völlig unbekannt sind, die sich sonst vermutlich hinter Türen der Teppichbodenflure verstecken. Sieht man ganz selten. Verwaltung eben. Sagen mir wegen meines Kittels Bonjour. Und, des kürzlichen Jahreswechsles wegen, bonne année. Denken sich, das muss einer der Doktoren sein, den sie verwalten. Werden umgehend geküßt. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Sermon zum neuen Jahr muss, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jahren, noch nicht wirklich dahinter gekommen, ob dieses Ritual bestimmten Regeln folgt, es muss aber mit der Gesundheit enden. Man kann den Lottogewinn anbringen, ein neues Auto, Erfüllung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Surtout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuversicht und Herz in die Augen gucken. Mit manchen Schwestern und Hebammen ist das nett. Das Wünschen und die terminalen Küßchen links, rechts, mit dezentem Anfassen. Oberarm, Unterarm, Taille. Wo’s gerade passt. Nett, insbesondere, wenn die Augen nett gucken. Ganz dicht ran, Wange an Wange, einatmen, riecht oft gut, Küsschen.

Kollateral muss man auch manche Männer küssen. Bernard. Chef der Viszeralchirurgen. Noch-Chef. Geht dieses Jahr in Rente. Bernard ist leider meist unrasiert. Ungewaschen. Sein Bad zu Weihnachten ist auch schon einen guten Monat alt. Okay, ich übertreibe etwas. Massiver Zahnstein aber, Essenreste. Olfaktives Feuerwerk. Um es mal positiv auszudrücken. Ich habe mir für dieses Jahr eine positive Ausstrahlung vorgenommen, übrigens. Aktive Positivierung. Am liebsten begrüße ich ihn normalerweise von einem zum anderen Flurende. Nur zum Geburtstag und wenn es sich durch unglückliche zeitlich-räumliche Konstellationen gar nicht vermeiden lässt, geben wir uns die Hand, seine ist so eine kraftlos-schwammig-weiche. Die sich zudem noch irgendwie klamm anfühlt. Manchmal erwischt er mich in meinem Büro, um mir weitschweifig von irgendwelchen unglaublich interessanten Fällen auf seiner Station zu erzählen und meine Meinung dazu zu hören. Versteckte Blindärme, entzündete Divertikel, versoffene Bauchspeicheldrüsen. Meine Meinung entspricht meistens seiner, einfach weil er so aus dem Mund und überhaupt nicht gut riecht. Schwierig nur, wenn er mir mehrere Meinungen anbietet und jede einzelne hinsichtlich ihrer anästhesiologischen Relevanz diskutiert haben möchte. Aber er ist eben der Chef. Vor Jahren mußte er mich zudem als Chef der Commission médicale d’Établissement zum Beamten wählen. Hat er trotz anfänglicher Bedenken gemacht. Dafür bin ich ihm dankbar. Und er ist älter als ich. Alter wird respektiert. Er duzt mich, ich sieze ihn.

An seinem ersten Arbeitstag im neuen Jahr erwischt er mich kalt. Auf dem Flur seiner Station laufe ich ihm geradewegs in die Arme. Er nimmt die Brille ab. Das ist das Zeichen. Wenn ich die Brille abnehme, weiss auch die Telefonistin, dass sie jetzt geküsst werden wird. Und gerät ins Stottern. Sowas! Wird sogar ein bisschen rot. Nehme ich auch persönlich. Positiv persönlich. Bernard hat also die Brille abgenommen. Muss ich also durch mit den Küssen. Definitiv. Es gibt außer Küssen keinen Grund, mitten auf dem Stationsflur die Brille abzunehmen. Küsschen mit Bernard treiben mir die Tränen in die Augen. Das olfaktive Feuerwerk. Aus unmittelbarer Nähe ein Potential wie Ammoniak. Meine Tränen nimmt er sicher persönlich. Positiv persönlich offenbar. Dafür gleich nochmal. Ich habe ihn schon letztes Jahr geküsst. Und das vorvorletzte. In all den Jahren vor und nach meiner Wahl zum Beamten. Wahrscheinlich erinnert er sich daran. Dieses wird das letzte Mal gewesen sein.

Céline, die Stationsschwester, macht den Neues-Jahr-Zauber mit Bernard trotz bekannter Letztmaligkeit ohne Anfassen und ohne Küssen. Das ist mutig. Geht eigentlich nicht. Bernard ist immerhin der Chef. Und hat die Brille abgenommen, mitten auf dem Flur, sich leicht vorgebeugt. Die Lippen zum Küßchen gespitzt. Mutig von Céline, aber verständlich. Vermutlich der Essensreste wegen. Oder sie hat von seiner Ammokinak-Aura schon bei der Übergabe gehört. Lässt sogar die Gesundheit aus. Hat zufällig gerade beide Hände voll. Ganz zufällig. 28 Fenster geht’s nicht so gut, nuschelt sie schnell. Und der arme Bernard bleibt ohne Brille kurzsichtig stehen. Tut er mir fast leid.

Montag. Dienst.

Meine Runde über die Stationen habe ich hinter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereifter Blinddarm von Bernard in der Notaufnahme. Ich langweile mich. Abstecher in den Kreißsaal. Keine Erstgebärende im Kreisssaal, die nach einem Periduralkatheter schreit. Nadja, Laetitia und Philippe langweilen sich auch. Philippe? Wir haben ziemlich viele Männer bei den Hebammen. Philippe, Sébastien, Wilfried und Jérôme. Beruf: Maïeuticien. Der Begriff für die männliche Hebamme. Seit ein paar Jahren Teil meines aktiven Wortschatzes. Ich habe zusätzlich bei wikipedia nachgelesen. Entbindungspfleger heißen sie in Deutschland. Hebamme in Österreich auch die männlichen Vertreter. 2013 keine männliche Hebamme in Österreich. Drei in ganz Deutschland. Wir haben vier. An meiner Provinzklitsche! Darunter Philippe. Dicklicher Gesichtshaarträger. Vollbart. Kopftuchfrauen sollen sich mal nicht so anstellen. Wird ihnen und ihren Männern gleich bei der Aufnahme verkündet. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Liberté und Égalité. Vielleicht passt das sogar zur Fraternité. Finde ich persönlich auch ziemlich grenzwertig. Während meiner Karriere damals, Ende des letzten Jahrtausends in katholischen Krankenhäusern im östlichen Westfalen, waren männliche Hebammen kategorisch undenkbar. Philippe jedenfalls mag ich nicht so. Nicht wegen des Übergewichts oder der Gesichtsbehaarung. Vielleicht ein Vorurteil. Philippe war mal in Indien für ein paar Monate Auszeit. Ich hatte gehofft, er würde einfach dort bleiben und in langfristiger Suche nach Erleuchtung verharren. Und dann war er doch wieder da. Ohne Erleuchtung, wie mir scheint. Wird nicht geküsst. Es gibt Grenzen.

Und Serge. Serge lasse auch ich aus mit dem Küssen. Schönes Neues, beste Wünsche, gute Gesundheit. Die Kurzfassung. Serge ist Pritschenschieber. Hat nur Ficken im Kopf. Ficken ist nicht meine Wortwahl, ist Bestandteil seines aktiven Sprachwortschatzes in Deutsch. Serge war vor Jahren mit seiner Collège-Klasse auf Austausch in Mannheim. Ischlibbedisch hat er außerdem gelernt und willsdumimmirschlaffän. Das ist Serge pur. Allerdings kann Serge dazu auch Politik. Fragt mich immer, wann ich Angela zum letzten Mal so richtig rangenommen hätte. Findet er rasend originell. Ein Joke, der mit zunehmendem Alter an Würze zu gewinnen scheint. Basalfranzose. Tut so, als hätte er schon alle gehabt im Centre hospitalier und in der Stadt dazu. Und ich nur Angela. Vermutlich. Aber immerhin. Er dafür alle anderen, die halbwegs was hermachen. Angela und ich lassen uns andererseits nicht erwischen, sage ich dann. Nicht so, wie Serges unglücklicher Präsident [damals François Hollande]. Der sich mit einer Schauspielerin auf dem Mofa fotografieren lässt. Abends. Croissants vom Bodyguard zum Frühstück. Wieder Fotos. Serge findet das cool.

Dafür Laetitia. Laetitia küsse ich gerne. Sie sieht aus, als wäre sie mal Model gewesen. Guckt auch sehr nett. Ich nehme das persönlich. Obwohl sie vermutlich jeden nett anguckt. Trägt etwas zuviel von zu billigem Parfum auf. Egal. Sie hat ein Haus gekauft mit ihrem Mann letztes Jahr, nicht weit vom Meer, Weihnachten war diesmal etwas knapper im Budget wohl. Egal. Ein gutes neues Jahr! Die besten Wünsche! Und – vor allem – Gesundheit! Santé!

Bonne année!

Modifizierter Vorschlag von für die Januar-Ausgabe 2016 des Riviera-Magazins. Um im Rahmen von 3.500 Zeichen zu bleiben:

Hierzulande, wo sich die Menschen etwas extrovertierter geben, mediterraner eben, wünscht man sich zum Jahreswechsel nicht nur pauschal alles Gute oder ein Schönes Neues. Die besten Wünsche – meilleurs vœux – werden gerne noch in allerlei Details präzisiert: Glück, Zufriedenheit, Geld, Kindersegen zum Beispiel. Wünsche und Küsse. Kolleginnen und Kollegen, Schwestern, Pfleger, Hebammen, die Telefonistin, Hilfspflegerinnen, alle werden bewünscht und geküsst. Sogar die Oberschwester und Damen aus der Verwaltung. Damen, die ich nur vom Sehen kenne, die sich sonst hinter Türen der Teppichbodenflure verstecken. Sieht man ganz selten. Verwaltung eben. Sagen mir wegen meines Kittels Bonjour. Denken sich, das muß einer der Doktoren sein, den sie verwalten. In Zivilkleidung würden sie mich maximal für einen Patienten halten. Wünschen mir auch, des kürzlichen Jahreswechsles wegen, bonne année. Werden umgehend geküsst. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Text zum neuen Jahr muß, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jahren, noch nicht wirklich dahinter gekommen, ob dieses Ritual bestimmten Regeln folgt, es muß aber mit der Gesundheit enden. Man kann den Lottogewinn anbringen, ein neues Auto, Erfüllung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Surtout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuversicht und Herz in die Augen gucken. Mit manchen Schwestern und Hebammen ist das nett. Das Wünschen und die Küßchen links, rechts. Vor allem, wenn sie nett gucken. Zum neuen Jahr gucken sie fast alle nett. Später gibt sich das wieder. Ganz dicht ran, Wange an Wange, riecht oft gut, Küßchen.

Kollateral muß man auch manche Männer küssen. Xavier. Chef der Bauchchirurgie. Noch-Chef. Xavier geht bald in Rente. Ist leider meist unrasiert. Oft ungeduscht. Sein Bad zu Weihnachten ist auch schon einen knappen Monat alt. Okay, ich übertreibe etwas. Seine Aura gleicht einem olfaktiven Feuerwerk. Am liebsten begrüße ich ihn normalerweise von einem zum anderen Flurende. Nur zu Geburtstag und Jahreswechsel riskiere ich Körperkontakt.

Montag. Dienst.

Meine Runde über die Stationen habe ich hinter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereifter Blinddarm von Xavier in der Notaufnahme. Abstecher in den Kreißsaal. Keine Erstgebärende im Kreißsaal, die nach einem Periduralkatheter schreit. Nadja, Laetitia und Philippe langweilen sich auch. Philippe? Wir haben ziemlich viele Männer bei den Hebammen. Philippe, Sébastien, Wilfried und Jérôme. Beruf: Maïeuticien. Entbindungspfleger heißen sie in Deutschland. Hebamme in Österreich auch die männlichen Vertreter. 2013 keiner in Österreich, drei in ganz Deutschland. Wir haben vier! Und das in tiefster Provinz! Darunter Philippe. Vollbart. Übergewicht. Kopftuchfrauen sollen sich mal nicht so anstellen. Wird ihnen und ihren Männern gleich bei der Aufnahme verkündet. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Liberté und Égalité. Vielleicht paßt das sogar zur Fraternité. Finde ich persönlich auch eher gewöhnungsbedürftig. Würde mir als werdendem Vater auch nicht gefallen. Aber vielleicht bin ich in dieser Hinsicht etwas konservativ. Philippe jedenfalls mag ich nicht so. Ihm mangelt ein bißchen an professioneller Dynamik. Philippe war mal in Indien für ein paar Monate Auszeit. Ich hatte gehofft, er würde einfach dort bleiben und in langfristiger Suche nach Erleuchtung verharren. Und dann war er doch wieder da. Ohne Erleuchtung, wie mir scheint. Er wartet immer noch. Wird nicht geküßt. Es gibt Grenzen.

Dafür Laetita. Laetitia sieht so aus, als wäre sie mal Model gewesen. Hat ein zauberhaftes Lächeln. Ich nehme das persönlich. Obwohl sie vermutlich jeden nett anguckt. Egal. Meilleurs vœux, bonne santé, Küßchen. Laetita ist meine Lieblingshebamme. Nicht nur wegen ihres Lächelns. Nicht nur, aber auch. Laetitias Lächeln ist auch um 02:39 Uhr noch zauberhaft. Immer. Zum neuen Jahr vielleicht noch ein Spur zauberhafter. Auch um 02:39 Uhr. Wenn sie mich braucht für eine Péridurale oder Césarienne.

Bonne santé.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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Charlie Hebdo

Meine Eltern wünschen sich die nächste Ausgabe von Charlie Hebdo. Die erste nach dem Attentat. Soll in Millionenauflage an den Kiosk kommen. Sonst nur 60.000, von denen die Hälfte verkauft wird. Sind auch nur acht Seiten statt der sonst üblichen sechzehn.

Liebe Eltern!

In meinem Krankenhaus gibt es einen Kiosk. Da kann man sich eine Fernsteuerung leihen für die Glotze im Patientenzimmer, einen drahtlosen Internetzugang, der angeblich nur sehr schlecht funktioniert, Spielzeug, Bonbontüten, Zeitschriften, Zeitungen. Vom Charlie Hebdo würde sie am Mittwoch zwei Exemplare bekommen, sagt die Verkäuferin. Eine Reservierung wäre nicht möglich, sagt sie. Was sollten denn dann die denken, die kein Exemplar bekämen? Ergänzt sie. Ich glaube, sie sagt die Unwahrheit. Einerseits aus Unkenntnis, weil sie wahrscheinlich gar nicht sicher weiß, wieviele Exemplare sie von dieser Ausnahmenummer geliefert bekommen wird. Und somit sich hinsichtlich eventueller Reservierungen nicht festlegen will. Andererseits hat sie natürlich ein persönliches Umfeld, das ihr nähersteht als gerade ich. Reicht nicht, einer der docteurs zu sein. Richtig so. Was sollten denn dann die anderen denken? Die Putzfrauen, Hebammen, Schwestern? Eines der Exemplare hat sie vermutlich Monsieur le Directeur versprochen. Der könnte sie ja schließlich angesichts der wirtschaftlich prekären Situation des Hôpital auf die Straße setzen. Rein theoretisch, versteht sich. Der Kiosk ist andererseits vermutlich eine der wenigen wirtschaftlichen Einrichtungen des Hauses. Aber man weiß ja nie. Schließlich ist Monsieur le Directeur der Chef. Und wir sind in Frankreich. Da kann man nie wissen, wie weit es mit der Égalité her ist.

Außerdem arbeite ich am Mittwoch nicht. Und so wichtig ist mir dieses Heft dann auch wieder nicht. Nicht so wichtig, daß ich bis ins Krankenhaus fahren würde. Bis ins Krankenhaus auf gut Glück. An meinem freien Tag. Wenn sie mir ein Exemplar für halb neun versprochen hätte, würde ich die zehn Kilometer natürlich fahren. Von der Mauer in Berlin habe ich mir auch nichts geholt. Auch kein Gläschen Staub vom 11. September. Zehn, zwanzig Jahre später wäre der Brocken alter Beton ohnehin nur noch ein Brocken alter Beton und das Gläschen Staub ein Gläschen Staub. Das iPhone, welches man nach drei Tagen Campen vor einem Apple-Shop als einer der Ersten bekommen hat, ist eine Woche später auch nur noch ein Telefon. Irgendwer wird schon so einen Charlie organisieren. In einer Woche spätestens liegt das Heft irgendwo einfach so herum.

Bei Intermarché gibt es natürlich auch einen Kiosk. Keine Fernsteuerungen natürlich, aber Lottoscheine dafür und ein umfangreicheres Sortiment an Printmedien. Die Verkäuferin setzt mich auf eine Liste, „Tihl“. Kaum ein Franzose kann meinen Namen trotz wiederholten Buchstabierens richtig schreiben. Tihl ist schon ganz gut. Wenn das D ein D bleibt, wird es meist direkt vom H gefolgt. Oder das H nach dem L. Auch schön. Hat was Exotisches. Tihl also. Egal. Sechste Zeile auf der Liste. Na, dann hätte ich ja beste Chancen, ein Exemplar zu bekommen, sage ich. Sie können es ja versuchen am Mittwoch um halb neun, erwidert die Verkäuferin, immerhin hätte ich ja nun einen Platz auf der Liste. Zeile sechs. Von Seite zwei allerdings nur.

Persönlich hat mich Charlie Hebdo nie interessiert. Ich hätte von der Zeitschrift nicht einmal gewußt. Im Zusammenhang mit bissigen Karikaturen vom Propheten wäre ich nicht auf Charlie gekommen. Geschweige denn einen der Namen aus der Redaktion. Mit französischer Satire glaube ich ohnehin, nicht viel anfangen zu können. Schon der französische Alltagshumor ist mir eher fremd. Warum also das Heft? Eine Trophäe? Je suis Charlie! Und jetzt will ich auch eine Teilnahmebescheinigung?

Im Stadtzentrum gibt es auch einen Zeitschriftenhandel. Noch viel umfangreicher das Sortiment. Außerdem lokales Kunsthandwerk aus Olivenholz, Keramikzikaden aus China, Säckchen mit Lavendelblüten, Herbes de Provence in Zellophan. Postkarten. Ein knappes Dutzend Motive aus La Garde, Lavendelfelder in der Haute Provence und wilde Pferde in der Camargue. Was der Tourist halt so braucht. Die Verkäuferin eher kurz angebunden. Mein harter deutscher Akzent, der sonst gerne als charmant bezeichnet wird, wirkt hier nicht. Vermutlich sonst auch nicht die Wahrheit, das Kompliment zum charmanten Akzent. Weiß ich. Die Geschichte von meinen so frankophilen Eltern, die so gerne ein Exemplar des nächsten Charlie hätten, interessiert sie nicht. Reservierungsliste? Nö. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Wenn man wirklich wissen will, was drinsteht in den acht Seiten, denke ich, findet man vermutlich am Mittwoch, ab zehn Uhr morgens spätestens das ganze Heft als PDF. Im schlimmsten Fall bei Ebay. Es werden sich schon gewissensneutrale Abzocker finden, die ihr Exemplar für zehn Euro die Datei vervielfältigen. Oder, andere Möglichkeit, wenn man in der Nähe eines internationalen Flughafens lebt – wie Ihr zum Beispiel, liebe Eltern – und das Original ganz original haben muß, könnte man die Runde in den einschlägigen Etablissements des internationalen Flughafens machen. Charlie kommt vermutlich ab sechs Uhr morgens mit der ersten Maschine aus Paris. Oder am späten Dienstag Abend schon. Das nur so als Idee. Wenn man das Original haben muß. Ich würde nicht nach Marseille fahren. Ich persönlich wäre im Falle, jemand aus der Nähe eines internationalen Flughafens käme in Besitz eines Exemplars, mit einem persönlichen PDF-Scan zufrieden. Bei Ebay würde ich es schon nicht kaufen.

In einer Parallelstraße zur rue Frédéric Mistral ist ein kleines Centre commercial mit einem weiteren Kiosk. Außerdem eine Apotheke, Bäcker, Asia-Food. Der Kiosk etwas weniger reichhaltig als der im Zentrum. Das ganze Touristenzubehör fehlt. Mangels entsprechender Klientel wohl. Dafür eine ganze Wand Zigaretten. Der Inhaber stark übergewichtig, seine Frau etwas weniger. Sehr freundlich, sehr wortreich. Er mehr als sie. Er hat auch eine Liste. Ich könnte Platz acht haben. Auch auf Seite zwei nur allerdings. Platz acht auf Seite zwei ist überhaupt eigentlich Platz achtzig etwa. Seine Liste entspräche nämlich über siebzig Bestellungen, sagt er. Dann würde es wohl keinen Sinn machen, am Mittwoch zu kommen. Nein, überhaupt nicht, er hätte ohnehin nur dreißig Exemplare. Aber ich solle es doch bei Intermarché versuchen am Mittwoch Morgen. Die würden nämlich keine Liste machen. Doch, doch, erwidere ich, die haben auch so eine Liste wie Sie! Dis donc, sagt der Dicke, ça alors! Dann haben die ja gelogen! Gelogen? Sowas kann für Südfrankreich doch noch nicht als gelogen gelten, denke ich! Man kann die dynamische Darstellung dynamischer Gegebenheiten doch nicht als Lüge bezeichnen! Und überhaupt, welche Relevanz soll das haben? Das aber behalte für mich. Merci, bon après-midi.

Liebe Eltern!

Ich werde am Mittwoch Morgen halb neun bei Intermarché vor der Tür stehen. Ich mache mir allerdings nur sehr geringe Hoffnungen, eines der Charlie-Exemplare zu ergattern.

Ich werde es versucht haben. Versprochen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

bertram@diehl.fr


Dieser Text erschien in einer gekürzten Version am 14. Januar 2015 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/community/2015-01/charlie-hebdo-sonderausgabe-jagd)